Deins ist Meins - Tom Slee - E-Book

Deins ist Meins E-Book

Tom Slee

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19,99 €

Beschreibung

Airbnb, Uber und andere Unternehmen der Sharing Economy geben sich als Speerspitze eines neuen Wirtschaftens. Sie künden von einer Epoche, in der wir Eigentum und Dienstleistungen unter Gleichen teilen und tauschen. Die altbekannten Probleme des Kapitalismus – Überproduktion, Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung – könnten auf diese Weise gelöst werden, so das Versprechen, und Vertrauensbeziehungen zwischen vormals Fremden würden zu einer neuen, besseren Gesellschaft führen. Dieses Buch blickt hinter die Fassade und zeigt ein völlig anderes Bild: Einige wenige Firmen, die längst in den Händen der großen Risikokapitalgeber liegen, verdienen Milliarden an der Vermittlung von Teilen und Tauschen. Dabei dringen sie in vormals nicht ökonomisierte Lebensbereiche wie die Nachbarschaftshilfe vor, umgehen Errungenschaften wie Arbeitsschutzgesetze und Mindestlohn und verschärfen die Wohnungsnot in den Metro­polen der Welt. Damit verlagern sie das unternehmerische Risiko vollständig auf ihre Vertragspartner und schaffen ein neues Prekariat aus Tagelöhnern, das sich mit mager bezahlten Gelegenheitsjobs mühsam über Wasser hält. Deins ist Meins zeigt, wie sich eine gute Idee in ein ausbeuterisches Geschäftsmodell verwandelt hat, und stellt uns die unbequeme Frage, ob das die schöne neue Welt ist, zu der wir durch unser Konsumverhalten beitragen wollen.

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Seitenzahl: 355

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Tom Slee

DEINS ISTMEINS

Die unbequemen Wahrheitender Sharing Economy

Aus dem Englischenvon Ursel Schäfer

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

 

Für meine Mutter Audrey Slee

 

 

 

Bei den Hochgestelltengilt das Reden vom Essen als niedrig.Das kommt: sie haben schon gegessen.BERTOLT BRECHT, Deutsche Kriegsfibel

Deins ist meins,meins gehört mir.Sprichwort aus Yorkshire

INHALT

1  Die Sharing Economy

2  Die Landschaft der Sharing Economy

3  Ein Platz zum Schlafen dank Airbnb

4  Unterwegs mit Uber

5  Nachbarn helfen Nachbarn

6  Fremde vertrauen Fremden

7  Eine kurze Geschichte der Offenheit

8  Ganz weit offen

9  Deins ist meins

 

Danksagung

Bibliografie

Anmerkungen

1DIE SHARING ECONOMY

Die Sharing Economy ist eine Flut neuer Unternehmen, die mithilfe des Internets Kunden und Anbieter von Dienstleistungen zusammenbringen, um Geschäfte in der realen Welt zu tätigen, wie etwa die Kurzzeitvermietung von Wohnungen, Autofahrten oder Arbeiten im Haushalt. Mit atemberaubenden Wachstumsraten untermauern die Pioniere Uber und Airbnb ihren Anspruch, die traditionelle Fahrdienst- und Tourismusbranche zu revolutionieren. Ihnen folgen viele weitere Unternehmen, die darauf aus sind, ebenfalls einen Platz an der Spitze der Sharing Economy zu erobern.

Anhänger beschreiben die Sharing Economy teils als eine neue Unternehmensform, teils als soziale Bewegung – eine in der digitalen Welt vertraute Mischung von Kommerz und ethischem Anliegen. Zwar leben im Silicon Valley einige der reichsten Menschen der Welt; dennoch hat es sich immer so gesehen und präsentiert, als gehe es in ihren Geschäften um mehr als nur um Geld, nämlich um eine bessere Zukunft: Das Internet macht die Welt besser, nicht nur, indem es uns bessere Geräte und mehr Informationen schenkt, sondern indem es die Gesellschaft von Grund auf umgestaltet. Wir haben heute die Technologie, um Probleme lösen zu können, unter denen die Menschheit seit Jahrhunderten ächzt, um alte Institutionen und alte Regeln wegzufegen und durch computergestützte neue zu ersetzen.

Der Hype rund um die Sharing Economy hat vor ein paar Jahren begonnen, aber ins allgemeine Bewusstsein trat sie erst 2013 und 2014. Ihre Versprechen klingen in den Ohren vieler Menschen gut, ganz sicher klangen sie in meinen gut. Man beginnt mit informellen Tauschbeziehungen – einem Freund das Auto leihen, die Bohrmaschine ausborgen oder ein paar Besorgungen für die Nachbarn erledigen – und nutzt sodann das Internet, um sie im großen Stil zu organisieren, und schon können wir als Einzelne stärker aufeinander bauen als auf die anonymen, fernen Konzerne. Bei jedem Tauschgeschäft kann jemand ein bisschen Geld verdienen und jemand anderer ein bisschen Zeit sparen, was sollte daran schlecht sein? Wenn wir uns an der Sharing Economy beteiligen, sind wir nicht nur passive, materialistische Konsumenten, sondern stärken unsere Gemeinschaft; wir tragen dazu bei, dass ein neues Zeitalter der Offenheit anbricht, in dem wir überall offene Arme und helfende Hände finden.

Die Sharing Economy verspricht, einstmals machtlosen Individuen dabei zu helfen, mehr Kontrolle über ihr Leben zu erlangen, indem sie zu »Mikro-Unternehmern« werden. Wir können eigenverantwortlich handeln, uns nach Belieben in diese neue, flexible Form des Arbeitens ein- und wieder ausklinken und auf den Websites der Sharing Economy unsere eigenen Unternehmen gründen; wir können Gastgeber bei Airbnb werden, Fahrer bei Lyft, Handwerker bei Handy oder ein altruistischer Investor, der über Lending Club Geld verleiht. Die Bewegung scheint sich gegen all jene zu wenden, die derzeit den Markt beherrschen, wie große Hotelketten, Schnellrestaurants und Banken. Es ist eine egalitäre Vision, die den Austausch von Gleich zu Gleich einer hierarchischen Organisation vorzieht, und sie beruht darauf, dass das Internet Menschen zusammenführen kann: Die Sharing Economy verspricht, »die Amerikaner [und andere] dazu zu bringen, dass sie einander vertrauen«.1

Die Sharing Economy verspricht auch, eine nachhaltige Alternative zum üblichen kommerziellen Handel zu bieten und uns zu helfen, brachliegende Ressourcen besser zu nutzen – warum braucht jeder eine Bohrmaschine, die die meiste Zeit in einem Regal im Keller liegt, wenn wir teilen können? Wir brauchen weniger zu kaufen und können so unseren ökologischen Fußabdruck auf dem Planeten ein wenig verkleinern – warum nicht Uber nutzen, statt ein Auto anzuschaffen? Indem wir uns für Zugang statt Besitz entscheiden, können wir die Konsumfixierung überwinden, in der viele von uns sich gefangen fühlen. Wir können weniger materialistisch sein und Erlebnissen mehr Bedeutung einräumen als schnödem Besitz.

Was für ein Versprechen.

Nur geschieht leider etwas anderes und weniger Idyllisches: Die Sharing Economy dehnt den harten, deregulierten Markt auf Bereiche unseres Lebens aus, die bisher davor geschützt waren. Ihre führenden Unternehmen sind mittlerweile selbst Giganten und mischen sich immer mehr in die Geschäfte ein, die sie vermitteln, um selbst dabei Geld zu verdienen und sich als Marken zu behaupten. Während die Sharing Economy wächst, verändert sie Städte ohne Rücksicht auf all das, was sie lebenswert macht. Statt eine neue Offenheit und persönliches Vertrauen in unsere Interaktionen einzubringen, beschert sie uns eine neue Form der Überwachung, bei der die Dienstleister ständig damit rechnen müssen, angeschwärzt zu werden. Und während die CEOs der neuen Unternehmen in warmen Worten über die Communities ihrer Nutzer sprechen, herrscht in der Realität zentralistische Kontrolle. Die Marktplätze der Sharing Economy generieren neue und immer anspruchsvollere Formen des Konsums. »Der kleine Zusatzverdienst«, von dem so oft die Rede ist, sieht bei näherer Betrachtung genauso aus wie die Jobs der Frauen vor 40 Jahren, die nicht als »richtige« Arbeit mit einem auskömmlichen Lohn galten und deshalb auch nicht behandelt und bezahlt wurden wie die Arbeit von Männern. Statt den Einzelnen zu befreien und ihm die Kontrolle über sein Leben zurückzugeben, machen viele Unternehmen der Sharing Economy ihre Investoren und Manager reich und setzen eine Menge Software-Ingenieure und Marketingleute ins Brot. Und dabei höhlen sie die Schutzbestimmungen und Absicherungen aus, die Arbeitnehmer in jahrzehntelangen Kämpfen erstritten haben. Stattdessen müssen sich all jene, die in der Sharing Economy arbeiten, mit riskanten, prekären Jobs im Niedriglohnsektor begnügen.

Der Begriff »Sharing Economy«, »Wirtschaft des Teilens«, ist ein Widerspruch in sich. Bei »Teilen« denkt man an unkommerziellen, persönlichen Austausch mit anderen. Das Wort suggeriert, dass dabei kein Geld im Spiel ist oder dass der Austausch zumindest durch Großzügigkeit, durch den Wunsch zu geben und zu helfen, motiviert ist. Bei »Wirtschaft« denkt man an Transaktionen auf einem Markt: den vom Eigennutz motivierten Tausch von Geld gegen Waren oder Dienstleistungen. Es wurde viel darüber debattiert, ob »Sharing Economy« die richtige Bezeichnung für diese neue Flut von Unternehmen ist, und man hat alle möglichen anderen Bezeichnungen ausprobiert: kooperativer Konsum, Mesh Economy, Peer-to-Peer-Plattformen, Gig Economy, Concierge-Dienstleistungen oder, immer häufiger, »On-Demand-Economy«, »Wirtschaft auf Abruf«.

Ohne Zweifel wurde der Begriff »Teilen« über jedes vernünftige Maß hinaus strapaziert, während die Sharing Economy gewachsen ist und sich verändert hat. Aber wir brauchen trotzdem ein Wort, wenn wir über das Phänomen sprechen. Vielleicht hält sich die Bezeichnung »Sharing Economy« nicht mehr lange, doch heute, 2015, ist das nun einmal der gängige Name. Deshalb werde ich ihn verwenden, aus pragmatischen Gründen ohne den dauernden Zusatz »angeblich« oder lästige Anführungszeichen.2

Definitionen bringen uns nicht viel weiter, wenn wir über etwas so Fließendes und sich rasch Wandelndes sprechen wie die Sharing Economy; trotzdem müssen wir einige Grenzen um das Thema ziehen, um es schlüssig behandeln zu können. Kapitel 2 gibt einen Überblick über die Landschaft der Sharing Economy: Es erkundet, welche Art von Organisationen dazu zählen, woher sie kommen, was sie machen und wie sie sich finanzieren. Das Kapitel zeigt, dass es mindestens zwei Visionen der Sharing Economy gibt: Zum einen eine auf Gemeinschaftlichkeit und Kooperation gerichtete, die den persönlichen Austausch im kleinen Rahmen in den Mittelpunkt stellt. Und zweitens die weltumspannenden Ambitionen von Unternehmen, die Milliarden von Dollars ausgeben können, um weltweit demokratisch verabschiedete Gesetze auszuhebeln; die dabei Wettbewerber übernehmen, um zu wachsen, und (im Fall von Uber) nach neuen Technologien suchen, die ihre Arbeitskräfte überflüssig machen. Die erstere Vision könnte man mit der Formel bezeichnen: »Meins ist deins«. Die zweite nenne ich: »Deins ist meins«.

Es ist unmöglich, über die Sharing Economy zu sprechen, ohne ihre beiden unbestrittenen Vorreiter zu betrachten: Uber und Airbnb. Für viele Menschen sind diese beiden Firmen die Sharing Economy. Nach ihnen traten unzählige Nachahmer auf den Plan, die Wagniskapitalgeber damit umwarben, sie wollten »Uber im Bereich soundso« oder »das Airbnb des sowieso« werden. Uber und Airbnb, die im Abstand eines Jahres in der Region San Francisco gegründet wurden, sind seitdem sprunghaft gewachsen und haben ihr Geschäftsmodell in Städte rund um den Globus getragen. Ubers Marktwerkt übersteigt den der weltgrößten Autoverleihfirmen, Airbnb kann mit den größten Hotelketten der Welt mithalten, und obwohl es sich um scheinbar wenig glanzvolle Branchen handelt (Taxis, Wohnungsvermietungen), sind die jeweiligen Gründer inzwischen Milliardäre.

Die Technologie der beiden Firmen wird oft mit ähnlichen Begriffen beschrieben: Beide arbeiten mit Software-Plattformen, Websites und Apps für Mobilgeräte, um Konsumenten und Anbieter einer Dienstleistung zusammenzubringen, und behalten dafür einen Teil der Erlöse ein. Die Software wickelt auch die Zahlungen ab, und beide Unternehmen haben Bewertungsverfahren, die angeblich die Probleme der nötigen Kontrolle lösen, sodass Fremde einander vertrauen können.

Doch die beiden Unternehmen sind auch sehr unterschiedlich. Airbnb ist das Aushängeschild für Teilen: In ihren öffentlichen Äußerungen und ihrer Werbung malt die Firma das idyllische Bild einer »Stadt des Teilens«, in der »Tante-Emma-Läden wieder florieren …, die die Gemeinschaft fördert, in der Raum nicht verschwendet, sondern mit anderen geteilt wird«. Uber dagegen interessiert sich, wie der Name schon andeutet, nicht für etwas so Weiches und Wolkiges wie Gemeinschaft: Es agiert mit einem anspruchsvollen Bild von Status (»Jedermanns Privatchauffeur«), und von seinem streitlustigen CEO Travis Kalanick weiß man, dass er ein Fan von Ayn Rand und ihrer Ideologie des rücksichtslosen Individualismus ist.

Über beide Unternehmen gibt es in vielen Städten, in denen sie ihre Dienste anbieten, Kontroversen, weil sie gegen Gesetze und kommunale Vorschriften verstoßen, doch beide haben sich auch entschieden, ihr Wachstum rasant voranzutreiben, um die oft langsamen, unterbesetzten Stadtverwaltungen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Beide sind der Ansicht, dass ihre Innovationen die bestehenden Regeln hinfällig machen und ihre Technologien die Probleme lösen können, für die solche kommunalen Vorschriften gedacht waren, nur besser und eleganter.

In Kapitel 3 geht es um Airbnb. Es zeigt, dass sich das wahre Geschäft des Unternehmens sehr von dem Image unterscheidet, das es kultiviert, und dass sein Wachstum die Probleme in den Städten verschärft, in denen das Unternehmen aktiv ist, vor allem in den besonders beliebten Reisezielen. Kapitel 4 handelt von Uber: davon, wie sein Streben nach einer von den Konsumenten gelenkten Gesellschaft zu einer neuen Form prekärer Arbeitsverhältnisse führt, und von der Augenwischerei seiner Behauptungen, es biete zugleich billige Fahrten für Kunden und gut bezahlte Jobs für Fahrer.

Besorgungen erledigen und Putzen sind weitere glanzlose Jobs, für die sich neuerdings Wagniskapitalgeber interessieren. Mit der Lebensweise von Menschen, die in Bereichen arbeiten, die Dienstleistungen »auf Abruf« anbieten, befasst sich Kapitel 5, von frühen Pionieren wie TaskRabbit (»Nachbarn helfen Nachbarn«) bis zu neuen Marktteilnehmern, die jeden Gedanken an Gemeinschaft schon lange aufgegeben haben und nur noch darauf aus sind, wachsende, profitable Unternehmen aufzubauen. Weitere Beispiele für Firmen der Sharing Economy sind über das ganze Buch verstreut.

Vertrauen setzt dem sozialen Engagement von jeher Grenzen. Unser großzügiges Selbst würde sehr gern Tramper mitnehmen, aber wir haben Bedenken, dass es gefährlich sein könnte – ob wir den Trampern trauen können –, und deshalb spielt Trampen als Fortbewegungsmöglichkeit praktisch keine Rolle mehr. In Kapitel 6 schauen wir uns eine der großen Behauptungen der Sharing Economy näher an: dass sie das Internet nutzt, um das Problem des Vertrauens zwischen Fremden zu lösen, indem die Menschen sich gegenseitig bewerten. Die Bewertungsverfahren, Abkömmlinge der Systeme, auf deren Grundlage Amazon und Netflix Empfehlungen abgeben, sind in der digitalen Welt heute Alltag und werden als geradezu magische Instrumente gefeiert, um uns zu dem zu leiten, was wir wollen. Aber magisch sind sie ganz sicher nicht; ein Blick darauf, wie sie in der Praxis funktionieren, zeigt, dass sie ihre behaupteten Ziele verfehlen und zunehmend dazu dienen, unter den Bewerteten für permanente Überwachung und sogar Furcht zu sorgen.

Vielleicht sind Sie schon einmal Gastgeber oder Gast bei Airbnb gewesen; vielleicht haben Sie schon einmal jemanden für Uber gefahren oder sind gefahren worden; vielleicht haben Sie schon einmal ein Essen über Postmates bestellt oder ausgeliefert. Dieses Buch geht kritisch mit den Firmen und mit der gesamten Sharing Economy ins Gericht, aber es ist nicht meine Absicht, dass Sie sich schuldig fühlen oder meinen, sich dafür rechtfertigen zu müssen, an der Sharing Economy teilgenommen zu haben. Das Problem bei der Sharing Economy ist nicht die individuelle Inanspruchnahme der Dienste, um auf neuartige Weise Urlaub zu machen oder schnell von einem Ende der Stadt ans andere zu gelangen, genauso wenig wie die grundsätzlichen Probleme der Konsumgesellschaft darin liegen, dass jemand sein Auto volltankt oder ein Paar neue Schuhe kauft. Die Probleme liegen bei den Unternehmen und bei den Investoren, die solche Unternehmen nutzen, um in ihrem Streben nach privatem Reichtum eine umfassende Agenda der Deregulierung durchzusetzen.

Die Sharing Economy mag neu sein, aber sie hat eine Geschichte und einen Kontext, und beides müssen wir erforschen, wenn wir ihre Strategie und ihre Entwicklung verstehen wollen. In den Kapiteln 7 und 8 gehen wir zu den Anfängen der Sharing Economy in der Internetkultur zurück: den Werten und Praktiken, die für die Unternehmen im Silicon Valley und für die größere Welt der Technikbegeisterten typisch sind, von Open-Source-Programmierern über Bitcoin-Anhänger bis zur »Maker«-Bewegung und darüber hinaus.

Jede Zusammenfassung ist unvermeidlich eine grobe Vereinfachung, und natürlich gibt es unter den Anhängern Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten, doch ganz eindeutig gründen sie auf einer gemeinsamen Internetkultur. Zu ihr gehören die Werte der Rebellion, die sich aus einem Set von Einstellungen ableiten, das manchmal als Hackerethik bezeichnet wird. Das Hauptquartier von Facebook hat die Adresse »Hacker 1«, und das Wort HACK prangt in zwölf Meter großen Lettern auf der Fassade. Bis letztes Jahr lautete das Mantra des Unternehmens, »schnell sein und Dinge zerstören«. Mark Zuckerberg sagte kürzlich vor potenziellen Investoren: »Hacker glauben, dass alles immer besser werden kann und nichts jemals vollkommen ist. Sie müssen es einfach verbessern – oft unter den Augen von Menschen, die behaupten, dass das unmöglich ist, oder die mit dem Status quo zufrieden sind.«

Zur Internetkultur gehört auch die Überzeugung, dass das Internet selbst ein Schlüssel zu einer besseren Welt ist. Die Erfindung des Internets markiert einen Bruch mit der Vergangenheit und eine Gelegenheit, viele alte politische und gesellschaftliche Debatten neu zu führen. Die Unternehmen sehen sich bei diesen Debatten als aufgeklärte Teilnehmer mit einem gesellschaftlichen und unternehmerischen Mandat. Googles Mantra »Don’t be evil« (»Sei nicht böse«) fasst die Überzeugung zusammen, dass das Unternehmen neben einer technologischen auch eine moralische Mission hat.

Diese Internetkultur ist ebenso ambitioniert wie selbstsicher. Ihre Selbstsicherheit kommt in der Formulierung des Wagniskapitalgebers Marc Andreessen zum Ausdruck, »Software frisst die Welt auf«. Im weiteren Sinn ist sie ein Traum, der sich in Ideen wie Seasteading manifestiert (einer Bewegung, die von dem PayPal-Gründer Peter Thiel ins Leben gerufen wurde, um autonome, im Meer schwimmende Städte zu errichten) sowie im Transhumanismus (dem Glauben an »den Anbruch einer neuen Zivilisation, die es uns ermöglichen wird, unsere biologischen Grenzen zu überwinden und unsere Kreativität auszuweiten«, der seinen Ursprung in den Ideen des Erfinders und heutigen Google-Mitarbeiters Ray Kurzweil hat).

Genau wie Hollywood beides ist, ein physischer Ort und eine globale Industrie mit bestimmten Traditionen, Überzeugungen und Gepflogenheiten, ist auch das Silicon Valley mehr als eine Region – es ist das Kürzel für die Welt der digitalen Technologie, speziell der Internettechnologie. Zum Silicon Valley gehören große Konzerne wie Apple, Google, Facebook, Amazon und Microsoft und ebenso ein nicht abreißender Strom ehrgeiziger Start-ups, die nicht alle direkt im Silicon Valley beheimatet sind, aber Produkte der Internetkultur sind und von ihr angetrieben werden.

Die Sharing Economy ist aus der Internetkultur hervorgegangen, doch ihre Inspiration bezieht sie aus einem ganz bestimmten Grundsatz der Internetkultur: dem Glauben an die Vorzüge der Offenheit. Offenheit und Teilen gehen Hand in Hand: Wenn etwas offen ist, ist es keine Ware mehr, es wird aus dem Bereich des Privatbesitzes herausgenommen und allen Angehörigen einer Gemeinschaft zugänglich gemacht. So ist Open-Source-Software, deren Computercode von einem Netzwerk Gleichgesinnter entwickelt und kostenlos zur Verfügung gestellt wird, eine Anregung, auch physischen Besitz und Arbeit zu teilen. Wikipedia hat gezeigt, dass Software-Plattformen die Bemühungen von Millionen Mitarbeitern zusammenführen können, um etwas zu schaffen, das neu, weltumspannend und anders ist; es hat auch den Aufbau von Websites wie Airbnb und anderen angeregt. Angefangen mit Napster haben Filesharing-Websites Branchen herausgefordert, deren Geschäftsmodell auf Urheberrecht und Privatbesitz beruhte, wie Musik, Film und professionelle Fotografie. Die sozialen Netzwerke gibt es nur, weil Menschen bereit sind, offen zu sein und Informationen über sich mit anderen zu teilen. Die Open-Data-Bewegung will Verwaltungen offener machen, indem sie mit digitaler Technologie für mehr Transparenz und Innovation sorgt.

Kapitel 7 beschäftigt sich mit der Politik der Offenheit, aber seine Botschaft ist nicht so strahlend, wie die Anhänger der Sharing Economy es gerne hätten. Wirtschaftlich betrachtet hat Offenheit zwei Rollen: Sie ist eine Alternative zum Handel (Musik zu teilen ist eine Alternative zu Plattenläden), aber sie lässt auch neue Formen des Handels entstehen (durch Musik-Sharing ist YouTube entstanden), die wieder eigene Probleme mit sich bringen. Branchen, die auf Offenheit gründen, haben einige bemerkenswerte Dinge in die Welt gebracht, aber sie sind wiederholt daran gescheitert, ihre Versprechen von mehr Demokratie und Gleichheit zu erfüllen. Die Sharing Economy folgt eifrig dem Pfad, den ihre Vorgänger gebahnt haben.

Während das Silicon Valley immer reicher und mächtiger wurde, ist die Überzeugung, dass es sich finanziell lohnt, Gutes zu tun, und dass Märkte tatsächlich dazu genutzt werden können, gesellschaftlichen Wandel im großen Stil voranzutreiben, innerhalb der Internetkultur zur herrschenden Lehre geworden. Diese Sichtweise wird manchmal auch als die »kalifornische Ideologie«3 bezeichnet. Der Internetkultur gilt von weltweiter Armut über staatsbürgerliche Freiheiten bis hin zu Bildung und Gesundheitswesen die Verbindung von Technologie und Unternehmertum als Schlüssel zur Lösung unserer größten Probleme. Doch Märkte, Teilen und Gemeinwohl passen schlecht zusammen; um ihre Beziehungen geht es in Kapitel 8. Das Internet ist kein so vollständiger Bruch mit der Vergangenheit, wie manche gerne glauben wollen, und ein Blick auf unser Leben als Staatsbürger und darauf, wie unsere Städte funktionieren, zeigt, wie oft kommerzielle Interessen die nicht kommerziellen Formen des Teilens verdrängen. Es mag vorkommen, dass rund um Teilen und Offenheit neue Geschäftsideen entstehen, doch letztlich wird der Geschäftssinn die Oberhand über altruistisches Verhalten gewinnen, und der großzügige Impuls, der der Sharing Economy zugrunde lag, wird unter monetären Anreizen erstickt werden.

Die Sharing Economy ist jung und verändert sich rasch. Sie wird durch unser Verhalten als Konsumenten geprägt, aber auch durch unser Verhalten als Bürger und als Arbeitnehmer. Unternehmen der Sharing Economy behaupten, wir sollten ihnen und ihren Technologien vertrauen, wenn sie Funktionen übernehmen, die bisher Staaten innehatten: mehr Konsumentenschutz garantieren; dafür sorgen, dass Arbeitsverhältnisse anständig und fair ausgestaltet sind; Städte lebenswert und nachhaltig machen. Wir dürfen ihnen nicht vertrauen.

Ich habe dieses Buch geschrieben, weil die Agenda der Sharing Economy an Ideale appelliert, mit denen ich mich ebenso wie viele andere identifiziere: Ideale wie Gleichheit, Nachhaltigkeit und Gemeinschaftlichkeit. Die Sharing Economy hat weiterhin die Unterstützung und den Rückhalt vieler progressiv gesinnter Menschen, vor allem junger Menschen, die sich stark mit den Technologien identifizieren, die sie verwenden. Ihre Gefühle werden manipuliert, und am Ende werden sie als Betrogene dastehen. Die Sharing Economy beruft sich auf Ideale, um gewaltige Privatvermögen anzuhäufen, um echte Gemeinschaftlichkeit auszuhöhlen, um den Konsum noch mehr anzuregen und eine Zukunft zu schaffen, die prekärer und ungleicher ist als alles, was wir bisher hatten.

Es gibt auch andere, die keinen Widerspruch zwischen einer sozialen Bewegung und privaten, gewinnorientierten Firmen sehen: Sie glauben an »Benefit Corporations«, Sozialunternehmen, die gleichzeitig Gemeinwohl und Profit anstreben, und andere Formen des aufgeklärten Kapitalismus, von denen es rund um San Francisco, wo die Sharing Economy zu Hause ist, viele gibt. Ich hoffe, dass ich einige Menschen überzeugen kann, dass die Sharing Economy ihre Hoffnungen nicht erfüllen wird.

Und dann gibt es noch die vielen, die nichts dabei finden, die Vision von Ungleichheit und Deregulierung um ihrer selbst willen zu propagieren, in der das Geld die Aufgabe demokratischer Institutionen übernimmt. Ihnen hat dieses Buch nicht viel zu sagen.

Ich arbeite in der Technologiebranche und verbringe im Alltag viel Zeit mit Computern. Ich bezweifle nicht, dass neue Technologien einen wichtigen Beitrag zum Aufbau einer besseren Zukunft leisten können, aber sie sind keine Abkürzung auf dem Weg zur Lösung komplexer gesellschaftlicher Probleme oder zur Überwindung lange schwelender gesellschaftlicher Konflikte. Wenn die Verfechter der Sharing Economy etwas Nützliches schaffen wollen, müssen sie sich von der Hybris der Internetkultur verabschieden und von den Menschen lernen, die auf anderen Gebieten seit Jahren das Teilen praktizieren. Genau wie es keine Abkürzung zur Lösung komplexer gesellschaftlicher Probleme gibt, gibt es keine einfache Große Idee, wie man den schlimmen Seiten der Sharing Economy begegnen könnte. Ein erster Schritt ist, dass wir ihr wahres Gesicht erkennen.

2DIE LANDSCHAFT DER SHARING ECONOMY

Einen ersten Eindruck von der Struktur der Sharing Economy bekommt man, wenn man sich eine Organisation namens Peers anschaut. Peers wurde 2013 gegründet und bezeichnete sich selbst als eine »mitgliedergesteuerte Basisorganisation, die die Bewegung der Sharing Economy unterstützt«. Als Airbnb in Grand Rapids im Bundesstaat Michigan Probleme mit den örtlichen Vorschriften für Vermietungen bekam oder als in Silver Lake in Kalifornien ein Nachbarschaftsbeirat damit drohte, ein Verbot zu erwirken, drängte Peers die Gastgeber von Airbnb, sich bei den Beiräten für das Unternehmen einzusetzen. Als der Stadtrat von Seattle entschied, dass Lyft und Uber gegen Bestimmungen für Taxis verstießen, mobilisierte Peers Unterstützer, Petitionen zu unterzeichnen. Und diese Bemühungen waren nicht vergebens: Die Stadtverwaltungen gaben nach. In Kalifornien errang die Organisation einen ihrer größten Siege: Der Bundesstaat erkannte eine neue Kategorie von Verkehrsteilnehmern an, die sogenannten »Transportation Network Companies«, und schuf damit einen rechtlichen Rahmen, in dem Lyft, Uber, Sidecar und andere legal operieren können. Seither sind mehrere andere Bundesstaaten diesem Beispiel gefolgt.

Im Sommer 2014 standen 75 Partnerorganisationen auf der Website von Peers. Die Liste vermittelt einen Eindruck, wie die Landschaft der Sharing Economy aussieht. Das spanische Unternehmen Gudog ist »eine Plattform, die Hundebesitzer und vertrauenswürdige Hundesitter zusammenbringt«. Bei BoatBound »findest du das perfekte Boot mit oder ohne Kapitän«. Wer lieber isst, als mit einem Boot zu fahren, kann Cookening aufsuchen, eine Website, wo »dein Gastgeber kocht und mit dir isst, in seiner oder ihrer Wohnung«. Ein ähnliches Angebot wie Cookening hat EatWith, dessen »Gastgeber das Talent teilen, großartige Mahlzeiten zuzubereiten, und es lieben, andere Menschen in ihrer Wohnung zu begrüßen«. In diese Kategorie fällt auch Cookisto, eine Website, auf der »Nachbarn köstliche, selbst gekochte Mahlzeiten teilen«. Wenn Sie Arbeiten rund ums Haus erledigen lassen wollen, aber nicht das nötige Werkzeug haben, können Sie zu NeighborGoods gehen (»Dinge mit Nachbarn und Freunden teilen«) oder zu 1000 Tools (»ein Marktplatz für die Vermietung von Werkzeugen«) oder in Australien zu Open Shed (»warum kaufen, wenn du teilen kannst?«). Wenn Ihnen das Talent zum Heimwerker fehlt, können Sie TaskRabbit anrufen und sich Helfer schicken lassen; wenn Sie einen Büroraum zum Arbeiten brauchen, versuchen Sie es bei PivotDesk; wenn Sie Geld brauchen, gehen Sie zu crowdtilt; wenn Ihr Haus dringend geputzt werden sollte, hilft die Website von Homejoy weiter; wenn Sie einen Stellplatz für Ihr Auto suchen, probieren Sie es bei ParkAtMyHouse; wenn Sie ein Fahrrad oder ein Surfboard mieten wollen, finden Sie bei Spinlister das Passende. In der Sharing Economy gibt es für alle etwas.

Die meisten Angebote haben mit Fortbewegung zu tun: Unternehmen vermitteln Mitfahrgelegenheiten (Lyft, Sidecar), Carsharing (RelayRides), Leihfahrräder (Spinlister, Divvy) und anderes. Mahlzeiten und Haushaltsgeräte sind ebenfalls ein beliebtes Thema, ebenso Haushaltsdienstleistungen wie Putzen (Homejoy, proprly) und Besorgungen (TaskRabbit, PiggyBee). Fast alle Firmen wurden in den letzten Jahren gegründet.

Die Partner von Peers kommen von überall auf der Welt: sehr viele aus Kalifornien und New York, aber auch aus verschiedenen europäischen Ländern (PiggyBee ist ein belgisches Unternehmen, Blablacar ein französisches, Carpooling ein deutsches, Swapsee ein spanisches, ParkAtMyHouse ein britisches), aus Australien (Zookal, Airtasker) und auch aus Israel (EatWith, CasaVersa), Südafrika und der Türkei.

Diese Verschiedenheit, die große Bandbreite von kleinen, auf die Nachbarschaft fokussierten Unternehmen spricht umweltbewusste Menschen an und all jene, die Handwerkliches schätzen. Deshalb kann Rachel Botsman die Sharing Economy bei einer TED-Konferenz so beschreiben:

Im Kern geht es um Befähigung. Es geht darum, Menschen zu befähigen, dass sie wichtige Verbindungen knüpfen – Verbindungen, die uns erlauben, eine Menschlichkeit wiederzuentdecken, die wir irgendwo unterwegs verloren haben –, indem wir uns auf Marktplätzen wie Airbnb, Kickstarter oder Etsy engagieren, die statt auf leere Transaktionen auf persönliche Beziehungen setzen.1

Deshalb beginnen die Berichte in den Massenmedien auch oft mit Anekdoten und persönlichen Geschichten. Hier ein Beispiel aus dem Wall Street Journal:

Der heißeste Technologie-Trend sind Apps, mit denen alle alles teilen können. Dank einer solchen App hatte Grace Lichaa kürzlich eine Gruppe fremder Menschen bei sich, die ihre selbst gekochten Makkaroni aßen.

Etwa ein Dutzend Menschen, die sie über das Internet kennengelernt hatte, trafen, überwiegend pünktlich, im November in ihrem Haus in Washington D. C. ein, wo sie drei Sorten Makkaroni mit Käse servierte: mit Knoblauch überbacken, mit Ziegenkäse und Tomaten oder scharf gewürzt. Die 32-jährige Ms. Lichaa hatte auf der Website EatFeastly.com Plätze für ihre »Mac Attack« zum Preis von 19,80 Dollar angeboten.2

Im gleichen Tonfall berichtete Wired:

In etwa 40 Minuten wird Cindy Manit einen Menschen, den sie noch nie gesehen hat, in ihrem Auto mitnehmen. Eine App auf ihrem an der Windschutzscheibe befestigten iPhone wird sie zu einer Straßenecke im Viertel South of Market in San Francisco führen, wo eine rothaarige Frau in einem orangeroten Regenmantel und kaffeebraunen Stiefeln auf den Beifahrersitz ihres makellosen Mazda3 mit Fließheck, Baujahr 2006, schlüpfen und darum bitten wird, zum Flughafen gebracht zu werden.3

Peers ist nur einer der Blickwinkel, aus dem man die Struktur der Sharing Economy betrachten kann. 2013 legte Rachel Botsman eine Klassifikation von Dienstleistungen der Sharing Economy vor4, und 2015 veröffentlichte der Unternehmensberater Jeremiah Owyang ein eigenes Profil5. Neben den zitierten Beispielen führen sowohl Botsman wie Owyang Sektoren an, die bei den Mitgliedern von Peers unterrepräsentiert sind.

Ein prominenter Sektor ist Geld. Unternehmen, die wie Lending Club und Prosper Peer-to-Peer-Kredite vermitteln, nehmen für sich in Anspruch, Kreditkarten und Banken durch zinsgünstigere Darlehen unter Privatpersonen zu ersetzen. Lending Club ging im Dezember 2014 an die Börse, und das Volumen der Peer-to-Peer-Kredite wächst rasch: Mit Stand Mai 2015 haben die fünf größten Unternehmen fast eine Million Kredite vermittelt und generieren jährlich weitere Kredite mit einem Volumen von mehr als 10 Milliarden Dollar.6

Ein weiterer boomender Sektor ist das Teilen von Arbeitsräumen nach dem Motto »Zugang statt Besitz« für Start-ups und Freiberufler. WeWork, der Marktführer in diesem Bereich, hat für seine Expansion über 500 Millionen Dollar eingesammelt. Wired verglich WeWork explizit mit Uber und Airbnb, als das Unternehmen nach der letzten Finanzierungsrunde mit 5 Milliarden Dollar bewertet wurde:

Das ist ein stolzer Preis für eine Firma, die im Wesentlichen Büroräume vermietet. Aber das Geschäftsmodell von WeWork, das Immobilien mit Technologie kombiniert, fügt sich in den Trend der »Sharing Economy« ein, der die Investoren in den letzten Jahren dank Erfolgsgeschichten wie Uber und Airbnb fasziniert. Beide Unternehmen haben etablierte Branchen (Fahrdienste und Ferienwohnungen) mit Hightech aufgepeppt, und in der Folge haben beide Bewertungen erhalten, die weit über denen ihrer etablierten Vorläufer (Taxi- und Mietwagendienste und Hotels) liegen. Genauso funktioniert es jetzt bei WeWork.7

Botsman und Owyang dehnen beide die Definition der Sharing Economy stark aus und schließen auch Unternehmen mit ein, die weit außerhalb der Thematik dieses Buches liegen. Coursera und andere fordern die Universitäten heraus, indem sie in großem Umfang Online-Kurse anbieten (MOOCs, Massive Open Online Courses); Online-Marktplätze für Produkte – wie eBay und Etsy – hat es schon vor der Sharing Economy mit ihrem Fokus auf Tausch in der »realen Welt« gegeben; und Plattformen für Crowdfunding wie Kickstarter können als eine Erweiterung der Plattformen für Peer-to-Peer-Finanzierung gesehen werden.

Doch die Landschaft der Sharing Economy wird nicht nur durch das definiert, was dazugehört, sondern auch durch das, was nicht dazugehört. Die Soziologin Juliet Schor fasst die Situation folgendermaßen zusammen:

[Die Sharing Economy] umfasst nicht nur die unterschiedlichsten Aktivitäten, auch die Grenzen, die die Teilnehmer ziehen, sind verwirrend. Task-Rabbit, eine Website für »Besorgungen«, wird oft dazugezählt, Mechanical Turk (der Online-Arbeitsmarkt von Amazon) dagegen nicht. Airbnb ist praktisch ein Synonym für die Sharing Economy, aber traditionelle Bed-and-Breakfast-Angebote bleiben außen vor. Lyft, ein Vermittler von Mitfahrgelegenheiten, zählt sich dazu, Uber, ein weiterer Vermittler von Fahrdienstleistungen, dagegen nicht. Sollten nicht auch öffentliche Bibliotheken und Parks einbezogen werden? Als ich diese Fragen einigen Innovatoren der Sharing Economy stellte, antworteten sie eher pragmatisch: Die Plattformen und die Presse entscheiden, wer dazugehört und wer nicht.8

(Uber lehnte es anfangs ab, zur Sharing Economy gezählt zu werden, hat aber seit dem Start seines Dienstes UberX immer stärker die Sprache der Sharing Economy übernommen. Für einige Beobachter war Uber kein Unternehmen der Sharing Economy, doch inzwischen ist es eindeutig zu einem solchen geworden – Uber hat am meisten von Peers’ Bemühungen rund um »Mitfahrgelegenheiten« und besonders von der Einstufung als Transportation Network Company in Kalifornien profitiert.)

Normalerweise stellen Kommunen ihren Einwohnern gemeinsam genutzte Güter zur Verfügung, das gilt für kommunale Schwimmbäder und Fußballplätze ebenso wie für den Nahverkehr, Büchereien und vieles andere. Doch staatliche Einrichtungen fehlen auf der Liste von Peers. Unter den Partnern von Peers finden sich keine Vertreter aus der Welt der Lebensmittelkooperativen, Produktionsgenossenschaften, Leihbüchereien, Kleingartenvereine oder anderer Gruppen, die ohne digitale Unterstützung etwas miteinander teilen. Zipcar gehört dazu (gemeinsamer Zugriff auf ein Fahrzeug), der Jugendherbergsverband (gemeinsamer Zugang zu Unterkünften) dagegen nicht. Wenn man ihre Bezeichnungen wörtlich nimmt, scheinen viele Organisationen zur Sharing Economy zu passen, haben jedoch keine Verbindungen zu Peers, etwa Geschäfte, die Geräte vermieten, Secondhand-Läden, Bootsleihe oder auch große Autovermietungen.

Dennoch sind die Grenzen der Sharing Economy nicht willkürlich gezogen. Fast alle Mitglieder von Peers und alle Gruppen, die Botsman und Owyang nennen, konzentrieren sich auf Technologie, den zentralen Punkt bei der Sharing Economy. Die Namenswahl von Unternehmen der Sharing Economy macht klar, dass das Internet in ihrem Selbstverständnis eine zentrale Rolle spielt.

Unternehmen der Sharing Economy sind die kommerzielle Verkörperung der Idee, die der Autor Steven Johnson als »Peer Progressive« bezeichnet: Problemlösung durch Netzwerke. In seinem jüngsten Buch Future Perfect schreibt er: »Wenn in einer Gesellschaft ein Bedürfnis entsteht, das nicht befriedigt wird, sollte unser erster Impuls sein, mit anderen ein Netzwerk zu bilden, um das Problem zu lösen.« Ein »Peer-Netzwerk« bedeutet zuerst und vor allem, eine Software-Plattform im Internet zu errichten: eine Website und/oder mobile Anwendung, auf der Kunden und Dienstleister präsent sind und Güter und Dienstleistungen austauschen können.9

Aus anderen Blickwinkeln betrachtet, ist die Sharing Economy gar nicht so anders, wie es zunächst den Anschein haben mag.

Wenn man bedenkt, wie viel im Zusammenhang mit der Sharing Economy von Altruismus und Großzügigkeit die Rede ist, überrascht, dass in der überwältigenden Mehrheit kommerzielle Organisationen und nicht Non-Profit-Unternehmen dazu zählen. Von den 70 Namen bei Peers sind mehr als 60 gewinnorientierte Unternehmen, und mehr als 85 Prozent der Finanzmittel für Partner von Peers gingen an Firmen in Kalifornien. Die Partner sind zwar über den ganzen Globus verteilt, aber der Geldfluss zeigt, dass die Sharing Economy in erster Linie ein Phänomen des Silicon Valley ist (das ist ein Grund, warum sich dieses Buch auf amerikanische Ereignisse und Debatten konzentriert, obwohl ich Kanadier und Brite bin).

Drei Arten von Dienstleistungen dominieren: Beherbergung (43 Prozent), Beförderung (28 Prozent) und Bildung (17 Prozent). Im Beherbergungsbereich ist das meiste Geld an ein Unternehmen geflossen: Airbnb, das von 2009 bis zum Sommer 2014 insgesamt 800 Millionen Dollar eingesammelt hat, den Großteil davon in den letzten zwölf Monaten. Im Beförderungsbereich ist das meiste Geld an Lyft gegangen, insgesamt knapp über 300 Millionen Dollar, der Großteil im April 2014. Trotz all der Geschichten über Nachbarn, die sich Bohrmaschinen leihen, sind das die Unternehmen, die den Ton angeben und die Sharing Economy anführen.

Seit Sommer 2014 ist das Bild noch extremer geworden. Mit Stand August 2015 ist Airbnb 2,3 Milliarden Dollar schwer, Lyft eine Milliarde und sein Konkurrent Uber (kein Peers-Partner) sage und schreibe 7 Milliarden Dollar.10

Die Sharing Economy wird zwar oft als eine bunte Mischung von kommerziellen und nicht kommerziellen Initiativen weltweit dargestellt (vom Tausch von Werkzeugen bis zum Hüten von Haustieren), aber dieses Bild führt in die Irre. Die Sharing Economy besteht fast vollständig aus einer kleinen Zahl von Technologiefirmen, die auf einem gewaltigen Berg Beteiligungskapital sitzen.

Die Geschichte von Peers spiegelt die Spannung zwischen den vielfältigen, geografisch weit verstreuten Organisationen auf der Partnerliste und der Realität einiger weniger, finanziell gut ausgestatteter Firmen im Silicon Valley wider. Nach der Gründung wurde Peers zuerst von Natalie Foster geleitet, die zuvor als »Community Organizer« (Sozialarbeiterin) für die Regierung Obama und den Sierra Club gearbeitet hatte; weitere führende Mitglieder von Peers hatten einen ähnlichen Hintergrund. Peers beschrieb sich als eine von den Mitgliedern getragene Basisorganisation, die die Bewegung der Sharing Economy unterstützt, und es gab durchaus Menschen, die das glaubten.

Doch das Bild ist vielschichtiger. Bei der Gründung von Peers meldete sich ein weiterer Mitbegründer zu Wort, Douglas Atkin. Auch was er auf der Le-Web-Konferenz 2013 sagte, klingt nach Gemeinschaftlichkeit:

Ich würde gern über eine Bewegung für die Sharing Economy sprechen. Mit »eine Bewegung« meine ich genau das. Ich meine eine große Anzahl von Menschen, die an die gleichen Dinge glauben und aktiv werden, um zweierlei zu tun: die Sharing Economy groß machen und für ihre gemeinsamen Interessen gegen unfaire und unsinnige Hindernisse kämpfen.11

Douglas Atkin war jedoch nicht nur Verwaltungsratschef bei Peers, sondern ist auch Leiter der Abteilung Gemeinschaft und Mobilisierung bei Airbnb. Airbnb ist nicht als einziges Unternehmen mit Peers verwoben: Ein großer Teil der Finanzierung der Organisation kam von »sympathisierenden unabhängigen Spendern« und Stiftungen, wobei zu den unabhängigen Spendern auch Investoren und Manager von Start-ups der Sharing Economy gehörten. Die Chefin Natalie Foster führte die Idee für die Organisation auf eine finanzielle Starthilfe von Airbnb zurück, das »als Investorengespräch« bei Purpose begonnen hatte, einer Organisation, die »Bewegungen für das 21. Jahrhundert« initiierte12. Douglas Atkin zählte zu den Mitbegründern von Purpose.

Somit spiegelte sich diese Mischung von Gemeinschaftlichkeit und unternehmerischem Eigeninteresse auch in Peers wider. Atkin weiß selbst sehr genau, wie bedeutsam es ist, wenn ein Unternehmen mit einer Bewegung identifiziert wird. Er hat seine Gedanken 2004 in einem Buch mit dem Titel The Culting of Brands. Turn Your Customers into True Believers (Marken pflegen. Wie man aus Kunden überzeugte Anhänger macht) dargelegt. Darin rät er, erst zu definieren und zu erklären, was an einer Marke besonders ist – was sie vom Rest der Welt unterscheidet –, dann dafür zu sorgen, dass Mitglieder sich mit dem »Kult« identifizieren, und gleichzeitig Gegner auszumachen, die man dämonisieren kann.13 Bei seinem Auftritt auf der Le-Web-Konferenz wechselte Atkin ständig zwischen Businesssprache und Bewegungsjargon hin und her. In einer Passage seiner Ausführungen fordert er die Teilnehmer dazu auf, politisch aktiv zu werden:

Bei dem, worüber wir hier sprechen, geht es nicht nur darum, dass die Menschen Fähigkeiten miteinander teilen oder ihre Wohnung oder ihr Auto, sondern auch ihre kollektive Macht, die Sharing Economy gemeinsam zu erweitern und sich gegen etablierte Interessen zu wehren, die sich ihnen unfair entgegenstellen. Es geht um »die Macht der Menschen« oder genauer »die Macht der Peers«.

Aber schon im nächsten Augenblick steht der Businessgedanke im Zentrum seines Interesses:

Ich war bei einer Konferenz von Mitgliedern der Sharing Economy … Sie entwickelten Ideen – brillante Ideen –, um über verschiedene Geschäftsfelder hinweg Kunden zu teilen. Jemand schlug für die Peer-Economy sogar eine eigene Währung vor – vielleicht Bitcoin. Oder Punkte, um die Menschen zu motivieren, die Grenzen von Geschäftsfeldern zu überschreiten und neue Leute in diese neue Branche zu holen.

Insofern ist es nicht überraschend, dass sich fast alle Kampagnen von Peers auf die finanziell gut ausgestatteten Sektoren der Sharing Economy richteten, wie sie Airbnb und Lyft repräsentieren. Bei besonders aufsehenerregenden Kampagnen wie der Initiative für Fahrgemeinschaften 2014 in Seattle arbeitete Peers Seite an Seite mit den bestens finanzierten Initiativen von Lyft und Uber. Welche Absichten die stärker auf die Gemeinschaft konzentrierten Aktivisten von Peers auch haben mögen, die Gruppe funktionierte zumindest teilweise als Fassade für die Lobbyanstrengungen von Firmen im Silicon Valley.

Die Finanzierung größerer Unternehmen der Sharing Economy wirft ein Schlaglicht auf ihre widersprüchlichen Triebkräfte. Der Amazon-Chef und Milliardär Jeff Bezos hat sowohl in Airbnb wie auch in Uber investiert; die große Wagniskapitalfirma Andreessen Horowitz hat in Airbnb, Lyft und den Lieferdienst Instacart investiert; Founders Fund, ein Unternehmen, das der PayPal-Gründer und Milliardär Peter Thiel geschaffen hat und leitet, hat Airbnb, Lyft und TaskRabbit Geld gegeben. Goldman Sachs ist Investor bei Uber und bei WeWork, das auch Geld von JP Morgan bekommen hat. Lending Club schreibt in seinen E-Mails, »statt Zinsen an eine Kreditkartenfirma oder für einen herkömmlichen Bankkredit zu bezahlen, bekommst du ein Darlehen von normalen Menschen wie DU, die in DEINEN Erfolg investieren wollen«14, aber im Verwaltungsrat sitzen John Mack (ehemals Morgan Stanley) und Larry Summers (ehemals amerikanischer Finanzminister). Diese Art von Reichtum und in manchen Fällen explizit marktwirtschaftlicher Politik ist weit von dem Bild einer Basisbewegung entfernt, wie es Douglas Atkin beschworen hat.

Die Sharing Economy ist durchaus eine Bewegung: eine Bewegung für Deregulierung. Große Finanzinstitute und einflussreiche Wagniskapitalfonds ergreifen die Gelegenheit, die Regeln zu attackieren, die demokratisch gewählte Stadtverwaltungen überall auf der Welt aufgestellt haben, um die Städte nach ihren eigenen Interessen umzugestalten. Es geht nicht um eine Alternative zu einer von Konzernen geprägten Marktwirtschaft, sondern darum, die Prinzipien deregulierter freier Märkte auf immer neue Bereiche unseres Lebens auszudehnen. Die Begeisterung für »das Ende des Besitzdenkens«, wie ein Posting auf dem Blog von Andreessen Horowitz zur Sharing Economy lautet, kann man nur schwer ernst nehmen, wenn sie von den Inhabern der Firmen kommt, die in der Sharing Economy engagiert sind. Und wenn Atkin davon träumt, dass »Bürger sich zusammenschließen, um in der Sharing Economy ihre Interessen zu pflegen und gegen mächtige Unternehmen zu schützen«, muss man sich fragen, wo sein eigenes Unternehmen steht.

Gegen Ende seiner Rede bat Atkin um Hilfe:

Und so bin ich hier, um Ihnen von Plänen zu berichten, die die Menschen in die Lage versetzen werden, eine von den Mitgliedern getragene Bewegung für die Sharing Economy [Peers] ins Leben zu rufen. Wenn Sie so wollen, eine neue Art von Gewerkschaft für eine neue Art von Wirtschaft. Und ich bin auch hier, um Sie um Unterstützung zu bitten. Wenn Sie eine Plattform sind: Helfen Sie unseren Nutzern, diese Organisation zu schaffen und ihr beizutreten. Wenn Sie ein Meinungsführer sind, ein Blogger oder Redner bei einer Tagung: Setzen Sie sich dafür ein. Und wenn Sie ein bisschen Geld übrig haben, helfen Sie uns bitte bei der Finanzierung.

Die Chuzpe, die Zuhörer zu bitten, in ihre Taschen zu greifen und einer Organisation Geld zu geben, die von milliardenschweren Unternehmen gegründet wurde, ist bemerkenswert. Ein Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe, ist, Leuten wie Douglas Atkin entgegenzutreten, die die Rhetorik des kollektiven Handelns und der progressiven Politik usurpiert haben, um private Profitabsichten zu verfolgen.

Vielleicht haben Sie bemerkt, dass ich bei den Ausführungen über Peers die Vergangenheitsform verwendet habe. Das hat damit zu tun, dass Peers im Oktober 2014 seine Führungsriege und seine Mission geändert hat. Natalie Foster wurde von Shelby Clark abgelöst, Gründerin des Sharing-Economy-Unternehmens RelayRides. Im Dezember 2014 kündigte Clark die Aufspaltung von Peers in zwei Organisationen an: das Unternehmen Peers und die Stiftung Peers.15

Die Peers Foundation ist immer noch dabei, »die Zukunft zu definieren«. Aber das Unternehmen Peers, das weiter das Domainkürzel.org nutzt, das üblicherweise nicht gewinnorientierten Einrichtungen vorbehalten ist, präsentiert sich nicht länger als Basisorganisation von Aktivisten. Es ist inzwischen zum Dienstleistungsunternehmen für Menschen mutiert, die in der Sharing Economy arbeiten, das ihnen mit Rat bei Versicherungs- und Steuerfragen hilft und mit seinen Aktivitäten Geld verdienen will. Die Spannung zwischen einer aktivistischen, kommunitaristischen sozialen Bewegung und einem Unternehmen ist damit aufgelöst, und die kommerzielle Basis der Sharing Economy ist klarer erkennbar als je zuvor.

3EIN PLATZ ZUM SCHLAFEN DANK AIRBNB

Wenn es ein Unternehmen gibt, das exemplarisch für die Sharing Economy steht, dann ist es ganz sicher Airbnb. Wie wir bereits gesehen haben, hat es durch seinen Manager Douglas Atkin an der Gründung von Peers mitgewirkt. Das Buch von Rachel Botsman und Roo Rogers, What’s Mine Is Yours1, war ein wichtiges Werk für die Sharing Economy, weil es eine Vision formulierte, die die Bewegung zu definieren half. Dieses Buch beginnt mit der Geschichte der Anfänge von Airbnb, und auch bei ihrem Vortrag auf der TED-Konferenz zur Sharing Economy bezog sich Botsman auf Airbnb. Wenn führende politische Kommentatoren wie David Brooks und Thomas Friedman, beide Kolumnisten der New York Times, über die Sharing Economy schreiben, zitieren sie gern Airbnb-Chef Brian Chesky. Und Chesky spricht viel über die Werte des Teilens. Im März 2014 verfasste er einen reich bebilderten Essay im Stil eines Manifests mit dem Titel »Shared City«, der mit den Worten beginnt:

Stell dir vor, du könntest eine Stadt bauen, die geteilt wird. Wo die Menschen Mikro-Unternehmer werden und Tante-Emma-Läden florieren. Stell dir eine Stadt vor, die den Zusammenhalt fördert, wo Raum nicht verschwendet, sondern mit anderen geteilt wird. Eine Stadt, die mehr produziert, aber nicht mehr Abfall verursacht. Das mag vielleicht radikal klingen, aber es ist keine neue Idee. Städte sind ursprünglich Plattformen für das Teilen.2

Airbnb beruft sich auf diese Wurzeln. »Wenn du Airbnb verstehen willst, musst du unsere Anfänge verstehen«, heißt es im Unternehmensblog.3 Viele Unternehmen der Sharing Economy haben offenbar ähnlich begonnen: Ein paar talentierte junge Leute stießen auf ein Problem in ihrem Leben, richteten für die Suche nach einer Lösung eine Website ein und schauten dann, wie sie ein Unternehmen daraus machen konnten. Mithilfe von Geldgebern aus dem Silicon Valley bauten sie erfolgreiche, florierende Firmen auf.

Am Anfang von Airbnb standen ein paar junge ehemalige Designstudenten, die Probleme hatten, die astronomischen Mieten in San Francisco zu bezahlen. 2007 suchten Brian Chesky und Joe Gebbia nach Möglichkeiten, Geld aufzutreiben, als in San Francisco eine Konferenz der Design-Branche stattfand. Sie kauften ein paar aufblasbare Luftbetten und boten Schlafplätze für Konferenzbesucher an, die an billigen Übernachtungsmöglichkeiten interessiert waren. Daraufhin wurden sie mit Anfragen überschwemmt und erkannten, dass es für so etwas offenbar einen Markt gab. »Airbed & Breakfast« war geboren.

Seitdem ist die Entwicklung von Airbnb eine Geschichte von viel Arbeit und rasantem Wachstum. Nachdem die Gründer ihre Kreditkarten bis ans Limit strapaziert hatten, um die Anfänge zu finanzieren, erhielten sie ein frühes Investment von Paul Grahams Y-Combinator-Fonds. Um ihre Website bekannt zu machen, gingen sie in die größte Stadt, in der sie Gastgeber hatten (New York), und ließen ihre Gastgeber möglichst professionelle Fotos von ihren Zimmern herstellen. Die Buchungszahlen stiegen; bis heute sind professionelle Fotos der effektivste Weg, wie ein Gastgeber Gäste anlocken kann. Weitere Marketingmaßnahmen waren Werbung auf der Verpackung von Frühstücksflocken am Rand des Parteikongresses der Demokraten in Chicago und eine heftig kritisierte E-Mail-Kampagne über Craigslist.