Dem Licht zu nah - Erika Noll - E-Book
Beschreibung

Durch einen Zufall kommt Maria in Kontakt mit ihrem alten Leben. In ihrer neuen Heimat am Okavango glaubte sie, die Schatten der Vergangenheit hinter sich lassen zu können, bis sie sich von einem Unbekannten berühren lässt und die einmal geöffnete Tür zu ihren Gefühlen nicht mehr verschließen kann, ohne dass sie dafür die Hoffnung aufgeben müsste, noch einmal glücklich werden zu können.

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Durch einen Zufall kommt Maria in Kontakt mit ihrem alten Leben. In ihrer neuen Heimat am Okavango glaubte sie, die Schatten der Vergangenheit hinter sich lassen zu können, bis sie sich von einem Unbekannten berühren lässt und die einmal geöffnete Tür zu ihren Gefühlen nicht mehr verschließen kann, ohne dass sie dafür die Hoffnung aufgeben müsste, noch einmal glücklich werden zu können.

Erika Noll, geboren 1950, lebt und arbeitet

als Psychoanalytikerin in Köln.

Mein liebes Kind! Natürlich denke ich immer an dich, vielleicht nicht mehr ununterbrochen, nicht mehr in jeder Sekunde, aber immer noch an jedem Tag, meistens mehr als einmal. Und natürlich ist mein Gefühl nicht jeden Tag dasselbe, aber mein Schmerz schon. Nicht ganz, manchmal gibt es kleine Inseln, auf denen die Überschrift sich leicht verschiebt. Dann erscheint wie ein Mantra die Vorstellung, wenn ich meine Liebe zu dir erhalten kann, dann kannst du vielleicht etwas bewältigen, was mir in meinem Leben so nicht möglich war. Es gibt auch die Tage, die durch Ärger auf dich mal eine wohltuende Unterbrechung der Dauerqual ermöglichen. Meistens aber überwiegt das Gefühl, es verschuldet zu haben. Und genau diese Zuschreibung hat schon sehr früh unsere Beziehung bestimmt und vielleicht erst in die Richtung getrieben, aus der es jetzt keinen Ausweg mehr zu geben scheint.

Juli 2016. Wieder ist ein Tag geschafft und der Wunsch, sich an den kleinen wurzeligen Tisch am Ufer des Okavango zu setzen, spitzt sich zu, tagtäglich um die gleiche Zeit. Es ist nicht nur die Lust, sich nach getaner Arbeit mit einer schmackhaften Suppe und dem Raum für eigene Gedanken zu belohnen, es ist auch die nie zu stillende Hoffnung, dass es doch eine Lösung geben könnte, wenn man nur die Zeit und innere Befindlichkeit hätte, sie zu erkennen.

Marias Blick gleitet über das grünliche Wasser. Sie lauscht dem vertrauten Grunzen der Hippos und wird durch vier Otter, große, dicke Otter für ein paar Minuten weggezogen von dem, was ihr Leben beenden wird, wenn nicht ein Wunder geschieht. Umgeben von einem Paradies und innerlich in der Hölle. Maria sucht mit ihrem Blick das andere Ufer ab. Wie an jedem Abend haben sich mehrere Hippo-Familien in Wartestellung in einem großen Pool zusammengefunden, um bald an Land gehen zu können. Ob Hippo-Familien auch zerbrechen? Was weiß ich schon von diesen Kolossen, was weiß ich überhaupt von anderen? Ist es nicht das, was unser Leben formt, dass wir immer auf Schatten unserer selbst reagieren, ohne wirklich zu wissen, was den anderen bewegt, was er will und was er braucht. Als Mutter hat man die einmalige Chance, so mit einem Menschen zu verschmelzen, dass man es erfühlen könnte. Aber es ist eine einmalige Chance und wenn man sie vertan hat, kommt sie nicht wieder.

Die Schnelligkeit, mit der jeden Tag die Sonne hinter den Bäumen am anderen Ufer verschwindet, man will sie immer wieder von neuem nicht für möglich halten, ist überrascht, wehmütig, ein bisschen enttäuscht und könnte es doch besser wissen. Ein kühler Luftzug kündigt die täglich zweite Halbzeit an. Jetzt kommt die Kühle nach der heißen Halbzeit, ein ganzer Tag, bei dem man sich in der Hitze nicht die Kälte vorstellen kann und in der Kälte nicht die Hitze.

Etwas verlangsamt schiebt Maria ihre Unterlagen zusammen, um ins Haus zu gehen. Das kleine Steinhaus sticht mit seinem sauberen Weiß ins Auge, wenn man sich an diese Stelle am Fluss verirrt. Eine weiße Schutzschicht überzieht die unregelmäßigen Steine und genau das macht den Charme aus, jedenfalls für ein europäisches Auge. Eingerahmt von Holzhütten thront es wie eine Villa über dem grünen Fluss, der das ganze Bild farblich vollkommen macht. Wie meist hat sie einen Topf mit Lammfleisch, Tomaten, einigen Möhren, Zwiebeln und Süßkartoffeln aufgesetzt. Die milde Würze dieser einfachen Speise nutzt sich nicht ab in ihrer heilsamen Wirkung. Eine gute Suppe hält Leib und Seele zusammen. Wie wahr!

Agnes versteht nicht, warum Maria diese Suppe aber immer alleine isst. Agnes, ihre treue Begleiterin in all den letzten Jahren. Zuerst war es für Maria unvorstellbar, eine schwarze Hausangestellte zu haben. Wie Verrat an allen bisherigen Überzeugungen fühlte es sich an. Aber mit der Zeit hat sie das Zusammenleben in diesem Land verstanden und jetzt ist sie eigentlich froh über die unaufdringliche Gesellschaft. Und es ist ein unausgesprochenes Gesetz zwischen ihnen, dass Agnes ihr nicht alles abnimmt, wie zum Beispiel das abendliche Kochen. Anfangs sollte diese Abmachung wohl eher ihr schlechtes Gewissen beruhigen, aber mittlerweile ist es wirklich für beide ein Gewinn an gegenseitiger Achtung. Auch Agnes genießt den freien Abend bei ihrer Familie und Maria kann so den Rest des Tages mit einer fast meditativen Aktivität einleiten. Manchmal hat sie Agnes gebeten, mit ihr zu essen, was Agnes nach einigem Zögern auch getan hat, aber erst als sie sich vertrauter waren, hat Agnes gemeint: „Maria, auch wenn du mit mir isst, isst du immer noch alleine.“

Obwohl Maria noch nie mit Agnes über ihre Vergangenheit gesprochen hat, spürt Agnes doch sehr genau, dass Maria ein einsamer Kummer umweht jenseits von dem, was sie sowieso schon von ihr weiß. Aber sie handhaben es so, dass ihre gemeinsame Zeitrechnung erst ab dem Zeitpunkt anfängt, an dem sie sich zum ersten Mal begegnet sind. Einmal sagte Agnes beinahe verschämt: „Maria, wir haben alle eine Vergangenheit, aber wir können sie uns nur gegenseitig zeigen, wenn wir nicht von dem anderen erwarten, dass er Unmögliches möglich macht. Sonst sind wir enttäuscht und verlieren einen Freund.“

Agnes überrascht sie immer wieder mit ihrem tiefen Verständnis über das, was zwischen Menschen ganz unsichtbar von Bedeutung ist und in jeder noch so banalen Handlung transportiert wird.

Gut, dass es Rituale gibt, und nicht nur die, die man selbst zelebriert, sondern auch die, die einem widerfahren. Wenn sie das Gemüse und das Fleisch in kleine Würfel schneidet, gibt es den ersten Hauch von geruchlicher Einstimmung, beim Köcheln entwickelt sich dann das ganze Aroma und der erste Löffel ist wie die Einlösung der erwarteten Prophezeiung. Maria fühlt sich für einen kurzen Moment gut, fast glücklich über diese nie versiegende Quelle von Wohlgefühl, die sich trotz allem in ihrem Leben erhält und sie hält.

Die Suppe nimmt sie im Topf mit auf die Terrasse und lässt sich Zeit, um die Vorfreude auf den Genuss weiter zu steigern. Ihr handgeschnitzter Tisch aus Malawi, ein Dreibein, wackelt nie und wie jeden Abend stellt sie den Topf auf die Holzplatte mit dem Sonnenbild. Maria ist ganz versonnen. Von der anderen Seite des Flusses dringen Fetzen melodischer Gesänge durch die klare Luft bis zu ihrer Terrassenoase. Sie lauscht den sich immer wiederholenden Klängen und lässt sich noch aufgewärmt von der Tagessonne von dem mittlerweile kühler gewordenen Luftzug streicheln. Die Strickjacke liegt bereit, Agnes hat sie ungefragt an der richtigen Stelle platziert, aber noch braucht Maria keine Hülle.

Bevor sie sich der ganzen Idylle voll überlässt, schaut sie noch ein letztes Mal auf ihr Handy. Seit noch gar nicht allzu langer Zeit hat sie sich in die Riege der WhatsApp-Nutzer eingereiht. Es ist wie eine unsichtbare Verbindung zu der Welt, die sie verlassen hat. Aber außer Hilde, ihrer Schwester, und Toni, ihrer männlichen Seelenschwester, gibt es eigentlich keinen, der noch wirklich von ihr Notiz nimmt, jedenfalls aus ihrer alten Welt. Und hier, hier ist sie vernetzt, wie man so schön sagt, aber es geht nicht so tief.

Keine neue Nachricht. Hatte sie im Grunde auch nicht erwartet, aber irgendetwas treibt sie immer wieder dazu, einen Blick auf dieses kleine Teil zu riskieren und für einen kurzen Moment einer vagen Hoffnung die Tür zu ihrer Seele einen Spalt zu öffnen. Maria schüttelt sich, als wolle sie so diesen Vorgang beenden. Sie ist freiwillig hier und sie ist gerne hier und sie ist nicht der einzige Mensch auf der Welt. Was soll’s also. Es ist auf jeden Fall richtig, wenn auch nicht immer leicht.

Berlin, Hochsommer im Kiez. Paul legt die Füße auf den kleinen Tisch, der erstaunlicherweise auch noch auf dem viel zu kleinen Balkon Patz gefunden hat. Er wird diesen Ort der Ruhe und Heimeligkeit vermissen, wenn er zu Karo zieht, aber das wird ihn nicht an dem Schritt hindern, der schon längst überfällig ist. Sie werden sich etwas Neues schaffen, neue Plätze, die sie gemeinsam beseelen werden. Natürlich ist es nicht ein totaler Neuanfang, schließlich lebt Karo schon seit vielen Jahren in der Wohnung, die bald ihre gemeinsame sein soll. Aber sie haben sich das sehr genau überlegt und es dann so entschieden. Sie werden die Wohnung neu gestalten, bis sie ihrer beider Handschrift trägt.

Ganz beiläufig schaut Paul auf die Uhr, um dann augenblicklich voll konzentriert zu sein. Jetzt läuft der Countdown für Karos Präsentation. Er hatte sie begleiten wollen, aber sie hat gemeint, das müsse sie allein bewältigen. Sie bewältigt es ja auch allein, er wäre nur in ihrer Nähe gewesen, doch es scheint ihr keine Hilfe zu sein. Es fällt ihm schwer, sie in diesem Punkt zu verstehen und ein bisschen ängstigt ihn auch ihre manchmal etwas undurchsichtige Seite, dennoch hofft er, dass sie sich vielleicht mit der Zeit sicherer in ihrer Beziehung fühlt und sich ihm mehr anvertrauen kann. Oft hat er sich schon gefragt, ob er wirklich zu eindringend ist, zu distanzlos, aber wenn er sich gegenüber ganz ehrlich ist, weiß er, dass es nicht er ist, der Grenzen überschreitet, sondern dass es für Karo, warum auch immer, so wichtig ist, sich mehr abzugrenzen, als es nach außen notwendig erscheint.

Ein mildes Lächeln breitet sich auf Pauls gebräuntem Gesicht aus. Er wird sie schon aufschließen können, diese letzte vor ihm verschlossene Kammer in Karos Seele. Sagt sie ihm nicht ständig, dass er für sie der erste Mensch seit Jahren ist, dem sie vertraut? Es wird schon werden, eins nach dem anderen.

Nur ungern erhebt sich Paul aus seiner komfortablen Sitzliegeposition. Aber die Vorstellung, Karo mit einem leckeren Essen überraschen zu können, treibt ihn in die Küche. Ein letzter Blick auf sein Handy erinnert ihn daran, dass er noch schnell eine Nachricht an seine Kollegin schreiben muss, die am Wochenende für ihn den Notdienst übernommen hat. Dummerweise hat er den Zettel mit ihrer Handynummer irgendwo gut abgelegt. Hätte er sie doch gleich ins Handy eingetippt, dann könnte er ihr jetzt fast ohne Anrede eben eine WhatsApp schicken und dann die Vorräte im Kühlschrank in ein Gericht verzaubern. Na ja, vielleicht fällt es ihm ja gleich ein, wo er die Nummer hingelegt hat, solange kann er doch schon mal die Zwiebeln schneiden.

Paul liebt es zu kochen und selbst die Tränen beim Zwiebelschneiden tun seiner Freude keinen Abbruch. Karo ist ein so dankbarer Fan seiner Kochkünste, bisher hat es noch kein Gericht gegeben, das sie verschmäht hat. Plötzlich weiß er wieder, wohin er den Zettel mit der Handynummer gesteckt hat. So ist es halt, denkt er belustigt, bei beginnender Demenz fokussiere nicht, sondern lass los und schon kommt das Verlorene wie aus der Versenkung. Mit zwei Fingern nestelt er nach dem zusammengeknuddelten Zettel in der Innentasche seiner Weste. Da ist er ja. Jetzt bloß nicht mit den Zwiebelfingern in den Augen reiben, so hinderlich sind die paar Tränen schließlich auch nicht. Also, Nummer eingeben und schnell noch eine kurze WhatsApp, ist das doch praktisch heutzutage, er kann die ewig Gestrigen nicht verstehen.

Nun aber wieder volle Konzentration auf Zwiebel, Paprika und Co. Nach kaum einer halben Stunde riecht es so verführerisch lecker in der Küche, dass er sich beherrschen muss, um nicht unmäßig viel zu probieren. Sie wird sich freuen, wenn sie nachher abgespannt bei ihm klingelt und sie wird einen Bärenhunger mitbringen.

Mittlerweile eingehüllt in eine warme Jacke und mit einer Decke um die Beine sitzt Maria auf der Terrasse. Die Abendstimmung hat sie erfasst und macht ihre Welt noch ein wenig kleiner. Nur die Stimmen der Tiere, die sich jetzt ganz anders anhören als am Tag, weil es auch zum Teil andere Tiere sind, zeigen ihr, dass es noch eine Welt außerhalb ihrer kleinen Terrassenwelt gibt. Wenn sie das Wort Frieden in ein Bild fassen wollte, dann wäre es genau diese Situation hier am Abend, die für sie diesen Namen verdient hätte.

Pling! Selten, aber ab und zu meldet sich ihr Handy und jedes Mal ist es nicht eindeutig für sie, ob sie sich gestört fühlt oder ob sie dankbar ist, dass man an sie denkt. Langsam greift sie nach ihrer Nabelschnur zur Welt. Diesen Namen hat ihr Handy in einer merkwürdigen Situation bekommen und seitdem behalten. Damals hatte sie mit Agnes eine Wette abgeschlossen, dass sie so ein Gerät gar nicht brauche und sowieso keiner sie anrufen werde. Agnes hatte dagegen gehalten und gemeint: „Du bist eine Weiße und du zeigst dich verschlossener gegenüber der neuen Zeit als viele meiner schwarzen Brüder und Schwestern. Man kann die Zeit nicht aufhalten, du darfst dabei nur den Kontakt zu dir und den Ahnen nicht verlieren. Vielleicht eignet sich das Handy ja als neue Nabelschnur.“

„Als Nabelschnur?“

„Ja, wenn man uns nach der Geburt die Nabelschnur durchschneidet, sind wir zeitlebens auf der Suche nach einem Ersatz und wenn wir einen guten Ersatz gefunden haben, dann ist die Nabelschnur wieder durchlässig, dann können wir über sie etwas bekommen und etwas loswerden.“

Seitdem hat sie ihr Nabelschnur-Handy fast ein bisschen mögen können. Aber die Nummer, die sie da auf dem Display liest, ist ihr fremd und der Text trägt auch nicht gerade zur Aufklärung bei.

Hallo Anke, nochmals danke, dass du den Dienst für mich übernommen hast. Das Lesegerät liegt übrigens im Schreibtisch in der zweiten Schublade von oben rechts. Ich wünsche dir einen ruhigen Dienst.

Bis nächste Woche, Paul.

Schmunzelnd und ein bisschen neugierig macht sie sich an die Antwort.

Lieber Paul, wer immer du bist, ich bin leider nicht Anke, die einen Dienst für dich übernommen hat. Ich sitze am Okavango und heiße Maria. Vielleicht kannst du ja einen zweiten Versuch starten.

Liebe Grüße unbekannterweise, Maria.

Ganz offensichtlich hat sich da eine Nachricht verirrt. Man könnte sagen, es hat etwas sein Ziel verfehlt. Was ist, wenn durch so einen Irrweg ein neuer Kanal entsteht? So hat sie es damals mit Ngolo erlebt, sie war gar nicht gemeint, aber sie sollte es später sein. Und sie hatte nichts Besseres zu tun, als ihre Liebe einen Irrweg zu nennen und zu verleugnen.

Maria fühlt sich schwer und gleichzeitig unendlich leer. Warum gibt es bloß kein Entrinnen aus dem Wust der Fäden, die jeden von uns durchweben und schon längst zu einem Muster und einer inneren Realität geworden sind?

Pling! Maria schreckt aus ihren traurigen Gedanken auf, da holt sie jemand zurück in die Welt.

Liebe Maria, entschuldige bitte die Behelligung. Ich habe einen Zahlendreher produziert und bin so bei dir gelandet. Vielen Dank, dass du mir eine Rückmeldung gegeben hast, so habe ich eine zweite Chance, meine Nachricht an die Richtige kommen zu lassen. Am Okavango wäre ich jetzt auch gerne, obwohl ich in Berlin nicht unglücklich bin.

Also nichts für ungut, noch mal vielen Dank für deine Reaktion und eine gute Zeit in Afrika, Paul.

Berlin. In Maria zieht sich etwas zusammen. An Berlin wollte sie eigentlich gar nicht erinnert werden. Obwohl, wenn sie ehrlich ist, braucht sie gar keine Erinnerung, sie denkt sowieso immer an die Zeit in Ihrer deutschen Heimat und an die Menschen, die sie dort zurückgelassen hat, oder besser gesagt, die sie dort nicht mehr haben wollten.

Ruckartig stößt sie sich in ihrem Sessel hoch, jetzt muss sie sich bewegen, das weiß sie aus Erfahrung, das ist die Notbremse bei zu viel aufziehendem Grau.

Paul wird langsam etwas ungeduldig. Jetzt könnte sie aber wirklich mal zurückkommen. Ob sie noch mit den Kollegen etwas essen gegangen ist? Schließlich weiß sie ja gar nicht, dass er für sie gekocht hat und der Tisch gedeckt auf sie wartet. Ob er sie mal anrufen soll? Besser nicht, vielleicht fühlt sie sich dann bedrängt und vor den Kollegen ist ihr so eine Frage, wann sie nach Hause kommt, bestimmt auch peinlich. Dabei hätte er sie so gerne jetzt hier, sie würden zusammen lecker essen, sie würde von ihrer Präsentation erzählen, aber nur kurz, das kennt er schon, und er würde ihr von seiner Nachricht erzählen, die sich nach Afrika verirrt hat.

Es ist ein Teil ihrer Beziehung, dass er sie versteht und für sie zur Verfügung steht, wenn sie einen Anker sucht und genau das nicht zeigen kann. Dass er es nicht übersieht wie die meisten, denen sie ihre mutige und tüchtige Seite anbietet. Es fällt ihm nicht schwer, im Gegenteil, ihre unterschwellige Bereitschaft, sich an ihn anzulehnen, macht ihn glücklich. Als hätte ihr Sich-gegenseitig-Finden ihnen beiden Geborgenheit und gleichzeitig Luft unter die Flügel gegeben.

Ein Blick auf die Uhr zeigt ihm, dass er wahrscheinlich umsonst gekocht hat. Sie wird sicher schon gegessen haben, wenn sie nach Hause kommt. Ein bisschen enttäuscht, aber auch entschlossen, sich davon nicht den Appetit verderben zu lassen, füllt er sich einen Teller und nimmt ihn mit auf seinen kleinen Balkonplatz. Die Sonne wärmt noch immer die Luft, aber sie blendet ihn nicht, weil es schon später am Tag ist und auch sonst die hohen Bäume im Innenhof wie ein Sonnenschirm seinen Balkon schützen. Wie ein Sonnenschirm, aber viel angenehmer, so ist das eben mit Natur.

Wie das sich wohl jetzt in Afrika anfühlt? Seine Gedanken wandern zu der unbekannten Person namens Maria, die irgendwo am Okavango sitzt. Wie anders kann ein Leben verlaufen, wenn wir an einer anderen Stelle auf der Welt zuhause sind. Er war noch nie in Afrika. Wenn er ehrlich ist, hat ihm dieser Kontinent auch immer ein bisschen Angst gemacht. Neulich hat er noch mit Karo mögliche Zukunftsfäden gesponnen, was sie noch alles gemeinsam sehen wollen, aber auf Afrika sind sie beide nicht gekommen. Warum eigentlich? Wer weiß, vielleicht könnte es ja auch Afrika sein.

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