Denn die Lüge bist du - C. C. Hunter - E-Book

Denn die Lüge bist du E-Book

C.C. Hunter

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9,99 €

Beschreibung

Wenn dein ganzes Leben eine Lüge ist: Traust du dich, sie aufzudecken? Als die siebzehnjährige Chloe mit ihrer Mutter nach Joyful, Texas, zieht, ist ihr zunächst alles fremd. Doch es gibt auch Momente, in denen ihr ein Duft, ein Gefühl oder ein Ort seltsam vertraut vorkommen. Die Déjà-vus werden so extrem, dass sie schon glaubt, verrückt zu sein. Dann konfrontiert ausgerechnet der gefährliche, aber attraktive Cash sie mit einem Verdacht: Seine Pflegeeltern hatten eine Tochter, die mit drei Jahren entführt worden ist, und Chloe sieht ihr verdammt ähnlich. Kann es sein, dass ihr Leben auf einer Lüge fußt? Cash und Chloe machen sich auf die Suche nach der Wahrheit. Doch die Wahrheit kann tödlich sein … Von der Autorin der Shadow-Falls-Camp-Reihe! Ein perfekt aufgebauter psychologischer Thriller, verbunden mit einer heißen Liebesgeschichte!

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Seitenzahl: 525

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Deutsche Erstausgabe © 2021 Schneiderbuch in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg Alle Rechte fü r die deutschsprachige Ausgabe vorbehalten © 2019 Christie Craig Originaltitel: »In Another Life« Erschienen bei Wednesday Books, New York Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin’s Publishing Group durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover, vermittelt. Covergestaltung: Designomicon | Anke Koopmann, München Covermotiv: Anke Koopmann unter Verwendung von Motiven von © shutterstock E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783505144080

www.schneiderbuch.de Facebook: facebook.de/schneiderbuch Instagram: @schneiderbuchverlag

Widmung

Für meinen lieben Ehemann, dessen Glaube an mich unerschütterlich ist. Der meine Arbeit lobt, was mich unglaublich motiviert. Der mich mit Fast Food versorgt, damit ich bis tief in die Nacht arbeiten kann, und der den Kaffee schon aufgesetzt hat, wenn ich aufwache. Ich liebe dich, Schatz. Danke, dass du mein Fels in der Brandung bist.

Kapitel 1

»Was tust du da?«, frage ich, als Dad an einer Tankstelle hält, obwohl wir nur noch ein paar Kilometer von dem Haus entfernt sind, in dem ich jetzt mit meiner Mum lebe. Meine Stimme klingt eingerostet, weil ich auf der fünfstündigen Fahrt kaum ein Wort gesprochen habe. Aber ich hatte Angst, dass, wenn ich etwas sagen würde, alles aus mir herausbrechen könnte: meine Wut. Meine Verletztheit. Meine Enttäuschung über den Mann, der einmal mein Superheld gewesen war.

»Ich muss tanken und zur Toilette«, antwortet er.

»Zur Toilette? Du kannst also nicht mal das Haus betreten, wenn du mich bei Mum ablieferst?« Mein Herz fühlt sich an wie eine Kugel aus Alufolie, die jemand zusammengeknüllt hat.

Unsere Blicke treffen sich, und er ignoriert meine Frage. »Willst du irgendetwas?«

»Ja. Mein verdammtes Leben zurück!« Ich springe aus dem Auto und werfe die Tür so fest zu, dass der Knall laut durch die heiße texanische Luft hallt. Dann stürme ich über den Parkplatz, den Blick auf meine weißen Sandalen gerichtet, die über den Asphalt trommeln, während ich gegen die Tränen ankämpfe.

»Chloe«, ruft mir mein Dad hinterher.

Ich laufe schneller. Immer noch mit gesenktem Blick reiße ich die Tür zum Laden auf und rausche hinein – und stoße frontal mit jemandem zusammen.

»Mist«, höre ich jemanden mit dunkler Stimme fluchen.

Ein Styroporbecher fällt zu Boden. Rotes Slush-Eis explodiert über meinen weißen Sandalen, während der Becher umgekippt liegen bleibt und rot auf die weißen Fliesen blutet.

Ich schlucke schwer und zucke zurück, entferne meinen B-Körbchen-Busen wieder von der Brust des fremden Kerls.

»Sorry«, murmelt er, obwohl es meine Schuld gewesen ist.

Ich zwinge mich, den Blick zu heben, wobei ich als Erstes seine breite Brust bemerke, danach seine Augen und die rabenschwarzen Haare, die ihm über die Augenbrauen fallen. Na super! Hätte es nicht einfach irgendein alter Sack sein können?

Der Ausdruck seiner hellgrünen Augen verwandelt sich von entschuldigend zu geschockt und dann zu wütend.

Ich hätte etwas sagen – mich ebenfalls entschuldigen sollen –, doch ich habe einen fetten Kloß im Hals.

»Shit.« Das Wort scheint ihm ungewollt zu entweichen.

Ja, das ist alles ziemlich beschissen! Ich höre, wie mein Dad draußen wieder meinen Namen ruft.

Mein Hals ist wie zugeschnürt, und Tränen brennen mir in den Augen. Weil es mir peinlich ist, vor einem Fremden zu weinen, streife ich schnell meine Sandalen ab und gehe barfuß zu einem der Kühlschränke. Ich öffne die Glastür und stecke den Kopf in die Kälte, weil ich dringend eine Abkühlung brauche. Hastig wische ich ein paar Tränen weg, als ich jemanden hinter mir höre. Dad lässt wirklich nicht locker.

»Gib doch einfach zu, dass du Mist gebaut hast!« Ich schaue auf und sehe in die gleichen hellgrünen Augen von eben, die immer noch wütend dreinblicken. »Ich dachte, du wärst … Sorry«, murmele ich, wohl wissend, dass es ein wenig spät ist für eine Entschuldigung. Sein Gesichtsausdruck macht mich nervös.

Doch er starrt weiter. Völlig ungeniert. Als ginge es um viel mehr als einen verschütteten Slushie.

»Ich bezahle dir den Slushie.« Als er nicht einmal blinzelt, füge ich hinzu. »Tut mir leid.«

»Warum bist du hier?« Die Frage klingt gepresst.

»Was? Kennen wir uns?« Ich weiß, mein Verhalten war ein wenig unhöflich, aber abgesehen davon, dass er ziemlich heiß ist, fängt dieser Typ an, mir Angst zu machen.

»Was meinst du damit?«, entgegne ich.

»Was auch immer du im Schilde führst, lass es sein.«

Er starrt mich immer noch an, und ich fühle mich, als würde ich unter seinem Blick dahinschrumpfen.

»Ich führe doch nichts … Du musst mich mit jemandem verwechseln.« Ich schüttle den Kopf, nicht sicher, ob dieser Typ genauso durchgeknallt ist wie sexy. »Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Aber ich habe mich bereits entschuldigt.« Ich schnappe mir eine kalte Getränkedose aus dem Kühlschrank und eile mit den klebrigen Sandalen unterm Arm zur Kasse.

»Vorsicht!«, ruft der Kassierer meinem Dad zu, während er mit einem Mob die klebrige Flüssigkeit vom Boden aufwischt.

»Sorry«, murmele ich kleinlaut und zeige dann auf meinen Dad, der kurz hinter dem Eingang stehen geblieben ist. »Er bezahlt die Cola hier! Und den Slushie.«

Ich stürme zum Auto, steige ein und halte mir die kalte Cola-Light-Dose an die heiße Stirn. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Ich schaue mich um und entdecke den seltsamen, heißen Typen, der vor dem Laden steht und mich wieder anstarrt.

Was auch immer du im Schilde führst, lass es sein.

Yep, durchgeknallt. Ich wende den Blick ab, um seinem Starren zu entkommen.

Dad kommt zurück und steigt ins Auto. Er fährt jedoch nicht los, sondern sitzt einfach da und beäugt mich von der Seite. »Weißt du, für mich ist das auch nicht einfach.«

»Klar.« Wieso bist du dann gegangen?

Er lässt den Motor an, doch als ich mich im Wegfahren noch einmal umdrehe, sehe ich, wie der dunkelhaarige Junge auf dem Parkplatz steht und sich etwas in der Handfläche notiert.

Schreibt er sich etwa das Kennzeichen von Dads Auto auf? Was für ein Freak. Fast hätte ich etwas zu Dad gesagt, doch da fällt mir wieder ein, wie sauer ich auf ihn bin.

Dad fährt vom Parkplatz runter. Ich schaue in den Rückspiegel. Der heiße Kerl steht da, den Blick immer noch auf unser Auto gerichtet, also beobachte ich ihn, bis er nur noch ein winziger Punkt im Spiegel ist.

»Ich weiß, dass das nicht leicht für dich ist«, sagt mein Dad. »Ich denke auch jeden Tag an dich.«

Ich nicke, sage jedoch nichts.

Minuten später hält Dad vor unserem Briefkasten. Oder besser: vor Mums und meinem Briefkasten. Dads Zuhause ist nicht mehr unser Zuhause. »Ich rufe dich morgen an, um zu fragen, wie dein erster Tag in der Schule war.«

Mir wird sofort flau im Magen, als er mich daran erinnert, dass ich ab morgen in eine neue Schule gehen werde. Ich starre das alte Haus in der alten Nachbarschaft an. Es hat einmal meiner Großmutter gehört. Die letzten Jahre hat meine Mutter es an ein älteres Ehepaar vermietet. Jetzt leben wir hier. In einem Haus, das nach alten Leuten riecht … und nach Traurigkeit.

»Ist sie da?«, fragt Dad.

Unser Haus liegt dunkel in der Abenddämmerung. Goldenes Licht sickert aus dem Nachbarhaus, in dem Lindsey wohnt, die einzige Person in meinem Alter, die ich in der Stadt kenne.

»Mum ruht sich vermutlich aus«, antworte ich.

Er scheint zu zögern, ehe er fragt: »Wie geht es ihr?«

Das fragst du jetzt? Ich mustere ihn von der Seite, wie er das Lenkrad umklammert und das Haus anstarrt. »Gut.« Ich öffne die Beifahrertür, weil ich nicht vorhabe, den Abschied unnötig in die Länge zu ziehen. Es schmerzt noch zu sehr.

»Hey.« Er lächelt. »Bekomme ich wenigstens noch eine Umarmung?«

Ich will zwar nicht, aber aus irgendeinem Grund lehne ich mich über die Mittelkonsole und umarme ihn, denn obwohl ich stinksauer auf ihn bin, liebe ich ihn immer noch. Er riecht nicht einmal mehr wie mein Dad. Wahrscheinlich hat er ein Parfüm aufgetragen, das Darlene für ihn gekauft hat. Tränen brennen in meinen Augen.

»Tschüss.« Ich schwinge meine vom Slushie verfärbten Füße aus dem Auto.

Doch ehe ich mich aus dem Sitz erheben kann, sagt er: »Hat sie vor, demnächst wieder zu arbeiten?«

Ich fahre herum. »Hast du dich deshalb nach ihr erkundigt? Geht es dir ums Geld?«

»Nein.« Doch die Lüge ist so offensichtlich, dass sie schwer in der Luft zu hängen scheint.

Wer ist dieser Mann? Er färbt sich die grauen Schläfen. Er trägt eine Igelfrisur und ein T-Shirt mit dem Namen einer Band, von der er vor Darlene garantiert noch nie etwas gehört hat.

Ehe ich mich zurückhalten kann, sind die Worte schon heraus: »Wieso? Braucht deine Freundin ein neues Paar Jimmy Choos?«

»Hör auf, Chloe«, entgegnet er streng. »Du klingst schon wie deine Mutter.«

Erneut habe ich einen Kloß im Hals. »Ach, bitte. Wenn ich wie Mum klänge, würde ich sagen: ›Braucht die Hurenschlampe ein paar neue Jimmy Choos?‹« Wieder drehe ich mich zur Tür.

Er packt mich am Arm. »Hör mal zu, junge Dame, ich kann dich nicht zwingen, sie so zu lieben, wie ich es tue, aber ich erwarte von dir, dass du sie respektierst.«

»Sie respektieren? Respekt muss man sich verdienen, Dad! Würde ich solche Klamotten tragen wie sie, bekäme ich von dir Hausarrest aufgebrummt. Wenn ich es mir recht überlege, respektiere ich dich auch nicht mehr! Du hast mein Leben zerstört. Du hast Mums Leben zerstört. Und jetzt schläfst du mit einer Tussi, die achtzehn Jahre jünger ist als du.« Ich springe aus dem Auto und bin schon fast am Haus, als ich höre, wie seine Autotür geöffnet und wieder geschlossen wird.

»Chloe. Deine Sachen.« Er klingt wütend, doch da ist er in guter Gesellschaft, denn ich bin mehr als wütend – ich bin tief verletzt.

Würde ich nicht befürchten, dass er mir, so sauer, wie er ist, ins Haus folgt und einen Streit mit Mum vom Zaun bricht, wäre ich einfach weitergegangen. Doch ich ertrage es einfach nicht mehr, sie streiten zu hören. Und ich bin mir nicht sicher, ob Mum es noch erträgt. Ich habe also keine andere Wahl, als das Richtige zu tun. Es nervt total, wenn man die einzige Person in der Familie ist, die sich wie eine Erwachsene verhält.

Ich fahre herum, wische mir die Tränen weg und marschiere auf den Bürgersteig zu.

Er steht neben seinem Auto, meinen Rucksack in der einen und eine riesige Einkaufstüte mit den neuen Schulkleidern, die er für mich gekauft hat, in der anderen Hand. Na super. Jetzt fühle ich mich wie eine undankbare Schlampe.

Als ich bei ihm ankomme, murmele ich: »Danke für die Klamotten.«

Er erwidert: »Warum bist du so wütend auf mich?«

Es gibt so viele Gründe. Welche soll ich ihm nennen? »Du hast zugelassen, dass Darlene mein Zimmer in ein Sportstudio verwandelt.«

Er schüttelt den Kopf. »Wir haben deine Sachen nur in ein anderes Schlafzimmer geräumt.«

»Aber das war mein Zimmer, Dad.«

»Bist du wirklich deswegen sauer oder …?« Er hält inne. »Es ist nicht meine Schuld, dass deine Mum …«

»Rede dir das nur weiter ein«, zische ich. »Dann glaubst du es eines Tages vielleicht selbst.«

Schweren Herzens lasse ich meinen einstigen Superhelden gemeinsam mit meinem gebrochenen Herzen auf dem Bürgersteig zurück. Die Tränen kann ich jetzt nicht mehr zurückhalten, und als ich die Haustür hinter mir schließe, kullern sie mir heiß über die Wangen.

Buttercup, eine mittelgroße hellbraune Promenadenmischung, begrüßt mich schwanzwedelnd und winselnd. Ich ignoriere ihn, lasse Rucksack und Einkaufstasche fallen und marschiere ins Badezimmer. Felix, unser rot getigerter Kater, huscht mit hinein.

Ich bemühe mich, die Tür normal zu schließen und nicht so, als wäre ich total wütend. Wenn Mum mich so sieht, macht sie das nur traurig. Oder noch schlimmer, es wird ihre Wut weiter befeuern.

»Chloe?«, ruft Mum. »Bist du das?«

»Ja. Ich bin im Bad.« Ich hoffe, nicht so aufgewühlt zu klingen, wie ich mich fühle.

Ich sinke auf den Klodeckel und drücke mir die Handrücken an die Stirn, während ich versuche, wieder ruhig zu atmen.

Mums Schritte knarzen auf dem alten Holzfußboden. Dann höre ich ihre Stimme hinter der Tür. »Alles okay, Schatz?«

Felix schnurrt und reibt sein Köpfchen an meinen Beinen.

»Ja. Mein Bauch ist nur … Ich fürchte, der Hackbraten, den es bei Dad gab, war nicht mehr gut.«

»Hat Darlene ihn gemacht?«, fragt sie mit hörbar unterdrückter Wut.

Ich knirsche mit den Zähnen. »Ja.«

»Bitte sag mir, dass dein Dad einen Nachschlag gegessen hat.«

Ich schließe die Augen, während ich innerlich am liebsten schreien würde: Hör auf damit! Ich verstehe, warum Mum so wütend ist. Ich verstehe, dass mein Dad ein Stück Scheiße ist. Ich verstehe, dass er sich weigert, für irgendetwas die Verantwortung zu übernehmen, und dass das alles nur noch schlimmer macht. Ich verstehe, was sie durchgemacht hat. Ich verstehe das alles. Aber hat sie irgendeine Ahnung, wie sehr es mich verletzt, mir die ganze Zeit anzuhören, wie sie über jemanden herzieht, den ich irgendwie immer noch liebe?

»Ich setze mich raus auf die Terrasse«, sagt sie. »Komm doch dazu, wenn du fertig bist.«

»Hm-hm«, mache ich.

Mums Schritte knarzen davon.

Ich bleibe still sitzen und versuche, den Schmerz zu verdrängen. Geistesabwesend streichle ich Felix. Seine Augen sind hellgrün und erinnern mich an den Typen im Tankstellenshop. Was auch immer du im Schilde führst, lass es sein.

Was, zum Teufel, könnte er damit gemeint haben?

Ich verlasse das Badezimmer, doch ehe ich die Terrassentür öffne, betrachte ich meine Mum durchs Wohnzimmerfenster. Sie hat sich auf einem Liegestuhl ausgestreckt. Die Sonne geht gerade unter und taucht sie in goldenes Licht. Sie hat die Augen geschlossen, ihre Brust hebt und senkt sich langsam. Sie ist so dünn. Zu dünn.

Ihr ausgewaschenes blaues Bandana-Tuch ist ihr vom Kopf gerutscht. Alles, was ich sehe, ist ihre Glatze. Und – zack! – schon bin ich wieder wütend auf Dad.

Vielleicht hat er doch recht. Vielleicht mache ich ihn für Mums Krebs verantwortlich.

Es hilft nicht einmal, mir ins Gedächtnis zu rufen, dass der Arzt Mum vor drei Wochen für krebsfrei erklärt hat. Ihr Brustkrebs ist so früh entdeckt worden, dass die Ärzte darauf bestanden haben, ihn nur als Schlagloch in der Straße zu sehen.

Ich hasse Schlaglöcher.

Langsam lasse ich den Blick wieder zu ihrem Kopf wandern. Der Arzt hat behauptet, dass die Chemotherapie sicherstellen soll, dass nicht doch noch Krebszellen in ihrem Körper herumschwirren. Doch bis ich mit eigenen Augen sehe, wie ihre Haare wieder wachsen und ihre Rippen nicht mehr hervorstehen, werde ich auch weiterhin Angst haben, sie zu verlieren.

Als ihr die Diagnose gestellt wurde, dachte ich, Dad würde zu uns zurückkommen, weil er sie doch noch liebte. Das Traurige ist, ich glaube, Mum dachte das auch. Doch das passierte nicht.

Mum öffnet die Augen und rückt ihr Bandana-Tuch zurecht, dann steht sie auf und breitet die Arme aus. »Komm her. Ich habe dich vermisst.«

»Ich war doch nur drei Tage weg«, erwidere ich. Aber es ist das erste Mal seit ihrer Krankheit, dass ich über Nacht weggeblieben bin. Und ich habe sie auch vermisst.

Wir fallen einander in die Arme. Seit sie und Dad getrennt sind, fallen ihre Umarmungen länger aus. Meine sind fester geworden, seit das große K unser Leben verändert hat.

Ich löse mich aus ihrer Umarmung. Buttercup steht neben meinen Füßen und wedelt mit dem Schwanz.

»Hat sie das Haus neu dekoriert?« Mums Tonfall ist bemüht locker, trotzdem kann ich die Feindseligkeit darin hören.

Nur mein Zimmer. Um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, frage ich: »Was hast du so gemacht, während ich weg war?«

»Ich habe zwei Bücher gelesen.« Sie grinst.

»Du hast nicht dein Manuskript rausgeholt und versucht, etwas zu schreiben?«

Bevor Mum und Dad Probleme bekommen haben, verbrachte Mum jede freie Minute damit, an ihrem Buch zu arbeiten. Sie nannte es ihre Leidenschaft. Ich nehme an, die hat Dad auch auf dem Gewissen.

»Nein. Habe mich nicht danach gefühlt«, sagt sie. »Oh, guck mal.« Sie zieht das Tuch vom Kopf. »Der erste Haarflaum. Habe gehört, manche Frauen zahlen viel Geld für diesen Look.«

Ich muss lachen, nicht weil es lustig ist, sondern weil sie lacht. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich Mum das letzte Mal lachend gesehen habe. Wird jetzt alles wieder gut?

Sie geht zur Schaukel. »Setz dich.«

Gemeinsam nehmen wir Platz. Mums Schulter streift meine.

Sie mustert mich eingehend. Bemerkt sie meine verheulten Augen?

»Was ist los, Liebes?«

Die Sorge in ihrer Stimme und die Liebe in ihrem Blick erinnern mich an die Zeiten, als ich noch mit meinen Problemen zu ihr kommen konnte. Als ich noch nicht jedes Wort abwägen musste, um sicherzugehen, dass ich sie nicht verletze. Denn sie muss schon genug Schmerz ertragen.

»Nichts«, antworte ich.

Ihr Mund wird schmal. »Hat dein Dad dich geärgert?«

»Nein«, lüge ich.

Ihr Blick bleibt auf mich gerichtet, als wüsste sie, dass ich nicht ehrlich zu ihr bin. Also werfe ich ihr das Erstbeste hin, was mir einfällt: »Es ist wegen Alex.«

»Hast du ihn gesehen, als du dort warst?«

Plötzlich habe ich wieder einen Kloß im Hals. Das Thema ist offenbar auch nicht das richtige. »Er ist vorbeigekommen, und wir haben uns in seinem Auto unterhalten.«

»Und?«

»Und nichts.« Vorerst verdränge ich den Schmerz. »Ich habe dir doch schon erzählt, dass er mit einer anderen zusammen ist.«

»Tut mir leid, Liebes. Hasst du mich dafür, dass wir hierhergezogen sind?«

Als ob man jemanden hassen könnte, der Krebs hat. Aber jetzt, da der Krebs wieder weg ist …? Es ist verlockend, doch ich kann es nicht. Genauso wie ich Dad nicht hassen kann.

»Ich hasse dich nicht, Mum.«

»Aber du hasst es, hier zu sein?« Sie klingt traurig, schuldbewusst. Es ist wohl das erste Mal, dass sie über meine Gefühle nachdenkt, was diese Sache angeht. Ich hatte alles versucht, ihr den Umzug auszureden – hatte sie sogar angefleht –, doch sie war hart geblieben. Also gab ich nach. In letzter Zeit habe ich sehr viel nachgegeben.

Mein Blick ist tränenverschleiert. »Es ist einfach schwer gerade.«

In diesem Moment meldet mein Handy den Eingang einer neuen Nachricht. Ich will nicht nachsehen, weil ich befürchte, dass Dad sich entschuldigt, und ich möchte nicht, dass Mum es sieht und ich ihr alles erklären muss. Es tut ihm leid, oder? Ich möchte gern glauben, dass ihm bewusst geworden ist, dass es ein Fehler war, Darlene mein Zimmer zu geben.

»Wer schreibt dir?«, fragt Mum.

»Keine Ahnung.« Mein Handy bleibt in meiner Tasche verstaut. Doch es piept erneut. Mist!

»Du kannst ruhig nachsehen«, sagt Mum.

Ich ziehe es hervor und halte es so, dass sie nicht aufs Display sehen kann. Es ist nicht Dad. Und das ärgert mich.

»Es ist Lindsey.« Ich lese. Komm vorbei, wenn du Zeit hast.

»Sie hat vorhin schon angerufen, um zu fragen, ob du zu Hause bist. Warum gehst du nicht kurz zu ihr rüber? Ich mache uns in der Zeit etwas zum Abendessen.«

»Ich schreibe ihr einfach«, erwidere ich. Lindsey würde mich bestimmt fragen, wie mein Wochenende gewesen ist, und ich kenne sie noch nicht gut genug, um meine Sorgen bei ihr abzuladen.

»Okay.« Mum tätschelt mir den Arm. »Was hättest du denn gern zu essen?«

»Pizza.« Ich bin am Verhungern. Mein Mittagessen bei Dad habe ich kaum angerührt.

»Pizza? Auf einen verdrehten Magen?«, entgegnet Mum. »Wie wäre es mit Tomatensuppe und Grillkäse?«

Ich hasse Tomatensuppe. Das ist Krankenessen. Krebs-Essen. Während ihrer Chemo gab es jeden Abend Tomatensuppe. Andererseits ist das Wohl meine Strafe fürs Lügen. »Klar.«

Suppe, ein Sandwich und zwei Sitcom-Folgen später sage ich meiner Mum Gute Nacht und gehe ins Bett. Buttercup und Felix folgen mir in mein Zimmer. Oder besser gesagt in das Zimmer, in dem ich schlafe. Mein Zimmer existiert nicht mehr.

Ich checke mein Handy, um zu sehen, ob ich eine Nachricht von einem meiner alten Freunde – oder vielleicht sogar von Alex – habe. Doch da ist nur eine Nachricht von Lindsey, die mich daran erinnert, ihr zu schreiben, wenn ich bereit bin, gemeinsam mit ihr am Morgen zur Schule zu fahren.

Ich lasse mich aufs Bett fallen. Felix springt zu mir hoch und rollt sich schnurrend an meiner Seite zusammen. Buttercup macht einen Satz auf die Matratze und streckt sich zu meinen Füßen aus. Da ich das Handy schon in der Hand habe, schaue ich mir noch die Selfies an, die ich an diesem Wochenende von Cara, Sandy und mir gemacht habe. Wir lächeln alle, aber es ist kein breites, natürliches Lächeln. Die Fotos sehen gestellt aus. Als würden wir etwas vortäuschen. Unser Lächeln. Unsere Freundschaft.

Ich wische weiter, bis ich die älteren Selfies mit meinen Freundinnen finde. Auf denen sehen wir gar nicht so aus, als würden wir etwas vortäuschen. Wir haben Spaß. Das sieht man an unserem Gesichtsausdruck, unserem echten Lächeln.

Ich blättere die Fotos weiter durch, bis ich auf eines von Alex und mir stoße. Darauf gibt er mir einen Kuss auf die Wange. Seine blauen Augen schielen dabei in die Kamera, und ich weiß, dass er lacht. Ich erinnere mich gut an den Moment, in dem es entstanden ist. An jenem Abend hatten wir das erste Mal Sex miteinander. Meine Augen füllen sich mit Tränen, und mein Finger wischt schneller. Bilder, Schnappschüsse meines Lebens – alles verwischt zu unkenntlichen Farbstreifen auf meinem Handydisplay.

Ich frage mich, ob das Leben wirklich nur das ist – unkenntliche Farbstreifen. Eine Collage aus flüchtigen Momenten in verschiedenen Schattierungen und Nuancen von Emotionen. Zeiten, in denen man glücklich, traurig, wütend und ängstlich ist – oder einfach so tut, als wäre man es.

Frustriert werfe ich mein Handy ans Fußende und starre den Deckenventilator an, der sich in endlosen Runden über mir dreht, genau wie meine Gefühle. Meine Augen werden schwer, und dann – zack! – starre ich plötzlich nicht mehr den Ventilator an. Ich bin gefangen in einer Erinnerung, die fast so alt ist wie ich selbst.

Ich sitze auf einem braunen Sofa. Meine Füße stecken in schwarzen Lackschuhen und baumeln über einem abgewetzten Teppich. Obwohl ich ein pinkes Prinzessinnenkleid mit Rüschen trage, bin ich keine glückliche Prinzessin. Ein herzzerreißendes Schluchzen ist zu hören, mein Schluchzen. Ich bin ein Fisch auf dem Trockenen. Ich bekomme keine Luft mehr.

Ich setze mich so schnell auf, dass Felix erschrocken vom Bett hüpft.

Es ist die einzige Erinnerung, die ich aus der Zeit habe, bevor ich Chloe Holden wurde. Ein paar Monate vor meinem dritten Geburtstag. Ehe ich adoptiert wurde.

In letzter Zeit kommt die Erinnerung öfter hoch. Verfolgt mich beinah. Und ich weiß auch, warum. Es ist dieses Gefühl, aus der eigenen Welt herausgerissen und in eine andere katapultiert zu werden.

Das erste Mal hat es gut geklappt. Damals hatte ich Glück und bin in eine perfekte Welt adoptiert worden. Ich hatte eine Mum, einen Dad, bekam einen kleinen Kater namens Felix und später sogar einen Hund namens Buttercup. Wir lebten in einem weißen Einfamilienhaus, das von Lachen erfüllt war. Und von Liebe. Ich hatte Freunde, mit denen ich aufwachsen konnte. Einen ersten Freund, dem ich meine Jungfräulichkeit geschenkt habe.

Ich hatte ein Leben. Ich war glücklich. Mein Lächeln auf den Fotos war aufrichtig.

Dann fing Dad an, immer später von der Arbeit zu kommen.

Mum und Dad stritten sich.

Dad hatte eine Affäre.

Mum wurde depressiv.

Es folgte die Scheidung.

Dann kam der Krebs.

Und dann der Umzug von El Paso nach Joyful, Texas. Was seinem Namen übrigens nicht gerecht wird.

Und da bin ich nun. Wieder herausgerissen. Ausgerupft. Doch dieses Mal habe ich nicht das Gefühl, Glück zu haben.

Kapitel 2

Während ich mir immer wieder sage, dass der erste Schultag schon nicht so schlimm werden wird, fahre ich mir durch die dichten dunklen Haare, die ich gerade eine halbe Stunde lang geglättet habe. Nachdem ich noch einen prüfenden Blick in den Spiegel geworfen habe, schreibe ich Lindsey eine Nachricht und verlasse mein Zimmer.

Mum sitzt in ihrem übergroßen pinken Bademantel am Frühstückstisch und sieht auf, als sie mich hört. »Ich fand die rote Bluse schön.«

»Ja. Aber ich finde diese hier heute besser.« Ich umarme sie. Mir steht Rot, doch ich hatte das Gefühl, es sei zu auffällig, als würde meine Bluse rufen: Seht mich an, ich bin die neue Schülerin! Also habe ich mich für Beige entschieden.

»Drück mir die Daumen«, sagt Mum.

»Wieso? Was hast du vor? Willst du wieder mit dem Schreiben anfangen?«

»Nein. Ich gehe auf Jobsuche.«

Mein erster Gedanke ist, dass sie damit besser warten sollte, bis ihre Haare nachgewachsen sind. »Fühlst du dich denn schon nach Arbeiten?«

»Ja. Ich habe es satt, nur rumzusitzen und nichts zu tun.«

»Dann viel Erfolg.« Ich schnappe mir meinen Rucksack, streichele erst Felix und dann Buttercup über den Kopf, wobei ich versuche, nicht daran zu denken, wie Dad mich gefragt hat, ob Mum wieder arbeitet. Und daran, dass ich nie eine Entschuldigung von ihm gehört habe.

Lindsey wartet neben unserer Einfahrt. Sie trägt schwarze Jeans, eine schwarze Bluse, schwarzen Nagellack und roten Lippenstift. Ihre strohblonden Haare mit Strähnchen reichen ihr bis über die Schulter. Sie sieht aus, als wäre sie einem Zeitschriften-Cover entsprungen.

»Wow. Du bist ja ganz schön stylish heute«, stelle ich fest.

Sie grinst. »Mein Plan ist, Jonathon dazu zu bringen, es zu bereuen.«

Ich kenne die Jonathon-Geschichte. Meistens nennt sie ihn »den Taugenichts-Betrüger-Bastard«. Ich habe ihn ein- oder zweimal gesehen, als wir gerade neu hierhergezogen waren. Erst als mit ihm Schluss war, haben Lindsey und ich angefangen, uns zu unterhalten. Gerade erst vor Kurzem habe ich ihr von Alex erzählt, doch uns ist noch kein passender Spitzname für ihn eingefallen.

Hätte Mum mich nicht quer durch Texas geschleift, wären Alex und ich noch zusammen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es Liebe nennen würde, doch ich glaube, wir waren nahe dran. Als ich weggegangen bin, waren wir uns einig, dass wir das mit der Fernbeziehung versuchen wollten.

Es hielt vier Wochen.

»Wie war denn der Besuch bei deinem Vater und seinem kleinen Spielzeug?«, fragt sie, während wir zu meinem Auto gehen.

»Die Hölle«, erwidere ich und wechsle gleich das Thema. »Hast du einen neuen Kerl im Visier?«

Wir steigen in meinen weißen Chevy Cruze.

»Ja, David Drake. Er wollte letztes Jahr mit mir ausgehen, aber da war ich gerade frisch mit Jonathon zusammen. Er ist lustig und total süß.«

Auf der Fahrt redet Lindsey über ihren Stundenplan und erzählt, dass sie drei Kurse mit Jamie hat. Jamie ist ihre beste Freundin, die den ganzen Sommer mit ihrer Familie weggefahren war. Ich mache mir etwas Sorgen, dass Lindsey mich fallen lassen wird wie eine heiße Kartoffel, jetzt, da ihre BFF zurück ist.

»Ich hoffe, wir haben auch Kurse zusammen«, sagt Lindsey.

Die meisten Schüler haben ihren Stundenplan schon per E-Mail zugeschickt bekommen, doch ich bekomme meinen erst nach meinem Termin beim Schülerberater. Aber da Lindsey nicht im Begabtenförderprogramm ist, bezweifle ich, dass wir den gleichen Unterricht haben werden.

Ich biege auf den Parkplatz vor der Schule ein und hänge das Schild mit der Parkerlaubnis an den Rückspiegel. Mum hat Dad so lange ein schlechtes Gewissen gemacht, bis er angeboten hat, mir den Parkplatz zu bezahlen. Mir wird ganz flau im Magen, als ich die vielen fremden Menschen erblicke.

Ich wende mich Lindsey zu.

Sie mustert mich mit einem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht. »Verdammt! Du bist ja aufgeregt.«

»Ein bisschen schon, wieso?«

Sie zieht eine Grimasse. »Ich weiß nicht. Ich habe dich für furchtlos gehalten.«

»Mich? Wieso das denn?«

»Deine Mum hat Krebs. Du musstest umziehen und in der zwölften Klasse die Schule wechseln, und das macht dir gar nichts aus. Ich wäre am Boden zerstört.«

Ich sage ihr die Wahrheit. »Das bin ich auch. Ich tue nur so, als ob es nicht so wäre.« Dann steigen wir aus und nehmen unsere Rucksäcke.

Wir sind gerade einmal ein paar Meter gegangen, und schon spüre ich die Blicke der anderen auf mir. Immer wieder winkt jemand Lindsey zu. Ich straffe die Schultern und tue so, als würde es mir nichts ausmachen. Lindsey redet davon, wo wir uns nach der Schule treffen, und sagt mir, ich solle ihr schreiben, sobald ich meinen Stundenplan habe.

Wir haben den Parkplatz schon fast überquert, als uns laute Stimmen herumfahren lassen.

Ein großer Typ mit hellbraunen Haaren lacht einen jüngeren Schüler aus. Ich würde schätzen, er geht in die elfte Klasse. Der ältere hält einen Rucksack in die Höhe und macht einen blöden Kommentar darüber, wie klein der andere ist.

Das Gesicht des Jungen ist rot angelaufen, als wäre er beschämt und wütend gleichzeitig.

Da er sich in etwa genauso wohl hier zu fühlen scheint wie ich, tut er mir leid. Ich denke schon darüber nach, mich einzumischen, als es jemand anderes tut. Jemand mit rabenschwarzen Haaren und extrem breiten Schultern. Zunächst halte ich ihn für einen Lehrer, doch dann – Mist! – erkenne ich ihn. Es ist der seltsame Psycho-Typ, an dem ich gestern meine Brüste gerieben habe.

»Hör auf, dich wie ein Arschloch zu benehmen!« Der Psycho-Typ entreißt dem Idioten den Rucksack und wirft ihn dem Jungen zu. Der fängt ihn auf und sucht sofort das Weite.

»Seht nur, wie er davonrennt«, ruft der Idiot lachend. O Mann, ich hasse solche gemeinen Kerle.

Der mysteriöse Typ raunt dem anderen etwas zu, das ich nicht verstehe. Ich gehe einen Schritt näher ran. Lindsey folgt mir.

Der Idiot wird wütend. »Für wen hältst du dich eigentlich?«

Lindsey lehnt sich zu mir herüber. »Das wird noch interessant.«

Ich schaue sie nicht an, weil ich den Blick auf das Geschehen vor uns konzentriere.

»Paul ist der Typ, der dem Jungen den Rucksack weggenommen hat«, erklärt Lindsey. »Er ist Footballspieler. Der andere ist Cash. Er ist erst im letzten Halbjahr auf die Schule gewechselt, vorher war er auf der Westwood Academy, einer Privatschule für reiche Kinder. Doch den Gerüchten zufolge ist er bei Pflegeeltern aufgewachsen und hat es faustdick hinter den Ohren.«

»Paul ist derjenige, der sich wie ein Arschloch verhält.« Ich versuche, den Typen, der sich gerade für den Schwachen eingesetzt hat, mit dem Verrückten zusammenzubringen, den ich gestern getroffen habe.

»Ja. Paul macht gern mal einen auf dicke Hose«, gibt sie zu.

Paul geht auf Cash zu. Trotz unseres gestrigen Zusammentreffens bin ich für Cash. Ich schätze, ich hasse Idioten, die andere herumschubsen, noch mehr als Psychos.

Cash bewegt sich nicht, doch er strafft sichtlich die Schultern. Paul scheint nicht beeindruckt zu sein, obwohl er es sein sollte. Cash überragt Paul um einen halben Kopf. Doch es ist nicht seine Größe, die ihn so einschüchternd wirken lässt, sondern seine Körpersprache. Er sieht aus wie jemand, mit dem man sich besser nicht anlegen sollte. Sogar noch mehr als gestern.

»Ich habe dich etwas gefragt!«, ruft Paul. »Für wen hältst du dich, Pflegekind?«

Cash versteift sich. »Ich bin nicht derjenige, der es nötig hat, Schwächere fertigzumachen, um sich wichtig zu fühlen.«

Paul geht auf Cash zu, sodass sie sich direkt gegenüberstehen.

Cash spricht weiter: »Verzieh dich besser, solange du noch kannst.« Sein Tonfall lässt keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint.

»Verzieh du dich doch!«, entgegnet Paul.

Ich rechne fest damit, dass Cash zum Schlag ausholt, doch er überrascht mich, als er ruhig erwidert: »Du bist es nicht wert.« Dann wendet er sich zum Gehen.

Ich weiß nicht, ob ich enttäuscht bin, dass er Paul keine Lektion erteilt hat, oder beeindruckt, dass er so vernünftig ist.

Doch er kommt gerade ein paar Schritte weit, als Paul sich auf ihn stürzt und ihn mit der Schulter rammt. »Feigling«, zischt Paul ihm zu.

Cash fährt herum. »Du bist der Feigling, weil du gewartet hast, bis ich dir den Rücken zugewandt habe.«

»Aber jetzt stehe ich dir gegenüber.« Paul ballt die Faust.

Cash weicht nach links aus, und Pauls Schlag geht daneben.

Alle lachen. Das spornt Paul nur zusätzlich an. Er hebt die Fäuste vors Gesicht und beginnt auf den Ballen hin und her zu tänzeln, als wäre er Profiboxer.

Cash führt die Fäuste zum Kinn. Die anderen fangen an zu johlen. »Verpass ihm eine Abreibung! Der hat eine Lektion verdient!«

Ich weiß sofort, dass sie nicht auf Cashs Seite sind. Ich werde diese Schule nicht mögen.

Mir kommt der Gedanke, dass wir weitergehen sollten, doch genau wie Lindsey verfolge ich wie gebannt das Geschehen. Die beiden Kontrahenten bewegen sich jetzt im Kreis. Paul holt wieder aus. Cash duckt sich unter dem Schlag weg, und Paul stößt einen verärgerten Laut aus.

Ich rechne damit, dass Cash einen bissigen Kommentar abgibt, doch das tut er nicht. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass er gar nicht kämpfen möchte.

Plötzlich stehen sie so, dass Cash in meine Richtung schaut. Mit seinen lebhaften grünen Augen blickt er direkt in meine braunen – und erstarrt.

Genau in diesem Moment holt Paul erneut zum Schlag aus. Seine Faust kracht in Cashs Gesicht. Um ein Haar stürzt er, doch seine Wut ist stärker. Er schlägt zurück, trifft Paul in den Bauch und auf die Nase. Paul geht zu Boden, schnappt nach Luft und drückt sich die Hand auf die Nase. Blut quillt zwischen seinen Fingern hervor.

»Aufhören!«, ruft jemand laut. Ein Mann läuft auf die Gruppe zu. Dieses Mal ist es wirklich ein Lehrer. Sofort zerstreuen sich die umstehenden Schüler.

»Los, lass uns weitergehen.« Lindsey zieht mich am Ärmel. Noch bevor ich mich umdrehen kann, findet mich Cashs Blick erneut. Sein linkes Auge schwillt bereits zu. Ich wende mich ab und folge Lindsey.

»Das war vielleicht seltsam.« Lindsey eilt auf den Eingang der Schule zu.

»Der Kampf?«, frage ich.

»Nein. Dass er dich so angestarrt hat. Kennst du ihn?«

»Nein«, erwidere ich, ohne weiter darauf einzugehen.

»Na ja, irgendetwas an dir hat ihn jedenfalls innehalten lassen.«

»Wahrscheinlich sehe ich nur jemandem ähnlich, den er kennt.« Ich muss daran denken, dass ich ihm das in dem Shop auch gesagt habe.

»Oder er steht auf dich. So gut wie jedes Mädchen in der Schule hat schon versucht, seine Aufmerksamkeit zu erregen, und ist gescheitert. Und dann kommst du, und schon bekommt er eine Faust ins Gesicht, nur weil er dich abcheckt.«

»Vielleicht hat er gar nicht mich angestarrt«, sage ich, obwohl ich es selbst nicht glaube.

»Na klar.« Lindsey verdreht die Augen.

Ich schiele zum Schulgebäude hoch, das vor uns aufragt, und will nichts lieber, als umzudrehen und wieder nach Hause zu fahren.

Im Büro von Miss Anderson, der Schülerberaterin, warte ich darauf, meinen Stundenplan zu bekommen, als ich wütende Stimmen hinter mir höre. »Du hast ihm die Nase gebrochen.«

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es der Lehrer ist, der den Kampf unterbrochen hat. Ich starre geradeaus, als sie an mir vorbeigehen. Der Lehrer geht durch die Schwingtür, die ins Hinterzimmer führt, und Cash folgt ihm.

Er ist schon fast durch die Tür, als er sich noch einmal umdreht. Mit beiden Augen – oder sollte ich besser sagen, mit einem Auge, da eins davon zugeschwollen ist – fixiert er mich. Sein Blick ist vorwurfsvoll, als wäre ich es gewesen, die ihn geschlagen hat. Ich höre, wie der Lehrer etwas sagt, und Cash wendet sich wieder um und folgt ihm.

Noch immer ziemlich perplex, sehe ich, wie die Sekretärin mich zu sich winkt. Sie geht durch die Schwingtür, und ich folge ihr nach hinten den Flur entlang. Wir gehen um eine Ecke, und ich sehe wieder den Lehrer, der den Kampf unterbrochen hat. Irgendwie wirkt er genervt, während er mit einer dunkelhaarigen Frau spricht.

Die Sekretärin räuspert sich.

Der Lehrer und die Frau sehen auf.

»Chloe Holden«, sagt die Sekretärin und deutet auf mich.

»Sie soll in meinem Büro warten.« Die Frau lächelt gezwungen. »Bin gleich da.«

Die Sekretärin führt mich in ein Zimmer, wo ich mich auf den Stuhl bei der Tür setze, und geht wieder hinaus. Ich kann das Gespräch zwischen dem Lehrer und der Schülerberaterin hören und lehne mich weiter zurück.

»Nein«, sagt die Beraterin gerade. »Ich bin dafür, dass Sie die Sache erst genauer untersuchen, ehe Sie Schlussfolgerungen ziehen.«

»Das habe ich bereits getan«, erwidert der Mann. »Paul Cane hat mir erzählt, was passiert ist, und drei andere Schüler haben seine Geschichte bestätigt.«

»Drei von Pauls Freunden zweifellos«, stellt Miss Anderson fest. »Überlassen Sie den neuen Schüler mir. Ich spreche mit ihm.«

»Sie verschwenden Ihre Zeit«, entgegnet der Lehrer.

»Na, das ist dann wohl meine Entscheidung.« Ihr Tonfall lässt keinen Widerspruch zu.

Schritte nähern sich. Ich setze mich gerade hin und tue so, als hätte ich nichts mitbekommen.

»Tut mir leid, dass du warten musstest.« Sie streckt mir die Hand entgegen, doch ihre Stirn ist immer noch sorgenvoll gerunzelt. »Ich bin Miss Anderson.«

Ich gebe ihr die Hand. Irgendwie mag ich sie jetzt schon, weil sie dem Lehrer die Stirn geboten hat. »Chloe Holden.«

Sie setzt sich an ihren Schreibtisch und zieht eine Akte aus einem Stapel Papiere. »Ich habe deine Schulakte von der Lionsgate High School bekommen und deine Testergebnisse des ersten Zulassungstests fürs College gesehen. Deine Noten sind beeindruckend. Deine harte Arbeit wird sich auszahlen.«

Ja, das habe ich schon oft gehört. Ich bin klug. Doch es ist nicht wirklich Arbeit für mich. Lernen fällt mir leicht. Genau genommen habe ich in meiner alten Schule bei Prüfungen meistens sogar extra eine oder zwei Fragen falsch ausgefüllt, damit mich meine Freunde nicht hassen. Klug zu sein ist nicht gerade cool.

»Du willst doch aufs College gehen, oder?«

»Ja, Ma’am«, antworte ich. »Meine Eltern sind beide auf die University von Houston gegangen, und dort möchte ich auch hin.«

»Mit diesen Noten könntest du praktisch überall hingehen. Hast du dich schon für Stipendien beworben?«

Ich nicke. Zumindest muss Dad dann nicht für meine Collegegebühren aufkommen.

»Nun, ich habe dich in alle Förderkurse gesteckt, die wir haben. Ich hoffe, du langweilst dich nicht.«

Erneut nicke ich. In Gedanken bin ich noch bei dem Gespräch, das ich gerade belauscht habe.

»Deine Mum hat erwähnt, dass sie eine Chemotherapie hinter sich hat. Und es gab eine Scheidung.«

Warum hat Mum ihr das erzählt? Ich erstarre.

»Wenn du mal jemanden zum Reden brauchst, ich bin hier.«

»Danke«, sage ich. »Aber ist schon okay. Mum geht es gut. Sie hat keinen Krebs mehr.«

»Prima.« Sie starrt auf den Computerbildschirm. »Ich drucke dir deinen Stundenplan aus und stelle dir jemanden zur Seite, der dich ein paar Tage begleitet, bis du weißt, wo alles ist.«

Ich würde die Begleitung gern ablehnen, doch der Gedanke, mich auf dem Schulgelände zu verlaufen und dadurch noch mehr aufzufallen, missfällt mir noch mehr.

Schnell ruft sie jemanden an und reicht mir dann meinen Stundenplan, den sie aus dem Drucker genommen hat. »Sandra wird dich morgen im Hauptbüro abholen.«

Noch einmal nicke ich, schnappe mir meinen Rucksack und mache zwei Schritte in Richtung Tür, ehe ich mich wieder umdrehe. »Äh, zu der Sache auf dem Parkplatz …«

»Was meinst du?«

»Der Streit«, sage ich.

»Warst du dabei?« Sie beugt sich vor. Irgendwie habe ich das Gefühl, sie mag Cash, oder vielleicht weiß sie auch, dass Paul jemand ist, der andere gern herumschubst.

»Ja, der Junge mit den helleren Haaren, ich glaube, jemand hat ihn Paul genannt, hat einen jüngeren Schüler geärgert. Hat ihm den Rucksack geklaut. Der andere Junge, Cash, hat dem jüngeren den Rucksack zurückgegeben. Paul hat dann Streit mit ihm angefangen. Cash hat sogar versucht, der Sache aus dem Weg zu gehen.«

Miss Anderson bekommt große Augen und lächelt. »Kennst du einen der beiden?«

»Nein, Ma’am. Ich habe es nur zufällig gesehen. Und … jemand hat mir die Namen genannt.«

»Danke dir.« Sie klingt erleichtert.

Ich verlasse das Büro und bleibe abrupt stehen, weil ich um ein Haar erneut mit Cash zusammengestoßen wäre. Unsere Blicke treffen sich. Oder mein Blick und sein halber, denn sein eines Auge ist nun vollständig zugeschwollen. Aber ich könnte schwören, dass er mich mit dem anderen vorwurfsvoll ansieht.

Die Worte Sorry, dass ich dich verteidigt habe liegen mir auf der Zunge, aber ich spreche sie nicht aus. Stattdessen eile ich an ihm vorbei.

Ich spüre, wie er mich beobachtet. Genau wie gestern. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken.

Was stimmt nicht mit dem Typen?

Kapitel 3

Dreißig Minuten später stieg Cash Colton in seinen Jeep. Warum hat sie mich verteidigt? Dann machte es klick, und er wusste es: Weil ich recht hatte.

Mit ihm zusammenzustoßen war die perfekte Inszenierung. Sorge immer dafür, dass sie dich bemerken. Geh nicht auf sie zu. Das macht sie misstrauisch.

Es war alles inszeniert.

Na ja, nicht alles. Der Streit war es bestimmt nicht gewesen. Niemand hatte wissen können, dass er dem Jungen beistehen würde. Nicht einmal er war sich sicher, warum er es getan hatte. Außer … dass dieser Junge so war wie er damals.

Ihn zu verteidigen musste allerdings Teil des Plans gewesen sein. Bringe sie dazu, dir zu vertrauen. Lass sie glauben, du wärst ihr Freund.

Viel Glück damit. Cash vertraute niemandem. Nicht einmal jemandem, der hübsche Brüste hatte.

Einen Betrüger konnte man nicht betrügen – nicht wenn er jeden Trick der Welt schon kannte. Er hatte vom Besten gelernt: seinem Versager-Vater, der inzwischen gestorben war.

Mit quietschenden Reifen fuhr Cash vom Parkplatz. Nachdem ihn Miss Anderson für unschuldig erklärt hatte, hatte sie seine Pflegemutter, Mrs. Fuller, angerufen. Da sie Ärztin und die Art Mensch war, die sie nun mal war, bestand sie darauf, ihn erst selbst zu untersuchen, ehe er zum Arzt ging. Er sollte auf sie warten, ehe er in den Unterricht zurückkehrte.

Ein paar Straßen weiter hielt er und rief sie an.

Sie ging sofort dran. »Bin unterwegs. Geht es dir gut?«

»Ja, mir geht’s gut. Du brauchst nicht zu kommen. Ich fahre schnell heim und hole mir ein paar Aspirin.«

»Cash, Miss Anderson wollte, dass du in der Schule bleibst. Du solltest jetzt nicht …«

»Echt? Das wusste ich nicht.« In Wahrheit hatte er dem Gespräch durch die geschlossene Tür gelauscht und hatte sich dann davongestohlen, ehe ihn jemand aufhalten konnte. »Ich dachte, da sie mit dir geredet hat, dürfte ich gehen.«

»Nein, Liebling, du solltest jetzt nicht fahren. Du könntest eine Gehirnerschütterung haben. Wie weit bist du noch von zu Hause entfernt?«

»Bin schon so gut wie da«, log er und verspürte sofort ein schlechtes Gewissen.

»Dir ist aber nicht schwindelig, oder?«

»Nein.«

»Okay, dann fahr weiter, und wir treffen uns zu Hause. Ich rufe Miss Anderson an und sage ihr Bescheid. In zwanzig Minuten bin ich da.«

»Bitte, du musst wirklich nicht kommen. Mir geht’s gut.« Er schielte zum Armaturenbrett, um auf die Uhr zu sehen. Es war zwanzig vor neun.

»Das hast du vor zwei Jahren auch gesagt, als dein Blinddarm geplatzt war«, erwiderte sie.

»Und ich bin immer noch da. Also war es nicht so schlimm, oder?«

»Immerhin musstest du acht Tage im Krankenhaus bleiben.« Sie seufzte. Er hatte so etwas schon oft von ihr gehört. Sie zu enttäuschen war das Letzte, was er wollte. Und sosehr er sich auch bemühte, es nicht zu tun, passierte es doch immer wieder. Seine Vergangenheit holte ihn immer wieder ein.

Die Fullers hatten eine Niete gezogen, als sie ihn ausgewählt hatten.

Aber sie würden nicht mehr lange zu leiden haben. In zwei Monaten würde er das Alter erreicht haben, in dem er keine Pflegefamilie mehr brauchte. Allerdings hatte er nicht vor, sich aus dem Staub zu machen, bis er die Highschool abgeschlossen hatte …

»Wenn dir schwindelig wird, halt sofort und ruf mich an.«

»Wird gemacht.« Er legte auf. Mit Blick auf die Uhr fuhr er weiter bis zu der beschrankten Einfahrt zur Stallion-Wohnsiedlung, in der die Fullers lebten – wo er eines ihrer Schlafzimmer bewohnte –, und fuhr daran vorbei in Richtung Walmart. Sein geschwollenes Auge pochte.

Er parkte den Jeep, betrat das Einkaufszentrum und ging zum schwarzen Brett, wo man Aushänge machen konnte.

Jedes Mal, wenn er hier war, schaute er dort nach. Als er das Foto das erste Mal gesehen hatte, hatte er es am liebsten sofort abreißen wollen, um den Fullers den Schmerz zu ersparen. Doch später war ihm klar geworden, dass sie es gewesen waren, die es dort aufgehängt hatten.

Und dort war sie. Starrte ihn an.

Die gleiche Augenform. Das gleiche Kinn. Die gleichen Lippen.

»Mist!«

Das bedeutete aber noch lange nicht, dass sie es wirklich war. Bilder, auf denen künstliche Alterungsprozesse abgebildet waren, konnten täuschen. Fotos konnten lügen. Das wusste er aus eigener Erfahrung. Doch verdammt, dieses Mädchen sah ihr ähnlicher als das Foto, das der Ganove Mrs. Fuller vor einem Jahr gegeben hatte. Und nachdem Mrs. Fuller besagtem Halsabschneider dreitausend Dollar ausgehändigt hatte, war er einfach so verschwunden. Und hatte einen Teil des Herzens seiner Pflegemutter mitgenommen. Sie war gerade erst dabei, sich davon zu erholen.

Hätte Mrs. Fuller sich doch besser ihm anvertraut, dann hätte er ihr gleich sagen können, wie diese Kleinganoven drauf waren.

War das wieder derselbe Kerl, der auf noch mehr Geld aus war? Wahrscheinlich. Doch dieses Mal spielte er auf einem anderen Level. Und dieses Mal wusste Cash Bescheid. Dieses Mal würde er es zu verhindern wissen.

Verstohlen schaute er sich um, vergewisserte sich, dass ihn auch niemand beobachtete, und griff dann nach dem Foto an der Pinnwand. In dem Moment hörte er, wie sich die Schiebetür hinter ihm öffnete. Er zuckte zurück und tat so, als würde er einen Flyer für Hundefutter studieren.

Mit den Händen in der Tasche wartete er, bis die Frau den Einkaufswagen an ihm vorbeigeschoben hatte. Sobald die Schritte verklungen waren, wandte er sich wieder dem Aushang zu.

Im Haus der Fullers gab es eine weitere Kopie des Fotos, verstaut in einem Ordner. Doch in Mr. Fullers Schreibtisch zu wühlen fühlte sich nicht richtig an. Vor allem da er bereits einmal dabei erwischt worden war.

Damals war er gerade erst ein paar Monate bei den Fullers gewesen, kurz nach seinem fünfzehnten Geburtstag, als er Mrs. Fuller dabei ertappt hatte, wie sie mit Tränen in den Augen den geöffneten Ordner angestarrt hatte. Später, als sie ihm genug vertraute, um ihn allein zu Hause zu lassen, hatte er sich auf die Suche nach der Ursache ihrer Traurigkeit gemacht.

An jenem Tag hörte er sie nicht nach Hause kommen. In dem Moment, als sie ihn sah, war er sich sicher, dass sie ihn anschreien und dann die Sozialarbeiter anrufen würde, damit sie seinen Arsch da wegholen würden. Drei andere Familien hatten ihn bereits wieder weggeschickt. Doch sie hatte sich einen Stuhl neben den Schreibtisch ihres Mannes geschoben und ihn gefragt, was er da tat. Er war ehrlich gewesen: »Ich wollte wissen, was dich zum Weinen gebracht hat.«

Sie hatte einen leisen Seufzer ausgestoßen – einen Laut, der wie eine Mischung aus Stöhnen und Luftholen klang und der, wie er bald lernen sollte, für sie so typisch war, wenn sie sich traurig oder niedergeschlagen fühlte – und ihm die Geschichte erzählt. Dabei hatte sie wieder geweint.

Die Türen des Marktes schlossen sich. Er schnappte sich den Zettel vom schwarzen Brett, faltete ihn, steckte ihn in die Tasche und eilte davon. Zurück im Auto, ließ er den Motor an und schaute auf die Uhr. Verdammt. Er hatte nur noch fünf Minuten Zeit, um vor Mrs. Fuller nach Hause zu kommen.

Und sollte sie vor ihm dort ankommen, würde sie sich bestimmt aufregen.

Wenn er schon nicht der Mensch sein konnte, den sie gern gehabt hätten, gab er sich doch alle Mühe, seinen Pflegeeltern keinen Kummer zu bereiten. Er fuhr, als wäre der Teufel hinter ihm her, wobei er versuchte, besonders vorsichtig zu fahren, da er nur mit einem Auge sehen konnte. Doch er hätte vermutlich auch blind fahren können, genug Erfahrung hatte er.

Das war noch etwas, das er von seinem Vater gelernt hatte. Mit gerade einmal neun Jahren war er bereits der Fahrer des Fluchtwagens gewesen, als sein Dad einen Supermarkt ausgeraubt hatte. Man muss immer sehen, wo man bleibt, mein Junge. Es war nun sieben Jahre her, dass er den Mann zuletzt gesehen hatte, doch seine Stimme hatte er immer noch klar und deutlich im Ohr.

Cash parkte in der Einfahrt, schloss die Eingangstür auf und tippte den Sicherheitscode ein. Er nahm immer zwei Stufen auf einmal die Treppe hinauf und versteckte den Zettel im Schreibtisch in seinem Zimmer. Dann lief er wieder nach unten, schnappte sich zwei Aspirin, zerkaute sie und ließ sich aufs Sofa fallen. Felix, der uralte rote Kater miaute, weil er hochgenommen werden wollte. Der arme alte Kerl war blind wie eine Fledermaus. Er hob ihn auf die Couch und streichelte ihn sanft. Kaum hatte er sich ins Kissen zurückgelehnt, als auch schon die Haustür geöffnet wurde.

»Cash?«, rief Mrs. Fuller mit ihrer schon fast melodiösen Stimme seinen Namen.

»Im Wohnzimmer«, erwiderte er.

Sie betrat das Zimmer, und er sah, wie sie die Stirn runzelte. »Ach herrje.«

Sie eilte zu ihm und hob sein Kinn mit zwei Fingern. Er versuchte, nicht zu zucken. Es war nicht so, dass er ein Problem damit hatte, berührt zu werden. Nein. Es lag an ihr. Es tat weh, von ihr berührt zu werden. Kein physischer Schmerz, sondern ein emotionaler.

»Ich glaube, du solltest dich röntgen lassen. Nur um …«

»Nein.« Er zog sich zurück. »Es ist nur ein blaues Auge. Das habe ich ständig.«

Da war wieder das Seufzen. »Hast du es gekühlt?«

»Ein paar Minuten in der Schule.«

Sie ging in die Küche und kehrte mit einer Packung gefrorener Erbsen zurück. Ihr Gesichtsausdruck wirkte entschlossen, und er nahm an, die Sache mit dem Röntgen war noch nicht erledigt.

»Ich gehe nicht ins Krankenhaus.« Er nahm die Erbsen.

Sie seufzte wieder und setzte sich auf den Sessel gegenüber vom Sofa. Sie starrten sich an. Er verglich sie mit dem Mädchen. Es gab viele Ähnlichkeiten. Doch nicht die Augenfarbe. Mrs. Fullers Augen waren blau. Das Betrüger-Mädchen hatte braune Augen mit grünen und goldenen Sprenkeln darin.

Mrs. Fuller tätschelte ihre Knie und schaukelte vor und zurück. Das bedeutete normalerweise, dass ihr etwas durch den Kopf ging und dass sie reden wollte. Über etwas Ernsthaftes.

Er wartete.

»Miss Anderson hat mir erzählt, was du getan hast. Dass du dich für den Jungen eingesetzt hast.«

Er nickte und wartete weiter. Da kam zweifellos noch mehr.

»Ich bin stolz auf dich, aber ich hätte mir gewünscht, du hättest es ohne Auseinandersetzung getan. Du bist besser als das.« Enttäuschung lag in ihrem Blick, und er zuckte zusammen.

Die Schläge seines Vaters waren weniger schmerzhaft gewesen. Er hasste es, Mrs. Fuller zu enttäuschen.

Ihm lagen so viele Worte auf der Zunge. Ich habe versucht wegzugehen. Er hat als Erster zugeschlagen. Doch er hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es besser war, sich nicht zu verteidigen. Die Leute dachten ohnehin, was sie denken wollten.

»Sorry«, sagte er leise.

»Du darfst nicht schon wieder von der Schule fliegen.«

Das letzte Mal ist es auch nicht meine Schuld gewesen. Er hob den Kopf. »Haben sie gesagt, sie wollen mich rauswerfen?«

»Nein. Als ich sie zurückgerufen habe, hat Miss Anderson angedeutet, dass du keinen Ärger bekommen wirst. Offenbar haben sich mehrere Schüler zu Wort gemeldet und sich für dich eingesetzt.«

»Mehrere?« Schon die eine Person, von der er wusste, hatte ihn schockiert. Dann erinnerte er sich daran, Jack gesehen zu haben, als der Coach den Kampf unterbrochen hatte. Jack war nicht wirklich ein Freund von ihm, doch als sie letztes Jahr zu einer Gruppenarbeit in Physik eingeteilt worden waren, hatten sie sich tatsächlich ganz gut verstanden.

»So hat sie es gesagt. Aber sollte es wieder vorkommen, werden sie keinen Spaß verstehen.«

Erneut nickte er. »Du kannst wieder zur Arbeit fahren. Mir geht es gut.«

»Schon okay. Mein Assistenzarzt übernimmt meine Patienten.«

Doch es war nicht okay. Die Fullers hatten es nicht verdient, sich mit seinem Mist auseinandersetzen zu müssen. Dass der Verlust ihrer Tochter gegen sie verwendet wurde und sie immer wieder an diesen Schmerz erinnert wurden. Was sie verdient hatten, war, ihr leibliches Kind zurückzubekommen. Doch war es nicht viel wahrscheinlicher, dass Emily Fuller irgendwo begraben lag?

Das hielt Betrüger allerdings nicht davon ab, die Fullers auszunutzen. Er wusste es am besten. Schließlich hatte er mit einem zusammengelebt. Er war einer gewesen. Er und sein Dad hatten einmal eine ähnliche Nummer abgezogen, nachdem sein Dad ein vermisstes Kind auf einem Aushang gesehen hatte, das aussah wie Cash. Also hatte sein Dad ein wenig nachgeforscht. Die trauernde Frau, die den Zettel aufgehängt hatte, aß ihr Mittagessen immer im Park, in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. Eine Woche lang gingen sie jeden Tag dorthin. Cashs Aufgabe bestand darin, sie anzustarren. Ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Den Köder auszulegen.

Schließlich biss sie an und kam auf sie zu.

Sein Dad war wirklich gut. Er spielte seine Rolle perfekt und erzählte ihr die traurige Geschichte, dass er nicht einmal Cashs Nachnamen kannte. Dass er der Sohn seiner verschollenen Schwester war – obwohl er nie gewusst hatte, dass sie ein Kind hatte –, und dann hatte sie sich einfach aus dem Staub gemacht und ihm das Kind überlassen.

Es hatte noch einen weiteren Tag gedauert, bis sie ihnen ihre eigene traurige Geschichte erzählt hatte. Nur dass ihre wahr war. Sie hatte einen Jungen gehabt, der mit vier Jahren verschwunden war. Cash sah ihm verblüffend ähnlich.

»Komm mal her«, hatte die Frau gesagt, Tränen in den Augen. Mit zitternden Händen berührte sie sein Gesicht. Er erinnerte sich, wie er zurückgezuckt war. »Bist du David? Erinnerst du dich an mich? Hast du mich deshalb so angestarrt?«

»Ich weiß nicht«, log er. Genau wie sein Dad es ihm aufgetragen hatte. Dann knuffte sein Dad ihm in die Schulter, um ihn daran zu erinnern, seine Rolle weiterzuspielen. Er war gerade mal sechs Jahre alt und musste sich sein Geld schon verdienen. »Habt ihr einen schwarzen Hund mit einem weißen Fleck auf der Nase gehabt?«

Die Erinnerung daran, wie verzweifelt die Frau gewesen war, verfolgte Cash bis heute. Sie hatte seinem Dad ohne zu zögern das Geld überwiesen, damit er Cashs DNS testen lassen würde. Natürlich war das nie passiert. An diesem Abend hatten sie Little Rock, Arkansas, verlassen – mit fünftausend Dollar in der Tasche. Vermutlich waren das die gesamten Ersparnisse der Frau.

»Das war falsch. Ich werde das nie wieder tun«, hatte er zu seinem Dad gesagt. Daraufhin hatte er sein erstes blaues Auge kassiert. Es hatte wehgetan, aber er war sicher, dass es der Frau mehr wehgetan hatte.

Auf keinen Fall würde Cash zulassen, dass den Fullers das Gleiche widerfuhr.

Er brauchte dringend Antworten.

»Hey, Liebes, wie war’s in der Schule?«

Mum wartet auf mich, als ich am Nachmittag nach Hause komme. Ich habe gehofft, sie wäre noch auf Jobsuche, weil ich nicht in Stimmung bin, ausgefragt zu werden.

»Ganz okay«, erwidere ich ausweichend.

»Hat Lindsey dich den anderen vorgestellt?«

»Ja. Ich habe Jamie kennengelernt, ihre beste Freundin. Sie ist ganz nett.« Und das ist sie tatsächlich, doch ich habe bemerkt, wie sie immer wieder Geschichten von sich und Lindsey erzählt hat, als ob sie etwas beweisen wollte. Als ob sie mich daran erinnern wollte, dass ich die Neue bin – dass Lindsey ihre beste Freundin ist.

Doch ich habe kein Problem damit. Es sind nur neun Monate.

Mum wartet offenbar auf mehr. »Lindsey hat vorgeschlagen, dass ich nachher noch ein bisschen zu ihnen komme. Jamie ist auch da.« Wäre ich in El Paso, würde ich mit Sandy und Cara abhängen. Wir würden uns gegenseitig erzählen, wie unser Unterricht gewesen war, die neuen Lehrer, und darüber reden, welche Jungs dieses Jahr besonders gut aussehen.

Aber ich bin nicht in El Paso. Ich bin hier. Und um nicht ganz so erbärmlich zu wirken, werde ich das fünfte Rad am Wagen bei Lindsey sein und mich glücklich schätzen, überhaupt etwas zu haben.

»Wie war dein Tag?«, frage ich. »Hast du einen Job gefunden?«

Ihr Lächeln wird breiter, und es ist schön, das zu sehen. »Hast du wirklich?«

»Ja. Ich war bei meinem Onkologen, Dr. James. In der Praxis gibt es zwei Ärzte. Ich habe ihm erzählt, dass ich gelernte Krankenschwester bin, und er hat mir den Job einfach angeboten. Sie müssen noch ein paar Sachen abklären, und ich muss mich bei dem anderen Arzt vorstellen, aber es klingt so, als könnte ich dort anfangen.«

Sie lächelt glücklich, und ich umarme sie.

Als wir uns voneinander lösen, grinst sie immer noch. »Es wird alles gut werden.« Sie nimmt mein Gesicht in die Hände, wie sie es immer getan hat, seit ich ein kleines Kind gewesen bin. »Wir werden hier gut zurechtkommen.«

Ich nicke, weil ich es glauben will. Und sie so glücklich zu sehen macht es mir gleich ein bisschen leichter.

Am nächsten Tag lehne ich die Begleitung in der Schule ab. Ich bin mir sicher, mich gut genug auszukennen. Doch da habe ich mich wohl getäuscht. Ich irre umher und komme zu spät zu meiner zweiten Stunde, Amerikanische Literatur. Ich habe das Gefühl, ein blinkendes Schild auf dem Rücken zu haben, auf dem DIE NEUE steht.

Dummerweise geht dieses Gefühl nicht mehr weg. Und ich weiß auch, wer mich anstarrt: Cash. Langsam fängt er echt an, mir Angst zu machen. Ich zähle die Minuten, bis die Stunde endlich zu Ende ist.

Zwischen den Unterrichtsstunden gehe ich zu meinem Schließfach, um die Bücher zu wechseln. Als ich gerade die Arme voll habe, spüre ich, dass jemand neben mir steht. Mir rutscht das Herz in die Hose. Ich nehme an, es ist Cash.

Falsch gedacht.

Ich schaue auf und blicke in hellblaue Augen, die zu einem süßen Jungen gehören, der mir in der Literaturklasse aufgefallen ist und gerade ganz offensichtlich mit mir flirtet. »Brauchst du Hilfe, deine nächste Klasse zu finden? Oder brauchst du Freitagabend ein Date?«

Ich erwidere das Lächeln. Mein Herz macht einen Sprung, und ich fühle mich geschmeichelt.

»Ich heiße David Drake.«

»Ich bin …« Mein Name bleibt mir im Halse stecken, weil ich fieberhaft überlege, wo ich den Namen schon einmal gehört habe. Und dann – zack! – fällt es mir wieder ein. Aber es ist nicht gut.

David Drake ist der Junge, für den sich Lindsey interessiert. Mist. »Danke, aber ich bin … nicht interessiert.« Ich weiche zurück, um auf Distanz zu gehen, und konzentriere mich wieder auf mein Schließfach.

»Ich dachte, dein Name wäre Chloe.«

»Ich meine es ernst.« Erneut schaue ich ihn an, dieses Mal ohne zu lächeln.

Sein Grinsen scheint ihm ins Gesicht getackert. »An mich kann man sich gewöhnen.«

»Ich habe nicht vor, mich an etwas zu gewöhnen.«

»Hast du einen Freund zu Hause?«

»Ja«, lüge ich und streiche mir die Haare zurück. »Wir sind quasi verlobt.«

Er legt sich die rechte Hand an die Brust. »Hast du das gehört? Du hast mir gerade das Herz gebrochen.«

Ich schüttele den Kopf, und plötzlich habe ich eine Idee. Ehe ich mir überlegen kann, ob es eine gute oder schlechte ist, sind die Worte auch schon heraus: »Weißt du, ich habe deinen Namen schon mal von einem Mädchen gehört, das auf dich steht.«

»Von wem denn?«

»Das kann ich nicht sagen, aber … du hast sie angeblich letztes Jahr schon mal nach einem Date gefragt …?«

Er runzelt die Stirn. »Sara?«

Ich schweige.

»Lisa?«

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

»Katie? Paula? Anna? Lacy? Carol? Jackie? Hannah?«

Mir schwirrt der Kopf.

»Ich mache doch nur Spaß«, sagt er. »Da ich nur zwei Mädchen gefragt habe und eins davon mit dir zur Schule fährt, weiß ich, wen du meinst. Aber ich dachte, besagtes Mädchen wäre mit Jonathon zusammen.«

Ich befürchte, schon zu viel gesagt zu haben, also zucke ich nur wortlos mit den Schultern und wende mich zum Gehen. Warum muss ich auch immer versuchen, alles zu richten?

Ich bin gerade ein paar Schritte weit gekommen, als ich Cash entdecke, ein paar Schließfächer von meinem entfernt. Er sieht mich nicht an, doch ich könnte meinen besten BH verwetten, dass er gelauscht hat.

Dann sehe ich Jamie im Flur. Sie schaut schnell weg und geht davon. Bestimmt hat sie auch mitbekommen, wie ich mit David geredet habe.

Ganz toll! Vermutlich läuft sie jetzt zu Lindsey, um ihr alles brühwarm zu erzählen.

Cash wartete ab, bis Mr. Alieda seinen Klassenraum für eine Toilettenpause verließ, um sich ins naturwissenschaftliche Labor zu schleichen. Dort eilte er zu den zwei Terrarien, die an der Wand standen. Jeden Moment würden die Schüler hereinkommen. In einem Behälter befand sich eine Boa, in der anderen das lebendige Futter für die Schlange. Cash öffnete seinen leeren Rucksack und zog einen Handschuh über.

Die Maus stellte sich auf die Hinterbeine und sah ihn an, die feinen Barthaare zuckten. »Also, wir machen das so: Ich helfe dir raus, und du hilfst dafür mir. Du erhältst eine Chance auf deine Freiheit, und ich bekomme … Antworten. Vielleicht.«