Verlag: Verlag Peter Hopf Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Deinoid XT 1: Mein Babylon - Andreas Zwengel

Im Jahre 2067 ist Jesko Rudolph Schadensregulierer des Megakonzerns NEO-Hanse. Seine Aufgabe besteht darin, allen Schaden von seiner Firma fernzuhalten. Dazu gehört auch, Spuren zu verwischen, Fakten zu vertuschen und Opfer zu entschädigen. Als er kurz hintereinander die Folgen der Feuergefechte einer konzerneigenen Eingreiftruppe bereinigen muss, entdeckt er einige Ungereimtheiten. Was hat es mit dem Bombenattentat auf drei hochkarätige Wissenschaftler der NEO-Hanse auf sich? Deinoid XT ist eine parallel laufende Reihe zur Hauptserie Deinoid, deren Romane unabhängig voneinander gelesen werden können. In ihnen greifen Autoren und Autorinnen Aspekte und Inhalte aus verschiedenen Zeitabschnitten und Orten der Handlung auf, um den Lesern einen noch tieferen Einblick in den Deinoid-Kosmos zu geben.

Meinungen über das E-Book Deinoid XT 1: Mein Babylon - Andreas Zwengel

E-Book-Leseprobe Deinoid XT 1: Mein Babylon - Andreas Zwengel

 

 

ANDREAS ZWENGEL

Mein Babylon

 

Deinoid XT Band 1

 

Inhalt

Impressum

Intro

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Vorschau

Impressum

Erstveröffentlichung Februar 2017

Copyright © 2017 Deinoid by Ben Ryker

Copyright © 2017 der eBook-Ausgabe by Verlag Peter Hopf, Petershagen

Cover: Mark Freier

Umschlaggestaltung: Arndt Drechsler

Redaktionelle Betreuung: Thomas Knip

E-Book-Konvertierung: Die Autoren-Manufaktur

ISBN ePub 978-3-86305-204-1

www.verlag-peter-hopf.de

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Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

 

Intro

 

Deinoid XT ist eine parallel laufende Reihe zur Hauptserie Deinoid, deren Romane unabhängig voneinander gelesen werden können. In ihnen greifen Autoren und Autorinnen Aspekte und Inhalte aus verschiedenen Zeitabschnitten und Orten der Handlung auf, um den Lesern einen noch tieferen Einblick in den Deinoid-Kosmos zu geben.

 

Kapitel 1

 

»Es hat ein Feuergefecht gegeben. Mit Toten. Vielen Toten. Flieg rüber und klär die Sache. Die Presse ist schon unterwegs.« Mit diesen Worten beendete mein Vorgesetzter das Gespräch und ließ mich mit dem Problem allein.

Ich hörte bereits den Gleiter, der sich dem Dach meines Wohnturms näherte, um mich aufzunehmen. Sieben Minuten später näherte ich mich dem Tatort aus der Luft, und die beiden Rauchsäulen wiesen mir den Weg. Es machte tatsächlich den Eindruck, als wäre ich im Anflug auf ein Kriegsgebiet, aber vor mir lag die Innenstadt von Hamburg.

Ich fragte nie nach den Hintergründen eines Einsatzes, denn das ging mich erstens nichts an und zweitens wollte ich mich damit nicht belasten. Moralische Bedenken waren kein Thema, denn wenn ich gerufen wurde, dann bewegte sich der Auftrag mindestens in den Grauzonen der Legalität, meistens aber im Aufgabenbereich der Strafverfolgung. Ein viel wichtigerer Grund für meine gewollte Unwissenheit war allerdings, dass ich nicht zum Mitwisser und Geheimnisträger werden wollte. Denn wenn man zu viele schmutzige Geheimnisse kannte, dann wurde man irgendwann als potenzielle Gefahr eingestuft und entsorgt. Wahrscheinlich vom eigenen Nachfolger.

Ich hatte bereits während des Fluges veranlasst, dass die Straße und die umliegenden Häuser wegen einer angeblichen Bombendrohung geräumt wurden. Ich kann schon gar nicht mehr sagen, wie oft ich diesen Vorwand in den letzten Jahren benutzt habe. Aber da es täglich überall auf der Welt Bombenanschläge gab, musste man bei diesem Thema nicht lange diskutieren. Niemand hielt es für zu abwegig, dass zwei Straßengangs, die sich eine Schießerei lieferten, auch Sprengsätze mit sich führten.

Der Gleiter setzte mich am Rand der Absperrung ab, und ich verschaffte mir einen kurzen Überblick von der Umgebung. Die Schießerei war auf eine Straße begrenzt gewesen, was auf jeden Fall ein Vorteil war. Zeugen durfte es wenige oder gar keine geben, denn in den heutigen Zeiten eilten die Menschen bei einem Schuss nicht ans Fenster um nachzuschauen, was vorging, sondern warfen sich auf den Boden und blieben dort.

Ich überzeugte mich davon, dass die eintreffenden Medien von ihrem Standplatz aus nichts erkennen konnten und näherte mich dann an einer unauffälligen Stelle der Absperrung.

Ein Polizist trat mir mit erhobener Hand entgegen: »Na, was kann ich für dich tun, Brother?«

»An Ihrer Sozialkompetenz arbeiten«, empfahl ich und hielt ihm meinen Ausweis unter die Nase, während ich vorüberging. »Jesko Rudolph, NEO-Hanse.«

Ich besaß einen Dienstausweis, der mir in weiten Teilen der Welt jede Unterstützung von Konzernmitarbeitern zusicherte und mir innerhalb von Hamburg bei allen Bewohnern Halbgottstatus verlieh.

Ich bin ein Schadensregulierer mit afrikanischer Abstammung ohne ebensolche Wurzeln. Ich leide milde an meinem Übergewicht und dem alltäglichen Rassismus. Außerdem trainiere ich seit meinem achten Lebensjahr täglich Aikido, weil eine sportliche Betätigung im Leben wichtig ist und man als dicker Schwarzer keine leichte Schulzeit hat. Darüber hinaus pflege ich eine gewisse Schlampigkeit im Äußeren und penible Korrektheit bei meiner Arbeit.

Das Ablenkungsmanöver für die Presse war sofort nach meiner Benachrichtigung gestartet.

Schritt 1: Ich verhängte eine Nachrichtensperre, um weitere Schaulustige abzuhalten, dann kümmerte ich mich um die Pressemitglieder, die schon auf dem Weg waren. Die Tarngeschichte war platziert und wurde verbreitet. Jede andere Nachricht wurde sofort dementiert und als Falschmeldung bezeichnet. Das entmutigte einen Großteil der Meute, der sich stattdessen auf die Suche nach einer anderen Sensation machte.

Schritt 2: Eine andere Sensation wird lanciert. Wir haben solche vermeintlichen Knüller immer in der Schublade und können sie nach Bedarf einsetzen. Ich ließ eine Bombe platzen, die einen viel größeren Nachrichtenwert besaß. Zu diesem Zweck bezahlte ich einige Schläfer, die sich rund um die Uhr bereithielten, um eine solche Ablenkung zu inszenieren. Diejenigen Reporter, die bereits zum Tatort unterwegs waren, würden ihretwegen die Richtung ändern und der falschen Fährte folgen.

Schritt 3: Diejenigen, die bereits am Tatort eingetroffen waren, wurden so lange außer Sichtweite hingehalten, bis sie die Lust verloren oder es tatsächlich nichts mehr zu sehen gab. Sie würden natürlich wissen, dass dort etwas vertuscht wurde, aber sie hatten keine Ahnung was, von wem und weshalb. Über Com sprach man nur über eine Schießerei zwischen zwei verfeindeten Gangs. Solche Sachen waren an der Tagesordnung und für die Berichterstattung nicht besonders interessant.

Ich rückte die Strickmütze auf meinem Kopf zurecht und schlug meinen Mantel an der Hüfte zurück wie ein Revolverheld. Nur dass ich anstelle einer Waffe meine kleine Umhängetasche unter meinem Mantel nach vorne zog.

Ich war so früh am Ort des Geschehens, dass ich noch einen Blick auf die abrückenden Wagrier werfen konnte. Die Sondereingreiftruppe der NEO-Hanse. Alles durchtrainierte Kerle, die aussahen, als hätten sie ihr ganzes Leben nichts anderes getan, als zu kämpfen und für den Kampf zu trainieren.

An der Spitze Sparkle Darstein, ein Musterbeispiel für diese Sorte Mensch. Zwei Meter groß, braungebrannt und komplett ohne Körperfett. Dazu ein wirklich sympathisches, grellweißes Lächeln, das man überhaupt nicht bei ihm vermutet hätte und das sofort verschwand, als er mich erblickte. Wir legten beide keinen Wert auf eine Begegnung und drehten uns gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen.

Ich zwinkerte etwas länger und schaltete damit meine Kontaktlinse in den Aufnahmemodus. Alle Bilder wanderten sofort in den internen Speicher der UCL (Universal Contact Lenses). Ich begann, Aufnahmen des Schadens zu machen.

Die Wagrier hatten mal wieder ganze Arbeit geleistet. Kopfschüttelnd betrachte ich den Vordereingang des Hauses, der mit einem Blaster herausgesprengt worden war. Dabei gab es eine Tür und die war unverschlossen gewesen. Es konnte doch nicht schneller gehen, eine Wand zu sprengen, als einen Türgriff zu benutzen. Mich ärgerten diese unnötigen Ausgaben, aber noch schlimmer fand ich, mit welcher Bedenkenlosigkeit die Wohnungen anderer Menschen zerstört wurden. Es war völlig unnötig, alle persönlichen Gegenstände der Bewohner zu vernichten, denn nicht alles kann man durch Geld wiedergutmachen.

Ich inspizierte den Ort, an dem die Toten gelegen hatten. Man musste kein Forensiker sein, um zu erkennen, dass die Schusswinkel nicht zueinanderpassten. Die Blutspritzer an der Hauswand konnten nur dann entstanden sein, wenn der Getroffene zu diesem Zeitpunkt gekniet hatte. Das Ganze erinnerte mehr an eine Hinrichtung, als an eine wilde Schießerei.

Der Kugelhagel der angeblichen Terrorzelle war gut sichtbar platziert. Jeder Treffer an den Mauern und Fahrzeugen wiederzufinden. So wie mir der Vorfall geschildert wurde, erschien mir dieses Bild einfach viel zu ordentlich.

Mein Team traf ein, um die Nachbereitung zu übernehmen. Die wichtigste Arbeit war getan, die Aufregung war abgewendet, die Ablenkung installiert. Nun übernahmen sie es, die ganze Geschichte überzeugend zu verankern, Spuren zu verwischen und Neugierige auf andere Gedanken zu bringen.

Sie landeten mit unserem Daredevil innerhalb der Absperrung. Der Daredevil war eine Mischung aus Gleiter und Wohnmobil, der über alle technischen Raffinessen verfügte, die für uns notwendig sein konnten. Like steuerte die Kiste und bei längeren Einsätzen wohnten wir sogar darin.

Ich winkte ihr zu, als sie aus der Maschine stieg. Like war eine gutaussehende Fitnessverrückte. Sie war muskulös und sehnig wie die Shaolinmönche in alten Kung-Fu-Filmen. Sie betrachtete mich immer mit diesem mitleidigen Blick, der mich zum Lachen reizte. Aber sie verkniff es sich, mich missionieren zu wollen und zu mehr Training anzuhalten, wofür ich dankbar war. Wahrscheinlich hielt sie mich für einen hoffnungslosen Fall. Diese Vorstellung wiederum störte mich ein bisschen, denn sie sollte mich gefälligst nicht aufgeben.

»Renitente?«, fragte ich mein Team über Funk.

»Bisher noch nicht.«

Als Renitente bezeichneten wir diejenigen Beteiligten, die sich weder überreden noch kaufen ließen und wahrscheinlich Ärger machen würden. Also Menschen mit Überzeugungen, oder lästige Störenfriede, wie ich sie nannte. In der Regel kosteten sie nur mehr Aufmerksamkeit, bis man sie dort hatte, wo man sie haben wollte.

Die Tatsache, dass alles so reibungslos ablief, und es kaum Störungen von außen gab, ließ mir mehr Zeit, mich um die Ungereimtheiten zu kümmern, die mir aufgefallen waren. Das ganze Szenario wirkte schlecht inszeniert und wenig überzeugend.

Ich ging zu Like. »Wo sind die Leichen?«

»Die wurden bereits fortgeschafft.«

»Von wem?«

»Darstein und seine Jungs haben sie mitgenommen«, erklärte sie.

Nun war ich tatsächlich überrascht. Für gewöhnlich ließen die Wagrier alles stehen und liegen, wenn sie verschwanden. Sie benahmen sich wie schlecht erzogene Kinder und Sparkle Darstein war der Schlimmste von ihnen.

»Versuch herauszufinden, wohin man die Leichen gebracht hat. Etwas stört mich an der Geschichte, die sie uns hier verkaufen wollen.«

Like salutierte ironisch und verschwand im Daredevil.

Die Abschleppfahrzeuge rückten an und schafften die Wagen weg, die von Kugeln getroffen worden waren. Das Gebiet, in dem sie standen, wurde zur Parkverbotszone umdeklariert. Während die zurückkehrenden Besitzer also glaubten mussten, ihr Fahrzeug wäre wegen Falschparkens abgeschleppt worden, wurden in einer Werkstatt alle Spuren der Schießerei beseitigt. Wenn die empörten Besitzer dann bei der entsprechenden Behörde auftauchten, entschuldigte man sich wegen des fälschlichen Abschleppens und überreichte ihnen einen Gutschein wegen der Unannehmlichkeiten.

»Ich habe die Leichen gefunden, oder das, was von ihnen übrig ist«, meldete Like.

»Soll heißen?«

»Die Körper wurden bereits eingeäschert.«

»Wer hat das veranlasst?«

»Allem Anschein nach unser Freund Sparkle.«

»Da stimmt etwas nicht. Ich will mir den Tatort noch einmal ansehen. Gib bitte Bescheid, dass man die Bewohner noch eine Stunde länger vertröstet.«

Like bewegte sich nicht. Bei einem Menschen, der eigentlich immer in Bewegung war, wirkte das besonders auffällig.

»Was ist?«, fragte ich.

»Die Zentrale hat uns angewiesen, unsere Zelte hier abzubrechen. Die Mission wurde offiziell für beendet erklärt.«

»Eigentlich ist es meine Aufgabe, eine Mission für beendet zu erklären.«

Like zuckte mit den Schultern. »Die Anweisung kam direkt von Spicklebach. Willst du mit ihm reden?«

Ich schüttelte den Kopf. Das wäre sinnlos. Wenn unser Vorgesetzter eine solche Entscheidung traf, dann war klar, dass er sie ebenfalls von oben erhalten hatte. Sehr wahrscheinlich kannte er die Gründe dafür selbst nicht und wenn doch, dann würde er sie mir nicht verraten. Mein Wissen musste ich mir anders beschaffen. Oder auch nicht, denn ich hatte das untrügliche Gefühl, dass es sich um die Art von Wissen handelte, das ich überhaupt nicht haben wollte.

Mein Auftrag war erledigt, mein Vorgesetzter zufrieden. Es gab also keinen Grund, die Angelegenheit nicht auf sich beruhen zu lassen. Ich konnte mich zurückziehen, ohne von den meisten Anwesenden wahrgenommen worden zu sein. So, wie ich es schätzte.

Ich trug stets Kleidung, die den meisten Menschen keinen zweiten Blick wert war und hielt mich im Hintergrund. Natürlich achtete ich auch darauf, nicht gefilmt zu werden. Diese Vorsichtsmaßnahmen konnten nicht verhindern, dass man auf mich aufmerksam wurde, sondern nur das Risiko vermindern. Einem aufmerksamen Reporter könnte auffallen, dass ich mich oft an solchen Tatorten aufhielt. Über Gesichtserkennungssoftware könnte er das Filmmaterial von allen Tatorten ziemlich schnell miteinander abgleichen und dann spielt es keine Rolle mehr, welche Kleidung ich gerade trug. Doch bisher hatte ich keinen Reporter dicht genug an einen meiner Tatorte herangelassen.

Ein Reinigungswagen kam vorbei. Er spülte Blut und Glasscherben von der Straße. Unzählige kleine Wichtel, die diesem Ort wieder in den Urzustand versetzten, bevor jemand bemerken konnte, was hier eigentlich vorgefallen war. Und ich war ihr Meister.

 

Kapitel 2

 

Die Mittagssonne stand heiß am Himmel, und bei meiner Rückkehr zu meinem Wohnturm sehnte ich mich nach einer kleinen Abkühlung. Mein Job hatte sehr ungewöhnliche und auch sehr unregelmäßige Arbeitszeiten. Keine fünf Minuten später trieb mein Körper auf dem Wasser des Swimmingpools. Das gab mir Gelegenheit, meine Muskeln etwas zu entlasten. Ich machte ein paar leichte Schwimmbewegungen und trieb zur anderen Beckenseite. Ich nahm mir vor, solange liegenzubleiben, bis meine Haut aufgeweicht war und ich aussah, wie eine Wasserleiche. Danach würde ich essen gehen oder etwas bestellen und mir anschließend vielleicht einen Film im Kino ansehen. Das Beste daran war, ich konnte das alles tun, ohne das Gebäude zu verlassen. Das war das Gute daran, wenn man im dreizehnten Stockwerk über einem Einkaufszentrum wohnte. Dann stieß ich mit dem Kopf gegen die Beckenwand.

»Jesko?«

Ich schlug die Augen auf und sah eine paar bleiche Waden vor mir. Mein Blick glitt über die dicken Oberschenkel, das ausladende Becken, die speckigen Hüften, die gewaltigen Brüste bis hinauf zu dem breiten Gesicht, das mich angrinste.

»Hi, Zina.«

Sie war das Nachbarmädchen, neunzehn Jahre alt, und wir verstanden uns prächtig. Ich stellte, glaube ich, so eine Art Vaterersatz für sie dar, weil ihr alter Herr so ein Mistkerl war, mit dem man kein vernünftiges Wort reden konnte. Nicht, dass ich es jemals versucht hatte. Ich verließ mich da ganz auf Zinas Einschätzung.

»Was gibt’s?«, fragte ich fröhlich.

»Ich will dich ja nicht stören, aber heute ist Freitag.«

Sofort war ich hellwach. Ich drehte mich zum Beckenrand und kletterte heraus. »Danke, Schatz«, rief ich über die Schulter, packte meine Sachen zusammen und schlug mich in die Büsche, die die einzelnen Parzellen auf dem Dach des Einkaufszentrums voneinander abtrennten. Sie erstreckten sich bis zum nördlichen Ende des Dachs, an dem wo sich der Wohnturm zum Himmel streckte. Ich flankte über den Zaun und landete flach auf dem Bauch. Keine Sekunde zu früh, denn schon konnte ich die Stimme von Arthur Holsten durch den Garten donnern hören.

»War dieser Penner etwa schon wieder in meinem Pool? Wenn ich ihn jemals dabei erwische, werde ich ihn eigenhändig darin ertränken. Das ist ein Versprechen.«

»Aber Papa, das ist doch nicht so schlimm«, mischte sich Zina ein, und ich verzog das Gesicht. Tausendmal hatte ich ihr schon gesagt, sie solle sich bei ihrem Vater nicht für mich einsetzen, doch sie hörte nicht.

»Nicht schlimm? Jedes Mal muss ich danach das Wasser wechseln lassen. Man weiß ja nie, was man sich holen kann.«

Jetzt übertrieb er aber wirklich. Es war aber nicht unbedingt Rassismus, was mein Nachbar da praktizierte, sondern mehr eine Sehnsucht nach der guten alten Zeit, als alles seine Ordnung hatte. Wann auch immer das gewesen sein sollte. Ich schlich mich davon, weil ich keine Lust hatte, dabei zuzuhören, wie er seine Tochter beschimpfte. Manche Menschen verdienten einfach keine Kinder.

Meine eigenen Eltern hatten alles richtig gemacht, außer beim Einbruch des Eurotunnels 2146 zu sterben. Geboren wurde ich 2129 auf der Air Force Basis Ramstein. Heute, im Jahr 2167, hatte ich es gerade mal bis ans andere Ende von Deutschland geschafft. Ein Weltenbummler war etwas anderes. Wobei ich bemerken muss, dass ich zwar nicht viel von der Welt gesehen habe, aber dreizehn Monate auf der dunklen Seite des Mondes verbrachte. Das ist keine Umschreibung für eine unattraktive Gegend dieses Landes, ich rede tatsächlich von der erdabgewandten Seite von Luna.

Ich bestellte mir einige Speisen bei dem bulgarischen Restaurant im Einkaufszentrum unter mir, und während ich darauf wartete, erledigte ich mein Aikido-Training für diesen Tag. Es war Entspannung für Geist und Körper. Es besänftigte meine düsteren Gedanken und entspannte meinen geschundenen Körper. Außerdem war es die Art von Kampfsport, die zu meiner Mentalität passte: Nicht offensiv, sondern die Aggressivität meines Angreifers nutzend.

Anschließend verbrachte ich den Abend auf meinem Balkon und betrachtete die wechselnde Beleuchtung des Gebäudes auf der anderen Straßenseite. Links von mir hatte bis vor wenigen Jahren als Touristenattraktion ein U-Boot vor Anker gelegen. Als aber immer weniger Leute wussten, was es mit diesem Gefährt auf sich hatte, wurde es irgendwann verkauft und verschrottet. Für Nostalgie fehlte heute den meisten Menschen sowohl die Zeit als auch das Geld.

Ich war zufrieden mit meinem jetzigen Leben, auch wenn mir das niemand glauben wollte. Als gäbe es nur einen Weg, ein gutes Leben zu führen. Ich brauchte niemanden, mit dem ich zusammenleben und reden konnte. Alle hielten es sicher für eine Ausrede für sein Singledasein, aber das störte mich nicht. Da ich außerhalb der Arbeit kaum soziale Kontakte pflegte, gab es auch niemanden, dem gegenüber ich mich rechtfertigen musste. Die einsamen Abende auf meinem Balkon wollte ich um keinen Preis missen. Wenn ich etwas hätte ändern dürfen, dann wäre es das Damoklesschwert einer tödlichen Erkrankung, das permanent über mir schwebte.

Aus dem Pool weit unter mir kamen Geräusche, als würde Zina dort hart arbeiten. Dann ein erlösender Seufzer, als sie es auf die Luftmatratze geschafft hatte. Sie war ebenfalls allein, aber sie mochte es nicht. Das sanfte Plätschern, das sie beim Umhertreiben verursachte, lullte mich ein. Ich darf meine Ration nicht vergessen, dachte ich noch und schon trieb ich dem Reich der Träume entgegen.

 

*

Die Schmerzen weckten mich. Sie setzten immer sehr pünktlich ein, sodass man seine Ration an keinem Tag vergessen konnte. Aber natürlich versucht man zu vermeiden, dass es soweit kommt. Ich halte mich nicht für besonders zimperlich, aber ich fragte mich in solchen Momenten, wie es die Leute aushielten, die keine Medikamente zur Verfügung hatten. Ihre Tage mussten die Hölle sein und einzig darin bestehen, mit den Schmerzen zurechtzukommen. Undenkbar, dass sie in diesem Zustand einer Arbeit nachgehen konnten.

Die Schmerzen meldeten wie gesagt, wenn man die Einnahme vergessen hatte, oder wie in meinem Fall einfach verschlief. Trotzdem war es kein Vergnügen, von ihnen geweckt zu werden.

Zina kannte mein Problem, seit sie mich einmal als zitterndes Bündel im Parkhaus gefunden hatte. Damals hielt sie mich für einen Junkie, obwohl das auch nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist, denn ich bin schon lange abhängig von meiner Medizin.