Denn niemand wird dir glauben - Abbie Taylor - E-Book

Denn niemand wird dir glauben E-Book

Abbie Taylor

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Beschreibung

Herzklopfen ab der ersten Seite!

Für Emma Turner wird der Alptraum einer jeden Mutter wahr: Beim Einsteigen in die U-Bahn wird sie von ihrem kleinen Sohn Ritchie getrennt, die Türen schließen sich, und Emma bleibt allein am Bahnsteig zurück. Wie durch ein Wunder findet sie Ritchie an der nächsten Station wieder, denn eine hilfsbereite Fremde hat sich ihm angenommen. Diese stellt sich als Antonia vor und überredet Emma, auf den Schreck noch etwas trinken zu gehen. Doch als Emma im Café Antonia für einen Moment aus den Augen lässt, ist diese verschwunden – und hat Ritchie mitgenommen …

Ein Psychothriller, in dem der Alptraum einer jeden Mutter wahr wird.

Dieses Buch geht unter die Haut.

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Seitenzahl: 464

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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Widmung
 
Kapitel 1
Kapitel 2
 
Copyright
Buch
Für Emma Turner wird eines Abends in der Londoner U-Bahn der Alptraum einer jeden Mutter wahr: Beim Einsteigen lässt sie ihren dreizehn Monate alten Sohn Ritchie vorgehen und dreht sich kurz um, um noch die Einkaufstaschen und den zusammengeklappten Kinderwagen in die Bahn zu stellen. Doch da schließen sich die Türen und Emma bleibt getrennt von ihrem Sohn völlig verzweifelt am Bahnsteig zurück. Bevor die Bahn jedoch in den Tunnel einfahren kann, gibt ihr eine Frau in dem Abteil, in dem sich jetzt auch Ritchie befindet, zu verstehen, dass sie an der nächsten Haltestelle auf sie warten wird. Und tatsächlich, als Emma noch immer völlig außer sich an der nächsten Station eintrifft, sitzt ihr Sohn unversehrt auf einer Bank am Gleis, und die hilfsbereite Fremde passt auf ihn auf. Diese stellt sich als Antonia vor und versucht Emma zu beruhigen. Sie macht ihr den Vorschlag, auf den Schreck noch gemeinsam etwas trinken zu gehen. Emma zögert zunächst, doch als Antonia ihr anbietet, von dort ihren Mann anzurufen, damit er Emma und ihren Sohn mit dem Auto abholt und nach Hause fährt, willigt sie schließlich ein. Sie ist erleichtert, dass sie für den Nachhauseweg nicht wieder die U-Bahn nehmen muss, denn der Schock sitzt noch tief. Doch dann passiert das Unfassbare: Als Emma Antonia im Café für einen Moment aus den Augen lässt, ist diese verschwunden - und hat Ritchie mitgenommen. Emma verliert das Bewusstsein, und als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich im Krankenhaus. Sie erzählt der Polizei ihre Geschichte, doch man glaubt ihr nicht, denn keiner will gesehen haben, dass das Kind zu ihr gehörte. Emma ist krank vor Sorge um das Wohl ihres Sohns, und qualvolle Stunden zwischen Bangen und Hoffen beginnen, in denen Emma nichts unversucht lässt, um Ritchie zu finden …
 
Autorin
 
Abbie Taylor stammt aus Irland, ist Mitte dreißig und arbeitet als Ärztin. »Denn niemand wird dir glauben« ist ihr erster Roman. Heute lebt die Autorin abwechselnd in Irland und Großbritannien.
Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Emma’s Baby« bei Bantam, an imprint of Transworld Publishers, a division of Random House UK, London.
Dieses Buch ist Tom und Olive Glynn gewidmet.
Kapitel 1
SONNTAG, 17. SEPTEMBER ERSTER TAG
Am oberen Ende der Treppe saß eine Gruppe von Teenagern mit ausgestreckten Beinen angelehnt an der Wand. Sie blockierten fast den ganzen Durchgang. Die Jungen trugen schwarze Bomberjacken und hatten alle den gleichen Gesichtsausdruck: leer, hart, gelangweilt. Noch bevor Emma sie sah, konnte sie ihre Stimmen von den Kachelwänden widerhallen hören. Die Teenager verstummten, als sie Emma entdeckten.
»Verzeihung«, sagte Emma höflich.
Sehr langsam zogen die Jungen die Knie an. Emma hatte gerade genug Platz, um vorbeizukommen. Sie musste mitten durch die Gruppe hindurchgehen und spürte die Blicke. Die Gang beobachtete schweigend, wie Emma sich auf der Treppe mit Ritchie im Buggy und den Einkaufstüten abmühte.
Sie war froh, als sie den Fuß der Treppe erreicht hatte und um die nächste Ecke biegen konnte. Der U-Bahnsteig war menschenleer und hell erleuchtet. Emma warf einen Blick über die Schulter. Die Jungen waren ihr nicht gefolgt.
»Alles klar, Rich?« Erleichtert hockte sie sich neben den Buggy. Sie war keine besonders ängstliche Person, aber jetzt hoffte sie, dass der Zug bald käme.
Ritchie - kräftig, pausbäckig, dreizehn Monate alt - hatte zu quengeln angefangen. Er bog den Rücken durch und rieb sich mit den kleinen Fäusten die Augen.
»Müde, hm?« Emma schaukelte den Buggy. »Bald sind wir zu Hause.«
Sie war selbst müde. Sie hatten einen langen Tag hinter sich, eine Reise einmal quer durch London, bis zum East End. Emma hatte unbedingt nach draußen gewollt, aber an einen weiteren Fußmarsch zum Hammersmith Broadway oder zur North End Road war jetzt nicht mehr zu denken. Sie waren den ganzen Tag unterwegs gewesen, zwischen den Ständen am Spitalfields Market herumspaziert, hatten ein paar Hosen und Hemden für Ritchie gekauft, sich in ein kleines, belebtes Café gesetzt und Kaffee, Scones und einen Bananensplit bestellt. Dann hatten sie den Bus nach Mile End genommen und einen Spaziergang am Re gent’s Canal gemacht, um die Schwäne und die Langboote mit den bunt bemalten Blumentöpfen zu beobachten. Aber dann war es kalt geworden und Zeit, nach Hause zu gehen. In der Dämmerung sah der Kanal wie von einer grünen Schleimschicht überzogen aus, und ein verrosteter Einkaufswagen ragte aus dem Wasser. Sie mussten ziemlich lange laufen, um einen U-Bahnhof zu finden; die Einkaufstüten fühlten sich doppelt so schwer an und schlugen Emma beim Gehen an die Beine. Sie war erleichtert, als sie vor sich über dem Asphalt endlich das vertraute, blau-rote Kreissymbol der Londoner Untergrundbahn entdeckte.
»Muh.« Ritchie lehnte sich aus dem Buggy, um mit seinem orangefarbenen Eis am Stiel nach ihr zu schlagen. Klebrige Flüssigkeit tropfte auf seinen Ärmel.
»Ach, verdammt noch mal.« Emma spürte, dass sie Kopfschmerzen bekam. »Wozu wolltest du es dann haben?«
Unwirsch nahm sie Ritchie das Eis ab und begann, ihm Gesicht und Hände zu säubern. Sie schaute sich nach einem Mülleimer um. Natürlich war nirgends einer zu sehen. Es war Sonntagabend und Viertel vor acht. Anscheinend waren alle anderen heute längst zu Hause. Emma hätte den Stiel einfach auf die Gleise werfen können. Aber dann wickelte sie ihn doch in ein Taschentuch und steckte ihn in ihre Handtasche. Die Mineralwasserwerbung an der gegenüberliegenden Tunnelwand zeigte eine Landschaft. Bäume, Wasser, Ruhe und Frieden.
Ritchie fing wieder zu heulen an und zerrte an seinen Gurten.
»Na schön.« Was konnte es schon schaden, ihn herauszulassen?
Als Emma sich hinkniete, um den Gurt zu öffnen, drang ein schwaches, schrammendes Geräusch aus den Tiefen des Tunnels. Die U-Bahn.
Emma hatte schon immer gefunden, dass der Lärm einer sich nähernden U-Bahn etwas Bedrohliches hatte. Weil man sie hören, aber nicht sehen konnte; weil die Gleise erzitterten, wie um irgendein monströses Ding anzukündigen, das gleich aus der Finsternis herausschießen würde. Schnell hob sie Ritchie aus dem Buggy und stellte ihn auf den Bahnsteig. Auch er hatte den Krach gehört und sich umgedreht, um in den Tunnel zu starren, während der Luftzug mit dem blonden Flaum auf seinem Kopf spielte. Emma hielt Ritchie am Laufgeschirr fest und bückte sich, um mit der freien Hand den Buggy zusammenzuklappen. Das Geräusch wurde lauter. Ritchie drückte sich an ihr Bein und klammerte sich mit beiden Händen an ihrer Jeans fest. Obwohl sie so abgelenkt war, konnte sie sich hinterher genau an dieses Bild von ihm erinnern: das runde, kleine Gesicht, die aufgerissenen Augen, die zu einem O geformten Lippen, während er in den Tunnel starrte und auf das Monster wartete, das herauskommen würde.
»Da!«, rief Ritchie begeistert, als die Scheinwerfer im Tunnel aufblitzten. Er ließ Emmas Jeans los, um darauf zu deuten. Die schmutzigen, weiß-blauen Waggons ratterten in den U-Bahnhof. Das Kreischen und Quietschen der Bremsen prallte von den Kachelwänden ab; die U-Bahn wurde langsamer und blieb schließlich stehen. Das Röhren des Motors brach abrupt ab, so wie ein ausgeschalteter Ventilator.
Stille.
Eine Sekunde später sprangen die Türen mit einem Rums auf.
»Los geht’s«, sagte Emma.
Das musste sie Ritchie nicht zweimal sagen. Emma steuerte ihn zur Tür eines leeren Waggons. Sie hielt sein Laufgeschirr fest gepackt und zog es ein bisschen in die Höhe, um ihm beim Einsteigen zu helfen. Ritchie kletterte auf Händen und Füßen hinein; seine Windel schaute oben aus der Cargohose heraus. Sobald er es über die Schwelle geschafft hatte, stand er wieder auf, zufrieden mit sich selbst.
»Muh«, sagte er und winkte sie mit seiner pummeligen Hand herein.
Während der folgenden Wochen erinnerte Emma sich meistens an dieses Bild von ihm. Wie er da auf der Schwelle stand mit dem breiten Grinsen, dem zerzausten Haar und dem blauen Fleecepullover mit dem lächelnden Elefanten vorne drauf. Nichts an ihm war anders als sonst, nichts, was Emma nicht schon tausendmal zuvor gesehen hatte. Kein Flüstern in ihrem Kopf, das ihr geraten hätte, ihn an sich zu reißen und nie wieder loszulassen. Er winkte immer noch, während sie den Buggy neben ihm abstellte und sich umdrehte, um nach den Einkaufstüten zu greifen. Als sie sich bückte, hatte Emma das Gefühl, an einer Hand einen leichten Seitwärtsruck zu spüren. An der Hand, die Ritchies Laufgeschirr hielt. Es war nur eine Kleinigkeit, aber es war ihr gleich seltsam vorgekommen; Emma erinnerte sich, sofort die Stirn gerunzelt zu haben. Noch bevor sie sich aufrichten und nachsehen konnte, wusste sie, dass etwas nicht stimmte.
Rrrums.
Sie wirbelte herum. Einen Moment lang konnte sie nicht glauben, was sie sah. Ihre Gedanken liefen im Zickzack. Was fehlt in diesem Bild? Sie hielt Ritchies Laufgeschirr immer noch in der Hand, aber die Waggontür war zugefallen.
Vor ihrer Nase zugefallen, und Ritchie stand auf der anderen Seite.
»Himmel!«
Emma ließ die Tüten fallen, sprang an die Tür und versuchte, die Finger in den Spalt zu zwängen. Durch das Fenster konnte sie Ritchies Scheitel erkennen.
»Warte«, rief sie, »ich komme!«
O Gott, wie öffnete man gleich die Tür? Eine Sekunde lang verschwamm alles. Dann fand Emma den »Tür auf«-Knopf und drückte darauf. Nichts passierte. Sie drückte erneut darauf, fester diesmal. Immer noch nichts. Sie begann, mit den Fäusten gegen die Tür zu hämmern.
»Hilfe!« Eilig sah sie sich auf dem Bahnsteig um. »Mein Kind ist da drin.«
Ihre Stimme schwoll kurz an, schrill und kraftlos, und verhallte dann wieder. Der Bahnsteig war menschenleer. Nichts als düstere Betonwände, Metallbänke an den Wänden, die schweigenden Tunnel zu beiden Seiten.
»Mist.« Emmas Herz klopfte. Sie fühlte sich plötzlich hellwach, auf dem Sprung. Sie schaute sich wieder um, und diesmal entdeckte sie an der Wand einen roten Kasten mit Glasabdeckung. Der Feuermelder. Instinktiv machte sie einen Schritt darauf zu. Dann hielt sie inne. Um an den Kasten zu kommen, würde sie Ritchies Laufgeschirr loslassen müssen. Sie schwankte, unfähig loszulassen und den Kontakt zu ihrem Sohn auch nur für eine Sekunde zu unterbrechen.
»Hilfe!«, rief sie wieder, lauter diesmal. »Helfen Sie mir!«
Sicher müsste irgendwer sie hören. Sie befand sich in einem öffentlichen Raum, verdammt noch mal. Sie war mitten in London.
Dann fiel ihr etwas auf. Der Zug hatte sich nicht bewegt. Die Türen schienen seit Ewigkeiten geschlossen, aber die U-Bahn stand immer noch da.
»Sie wissen, dass wir hier sind.« Erleichtert sackte Emma zusammen. Natürlich. Der Zug konnte nicht abfahren, solange das Laufgeschirr in der Tür klemmte. Der Fahrer hatte sie im Spiegel oder auf dem Monitor oder sonst wo entdeckt. In einer Minute würde jemand auftauchen, um ihr zu helfen. Sie blieb stehen, wartete, wusste nicht, was sie tun sollte. »Alles in Ordnung«, beruhigte sie sich. »Alles in Ordnung.«
Sie schaute wieder hinein, um nach Ritchie zu sehen. Dann erschrak sie. Was war das? Diese Bewegung ganz hinten, am anderen Ende des Waggons?
Irgendjemand war da drin. Da drin bei Ritchie.
Emma riss den Kopf hoch und spürte, wie Angst sie durchschoss. War der Waggon wirklich leer gewesen? Sie hielt angestrengt nach einem Fremden Ausschau, aber eine Haltestange blockierte die Sicht. Dann bewegte sich die Person wieder, und Emma erkannte eine Frau.
Die Frau beugte sich in den Mittelgang und spähte vorsichtig durch die Fensterscheibe. Sie wirkte älter als Emma, etwa so alt wie ihre Mum vielleicht, blond und ordentlich frisiert. Sie wirkte vernünftig. Sie wirkte besorgt.
Sie wirkte normal.
Emma atmete wieder.
»Mein Kind!«, rief sie und versuchte zu lächeln. Sie zeigte auf Ritchie. »Mein Kind ist da drin.«
Die Frau machte ein entsetztes Gesicht und schlug sich die Hand vor den Mund. Die Geste bedeutete: »Was soll ich tun?«
»Machen Sie die Tür auf.« Emma gestikulierte mit der freien Hand. »Suchen Sie den Alarmknopf und drücken Sie drauf.«
Die Frau nickte, trat einen Schritt zurück und fing an, über und neben der Tür zu suchen.
Was für ein Tag. In einem Anflug von Schwäche lehnte Emma die Stirn an die Fensterscheibe und starrte zu Ritchie hinunter. Er saß auf dem Boden, hatte ihr den Rücken zugekehrt und zog am Reißverschluss seines Fleecepullovers. Sie konnte nicht mehr als seinen Scheitel sehen. In was für eine blöde Lage waren sie bloß geraten! Es war so anstrengend, eine Mutter zu sein. Man durfte sich nicht entspannen, man durfte nicht den Blick abwenden, nicht eine Sekunde lang. Wahrscheinlich würden die blonde Dame und sie lachen, wenn die Tür erst offen und Emma eingestiegen wäre und Ritchie auf ihrem Schoß säße.
»Das war aber ziemlich knapp«, würde die Dame sagen und vielleicht denken, dass Emma sich ein wenig leichtsinnig verhalten hatte. Aber sie würde kein Aufhebens machen deswegen.
»Ich weiß. Man wünscht sich Augen im Hinterkopf.« Und Emma würde lächeln, Ritchie an sich drücken und sich abwenden. Dann wären sie wieder zu zweit. Dann wäre alles wieder so wie immer.
Sie konnte Ritchies Gewicht schon auf ihren Knien spüren, den Apfelduft des Shampoos in seinen Haaren riechen. In ihrem Kopf war alles wieder in Ordnung. Deswegen brauchte sie einen Moment, um zu begreifen, dass die Waggontüren sich immer noch nicht geöffnet hatten.
Emma hob stirnrunzelnd den Kopf.
Im selben Moment ließ die U-Bahn ein lautes Zischen hören.
Emma verlor jede Selbstbeherrschung.
»Hilfe!« Sie hämmerte wie wild gegen das Fensterglas. »Bitte! Die Bahn fährt los!«
Die Dame trat ans Fenster und sagte etwas. Ihre Lippen machten: »Äh. Op. Äh. Op.«
»Was?«
»Äh. Op.«
Die Frau gestikulierte entschlossen, deutete auf Emma und dann zur Seite, nach vorn, Richtung Tunnel.
»Was?« Emma starrte sie verwirrt an. Sie versuchte, der Frau mit heftigem Kopfschütteln zu signalisieren, dass sie nichts verstanden hatte.
Ein zweites lautes Zischen.
Und dann ein Ruck.
O Gott.
Die Bahn bewegte sich.
»Nein!« Emma hielt Ritchies Laufgeschirr fest gepackt und stieß einen hohen, schrillen Angstschrei aus. »Bitte! Anhalten!«
Die Bahn fuhr an. Emma setzte sich in Bewegung. Ehe sie sich versah, trottete sie nebenher.
»Anhalten! Stopp! Anhalten!«
Einen Augenblick später begann sie zu laufen. Alles ging so schnell. In der einen Sekunde bewegte der Zug sich überhaupt nicht, in der nächsten raste er schon auf den Tunnel zu. Emma rannte so schnell sie konnte, um mit dem Laufgeschirr mitzuhalten. Ihre Ohren füllten sich mit Lärm. Vor ihr leuchteten die Warnhinweise: Gefahr! Stopp! Die Schilder kamen ihr entgegengesaust, aber Emma konnte nicht anhalten. Sie wusste nicht, ob sich ihre Hand im Laufgeschirr verfangen hatte oder ob sie es nur besonders fest hielt; aber sie wusste, sie würde nicht loslassen. Die Absperrung kam immer näher. O Gott. O Gott. O Gott.
Irgendetwas riss ihren Arm zurück und brachte sie so abrupt zum Stehen, dass sie sich um die eigene Achse drehte. Mit einem heißen Brennen rutschte die Halteschlaufe des Geschirrs über ihre Hand, und sie spürte einen stechenden Schmerz an den Fingern, als die Schlaufe kurz hängenblieb und ihr dann entglitt. Emma strauchelte, wirbelte herum, stürzte hart auf die Knie. Mit einem Donnern verschwand die U-Bahn im Tunnel, ein hohles Dröhnen, das über Emma hinwegwogte, ein animalisches Geheul aus Schmerzen und Wut.
Und dann nichts mehr.
Stille.
Ritchie, dachte Emma durch den Nebel aus Benommenheit und Entsetzen hindurch. Sie hockte auf Händen und Knien am Ende des Bahnsteigs, ihr Kopf stieß fast an die Absperrung, hinter der ein Wald aus Warnschildern stand. Ritchie ist weg. Ich habe ihn nicht mehr. Er ist weg.
Ihr wurde schlecht. Sie würde ohnmächtig werden. In ihrem Mund und in den Händen breitete sich ein Taubheitsgefühl aus.
Was hatte die Frau gesagt?
Äh. Op.
Nächster. Stopp.
Emma ignorierte die Schmerzen in Händen und Knien und rappelte sich auf. Seltsamerweise lag hinter ihr ein Mann auf dem Boden. Emma blieb nicht stehen, um sich Gedanken über ihn zu machen. Sie rannte über den Bahnsteig und hielt panisch nach der Anzeigetafel Aussschau, von der man ablesen konnte, in welchen Abständen die Züge verkehrten.
Im nächsten Moment war der Mann wieder bei ihr. Er lief rückwärts, um ihr ins Gesicht zu sehen.
»Hey«, rief er, »was haben Sie sich dabei eigentlich gedacht? Warum haben Sie nicht losgelassen?«
Emma ignorierte ihn. Die Anzeigetafel, o Gott, wo war die Anzeigetafel?
»Haben Sie nicht gehört?« Der Mann versperrte ihr den Weg und zwang sie stehen zu bleiben.
»Bitte …« Emma versuchte, sich an ihm vorbeizudrängeln.
»Sie hätten sterben können!« Der Mann beugte sich vor, er war größer als sie. Sein Gesicht verschwamm. »Wenn ich Sie nicht zurückgehalten hätte, wären Sie unter die Räder gekommen. Alles wegen dieser verdammten … was war es überhaupt? Eine Designerhandtasche?«
»Das war keine Handtasche«, kreischte Emma, »das war mein Kind!«
»Was?«
»Mein Kind!« Emma schrie ihm ins Gesicht.
»Meinkindmeinkindmeinkind!«
Ihre Stimme wurde brüchig. Sie schlug sich die Hände vor den Mund.
»Verdammte Scheiße.« Der Mann erbleichte.
Emma stieß ein langgezogenes, klagendes Schluchzen aus und schob sich an ihm vorbei, auf die Tafel zu. Vor ihren Augen tanzten Punkte, dazwischen konnte sie die Anzeige erkennen. Nächster Zug: eine Minute. Ihr eigener Atem pfiff ihr in den Ohren. Eine Minute. Eine Minute.
»Verdammte Scheiße.« Der Mann stand wieder neben ihr. »Ich werde den Notknopf drücken.«
»Nein!« Emma fuhr herum. »Tun Sie das nicht!«
»Was?«
»Ich muss zur nächsten Station.« Emma hatte Mühe, deutlich zu sprechen und sich ihm verständlich zu machen. »Im Zug war eine Frau. Sie wird da mit Ritchie aussteigen.«
»Eine Frau? Sind Sie sicher?«
Emma konnte die Anspannung um ihre Augen spüren. Sie sah die Lippen der Frau vor sich, die die Worte formten: Äh. Op. Nächster Stopp. Das hatte sie gemeint. Oder nicht?
Ein Rattern auf den Gleisen. Der Luftzug blies ihr die Haare ins Gesicht. Sie fuhr herum und starrte in den Tunnel.
»Warum hat sie nicht den Alarmknopf gedrückt?«, fragte der Mann.
Emma biss sich auf die Lippe. O Gott, U-Bahn, komm doch endlich. Bitte. Bitte. Komm schon.
Der Mann sagte: »Hören Sie mal, ich glaube wirklich …«
»Nein, jetzt hören Sie mal.« Emma stürzte sich wütend auf ihn. »Ich weiß, dass Sie helfen wollen, aber drücken Sie bitte keine Alarmknöpfe. Damit würden Sie die Züge anhalten, aber ich will zur nächsten Station, zu Ritchie. Also bitte … gehen Sie einfach weg, und lassen Sie mich in Ruhe!«
Inzwischen war die U-Bahn eingefahren. Emma war drinnen, kaum dass sich die Türen geöffnet hatten. Sie marschierte durch den Mittelgang bis ans Ende des Waggons, so als käme sie Ritchie dadurch näher.
Der Mann rief zum letzten Mal.
»Hey!« Er winkte mit irgendeinem Gegenstand. »Ist das Ihre …«
Und dann schlossen sich die Türen.
Emma stand schwankend am Fenster des U-Bahn-Waggons, ihre Nase berührte fast die Scheibe. Der dunkle Tunnel verwandelte das Fenster in einen Spiegel. Sie sah ihr bleiches Gesicht, einen hellen Fleck, der vom Glas in die Länge gezogen und verzerrt wurde. Da saßen noch andere Passagiere im Wagen, aber Emma nahm niemanden wahr.
»Komm schon, komm schon«, flüsterte sie. Sie litt Höllenqualen, das Verlangen, Ritchie zurückzubekommen, brannte wie ein körperlicher Schmerz; Emma hatte das panische Gefühl, nicht genug Sauerstoff zu kriegen. Sie stellte sich vor, wie sie ihn an der nächsten Haltestelle umarmen und ihr Gesicht in seine samtige Halsbeuge drücken würde.
Die Stimme dieses Mannes.
Warum hat sie nicht den Alarmknopf gedrückt?
Irgendetwas sog von innen an Emmas Lunge. Sie versuchte zu atmen, aber es ging nicht.
Was, wenn sie die nächste Haltestelle erreichte und Ritchie nicht da war?
Nein. Nein. Das durfte sie nicht einmal denken. Natürlich würde er da sein. Die Frau hatte nett ausgesehen. Was sollte sie tun, außer mit ihm auszusteigen? Es war nur logisch. Sie hatte gesagt: Nächster Stopp. Sie hatte es gesagt. Emma stellte sich wieder vor, wie sie mit Ritchie zusammen war, dachte an seinen kleinen, warmen Körper, seinen Geruch. Ihre Augen kribbelten. Sie war ihm eine lausige Mutter gewesen. Nicht nur heute, sondern jeden Tag, seit seiner Geburt. Er hatte etwas Besseres verdient als sie. Sie schlug sich eine Hand vor den Mund, um den Schmerz zu lindern, die Tränen zurückzuhalten, die Schuldgefühle. Sie würde es wiedergutmachen. Ganz bestimmt. In der nächsten Minute schon. In weniger als einer Minute. Wie lange würde die U-Bahn noch brauchen? Wann wäre der Tunnel zu Ende? Wie lange noch, bis sie im Fenster nicht länger ihr eigenes Gesicht sah, sondern den Bahnsteig, auf dem Ritchie stand?
Und wenn er nicht da war?
Der Tunnel verschwand. Die Außenwelt tauchte auf, ein dunkelblauer Himmel, Ziegelwände, zusammenlaufende Gleise. Dann waren sie im U-Bahnhof; Lichter, Bahnsteige und Plakatwerbung. Ra-ta-ta. Der Zug wurde langsamer; Emma suchte mit ihrem Blick den Bahnsteig ab, ihre Lunge war wie verschnürt, wie von der schweren Last zusammengequetscht. Auf einer Bank saß eine Frau mit einem Kleinkind, und es war ihre Frau, es war ihr Kind, es war Ritchie. O Gott, o Gott, o Gott. Emma war kurz davor umzukippen. Sie schaffte es, aufrecht stehen zu bleiben, bis der Zug hielt und die Türen aufsprangen; dann rannte sie los und stürzte auf die Bank zu. Ritchie saß froh und munter auf dem Schoß der Frau und kaute an seinem Ärmel herum. Die Frau sah sie lächelnd an. Als Emma die Bank erreicht hatte, stand die Frau auf und hielt Ritchie wie ein Präsent in die Höhe. Emma packte ihn und küsste ihn ab, seine Wangen, seine Stirn, seine Ohren; sie drückte sich seinen flaumigen Kopf an den Hals. Sie presste ihn an sich, bis sie beide keine Luft mehr bekamen, und immer wieder rief sie schluchzend seinen Namen, das Gesicht an seine kleine, seidenweiche Wange gedrückt.
Kapitel 2
»Nggh.« Ritchie heulte auf, drückte den Rücken durch und schob Emma mit den Fäusten von sich. Sie erdrückte ihn. Sein Atem roch nach Zwieback und Orangeneis. Emmas Arme waren zu schwach, um ihn zu halten. Sie musste sich hinsetzen. Ihr Blickfeld verdunkelte sich an den Rändern.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte die Frau. Ihre Stimme schien von weit her zu kommen. »Soll ich ihn nehmen?«
Im nächsten Moment spürte Emma, wie Ritchie aus ihrem Arm gehoben wurde. Sie spürte die Sitzbank in den Kniebeugen und ließ sich niedersinken. In ihren Ohren toste ein Brandungsgeräusch. Sie schloss die Augen und beugte sich vor.
Nach einer Weile ebbte das Tosen ab. Der Bahnsteig und alles ringsum wirkte wieder ganz normal.
Emma setzte sich auf.
»Vielen Dank«, sagte sie und brach in Tränen aus.
Sie wusste nicht, wie lange sie geweint hatte. Wahrscheinlich nicht länger als ein paar Sekunden, aber als sie aufblickte, starrte Ritchie, der immer noch auf dem Schoß der Frau saß, sie mit offenem Mund an. Ein langer Speichelfaden hing an seiner Unterlippe, nur wenige Zentimeter über dem teuer aussehenden Jackenärmel der Frau. Das brachte Emma wieder zu sich.
»Es tut mir leid.« Sie drückte sich die Handballen an die Augen. »Wir sind zu zweit, der Kleine und ich. Es ist manchmal nicht einfach. Es tut mir leid. Es tut mir leid.« Sie schüttelte den Kopf. »Sie wollen das gar nicht hören. Sie müssen mich für eine schreckliche Mutter halten.«
»Unsinn«, murmelte die Frau. »Sie müssen sich furchtbar erschreckt haben.«
Und sie hatte Recht. Emma sehnte sich danach, Ritchie zu knuddeln, aber ihre Hände zitterten, und ihr Gesicht war nass von Tränen und Rotz. Außerdem hatte sie Blut an der Lippe. Sie musste sich gebissen haben. Emma schaute sich nach irgendetwas um, womit sie sich den Mund abwischen konnte, und bemerkte, dass dieser U-Bahnhof viel belebter war als der vorherige. Wo befanden sie sich? Sie warf einen Blick auf das Schild über der Bank. Whitechapel. Eine zweite U-Bahn hielt am Bahnsteig. Zwei Mädchen erhoben sich und gingen auf die Türen zu.
»Taschentuch?« Während sie Ritchie im Arm hielt, wühlte die Frau mit der freien Hand in ihrer Handtasche. Sie sah aus wie jemand, der stets ein sauberes Taschentuch griffbereit hielt. Vernünftig, organisiert, wie eine Schulleiterin Anfang vierzig, und ihr stufig geschnittenes, blondes Haar bedeckte knapp die Ohren. Tweedhose. Kurze, beigefarbene Jacke mit Fellbesatz an Kragen und Ärmelbündchen.
»Bitte sehr«, sagte die Frau.
»Danke.« Emma nahm das Taschentuch und trocknete sich Augen und Gesicht. Die Frau warf ihr einen irgendwie mitfühlenden Blick zu. Aus der Nähe betrachtet schimmerten winzige, spinnenartige Äderchen auf ihren Wangen. Sie hatte trotz der Perlenohrringe und der akkuraten Frisur ein Reiterinnengesicht, ein Gärtnerinnengesicht. Während ihrer Kindheit in Bath hatte Emma unzählige solcher Frauen gesehen. An Weihnachten traf man sie überall; zum Mittagessen suchten sie, einen Haufen Einkaufstüten im Schlepptau, mit ihren Töchtern die gemütlichen Teestuben auf. Während der Schulferien hatte Emma sie bedient.
»Lassen Sie mich ihn nehmen.« Emma trocknete sich die Augen und streckte die Arme nach Ritchie aus. Er schüttelte sofort den Kopf, ließ sich in den Arm der Frau zurücksinken und steckte sich die Finger in den Mund.
»Was ist los?« Emma war verstört. »Warum willst du nicht zu mir?«
Die Frau lachte leise. »Wahrscheinlich hat er sich erschreckt, als Sie ihn so fest gedrückt haben.«
»Vielleicht habe ich ihm weh getan«, meinte Emma besorgt. Es war untypisch für Ritchie, sich derart manipulieren zu lassen. Normalerweise ließ er niemanden außer Emma an sich heran.
»Das ist der Schreck. Außerdem weiß er gar nicht, dass er um ein Haar verloren gegangen wäre, stimmt’s?« Die Frau schüttelte Ritchie sanft und beugte sich zur Seite, um ihm ins Gesicht zu sehen. Er schaute zu ihr hoch und nuckelte weiter an seiner Faust. »Du hast deiner Mummy Sorgen gemacht, nicht wahr, du kleiner Frechdachs?« Sie sah wieder zu Emma hinüber. »Ist er nicht süß? So schönes blondes Haar. Dabei sind Sie so dunkel. Wie heißt er?«
»Richard. Ritchie.«
»Ritchie. Wie niedlich. Nach seinem Vater?«
»Nein.« Emma blickte zur Seite.
Die Frau hakte nicht weiter nach. »Möchten Sie ein frisches Schnupftuch?«, fragte sie. Sie hatte wirklich Schnupftuch gesagt. »Nein, geben Sie mir das alte zurück. Hier unten gibt es keine Mülleimer.«
Die Frau nahm Emma das durchweichte Taschentuch ab und steckte es in die Handtasche.
»Übrigens«, sagte sie und streckte die Hand aus. »Ich hei ße Antonia.«
»Emma. Emma Turner.« Emma schüttelte Antonias Hand.
»Wo wohnen Sie, Emma? Hier in der Nähe?«
»Nein«, antwortete Emma. »Ich wohne in Fulham. Na ja, eigentlich Hammersmith, um genau zu sein.«
»Tja, dann haben Sie es noch recht weit bis nach Hause. Soll ich Sie ein Stück begleiten? In diesem Zustand sollten Sie nicht allein unterwegs sein.«
»Es geht schon. Ehrlich.« Das stimmte fast. Emma zitterte immer noch, aber sie war dabei, sich zu erholen. Sie wollte jetzt allein sein, sich sammeln und dann mit Ritchie nach Hause fahren. Dann fiel ihr etwas ein. »Oh. Meine Tasche. Ich habe sie in der anderen Station liegen gelassen.«
»Du liebe Güte«, sagte Antonia. »Da haben Sie sich aber in eine Lage gebracht …«
»Ist schon okay.« Emma stand auf. Sie würde sich etwas einfallen lassen. Was kümmerte sie schon eine verlorene Tasche? Noch wenige Minuten zuvor hatte sie gedacht, sie habe ihren Sohn verloren. »Ritchie und ich werden zurückfahren und fragen. Vielleicht hat irgendjemand sie abgegeben.«
»Nun ja«, erklärte Antonia, »ich denke, dass Ihre Chancen, die Tasche wiederzufinden, inzwischen sehr gering sein dürften. Vielleicht sollte ich lieber warten, nur für den Fall, dass Sie Geld für den Nachhauseweg brauchen?«
»O nein.« Emma erschrak. Auf keinen Fall hatte sie wie jemand klingen wollen, der um Geld bettelt.
»Ich bestehe darauf. Ich werde dafür sorgen, dass Sie sicher nach Hause kommen. Der Schreck muss Ihnen noch in den Knochen sitzen.« Antonia legte eine Hand auf Emmas Arm. »Kommen Sie wenigstens auf eine Tasse Kaffee mit. Ich lade Sie ein.«
»Das wäre wirklich zu viel verlangt. Sie haben schon genug getan.« Emma spürte, dass ihre innere Abwehr sich regte. Ihr war klar, dass sie fürchterlich aussehen musste mit dem verheulten Gesicht und dem zerzausten Haar. Ihr Jackenärmel war beim Sturz auf den Bahnsteig eingerissen, und an einem ihrer Turnschuhe löste sich vorn die Sohle. Antonia machte einen netten Eindruck, aber Emma wollte nichts als ihre Ruhe. Sie wollte sich einfach nur beruhigen, vielleicht noch ein kleines bisschen weinen, falls ihr danach war. Inzwischen fiel es ihr ohnehin schwer, mit Fremden zu sprechen, ganz zu schweigen mit einer Fremden wie Antonia, die zweifellos sehr taktvoll war, sich aber dennoch fragen musste, wie man nur so blöd sein konnte, ein kleines Kind allein in eine U-Bahn einsteigen zu lassen.
»Nur ein Kaffee.« Antonia beobachtete sie. »Hören Sie, mir kommt da eine Idee. Ich habe eine Freundin besucht und wollte mich gerade mit meinem Mann in der Stadt treffen. Ich könnte ihn anrufen, damit er uns hier mit dem Auto abholt. Erlauben Sie uns, Sie nach Hause zu bringen.«
Emma wollte ablehnen. Wirklich, das wollte sie, aber sie fühlte sich ziemlich erschöpft und war völlig überrumpelt davon, dass jemand nett zu ihr sein wollte. Ihre Schultern wurden schwer, so als hätte man eine Decke darübergelegt.
»Okay«, sagte sie. Ihre Augen wurden feucht. »Vielen Dank.«
Während sie sich noch einmal schnäuzte, stand Antonia mit Ritchie im Arm auf.
»Dann werde ich den kleinen Mann mal verstauen«, sagte sie.
»Er wird sich nicht …«, fing Emma an, aber Antonia hatte Ritchie schon in den Buggy gesetzt. Er wehrte sich kein bisschen. Sein Kopf kippte zur Seite, seine Augenlider waren schwer. Antonia schnallte ihn an. Jeder Handgriff schien zu sitzen.
»Bitte sehr.« Sie tätschelte Ritchies Kopf. »Du musst schlafen, nicht? Armer kleiner Mann.«
Emma wollte den Buggy übernehmen, aber Antonia hielt die Griffe fest umklammert. Mit schnellen Schritten schob sie Ritchie auf die Treppe zu. Emma blieb nichts anderes übrig, als mit leeren Händen zu folgen. Der Bahnsteig war zu beiden Seiten offen; ein kalter Luftzug ließ sie erschauern. Emmas Knie brannten unter der Jeans. Es war seltsam, nichts zu tragen zu haben, keinen Ritchie, keine Tasche. Sie fühlte sich verletzlich. Hilflos. Lieber hätte sie Rich getragen, ihn aus dem Buggy geholt und auf den Arm genommen, aber es wäre unhöflich gewesen, ihn aufzuwecken, wo Antonia doch so nett gewesen war. Emma begnügte sich damit, ihn beim Gehen zu betrachten. Mein Gott. Mein Gott.
Sie half Antonia, den Buggy die Stufen hochzutragen. Am Drehkreuz wandte Antonia sich zu ihr um und fragte: »Sie haben kein Ticket, stimmt’s? Sie müssen dem Wachpersonal melden, dass Sie Ihre Handtasche verloren haben. Die sollen Sie durchlassen.«
Emma zögerte.
»Na los!« Antonia lächelte ihr aufmunternd zu. »Machen Sie sich um Ritchie und mich keine Sorgen. Wir werden am Eingang auf Sie warten.«
Emma war in Eile und erzählte dem gutgelaunten Wachmann in der orangefarbenen Jacke deswegen nichts von Ritchie und dass er im Zug eingesperrt gewesen war. Sie sagte nur, sie habe ihre Handtasche an der letzten Station verloren, Stepney Green; hatte sie vielleicht irgendjemand abgegeben? Der Wachmann ging in einen Nebenraum, um zu telefonieren. Emma spähte über die Drehkreuze hinweg zum Stationsausgang. Draußen war es jetzt dunkel. Anscheinend hatte es angefangen zu regnen. Auf dem Kopfsteinpflaster spiegelten sich die Lichter. Ein paar Leute standen im Eingang, um sich vor dem Regen zu schützen oder sich an dem kleinen Zeitungskiosk anzustellen. Immer mehr Leute schoben sich durch die Drehkreuze; ein Mann mit Wollmütze, eine Frau mit Kopftuch und einem kleinen Mädchen an der Hand. Dann waren sie vorbei, und Emma hörte nur noch ihre Schritte auf dem nassen Boden. Sie warf wieder einen Blick zum Ausgang - und erstarrte. Ruckartig machte sie einen halben Schritt auf die Schranken zu. Wo war Antonia?
Im selben Moment entdeckte sie sie, gleich neben dem Kiosk. Antonia kniete neben Ritchies Buggy und zog den Reißverschluss seines Fleecepullovers hoch. Deswegen musste sie sie beim ersten Mal übersehen haben. Emma atmete zitternd aus. Das bewies nur, wie durcheinander sie war. Ritchie schlief. Emma betrachtete ihn sehnsüchtig. Sein Kopf war ihm auf die Brust gefallen. Sein dünnes Haar war glatt in die Stirn gekämmt. Während er atmete, hob und senkte sich der blaue, lächelnde Elefant auf seiner Brust. Im selben Moment schaute Antonia auf und begegnete Emmas Blick. Sie winkte kurz.
Der Wachmann kam zurück.
»Keine Tasche, tut mir leid«, sagte er. »Es gibt eine Telefonnummer für Fundsachen, falls Sie …«
»Ist schon gut.« Emma konnte es nicht erwarten, wieder bei Ritchie zu sein. Sie deutete auf die Drehkreuze. »Ist es in Ordnung, wenn ich einfach durchgehe? Das Ticket war in meiner Tasche.«
Der Wachmann hatte gute Laune. Er tippte sich an die Mütze und öffnete die Schranke für sie. Sobald Emma durch war, lief sie auf Ritchie zu. Sie wollte die Arme nach den Griffen des Buggys ausstrecken, aber Antonia drückte ihr eine Zwanzigpfundnote in die Hand.
»Sie müssen es annehmen«, beharrte Antonia, als Emma zu protestieren begann. »Das Café da drüben hat geöffnet, schauen Sie.« Sie zeigte in eine Nebenstraße, an deren Ende ein Schild mit der Aufschrift »Mr Bap’s« in einem erleuchteten Fenster hing.
»Wir warten dort auf meinen Mann«, erklärte Antonia. »Sie bezahlen den Kaffee. Vielleicht möchte Ritchie auch etwas? Ich weiß ja nicht, was er gerne isst.«
»Ich … na gut, okay«, gab Emma nach. Antonia hatte Recht. Bald würde Ritchie Hunger bekommen. Sie würde ihm etwas zu essen kaufen. Aber wenn sie am Tisch saßen, würde sie ihn wecken und auf den Schoß nehmen, um ihn wieder ganz für sich zu haben.
Wie sich herausstellte, war das Mr Bap’s eher ein Schnellimbiss als ein Café. Im Gegensatz zur feuchten Luft drau ßen stank es hier drinnen nach Essig und Pommes. Im vorderen Ladenteil standen braune Tische und Bänke aus Plastik. Die meisten Tische hätten dringend einer Reinigung bedurft. Im hinteren Teil befand sich ein Tresen mit riesigen Saucen- und Senfflaschen. Der einzige Gast, ein älterer, bärtiger Mann, hatte den Reißverschluss seiner beigefarbenen Jacke bis zum Hals zugezogen, saß an einem Tisch an der Wand und starrte in den Pappbecher in seiner Hand.
»Nicht besonders einladend, was?« Antonia rümpfte die Nase. »Immerhin ist es warm. Außerdem bleiben wir nicht lange.«
Sie schob den Buggy an einen Tisch am Fenster. Ritchie schlief immer noch. Emma ging zum Tresen, um das Essen zu bestellen.
»Zwei Kaffee, bitte«, sagte sie schnell zu dem schlecht rasierten Mann hinter dem Tresen. »Und einen von diesen Schokomuffins. Und eine Tüte Milch.«
»Kaffee groß oder klein?«
»Irgendeinen. Ist egal.«
Emma schaute sich ungeduldig um, während der Mann in einem großen, stählernen Kühlschrank herumkramte. Die Wand neben dem Tresen war mit einer roten, jetzt nachgedunkelten und auf der Wandfarbe eingetrockneten Substanz beschmiert. Ketchup, hoffte Emma. Sie schauderte. Was für ein trostloser Ort. Drüben am Fenster hielt sich Antonia ein Handy ans Ohr. Sie sprach leise, vermutlich, um Ritchie nicht zu wecken. Beim Sprechen hielt sie sich eine Hand vor den Mund.
»Noch was?«, fragte der Mann.
»Oh.« Emma betrachtete das Tablett. »Nein, danke. Das ist alles.«
Anscheinend kam der Mann nicht mit der Kasse zurecht. Die Schublade sprang immer wieder im falschen Moment auf. Dann schnalzte der Mann wütend mit der Zunge und schmiss sie wieder zu. Emma wünschte sich, er würde ihr einfach das Wechselgeld geben. Ritchie hatte sich im Schlaf bewegt. Inzwischen lag sein Kopf zurückgelehnt am Kissen, und sein Mund stand offen, so dass die beiden kleinen Schneidezähne zu sehen waren. Antonia telefonierte immer noch. Sie drehte Emma den Rücken zu, hatte aber den Kopf gedreht und die Hand sinken lassen. Emma konnte erkennen, wie sie beim Sprechen die Lippen bewegte.
»Berg und Wrack«, sagte sie. Wenigstens glaubte sie, das von ihren Lippen ablesen zu können.
Aus heiterem Himmel hatte Emma plötzlich ein glasklares Bild vor Augen. Von ihrer Mutter, wie sie in ihrem Reihenhaus in Bath vor dem Fernseher saß. Emma hockte in einer Ecke am Tisch und machte Hausaufgaben. Die Vorhänge waren geschlossen, die Flammen im Gasofen züngelten. Emmas Mum kauerte wie immer in dem rot-braun geblümten Sessel neben dem Ofen. Auf dem Tischchen daneben die halbleere Teekanne. Der starre, beinahe traurige Gesichtsausdruck der Mutter, die sich auf das Fernsehprogramm konzentrierte.
Emma runzelte die Stirn. Wie oft hatte sie ihre Mutter früher beim Fernsehen beobachtet? Und warum musste sie jetzt plötzlich daran denken? Sie schaute wieder zu Ritchie hinüber und schüttelte den Kopf.
Endlich hatte der Mann die Schublade unter seine Kontrolle gebracht. Er reichte Emma das Wechselgeld. Emma trug Kaffee, Milch und Muffin zum Fenstertisch. Antonia redete immer noch ins Handy. Emma ließ das Tablett auf den Tisch gleiten.
»Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat«, sagte sie.
Antonia schreckte hoch und fuhr herum. Dann hob sie einen Finger und lächelte.
»Ich muss jetzt Schluss machen«, sagte sie ins Telefon. »Bis bald.«
Sie half Emma, das Tablett zu leeren.
»Das war mein Mann«, erklärte sie. »Er ist unterwegs.«
Emma ließ sich dankbar auf die Sitzbank fallen und zog Ritchies Buggy zu sich ran.
»Der kleine Mann ist völlig k.o.«, meinte Antonia lächelnd.
»Bald wird er wieder wach.« Emma öffnete die Folienverpackung des Schokomuffins. »Zeit fürs Abendessen.«
»Er sieht nicht so als, als würde er jetzt etwas essen wollen, finden Sie nicht?«
»Jetzt nicht, aber gleich«, gab Emma in ungewollt scharfem Ton zurück.
Antonia gab keine Antwort. Sie griff nach einem Kaffeebecher und schenkte sich Milch aus einem kleinen, auf dem Tisch stehenden Edelstahlkännchen ein. Emma bereute ihren Tonfall sofort. Was in aller Welt war nur in sie gefahren? Antonia wollte nur nett sein.
In höflicherem Ton fragte sie nach: »Haben Sie Kinder?«
Antonia zögerte, sie hielt das Milchkännchen einen Augenblick in der Luft, bevor sie antwortete.
»Ja«, sagte sie. »Wir haben einen kleinen Sohn.«
Dann fuhr sie in ihrer Bewegung fort. Emma war überrascht. Sie hätte gedacht, dass Antonias Kinder, falls sie welche hatte, erwachsen waren, oder zumindest im Teenageralter. Für die Mutter eines Kleinkindes wirkte Antonia viel zu gepflegt. Vielleicht hatte sie ein Kindermädchen. Aber noch bevor Emma fragen konnte, stellte Antonia das Milchkännchen hin und nickte in Ritchies Richtung.
»Sie haben gesagt, es gäbe nur Sie beide … daraus schlie ße ich, dass der Kleine ohne Vater aufwächst?«
»Ja«, sagte Emma. »Wir haben uns vor der Geburt getrennt.«
»Aber Ihre Familie unterstützt Sie?«
»Ich habe keine Familie. Meine Eltern sind gestorben.«
»Ich verstehe«, sagte Antonia. »Ganz allein auf der Welt.«
Emma rührte in ihrem Kaffee.
»Ich nehme an, dass das Geld knapp ist«, sagte Antonia mit einem Blick auf Emmas ausgebeulten Wollpullover und die verwaschene Jeans. »Wie in aller Welt kommen Sie über die Runden?«
»Wir schaffen das.«
»Aber das Umfeld ist nicht gerade ideal für ein Kind, oder? Kein Geld, keine familiäre Unterstützung. Kommt mir irgendwie ungerecht vor, dem Kleinen gegenüber.«
Emma fühlte sich unwohl. Sie hatte wirklich keine Lust, das Gespräch weiterzuführen. Sie machte sich daran, Ritchies Haltegurte zu öffnen. Sofort machte er sich steif und verzog das Gesicht. Emma wusste, dass sie ihn gewaltsam aus dem Schlaf holte und er deswegen quengeln würde, aber sie wollte ihn unbedingt aufwecken und wieder für sich haben.
»Schsch«, beruhigte sie ihn, während er an den Gurten zerrte.
»Immer noch müde«, kommentierte Antonia. »Vielleicht sollten Sie ihn schlafen lassen.«
»Rich, guck mal.« Emma drehte sich mit einem Ruck zum Tisch um. »Möchtest du ein Stück davon?« Sie hielt ihre Hände ruhig, während sie ein Stück Muffin abbrach.
Als sie sich wieder dem Buggy zuwandte, hatte Antonia Ritchie bereits herausgeholt und sich auf den Schoß gesetzt. Emma war sprachlos.
»Sie sollten ihm nicht so viel Süßes geben«, sagte Antonia. Ritchie saß auf ihrem Knie und rieb sich die Augen. »Nicht wahr, kleiner Mann, das soll sie nicht!«
Emmas Herz raste. Sie dachte: Ich werde die Mitfahrgelegenheit nicht annehmen. Wir werden einfach gehen.
»Oh, sehen Sie«, sagte Antonia. »Ihre Lippe hat wieder zu bluten angefangen.«
Emma legte sich eine Hand an den Mund. Ihre Unterlippe war feucht. Als sie die Finger zurückzog, waren sie an den Spitzen rot.
»Oje.« Antonias Gesicht war voller Sorgenfalten. »Und ich habe leider keine Papiertaschentücher mehr übrig.«
Emma sprang auf, um sich eine Papierserviette vom Tresen zu holen, konnte aber keine entdecken. Der Mann hinter dem Tresen war verschwunden, wahrscheinlich durch den mit bunten Plastikstreifen verhängten Durchgang neben dem Kühlschrank.
»Hallo?«, rief Emma durch die Plastikstreifen. »Hallo?«
Dann hörte sie Antonias Stimme: »Vielleicht werden Sie dahinten fündig.«
Emma drehte sich um. Antonia deutete auf eine Lücke zwischen Wand und Tresen. Dahinter führte ein schmaler Flur bis an eine braune Tür mit der Aufschrift »Toiletten«.
Emma drehte sich wortlos um und marschierte hinein. Sie würde ein paar Papiertücher holen, sich den Mund abwischen, Ritchie nehmen und gehen. Als sie das Ende des Flurs erreicht hatte, warf sie einen Blick zurück. Sie konnte bis in den vorderen Teil des Ladens hineinsehen, wo Ritchie auf Antonias Schoß saß und sich immer noch die Augen rieb. Als er Emma entdeckte, hellte sein Gesicht sich auf. Er lächelte herzerweichend und riss die Ärmchen hoch.
»Muh«, sagte er.
Am liebsten wäre sie zurückgegangen, um ihn auf den Arm zu nehmen. Sie verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Ihr Gesicht und ihre Hände waren blutverschmiert. Falls die Toiletten nur annähernd so aussahen wie der Rest des Ladens, konnte sie sich nur zu gut vorstellen, was sie erwartete. Sie wollte Ritchie nicht mit hineinnehmen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Irgendetwas an Antonia kam ihr seltsam vor, und Emma gefiel ihre hochtrabende Art nicht, aber sie hatte schon zuvor gut allein auf Ritchie aufgepasst. Er hatte es gut bei ihr. Es dauerte ja nur ein paar Sekunden.
Emma lächelte ihn an.
»Ich komme sofort«, sagte sie.
Dann öffnete sie die Tür und ging hinein.
Sobald sie die Luft roch, war sie froh, Ritchie draußen gelassen zu haben. Die Toilette war ein einziger fensterloser Raum mit einem winzigen Waschbecken. Der Ventilator in der Wand darüber war mit irgendeinem grauen Material verstopft. Das hier schien wirklich ein furchtbarer Ort zu sein. Emma brannte darauf, Ritchie so schnell wie möglich von hier wegzubringen, selbst wenn das bedeutete, dass er noch länger auf sein Abendessen warten musste. Sie betrachtete sich im Spiegel über dem Waschbecken. Er war wellig und verzogen, und ihr Gesicht wirkte breiter als normal, trotzdem konnte Emma genug erkennen. Ihre Lippe war geschwollen und blutete an einer Stelle. Wange und Kinn waren voller Blut. Sie sah schrecklich aus.
Auf dem Spülkasten hinter der Toilette lag eine riesige Rolle Klopapier. Emma streckte die Hand danach aus, wobei sie es vermied, in die Toilettenschüssel zu blicken. Sie entrollte ein paar Blätter und riss sie ab. Wahrscheinlich waren sie nicht sauber, aber das kümmerte Emma nicht. Sie feuchtete das Papier unter dem tropfenden Wasserhahn an und säuberte Wange und Kinn. Fertig. Sie warf das Papier in den Eimer unter dem Waschbecken, riss ein zweites Stück ab, legte es sich an die Lippe und drückte ein paar Sekunden fest darauf, um die Blutung zu stoppen. Doch als sie das Papiertuch abnahm, klebte es an der Schnittwunde fest und riss sie wieder auf, so dass sie von Neuem zu bluten begann. Emma seufzte vor Ungeduld. Sie verbrauchte zwei weitere Blatt Papier, bis die Wunde endlich nicht mehr blutete. Noch einmal schnell am Kinn gerubbelt und die Finger gewaschen, und sie war fertig. Sie machte sich nicht die Mühe, nach einer Gelegenheit zum Händeabtrocknen zu suchen.
Nachdem Emma die Toilette verlassen hatte, musste sie erst einmal nach Luft schnappen. Sie überblickte den Flur und den vorderen Teil des Ladens mit den meisten Tischen. Sie sah die Frontscheibe mit der abblätternden Beschriftung »Mr Bap’s« spiegelverkehrt. Aber genau an der Stelle, an der Emma Ritchie mit seinem verschlafenen Gesicht und Antonia mit der blonden Strähnchenfrisur erwartet hätte, entdeckte Emma - nichts. Ritchies Buggy war verschwunden, der Tisch am Fenster war leer.
Emma machte sich nicht gleich Sorgen. Sie mussten hier irgendwo sein. Sie konnte sie nur gerade nicht sehen. Emma kam in den Raum zurück und schaute sich um. Die Tischplatten glänzten im Neonlicht gelblich und verklebt. Der alte, bärtige Mann saß mit geschlossenen Augen da. Der Mann hinter dem Tresen war nach wie vor nirgends zu entdecken.
Unschlüssig blieb Emma in der Mitte des Raums stehen. Was ging da vor sich? Was passierte hier, das sie nicht verstand? Dann begriff sie. Sie waren nach draußen gegangen! Antonias Mann war gekommen. Sie hatten Ritchie angezogen und wieder in den Buggy gesetzt. Sie waren alle drau ßen auf der Straße und warteten auf sie.
Emma ging zur Tür und riss sie auf. Sie trat hinaus und schaute zuerst in die eine, dann in die andere Richtung. Autos und Busse auf der Hauptstraße. Ein paar noch geöffnete Läden, deren Lichter sich auf dem Pflaster spiegelten. Aus einem drang stampfende Musik, ein fremdartiger, asiatischer Rhythmus. Eine Gruppe von Männern, einige trugen Bärte und runde, bunte Kopfbedeckungen. Keine Spur von einer Frau mit pelzbesetzter Jacke und einem Buggy.
Ein paar Schritte weiter mündete die Straße in eine weitere Nebenstraße. Emma lief bis zur Kreuzung und ließ ihren Blick schweifen. Geländer trennten den Bürgersteig von der Fahrbahn ab, drei Busse parkten hintereinander. Wohnblocks, ein Pub.
Keine Frau mit Buggy.
Emma versuchte, nicht in Panik zu geraten, und rannte zum Café zurück. Es war lächerlich. Sie mussten einfach hier sein! Antonia musste sich mit Ritchie an irgendeinen anderen Tisch gesetzt haben, in irgendeinen Teil des Lokals, den Emma übersehen hatte. Aber Antonia hätte vorher Bescheid sagen müssen, wirklich. Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Wenn sie Ritchie jetzt gleich fand, würde sie ihn einfach nehmen und gehen.
Aber noch während sie das Café inspizierte, wusste sie, was sie schon beim ersten Eintreten gewusst hatte: dass es sich um einen einzigen Raum handelte, dessen Fenster und Eingang auf die Straße hinausführten. Es gab keine Treppe und keine Nischen. Keine Tische, die sie nicht schon gesehen hätte. Absolut keine Nebenräume.
Emma stürzte in den Flur, der zur Toilette führte. Sie stieß die Tür auf, nur für den Fall, dass es hier einen zweiten Toilettenraum gab, den sie übersehen hatte. Aber da war nur der eine, stinkende Raum.
Mit zitternden Händen lief sie zum Tresen.
»Entschuldigung!«, rief sie mit sich überschlagender Stimme, »Entschuldigung!«
Die bunten Plastikstreifen bewegten sich. Der schlecht rasierte Mann streckte den Kopf heraus.
»Haben Sie sie gesehen?«, fragte Emma.
»Wen?«
»Meinen Sohn.« Emma schaute an ihm vorbei, hinter die bunten Streifen. »Sind sie da drin? Sind sie in die Küche gegangen?«
Der Mann starrte sie an. Emma hob die Klappe im Tresen an, rannte zum Durchgang und riss die Plastikstreifen auseinander. Dahinter lag eine mit Töpfen und gestapelten Tellern zugestellte Stahlküche, in der es nach Abfall stank. Kein Ritchie. Keine Antonia.
»Was tun Sie da?« Der Mann stand hinter ihr.
Emma drehte sich um.
»Da war eine Frau.« Sie bemühte sich verzweifelt, ruhig zu bleiben. »Am Fenster, mit meinem Sohn. Hat sie ihn mitgenommen? Wo sind sie hingegangen?«
»Ich habe nichts …«
»Hat sie ihn allein gelassen?« Emma schrie jetzt. »Hat sie ihn mitgenommen, oder jemand anderes? Sie müssen doch irgendwas gesehen haben. Sind Sie blind?«
Der Mann machte ein verstörtes Gesicht und trat einen Schritt zurück.
»Ich habe niemanden gesehen«, antwortete er. »Ich weiß nicht, wohin gehen.«
Emma zwängte sich an ihm vorbei in den Laden zurück. Der alte Mann an der Wand spähte zu ihr herüber. Seine Augen waren bläulich getrübt.
»Haben Sie sie gesehen?«, sagte Emma flehend.
Der Mann griff wortlos nach seinem Becher. Er war älter, als sie gedacht hatte, und machte einen zittrigen, zerstreuten Eindruck. Sie konnte nicht sagen, ob er sie überhaupt verstand.
»Rufen Sie die Polizei!«, schrie sie den Mann am Tresen an. »Jemand hat mein Kind mitgenommen.«
Die beiden Männer starrten sie mit offenem Mund an.
»Rufen Sie die Polizei!«, kreischte Emma, bevor sie auf die Straße rannte.
Immer noch keine Spur. Sie konnte nicht einmal loslaufen, denn sie wusste nicht in welche Richtung. Die Straße verschwamm; Emma wurde schwindelig und übel.
»Ritchie!«, rief sie. »Ritchie!«
Emmas Stimme krächzte vor Angst. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute umher. Weit und breit nur Leute mit warmen Mänteln, Schals und Mützen, aber niemand mit einem Kleinkind. Ritchie schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Emma wollte sich übergeben. Sie versuchte, die Straße zu überqueren und die Insel in der Mitte zu erreichen, um einen besseren Blick auf den Bürgersteig rechts und links vom Café zu erlangen, aber überall versperrten Geländer ihren Weg.
»Ritchie!«, schrie sie. Und dann: »Hilfe! Helfen Sie mir! Jemand hat mein Kind entführt!«
Ein Mann mit Baseballkappe und Sportjacke kam ihr entgegen.
»Bitte.« Emma versuchte, ihn anzuhalten. »Bitte! Ich brauche Hilfe.«
Der Mann drehte ab und ging schnell weiter.
»Helfen Sie mir! Bitte!« Die Angst raubte Emma den Atem. Sie musste alle Kraft aufwenden, um auf den Beinen zu bleiben. Ihre Knie fühlten sich weich an. Sie konnte nicht richtig denken. Was sollte sie tun? Irgendjemand musste ihr helfen.
Eine dicke, mit schweren Einkaufstüten beladene Frau mittleren Alters verlangsamte ihren Schritt, um Emma zu mustern. »Was ist los?«, fragte sie.
Emma warf sich ihr fast an den Hals.
»Bitte! Oh, bitte! Jemand hat mein Kind mitgenommen.«
»Wer hat Ihr Kind mitgenommen?«
»Die Frau. Haben Sie sie gesehen? Eine Frau mit einem kleinen Jungen? Ist sie Ihnen auf dem Weg begegnet?«
»Ich glaube nicht.« Die Frau zögerte. Ringsum blieben weitere Passanten stehen. Die Leute unterhielten sich, zumeist in einer fremden Sprache, und Emma konnte nicht verstehen, was sie sagten. Sie schnappte ein paar Sätze auf:
»Wer hat ein Kind mitgenommen?«
»Das dünne Mädchen mit der kaputten Jacke.«
»Hat sie da Blut im Gesicht?«
»Mein Kind wurde entführt.« Emma konnte es nicht fassen. Sie packte die dicke Frau am Kragen ihres Pullovers.
»Rufen Sie die Polizei!«, schrie sie die Frau an. »Warum steht ihr hier rum? Was, zum Teufel, ist los mit euch?«
Die Frau wich zurück, den Mund verzerrt. In was habe ich mich hier bloß reinziehen lassen? Irgendjemand fuhr Emma in scharfem Ton an: »Hey, hey, lass gut sein.«
Emma ließ die Frau los. Sie sprintete in die andere Richtung; sie glaubte der Frau, die bestimmt gesagt hätte, wenn ihr Ritchie auf dem Weg hierher aufgefallen wäre. Emmas Atem ging flach und pfeifend. O Gott, nur nicht ohnmächtig werden. O bitte, jetzt bloß nicht ohnmächtig werden, denn sie musste ihn finden, bevor er sich zu weit entfernt hatte. Emma versuchte, in alle Richtungen zugleich zu schauen, in die erleuchteten Schaufenster, in die dunklen Ecken und Seitenstraßen, immer auf der Suche nach Ritchies wuscheligem kleinem Kopf und dem blauen Fleecepullover, der im Halbdunkel irgendwo zwischen all den Farben auftauchen musste. War Antonias Mann gekommen, hatten sich die beiden mit Ritchie davongemacht? Hatte Antonia überhaupt einen Mann? Oder einen Sohn? Oder war sie einfach nur eine Verrückte, die … o Gott.
Vielleicht befand sich Ritchie gar nicht mehr bei Antonia. Vielleicht war Antonia der Sache überdrüssig geworden und hatte ihn allein im Café zurückgelassen, und eine andere Person hatte ihn entdeckt und mitgenommen.
Die Straßen verschwammen. Der Bürgersteig bewegte sich wie bei einer Stroboskopbeleuchtung. Im nächsten Moment drängte sich Emma an Fremden vorbei, die sie zur Seite stieß. Sie rannte über die Straße, bog willkürlich in Nebenstraßen ab, wusste nicht, in welche Richtung sie lief, ob sie immer wieder dieselben Plätze absuchte oder andere, denn alles sah gleich aus. Hatte sie Ritchie verpasst, war sie an ihm vorbeigehastet? Lief sie im Kreis und kam kein Stück voran, während er sich immer weiter entfernte?
Sie schrie seinen Namen, immer und immer wieder.
»Ritchie! Ritchie! Ritchie!«
Dann sackte sie schluchzend auf der Straße zusammen.
 
1. Auflage Taschenbuchausgabe Oktober 2009
Copyright © der Originalausgabe 2009
by Carla Glynn Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlagmotiv: Corbis / Christina Richards Redaktion: Irmgard Perkounigg IK · Herstellung: Str.
eISBN : 978-3-641-03541-7
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