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Zwei Männer und vier Frauen begeben sich auf eine abenteuerliche Reise durch Mittelamerika. Abenteuerlich schon deswegen, weil drei Wochen zuvor der Hurrikan Mitch fürchterliche Verwüstungen anrichtete und dabei Straßen und Brücken zerstörte. Oft steht die Frage im Raum, ob ein Weiterkommen überhaupt möglich ist, doch sie geben nicht auf.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gerda Althoff
Dem Abenteuer auf der Spur
von Mexiko bis Panama
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Impressum neobooks
von Mexiko bis Panama
Endlich war es so weit. Nach monatelangen Vorbereitungen, bzw. Planung und Organisation der bevorstehenden Reise, standen wir nun vor dem New Yorker Airport Newark. Hier mussten wir einen Zwischenstopp einlegen, oder genauer gesagt, in einen anderen Flieger umsteigen, der uns zu unserem eigentlichen Ziel Cancun in Mexiko, bringen sollte. Wir hatten hier sieben Stunden Aufenthalt, schauten auf die Zwillingstürme des World Trade Centers und überlegten, ob wir es wagen sollten, nach Manhattan rein zu fahren, ließen es dann aber doch lieber bleiben, um unseren Weiterflug nicht zu gefährden. Wir, das waren Horst und Maria, Willi und Gudrun, Ruth und ich, Gerda. Ich habe sie vor circa zwei Jahren kennen gelernt, als ich durch die lokale Zeitung Mitreisende für eine Dschungeltour in Venezuela gesucht hatte. Diese Fünf waren damals bereit, sich mir anzuvertrauen und ich habe sie viereinhalb Wochen lang quer durch Venezuela bis zur brasilianischen Grenze geführt. Der Höhepunkt der Reise war ein siebentägiger Aufenthalt im Dschungel. Von El Dorado aus waren wir eine Woche mit dem Einbaum unterwegs, hatten wie die Indios in Hängematten geschlafen, waren zur Jagd und zum Fischen gegangen und hatten eine fantastische Zeit in purer Natur, weit weg von jeglicher Zivilisation. Danach hatten sie mich gebeten, so eine ähnlich Tour durch alle Länder Mittelamerikas zu organisieren und einige Monate später war ich losgezogen und hatte Hotels, Transportmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten gescheckt. Gleichzeitig musste ich mir über die Kosten im Klaren sein, die für jeden Einzelnen entstehen würden.
Horst und Maria waren ein älteres Ehepaar, knapp über sechzig und sehr abenteuerlustig veranlagt, was sich schon vor zwei Jahren im Dschungel gezeigt hatte. Willi und Gudrun waren auch verheiratet, einige Jahre jünger und von Pauschalreisen gelangweilt, deshalb wollten sie damals eine neue Art zu reisen ausprobieren und waren von der Dschungeltour so begeistert, dass sie mich gebeten hatten, diese Mittelamerikatour zu organisieren. Dann war da noch Ruth, die zuerst sehr skeptisch war, als sie sich für die Dschungeltour anmeldete. Sie war in dem gleichen Alter wie Horst und Maria und der Dschungel hatte sie so beeindruckt, dass sie auch für diese Tour spontan ihr Jawort gab.
Nun standen wir also da und warteten auf unseren Anschlussflug. Die Sonne stach mir auf den Kopf und bald darauf merkte ich, dass mir das gar nicht gut getan hatte. Ich bekam heftige Kopfschmerzen und musste mich schließlich ständig übergeben. Ich legte mich auf eine Sitzbank im Wartesaal, schloss die Augen und versuchte, mich zu entspannen, was mir aber nicht wirklich gelang. Als wir dann endlich im Flieger nach Cancun saßen, wurde es schon etwas besser, ich musste mich zumindest nicht mehr übergeben. Auf das Essen verzichtete ich aber vorsichtshalber. Das war ein toller Anfang. Ich hatte die Verantwortung für fünf Leute, die ich fünf Wochen lang durch Mittelamerika führen sollte und noch bevor diese abenteuerliche Tour überhaupt begonnen hatte, stand ich schon kurz vor dem Knock out. Solche Migräneanfälle hatte ich schon öfter, meistens in extremen Stresssituationen, aber diesmal kam es ganz offensichtlich von der Sonne. Die beiden Plätze neben mir waren frei, so konnte ich mich hinlegen, wenn auch nur mit angewinkelten Beinen. Ich hatte vier Stunden Zeit, um mich weiter zu erholen, denn so lange dauerte der Flug von New York nach Cancun. Nach der Landung ging es mir wieder einigermaßen gut, aber an Essen war nicht zu denken. Ich ging trotzdem mit, weil ich die anderen nicht allein lassen wollte. Sie kannten sich in Cancun nicht aus und keiner von ihnen sprach spanisch. Wir übernachteten im Hotel Alux, direkt am Busbahnhof in Cancun, denn am nächsten Tag wollten wir von hier aus mit dem Bus nach Chichen Itza, der bekanntesten Tempelanlage der Mayas in Mexiko fahren. Es war mittlerweile spät am Abend und wir bummelten noch einmal durch die Geschäftsstraßen. Die Läden waren längst geschlossen, aber der Spaziergang tat uns gut. Zurück im Hotel, gingen wir sofort schlafen, denn nach den langen Flügen und dem Spaziergang, waren wir todmüde. Ich teilte mir mit Ruth ein Doppelzimmer, das sparte für uns beide Geld. Die Zimmer waren nicht gerade luxuriös, aber sauber und es gab sogar einen Fernseher. Die Betten waren auch bequem und die Klimaanlage sorgte für eine angenehme Temperatur. Was wollten wir mehr! Einschlafen konnte ich trotz der Müdigkeit aber nicht, denn es gab da noch ein ziemlich großes Problem, mit dem wir konfrontiert wurden und ich wusste bisher noch nicht, ob es zu lösen war. Eine Woche vor unserer Ankunft wütete in Mittelamerika der Jahrhundert Hurrikan Mitch und zerstörte unzählige Gebäude, Brücken und Straßen und setzte ganze Landstriche unter Wasser, die dann unpassierbar waren. Es war also noch gar nicht klar, ob und wie wir weiterkommen würden. Die Länder, die es am schlimmsten getroffen hatte, waren Guatemala, El Salvador, Honduras und Nicaragua und die wollten wir alle auf unserem Weg nach Panama durchqueren. In wieweit das zur Zeit überhaupt möglich war, wusste keiner so genau. Das würde sich zeigen, sobald wir die betroffenen Regionen erreichten. Mexiko schien nicht soviel abbekommen zu haben, jedenfalls waren hier in Cancun keine Schäden erkennbar, wenn man davon absieht, dass der Himmel von grauen Wolken verhangen war. Ich grübelte und grübelte, aber letztendlich siegte doch die Müdigkeit. Als der Wecker klingelte, hatte ich den Eindruck, gerade erst eingeschlafen zu sein. Ruth war schon fertig angezogen und rüttelte leicht meine Schulter.
„Aufstehen, Gerda,“ sagte sie leise.
„Geht es dir heute besser?“ fügte sie dann noch hinzu.
Ich nickte, noch leicht benommen, schlug die Decke zurück und wälzte mich aus dem Bett. Die kalte Dusche, die ich anschließend nahm, sorgte dafür, dass ich vollends wach wurde. Ich beeilte mich mit dem Anziehen, denn draußen auf dem Flur hörte ich schon die Anderen, wie sie sich unterhielten und kurz darauf klopfte es an der Tür.
„Aufstehen, ihr Schlafmützen!“
Horsts Stimme klang rau und ruppig, aber er meinte es nicht so. Mit ihm konnte man „Pferde stehlen“.
„Ich war schon viel früher auf als du,“ konterte Ruth schlagfertig.
Zusammen gingen wir runter zum Frühstücken. Draußen vor der Tür standen einige Tische und Stühle, die mit einem kleinen Zaun zur Straße hin abgegrenzt waren. Das Frühstück war reichlich; es gab Kaffee, Toast, Butter, Marmelade, Früchte und Joghurt. Wir ließen es uns schmecken und so gestärkt, gingen wir zurück auf unsere Zimmer, um unsere kleinen Tagesrucksäcke zu packen. Wichtig war, genügend zum Trinken mitzunehmen, des weiteren Sonnencreme, Mückenspray und ein Sonnencap, denn so wie es aussah, würde es heute ein heißer Tag werden und ich musste mich besonders gegen die Sonne schützen, um nicht einen Rückfall zu erleiden.
„Alle fertig? Dann lasst uns gehen“, sagte Gudrun, warf ihren Rucksack über die Schulter und marschierte zum Ausgang, während wir ihr im Gänsemarsch folgten. Der Bus nach Chichen Itza fuhr um neun Uhr ab und jetzt war es zwanzig vor, wir hatten also noch reichlich Zeit. Bis zum Terminal brauchten wir keine fünf Minuten. Das Innere war angenehm klimatisiert, während draußen schon die Sonne brannte.
„Wartet hier, ich hole die Fahrkarten“, sagte ich zu meiner kleinen Gruppe. Dann sah ich mich um und suchte den richtigen Schalter, was nicht weiter schwierig war, denn es stand überall dran geschrieben, wohin die Busse fuhren. Vor dem Schalter stand eine lange Schlange und es dauerte eine Weile, bis ich dran war. Jetzt wurde die Zeit langsam knapp, es war fünf vor neun. Mit den Fahrkarten in der Hand eilte ich zurück zur Gruppe, die brav am Eingang auf mich gewartet hatte. Wir setzten uns in den Wartesaal und warteten, bis unser Bus zur Abfahrt aufgerufen wurde, was schon ein paar Minuten später der Fall war. Alles hatte hier seine Ordnung. Die Mexikaner waren sehr diszipliniert, standen brav in der Reihe an und warteten geduldig, bis sie dran waren.
„Chichen Itza“, rief der Ansager, „salida dos“, also zweiter Ausgang. Fast die Hälfte der Wartenden erhob sich und bewegte sich Richtung Ausgang zwei. Drängen war hier nicht nötig, denn Jeder hatte seine Sitzplatznummer auf dem Ticket stehen. Beim Verteilen hatte ich schon darauf geachtet, dass die beiden Pärchen zusammen saßen. Für mexikanische Verhältnisse war es ein Bus erster Klasse, bei uns würde er eher als mittelmäßig durchgehen. Immerhin hatte er eine Klimaanlage und die Sitze waren auch einigermaßen bequem. Die Fahrt an sich war eher öde; es ging fast drei Stunden lang über die Autobahn und rechts und links gab es absolut nichts Sehenswertes. Dann erreichten wir unser Ziel, Chichen Itza, die bekannteste und größte Tempelanlage Mexikos. Vor dem Eingang war ein riesiger Platz, wo die Busse und Autos ungestört anhalten konnten, ohne Jemanden zu behindern. Der Eingang war eingerahmt von einer großen Mauer, auf der in großen Lettern „Chichen Itza“ stand. Es war mitten in der Woche und so war der Besucherandrang überschaubar. Der Eintrittspreis von zehn Dollar war akzeptabel wenn man bedachte, wie viel Arbeit und Kosten die Instandhaltung erforderte. Erwartungsvoll betraten wir die Anlage, eher gesagt meine Gruppe, denn ich war während der Organisation dieser Reise ja schon mal hier gewesen. In allen Sprachen wurden Führungen angeboten, aber ich hatte mich vorher gründlich vorbereitet, um das Wesentliche über diese Anlage an meine Mitreisenden vermitteln zu können. Kommentare wie: „Das machst du gut, Gerda,“ oder, „prima Reiseleitung,“ gingen runter wie Öl, wie man so schön sagt und bestärkten mich in der Annahme, dass ich nicht ganz so schlecht sein konnte. Der Cenote, ein großes Wasserloch, in dem die Mayas ihre Opfergaben versenkt hatten, war besonders interessant, denn hier wurden materielle Dinge, sowie auch Menschenopfer, den vielzähligen Göttern dar gebracht. Wir standen da eine ganze Weile und überlegten, wie viel Gold und andere unschätzbare Dinge dort wohl im schlammigen Boden liegen würden, oder hatte man sie vielleicht schon heimlich geborgen? Und wie viele Skelette von Erwachsenen, Kindern und Tieren lagen wohl auf dem Grund und überhaupt, wie tief war eigentlich dieses heilige Wasserloch?
„Ich habe zu Hause noch eine Pumpe,“ sagte Willi scherzhaft, „damit könnten wir das Wasser abpumpen und dann wüssten wir es.“
„Gute Idee,“ antwortete Horst, „aber das könnten wir nur nachts machen, wenn keiner mehr hier ist und dann ist das Tor verschlossen und die Mauer ist viel zu hoch, um drüber zu klettern.“
„Du kannst einem aber auch die schönsten Träume kaputt machen,“ maulte Willi und tat so, als ob er beleidigt wäre, aber in Wirklichkeit war es nur gespielt. Schließlich kamen wir zur großen Pyramide.
„Was haltet ihr davon, mal hoch zu gehen,“ schlug ich vor.
Während die Männer von der Idee begeistert waren, äußerten Ruth und Gudrun ihre Bedenken.
„Das sieht doch ziemlich steil aus und die Treppen so schief und krumm,“ meinte Ruth und Gudrun fügte hinzu:
„Wenn hier einer runter fällt, hier ist doch weit und breit kein Arzt oder gar Krankenhaus.“
In dieser Beziehung irrte sich Gudrun. Schon bei meinem letzten Besuch habe ich den Krankenwagen bemerkt, der einige Meter entfernt vom Tempel, hinter einem Gebüsch versteckt, parkte. So ganz ungefährlich konnte eine Besteigung der Tempelpyramide also nicht sein, was mich aber nicht daran hinderte ein zweites Mal hochzuklettern. Der Ausblick von oben über die gesamte Anlage und den anschließenden Dschungel war einfach zu berauschend. Also begannen wir den Aufstieg, immer vorsichtig, Treppe um Treppe und stets darauf bedacht, nicht zu stolpern oder auszurutschen. Gudrun und Ruth gingen mit, aber bereits nach einigen Stufen hörten wir Gudruns ängstliche Stimme hinter uns.
„Ich habe Angst, ich gehe zurück,“ und auf allen Vieren krabbelte sie langsam die wenigen Stufen, die sie bisher erklommen hatte zurück, bis sie wieder auf sicherem Boden stand. Der Rest meiner Gruppe schaffte es bis oben und wurde mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Wie schon im Dschungel, hielt auch diesmal Horst alles im Film fest. Ich nahm ihn beiseite.
„Guck mal nach unten Horst,“ sagte ich und nachdem er eine kurze Zeit nach unten gesehen hatte, schüttelte er den Kopf und fragte:
„Na und, was gibt es da Besonderes zu sehen?“
„Na guck mal genau auf den Busch. Siehst du nicht den Krankenwagen, der dahinter steht? Der wartet auf seinen Einsatz, wenn Jemand runter fällt.“
„Das ist ja ein Ding, jetzt sehe ich ihn auch. Aber erzähl das bloß nicht den anderen, sonst trauen die sich nicht mehr hinunter, denn von hier oben sieht es noch viel steiler und gefährlicher aus, als von unten.“
Es war fantastisch hier oben, aber irgendwann mussten wir auch wieder runter, schließlich gab es noch mehr zu sehen und wir durften den letzten Bus zurück nach Cancun nicht verpassen. In der Mitte der Treppe war eine dicke Eisenkette befestigt, an der man sich festhalten konnte und der Großteil der Leute nahm diese Hilfe dankbar entgegen. Ganz frei die Stufen hinunter zu gehen, traute sich fast niemand und die wenigen, die es taten, waren wohl lebensmüde oder einfach nur blöde. Also stiegen wir langsam, immer wieder nach der Kette greifend, Stufe für Stufe die Pyramide hinunter, bis wir schließlich wieder sicher auf dem Boden standen. Anschließend sahen wir uns auch noch den Rest der Anlage an, den Kriegertempel, die tausend Säulen und das Observatorium waren nur einige Dinge davon. In dem kleinen Restaurant nahe am Eingang, gab es etwas zu essen und daneben war ein Raum mit mehreren Ticketschaltern, wo man Informationen über die Abfahrt und Ziele der Busse bekam und sofort auch die Fahrkarten kaufen konnte. Nun gab es zwei Möglichkeiten für uns. Zum einen konnten wir mit dem Bus die gleiche Strecke wie heute Morgen über die Autobahn zurück fahren, oder aber einen Bus zweiter Klasse nehmen, der über alle möglichen Dörfer fuhr. Diese Busse waren selbst für mexikanische Verhältnisse nicht komfortabel, hatten keine Klimaanlage und es gab keine reservierten Sitze, aber dafür hatte man den Vorteil, abseits vom Tourismus etwas vom wirklichen Leben der Mexikaner zu sehen. Einstimmig waren meine Leute dafür, den Bus über die Dörfer zu nehmen und ich ging zum Schalter, um die Tickets zu kaufen. Die Abfahrt war um sechzehn Uhr, wir hatten also noch eine halbe Stunde Zeit und konnten uns einen kleinen Imbiss bestellen.
„Das war auch dringend nötig,“ meinte Willi, nachdem er den letzten Bissen seines Hamburger herunter geschlungen hatte, „mein Magen stand schon auf halb acht.“
Alle Busse hielten direkt unten vor der großen Mauer, wir mussten also nicht lange nach der Haltestelle suchen.
„Passen wir da denn auch alle rein?“ fragte Ruth, als sie die vielen Leute sah, die anscheinend auch auf diesen Bus warteten.
„Das werden wir sehen, wenn der Bus da ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass mehr Fahrkarten verkauft werden als Plätze da sind,“ antwortete ich und hoffte dabei, dass es auch stimmte.
„Auf jeden Fall seht zu, dass ihr möglichst schnell in den Bus kommt, lasst euch nicht zur Seite drängen,“ gab ich ihnen den Rat, als der Bus um die Ecke bog. Es waren schon mehrere Leute drin und es konnte verdammt eng werden. Gott sei Dank beherzigte die Gruppe meinen Rat und drängelte sich, nicht gerade rücksichtsvoll, zur Eingangstür, gaben dem Fahrer ihr Ticket und suchten sich in aller Eile einen der freien Plätze, von denen es inzwischen nur noch wenige gab. Am Ende hatten alle von uns einen Sitzplatz und grinsten zufrieden vor sich hin. Dann schloss sich die Tür und der Bus fuhr an. Aus dem Fenster konnten wir sehen, dass es einige Leute nicht mehr geschafft hatten in den Bus zu kommen. Enttäuscht und teilweise wütend blieben sie zurück. Für sie hieß es jetzt zwei Stunden warten und ihr Glück erneut zu versuchen, obwohl es mit Glück kaum etwas zu tun hatte. Will man mit mexikanischen Bussen fahren, ist manchmal eben ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit angebracht, was jetzt aber niemanden dazu verleiten sollte, generell rücksichtslos zu handeln, es kommt immer auf die Situation an. Für uns hatte es sich gelohnt, wir sind über staubige Straßen gefahren, durch kleine Dörfer, sowie größere Ortschaften und konnten uns einen ersten Eindruck vom realen Leben der Mexikaner verschaffen. Dafür brauchten wir für den Rückweg fast doppelt so lange wie für die Hinfahrt, doch das machte nichts. Müde, aber zufrieden, erreichten wir Cancun. Maria wollte mir einen Gefallen tun und schlug vor, bei Pizza-Hut essen zu gehen. Sie wusste, dass ich Pizza liebte.
„Wollen wir nicht mexikanisch......?“ warf Horst ein, aber ein böser Blick von Maria ließ ihn den Satz nicht vollenden und er antwortete stattdessen: „Pizza ist gut.“
Er hatte verstanden, worauf Maria hinaus wollte. Einen Pizza-Hut gab es ganz in der Nähe unseres Hotels und wenige Minuten später waren wir dort angekommen und „studierten“ die Menukarte. Jetzt hatte ich zum ersten Mal seit zwei Tagen wieder richtig Hunger und bestellte mir eine Pizza Hawaii. Ich konnte es kaum erwarten, bis ich sie vor mir stehen hatte und mir lief schon das Wasser im Mund zusammen, wenn ich nur daran dachte. Was soll ich sagen, für mich war es ein Fest. Gudrun sah dagegen nicht ganz so begeistert aus, aber sie gönnte es mir, nachdem ich zwei Tage lang fast nichts gegessen hatte. Zurück im Hotel, fielen wir todmüde in unsere Betten. Morgen früh würden wir weiter nach Playa del Carmen fahren, das ungefähr siebzig Kilometer von Cancun entfernt lag, um uns dort einen Tag am Strand zu entspannen, bevor wir uns ins Abenteuer stürzten, denn das würde es bei den augenblicklichen Bedingungen sicher werden. Am nächsten Morgen waren alle bester Laune. Wir hatten ausschlafen können und saßen nun gemütlich beim Frühstück, das, wie schon gestern, wieder sehr reichhaltig war. Nach Playa del Carmen fuhr alle Augenblicke ein Bus oder ein Shuttle. Der Preis war bei beiden gleich, aber wir entschieden für den großen Bus, denn der hatte einen großen Stauraum für das Gepäck. In den kleinen Shuttlebussen hätte es wohl ein Problem gegeben, wenn sechs Leute mit großem Gepäck hätten mitfahren wollen. Außerdem gab es in den großen Bussen der Firma Ado eine Klimaanlage. Ado hatte nur First Class Busse und bediente fast alle Städte in Mexiko, bis hin zur Hauptstadt Mexiko City. Eine Stunde später erreichten wir Playa del Carmen. Jetzt hieß es für mich, ein annehmbares und bezahlbares Hotel zu finden. Während meine Gruppe, inzwischen könnte man schon sagen, meine Freunde, am Busbahnhof warteten, ging ich die fünfte Avenida entlang und machte mich auf die Suche. Hotels gab es hier genug, aber die meisten hatten unverschämte Preise und ich musste sehr auf mein Budget achten, das mir zur Verfügung stand, denn noch hatten wir fünf Wochen vor uns und wer wusste schon, was unterwegs noch alles passieren würde und extra Geld kosten würde. Das Hotel, das ich bei meinen Recherchen eingeplant hatte, war belegt, wurde aber in der Calle zwei wenig später fündig. Das kleine Hotel hieß „Azul Blue“, lag romantisch in einem Garten eingebettet, war sauber und ordentlich und nicht weit vom Strand entfernt. Auch der Preis von fünfundzwanzig Dollar pro Doppelzimmer war okay. Ich ging gut gelaunt zurück zum Busbahnhof und verkündete die frohe Botschaft.
„Vamos, amigos“ forderte ich sie auf, das hieß so viel wie: Lasst uns gehen, Freunde. Wir schwangen uns die Rucksäcke auf den Rücken und marschierten los. Bis zu unserer neuen Unterkunft waren es vielleicht dreihundert Meter, also kein Problem für uns, die Strecke zu Fuß zurück zu legen. Unsere Zimmer lagen in der ersten Etage, waren simpel aber zweckmäßig eingerichtet.
„Das hast du gut ausgesucht,“ sagte Ruth und warf sich übermütig auf ihr Bett. Sie wollte unbedingt am Fenster schlafen und den kleinen Gefallen tat ich ihr gerne. Nachdem wir unsere Sachen verstaut hatten, gingen wir hinunter zum Strand.
„Hier könnte ich auch noch länger bleiben,“ verkündete Gudrun begeistert.
„Das wird leider nicht möglich sein,“ antwortete ich, sonst schaffen wir es nicht in der vorgegebenen Zeit bis Panama City und der Flug von dort nach Hause geht in fast fünf Wochen.“
Es war fraglich, ob wir es überhaupt bis dahin schaffen würden, aber davon sagte ich ihnen lieber nichts, denn ich wollte die gute Stimmung, in der sie sich befanden, nicht zerstören. Am Strand standen kleinen Palmen, der ideale Ort, um nicht von der Sonne verbrutzelt zu werden. Wir legten also unsere Handtücher hin, zogen Shorts und T-Shirts aus und sprinteten los, Richtung Wasser. Die Badesachen hatten wir natürlich schon im Hotel angezogen. Horst war der Schnellste.
„Ist das herrlich, und warm wie in der Badewanne,“ rief er freudig aus, während er im Wasser herum hopste. Wir verhielten uns nicht viel anders, alberten herum, bespritzten uns mit Wasser und Willi baute mit Hilfe einer Holzlatte, die er irgendwo am Strand gefunden hatte, eine Sonnenuhr. So verbrachten wir einen tollen Tag am Strand, mit feinem, weißen Sand und azurblauem Wasser. Wir beobachteten, wie der kleine Leuchtturm, der sich ganz in unserer Nähe befand, blau gestrichen wurde, was ihn mehr hervor hub, als dieses öde weiß, in dem er sich vorher befand. Am Nachmittag packten wir unsere Sachen ein, gingen zum Hotel zurück, duschten und zogen ums um. Wir hatten seit heute Morgen nichts mehr gegessen und unsere Mägen knurrten, wie ein paar hungrige Tiger. Ein Restaurant zu finden, war nicht schwierig, es gab hier Unmengen davon. Dieses Mal aßen wir mexikanisch, was ich als sehr gewöhnungsbedürftig empfand. Zu Hähnchen, Reis und Salat, gab es scharfe Soßen und Tortillas. Horst war begeistert, er liebte scharfe Sachen, während wir übrigen sehr vorsichtig mit den Soßen umgingen. Abends saßen wir noch auf der kleinen Veranda, die sich vor unseren Zimmern befand und fragten uns, was wohl noch auf uns zukommen würde. Inzwischen hatten auch meine Mitreisenden mitbekommen, dass es sehr schwierig werden könnte, die geplante Strecke zu bewältigen. Und um uns unsere Situation klarer zu machen, zogen schwarze Wolken auf und kurz darauf schüttete es, als ob der Regengott persönlich das Wasser auf die Erde schüttete. Wir zogen uns zurück auf unsere Zimmer. „Pfui Teufel, iii“ rief Ruth erschrocken.
Vor ihrem Bett befand sich eine große Pfütze, in die sie gerade mit ihren nackten Füßen hinein getreten war. Dem starken Regen, ganz offensichtlich ein Nachläufer des Hurrikans, hatte das Fenster nicht standhalten können. Das Wasser lief durch die Dichtungen und die Pfütze wurde immer größer. Es half nichts, wir mussten eines unserer Handtücher opfern und damit das Wasser aufwischen.
Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne. An diesem Tag wollten wir mit dem Bus weiter bis nach Tulum fahren, wo sich eine weitere, bedeutende Maya Siedlung befand. Sie lag direkt am Meer und war deshalb früher sehr bedeutend für den Handel. Der Bus der Gesellschaft Oriente sah ziemlich abenteuerlich aus, knallig gelb mit weißer und grüner Schrift.
„Oh je,“ entfuhr es Ruth bei seinem Anblick, „ob das gut geht?“
„Klar,“ antwortete ich, „ich bin schon mit weit schlechteren gefahren und immer heil am Ziel angekommen. Dieser sieht eigentlich noch ganz gut aus.“
„Das ist wohl Ansichtssache,“ murmelte Gudrun aus dem Hintergrund, wagte es aber nicht laut auszusprechen.
Die Anderen schwiegen, packten ihre Rucksäcke in den Stauraum und stiegen ein. Platzkarten gab es keine, aber es waren genügend freie Plätze vorhanden. Die Fahrt gestaltete sich besser, als es zuerst den Anschein hatte. Ohne irgendwelche Zwischenfälle erreichten wir eine Stunde später Tulum. Es war ein kleiner, unscheinbarer Ort und wohl nur bekannt geworden, weil sich die Maya Ruinen in der Nähe befanden. Das Hotel Maya, das direkt an der Hauptstraße lag, war einigermaßen akzeptabel und nachdem wir unser Gepäck abgeladen hatten, suchten wir nach einen Minibus, der uns zu den Ruinen brachte. Die befanden sich ungefähr drei bis vier Kilometer vom Ortskern entfernt, wovon man den letzten Kilometer zu Fuß laufen musste. Eine weitere Möglichkeit wäre natürlich ein Taxi, aber das war ja wohl nicht nötig, denn zehn Minuten zu Fuß gehen, hat noch keinem geschadet. Es befanden sich kaum Leute in der Anlage und so konnten wir uns alles in Ruhe anschauen. Horst musste natürlich überall hinauf klettern und winkte uns zu, dass wir ihm folgen sollten, aber keiner von uns hatte so rechte Lust dazu, denn die Sonne brannte heiß und wir wollten jede überflüssige Bewegung vermeiden. Zwischen den Ruinen lag ein kleiner Sandstrand und lud zum Baden ein, aber wir hatten keinen Badezeug angezogen, obwohl ich genau wusste, dass die Anlage am Meer lag, hatte ich nicht daran gedacht und das war wahrscheinlich für die nächste Zeit die letzte Möglichkeit gewesen, im Meer zu baden.
„Hättest du uns auch sagen können,“ motzte Ruth mich an.
„Tut mir leid, ich hab nicht dran gedacht,“ erwiderte ich mit leichtem Schuldgefühl.
„Streitet euch nicht, es werden bestimmt noch andere Gelegenheiten kommen,“ versuchte Horst zu beschwichtigen, aber Ruth zog weiterhin einen Schmollmund. Was sollte ich machen, es ließ sich nun nicht mehr ändern. Wir setzten uns auf einen Felsen, der im Schatten lag, um uns eine Weile auszuruhen. Wenige Minuten später erschien der erste Leguan. Er musste fast einen Meter groß sein und kam jetzt langsam auf uns zu. Wahrscheinlich hoffte er, von uns etwas Essbares zu bekommen, aber wir mussten ihn enttäuschen. Wir hatten nur unsere Wasserflaschen dabei. Geduldig saß er da und wartete, während ein zweiter, etwas kleinerer Leguan, heran kroch.
„Komm Kleiner, lass dich streicheln.“
Willi zog seine rechte Sandale aus und hielt sie dem Tier entgegen, das daraufhin neugierig einige Zentimeter näher kam, sich dann aber abrupt umdrehte und eilig davon lief.
„Der hat deine Käsequanten gerochen,“ lachte Horst und rümpfte die Nase.
„Riech mal an deinen eigenen,“ konterte Willi und zog die Sandale wieder an. Damit war das Gespräch zu Ende. Wir blieben noch eine Zeitlang hier und genossen den Anblick des azurblauen Wassers. Danach sahen wir uns den Rest der Anlage an und gingen anschließend zurück zur Straße, wo wir uns an den Rand stellten und die Hand hoben, wenn einer dieser Kleinbusse vorbei kam. Da wir zu sechst waren, mussten wir eine ganze Weile warten, bis einer anhielt und uns mitnahm, denn meistens gab es nur zwei oder drei freie Plätze. Zurück im Hotel, gab es ein Problem. Horst und Maria gelang es nicht, ihre Zimmertür zu öffnen. Sie versuchten es mit allen Tricks, drücken, ziehen, anheben, aber der Schüssel wollte sich nicht im Schloss umdrehen lassen.
