Beschreibung

Die spannende Serie um Liebe und Freiheit von Bestseller-Autorin Lauren Oliver ("Wenn du stirbst") Was, wenn Liebe verboten wäre? Diese Frage stellt die romantische und fesselnde Amor-Trilogie (Delirium - Pandemonium - Requiem). Sie erzählt die Geschichte von Lena, in deren Welt die Liebe als gefährliche Krankheit gilt. Mit achtzehn müssen sich alle Jugendlichen einem vorbeugenden Eingriff unterziehen. Danach läuft keiner mehr Gefahr, sich zu verlieben. Doch als Lena kurz vor ihrer Operation Alex kennenlernt, entwickelt sie sich von einer angepassten Mitläuferin zur Rebellin. Alle drei Teile jetzt als E-Box!

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Außerdem von Lauren Oliver im Carlsen Verlag:Annabel / Hana / Raven, Geschichten aus der Welt der Amor-TrilogieAls ich dich suchteLiesl & Mo und der mächtigste Zauber der WeltPanic – Wer Angst hat, ist rausWenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen siewww.bittersweet.de CARLSEN-Newsletter: Tolle Lesetipps kostenlos per E-Mail! Unsere Bücher gibt es überall im Buchhandel und auf carlsen.de. Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich eventuell Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Carlsen Verlag GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt. Dies ist ein fiktionales Werk. Alle Figuren, Ereignisse und Dialoge entspringen der Fantasie der Autorin und bilden nicht die Realität ab. Jede Ähnlichkeit mit wirklichen Geschehnissen beziehungsweise lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig. An die Bewohner Portlands (Maine) und seiner Umgebung: Bitte entschuldigt alle Ausschmückungen und Änderungen, die ich mir mit eurer herrlichen Gegend erlaubt habe. Das Zitat in Delirium stammt aus E.E. Cummings Gedicht »i carry your heart with me«, dt. »Ich trage dein Herz bei mir. Ich habe es stets dabei …«. Übersetzung von Lars Vollert, aus: »like a perhaps hand. Poems – Gedichte«, © Verlag C.H. Beck, München 2010, S. 97. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Veröffentlicht im Carlsen Verlag Originalcopyright © Laura Schechter 2011 (Delirium) / 2012 (Pandemonium) / 2008 (Requiem) Originalverlag: HarperCollins Children’s Books, a division of HarperCollins Publishers, New York Originaltitel: Delirium / Pandemonium / Requiem Copyright © der deutschsprachigen Ausgaben: 2011, 2013 / 2012, 2014 / 2014, 2016 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg Aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier Covergestaltung: formlabor Satz und E-Book-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-646-92816-7

Für all diejenigen, die mich in der Vergangenheit mit Amor deliria nervosa infiziert haben – ihr wisst, wer gemeint ist. Für all diejenigen, die mich in Zukunft infizieren werden – ich kann es kaum erwarten, euch kennenzulernen. Und an euch alle: Danke.

eins

Die gefährlichsten Krankheiten sind die, die einem das Gefühl geben, gesund zu sein.

Spruch 42, Das Buch Psst

Es ist jetzt vierundsechzig Jahre her, dass der Präsident und das Konsortium die Liebe als Krankheit identifiziert haben, und vor dreiundvierzig Jahren haben die Wissenschaftler ein Heilmittel dagegen entwickelt. In meiner Familie haben alle den Eingriff bereits hinter sich. Meine ältere Schwester Rachel ist jetzt seit neun Jahren gesund. Sie ist schon so lange gegen die Liebe immun, dass sie sagt, sie erinnere sich noch nicht einmal mehr an ihre Symptome. Mein Eingriff findet in genau fünfundneunzig Tagen statt, am 3.September. Meinem Geburtstag.

Viele Leute haben Angst vor dem Eingriff. Manche Leute wehren sich sogar dagegen. Aber ich habe keine Angst. Ich kann es kaum erwarten. Mir wäre es am liebsten, er wäre gleich morgen, aber man muss mindestens achtzehn sein, bevor man geheilt wird, manchmal sogar noch ein bisschen älter. Sonst funktioniert der Eingriff nicht richtig: Die Folgen können Hirnschäden, partielle Lähmungserscheinungen, Blindheit oder Schlimmeres sein.

Der Gedanke, dass ich immer noch die Krankheit im Blut habe, gefällt mir nicht. Manchmal kann ich sie regelrecht spüren, wie sie sich in meinen Adern windet wie etwas Verdorbenes, saure Milch oder so etwas. Ich fühle mich schmutzig. Ich muss an Kinder mit Wutanfällen denken. An Widerstand, an kranke Mädchen, die mit ihren Fingernägeln über den Asphalt kratzen und sich die Haare ausreißen, während ihnen Speichel aus dem Mund tropft.

Und natürlich muss ich an meine Mutter denken.

Nach dem Eingriff werde ich für immer glücklich und immun sein. Das sagen alle, die Wissenschaftler, meine Schwester und Tante Carol. Erst wird der Eingriff gemacht und dann wird mir ein Junge zugeteilt, den die Gutachter für mich auswählen. In ein paar Jahren heiraten wir. In letzter Zeit träume ich nachts von meiner Hochzeit. Ich stehe mit Blumen im Haar unter einem weißen Baldachin und halte die Hand von jemandem. Aber immer, wenn ich mich zu ihm umdrehe, verschwimmt sein Gesicht und ich kann ihn nicht erkennen. Doch seine Hände sind kühl und trocken und mein Herz klopft gleichmäßig in meiner Brust – und in meinem Traum weiß ich, dass es immer in diesem Rhythmus weiterschlagen wird, nicht aussetzen oder hüpfen, flattern oder rasen, einfach nur bumm, bumm, bumm, bis ich sterbe.

Immun und schmerzlos.

Es war nicht immer alles so gut wie jetzt. In der Schule haben wir gelernt, dass die Leute früher, in den dunklen Zeiten, nicht wussten, was für eine tödliche Krankheit die Liebe ist. Sie hielten sie lange sogar für etwas Gutes, etwas, worüber man sich freuen und wonach man streben sollte. Aber genau deshalb ist sie ja so gefährlich: »Sie beeinträchtigt den Verstand, bis man nicht mehr in der Lage ist, klar zu denken oder rationale Entscheidungen über das eigene Wohlergehen zu treffen.« (Das ist Symptom Nummer zwölf aus dem Abschnitt über Amor deliria nervosa im Persönlichen Sicherheits- und Schutztraktat. Glück und Gesundheit für alle, 12. Auflage, oder, wie wir es nennen, Das Buch Psst.) Die Leute damals sprachen von anderen Krankheiten – von Stress, Herzbeschwerden, Angstzuständen, Depressionen, Bluthochdruck, Schlaflosigkeit, bipolarer Störung –, ohne zu bemerken, dass dies nur Symptome der Amor deliria nervosa waren.

Natürlich sind wir in den Vereinigten Staaten noch nicht völlig erlöst von der Deliria. Solange der Eingriff nicht perfektioniert wird, solange er nicht sicher für unter Achtzehnjährige ist, werden wir nie vollkommen vor der Krankheit gefeit sein. Sie bewegt sich immer noch mit unsichtbaren, suchend ausgestreckten Tentakeln unter uns und nimmt uns in ihren Würgegriff. Ich habe unzählige Ungeheilte gesehen, die zu ihrem Eingriff gezerrt wurden, gequält und gezeichnet von der Liebe. Sie hätten sich lieber die Augen ausgekratzt oder versucht, sich an den Stacheldrahtzäunen um die Labors herum aufzuspießen, anstatt sich von ihr loszusagen.

Vor einigen Jahren gelang es einem Mädchen am Tag des Eingriffs, aufs Dach des Laboratoriums zu klettern. Sie fiel schnell, ohne einen Schrei. Noch Tage später brachten sie das Gesicht des toten Mädchens in den Nachrichten, um uns an die Gefahren der Deliria zu erinnern. Ihre Augen waren offen und ihr Hals unnatürlich verrenkt, aber so, wie ihre Wange auf dem Asphalt ruhte, hätte man meinen können, sie habe sich hingelegt, um ein Nickerchen zu halten. Es war überraschend wenig Blut zu sehen – nur ein kleines dunkles Rinnsal in ihren Mundwinkeln.

Noch fünfundneunzig Tage, dann bin ich immun. Natürlich bin ich aufgeregt. Ich frage mich, ob der Eingriff wohl wehtun wird. Ich will es hinter mich bringen. Es ist nicht leicht, geduldig zu sein. Es ist nicht leicht, keine Angst zu haben, solange ich noch nicht geheilt bin, obwohl ich bisher nicht von der Deliria befallen worden bin.

Trotzdem mache ich mir Sorgen. Es heißt, die Liebe habe die Leute früher in den Wahnsinn getrieben. Das ist schon schlimm genug. Das Buch Psst berichtet aber auch von Menschen, die gestorben sind, weil sie die Liebe verloren oder nie gefunden haben. Und das macht mir am meisten Angst.

Die gefährlichste aller Krankheiten. Sie endet auf jeden Fall tödlich, ob man sie hat oder nicht.

zwei

Wir müssen ständig auf der Hut vor der Krankheit sein;

die Gesundheit unserer Nation, unseresVolkes, unserer Familien und

unseres Geistes hängt von ständigerWachsamkeit ab.

»Wesentliche Maßnahmen zum Gesundheitsschutz«,Das Buch Psst

Der Geruch nach Orangen erinnert mich immer an Beerdigungen. Am Morgen meiner Evaluierung wache ich von genau diesem Geruch auf. Ich werfe einen Blick auf den Wecker, der auf dem Nachttisch steht. Es ist sechs Uhr.

Das Licht ist noch grau, die Sonne dringt nur langsam in das Zimmer, das ich mir mit den beiden Töchtern meiner Cousine teile. Grace, die jüngere, kauert bereits angezogen auf ihrem Bett und beobachtet mich. Sie hält eine ganze Orange in der Hand und versucht mit ihren kleinen Kinderzähnen hineinzubeißen wie in einen Apfel. Mein Magen zieht sich zusammen und ich schließe die Augen, um die Erinnerung an das warme, kratzige Kleid zu vertreiben, das ich anziehen musste, als meine Mutter gestorben war; die Erinnerung an die murmelnden Stimmen, eine große, raue Hand, die mir ein Stück Orange nach dem anderen reichte, damit ich daran sog und still war. Während der Beerdigung aß ich vier Orangen, Stück für Stück, und als nur noch ein Haufen Schalen auf meinem Schoß übrig war, begann ich an ihnen zu saugen. Der bittere Geschmack half mir, die Tränen zurückzuhalten.

Ich schlage die Augen auf und Grace beugt sich vor, die Orange in der ausgestreckten Handfläche.

»Nein, Gracie.« Ich schiebe die Decke weg und stehe auf. Mein Magen ballt sich zusammen wie eine Faust und entspannt sich wieder. »Und die Schale kann man übrigens nicht mitessen.«

Sie blinzelt weiterhin mit ihren großen grauen Augen zu mir auf, ohne etwas zu sagen. Ich seufze und setze mich neben sie. »So«, sage ich und zeige ihr, wie sie die Orange mit dem Fingernagel schälen kann. Ich pelle leuchtend orangefarbene Kringel ab und lasse sie in ihren Schoß fallen, wobei ich die ganze Zeit die Luft anhalte, um den Geruch nicht einzuatmen. Grace sieht mir schweigend zu. Als ich fertig bin, hält sie die geschälte Orange in beiden Händen, als wäre es eine Glaskugel und sie hätte Angst, sie zu zerbrechen.

Ich gebe ihr einen Stups. »Los, jetzt kannst du sie essen.« Sie starrt sie bloß an und ich seufze erneut und fange an, die Orange nach und nach für sie in Stücke zu teilen. Dabei flüstere ich so freundlich wie möglich: »Weißt du, die anderen wären netter zu dir, wenn du gelegentlich etwas sagen würdest.«

Sie antwortet nicht. Nicht, dass ich wirklich damit gerechnet hätte. Tante Carol hat Grace in den sechs Jahren und drei Monaten ihres Lebens kein Wort sagen hören – nicht eine einzige Silbe. Carol glaubt, mit Gracies Gehirn sei etwas nicht in Ordnung, aber bisher haben die Ärzte nichts gefunden. »Sie ist strohdoof«, hat Carol erst neulich ungerührt festgestellt, als sie Grace dabei beobachtete, wie sie einen bunten Block in den Händen drehte wie etwasWunderschönes und Geheimnisvolles, als erwartete sie, dass er sich jeden Moment in etwas anderes verwandeln würde.

Ich stehe auf und gehe zum Fenster, weg von Grace und ihren großen, starrenden Augen und ihren dünnen, schnellen Fingern. Sie tut mir leid.

Marcia, Gracies Mutter, ist tot. Sie hatte ursprünglich immer gesagt, sie wolle keine Kinder. Das ist eine der Kehrseiten des Eingriffs: Ohne die Deliria nervosa ist manchen Leuten die Vorstellung, Eltern zu werden, zuwider. Glücklicherweise gibt es nur selten Fälle ausgeprägter Ablehnung – in denen ein Elternteil unfähig ist, eine normale, pflichtgemäße und verantwortungsvolle Bindung zu seinen Kindern aufzubauen, und sie schließlich ertränkt, ihnen die Luft abdrückt oder sie totschlägt, weil sie weinen.

Aber die Gutachter entschieden, dass Marcia zwei Kinder bekommen sollte. Damals schien das sinnvoll. Ihre Familie hatte in der Jahresuntersuchung hohe Stabilitätswerte erreicht. Ihr Mann war ein renommierter Wissenschaftler. Sie wohnten in einem riesigen Haus in der Winter Street. Marcia war eine begeisterte Köchin und gab in ihrer Freizeit Klavierunterricht.

Aber als Marcias Ehemann in den Verdacht geriet, ein Sympathisant zu sein, änderte sich natürlich alles. Marcia und ihre Kinder Jenny und Grace mussten wieder zu Marcias Mutter, meiner Tante Carol, ziehen, und überall, wo sie hingingen, tuschelten die Leute und zeigten mit dem Finger auf sie. Grace erinnert sich daran bestimmt nicht mehr; es würde mich wundern, wenn sie überhaupt irgendwelche Erinnerungen an ihre Eltern hätte.

Marcias Mann verschwand, bevor der Prozess begann. Wahrscheinlich war das gut so. Es sind meistens Schauprozesse. Sympathisanten werden fast immer hingerichtet. Wenn nicht, bekommen sie dreimal lebenslänglich und werden in die Grüfte gesperrt. Das wusste Marcia natürlich. Tante Carol glaubt, dass Marcias Herz deshalb nur wenige Monate nach dem Verschwinden ihres Ehemanns den Geist aufgegeben hat, als sie an seiner Stelle angeklagt wurde. Einen Tag nachdem ihr die Unterlagen zugestellt wurden, ging sie die Straße entlang und – zack! Herzinfarkt.

Herzen sind zerbrechlich. Deshalb muss man so vorsichtig damit sein.

Heute wird ein heißer Tag, das merkt man. Es ist jetzt schon heiß im Zimmer, und als ich das Fenster einen Spaltbreit öffne, um den Orangengeruch rauszulüften, fühlt sich die Luft draußen so dick und schwer an wie eine Zunge. Ich atme den sauberen Geruch von Seetang und feuchtem Holz ein, höre auf die entfernten Schreie der Möwen, die irgendwo hinter den niedrigen grauen Gebäuden über der Bucht ihre endlosen Kreise ziehen. Ein Automotor heult draußen auf. Das Geräusch erschreckt mich und ich zucke zusammen.

»Nervös wegen deiner Evaluierung?«

Ich drehe mich um. Tante Carol steht mit gefalteten Händen in der Tür.

»Nein«, sage ich, obwohl das gelogen ist.

Sie lächelt kaum wahrnehmbar, nur ein kurzes Zucken. »Keine Sorge, das wird schon. Geh duschen, nachher helfe ich dir mit deinen Haaren. Auf dem Weg können wir deine Antworten noch mal durchgehen.«

»Okay.« Meine Tante starrt mich weiter an. Ich winde mich innerlich und kralle meine Fingernägel ins Fensterbrett hinter mir. Ich habe es schon immer gehasst, gemustert zu werden. Aber ich werde mich wohl daran gewöhnen müssen. Während der Prüfung werden mich vier Gutachter zwei Stunden lang aus nächster Nähe anstarren. Und dabei werde ich nichts als einen dünnen Plastikkittel tragen – halb durchsichtig –, damit sie meinen Körper sehen können.

»Sieben oder acht Punkte, schätze ich«, sagt meine Tante und schürzt die Lippen. Das wäre ein anständiges Ergebnis und darüber wäre ich froh. »Allerdings wirst du nicht mehr als sechs Punkte bekommen, wenn du dich jetzt nicht wäschst.«

Die zwölfte Klasse ist fast vorbei und die Evaluierung ist mein letzterTest. In den vergangenen vier Monaten hatte ich alle meine Abschlussprüfungen – Mathe, Naturwissenschaften, mündliche und schriftliche Leistungstests, Soziologie, Psychologie und Fotografie (als Wahlfach) –, und irgendwann in den nächsten paar Wochen erfahre ich meine Noten. Ich bin ziemlich sicher, dass ich gut genug abgeschnitten habe, um aufs College zu dürfen. Ich war schon immer eine gute Schülerin. Die akademischen Sachverständigen werden meine Stärken und Schwächen analysieren und mir dann eine Uni und ein Studienfach zuweisen.

Die Evaluierung ist der letzte Schritt, bevor ich einem Partner zugeteilt werde. In den kommenden Monaten werden mir die Gutachter eine Liste mit vier oder fünf genehmigten Treffern zuschicken. Einer davon wird dann nach meinem Collegeabschluss mein Ehemann (vorausgesetzt, ich habe alle meine Abschlussprüfungen bestanden. Mädchen, die durchfallen, heiraten den ihnen zugeteilten Partner direkt nach der Highschool). Die Gutachter werden ihr Bestes tun, um mich mit jemandem zusammenzubringen, der ein ähnliches Ergebnis in der Evaluierung erreicht hat. So weit wie möglich versuchen sie große Unterschiede bei Intelligenz, Temperament, sozialer Herkunft und Alter zu vermeiden. Natürlich hört man gelegentlich auch Horrorstorys: Fälle, in denen ein armes achtzehnjähriges Mädchen an einen wohlhabenden Achtzigjährigen vergeben wurde oder so.

Die Treppe gibt ihr grässliches Ächzen von sich und Gracies Schwester Jenny erscheint. Sie ist neun und groß für ihr Alter, aber sehr dünn: Sie ist nur Haut und Knochen und ihre Brust ist eingesunken wie ein gewölbtes Backblech. Es ist nicht nett von mir, aber ich mag sie nicht besonders. Sie sieht genauso verhärmt aus wie ihre Mutter früher.

Sie stellt sich neben meine Tante in die Tür und starrt mich an. Ich bin nur eins siebenundfünfzig groß und Jenny ist erstaunlicherweise nur ein paar Zentimeter kleiner als ich. Es ist albern, vor meiner Tante und meinen Cousinen verlegen zu sein, aber ein heißes Kribbeln kriecht meine Arme hinauf. Ich weiß, dass sie sich alle Sorgen um mein Abschneiden bei der Evaluierung machen. Es ist wichtig, dass mir jemand Gutes zugeteilt wird. Für Jenny und Grace sind es noch Jahre bis zu ihrem Eingriff. Wenn ich eine gute Partie mache, bedeutet das in einigen Jahren ein Extraeinkommen für die Familie. Es würde vielleicht auch das Getuschel zum Verstummen bringen, die Fetzen hämischen Singsangs, die uns vier Jahre nach dem Skandal immer noch überallhin zu folgen scheinen wie das Geräusch raschelnder Blätter im Wind: Sympathisant, Sympathisant, Sympathisant.

Das ist nur geringfügig besser als das andere Wort, das mich nach dem Tod meiner Mutter jahrelang verfolgte, ein schlangenähnliches Zischen, das dahinkriecht und eine Giftspur hinter sich zurücklässt: Selbstmord. Ein Wort, das zur Seite gesprochen wird, ein Wort, das die Leute flüstern, wispern und hüsteln; ein Wort, das hinter vorgehaltener Hand gesagt oder in verschlossenen Räumen gemurmelt wird. Nur in meinen Träumen hörte ich, wie das Wort gebrüllt, herausgeschrien wurde.

Ich hole tief Luft, dann bücke ich mich, um die Plastikkiste unter meinem Bett hervorzuziehen, damit meine Tante nicht sieht, dass ich zittere.

»Heiratet Lena heute?«, fragt Jenny. Ihre Stimme erinnert mich immer an Bienen, die träge in der Hitze summen.

»Red keinen Unsinn«, sagt meine Tante, aber sie klingt nicht ärgerlich. »Du weißt doch, dass sie nicht heiraten kann, bevor sie geheilt ist.«

Ich hole mein Handtuch aus der Kiste und richte mich auf, das Handtuch gegen die Brust gedrückt. Von diesem Wort – heiraten – bekomme ich einen ganz trockenen Mund. Alle heiraten, sobald sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben. So ist das nun mal. »Die Ehe steht für Ordnung und Stabilität, sie ist das Kennzeichen einer gesunden Gesellschaft. (siehe Das Buch Psst, »Grundlagen der Gesellschaft«, S.114). Aber beim Gedanken daran beginnt mein Herz trotzdem heftig zu flattern wie ein Insekt hinter Glas. Ich habe noch nie einen Jungen berührt – natürlich nicht, denn Körperkontakt mit Ungeheilten des anderen Geschlechts ist verboten. Ehrlich gesagt habe ich noch nicht mal mehr als fünf Minuten mit einem Jungen geredet, abgesehen von meinen Cousins, meinem Onkel und Andrew Marcus, der meinem Onkel im Stop-N-Save hilft, dauernd in der Nase bohrt und seine Popel unter die Gemüsekonserven schmiert.

Und wenn ich meine Abschlussprüfungen nicht bestanden habe – bitte, bitte, guter Gott, mach, dass ich bestanden habe –, wird meine Hochzeit stattfinden, sobald ich geheilt bin, in weniger als drei Monaten. Was bedeutet, dass auch meine Hochzeitsnacht stattfinden wird.

Der Orangengeruch ist immer noch sehr intensiv und mein Magen zieht sich erneut zusammen. Ich vergrabe das Gesicht in meinem Handtuch und atme ein, um die Übelkeit zu vertreiben.

Von unten ist Geschirrklappern zu hören. Meine Tante seufzt und sieht auf die Uhr.

»Wir müssen in weniger als einer Stunde los«, sagt sie. »Du machst besser voran.«

drei

Herr, hilf uns, mit den Füßen auf der Erde zu bleiben

Und mit den Augen auf demWeg

Und immer der gefallenen Engel zu gedenken,

Die beimVersuch, sich zu erheben,

Von der Sonne versengt wurden und mit verglühenden Flügeln

Ins Meer stürzten.

Herr, hilf mir, den Blick auf der Erde zu halten

Und ihn nicht vomWeg abzuwenden,

Auf dass ich niemals stolpere.

42. Psalm

Meine Tante besteht darauf, mich zu den Labors zu begleiten, die bei den anderen Regierungsbüros unten am Pier stehen: eine Reihe leuchtend weißer Gebäude, die wie Zähne über dem schlürfenden Mund des Ozeans glitzern. Als ich noch klein und gerade erst zu ihr gekommen war, brachte sie mich jeden Tag zur Schule. Meine Mutter, meine Schwester und ich hatten näher an der Grenze gewohnt, und ich war fasziniert und entsetzt von all den gewundenen, düsteren Straßen, die nach Müll und altem Fisch stanken. Ich wünschte mir immer, meine Tante würde meine Hand halten, aber das tat sie nie, und ich ballte die Fäuste, folgte dem hypnotisierenden Rascheln ihrer Cordhose und fürchtete mich vor dem Augenblick, in dem die St.-Anne-Mädchenschule über der Kuppe des letzten Hügels auftauchen würde, dieses dunkle Gebäude aus Stein, das von Rissen und Furchen überzogen war wie das wettergegerbte Gesicht eines der Industriefischer, die im Hafen arbeiteten.

Erstaunlich, wie sich die Dinge verändern. Damals hatte ich Angst vor den Straßen Portlands und wäre meiner Tante nicht von der Seite gewichen. Jetzt kenne ich die Wege so gut, dass ich ihren Neigungen und Windungen mit geschlossenen Augen folgen könnte, und wäre heute am liebsten allein. Ich kann das Meer riechen, obwohl man es noch nicht sehen kann, und das macht mich ruhiger. Durch das Salz, das vom Meer hergeweht wird, fühlt die Luft sich strukturiert und schwer an.

»Denk dran«, sagt Tante Carol zum tausendsten Mal, »sie wollen zwar etwas über deine Persönlichkeit erfahren, aber je allgemeiner du antwortest, desto größer sind deine Chancen, für eine Vielzahl von Positionen in Betracht gezogen zu werden.« Wenn meine Tante über die Ehe spricht, zitiert sie immer aus dem Buch Psst und benutzt mit Vorliebe Wörter wie Pflicht, Verantwortung und Beständigkeit.

»Verstanden«, sage ich. Ein Bus donnert an uns vorbei. An seiner Seite erkenne ich das Emblem der St.-Anne-Schule und ich ziehe schnell den Kopf ein, als ich mir vorstelle, wie Cara McNamara oder Hillary Packer aus dem dreckverkrusteten Fenster sehen und kichernd auf mich zeigen. Alle wissen, dass heute meine Evaluierung ist. Es gibt nur vier pro Jahr und die Termine werden lange im Voraus vergeben.

Von dem Make-up, auf dem Tante Carol bestanden hat, fühlt sich meine Haut verklebt und glatt an. Im Badezimmerspiegel zu Hause sah ich aus wie ein Fisch, vor allem, weil meine Haare mit Klammern und Spangen vollgesteckt sind: ein Fisch, dem ein Haufen Metallhaken aus dem Kopf ragen.

Ich mag kein Make-up, habe mich nie für Kleider oder Lipgloss interessiert. Meine beste Freundin Hana hält mich für verrückt, aber das ist auch kein Wunder. Sie sieht absolut großartig aus – selbst wenn sie ihre Haare nur zu einem unordentlichen Knoten dreht, sieht es aus, als hätte sie sich absichtlich so gestylt. Ich bin nicht hässlich, aber auch nicht hübsch. Alles ist so mittelmäßig. Meine Augen sind weder grün noch braun, sondern eine Mischung. Ich bin nicht dünn, aber auch nicht dick. Das Einzige, was man eindeutig über mich sagen kann, ist, dass ich klein bin.

»Wenn sie dich – da sei Gott vor – nach deinen Cousins und Cousinen fragen, sagst du, du hättest sie nicht gut gekannt …«

»Mh-mhm.« Ich höre nur mit einem Ohr zu. Es ist heiß, zu heiß für Juni, und mein Rücken und meine Achseln jucken bereits vom Schweiß, obwohl ich mich am Morgen großzügig mit Deo eingesprüht habe. Rechts von uns liegt die Casco Bay, eingerahmt von Peaks Island und Great Diamond Island, wo die Wachtürme stehen. Dahinter ist das offene Meer – und dahinter wiederum befinden sich all die zerfallenen Länder und Städte, die von der Krankheit zerstört wurden.

»Lena? Hörst du mir überhaupt zu?« Carol legt mir eine Hand auf den Arm und dreht mich zu sich herum.

»Blau«, plappere ich ihr nach. »Blau ist meine Lieblingsfarbe. Oder Grün.« Schwarz ist zu makaber. Rot wird sie nervös machen. Rosa ist zu kindlich. Orange ist schräg.

»Und was machst du gerne in deiner Freizeit?«

Ich entwinde mich sanft ihrem Griff. »Das sind wir doch schon durchgegangen.«

»Das hier ist wichtig, Lena. Wahrscheinlich der wichtigste Tag deines ganzen Lebens.«

Ich seufze. Mit einem mechanischen Sirren schwingen vor uns langsam die Tore auf, die die Regierungslabors abriegeln. Es haben sich bereits zwei Schlangen gebildet: auf einer Seite die Mädchen und fünfzehn Meter weiter an einem anderen Eingang die Jungen. Ich blinzele ins Sonnenlicht und versuche Bekannte zu entdecken, aber die auf dem Meer glitzernde Sonne treibt mir schwarze Punkte vor die Augen.

»Lena?«, hakt meine Tante nach.

Ich hole tief Luft und leiere die Rede herunter, die wir eine Milliarde Mal geprobt haben. »Es macht mir Spaß, bei der Schülerzeitung mitzuarbeiten. Ich interessiere mich für Fotografie, weil man dabei einen einzelnen Augenblick einfangen und bewahren kann. Ich bin gerne mit meinen Freunden zusammen und gehe häufig zu Konzerten im Deering Oaks Park. Ich laufe gern und war zwei Jahre lang Vize-Kapitänin der Crosslaufmannschaft. Im 5-km-Lauf bin ich Schulmeisterin. Ich kümmere mich oft um meine jüngeren Familienmitglieder und mag Kinder.«

»Du schneidest eine Grimasse«, sagt meine Tante.

»Ich mag Kinder sehr«, wiederhole ich und verziehe den Mund zu einem Lächeln. Ehrlich gesagt mag ich nicht besonders viele Kinder außer Gracie. Sie sind immer so unruhig und laut, sie fassen alles an und sabbern und machen in die Hose. Aber ich weiß, dass ich irgendwann eigene Kinder haben muss.

»Schon besser«, sagt Carol. »Weiter.«

Zum Abschluss sage ich: »Meine Lieblingsfächer sind Mathe und Geschichte«, und sie nickt zufrieden.

»Lena!«

Ich drehe mich um. Hana steigt gerade aus dem Auto ihrer Eltern, ihre blonden Haare fallen in Strähnen und Wellen um ihr Gesicht, ihre halb durchscheinende Tunika entblößt eine sonnengebräunte Schulter. Alle Mädchen und Jungen, die vor den Labors in der Schlange warten, haben sich umgedreht und sehen sie an. Hana hat diese Macht über Menschen.

»Lena! Warte!« Hana rennt die Straße entlang und winkt mir überschwänglich zu. Der Wagen hinter ihr wendet langsam: vor und zurück, vor und zurück in der engen Einfahrt, bis er in die andere Richtung weist. Das Auto von Hanas Eltern ist so schnittig und dunkel wie ein Panther. Die wenigen Male, die wir zusammen damit gefahren sind, habe ich mich gefühlt wie eine Prinzessin. Kaum jemand besitzt heutzutage ein Auto und noch weniger Leute haben ein Auto, das fährt. Öl ist streng rationiert und sehr teuer. Einige Leute aus der Mittelschicht haben vor ihren Häusern noch Autos wie Denkmäler stehen, kalt und ungenutzt, die Räder makellos und neu.

»Hallo, Lena«, sagt Hana atemlos, als sie uns eingeholt hat. Eine Zeitschrift fällt aus ihrer halb geöffneten Tasche und sie bückt sich, um sie aufzuheben. Es ist eine der Regierungsveröffentlichungen, Heim und Familie, und als Reaktion auf meine gehobenen Augenbrauen verzieht sie das Gesicht. »Mom hat gesagt, ich soll sie mitnehmen und darin lesen, während ich auf meine Evaluierung warte. Sie meint, das würde einen guten Eindruck machen.« Hana steckt einen Finger in den Hals und tut so, als würde sie sich übergeben.

»Hana«, flüstert meine Tante scharf. Die Angst in ihrer Stimme lässt mein Herz aussetzen. Carol verliert praktisch nie die Beherrschung, noch nicht mal für einen Moment. Sie dreht schnell den Kopf in beide Richtungen, als rechnete sie damit, dass an diesem sonnigen Morgen Aufseher oder Gutachter auf der Straße herumstünden.

»Keine Sorge. Wir werden nicht beobachtet.« Hana kehrt meiner Tante den Rücken zu und formt mit den Lippen: noch nicht. Dann grinst sie.

Die doppelte Schlange aus Mädchen und Jungen vor uns wird länger und reicht inzwischen bis auf die Straße. Jetzt gleiten die Glastüren der Labors auf, mehrere Krankenschwestern mit Klemmbrettern tauchen auf und schicken Leute in die Wartezimmer. Meine Tante legt mir eine Hand auf den Ellbogen, leicht und flüchtig wie ein Vogel.

»Ihr stellt euch besser an«, sagt sie. Ihre Stimme klingt wieder normal. Ich wünschte, ein wenig von ihrer Ruhe würde auf mich abfärben. »Und – Lena?«

»Ja?« Mir ist unwohl zu Mute. Die Labors wirken weit entfernt und sind so weiß, dass ich es kaum ertragen kann, sie anzusehen, der Bürgersteig vor uns schimmert in der Hitze. Die Worte der wichtigste Tag deines ganzen Lebens gehen mir wieder und wieder im Kopf herum. Die Sonne fühlt sich an wie ein riesiger Scheinwerfer.

»Viel Glück.« Meine Tante schenkt mir ihr Millisekundenlächeln.

»Danke.« Irgendwie wünschte ich, Carol würde noch etwas sagen – so etwas wie: Du schaffst das, oder: Mach dir keine Gedanken –, aber sie steht einfach nur blinzelnd da, ihr Gesicht so beherrscht und undurchdringlich wie immer.

»Keine Sorge, Mrs Tiddle.« Hana zwinkert mir zu. »Ich kümmere mich darum, dass sie es nicht völlig vermasselt. Versprochen.«

All meine Nervosität ist wie weggeblasen. Hana steht der ganzen Sache so gelassen gegenüber, so gleichgültig und normal.

Gemeinsam gehen wir auf die Labors zu. Hana ist fast eins fünfundsiebzig. Wenn ich neben ihr hergehe, muss ich nach jedem zweiten Schritt einen kleinen Hüpfer machen, um mit ihr mitzuhalten, und fühle mich schließlich immer wie eine Ente, die im Wasser auf und nieder hopst. Heute macht mir das allerdings nichts aus. Ich bin froh, dass sie bei mir ist. Ansonsten wäre ich jetzt schon völlig fertig.

»Gott«, sagt sie, als wir uns den Schlangen nähern. »Deine Tante nimmt diese ganze Sache ziemlich ernst, was?«

»Na ja, es ist ernst.« Wir stellen uns hinten an. Jetzt erkenne ich einige Leute: ein paar Mädchen aus der Schule; ein paar Typen, die ich hinter einer der Schulen für Jungen, der Spencer-Schule, Fußball spielen gesehen habe. Einer von ihnen sieht in meine Richtung und bemerkt, dass ich zu ihm rüberstarre. Er hebt die Augenbrauen und ich senke schnell den Blick, während mein Gesicht sofort ganz heiß wird und mein Magen anfängt zu kribbeln. In nicht mal drei Monaten wird dir ein Partner zugeteilt, sage ich mir, aber die Wörter bedeuten nichts und klingen bloß lächerlich wie bei einem der Spiele, die wir als Kinder gespielt haben, bei denen immer Quatsch-Sätze herauskamen: Ich will eine Banane zum Rennboot. Gib meinen nassen Schuh deinem blubbernden Muffin.

»Ja, ich weiß. Glaub mir, ich habe Das Buch Psst auch gelesen, genau wie alle anderen.« Hana schiebt ihre Sonnenbrille hoch, klimpert mir mit ihren Wimpern zu und sagt mit zuckersüßer Stimme: »Der Tag der Evaluierung ist ein aufregendes Übergangsritual und ermöglicht dir eine Zukunft des Glücks, der Stabilität und Partnerschaft.« Sie lässt ihre Sonnenbrille wieder zurück auf die Nase fallen und verzieht das Gesicht.

»Glaubst du etwa nicht daran?« Ich senke meine Stimme zu einem Flüstern.

Hana benimmt sich seltsam in letzter Zeit. Sie war schon immer anders als viele Leute – offener, unabhängiger, furchtloser. Das ist einer der Gründe, warum ich ursprünglich ihre Freundin sein wollte. Ich war schon immer schüchtern und habe ständig Angst, das Falsche zu sagen oder zu tun. Hana ist das genaue Gegenteil.

Aber seit neuestem ist es mehr als das. Zum Beispiel wurde sie in der Schule nachlässig und ist mehrmals zum Direktor gerufen worden, weil sie den Lehrern widersprochen hat. Und manchmal hört sie mitten im Satz auf zu sprechen und klappt den Mund zu, als wäre sie gegen ein Hindernis gestoßen. Dann ertappe ich sie gelegentlich dabei, dass sie aufs Meer hinausstarrt, als würde sie darüber nachdenken, einfach wegzuschwimmen.

Als ich sie jetzt so ansehe, ihre klaren grauen Augen und ihren Mund, der so dünn und angespannt ist wie eine Bogensehne, versetzt es mir einen Stich. Ich muss daran denken, wie meine Mutter einen Augenblick durch die Luft ruderte, bevor sie wie ein Stein ins Meer fiel; ich muss an das Gesicht dieses Mädchens denken, das vor all den Jahren vom Dach des Laboratoriums gesprungen ist, an ihre Wange auf dem Asphalt. Aber ich verdränge die Gedanken an die Krankheit. Hana ist nicht krank. Das kann nicht sein. Das wüsste ich.

»Wenn es ihnen wirklich um unser Glück ginge, würden sie uns selbst jemanden auswählen lassen«, grummelt Hana.

»Hana«, sage ich mit scharfer Stimme. Das System zu kritisieren ist das schlimmste Vergehen, das es gibt. »Nimm das zurück.«

Sie hebt die Hände. »Okay, okay. Ich nehm’s zurück.«

»Du weißt doch, dass das nicht funktioniert. Guck dir an, wie es früher war. Die ganze Zeit über Chaos, Kämpfe und Krieg. Den Leuten ging es schlecht.«

»Ich hab doch gesagt, ich nehm’s zurück.« Sie lächelt mich an, aber ich bin immer noch sauer und sehe weg.

»Außerdem«, fahre ich fort, »haben wir sehr wohl eine Wahl.«

Normalerweise erstellen die Gutachter eine Liste mit vier oder fünf genehmigten Treffern und man darf sich daraus jemanden aussuchen. So sind alle zufrieden. In all den Jahren, seit der Eingriff durchgeführt und die Ehen vermittelt werden, gab es weniger als zwölf Scheidungen in Maine und weniger als tausend in den gesamten Vereinigten Staaten – und in fast all diesen Fällen stand entweder der Ehemann oder die Ehefrau im Verdacht, Sympathisant zu sein, weshalb die Scheidung nötig war und vom Staat genehmigt wurde.

»Eine beschränkte Wahl«, verbessert sie mich. »Wir dürfen aus Leuten wählen, die für uns ausgewählt wurden.«

»Jede Wahl ist beschränkt«, gebe ich giftig zurück. »So ist das Leben.«

Sie macht den Mund auf, wie um etwas zu erwidern, aber stattdessen fängt sie einfach an zu lachen. Dann nimmt sie meine Hand und drückt sie, zweimal kurz, zweimal lang. Das ist unser altes Zeichen, eine Gewohnheit, die wir in der zweiten Klasse entwickelt haben, wenn eine von uns Angst hatte oder aufgeregt war, eine Art auszudrücken: Keine Sorge, ich bin hier.

»Schon gut. Jetzt werd nicht gleich aggressiv. Es gibt nichts Besseres als die Evaluierungen, okay? Lang lebe der Tag der Evaluierung.«

»Das klingt schon besser«, sage ich, aber ich bin immer noch nervös und ärgerlich. Die Schlange schiebt sich langsam vorwärts. Wir durchqueren die Eisentore mit ihrer verworrenen Krone aus Stacheldraht und betreten die lange Auffahrt, die zu den verschiedenen Laborkomplexen führt. Wir gehen auf Gebäude 6C zu. Die Jungen gehen zu 6B und die Schlangen führen langsam voneinander weg.

Als wir weiter nach vorne kommen, trifft uns jedes Mal, wenn die Glastüren aufgleiten und sich summend wieder schließen, ein Schwall klimatisierter Luft. Es fühlt sich herrlich an, als würde man einen Moment lang von Kopf bis Fuß in eine dünne Schicht Speiseeis getaucht, und ich drehe mich um und hebe meinen Pferdeschwanz an. Ich wünschte, es wäre nicht so verdammt heiß. Zu Hause haben wir keine Klimaanlage, nur große, unförmige Ventilatoren, die immer mitten in der Nacht den Geist aufgeben. Und meistens dürfen wir noch nicht mal die benutzen. Sie verbrauchen zu viel Strom, sagt Carol, und den sollen wir nicht verschwenden.

Schließlich sind nur noch wenige Leute vor uns. Eine Krankenschwester kommt mit einem Stapel Klemmbretter und einer Handvoll Stifte aus dem Gebäude und fängt an, sie in der Schlange zu verteilen.

»Bitte füllt alle nötigen Felder aus«, sagt sie, »medizinische und familiäre Vorgeschichte eingeschlossen.«

Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Die ordentlich nummerierten Kästchen auf der Seite – Nachname, Vornamen, Rufname, aktuelle Adresse, Alter – verschwimmen. Ich bin froh, dass Hana vor mir steht. Sie macht sich schnell daran, die Formulare auszufüllen, wozu sie das Klemmbrett auf ihrem Unterarm abstützt und mit dem Stift über das Papier saust.

»Die Nächste.«

Die Türen gleiten wieder auf und eine andere Krankenschwester erscheint und macht Hana ein Zeichen einzutreten. In der kühlen Dunkelheit hinter ihr kann ich ein leuchtend weißes Wartezimmer mit einem grünen Teppich erkennen.

»Viel Glück«, wünsche ich ihr.

Sie dreht sich um und schenkt mir ein kurzes Lächeln. Aber ich merke, dass sie jetzt doch nervös ist. Zwischen ihren Augenbrauen steht eine dünne Falte und sie kaut an ihrer Lippe.

Sie macht sich auf den Weg ins Labor, dann dreht sie sich plötzlich wieder um und kommt zu mir zurück. Ihr Gesicht sieht wild und fremd aus, sie packt mich an beiden Schultern und hält ihren Mund direkt an mein Ohr. Ich bekomme einen solchen Schreck, dass mir das Klemmbrett runterfällt.

»Du weißt doch, dass man nicht glücklich sein kann, ohne manchmal auch unglücklich zu sein, oder?«, flüstert sie und ihre Stimme ist rau, als hätte sie gerade geweint.

»Was?«

Ihre Nägel bohren sich in meine Schultern und in diesem Augenblick habe ich Angst vor ihr. »Man kann nicht glücklich sein, wenn man nicht manchmal auch unglücklich ist. Das weißt du doch, oder?«

Bevor ich etwas erwidern kann, lässt sie mich los, und plötzlich ist ihr Gesicht wieder so gelassen, hübsch und gefasst wie immer. Sie bückt sich, um mein Klemmbrett aufzuheben, und reicht es mir mit einem Lächeln. Dann dreht sie sich um und ist hinter den Glastüren verschwunden, die sich so sanft öffnen und hinter ihr schließen wie Wasser, das über einem sinkenden Gegenstand zusammenschlägt.

vier

Der Teufel stahl sich in den Garten Eden. Er trug den Samen

der Krankheit – Amor deliria nervosa – bei sich. Das Samenkorn wuchs und gedieh und wurde zu einem herrlichen Apfelbaum, der Äpfel trug,

so leuchtend rot wie Blut.

Aus: Genesis.Eine vollständige Geschichte derWelt und des bekannten Universumsvon Dr. Steven Horace, Harvard University

Als mich die Schwester ins Wartezimmer einlässt, ist Hana bereits weg – einen der antiseptischen weißen Flure entlang und hinter einer der Dutzenden identischen weißen Türen verschwunden –, obwohl ungefähr sechs andere Mädchen noch hier warten. Eine sitzt über ihr Klemmbrett gebeugt auf einem Stuhl, schreibt, streicht ihre Antworten durch, schreibt. Eine andere fragt eine Krankenschwester hektisch, was der Unterschied zwischen »chronischen Krankheiten« und »bestehenden Krankheiten« sei. Sie sieht aus, als stünde sie kurz vor irgendeinem Anfall – eine Ader zeichnet sich auf ihrer Stirn ab und ihre Stimme wird immer lauter und hysterischer. Ich frage mich, ob sie auf ihrem Bogen »eine Tendenz zu Angstzuständen« vermerken wird.

Es ist nicht lustig, aber ich muss trotzdem lachen. Ich halte die Hand vors Gesicht und schnaube in meine Handfläche. Wenn ich besonders nervös bin, neige ich dazu, albern zu werden. In der Schule kriege ich bei den Arbeiten immer Ärger, weil ich lache. Ich überlege, ob ich das wohl hätte aufschreiben müssen.

Eine Schwester nimmt mir das Klemmbrett ab und blättert die Seiten durch, um zu überprüfen, ob ich alles ausgefüllt habe.

»Lena Haloway?«, fragt sie mit ihrer hellen, abgehackten Stimme, die alle Krankenschwestern zu haben scheinen, als wäre das Teil ihrer medizinischen Ausbildung.

»Mh-mhm«, sage ich, verbessere mich dann aber schnell. Meine Tante hat mir gesagt, dass die Gutachter ein gewisses Maß an Förmlichkeit erwarten. »Ja, das bin ich.« Es ist immer noch komisch, meinen echten Nachnamen zu hören, Haloway, und ein mulmiges Gefühl macht sich in meiner Magengrube breit. Während der letzten zehn Jahre habe ich den Namen meiner Tante, Tiddle, benutzt. Auch wenn es ein ziemlich blöder Nachname ist – Hana hat mal gesagt, er klinge wie Kindersprache für kitzeln –, verbindet man ihn wenigstens nicht mit meinen Eltern. Die Tiddles sind immerhin eine richtige Familie. Die Haloways sind nichts weiter als eine Erinnerung. Aber zu offiziellen Zwecken muss ich meinen Geburtsnamen benutzen.

»Komm mit.« Die Krankenschwester zeigt auf einen der Flure und ich folge dem gleichmäßigen Klick-Klack ihrer Absätze über das Linoleum. Die Flure sind blendend hell. Das Flattern arbeitet sich von meinem Magen in meinen Kopf hoch und macht mich ganz benommen. Ich versuche mich zu beruhigen, indem ich mir das Meer draußen vorstelle, sein stampfendes Atmen, die kreisenden Möwen am Himmel.

Es ist bald vorbei, sage ich mir. Es ist bald vorbei und dann gehst du nach Hause und musst nie wieder an die Evaluierung denken.

Der Flur scheint sich endlos hinzuziehen. Weiter vorn geht eine Tür auf und wieder zu, und als wir einen Augenblick später um eine Ecke biegen, stürmt ein Mädchen an uns vorbei. Ihr Gesicht ist rot und ganz offenbar hat sie geweint. Sie hat es anscheinend bereits hinter sich. Ich glaube in ihr eines der ersten Mädchen zu erkennen, die eingelassen wurden.

Unweigerlich tut sie mir leid. Die Evaluierungen dauern normalerweise zwischen dreißig Minuten und zwei Stunden, aber es ist allgemein bekannt, dass es umso besser für einen läuft, je länger einen die Gutachter dabehalten. Das trifft natürlich nicht immer zu. Vor zwei Jahren erlangte Marcy Davies Berühmtheit, weil sie nach einer Dreiviertelstunde schon wieder draußen war und unglaubliche zehn Punkte erhielt. Letztes Jahr dagegen stellte Corey Winde den unübertroffenen Rekord für die längste Evaluierung auf – dreieinhalb Stunden – und bekam trotzdem nur drei Punkte. Es gibt natürlich ein System hinter den Evaluierungen, aber trotzdem haben sie bis zu einem gewissen Grad auch etwas Zufälliges an sich. Manchmal macht es den Eindruck, als würden sie den Prozess absichtlich so einschüchternd und verwirrend wie möglich gestalten.

Ich stelle mir plötzlich vor, wie ich diese sauberen, sterilen Flure entlangrenne und alle Türen eintrete. Dann bekomme ich augenblicklich ein schlechtes Gewissen. Gerade jetzt zu zweifeln ist mehr als unpassend und in Gedanken verfluche ich Hana. Sie ist schuld, weil sie mir da draußen diese Sachen gesagt hat. Man kann nicht glücklich sein, ohne manchmal auch unglücklich zu sein. Eine beschränkte Wahl. Wir dürfen aus Leuten wählen, die für uns ausgewählt wurden.

Ich bin froh, dass jemand anders die Wahl für uns trifft. Ich bin froh, dass ich nicht selbst wählen muss – aber in erster Linie bin ich froh, dass ich nicht jemand anderen dazu bringen muss, mich auszuwählen. Für Hana wäre es natürlich kein Problem, wenn die Dinge immer noch so wären wie in den alten Zeiten. Hana mit ihrem goldenen Haar, den hellen grauen Augen und perfekten Zähnen, ihrem Lachen, das jeden im Umkreis von drei Kilometern dazu bringt, sich nach ihr umzudrehen und mitzulachen. Selbst wenn ihr etwas misslingt, sieht Hana dabei gut aus; man möchte die Hand ausstrecken, um ihr zu helfen, oder ihre Bücher aufheben. Wenn ich über meine Füße stolpere oder mir Kaffee über das T-Shirt kippe, schauen die Leute weg. Man kann geradezu sehen, wie sie denken: Wie ungeschickt. Und immer, wenn ich auf Fremde treffe, wird mein Verstand ganz benebelt, klamm und grau wie Straßen im Tauwetter, nachdem es stark geschneit hat – ganz anders als Hana, die immer genau weiß, was sie sagen soll.

Kein Junge bei Verstand würde mich je auswählen, solange es Menschen wie Hana auf der Welt gibt: Es wäre, wie einen muffigen Keks zu nehmen, obwohl man eigentlich eine große Schüssel Eis mit Sahne, Kirschen und Schokostreuseln möchte. Deshalb werde ich mich über meine ordentlich ausgedruckte Seite mit »genehmigten Treffern« freuen. Wenigstens bekomme ich so überhaupt jemanden ab. Es spielt keine Rolle, wenn mich niemand für hübsch hält (obwohl ich mir manchmal, nur einen Augenblick lang, wünsche, jemand täte das). Es würde noch nicht mal eine Rolle spielen, wenn ich nur ein Auge hätte.

»Hier rein.« Die Krankenschwester bleibt schließlich vor einer Tür stehen, die genauso aussieht wie alle anderen. »Du kannst deine Kleider und persönlichen Gegenstände im Vorraum ablegen. Bitte zieh den Kittel, der dort bereithängt, mit der Öffnung nach hinten an. Du kannst dir gerne noch einen Moment Zeit lassen, einen Schluck Wasser trinken, meditieren.«

Ich stelle mir Hunderte und Aberhunderte Mädchen vor, die im Schneidersitz auf dem Boden sitzen, die Hände mit den Handflächen nach oben auf den Knien, und Omm singen, und muss erneut den heftigen Drang zu lachen unterdrücken.

»Aber bitte vergiss nicht: Je länger du für die Vorbereitungen brauchst, desto weniger Zeit haben die Gutachter, dich kennenzulernen.«

Sie lächelt angespannt. Alles an ihr ist angespannt: ihre Haut, ihre Augen, ihr Laborkittel. Sie sieht mich direkt an, aber ich habe den Eindruck, dass sie mich gar nicht richtig wahrnimmt, dass sie in Gedanken bereits den Weg zum Wartezimmer zurückklappert, bereit, das nächste Mädchen den nächsten Flur entlangzuführen und ihr den gleichen Sermon zu halten. Ich fühle mich sehr einsam, umgeben von diesen dicken Wänden, die jedes Geräusch schlucken, abgeschirmt von der Sonne, dem Wind und der Hitze, alles so perfekt und unnatürlich.

»Wenn du fertig bist, geh weiter durch die blaue Tür. Die Gutachter erwarten dich im Labor.«

Nachdem die Schwester davongestöckelt ist, betrete ich den Vorraum, der klein und genauso hell ist wie der Flur. Er sieht aus wie ein normales Untersuchungszimmer beim Arzt. In der Ecke steht ein riesiger medizinischer Apparat, der regelmäßig piept, daneben eine mit Papier bedeckte Untersuchungsliege. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Ich ziehe mich aus und fröstele. Die Klimaanlage verursacht mir überall Gänsehaut und die Härchen auf meinen Armen richten sich auf. Großartig. Jetzt werden die Gutachter mich für ein pelziges Biest halten.

Ich falte meine Kleider, auch den BH, zu einem ordentlichen Stapel zusammen und schlüpfe in den Kittel. Er ist aus superdünnem Plastik und als ich ihn um meinen Körper wickele und mit einem Knoten in der Taille befestige, bin ich mir vollkommen bewusst, dass man praktisch alles – auch meine Unterhose – dadurch sehen kann.

Bald ist es vorbei.

Ich atme tief durch und gehe durch die blaue Tür.

Im Labor ist es noch heller – blendend hell, so dass die Gutachter mich erst einmal nur als jemand Blinzelnden wahrnehmen können, der einen Schritt zurücktritt und die Hand vors Gesicht hält. Vier Schatten treiben in einem Kanu vor mir. Dann gewöhnen sich meine Augen an das Licht und der Anblick verwandelt sich in die vier Gutachter, die hinter einem langen, niedrigen Tisch sitzen. Der Raum ist riesig und vollkommen leer, abgesehen von den Gutachtern und einem stählernen OP-Tisch, der in der Ecke an der Wand steht. Deckenlampen strahlen in Doppelreihen auf mich herab und mir fällt auf, wie hoch dieser Raum ist, bestimmt an die zehn Meter. Ich habe den starken Drang, die Arme vor der Brust zu verschränken, mich irgendwie zu bedecken. Mein Mund wird ganz trocken und mein Verstand wird genauso heiß, leer und weiß wie die Lichter. Ich kann mich nicht erinnern, was ich tun oder sagen soll.

Zum Glück spricht einer der Gutachter, eine Frau, zuerst. »Hast du deine Bogen dabei?« Ihre Stimme klingt freundlich, aber das hilft nicht gegen die Faust, die sich tief unten in meinem Magen geballt hat und meine Eingeweide zerquetscht.

O Gott, denke ich. Ich mach mir in die Hose. Gleich mach ich mir hier vor allen Leuten in die Hose. Ich versuche mir vorzustellen, was Hana sagen wird, wenn das hier vorbei ist, wenn wir durch die Nachmittagssonne spazieren, umgeben vom schweren Geruch nach Salz und sonnengewärmtem Asphalt. »Himmel«, wird sie sagen, »was für eine Zeitverschwendung. Wie sie dagehockt und mich angestarrt haben wie vier Frösche auf einem Baumstamm.«

»Äh … – ja.« Ich trete näher und es fühlt sich an, als wäre die Luft fest geworden und leistete mir Widerstand. Als ich nur noch einen knappen Meter vom Tisch entfernt bin, strecke ich den Arm aus und reiche den Gutachtern mein Klemmbrett. Es sind drei Männer und eine Frau, aber ich stelle fest, dass ich ihnen nicht lange ins Gesicht sehen kann. Ich mustere sie kurz, dann ziehe ich mich wieder zurück, ohne mehr als den flüchtigen Eindruck von einigen Nasen, ein paar dunklen Augen, dem Aufblitzen einer Brille gewonnen zu haben.

Mein Klemmbrett hüpft die Reihe der Gutachter entlang. Ich presse die Arme an die Seiten und versuche entspannt auszusehen.

Hinter mir zieht sich eine Tribüne über die ganze Länge der Wand, etwa sechs Meter über dem Boden. Der Zugang führt durch eine kleine rote Tür hoch oben hinter den ansteigenden Reihen aus weißen Sitzen, die offensichtlich für Studenten, Ärzte, Praktikanten und Nachwuchswissenschaftler gedacht sind. Die Wissenschaftler des Labors führen nicht nur den Eingriff durch, sie kümmern sich auch um die anschließenden Nachsorgeuntersuchungen und behandeln oft auch andere schwierige Fälle.

Mir wird bewusst, dass die Operation hier durchgeführt wird, in diesem Raum. Dazu dient wahrscheinlich der OP-Tisch. Die Angstfaust ballt sich erneut in meinem Magen. Obwohl ich oft daran gedacht habe, wie es wohl sein wird, geheilt zu sein, habe ich aus irgendeinem Grund nie über den eigentlichen Eingriff nachgedacht: den harten Metalltisch, die blinkenden Lichter über mir, die Schläuche und Kabel und den Schmerz.

»Lena Haloway?«

»Ja, das bin ich.«

»Gut. Warum erzählst du uns zu Anfang nicht ein bisschen was über dich?« Der Gutachter mit der Brille beugt sich vor, breitet die Hände aus und lächelt. Er hat große quadratische weiße Zähne, die mich an Badezimmerkacheln erinnern. In seinen Brillengläsern spiegelt sich das Licht, so dass ich seine Augen nicht erkennen kann und wünschte, er würde die Brille absetzen. »Erzähl uns etwas über die Dinge, die du gerne tust. Deine Interessen, Hobbys, Lieblingsfächer.«

Ich beginne meine vorbereitete Rede über Fotografie, Laufen und die Zeit, die ich mit meinen Freunden verbringe, aber ich bin unkonzentriert. Ich sehe, wie die Gutachter vor mir nicken, wie ihre Gesichter lächeln und offener werden, während sie sich Notizen machen, daher weiß ich, dass sie bisher zufrieden sind, aber ich kann die Wörter, die aus meinem Mund kommen, überhaupt nicht hören. Ich bin auf den metallenen OP-Tisch fixiert, schaue immer wieder aus den Augenwinkeln zu ihm hinüber und sehe, wie er im Licht blinkt und schimmert wie eine Klinge.

Und plötzlich fällt mir meine Mutter ein. Meine Mutter war auch nach drei verschiedenen Eingriffen nicht geheilt und die Krankheit bemächtigte sich ihrer, nagte an ihrem Inneren, ließ ihre Augen hohl und ihre Wangen bleich werden, sie übernahm die Kontrolle über ihre Füße und führte sie Stück für Stück bis an die Kante einer sandigen Klippe und dann in die helle, dünne Luft des Sprungs über den Rand.

Das hat man mir zumindest erzählt. Ich war damals sechs. Ich erinnere mich nur noch an den nächtlichen Druck ihrer heißen Finger auf meinem Gesicht und an ihre letzten geflüsterten Worte. Ich liebe dich.Vergiss das nicht. Das können sie uns nicht nehmen.

Ich schließe schnell die Augen, überwältigt von der Vorstellung, wie meine Mutter sich windet, während ein Dutzend Wissenschaftler in Laborkitteln sie beobachtet und sich ungerührt Notizen macht. Drei Mal wurde sie auf einen Metalltisch geschnallt; drei Mal sah ihr eine Gruppe Beobachter von der Tribüne aus zu und registrierte ihre Reaktionen, als die Nadeln und dann der Laser ihre Haut durchbohrten. Normalerweise sind die Patienten während des Eingriffs betäubt und spüren nichts, aber meiner Tante ist irgendwann mal rausgerutscht, dass man beim dritten Eingriff davon abgesehen hatte, meine Mutter zu betäuben, weil man glaubte, die Narkose würde die Wirkung der Operation beeinträchtigen.

»Möchtest du etwas Wasser?« Gutachterin Nummer eins zeigt auf eine Wasserflasche und ein Glas auf dem Tisch. Sie hat gemerkt, wie ich zusammengezuckt bin, aber das macht nichts. Meine persönliche Erklärung habe ich hinter mir und an der Art, wie mich die Gutachter ansehen – erfreut, stolz, als wäre ich ein kleines Kind, das es geschafft hat, alle Holzklötze in die richtigen Löcher zu stecken –, kann ich erkennen, dass es gut gelaufen ist.

Ich gieße mir ein Glas Wasser ein und trinke ein paar Schlucke, dankbar für die Pause. Schweiß kribbelt mir unter den Armen, auf der Kopfhaut und im Nacken, und ich bete zu Gott, dass sie es nicht sehen können. Ich versuche meinen Blick auf die Gutachter gerichtet zu halten, aber da steht er am Rand meines Gesichtsfelds und grinst mich an: der verdammte Tisch.

»Also gut, Lena. Wir werden dir jetzt ein paar Fragen stellen. Wir möchten, dass du ehrlich antwortest. Denk daran, wir wollen dich als Menschen kennenlernen.«

Als was denn sonst? Die Frage taucht in meinem Kopf auf, bevor ich es verhindern kann. Als Tier?

Ich hole tief Luft und zwinge mich dazu, zu nicken und zu lächeln. »Prima.«

»Nenne uns einige deiner Lieblingsbücher.«

»Liebe, Krieg und wie beides zusammenhängt von Christopher Malley«, antworte ich automatisch. »Grenze von Philippa Harolde.« Ich versuche die Bilder zu vertreiben, aber es ist zwecklos: Sie steigen jetzt wie eine Flut. Das eine Wort schreibt sich immer wieder in mein Gehirn ein, als wollte es sich dort einbrennen. Schmerz. Es war geplant, meine Mutter ein viertes Mal zu operieren. In der Nacht, in der sie starb, sollte sie abgeholt und zu den Labors gebracht werden. Aber stattdessen war sie in die Dunkelheit geflüchtet und hatte sich in die Luft erhoben. Hatte mich mit diesen Worten geweckt – Ich liebe dich.Vergiss das nicht. Das können sie uns nicht nehmen –, und noch lange nachdem sie verschwunden war, schien der Wind sie zu mir zurückzutragen, sie in den vertrockneten Bäumen und in den Blättern zu wiederholen, die in der kalten, grauen Dämmerung mit rauen Stimmen wisperten. »Und Romeo und Julia von William Shakespeare.«

Die Gutachter nicken, machen sich Notizen. Romeo und Julia ist Pflichtlektüre im Gesundheitsunterricht der neunten Klasse.

»Und warum?«, fragt Gutachter Nummer drei.

Es ist beängstigend – das müsste ich sagen. Es ist ein Lehrstück, eine Warnung vor den Gefahren der alten Welt, aus der Zeit, bevor es das Heilmittel gab. Aber meine Kehle ist wie zugeschwollen. Da ist kein Platz, um die Worte hindurchzulassen. Sie stecken fest wie die Kletten, die an unseren Kleidern kleben bleiben, wenn wir bei den Farmen vorbeilaufen. Und in diesem Augenblick kommt es mir vor, als könnte ich das tiefe Tosen des Meeres hören, sein entferntes, durchdringendes Murmeln. Ich kann mir vorstellen, wie sich sein Gewicht über meiner Mutter schließt, Wasser schwer wie Stein. Und heraus kommt: »Es ist schön.«

Ruckartig heben sich alle Köpfe, um mich anzusehen, wie Marionetten, die an denselben Fäden hängen.

»Schön?« Gutachterin Nummer eins rümpft die Nase. Sirrende, frostige Anspannung liegt in der Luft und mir wird klar, dass ich einen Riesenfehler gemacht habe.

Der Gutachter mit der Brille beugt sich vor. »Das ist ein interessanter Begriff, den du da verwendest. Sehr interessant.« Als er diesmal seine Zähne zeigt, erinnern sie mich an die gebogenen weißen Fänge eines Hundes. »Kann es vielleicht sein, dass du Leiden schön findest? Dass du Gewalt genießt?«

»Nein. Nein, das ist es nicht.« Ich versuche klar zu denken, aber mein Kopf ist voll vom wortlosen Rauschen des Meeres. Es wird von Minute zu Minute lauter. Und jetzt kommt es mir vor, als könnte ich ganz leise auch Schreie hören – als würde mich das Schreien meiner Mutter über ein Jahrzehnt hinweg erreichen. »Ich meine nur … Es hat etwas so Trauriges …« Ich kämpfe, rudere, habe jetzt das Gefühl, in dem weißen Licht und dem Tosen zu ertrinken. Opfer. Ich will etwas über Opfer sagen, aber ich kriege das Wort nicht raus.

»Machen wir weiter.« Gutachterin Nummer eins, die so nett klang, als sie mir das Wasser anbot, hat jeden Anschein von Freundlichkeit verloren. Jetzt ist sie ganz geschäftsmäßig. »Etwas Einfaches. Was ist deine Lieblingsfarbe?«

Ein Teil meines Gehirns – der vernünftige, wohlerzogene Teil, mein logisches Ich – schreit: Blau! Sag Blau! Aber dieses andere, ältere Etwas in mir reitet auf den Wellen aus Klang und steigt mit dem zunehmenden Lärm empor: »Grau«, platze ich heraus.

»Grau?«, wiederholt Gutachter Nummer vier voller Entrüstung.

Mein Herz rutscht mir in einer endlosen Abwärtsbewegung bis in die Hose. Ich weiß, ich hab’s verbockt, ich gehe baden, kann geradezu sehen, wie meine Werte sinken. Aber es ist zu spät. Ich bin erledigt – das Rauschen in meinen Ohren, das immer lauter wird, ein wildes Getrampel macht mir das Denken unmöglich. Ich schicke schnell eine gestammelte Erklärung hinterher. »Nicht wirklich Grau. Kurz bevor die Sonne aufgeht, gibt es einen Moment, in dem der ganze Himmel diese blasse Unfarbe annimmt – nicht direkt Grau, aber so etwas Ähnliches, eher eine Art Weiß, und das hat mir schon immer gefallen, weil es mich daran erinnert, wie es ist, wenn man darauf wartet, dass etwas Schönes passiert.«

Aber sie hören mir nicht mehr zu. Alle starren mit schräg gelegten Köpfen und irritierten Mienen an mir vorbei, als versuchten sie vertraute Wörter in einer Fremdsprache auszumachen. Und dann wird das Tosen und Schreien plötzlich lauter und mir wird bewusst, dass ich mir das gar nicht nur eingebildet habe. Da schreien wirklich Leute und man hört ein polterndes, grollendes, trommelndes Geräusch, als würden sich tausend Füße gleichzeitig bewegen. Und da ist noch ein drittes, das die beiden anderen Geräusche untermalt: ein wortloses, unmenschliches Brüllen.

In meiner Verwirrung kommt mir alles zusammenhanglos vor, wie im Traum. Gutachterin Nummer eins erhebt sich halb von ihrem Stuhl und sagt: »Was zum Teufel …?«

Im selben Augenblick sagt Brillengesicht: »Bleiben Sie hier, Helen. Ich seh mal nach, was los ist.«

Aber in diesem Moment geht plötzlich die blaue Tür auf und undeutlich erkenne ich eine Herde Kühe – echte, lebendige, schwitzende, muhende Kühe –, die ins Labor gedonnert kommt. Und ob das Getrampel war, denke ich und bin einen seltsamen, isolierten Moment stolz darauf, das Geräusch richtig identifiziert zu haben.

Dann wird mir bewusst, dass eine Gruppe ausgesprochen schwerer und ausgesprochen verängstigter Herdentiere auf mich zustürmt und mich gleich niedertrampeln wird.

Augenblicklich springe ich in die Ecke und zwänge mich hinter den OP-Tisch, wo ich vor den panischen Tieren geschützt bin. Ich strecke nur ein kleines bisschen den Kopf hervor, damit ich sehen kann, was passiert. Die Gutachter klettern jetzt auf ihren Tisch, während sich um sie herum Wände aus braunen und gefleckten Kuhflanken schließen. Gutachterin Nummer eins schreit aus vollem Hals, und Brillengesicht brüllt: »Ganz ruhig, ganz ruhig!«, obwohl er sich an sie klammert, als wäre sie ein Rettungsfloß und er kurz vor dem Ertrinken.

Einigen Kühen hängen irgendwelche Perücken krumm und schief auf dem Kopf und andere sind nachlässig in dieselben Kittel gewickelt, wie ich einen trage. Einen Moment lang bin ich mir sicher, dass ich träume. Vielleicht war dieser ganze Tag nur ein Traum und gleich wache ich auf und stelle fest, dass ich immer noch zu Hause im Bett liege, am Morgen meiner Evaluierung. Aber dann bemerke ich den Slogan auf den Flanken der Kühe: NICHTHEILUNG. TOD. Die Wörter sind unsauber genau über die ordentlich eingebrannten Nummern geschrieben, die diese Kühe als Schlachtvieh identifizieren.

Ein Kribbeln tänzelt meine Wirbelsäule hinauf und die Puzzleteile ergeben langsam ein vollständiges Bild. Alle paar Jahre dringen die Invaliden – Leute, die in der Wildnis leben, dem unkontrollierten Land, das zwischen den anerkannten Städten und Orten liegt – nach Portland ein und organisieren irgendeine Art von Protest. Einmal haben sie nachts rote Totenköpfe auf die Häuser aller bekannten Wissenschaftler gemalt. Ein andermal ist es ihnen gelungen, in die Polizeizentrale einzubrechen, von der aus alle Patrouillen und Wachschichten Portlands koordiniert werden, und das komplette Mobiliar aufs Dach zu räumen, sogar die Kaffeeautomaten. Das war eigentlich ziemlich witzig – und ziemlich erstaunlich, denn man sollte doch annehmen, die Zentrale wäre das bestgesicherte Gebäude in ganz Portland. Die Leute in der Wildnis betrachten Liebe nicht als Krankheit und sie glauben nicht an das Heilmittel. Sie halten es für grausam. Daher der Slogan.

Jetzt begreife ich: Die Kühe sollen uns darstellen, diejenigen, die begutachtet werden. Als wären wir alle ein Haufen Herdentiere.

Die Kühe haben sich ein bisschen beruhigt. Sie stürmen nicht mehr umher, sondern schieben sich im Labor hin und her. Gutachterin Nummer eins schlägt mit einem Klemmbrett auf die Kühe ein, die muhend gegen den Tisch stoßen und an den Blättern knabbern, die darauf verteilt sind – die Notizen der Gutachter, wie mir bewusst wird, als eine Kuh sich ein Blatt Papier schnappt und es dabei durchreißt. Gott sei Dank. Vielleicht fressen die Kühe alle Notizen auf und dann können die Gutachter nicht mehr nachvollziehen, dass ich die ganze Sache hier total vermasselt habe. In meiner Deckung hinter dem OP-Tisch – in Sicherheit vor den scharfkantigen, stampfenden Hufen – muss ich zugeben, dass die ganze Sache eigentlich zum Brüllen ist.

Da höre ich es. Irgendwie kann ich über das ganze Schnauben und Trampeln und Geschrei hinweg über mir das Lachen hören – leise, kurz und melodisch, als schlüge jemand ein paar Töne auf einem Klavier an.

Die Tribüne. Ein Junge steht auf der Tribüne und beobachtet das Chaos hier unten. Und er lacht.

Als ich aufsehe, ruht sein Blick auf meinem Gesicht. Mein Atem strömt aus meinem Körper und alles erstarrt, als würde ich ihn durch die Linse meiner Kamera ansehen, ganz nah herangezoomt, und die Welt hielte während dieser winzigen Zeitspanne zwischen dem Öffnen und Schließen der Blende kurz inne.

Er hat goldbraunes Haar, wie Blätter im Herbst, wenn sie sich gerade verfärben, und helle, bernsteinfarbene Augen. Ich weiß augenblicklich, dass er einer derjenigen ist, die hierfür verantwortlich sind. Ich weiß, dass er in der Wildnis leben muss; ich weiß, dass er ein Invalide ist. Mein Magen verkrampft sich vor Angst und ich klappe den Mund auf, um etwas zu rufen – ich weiß nicht genau, was –, aber genau in diesem Moment schüttelt er kaum wahrnehmbar den Kopf und ich bringe keinen Ton heraus. Dann tut er das absolut, völlig Undenkbare.

Er zwinkert mir zu.

Schließlich geht die Alarmanlage los. Sie ist so laut, dass ich mir mit beiden Händen die Ohren zuhalten muss. Ich wende den Blick ab, um nachzusehen, ob die Gutachter ihn entdeckt haben, aber sie sind immer noch mit ihrem kleinen Tänzchen auf dem Tisch beschäftigt, und als ich wieder nach oben schaue, ist er verschwunden.

fünf

Tritt nicht auf einen Spalt, sonst wird Mama nicht alt.

Tritt nicht auf einen Stein, sonst bleibst du ganz allein.

Tritt nicht auf eine Bank, sonst wirst du liebeskrank.

Beachte dasVerbot, sonst sind bald alle tot.

Bekanntes Kinderlied, zum Seilspringen oder als Klatschspiel

In dieser Nacht habe ich wieder den Traum.