Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Deine Liebe ist der Tod E-Book

Peter James  

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E-Book-Beschreibung Deine Liebe ist der Tod - Peter James

Zwei Tote in Brighton in nur einer Woche. Und beide durch den giftigen Biss einer Schlange getötet. Kann das Zufall sein?Der zwölfte Fall für Roy Grace und wahrlich seine giftigste ErmittlungJodie Bentley hat nur zwei Träume in ihrem Leben: Schön und reich will sie sein. Als Kind wurde sie als hässliches Entlein verschrien, doch das hat sie mit Hilfe der Chirurgie mittlerweile korrigieren lassen. Bliebe da noch der zweite Traum: Reichtum. Ihre Vorstellung von Geld ist eigentlich ganz einfach: Entweder du verdienst es oder – noch besser – du heiratest es. Das Heiraten ist relativ einfach, aber den Ehemann schnell wieder zu entsorgen, das stellt sie schon vor größere Herausforderungen. Gut, dass sie da ein Faible für giftige Lebewesen entwickelt hat, seien es Spinnen oder Schlangen.Als Detective Superintendent Roy Grace in nur einer Woche gleich zwei Fälle von vergifteten Männern auf den Tisch bekommt, glaubt er nicht an einen Zufall. Trauernde Witwen hingegen sollte man nicht unterschätzen, das muss auch Roy Grace leidvoll erfahren. Aber wie überführt man eine Schwarze Witwe in Brighton?

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E-Book-Leseprobe Deine Liebe ist der Tod - Peter James

Peter James

Deine Liebe ist der Tod Ein neuer Fall für Roy Grace

Thriller

Aus dem Englischen von Irmengard Gabler

FISCHER E-Books

Für Sue Ansell

Meine liebe Freudin, die bis jetzt jedes meiner Bücher gelesen und mir stets kluge Ratschläge gegeben hat.

1

Dienstag, 10. Februar

Die beiden Liebenden spähten aus dem Fenster ihres Hotelzimmers. Beide lächelten, aber jeder aus einem anderen Grund.

Der heftige Schneefall, seit fast einer Woche angekündigt, war über Nacht endlich gekommen, und jetzt, am Morgen, taumelten noch immer dicke, fette Flocken zu Boden. Ein paar Autos kämpften sich auf klirrenden Ketten die schmale Bergstraße herauf, andere waren auf dem Parkplatz vor dem Hotel zu dicken, weißen Hügeln geworden.

In dem schicken französischen Skiort Courchevel 1850 waren alle erleichtert – die Manager, die Hoteliers, die Gastwirte, die Saisonarbeiter, die Ski-Verleihe, die Liftbetreiber und alle anderen, deren Lebensunterhalt hauptsächlich von der Skisaison abhängig war. Und was am wichtigsten war, auch die Wintersportler selbst. Nach Tagen voller Himmelsbläue, sengender Sonne und schmelzendem Schnee, mit trügerischen Eispisten am Morgen, Matsch und nacktem Fels am Nachmittag, durften sich die Skifahrer und Snowboarder, die für ihre alljährlichen paar Tage auf den Pisten eine Menge Geld hingeblättert hatten, endlich auf herrliche Schneeverhältnisse freuen.

Als sich Jodie Bentley und ihr ältlicher amerikanischer Verlobter Walt vor dem Eingang zur Stiefelkammer des Chabichou Hotels die Skier anschnallten, kitzelten die fallenden Flocken all die Stellen in ihren Gesichtern, die von Helm und Visier nicht geschützt waren.

Obwohl der Finanzexperte ein geübter Skifahrer war und verrückt nach Pulverschnee, war er doch zum ersten Mal in Europa beim Skilaufen und hatte sich die ganze Woche auf seine viel jüngere Verlobte verlassen, die den Ort wie ihre Westentasche zu kennen schien.

Bei schlechter Sicht fuhren sie vorsichtig zum Biollay-Lift ab, nur ein paar Minuten unterhalb des Hotels, gingen durch die elektronischen Drehkreuze und stellten sich in die kurze Schlange vor dem Sessellift. Wenige Minuten später schaufelte der breite Sessel sie mitsamt den Skistöcken auf und trug sie fort.

Walt klappte den Sicherungsbügel herunter, und sie lehnten sich gemütlich zurück in ihren behaglichen Skianzügen, um sieben Minuten bergauf zu fahren. Als sie oben ausstiegen, blies ein heftiger Wind, und ohne sich lange aufzuhalten, fuhr Jodie voran. So gelangten sie über eine einfache rote, dann eine blaue Abfahrt zur Croisette, der zentralen Liftstation.

Sie nahmen die Skier ab, und Walt bestand darauf, trotz Bandscheibenvorfalls auch Jodies Skier die Rampe hinauf zum Lift zu tragen. Als eine rote Achtergondel langsam um die Kurve kam, rammte er die Skier in zwei der Außenhalterungen und folgte Jodie hinein. Sie nahmen Platz und schoben ihre Visiere nach oben. Ein weiteres Paar folgte ihnen, und Augenblicke später, kurz bevor die Tür zuging, stieg noch ein kleiner Mann Mitte fünfzig zu, der einen eleganten Skianzug von Spyder trug, dazu einen auffälligen Lederhelm mit verspiegeltem Visier.

»Bonjour!«, sagte er mit miserablem Akzent. Und fügte hinzu: »Ich hoffe, ich störe nicht?« Er setzte sich ihnen gegenüber, als die Gondel mit einem Ruck anfuhr.

»Überhaupt nicht«, sagte Walt.

Jodie lächelte höflich. Die anderen beiden, die geschäftig Textnachrichten in ihre Handys tippten, sagten nichts.

»Ah bien, vous parlez Anglais!« Der Fremde öffnete seinen Helm und nahm ihn kurz ab, um sich am kahlen Oberkopf zu kratzen. »Amerikaner?«, fragte er, wobei er die Handschuhe auszog, ein Tuch aus der Tasche nahm und anfing, die Brille zu putzen.

»Ich komme aus Kalifornien, aber meine Verlobte ist Engländerin«, sagte Walt freundlich.

»Nicht schlecht! Mistiges Wetter, aber der Pulverschnee oben am Gipfel dürfte zum Niederknien sein«, sagte der Mann.

Wieder lächelte Jodie höflich. »Woher kommen Sie?«, fragte sie.

»Aus dem Süden – Brighton«, antwortete der Fremde.

»Du meine Güte, was für ein Zufall! Ich auch!«, sagte Jodie.

»Wie klein die Welt doch ist«, murmelte der Mann und sah plötzlich unbehaglich drein.

»In welcher Branche sind Sie denn tätig?«, fragte ihn Walt.

»Ach, Medizin. Ich bin seit kurzem im Ruhestand und nach Frankreich gezogen. Und Sie beide?«

»Ich leite eine Investmentgesellschaft«, antwortete der Amerikaner.

»Und ich war Rechtsanwaltsgehilfin«, sagte Jodie.

Während die kleine Gondel vom Wind gebeutelt bergauf fuhr, steigerte sich der Schneefall zum Blizzard, und die Sicht wurde von einer Minute zur anderen schlechter. Walt legte den Arm um Jodie und zog sie an sich. »Vielleicht sollten wir heute Morgen nicht ganz hinauf fahren, Schatz, da oben ist es bestimmt sehr windig«, sagte er.

»Der Pulverschnee ist sicher toll dort oben«, entgegnete sie, »und so früh sind noch nicht so viele Leute da. Ich kenne wirklich ein paar prima Abfahrten, vertrau mir!«

»Also gut«, sagte er und spähte zweifelnd durch die beschlagenen Scheiben.

»Sie hat recht!«, sagte der Engländer. »Sie dürfen Ihrer schönen jungen Frau ruhig glauben – und die Wetterprognose wird auch besser!«

Als die Gondel die erste Station erreichte, wartete er höflich, bis sie vor ihm ausgestiegen waren. »Nett, Sie kennengelernt zu haben«, sagte er. »Bis demnächst.«

Die beiden anderen, noch immer mit ihren Smartphones beschäftigt, blieben in der Gondel.

Wieder bestand Walt darauf, Jodies Skier zu tragen, als sie die kurze Strecke bis zur Seilbahn stapften. Die riesige Kabine, normalerweise vollgestopft mit Skifahrern, die sich wie Sardinen aneinanderdrängten, war heute zu drei Vierteln leer. Außer ihnen waren nur noch ein paar ganz Hartgesottene zugestiegen. Mehrere Snowboarder in ihren Schlabber-Outfits, zwei rau aussehende, bärtige Männer mit Pudelmützen und Rucksäcken, die sich einen Flachmann teilten, und noch ein paar andere Skifahrer, von denen einer eine GoPro-Kamera auf dem Helm trug. Walt schob das Visier hoch und lächelte Jodie zu. Sie erwiderte sein Lächeln.

Er zog einen Handschuh aus, klemmte ihn zwischen seine Skier, holte einen Schokoriegel aus der Brusttasche und hielt ihn Jodie hin.

»Ich nicht, danke, bin immer noch voll vom Frühstück!«

»Du hast doch kaum was gegessen!« Er brach ein Stück ab, steckte den Riegel wieder in die Tasche und zog den Reißverschluss zu. Er kaute die Schokolade und spähte dabei unruhig nach draußen. Die Seilbahn schaukelte im Wind und schwankte dann so beängstigend, dass alle Mann aufkreischten, einige aus Angst, andere aus Spaß. Wieder legte er den Arm um Jodie, und sie schmiegte sich an ihn. »Vielleicht trinken wir oben erst mal einen Kaffee und warten ab, ob die Sicht besser wird?«, sagte er.

»Lass uns zuerst ein paar Abfahrten machen, Schatz«, erwiderte sie. »Wir suchen uns frischen Pulverschnee, bevor ihn die anderen ruinieren.«

Er zuckte die Schultern. »Okay.« Aber er klang nicht sonderlich begeistert. Er starrte sie einige Augenblicke an. »Du bist unglaublich, weißt du das?«, sagte er. »Nicht viele Leute sehen mit Helm und Visier so hübsch aus, du aber schon.«

»Und du siehst haargenau wie mein schöner Prinz aus!«, entgegnete sie.

Er wollte sie küssen, aber sein Helm stieß gegen ihr Visier. Sie kicherte, lehnte sich an ihn und flüsterte: »Schade, dass hier noch andere Leute sind.« Dabei ließ sie die behandschuhte Rechte über seinen Schritt gleiten.

Er wand sich. »Mann, du machst mich geil!«

»Du machst mich andauernd geil.«

Er grinste. Dann wurde er wieder ernst und blickte, eine Spur nervös, hinaus in den Schneesturm. Die Gondel ächzte im Wind und kippte zur Seite, dass er fast den Halt verlor. »Hast du dein Handy mitgenommen, Schatz?«, fragte er.

»Klar.«

»Du weißt schon, nur für den Fall, dass wir uns aus den Augen verlieren in diesem Weiß.«

»Bestimmt nicht«, sagte sie zuversichtlich.

Er betastete seine Brust und runzelte die Stirn. Er betastete sie erneut und zog dann einen anderen Reißverschluss auf. »Herrgott«, sagte er und befühlte die gesamte Vorderseite seines modischen schwarzen Bogner-Anoraks. »Ich glaub’s einfach nicht. Wie blöd. Ich hab meins offenbar im Hotel vergessen.«

»Ich bin mir sicher, dass du’s eingesteckt hast, bevor wir rausgegangen sind – in die rechte, obere Brusttasche«, sagte sie.

Er suchte erneut alles ab. »Verflucht, muss mir irgendwo rausgefallen sein – vielleicht, als wir in die Ski gestiegen sind.«

»Dann bleiben wir eben zusammen. Falls wir doch getrennt werden, ist Plan B, dass wir beide zur Croisette abfahren und uns dort treffen. Du brauchst nur den Wegweisern nach Courchevel 1850 zu folgen – die Strecke ist gut ausgeschildert.«

»Vielleicht sollten wir rasch hinunterfahren und nachsehen, ob es nicht irgendwo vor dem Hotel im Schnee liegt.«

»Dann wird es jemand finden, Schatz. In diesem freundlichen Hotel kommt bestimmt nichts weg.«

»Wir sollten lieber abfahren, ich brauche mein Handy. Ich muss heute Nachmittag ein paar wichtige Anrufe tätigen.«

»Na schön«, sagte sie. »Dann beeilen wir uns eben!«

Fünf Minuten später drosselte die Seilbahn ihre Geschwindigkeit, und ein Schatten ragte vor ihr auf. Die Gondel schaukelte hin und her, stieß gegen die gepufferten Seiten der Gipfelstation und glitt langsam hinein, bevor sie anhielt. Die Türen öffneten sich, und sie stiegen in ihren schweren Skistiefeln auf das metallene Laufgitter.

Sie stapften bis zur Treppe vor, dann vorsichtig die Stufen hinunter und hinaus in den wütenden Schneesturm, der ihnen die Flocken, hart wie Hagelkörner, in die Gesichter trieb. Sie konnten nur wenige Meter weit sehen, und die Leute vor ihnen, die sich gebückt ihre Snowboards anschnallten, waren kaum mehr als schattenhafte Umrisse.

Neben einem Paragliding-Schild, das fast zugeschneit war, legte Walt die Skier in den Schnee, klopfte sich mit dem Stock die Eisklumpen von den Stiefelsohlen, trat dann in die Bindung und ließ sie einrasten.

Als die Silhouetten sich davonbewegten, sagte Jodie: »Wart mal kurz, Liebling, ich muss mir das Visier saubermachen.«

Walt wartete, wobei er das Gesicht, so gut er konnte, aus dem Wind hielt, während Jodie einen Reißverschluss aufzog, ein Tuch hervorholte und zunächst die Innenseite, dann die Außenseite ihres Visiers abwischte.

»Das ist schrecklich!« Er musste schreien, damit sie ihn hörte.

»Wir sind jetzt fast auf dem höchsten Punkt im ganzen Skigebiet«, sagte sie. »Sobald wir den Kamm verlassen haben, sind wir aus dem Wind!«

»Hoffentlich hast du recht! Vielleicht sollten wir mit was Einfachem anfangen – gibt’s von hier aus auch eine blaue Piste? Bei diesen miserablen Sichtverhältnissen möchte ich lieber kein Risiko eingehen!«

»Die gibt’s, und sie ist toll. Man erreicht sie über eine kurze Steilabfahrt, aber danach ist sie einfach herrlich. Meine Lieblingspiste!«

Er sah die letzten Silhouetten verschwinden, als Jodie wieder ihre Handschuhe anzog und in die Skier stieg.

»Fertig?«

»Mhm.«

Sie deutete nach rechts. »Wir fahren hier runter.«

»Sicher? Alle anderen sind dort lang.« Er zeigte in die Richtung, in die die Leute aus der Seilbahn verschwunden waren.

»Willst du die schwarze Buckelpiste abfahren oder eine einfachere blaue?«

»Blau!«, sagte er mit Nachdruck.

»Diese Irren haben alle die schwarze genommen.« Sie warf einen Blick über die Schulter und konnte die Seilbahn ausmachen, die gerade die Station verließ. In ungefähr fünfzehn Minuten würde die nächste Ladung Skifahrer ankommen. Im Augenblick waren sie allein. »Blau?«, sagte sie. »Ganz sicher? Ich weiß genau, dass du auch die schwarze schaffen könntest.«

»Nicht bei diesen Sichtverhältnissen.«

»Dann geht’s hier lang«, sagte sie.

»Ich seh aber kein Schild, das in diese Richtung zeigt, Schatz. Hier oben muss doch irgendwo ein Wegweiser sein, oder nicht?«

Mit einem ihrer Stöcke fegte sie den frischen Pulverschnee neben sich beiseite. Darunter kamen Spuren zum Vorschein, die in dem eisverkrusteten Boden gefroren waren. »Siehst du?«, sagte sie.

Er betrachtete sie. Sie führten etliche Meter geradeaus, bevor sie im wirbelnden Weiß verschwanden. Er lächelte, sichtbar erleichtert. »Kluges Mädchen! Ich folge dir.«

»Nein, du fährst voran, für den Fall, dass du hinfällst – ich kann dir aufhelfen. Folge einfach der Spur. Beug die Knie und sei gewappnet, denn die ersten fünfzig Meter oder so sind ein bisschen steil, aber dann wird’s flacher. Lass dich einfach fallen!« Sie sah sich ängstlich um, um absolut sicherzugehen, dass ihnen auch wirklich niemand zusah.

»Okay!«, sagte er mit jäher Begeisterung. »Und los geht’s! Yu-huuu!«

Er stieß sich mit den Stöcken ab wie ein Rennläufer und rief erneut »Yu-huuu!«

Doch aus dem Juchzer wurde ein Entsetzensschrei. Nur eine flüchtige Sekunde lang, ehe der Wind ihn verschluckte.

Dann herrschte Stille.

Jodie drehte um, stieß sich mit den Stöcken ab, und ohne auf den Wind und die beißenden Schneeflocken auf ihren Wangen zu achten, fuhr sie in die Richtung, die all die anderen Skifahrer eingeschlagen hatten.

2

Dienstag, 10. Februar

Jodie tat das, was sie und Walt vereinbart hatten, falls sie einander aus den Augen verlieren sollten: Sie fuhr zur Croisette ab und wartete vor dem Eingang der Skischule.

Hier unten war es viel wärmer als oben auf dem Gipfel des Saulire, und wie es der freundliche Mann in der Gondel vorausgesagt hatte, besserte sich das Wetter allmählich. Der Schneefall ging in Schneeregen über, und die Sonne versuchte durchzubrechen. Außer diesem Mann hatte niemand Notiz von ihnen genommen, in keiner der Gondelbahnen.

Sie nahm ihren Helm ab, damit sie später jemand wiedererkennen und ihre Geschichte bestätigen würde. Dieser Engländer aus Brighton könnte sich noch als nützlich erweisen. Er würde bestätigen, dass sie und Walt trotz schlechter Sicht hatten abfahren wollen. Zu schade, dass sie ihn nicht nach seinem Namen gefragt hatte.

Sie warf einen Blick auf die Uhr und fragte sich, wie lange sie anstandshalber warten sollte. Eine Stunde, beschloss sie. Eine Stunde wäre absolut angemessen, bevor sie in eine Bar gehen und sich eine Tasse heißen Kaffee und einen Schnaps genehmigen würde – vielleicht auch einen doppelten, zur Beruhigung der Nerven. Sie brauchte einen Platz zum Sitzen, wo sie ihre Geschichte sorgfältig planen konnte.

Sie schob den Ärmel zurück und sah auf die Uhr. 11.05 Uhr. Der Tag war noch jung, und jetzt, wo es aufklarte, wagten sich mehr Skiläufer aus ihren Hotels und Hütten und hielten auf die diversen Liftstationen um sie herum zu. Plötzlich flitzte ein Idiot auf seinem Snowboard heran, fuhr ihr über die Skier und klammerte sich an sie, um nicht hinzufallen.

»Tut mir schrecklich leid! Pardonnay-moi!« Seine Entschuldigung war ebenso unbeholfen wie seine Bewegungen.

»Trottel«, fauchte sie und befreite sich aus seinem Griff.

»Sie brauchen nicht gleich grob zu werden.«

»Ach ja? Sie haben mich fast umgerannt. Was soll ich Ihrer Meinung nach tun – tanzen vor Freude?«

Sie wandte sich genervt ab und starrte wieder die Pisten hinauf. Dabei nahm sie jeden ins Visier, der wie ihr Verlobter einen schwarzen Anorak und eine schwarze Hose trug. Nicht, dass sie damit rechnete, ihn zu sehen. Trotzdem hielt sie weiter nach ihm Ausschau und bastelte sich eine Geschichte zurecht für den unwahrscheinlichen Fall, dass er doch noch auftauchte.

 

Eineinhalb Stunden später trat Jodie aus der Bar, zog sich die pelzgefütterten Cornelia James-Handschuhe an, schulterte ihre Skier und stapfte den kurzen, steilen Hügel hinauf bis zum Hotel Chabichou. Über sich hörte sie die schlagenden Rotoren eines Hubschraubers und schaute nach oben. Vielleicht flog er ja nur eine Gruppe Skifahrer zu einem Pulverschneeabhang jenseits der Pisten. Vielleicht gehörte der Vogel aber auch der lokalen Bergrettung.

Hatte jemand die Leiche gefunden? Ein bisschen früher als geplant? Verfluchtes Wetter, sie hatte gehofft, der Schneesturm würde länger anhalten. Aber egal.

Während sie sich ein Pfefferminzkaugummi in den Mund steckte, um den Alkoholgeruch zu überdecken, stellte sie ihre Skier und Stöcke in den Ständer am Eingang zum Skistiefelraum und betrat den Skiladen. An der einen Wand lehnten neue Skier, an der zweiten reihten sich Helme im Regal, und überall standen Schaufensterpuppen in den allerneuesten Skiklamotten.

Der junge, gutaussehende Franzose, der den Laden führte und sie mit Leihskiern ausgestattet hatte, begrüßte sie lächelnd. Mit einem charmanten französischen Akzent sagte er: »Sie laufen ja gar nicht Ski? Dabei haben wir heute die besten Schneeverhältnisse seit Wochen – herrlicher Pulverschnee –, und heute Nachmittag kriegen wir sogar Sonne!«

»Ich hab meinen Verlobten aus den Augen verloren – die Sicht oben auf dem Gipfel war verheerend. Und allein macht es keinen Spaß. Hab blöderweise mein Handy im Hotelzimmer vergessen – ich ruf ihn an, mal sehen, wo er steckt. Das ist das Blöde an diesem Skigebiet. Es ist so riesig.«

Als er ihr aus den Stiefeln half, fragte er: »Haben Ihnen die Skier gefallen?«

»Ja, die sind gut.«

»Von Stöckli – der Rolls Royce unter den Skiern.«

»Schade, dass man sie nicht mit Chauffeur kriegt«, sagte sie und ging hinaus in den Flur, während er sich über die Bemerkung den Kopf zerbrach.

Sie holte sich ihren Schlüssel am Empfang, sagte dem Portier, sie habe ihren Verlobten beim Skilaufen aus den Augen verloren und mache sich Sorgen, weil sie eben eine Stunde auf ihn gewartet hätte und er nicht aufgekreuzt sei. Er sei ein erfahrener Skifahrer, fügte sie hinzu, bestimmt sei nichts passiert. Wenn Walt irgendwann auftauchen sollte, solle er ihm sagen, sie sei im Spa oder auf dem Zimmer. Dann fuhr sie im Lift in die dritte Etage.

Das Zimmer war bereits gereinigt worden; es sah sauber und ordentlich aus, und ein schwacher, angenehmer Pinienduft lag in der Luft. Sie holte ihr Handy aus dem Fach, in dem ihre Unterwäsche lag, und wählte Walts Nummer, falls die Polizei später das Handy überprüfen sollte.

Sie hörte Walts Telefon summen und gleich darauf trillern. Sie legte auf, holte sein Handy unter dem Kleiderstapel in der Schublade hervor, wo sie es versteckt hatte, und legte es auf den Schreibtisch neben seinen Laptop. Dann schälte sie sich aus dem nassen Anorak, hängte ihn über die Heizung, spuckte den Kaugummi in den Mülleimer und setzte sich auf das frisch aufgeschüttelte Bett, um gründlich nachzudenken.

So weit so gut. Sie hatte Hunger. Und der Schnaps war ihr ein wenig zu Kopf gestiegen. Ein Augenzeuge konnte bestätigen, dass sie mit ihrem Verlobten auf den Gipfel gefahren war. Der Betreiber des Skigeschäfts wusste, dass sie aufgrund der schlechten Sicht von ihm getrennt und dann ohne ihn zurückgekommen war. Er wusste außerdem, dass sie ihr Handy im Hotel hatte liegen lassen.

Was auf dem Gipfel passiert war, konnte dagegen niemand bezeugen.

Kurz nach der Verlobung hatte Walt ihr erzählt, dass er sie in seinem Testament bedacht hatte. Wie lieb von ihm.

Im Keller gab es einen hübschen Spa-Bereich mit einem Swimmingpool. Sie würde ihre E-Mails checken, im Restaurant zu Mittag essen und dann noch einmal mit dem Portier sprechen. Wenn sich dann noch immer nichts Neues ergeben hätte, würde sie sich am Nachmittag im Spa entspannen und sich vielleicht eine Massage gönnen. Gegen 17.30 Uhr, eine gute Stunde, nachdem die Lifte den Betrieb eingestellt hätten, würde sie erneut zum Empfangstresen gehen und sich besorgt zeigen, weil ihr Verlobter noch immer nicht zurückgekommen war. Sie würde das Personal bitten, bei der Polizei und im Krankenhaus nachzufragen.

Was jeder besorgte Liebende tun würde.

Sie war ziemlich zufrieden mit sich.

3

Dienstag, 10. Februar

Auch Roy Grace war mit sich zufrieden, als er in der kleinen Praxis in Brighton von der Liege der Physiotherapeutin glitt. Und er freute sich schon auf Samstag, den Valentinstag. Er hatte in seinem und Cleos Lieblingslokal in Brighton, dem English’s, einen Tisch bestellt und überlegte schon heute, mit Vorfreude, was er wohl essen würde. Austern nach Kilpatrick-Art – gegrillt, mit Schinken – und danach entweder Hummer oder Seezunge – mit Erbsenpüree. Zuerst ein Gläschen Champagner und dann eine Flasche Weißburgunder von Pouilly-Fuissé – sein Lieblingswein, sofern er ihn sich leisten konnte.

Der Kauf des neuen Hauses – ein Cottage auf dem Land außerhalb von Henfield – hatte sie beide finanziell in Bedrängnis gebracht, aber sie hatten noch immer einen kleinen Betrag in der Hinterhand, um einander bei besonderen Gelegenheiten – wie zum Valentinstag – eine Freude zu machen. Sie hatten bereits eine großartige Einweihungsparty mit Verwandten und Freunden gefeiert. Zu seiner großen Freude hatte sich seine Schwester dabei mit Cleos Schwester Charlie angefreundet. Sandy hatte keine Geschwister gehabt, und das Verhältnis zu ihren merkwürdigen Eltern war bestenfalls angespannt gewesen. Diese Eintracht war also wirklich nett anzusehen.

»Das war’s!«, sagte Anita Lane. »Wir sind durch! Ich glaube nicht, dass Sie noch mal herzukommen brauchen, es sei denn, Ihr Bein bereitet Ihnen Schmerzen, dann sollten Sie mich anrufen.«

»Danke«, sagte er. »Klasse!«

Er war seit Anfang Januar zweimal die Woche hergekommen, nachdem ihm kurz vor Weihnachten ein Chirurg im Royal Sussex County Hospital elf Schrotkugeln aus dem rechten Bein geholt hatte. Ein mutmaßlicher Serienkiller hatte ihn aus nächster Nähe angeschossen, als Grace ihn in einem Bunker unter einem Haus in Hove festnehmen wollte. Er habe unverschämtes Glück gehabt, so der Chirurg, dass er nicht sein Bein verloren hatte.

Zu Beginn war die Genesung eine Qual gewesen, da etliche Nerven beschädigt waren, und in den folgenden Nächten war er häufig mit dem Gefühl aufgewacht, sein Bein stünde in Flammen. Doch weil er sich zwischen den einzelnen Terminen streng an das Übungsprogramm der Physiotherapeutin gehalten hatte, ließ der Schmerz schließlich nach. Auch die Beweglichkeit war zurückgekehrt.

»Halten Sie Ihre Übungen noch ein paar Wochen durch«, sagte sie.

»Wann kann ich wieder mit Laufen anfangen, Anita?«

»Schon jetzt, aber sachte. Laufen Sie ja keinen Marathon, okay?«

»Bestimmt nicht!«

»Sollten die Schmerzen zurückkommen, will ich Sie sofort hier sehen. Das ist ein Befehl!«

»Sie sind ganz schön resolut, stimmt’s?« Er grinste.

»Weil Sie schon wieder mit den Hufen scharren. Sie hatten ein massives Trauma in diesem Bein, und nur weil Sie Ihren Spazierstock weggeworfen haben und ich Sie entlasse, heißt das noch lange nicht, dass Sie gleich wieder übermütig werden sollen. Klar?«

»Klar!«

»Und gehen Sie den Bösewichten mal eine Weile aus dem Weg.«

»Als Detective Superintendent muss ich mich normalerweise nicht mit den Verdächtigen herumprügeln.«

»Ach so, ein Detective Superintendent wird eher mal von einem angeschossen, oder?«

Er zog eine Grimasse. »Na ja, hoffentlich nicht allzu oft.«

»Das hoffe ich auch. Eine Menge Leute werden nur einmal angeschossen, die brauchen anschließend keinen Physiotherapeuten, sondern einen Bestatter. Immer hübsch sicher bleiben! So heißt es doch bei euch, oder?«

»Sie beherrschen unseren Jargon wirklich perfekt!« Er schüttelte ihr die Hand, ging hinaus zum Empfang, beglich die Rechnung und steckte die Quittung sorgfältig in seine Brieftasche. Medizinische Behandlungen berufsbedingter Verletzungen zahlte der Polizeifonds.

 

Zwanzig Minuten später saß er wieder in seinem Büro in Sussex House und hatte das Gefühl, eine Ära sei vorbei. Obwohl Roy Grace teilweise ein Querdenker war, der über den Tellerrand schauen konnte, war er im Herzen ein extrem methodischer Mensch, eine Eigenschaft, die er schon bei seinen Lehrern und Vorgesetzten bewundert und geachtet hatte und die er nun bei all denen voraussetzte, die mit ihm arbeiten durften. Er war ein Gewohnheitstier. Veränderungen konnte er nicht leiden, empfand sie immer als beunruhigend. Und dank der drastischen Budgetkürzungen bei der Polizei war es bereits zu massiven Veränderungen gekommen, und weitere standen bevor.

Die Auswirkungen auf die Moral waren spürbar. Noch vor zehn Jahren konnte man davon ausgehen, dass fast jeder Polizist seinen Beruf liebte. Jetzt stiegen zu viele Leute schon frühzeitig aus, weil sie keine Lust mehr hatten auf fehlende Aufstiegsmöglichkeiten oder auf die Pensionskürzungen, die man ihnen mitten in ihrer beruflichen Laufbahn zugemutet hatte. Dass sie aus Furcht vor den geifernden Verfechtern der politischen Korrektheit andauernd wie auf Eiern laufen mussten, frustrierte sie zudem. Als Polizist konnte man inzwischen kaum noch offen seine Meinung äußern oder einen Witz reißen. Doch Grace wusste aus eigener Erfahrung, dass es gerade dieser berüchtigte Galgenhumor war, der den Beamten das Grauen bewältigen half, das sie manchmal vor Augen hatten.

Im Grunde hatten viele der Veränderungen dazu beigetragen, dass es heute tolerantere, weniger korrupte, weniger sexistische und weniger rassistische Polizeikräfte gab als zu Beginn seiner Karriere. Das hatte große Vorteile. Er liebte seinen Beruf noch immer und bemühte sich, die Veränderungen nicht allzu sehr an sich herankommen zu lassen. Doch zum ersten Mal in den zwei Jahrzehnten, in denen er dabei war, ertappte er sich gelegentlich bei dem Gedanken an Alternativen. Besonders als er im Januar einen Monat lang krankgeschrieben war und Zeit zum Grübeln hatte. Doch tief im Herzen wusste er, dass nichts ihn jemals so tief befriedigen konnte wie die Aufklärung eines Mordes, Veränderungen hin oder her.

Und ausgerechnet in diesem Gebäude gab es eine gewaltige Veränderung. Vor dem Zusammenschluss mit Surrey war das zweistöckige Gebäude im Art-déco-Stil zehn Jahre lang Kripozentrale und seine Basis gewesen. Es war darin zugegangen wie in einem Bienenstock: Ermittlungsbeamte, Leute von der Spurensicherung, eine forensische Abteilung mit ihren Spezialteams für Fingerabdrücke, Bildbearbeitung und Kriminaltechnik, eine Schnittstelle zur Aufklärung von Morden und anderen Kapitalverbrechen. In einigen Monaten wäre es damit vorbei, dank der brutalen – und in seinen Augen gefährlich kurzsichtigen – Budgetkürzungen, die man Polizeikräften im gesamten Vereinigten Königreich seitens der Regierung auferlegte.

Die Bild-Forensik war bereits nach Surrey umgezogen. Bald würde die kriminaltechnische Abteilung in das ein paar Meilen nördlich von Brighton gelegene Haywards Heath verlegt werden. Und obschon noch nichts bestätigt war, ging das Gerücht, dass dieser Zweig der Kripo demnächst ins Präsidium der Sussex Police nach Lewes verlegt würde.

Wie die meisten Polizisten und Angestellten hier hatte er dieses Gebäude eigentlich nie gemocht. In einen überfüllten Industriekomplex am Stadtrand verbannt, ohne Kantine und mit einer Heizungs- und Belüftungsanlage, die keinem Klima gerecht wurde, sollte er froh sein über den bevorstehenden Umzug. Doch seit das Gebäude allmählich zur Geisterstadt mutierte, tat es ihm auf einmal leid. Schon in diesem Herbst bliebe nur noch der Trakt für die Untersuchungshäftlinge hier vor Ort.

Er ging durch das verlassene Großraumbüro im ersten Stock, das noch vor kurzem den Detectives vorbehalten war, passierte die leergeräumten Schreibtische der Polizisten und Sachbearbeiter, die schon verlegt worden waren, und betrat dann seinen eigenen Arbeitsbereich, eines der wenigen Einzelbüros.

Er schloss die Tür und setzte sich an den Schreibtisch. Durch den Nieselregen starrte er auf den ASDA-Supermarkt auf der anderen Straßenseite, der als Kantine fungierte, und dachte an Cleos ersten Muttertag in wenigen Wochen. Er musste noch ein Geschenk für sie besorgen, von Noah. Auf seinem Handy hatte er eine Liste von Geschenken gespeichert, die Cleo zum Geburtstag und zu Weihnachten bekommen sollte, darunter Türkis-Ohrringe – sie liebte die Farbe – und ein Tintenroller. Er fügte Buch hinzu, um sich daran zu erinnern, bei City Books einen Roman abzuholen, den sie sich gewünscht hatte. Den Titel hatte er vergessen. Er musste ihn irgendwie aus ihr herauskitzeln.

Dann schaltete er seinen Computer ein, um die Nachrichten und E-Mails abzurufen, die hereingekommen waren, während er bei der Therapeutin gewesen war. Dabei bemerkte er einen E-Mail-Verlauf, der sich auf das Rugby-Team der Sussex Police bezog. Er würde einen neuen Mannschaftskapitän finden müssen, fiel ihm ein, weil der amtierende demnächst zum FBI-Stützpunkt in Quantico, Virginia, geschickt wurde, um an einer Terrorabwehr-Schulung teilzunehmen. Außerdem war der Brotbackautomat, den er und Cleo bestellt hatten, schon auf dem Weg, wie er erfreut zur Kenntnis nahm.

Er verschickte rasch ein paar Antworten und leitete die Rugby-Mails an einen seiner Vorgänger weiter, den pensionierten Detective Chief Superintendent David Gaylor, der nach wie vor Team-Manager war. Dann lenkte er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Fall, der ihn seit seiner Rückkehr in Atem gehalten hatte.

Dr. Edward Crisp, sein Erzfeind. Er warf einen Blick auf das Foto des Allgemeinarztes aus Hove, der ihn süffisant anzugrinsen schien.

Crisp hatte fünf junge Frauen ermordet – besser gesagt fünf, von denen sie wussten. Die tatsächliche Anzahl konnte durchaus höher sein. Vielleicht sogar viel höher. Sie hatten ihn in einer unterirdischen Bunkerhöhle aufgestöbert, doch nachdem er Grace mit einer Schrotflinte ins Bein geschossen hatte, war dem Mann eine schier unmögliche Flucht gelungen. Niemand wusste, wie er das geschafft hatte. Eine Theorie besagte, dass sich Crisp, ein erfahrener Höhlengänger und -kletterer, in die Kanalisation von Brighton and Hove begeben hatte und durch eines der Gullylöcher in dem komplexen Geflecht ins Freie gelangt war.

Bei Southern Water, dem zuständigen Unternehmen, war man sich anfangs absolut sicher, dass Crisp unmöglich überlebt haben konnte. Falls er nicht ertrunken war, musste er in einem der Filter gelandet sein, die größere Gegenstände daran hinderten, die offene See zu erreichen. Doch die Suche nach seiner Leiche blieb ergebnislos. So hatte das Unternehmen widerstrebend zugeben müssen, dass es zwar höchst unwahrscheinlich, aber immerhin möglich war, dass Crisp überlebt hatte.

Eines wusste Roy Grace ganz gewiss, nämlich dass Crisp ein gerissener Hund war. Seine von ihm getrennt lebende Ehefrau Sandra war ausführlich befragt und am Ende von jeder Komplizenschaft freigesprochen worden. Sie war sehr glücklich – und erleichtert – gewesen, ihn los zu sein. Der Einzige, der den Arzt zu vermissen schien, war der Hund der Familie, Smut, der jetzt bei ihr lebte und spürbar trauerte. Auch wenn es schier unglaublich war, hatte Crisps Frau all die Jahre ihres gemeinsamen Lebens nicht gewusst, dass das baufällige Haus neben ihrer Villa in Brighton, in dem Crisp seine Gräueltaten begangen hatte, einer Briefkasten-Firma gehörte, die ihr Ehemann gegründet hatte.

Erst unlängst hatte die Polizei einen Hinweis darauf erhalten, dass Crisp möglicherweise überlebt hatte.

Er kam in Form einer unheimlichen E-Mail, die der Arzt einige Wochen nach seinem Verschwinden – und seinem vermeintlichen Tod – einem Mitglied von Roys Team zugeschickt hatte.

Die Quelle war nicht aufspürbar. Ein anonymer Hotmail-Account, der von überall in der Welt hätte kommen können. Und der mit Time-Delay möglicherweise auch schon Wochen zuvor abgeschickt worden war.

Zum Glück war der Februar bis jetzt relativ ruhig verlaufen, ohne auch nur einen gemeldeten Mord in Sussex. So blieb Roy Grace genügend Zeit, um über seine Kontakte zu Polizeikräften in ganz Europa, den USA, Australien, Afrika und Fernost beharrlich nach Spuren des Arztes zu forschen. Er hatte sich auch bei einem Sachbearbeiter bei Interpol dafür eingesetzt, dass Crisps Personendaten und Foto um die ganze Welt gingen.

Crisp hatte es üblicherweise auf Frauen Anfang zwanzig mit langen braunen Haaren abgesehen. Berichte über alle ungelösten Mordfälle, die in dieses Profil passten, aus Großbritannien und dem Ausland, stapelten sich um Roy herum und füllten zahlreiche Ordner auf seinem Computer.

Und er war noch immer keinen Schritt weitergekommen. Es gab etwa zweihundert Länder auf der Welt, und in einem davon saß womöglich Dr. Edward Crisp mit seiner Glatze, der großen Brille und dem süffisanten Grinsen gerade in einem Hotelzimmer.

Obwohl einige dieser Länder, vor allem Syrien und Nordkorea, sehr wahrscheinlich ausgeschlossen werden konnten.

»Wo zum Teufel steckst du, du mieses Schwein?«, murmelte Grace frustriert.

»Na hier, großer Bwana!«

Er schreckte auf. Vor ihm stand breit grinsend sein Kumpel, DI Glenn Branson, ein schwarzer Hüne mit kahlrasiertem Schädel.

»Du siehst mir aber nicht wie ein Glückspilz aus«, sagte Branson.

»Genau, und weißt du auch, warum? Weil ich jedes Mal, wenn ich ein gutes Gefühl kriege, die grinsende Fresse von diesem verfluchten Edward Crisp vor mir sehe.«

»Tja, ich hab Neuigkeiten für dich.«

»Heraus damit.«

Branson legte Grace den Ausdruck einer E-Mail auf den Tisch.

Grace las sie und blickte auf. »Mist.«

4

Dienstag, 10. Februar

Kurz vor sechs Uhr abends schreckte Jodie aus dem Schlaf. Sie lag auf dem großen, weichen Federbett ihres Hotelzimmers in Courchevel, als ein Hubschrauber den Skiort schnell und in geringer Höhe überflog. Draußen war es mittlerweile fast dunkel. Ihr Mund war trocken, und sie hatte leichte Kopfschmerzen.

Sie trank ein Glas Wasser, ging zum Schreibtisch und klappte ihr Macbook auf. Sie tippte ihr Passwort ein und checkte ihre E-Mails. Sofort lächelte sie. Schon wieder eine Mail von ihm!

»Liebste Jodie, ich hoffe, du amüsierst dich gut, wo auch immer dich diese Nachricht erreicht. Schon viel zu lange quälst du mich mit deinen hübschen Botschaften. Dieses unglaublich sexy Foto, das du mir gestern geschickt hast, gefällt mir sehr. Ich spüre eine wirklich wunderbare Verbindung zwischen uns und kann es nicht mehr erwarten, dich endlich kennenzulernen! Wann wird das wohl sein? Ich wohne inzwischen in meinem herrlichen neuen Strandhaus in Brighton, wo ich einige sehr nette prominente Nachbarn habe. Bitte sag mir, dass es nicht mehr lange dauern wird? In Liebe, Rowley.«

Sie tippte ihre Antwort.

»Mein supersexy Rowley! Du hast recht, obwohl wir uns noch nie begegnet sind, fühle auch ich mich dir sehr nah. Außerdem liebe ich die Art und Weise, wie du denkst. Ganz ehrlich! Wenn ich deine Worte lese, habe ich sofort ein gutes Gefühl! Sobald ich meine geschäftlichen Verpflichtungen hier in New York erledigt habe – die Einheimischen sagen übrigens Nuuu Yoook! –, komme ich nach Brighton zurück. Immer wenn ich an dich denke, kommt mir ein schöner Ausspruch eines indischen Dichters in den Sinn, den ich mal gelesen habe: ›Der Pfad der Liebe ist zu schmal für zwei, also müssen sie eins werden.‹ Das trifft auf uns zu, finde ich.«

Sie setzte mehrere Küsschen darunter und schickte die Mail ab.

Seine E-Mail und ihre Antwort darauf speicherte sie sorgfältig in einem Ordner mit dem Titel Lokale Wohltätigkeitsorganisationen, der in einem weiteren Ordner, Wohltätigkeit, abgespeichert war. Nur für den Fall, dass Walt sich irgendwie Zugang zu ihrem Computer verschafft haben sollte. Die Wahrscheinlichkeit war allerdings nicht sonderlich groß gewesen, da er nicht sehr computer-affin war.

Sie loggte sich aus, klappte den Laptop zu und saß einige Minuten still da, um ihre Gedanken zu ordnen und sich eine Geschichte zu stricken. Dann legte sie den Bademantel ab, den sie im Wellness-Bereich getragen hatte, zog sich einen Pulli und Jeans an und fasste ihr Haar im Nacken zusammen. Sie beschloss, kein Make-up aufzulegen. Sie wollte blass und verstört aussehen.

Sie fuhr im Lift drei Stockwerke nach unten und ging geradewegs zum Empfang. Als sie näher kam, bemerkte sie am Tresen einen blonden jungen Mann, der eine blaue Fleece-Jacke trug, auf deren Rücken weiß das Wort Gendarmerie gedruckt stand.

Die Empfangsdame, mit der sie während ihres kurzen Aufenthalts schon mehrmals gesprochen hatte, hielt ein Telefon in der Hand und legte auf, als sie Jodie sah.

»Ah, Mademoiselle Bentley«, sagte sie mit verstörtem Blick. »Ich hab eben in Ihrem Zimmer angerufen.« Sie wies auf den Polizisten. »Dies hier ist Christophe Chmiel von der Gendarmerie Courchevel – er möchte Sie sprechen.«

»Wes – weswegen denn?« Ehrlich beunruhigt, wandte sie sich dem Polizisten zu.

Er schenkte ihr ein besorgtes Lächeln und fragte in einwandfreiem Englisch: »Mademoiselle Bentley, könnte ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?«

»Ja – ja, natürlich. Geht es um meinen Verlobten, Walt? Ich mache mir große Sorgen – wir haben uns heute Morgen aus den Augen verloren, oben auf dem Gipfel, im Schneegestöber – und ich habe ihn den ganzen Tag nicht mehr gesehen. Sagen Sie mir bitte, dass ihm nichts passiert ist. Ich hab den ganzen Nachmittag auf ihn gewartet, und jetzt weiß ich nicht mehr weiter.«

Die Empfangsdame sprach den Beamten auf Französisch an. »Voulez-vous utiliser notre bureau?«

»Oui, bien, merci«, antwortete er.

Die Empfangsdame führte sie hinter den Tresen in ein kleines Büro mit zwei Computer-Bildschirmen, mehreren Aktenschränken und zwei Drehstühlen. Dann schloss sie die Tür hinter ihnen.

Der Polizeibeamte wies auf einen der Stühle, und Jodie, so schwach und ängstlich dreinsehend, wie sie nur konnte, setzte sich hin. »Bitte sagen Sie mir, dass Walt nichts passiert ist, ja?«, bat sie.

Er zog ein kleines Notizbuch heraus und warf einen Blick darauf. »Mademoiselle Bentley, heißt Ihr Verlobter Walt Klein?«

»Ja, genau.«

»Wann haben Sie ihn heute zum letzten Mal gesehen?«

Sie zuckte die Schultern. »Gegen zehn Uhr morgens. Wir sind mit der Seilbahn auf den Gipfel gefahren. Die Sicht war fürchterlich, aber er wollte früh oben sein, bevor der frische Pulverschnee platt gefahren wäre.«

Er sah sie zweifelnd an. »Sie sind beide gute Skiläufer?«

»Ja – er ist besser als ich – ein Experte – ich bin etwas nervös, weil ich dieses Skigebiet nicht so gut kenne. Aber man sagte uns, es würde aufklaren. Wir konnten da oben überhaupt nichts sehen, aber da waren noch ein paar Skiläufer, die mit uns in der Seilbahn waren. Ich hab sie abfahren sehen und dachte, es wäre wohl das Beste, ihnen einfach hinterherzufahren. Walt sagte mir, ich solle vorausfahren, falls ich hinfiele, damit er mir helfen könne. Also fuhr ich los. Ich versuchte, mit den anderen mitzuhalten, aber sie waren zu schnell für mich. Deshalb blieb ich stehen und wartete auf Walt, aber er kam nicht. Wissen Sie, wo er ist? Ich hab schreckliche Angst, dass ihm etwas passiert sein könnte. Bitte sagen Sie mir, dass es ihm gutgeht.« Sie fing an zu weinen.

Chmiel wartete, bis sie sich gefangen hatte. »Wir versuchen gerade herauszufinden, was genau passiert ist«, sagte er und fragte dann: »Wie haben Sie reagiert, als Ihr Verlobter nicht aufgetaucht ist?«

»Wir hatten vereinbart zu telefonieren und, falls wir keine Verbindung bekämen, zur Croisette abzufahren und dort aufeinander zu warten. Im schlimmsten Fall wollten wir zum Hotel zurückkehren und uns dort treffen. Dann merkte ich, dass ich blöderweise mein Handy im Hotel vergessen hatte, also bin ich zur Croisette abgefahren.« Sie schniefte und tupfte sich die Augen trocken.

»Und Sie haben auf ihn gewartet?«

»Eine Stunde lang.«

»Waren Sie denn nicht besorgt?«

»Zu diesem Zeitpunkt noch nicht, nein. Es ist ziemlich leicht, jemanden im Schneegestöber zu verlieren, zumal er und ich aus recht unterschiedlichen Skilauf-Kulturen kommen.«

»Kulturen?«

Sie ließ sich ein paar Augenblicke Zeit, um sich zu fassen. »Ich mache mir solche Sorgen um ihn. Er kennt nur Orte wie Park City und Aspen – amerikanische Skigebiete, wo es immer Pulverschnee gibt. Ich fahre nicht gern, wenn die Sicht gleich null ist, aber ihm hat es nichts ausgemacht, Hauptsache, es gab frischen Pulverschnee. Er wusste, dass ich nicht sonderlich erpicht darauf war, heute rauszugehen, also dachte ich mir, dass er eine tolle, unberührte Schneefläche gefunden hätte und davon ausgegangen sei, dass ich vielleicht lieber hierher ins Hotel zurückkäme, um den Pool zu genießen und mich massieren zu lassen.«

Der Beamte nickte. »Mademoiselle Bentley, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass heute Nachmittag, am Fuß des Steilhangs der Saulire, eine Leiche gefunden wurde –«

»O Gott, nein!«, rief sie. »Nein, bitte nicht, bitte nicht! Sagen Sie mir, dass es nicht Walt ist, bitte!«

»Diesen Steilhang – den kann niemand mit Skiern befahren – nicht mal Varianten-Skifahrer – nur Gleitschirmflieger benutzen ihn. Wir haben den Toten anhand seiner Kreditkarten und seines Skipasses identifiziert. Vermutlich hat er die Spuren verwechselt. Der Name auf den Kreditkarten lautet Walt Klein. Der Skipass ist von diesem Hotel hier ausgestellt worden.«

»Können Sie ihn beschreiben?«, fragte sie, wobei ihr Tränen über die Wangen liefen.

»Ich habe ihn selbst noch nicht gesehen. Man sagte mir, er sei in den Siebzigern, weißhaarig, ziemlich groß und ein wenig übergewichtig.« Er sah sie fragend an.

Sie begann zu schluchzen. »Du lieber Gott, nein!«

»Es tut mir leid, aber muss Sie bitten, mit nach Moûtiers zu kommen, um die Leiche zu identifizieren.«

Sie sackte in sich zusammen und vergrub das Gesicht in den Armen. Nach ein paar Momenten wurde sie still, um die Sache nicht zu übertreiben.

5

Dienstag, 10. Februar

Roy Grace hatte gehofft, einigermaßen früh nach Hause zu kommen. Er wollte Cleo dabei helfen, Noah zu baden und mit seinem Lieblingsbilderbuch ins Bett zu bringen. Stattdessen war er den ganzen Tag mit Glenn Branson an den Schreibtisch gekettet, um mit einem englischsprechenden Polizeibeamten der Interpol-Dienststelle in Lyon zu telefonieren und E-Mails auszutauschen.

Vor ihm auf dem Schreibtisch lag die E-Mail, die ihm Glenn gebracht hatte, abgeschickt von einem Beamten der Gendarmerie Lyon und adressiert an den Leiter der Operation Haywain, wie die Fahndung nach dem mutmaßlichen Serienmörder Dr. Edward Crisp hieß.

Die Nachricht besagte, dass im Rotlichtviertel der Stadt vor zwei Tagen eine Prostituierte verschwunden sei, nachdem sie spät nachts in einen Wagen gestiegen war. Eine Kollegin, die zunächst zu schüchtern gewesen war, um sich zu melden, hatte die Polizei alarmiert. Sie hatte einen kurzen Blick auf den Mann im Auto erhascht. Er ähnelte Crisp auf dem Foto, das Grace über Interpol in Umlauf gebracht hatte. Die Prostituierte hatte den Wagen beschrieben und sich einen Teil des Kennzeichens gemerkt. Die Beschreibung stimmte mit einem Mietwagen von Hertz überein, den ein Engländer namens Tony Suter ausgeliehen und dann wieder abgegeben hatte.

Was Grace hatte stutzig werden lassen, war die Tatsache, dass Tony Suter einer der zahlreichen Alias-Namen war, die Crisp in den vergangenen Jahren benutzt hatte. Es konnte natürlich purer Zufall sein. Genau wie das Erscheinungsbild der Prostituierten Zufall sein konnte. Sie war Anfang zwanzig und hatte langes, braunes Haar.

Damit entsprach sie exakt dem Profil von Crisps bisherigen Opfern.

Der Wagen war gereinigt und bereits an einen anderen Kunden vermietet worden. Die französische Polizei fahndete derzeit danach. Als Reaktion auf Roy Graces Bestätigung, dass es sich tatsächlich um seinen Verdächtigen handeln konnte, erhielten sie gerade das Bildmaterial aus den Überwachungskameras vom Gelände der Leihwagenfirma. Auch nach der jungen Frau wurde gefahndet.

»Lyon ist groß.«

»Ich war schon dort.«

»Die zweitgrößte Stadt in Frankreich«, sagte Branson hilfsbereit.

»Danke für die Geographiestunde.«

»Gern geschehen. Ich hab was für dich – Brennpunkt Brooklyn mit Gene Hackman, weißt du noch?«

»Ja, warum?«

»Weil dieser Film zum Teil in Marseille spielt, der drittgrößten Stadt in Frankreich.«

»Was hat das jetzt mit unserem Fall zu tun?«

»Gar nichts. Ich nutze nur jede Gelegenheit, dir ein bisschen Bildung angedeihen zu lassen. Und das Ende war großartig.«

»Willst du mir irgendwas sagen?«

Branson stutzte. »Ah ja, richtig«, sagte er. »Ich vergaß. Blöd von mir.«

»Stimmt«, sagte Grace. »Es sei denn, es gibt eine geheime Botschaft?«

Branson grinste und hob dann unterwürfig die Hände. »Keine Botschaft.«

»Da bin ich aber froh, denn in dem Film kommt der Böse ungestraft davon.«

6

Dienstag, 17. Februar

Nachdem sie fast eine Woche festgesessen und sich mit der französischen Bürokratie herumgeschlagen hatte, bevor Walts Leiche endlich freigegeben worden war, begleitete Jodie ihren Verlobten nach New York zurück. Sie saß im Flieger ganz vorn, am spitzen Ende, süffelte in der Ersten Klasse erlesenen Schampus und spielte dem Bordpersonal die trauernde Witwe vor, die ihren Kummer in Alkohol ertränkt. Walt reiste weit weniger elegant im hinteren Laderaum des Flugzeugs. Zumindest kam ihr fairerweise dieser Gedanke, während sie behaglich vor sich hin döste, dass er in seinem Sarg vermutlich mehr Beinfreiheit genoss als die bedauernswerten Trottel hinten in der Economy-Klasse.

Und was den Sarg anbelangte – auch dies musste aus Gründen der Fairness gesagt werden –, hatte sie nicht geknausert. Es handelte sich dabei um ein mit Taft ausgeschlagenes, handgeschnitztes Spitzenmodell aus Rosenholz mit massiven Messinggriffen. Es gäbe im ganzen Alpenraum keinen eleganteren Sarg zu kaufen, hatte ihr der Bestatter in Moûtiers versichert. Und sicherlich keinen kostspieligeren, hatte sie gedacht, als sie den Preis sah.

Ihr verstorbener Verlobter wäre einverstanden gewesen, hätte er ihr bei der Entscheidung helfen können. Walt mochte keine Schnäppchen. »Kauf billig, und du kaufst zweimal«, hatte er ihr des Öfteren gesagt. Er wäre stolz auf dieses Prachtstück gewesen, dachte sie. Der letzte kleine Luxus, den er sich gönnte! Sie würde die Rechnung seinem Anwalt vorlegen, der ihr den Betrag erstatten würde.

Der Champagner, den sie während des gesamten Fluges aus einem nicht versiegenden Glas in sich hineingeschüttet hatte, war noch längst nicht abgebaut, was sie die Wartezeit in der relativ langen Einreiseschlange in einem angenehm duseligen Nebel zubringen ließ. Dabei hoffte sie, nicht allzu sehr nach Alkohol zu riechen, als sie, bei der Passkontrollstelle vom Zollbeamten nach dem Grund ihres Besuchs gefragt, mit angemessen kummervoller Miene und Stimme antwortete: »Um meinen Verlobten zu beerdigen.«

Sie holte ihr Gepäck und betrat die Ankunftshalle. Als sie die frostigen Gesichter von Walts beiden Kindern sah – Don, sein hochgewachsener, ernsthafter, vierzigjähriger Sohn, und Carla, seine warmherzigere fünfunddreißigjährige Tochter –, die eher aus Achtung vor ihrem verstorbenen Vater denn aus Liebe zu ihrer geldgierigen neuen Stiefmutter in spe zum Flughafen gekommen waren, verspürte sie augenblicklich das Bedürfnis nach einem weiteren Drink.

»Carla«, schluchzte Jodie und warf sich ihr an den Hals. »O mein Gott, es ist so schrecklich. So schrecklich.« Sie brach in Tränen aus.

»Dad war ein ausgezeichneter Skiläufer«, stellte Don trocken fest. »Er fährt seit Jahren abseits der Pisten. Ein solcher Fehler wäre ihm nie passiert.«

»Die Sicht war katastrophal, es war ein Schneesturm«, schluchzte Jodie. »Wir konnten die Hand nicht vor Augen sehen.«

»Dad hätte so einen Fehler nicht gemacht«, wiederholte er.

»Bis zum Begräbnis bleiben wir in Dads Wohnung«, sagte Carla. »Du hast doch hoffentlich nichts dagegen?«

»Wir haben dir vorsichtshalber ein Hotelzimmer gebucht, weil wir dachten, dass du vielleicht allein sein willst mit deiner Trauer, und um dir den Ärger mit der Presse zu ersparen«, sagte Don. »Die Entscheidung liegt bei dir.«

Plötzlich hörte sie eine Männerstimme rufen: »Jodie!«

Sie drehte sich um, sah Blitzlicht und hörte das Stakkato klickender Kameras. Noch jemand rief ihren Namen, und als sie nach rechts blickte, blitzte es wieder. Und wieder.

Ein Dutzend Paparazzi hatten Aufstellung genommen, die jetzt alle ihren Namen riefen.

»Jodie, wussten Sie über Walt Bescheid?«

»Was wussten Sie über Walts Finanzen?«

 

Jodie hatte Walt vor gut sechs Monaten in Las Vegas kennengelernt. Er hatte in einer Raucherbar des Bellagio allein an einem Tisch gesessen, einen Martini getrunken und sich eine Zigarre angezündet. Sie hatte an einem anderen Tisch gesessen, eine Zigarette geraucht, eine Margarita getrunken und dabei potentielle Opfer beäugt. Das Bellagio war eines der teuersten Hotels der Stadt; Leute, die hier übernachteten oder auch nur auf einen Drink kamen, waren schlimmstenfalls wohlhabend und bestenfalls stinkreich.

Sie war am Vortag aus Brighton angereist, um sich eine Auszeit zu gönnen, an den Tischen mit den hohen Einsätzen ein wenig Black Jack zu spielen und sich einen neuen Mann zu angeln. Ihre Art von Mann. Einen netten, einsamen, älteren Mann. Jemand, der dankbar wäre für ihre Aufmerksamkeiten. Und was das Wichtigste war, reich. Sehr reich.

Diese Reise war eine Investition gewesen, genau wie ihre Profile in den Exklusiv-Partneragenturen.

Sie entschied sich für Black Jack, weil es gesellig war. Man hatte Gelegenheit, mit seinen Mitspielern zu plaudern, und es gab eine beständige Fluktuation bei den Spielern. Sie hatte sich gut informiert, Bücher gelesen und kannte sämtliche Tricks des Spiels. Es gab keine Strategie, die einen Gewinn garantierte, doch es gab eine, die es ihr ermöglichte, stundenlang an einem High-Roller-Tisch zu sitzen und dabei nur wenig Geld zu verlieren. Ein geringer Kostenaufwand für die Chance, sämtliche Männer zu taxieren, die mit ihr am Tisch hockten.

Und man konnte in dieser Stadt problemlos heiraten, von acht Uhr morgens bis Mitternacht, an jedem Tag der Woche.

Es sah ganz danach aus, als würde ihr diese Reise schon früher als erwartet Glück bringen. Das große Los am ersten Tag?

Ein wenig übergewichtig und schlaff – sie schätzte ihn auf Mitte siebzig –, den dicken Kopf voller silberner Wellen. Er trug eine gelbe Weste von Gucci über einem Hemd mit Goldknöpfen und blaue Wildleder-Slipper von Tod’s.

Er sah einsam aus.

Und traurig.

Und trug keinen Ehering am Finger.

Über den Tisch gebeugt, starrte er auf sein Handy und las. Die Wall Street-Kurse? Nach einer Weile legte er das Smartphone beiseite, aß die Olive in seinem Martini, kippte den Drink hinterher und bedeutete dem Ober, ihm noch einen zu bringen. Dann zog er an seiner Zigarre – einer Cohiba, wie sie an der gelbschwarzen Banderole erkannte.

Die Zigarette zwischen den Fingern, betrachtete sie ihn durch den aufsteigenden Rauch. Es dauerte eine Weile, bis er aufmerkte und ihre Blicke sich trafen. Sie lächelte. Er nickte ihr beifällig und ein wenig verlegen zu, blinzelte mit schweren Lidern und widmete sich wieder seinem Smartphone. Dabei tippte er großtuerisch darauf herum, wie um ihr zu zeigen, dass er kein armseliges Würstchen ohne Freunde war, sondern ein schwerbeschäftigter Mann.

Sofort setzte sie sich in Bewegung, drückte die Zigarette aus und griff sich das Glas und die Tasche. Dann schlenderte sie in ihrem Ted-Baker-Seidenkleid und den roten Jimmy Choos zu seinem Tisch hinüber und setzte sich zu ihm. »Sie sehen genauso einsam aus, wie ich mich fühle«, sagte sie mit piekfeinem englischen Akzent.

»Ach ja?«

Er hob den Blick von seinem Handy und musterte sie melancholisch. Sie hob ihr Glas. »Cheers!«

Zuvorkommend stellte ihm der Ober im selben Moment einen frischen Martini hin, und sie stießen die Gläser aneinander. »Cheers«, antwortete er ein wenig zögernd, als sei er nicht sicher, ob er eben von einer Nutte angebaggert worden war.

»Jodie Bentley«, sagte sie. »Ich bin Engländerin, aus Brighton.«

»Walt Klein.« Er stellte sein Glas ab und verschränkte die Arme.

Ihn bewusst spiegelnd, stellte auch sie ihr Glas ab und verschränkte die Arme. »Was führt Sie denn nach Vegas?«, fragte sie.

»Wollen Sie den Trailer oder die vollen drei Stunden mit Unterbrechung?«

Sie lachte. »Ich bin nicht in Eile. Solange es Eiscreme, Popcorn und Alkohol gibt, darf es auch die Langversion sein!«

Er grinste. »Soso, na schön, ich bin hier, um zu vergessen.« Er löste die Arme und legte die Hände auf seine Schenkel. Dezent tat sie dasselbe.

»Vergessen?«

»Ich habe eine ziemlich üble Scheidung hinter mir. Nach vierundvierzig Jahren Ehe.« Er zuckte die Schultern, und seine schweren Lider senkten sich wie Theatervorhänge und hoben sich wieder.

Wieder ahmte sie ihn nach. »Vierundvierzig Jahre – Sie sehen gar nicht danach aus! Haben Sie denn als Teenager geheiratet?«

»Sie schmeicheln mir! Ich bin wahrscheinlich ein wenig älter als Sie meinen. Raten Sie doch mal.«

»Fünfundfünfzig?«

»Sehr freundlich. Ich mag Ihren britischen Akzent!«

»Vielen Dank«, sagte sie, wobei sie noch dicker auftrug. »Na schön, siebenundfünfzig?«

»Versuchen Sie’s mal mit siebenundsiebzig.«

»Auf keinen Fall!«

»Doch, doch.«

»Sie sehen zwanzig Jahre jünger aus! Offenbar geben Sie gut auf sich acht.«

Er hielt die Zigarre hoch und wies auf seinen Martini. »Die beiden hier geben gut auf mich acht! Nein, ich mach nur Spaß! Ja, ich treibe täglich Sport. Spiele regelmäßig Tennis, und im Winter geh ich Skilaufen.«

»Ich halte mich auch gern fit«, sagte sie. »Zu Hause bin ich Mitglied in einem Fitnessclub. Und ich geh, sooft ich kann, Skilaufen. Wo laufen Sie denn gern?«

»Hauptsächlich Aspen, Jackson Hole, Wyoming und Park City in Utah.«

»Ohne Witz? Da wollte ich immer mal hin, vor allem nach Aspen!« Sie holte sich ihre Zigaretten aus der Handtasche, nahm eine heraus und hielt sie hoch, erneut seine Geste spiegelnd.

»Wo ich wirklich gern hinfahren würde, ist Courchevel in Frankreich!«

»Das beste Skigebiet auf der ganzen Welt.«

»Sie kennen sich dort aus, wie?«

»Ziemlich gut sogar!«

»Soll ich Sie dorthin mitnehmen?«

»Heute Abend?«

Er zog die Augenbrauen in die Höhe. »Wenn Sie möchten.« Er sah auf die Uhr. »Na schön, jetzt haben wir halb neun. Frankreich ist uns – wenn ich mich nicht irre – neun Stunden voraus, also ist es dort halb sechs am Morgen. Wenn ich jetzt gleich einen Jet chartern würde, könnten wir morgen dort zu Abend essen.«

»Die Sache hat nur einen Haken«, sagte sie.

»Der wäre?«

»Im Augenblick liegt dort kein Schnee. Es ist August!«

»Da ist was dran!«

»Wie wär’s stattdessen mit einem hübschen Abendessen hier?«, schlug sie vor.

»Dann müsste ich meine Pläne stornieren«, sagte er.

»Und die wären?«

»Damals in den Fünfzigern, lange vor Ihrer Geburt, gab es in Ihrem Land einen berühmten Feinschmecker, einen millionenschweren Armenier namens Nubar Gulbenkian. Der sagte einmal: »Für das perfekte Dinner sind zwei genug – ich und ein guter Ober.«

»Ich bin nicht ganz sicher, ob ich dem zustimmen würde.« Sie sah ihn schelmisch an. »Sie wollten also mit sich allein zu Abend essen?«

»Jawohl!«

»Ich hab mal gekellnert«, sagte sie. »Als Studentin.«

»Wirklich?«

»Hat nicht sehr lange gedauert. Ich hab jemandem den teuren Wein versehentlich in ein Wasserglas gegossen, obwohl noch Wasser drin war!«

Er lachte. »Mussten Sie den Wein bezahlen?«

»Zum Glück nicht, aber sie haben mich rausgeworfen.« Sie lächelte. »Und Ihre Scheidung«, fragte sie, »was ist passiert?«

Walt Klein sah verlegen drein. »Na ja, nach meiner Scheidung hab ich meine zweite Frau geheiratet, Karin, die um etliches jünger war als ich. Ich dachte, wir hätten ein gutes Verhältnis und wären für immer zusammen. Meine Kinder und die fünf Enkel hatten sie wirklich gern. Dann sagte sie eines Tages in einem Restaurant zu mir – das dürfte jetzt ungefähr zwei Jahre her sein –, ›Du gibst mir das Gefühl, alt zu sein.‹« Er zuckte mit den Schultern. »Und das war’s dann. Sie wollte die Scheidung. Ich fragte sie, ob sie einen anderen hätte, und sie sagte nein.«

»Und, war da jemand?«

»Sie interessiert sich für Kunst, und weil ihr langweilig war, hab ich ihr eine Kunstgalerie gekauft, unten im West Village. Durch einen Freund erfuhr ich dann, dass sie sich von einem Bildhauer vögeln ließ, dessen Arbeiten sie ausstellte.«

»Das tut mir leid«, sagte Jodie.

»Dumm gelaufen.«

»Kann man so sagen.«

»Und wie lautet Ihre Geschichte?«

»Wollen Sie den Trailer hören oder die lange Version?«

Er lachte. »Zuerst den Trailer – und die lange Version später beim Essen.«

»Na schön.« Sie lächelte glanzlos. »Mein Mann hat mich verprügelt.«

»Das ist schrecklich. Sie Ärmste.«

»Ja, es war ein Albtraum. Ein absoluter Albtraum. Ich bin nicht sicher, ob ich jemals wieder einem Mann vertrauen kann.«

»Wollen Sie ganz von vorn erzählen?«

Jodie nickte. »Sicher. Wenn es Ihnen nichts ausmacht?«

»Ich habe den ganzen Abend Zeit«, sagte er. »Noch was zu trinken?«

»Ja, vielen Dank«, sagte sie und bemerkte, wie er sie ansah. Da wusste sie, dass sie ihn bereits um den Finger gewickelt hatte.

Sie müsse sich nur kurz die Nase pudern, sagte sie und ging hinaus. In einer Kabine in der Damentoilette gab sie ›Walt Klein‹ bei Google ein.

Er war ein Börsenmakler, Investmentberater und Finanzexperte, handelte mit Wertpapieren und verwaltete ein Budget von geschätzten acht Milliarden Dollar.

Mit einem glücklichen Lächeln steckte sie ihr Smartphone in die Handtasche und ging wieder zu ihm zurück. Walt Klein würde vollauf genügen.

Vollauf.

7

Die Vergangenheit

Jodie Danforth hatte tonnenweise Schularbeiten zu erledigen. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Stattdessen saß sie barfuß, die Beine über Kreuz, in Jeans und T-Shirt von Blur, ihr Tagebuch in der Hand, auf dem Bett ihres unordentlichen Zimmers im ersten Stock ihres ordentlichen Elternhauses und schluchzte. Die rechteckige, weißgetünchte Villa im pseudo-georgianischen Stil mit den grünen Fensterläden stand inmitten eines makellosen Gartens, noch immer beschienen von der abendlichen Frühlingssonne, in einer von Bäumen gesäumten Straße mit nahezu identischen Häusern am Ortsrand von Burgess Hill, einer Stadt nur wenige Meilen nördlich von Brighton.

Hier war immer alles an seinem Platz. Ihre Mutter schrubbte wie eine Besessene das Haus. Ihr Vater schrubbte wie ein Besessener die Autos, auf die er so stolz war. In der Auffahrt standen sein nagelneuer schwarzer Jaguar und das Saab-Cabriolet ihrer Mutter. Perfekte Eltern mit einer perfekten Tochter – ihre ältere Schwester Cassie – und ihrer oberpeinlichen Problemtochter, das war sie.

An den Wänden ihres Zimmers hingen Poster von Jodies Idolen. Madonna, Nicole Kidman und Tom Cruise. Kylie Minogue, Take That, Blur und Oasis. Alle perfekt. Mit perfekten Nasen.

Nicht wie die ihre.

Tränenüberströmt schrieb sie in ihr Tagebuch:

Überall, wo ich hingehe, zeigen die Leute mit Fingern auf mich und lachen, weil ich so hässlich bin, ein Freak. Meine Nase ist grotesk. Ich hab mein Spiegelbild im Busfenster gesehen, als ich heute Morgen zur Schule fuhr. Das ist keine Nase, sondern ein riesiger gebogener Schnabel. Ein Zinken. Ein Rüssel. So ’ne Schlampe hat mir heute Morgen ein Foto von der Concorde aufs Pult gelegt, mit ’ner Post-it-Notiz dran, auf der stand, dass meine Nase wie die Schnauze des Flugzeugs aussehen würde. Nach unten gebogen.

Meine Augen sind auch zu groß. Wenn ich in den Spiegel schaue, sind sie ganz geschwollen – und nicht nur vom Heulen. Sie sind zu groß für mein Gesicht. Tatsache. Und meine Lippen sind zu dick, wie aufgedunsen – als hätte mir jemand auf die Schnauze gehauen. Und meine Ohren sind zu groß. Ich sehe aus, als hätte jemand mein Gesicht aus lauter falschen Teilen zusammenmontiert. Als hätte er in die falsche Kiste gegriffen.

Und meine Brüste sind lächerlich. Flach wie Flundern. Wie bei ’nem Jungen. Die von Cassie sind natürlich perfekt.

Im Englischunterricht heute Morgen musste jeder mal aufstehen und der Klasse ein Sonett von Shakespeare vorlesen, das er sich ausgesucht hatte. Trudy Byrne hat eins vorgelesen und dabei die ganze Zeit mich angestarrt.

 

»Der Liebsten Aug’ ist nicht wie Sonnenschein,

Nicht wie Korallen rot der Lippen Paar,

Gilt Schnee als weiß, muss braun ihr Busen sein,

Sind Haare Draht, ist schwarzer Draht ihr Haar.

Weiß sind und rot die Rosen an dem Strauch,

Doch solche Rosen sind nicht ihre Wangen,

Von Wohlgerüchen strömt ein süßrer Hauch,

Als meines Mädchens Atem hat empfangen …«

 

Und so weiter. Verflucht.

Aber es stimmt. Mein Haar ist wie ein Büschel schwarzer Drähte. Sie sprießen mir überall aus dem Kopf wie Schamhaare oder Scheuerborsten. Warum kann ich nicht so blonde, glatte Haare haben wie meine verdammte Schwester Cassie? Ich hab echt die Arschkarte gezogen.

Dad liebt Cassie abgöttisch. Sie albert immer mit ihm herum. Sieht er dagegen mich an, sehe ich seine Enttäuschung. Als wär ich überhaupt nicht seine Tochter. Dabei hatte er sich eine zweite Tochter gewünscht. Kein Ersatz für den Sohn, nach dem er sich immer gesehnt hatte. Doch wenn er schon keinen Sohn haben konnte, dann wollte er zumindest eine zweite bildschöne Tochter. Stattdessen bekam er mich.

Unten streiten sich Mum und Dad wieder mal. Ich höre ihre Stimmen, sie übertönen den Fernseher. Dad ist sauer, weil er Angst hat, seinen Job zu verlieren. Die bauen gerade eine Menge Stellen ab in seiner Firma, obwohl Mum ihm versichert, dass er zu wichtig ist, dass die niemals auf ihn verzichten könnten. Hört sich an, als hätte er wieder getrunken. Das ist nichts Ungewöhnliches. Er betrinkt sich fast jeden Abend. Er hat Geldsorgen. Die Hypothek auf unser Haus. Die Raten für die schicken Autos. Außerdem hat er Angst, dass er mit Fünfzig schon drüber ist und nie wieder irgendwo Arbeit findet.

Jodie hörte einen Knall. Die Haustür? Wenn ihre Eltern zankten, fuhr ihr Vater oft noch ins Pub. Sie horchte, ob er den Motor anließ, hörte aber nichts. Vielleicht war er ausnahmsweise mal vernünftig und ging zu Fuß.

Sie öffnete ihre Zimmertür, um zu lauschen. Sie könnte mit ihrer Mutter sprechen. Sie wollte sich auf dem Sofa an sie kuscheln und ein wenig mit ihr fernsehen. Ihre Mutter war der einzige Mensch, der ihr sagte, sie sei schön. Obwohl Jodie wusste, dass es gelogen war. Der Fernseher lief. Ein amerikanisches Ehepaar, das sich laut anschrie.

Sie ging langsam die Treppe hinunter. Auf der letzten Stufe blieb sie stehen, weil erneut die Tür knallte. War ihr Vater zurückgekommen?

»Diese verfluchte Katze!«, brüllte er. »Warum kackt sie nicht in den eigenen Garten?« Dabei sah er zu Jodie hoch, als wäre es ihre Schuld, und stürmte weiter ins Wohnzimmer.

Was ihre Mutter sagte, konnte Jodie wegen des Fernseherlärms nicht hören. Es klang, als wollte sie ihn beschwichtigen.

»Ist das nicht toll? Alles, was ich auf der Welt habe, ist eine blöde Nachbarskatze, die meinen Garten als Klo benutzt, eine Frau, die mich in den Alkoholismus treibt, und eine Tochter, die ’ne absolute Zicke ist!«

Der Fernseher war plötzlich auf stumm gestellt, und sie hörte die Stimmen ihrer Eltern laut und deutlich.

»Sieh endlich ein, dass sie eine schwierige Zeit durchmacht«, sagte ihre Mutter. »Die mittleren Teenagerjahre sind schwer für Mädchen!«

»Blödsinn – Cassie war nie so.«

»Schscht! Sei doch leise! Du vergötterst Cassie, weil sie hübsch ist. Jodie kann nichts für ihr Aussehen. In ein paar Jahren wird auch sie aufblühen.«

»Es ist nicht nur ihr Aussehen, es ist ihre Einstellung – sie ist ’ne armselige Kuh.«

»Vielleicht wär sie weniger armselig, wenn du dir ein wenig mehr Mühe mit ihr geben würdest.«

»Hab ich ja versucht. Sobald ich sie umarme, windet sie sich wie ein glitschiges Reptil. Und so eins ist sie ja auch.«

»Alastair! So sprichst du nicht über deine Tochter!«

»Falls sie meine Tochter ist.«

»Was soll das jetzt wieder heißen?«

»Sie kommt nicht nach dir, und mir sieht sie auch nicht ähnlich. Mit wem hast du rumgevögelt? Mit ’nem Typen aus ’ner Freakshow?«

Jodie hörte ein Klatschen, wie von einer Ohrfeige, gefolgt von einem Aufschrei ihres Vaters.

»Du Miststück!«, brüllte er.

»Sag so was nie wieder von ihr! Hast du das verstanden?«

»Sie ist ein Freak, und du weißt es auch. Wenn du mich noch einmal schlägst, reiß ich dir den Kopf ab.«

»Nimm es zurück, sonst schlag ich noch mal zu. Herrgott, was hab ich bloß in dir gesehen, als ich dich geheiratet hab?«

»Ich find sie peinlich. Sie ist fett, sie ist hässlich, und sie hat einen fiesen Charakter. Wenn sie ein Schnäppchen aus dem Billigmarkt wär, würd ich sie zurückbringen und umtauschen. Schade, dass das nicht geht.«

»Alastair, ich warne dich. Sie hat schon genug Komplexe, die arme Kleine, immer steht sie im Schatten ihrer Schwester – und wessen Schuld ist das? Ja, wir wissen beide, dass sie keine Schönheit ist. Lass ein paar Jahre vergehen, und sie blüht auf, das glaub ich wirklich.«

»Schau mal da! Siehst du das?«, sagte mein Vater.

»Was denn?«

»Das fliegende Schwein da draußen. Es ist hübscher als unsere Tochter.«

8

Dienstag, 17. Februar

Der kleine Klammeraffe saß rittlings auf einem Ast und starrte durch das Fenster seines Geheges im Zoo von Drusillas zu ihnen heraus. Sein Fell war grau, fuchsrot und weißgescheckt, und er hatte traurige, fragende Augen. Er fing an, an einem Stück Karotte zu kauen, das er in den Vorderpfoten hielt.