Der Abstauber - Horst Bieber - E-Book

Der Abstauber E-Book

Horst Bieber

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Krimi von Horst Bieber Der Umfang dieses Buchs entspricht 302 Taschenbuchseiten. Addo ist Spezialist für optische und akustische Überwachung von Zielpersonen und in den einschlägigen Kreisen bekannt für seine Qualitätsarbeit. Sein neuer Kunde nennt sich Felix und stellt sich als Vermittler einer Gruppe anonymer Geschäftsleute vor, die Johannes Heubach, Inhaber von Heubach Moden, in dessen Büro lückenlos observieren lassen wollen. Was seine Auftraggeber damit bezweckten, ist Addo ein Rätsel, denn Heubach scheint ein ganz normaler Unternehmer zu sein, der sich um die Leitung seiner zahlreichen Boutiquen kümmert. Da Addo gerne weiß, mit wem er es zu tun hat, nimmt er Heubach und Felix genauer unter die Lupe – was zu Anfang noch wie ein reiner Routinejob aussah, entwickelt sich unvermutet zu einer wüsten Verstrickung krimineller Handlungen, bei denen Addo und seine Assistentin Mulla unabsichtlich Zeugen werden und in Gefahr geraten ...

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Seitenzahl: 311

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Horst Bieber

Der Abstauber

Cassiopeiapress Kriminalroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Der Abstauber

Krimi von Horst Bieber

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 302 Taschenbuchseiten.

 

Addo ist Spezialist für optische und akustische Überwachung von Zielpersonen und in den einschlägigen Kreisen bekannt für seine Qualitätsarbeit. Sein neuer Kunde nennt sich Felix und stellt sich als Vermittler einer Gruppe anonymer Geschäftsleute vor, die Johannes Heubach, Inhaber von Heubach Moden, in dessen Büro lückenlos observieren lassen wollen. Was seine Auftraggeber damit bezweckten, ist Addo ein Rätsel, denn Heubach scheint ein ganz normaler Unternehmer zu sein, der sich um die Leitung seiner zahlreichen Boutiquen kümmert. Da Addo gerne weiß, mit wem er es zu tun hat, nimmt er Heubach und Felix genauer unter die Lupe – was zu Anfang noch wie ein reiner Routinejob aussah, entwickelt sich unvermutet zu einer wüsten Verstrickung krimineller Handlungen, bei denen Addo und seine Assistentin Mulla unabsichtlich Zeugen werden und in Gefahr geraten ...

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Alle Namen und Personen, Orte und Taten, Geschäfte und Produzenten sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit existierenden Menschen und Einrichtungen wären rein zufällig.

Montag, 28. August

Am Vormittag hatte es noch geregnet und kräftig geweht. Über Mittag waren die Wolken abgezogen, jetzt trocknete die Sonne den Schlackenbelag auf dem Parkplatz. Nach einem Blick auf die Uhr schloss Addo das Auto ab und sah sich um. Der Kiosk neben der Einfahrt hatte noch nicht geöffnet, bei diesem Wetter verirrte sich kein Spaziergänger in das Schwarzbachtal. Weit entfernt, am anderen Ende, parkte ein einzelner Wagen, aus dem jetzt ein kleiner Mann mit einem Tirolerhut stieg und eilig auf ihn zukam. Automatisch registrierte Addo den leicht schaukelnden Gang. Sie trafen sich in der Mitte der Strecke.

»Sind Sie Addo?«, fragte der Kleine mit hoher Fistelstimme.

»Ja. Und Sie sind Felix?«

»Ja.«

Sie musterten sich aufmerksam. Felix schien Mitte fünfzig zu sein, ein winziger Mann mit einem faltigen, verschlagenen Gesicht und flinken grauen Augen, denen wenig entging. Sein Fluchtinstinkt war wohl stärker entwickelt als seine Kampfbereitschaft, gleichzeitig wirkte er ganz und gar nicht harmlos und Addo unterschätzte den Kleinen nicht. Körperlich war er ihm zwar dreimal gewachsen, aber er würde jede Summe darauf wetten, dass Felix in einer Tasche seines langen Regenmantels eine Waffe versteckte.

»Ich freue mich, dass Sie Zeit für mich haben.«

Addo schmunzelte. Schon am Telefon hatte sich Felix höflich, aber ziemlich geschraubt und umständlich ausgedrückt.

»Für heute Nachmittag hatte ich mir noch nichts vorgenommen.«

»Prima. Laufen wir ein paar Schritte?«

»Gerne.«

Vor dem Wald rechts lag der Sportplatz, links erstreckten sich Felder, von denen Krähen mühsam aufflogen, und Felix steuerte den befestigten Wirtschaftsweg an. Natürlich konnte er keine Zeugen gebrauchen und mit Spaziergängern mussten sie um diese Tageszeit nicht rechnen.

»Wie ich am Telefon bereits sagte, ich hätte einen Job für Sie«, begann Felix nach einer Minute nüchtern.

»Ja? Und welchen?«

»Ich handele im Auftrag mehrerer Personen, die unbekannt bleiben wollen.«

»Verstanden.«

»Diese - sagen wir - Interessengruppe wünscht eine lückenlose Überwachung eines Geschäftsmannes. Oder genauer: seines Büros.«

»Was heißt >lückenlos<?«

»Sie möchte, dass alle Unterhaltungen im Büro dieses - hm - Objektes und alle seine Telefongespräche aufgezeichnet werden. Ferner sollen alle Besucher gefilmt oder fotografiert werden, sodass die Möglichkeit besteht, ihre Identität festzustellen. Außerdem legen wir großen Wert darauf, alle Vorgänge in diesem Büro zu beobachten.«

»Ja, ich verstehe.«

»Ihre Aufgabe würde sich darauf beschränken, mir die Tonbänder und Filme oder Videokassetten zu übergeben. Was außerhalb des Büros geschieht, muss Sie nicht kümmern, und mit der Identifizierung der Besucher hätten Sie nichts zu tun.«

»Gut. Können Sie mir sagen, wozu Sie diese ... Ergebnisse benötigen?«

»Nein. Sollten wir uns einigen, wäre eine Bedingung des Auftrags, dass Sie sich ausschließlich auf die optische und akustische Überwachung des Büros beschränken. Jeder Versuch, darüber hinauszugehen, wäre ein Vertragsbruch mit möglicherweise unangenehmen Konsequenzen für Sie.«

Das klang zwar scharf, aber auch wie einstudiert und Addo nickte deshalb nur mäßig beeindruckt. Immerhin redete Felix nicht wie die Katze um den heißen Brei herum.

»Meinen Sie, wir könnten uns auf dieser Basis verständigen?«

»Vielleicht. Wenn wir noch ein, zwei Dinge klarstellen.«

»Und die wären?«

»Sie sind und bleiben mein einziger Kontaktmann?«

»Wenn Sie darauf bestehen, lässt sich das einrichten.«

»Das würde auch für den Fall gelten, dass ein betrunkener Autofahrer Sie für Wochen ins Krankenhaus befördert?«

»Ja.« Felix zögerte keinen Moment und daraus schloss Addo, dass sein Zwerg weit mehr Vollmachten besaß, als er am Telefon angedeutet hatte. »Wenn ich ausfalle, aus welchem Grund auch immer, endet Ihr Auftrag nach der vereinbarten Frist und Sie vernichten alles Material, das Sie mir bis dahin noch nicht ausgehändigt haben.«

»Gut. Eine lückenlose Überwachung heißt, dass ich in das Büro einsteigen muss. Das kostet erstens Zeit - ich vermute doch, das Objekt darf auch nach Ende meiner Arbeit auf keinen Fall etwas von der Überwachung merken?«

»Genau so! Das gilt übrigens auch für die Polizei.«

»Versteht sich von selbst. Oder gibt es einen bestimmten Grund, darauf hinzuweisen?«

Felix griente: »Ausdrücklicher Wunsch der Auftraggeber.«

»Alles klar.« Addo schüttelte den Kopf. »Zweitens werde ich den Zugang nicht verraten. Sobald Sie versuchen, von mir zu erfahren, wie ich in das Büro gekommen bin, breche ich die Aktion ab.«

»Einverstanden.«

»Drittens höre ich sofort auf, wenn Sie versuchen herauszufinden, wie und von wo ich diese Überwachung organisiere.«

Felix stoppte und legte den Kopf in den Nacken, er musste zu Addo aufschauen. Diese Bedingung gefiel ihm nicht und Addo lachte ihn an.

»Viertens gebe ich Ihnen eine Telefonnummer, unter der sich in der Regel ein Anrufbeantworter melden wird. Ich höre ihn täglich ab. Von Ihnen brauche ich dagegen eine Nummer, unter der ich Sie jederzeit erreichen kann.«

»Das klingt nicht gut«, murrte Felix.

»Nein. Aber warum sollte ich Ihnen trauen?«

»Dasselbe gilt für mich.«

»Klar. Aber Sie brauchen meine Fähigkeiten, ich bin auf Ihren Auftrag nicht angewiesen, und da Sie mich gefunden haben, wissen Sie von meinen früheren Kunden, dass ich diese Bedingungen überall gestellt und trotzdem niemanden übers Ohr gehauen habe.«

»Das stimmt«, räumte Felix ein und schlenderte weiter.

»Fein. Reden wir also über Geld und Dauer.«

»Wir hatten vorerst an vier Wochen gedacht.«

»Wie oft kommt das Objekt in dieses Büro?«

»Regelmäßig von Montag bis Freitag. Von neun bis etwa achtzehn Uhr. Mittags geht er gelegentlich mit Geschäftsfreunden essen, dafür wären Sie nicht zuständig. Auch nicht für das, was er abends, nach seiner Arbeit, unternimmt. Und manchmal erscheint er auch am Samstag im Büro und arbeitet allein, ohne Sekretärin. Normalerweise nur am Vormittag.«

»Diese Samstage interessieren Sie?«

»Sehr sogar.«

»Okay. Fünfzigtausend als Grundhonorar, fünfundzwanzig im Voraus, den Rest bei Abschluss. Außerdem tausend pro Tag, die Sie mir immer dann für die vergangenen Tage zahlen, wenn ich Ihnen Material aushändige.«

»Wollen Sie uns ruinieren?« Felix’ Stimme zitterte, gleich würde er in Tränen ausbrechen und zum ersten Mal lachte Addo laut und fröhlich auf.

»Gut gemacht, Felix, aber sparen Sie sich die Mühe. Meine Honorare sind bekannt, auch Ihnen, und solange Sie mir nicht sagen, wozu Sie diese Überwachung anstellen, werde ich keine Mark nachlassen.«

Der Kleine schnaufte noch eine Weile jämmerlich, bevor er resignierte: »Das habe ich befürchtet. Kehren wir um? Ich bin einverstanden. Allerdings stelle ich auch eine Bedingung.«

»Heraus damit!«

»Die tausend pro Tag zahlen wir erst ab dem Moment, an dem die optische wie akustische Überwachung beginnt.«

»Einverstanden.«

Felix holte tief Luft, ihm schien ein Stein vom Herzen zu fallen, und Addo amüsierte sich immer noch. »Es ist schön, wenn man es mit einem Geschäftsmann zu tun hat.«

»Das Kompliment gebe ich zurück.«

»Das Objekt heißt Johannes Heubach. Das Büro seiner Firma liegt hier in der Stadt im dritten Stock eines Geschäftshauses, Kölner Straße 28. Er kommt mit dem Auto, ich meine ohne Chauffeur, und fährt direkt von der Bonner Straße aus in eine Tiefgarage an der Rückseite des Hauses. Sein Büro liegt zum Hof hinaus. Der Laden ist nicht groß, eine Stockwerkshälfte, dort arbeiten zwölf Angestellte.«

»Ihre Auftraggeber werden während der Überwachung nicht versuchen, sich an eine oder einen dieser Angestellten heranzumachen?«

»Nein. Das ist verabredet. Von unserer Seite wird nichts geschehen, was Heubachs Misstrauen wecken könnte.«

»Sehr schön. Dann verbleiben wir so: Ich schaue mir das Haus erst einmal an. Nur für alle Fälle. Ob ich überhaupt hineinkommen und eine Überwachung installieren kann.«

»Das scheint mir ... uns nicht unmöglich zu sein.«

»Ich würde mich aber lieber selbst vergewissern.«

»Na schön.«

»Auf jeden Fall gebe ich Bescheid, ob es möglich ist oder nicht. Wenn nicht - nun, dann haben wir uns heute zum ersten und letzten Mal gesehen.«

»Gut. Und für diese - hm - Erkundung verlangen Sie Ihren üblichen Spesensatz?«

»Aber sicher! Wir sind uns also einig?«

Felix streckte ihm die Hand hin. »Vier Wochen zu Ihren Bedingungen. Je früher Sie loslegen, desto besser.«

Entspannt spazierten sie zum Parkplatz zurück. Die Sonne verschwand schon wieder hinter dicken grauen Wolken, es wurde merklich kühler und Felix seufzte tief auf: »Hitze vertrag ich nicht, doch dieses Wetter schlägt mir aufs Gemüt.«

Addo brummte freundlich, aber er antwortete nicht. In seinem Job war Schweigen Gold und Verschwiegenheit eine Art Lebensversicherung, auch Felix würde es nicht gelingen, aus ihm etwas herauszulocken. Wahrscheinlich hatte das Männlein einen kleinen Test angestellt, nicht wirklich ernsthaft, nur mal so, um zu sehen, was er von Addo zu halten hatte. Ein Profi hatte es am liebsten mit Profis zu tun.

Die zweitausend Mark lagen im Handschuhfach bereit, auf dem Umschlag stand eine Telefonnummer, dahinter das Wort Felix und darunter die Wörter >nach Angelica fragen<.

»Sie melden sich im Laufe dieser Woche?«

»Alles klar«, bejahte Addo friedlich. »Sie fahren voraus?«

»Mach ich! Viel Erfolg.«

»Danke«, erwiderte Addo kurz und blieb stehen, bis das Auto vom Parkplatz nach links abgebogen war. Das Kennzeichen hatte er sich aus Routine eingeprägt, aber so, wie er den Kleinen einschätzte, war das ein Leihwagen, auf einen falschen Namen gemietet. Noch hatten sie beide keinen Anlass, dem anderen zu trauen. Die ersten Regentropfen fielen und Addo spurtete los.

Die Kölner Straße war zwar recht breit, aber zwei Fahrspuren in der Mitte, für Oberleitungsbusse reserviert und durch hohe Kantsteine und kleine Grünstreifen abgetrennt, ließen links und rechts nur jeweils eine Spur und zusätzlich Platz für schräg eingeparkte Wagen frei. Addo rollte langsam hinter einem Transporter her, der nach einer Parkmöglichkeit suchte, vorbei an einer Politesse, die eifrig Knöllchen verteilte. Die Häuser hatten vier bis sechs Stockwerke, zum Teil Wohnungen, einige reine Bürobauten, zu ebener Erde viele Geschäfte, Lokale, Schnellimbisse, Reinigungen, Kneipen, ein Kino und ab und zu eine Einfahrt in einen Innenhof. Um diese Zeit herrschte starker Verkehr, Fußgänger rannten über die Fahrbahn, um die Oberleitungsbusse zu erreichen, die fast geräuschlos und aufreizend schnell an den Autoschlangen vorbeisummten. Endlich rangierte der Transporter in eine winzige Lücke, Addo gab Gas und bog bei erster Gelegenheit ab. Schon hundert Meter weiter räumte ein Auto einen Platz vor einer Parkuhr, Addo fütterte sie reichlich und steckte das kleine Werkzeugpäckchen ein.

Das Haus Nummer 28 hatte fünf Stockwerke und ein Ziegeldach mit zwei winzigen Gauben; er beäugte es kritisch von der anderen Straßenseite, wartete brav vor der Fußgängerampel und schlenderte zum Eingang. In aller Ruhe studierte er die Geschäftsschilder und das Klingelbrett. Zum Glück nur Büroräume, keine Wohnungen, das minderte das Risiko. Eine doppelflügelige Schwingtür führte in eine kleine Halle mit breiter Treppe, die sich um den Schacht für die beiden Fahrstühle wand. Arztpraxen, zwei Rechtsanwälte, ein Schreibbüro, ein diplomierter Übersetzer für nordische Sprachen, ein Immobilienmakler Teirana GmbH und Heubach Moden GmbH, im dritten Stock. Langsam stieg Addo die Treppe hinauf, drückte sich zweimal an die Wand, weil ihm eilige Männer und Frauen entgegenkamen, gegen Büroschluss herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, die beiden Aufzüge glitten pausenlos auf und ab. Im dritten Stock war der Flur nach links offen; er schlenderte bis zum Ende und studierte die Türschilder. Nach vorn heraus ein Rechtsanwalt und die Gebrüder Hiltig, Spielwaren; in den Räumen zum Hof saßen ein Rentenberater und zwei Ärzte.

Rechts von der Treppe war der Flur verschlossen. Eine breite Tür mit dem Schild Heubach Moden GmbH. Zwei Schlösser, eines unter dem Türknopf, eines zirka zwanzig Zentimeter oberhalb, beide in Ausschnitten eines festen Türschildes versenkt, das auf der Innenseite sicher mit Krallschrauben befestigt war. Auf der rechten Seite eine Klingel; Addo bückte sich und studierte die Gravur auf den Zylindern. Wilka, keine schlechte Marke, aber bekannt.

Gelassen stieg Addo weiter hinauf. Über der Heubach Firma residierte die Terrana GmbH, Immobilienmakler. Nicht übel, Makler arbeiteten nur selten bis tief in die Nacht. Im fünften Stock rechts gab es wieder einen offenen Flur, an dem das Schreibbüro, eine Textagentur - was immer das sein mochte - und eine Haus- und Grundstücksverwaltung lagen. Weil hier keiner auf Fremde achtete, ging Addo noch bis ins Dachgeschoss hoch. Die Tür rechts besaß ein simples Klinkenschloss, das er mit einem einfachen Haken aufdrehen konnte. Addo verschloss die Tür wieder hinter sich und wartete, bis sich seine Augen an das schwache Licht gewöhnt hatten. An einigen Stellen waren die Ziegel durch Glasbausteine ersetzt, die Helligkeit reichte gerade, um nicht vor die Stützbalken und gemauerten Schächte zu laufen. Direkt links neben der Tür entdeckte er einen Schalter, er drehte ihn und drei schwache Birnen glühten auf. Es gab also Stromleitungen, die er anzapfen konnte. Geduldig suchte er den Boden ab. Wenn er sich richtig erinnerte, saß auf dieser Hausseite die UKW-Antenne direkt neben dem Schornsteinschacht, und zwar links - genau, da verlief das Kunststoffrohr an der Schachtwand entlang. Vorsichtig säbelte Addo mit dem Taschenmesser ein Fenster in das Rohr. Nur ein abgeschirmtes Kabel, er zupfte nachdenklich sein Kinn. Wahrscheinlich hatte es früher auch Fernsehantennen gegeben, die durch einen Kabelanschluss überflüssig geworden waren. Okay, Platz für seine Strippen hatte er also notfalls, aber ohne Plan konnte es eine Heidenherumstocherei werden, bis er sein Kabel in den dritten Stock abgesenkt hatte. Und ohne Hilfe funktionierte das sowieso nicht. Dafür war eine Elektroleitung bis auf halbe Höhe geführt, hier hatte einmal der Antennen-Kabel-Verstärker gesessen. Womit sich diese Stelle für die Montage eines netzgespeisten Senders geradezu aufdrängte.

Mäßig zufrieden verließ Addo den Dachboden und mischte sich unauffällig unter die Leute auf der Treppe. Er liebte Gebäude, in denen die Dienstzeiten strikt eingehalten wurden.

In der Bonner Straße, die parallel zur Kölner Straße verlief, gab es fast nur Mietshäuser. Geduldig schaute er sich die Hauseingänge an, es sah nicht so aus, als stünde hier eine Wohnung leer, und sogar hinter den Dachgauben-Fenstern hingen Gardinen. Nicht alle Baulücken waren geschlossen, eine diente als Zufahrt für die Tiefgarage unter dem Hof des Hauses Kölner Straße 28, Addo lächelte verstohlen über das Schild: Besucherparkplätze Heubach Moden GmbH. Im Norden kreuzten die Kölner und die Bonner Straße die Eifel Straße, im Süden den Bergheimer Weg. Hier hatten die Bomben zwei Uraltgemäuer mit Erkern und engen Schächten für Küchen und Toilettenfenster verschont, die sich mit ihrer Schäbigkeit von den roten Klinkerbauten des sozialen Wohnungsbaus aus den Sechzigerjahren auffällig abhoben. Das Eckhaus Bergheimer Weg/Bonner Straße würde sich für seine Zwecke eignen. Vielleicht.

Die nächste Parallelstraße zur Kölner Straße sah nicht besser aus, viele Altbauten, anscheinend alle Wohnungen belegt, und nach den zusätzlichen Zetteln und Schildchen auf den Klingelbrettern zu urteilen, viele auch untervermietet. Wahrscheinlich aussichtslos, außerdem bedeuteten viele Mieter auch immer viele Neugierige.

Dann blieb Addo nachdenklich vor einem Neubau stehen. Zehn Stockwerke, scheußlicher Beton, brutal und auf billigste Art funktional; wer hatte es wie geschafft, in dieser Straße die Firsthöhenverordnung und Geschossflächenzahl außer Kraft zu setzen? Apart Hotel Brühler Straße.

Eine Rezeption gab es nicht, nur eine große Klingel für die Verwaltung, und der alte Mann ließ lange auf sich warten. Addo musterte ihn ausdruckslos, diese unzufriedenen, unrasierten Gesichter kannte er nur zu gut, er würde nicht kleine, sondern winzige Brötchen backen.

»Ja, was gibt’s?«

Addo zerfloss vor Unruhe und Unsicherheit. Die Firma habe ihn Knall auf Fall hierhin versetzt - und schon am Montag müsse er antreten - wie sollte er in dieser kurzen Zeit ... und seine Freundin wollte nicht schon wieder alleine ...

Der Alte strich über sein knisterndes Kinn und schielte höhnisch auf den schwitzenden Addo, der immer leiser wurde. Solche Situationen liebte der Alte, weil er über etwas verfügte, was ein anderer dringend brauchte, doch er war nur ein dummer Narr; denn seine gierigen Augen verrieten ihn. Addo hatte sein Pulver verschossen und starrte den Unfreundlichen flehend an.

Eine Minute lang sagte keiner etwas, dann griff Addo in die Jacke und zog langsam die Brieftasche hervor. Noch immer schwiegen beide, der Alte hüstelte anzüglich und räusperte sich, während Addo die Mappe aufschlug.

»Eigentlich ist alles belegt und vorbestellt«, zischelte der Alte.

»Und uneigentlich?«, knurrte Addo.

»Ab wann brauchen Sie’s denn?«

»Wenn ich noch am kommenden Wochenende einziehen ...?« Ein Fünfziger entfernte sich wie durch Zauberkraft von dem kleinen Stapel, aber Addo dachte nicht daran, den Schein schon zu überreichen, sondern hielt ihn nur sichtbar in der rechten Hand.

»Wie lange?«

»Sagen wir - erst einmal vier Wochen?« Ein zweiter Schein wanderte; wer Geschäfte machen wollte, musste investieren.

»Das ginge vielleicht.«

»Möglichst hoch und wegen des Straßenlärms nach hinten raus.« Zwecks Bekräftigung setzte sich der dritte Schein in Bewegung. Der Alte stierte auf die Brieftasche, seine Gier war fast körperlich zu spüren, und weil er unwillkürlich schmatzte, hielt Addo inne.

Wieder verstrich eine Minute, dann bedauerte Addo: »Schade ...«

»Moment, Moment.« Der Alte erwachte. Drei Fünfziger oder gar nichts, das war jetzt die Alternative, endlich kapierte er. »Ich hab ja was.«

»Ab wann? Wo?«

»Achter Stock, nach hinten. Können Sie sofort haben.«

»Okay, ich will sehen.«

»Meinetwegen.« Der Alte blinzelte verwirrt, er hatte unterbewusst registriert, dass sich Addos Tonfall verändert hatte, und griff nach den drei Scheinen.

Addo brachte sie in Sicherheit.

»Erst sehen, dann Vertrag, dann ...« Er winkte mit dem Geld und der Habgierige schaltete. Seine Miene wechselte zu verkniffener Vorsicht. Bei dem Mann hatte er sich getäuscht, der ließ sich nicht über’s Ohr hauen. Addo lächelte schmal.

»Ja, ja, sofort.«

Das Apartment bestand aus zwei kleinen Räumen mit Fenstern zum Hof; Küche, Bad und Diele hatten kein Tageslicht. Bei der Einrichtung hatten die Besitzer nach Kräften gespart und die wenigen Möbel waren bis zur Schäbigkeit abgenutzt. Heimlich seufzte Addo, aus Erfahrung wusste er, was es bedeutete, vier Wochen in solcher Umgebung auszuhalten, das ging ihm gewaltig auf den Geist und die Stimmung. Aber die Lage war ideal, aus dieser Höhe konnte er über die Dachfirste in der Bonner Straße hinwegsehen, mit einem guten Feldstecher wahrscheinlich sogar die zum Hof gelegenen Heubach-Büros beobachten. Mit dem Rest würde er sich abfinden.

»Okay«, murmelte er, »ich nehme es und Sie lassen es gründlich reinigen. Heute noch.«

»Wieso heute noch? Das geht nicht ...« Der Alte verstummte, die Macht der drei Scheine siegte über alle Schwierigkeiten.

Bei der Höhe der Miete schluckte Addo, aber aus Klugheit versuchte er nicht zu handeln. Dreieinhalbtausend Mark für fünf Wochen, es grenzte an Wucher, aber er war ja ein kleiner Angestellter, der unbedingt ein Dach über dem Kopf benötigte.

»Zwei Schlüssel.«

»Ja, ja, ich guck ja schon.«

Nach der Unterschrift unter den Vertrag legte Addo die drei Scheine aufgefächert auf die Tischplatte und steckte die Quittung für die Miete sorgfältig ein, wobei er das Päckchen mit den restlichen Fünfzigern für einen Moment aus der Brieftasche nehmen musste.

»Es gibt immer einen Weg, sich zu verständigen, nicht wahr?«

Der Alte nickte mürrisch. Er hatte mit mehr gerechnet.

»Wenn ich mal was brauche, wende ich mich an Sie.«

»Sicher, sicher.« Sehr schnell kapierte er nicht, erst nach einer halben Minute schaute er hoch und begegnete einem sehr kühlen, sehr abschätzigen Blick, der ihn beunruhigte. »Klar, jederzeit.«

Als Addo auf die Straße trat, dämmerte es schon. Zufrieden marschierte er zu seinem Auto zurück. Der Berufsverkehr ebbte ab, bis zur Autobahnauffahrt brauchte er nur zwanzig Minuten. Er fuhr Richtung Euskirchen.

Das Haus am Dorfrand hatte sich seit seinem letzten Besuch mächtig verändert, ein neues Dach, neue Fenster und die schlimmsten Schäden im Putz waren fachmännisch ausgebessert. Auch an der Auffahrt hatte Josef etwas getan, der größte Teil war jetzt gepflastert, gut zehn Meter fehlten noch, und vor die Lücke hatte er ein weiß-rotes Wimpelband gespannt. Links zwei Sandhaufen, rechts auf Paletten gestapelte rote Steine. Die Werkstatt und das Lager des Hofes hatte er immer besser in Schuss gehalten als das Wohnhaus. Wenn es nach Josef gegangen wäre, hätte er in seiner Bastelbude auch geschlafen und gelebt, und deswegen wunderte sich Addo über die Gardinen in dem Wohnhaus. Josef konnte alles: mauern, tischlern, schweißen und von Stilmöbeln bis zu Videorekordern alles reparieren und restaurieren, was ihm unter die Finger geriet. Wahrscheinlich hatte er auch die Gardinen genäht, diese Fähigkeit erstaunte Addo nicht, sondern nur die Tatsache, dass Josef auf die Idee gekommen war.

»Ich werd verrückt! Addo!«

»’n Abend, Josef.«

»Mensch, komm rein! Das ist ja ’ne Überraschung.« Josef strahlte über das kugelrunde Gesicht, er freute sich wirklich und Addo verspürte einen Anflug von Rührung. Mit Josef arbeitete er gern zusammen, der mittelgroße, stämmige Kerl war fix und zuverlässig und darüber hinaus ein echter Freund. Jemand, auf den man sich verlassen konnte, der mitdachte, Risiken mied und nie versuchte, auf eigene Faust zu handeln.

»Wie geht’s dir denn?«

»Prima.« Josef senkte die Stimme. »Und daran ist Waltraud schuld.«

»Wer ist Waltraud?«

»Meine neue Freundin. Wir leben seit einem Jahr zusammen.«

»Daher die Gardinen«, bemerkte Addo spöttisch und Josef zog verlegen die Schultern hoch.

»Na ja, sie ist - nun ja, anders.«

Das fand Addo nun gar nicht. Waltraud war in Josefs Alter, erste Hälfte vierzig, eine nette Frau mit einem schmalen Gesicht und langen braunen Haaren. Keine Schönheit, aber eine angenehme Person, obwohl sie Addo einigermaßen abweisend musterte.

»Mein Freund Addo. Und das ist Waltraud.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte Addo neutral. Josef hatte es vermieden, seinen vollständigen Namen zu nennen, und das war wohl absichtlich geschehen.

»Guten Abend«, erwiderte sie kühl. Bei den Freunden ihres Freundes war sie misstrauisch.

»Ich müsste mit Josef etwas Geschäftliches besprechen«, erklärte Addo.

»Ah ja!«

Sieh mal an, über Spott verfügte sie auch.

»Es dauert nicht lange.«

»Dann lasse ich Sie besser allein.«

»Wir gehen am besten in die Werkstatt«, warf Josef schnell ein und sie zuckte die Achseln.

»Wiedersehn«, verabschiedete sich Addo erheitert und sie schoss ihm einen scharfen Blick zu, bevor sie ausdruckslos erwiderte: »Auf Wiedersehen.« Es klang, als meinte sie: »Hoffentlich nicht.«

Auf dem Hof lachte Addo leise: »Sie weiß, womit du dein Geld verdienst, nicht wahr?«

»Na ja, so ungefähr.«

»Und ist davon gar nicht begeistert.«

»Neiein«, gab Josef zu und es hörte sich an, als müsse er sich dafür entschuldigen.

Die Werkstatt war wie immer pedantisch aufgeräumt. Addo zog sich einen Schemel heran und betrachtete Josef nachdenklich: »Ich habe einen Auftrag.«

»Das hab ich mir schon gedacht.«

»Knapp fünf Wochen.«

»Soso, ja.« Josef hockte auf der Werkbank wie ein ertappter Sünder und knetete seine Finger. Sein Gesicht verriet so viel Unbehagen, dass Addo nach einer peinlich langen Pause seufzte: »Kannst du nicht oder willst du nicht?«

»Ich möchte schon, aber ...«

»Wer hindert dich? Sie?«

Josef holte tief Luft: »Ich hab’s ihr versprochen, Addo.«

So etwas hatte er schon befürchtet. In Josefs Brust wohnten zwei Seelen. Die eine trieb den Kumpanen an; gemeinsam hatten sie schon tolle Dinge erledigt, viel Geld gescheffelt, Wohnungen und Büros heimgesucht, die Köpfe vor Schießwütigen geduckt und vor der Polizei die Beine in die Hand genommen. Die andere Seele flüsterte Josef ein, dass er eine Frau, ein Heim, eine Familie brauchte und sich seine Brötchen ehrlich verdienen sollte. Bei komplizierten Schlössern und mit allen Raffinessen geschützten Tresoren erwies sich Josef als Genie, er liebte die Herausforderung und verschwendete keinen Gedanken daran, dass er einbrach, stahl und raubte. Doch nachher verkroch er sich auf seinem alten Hof, flickte Fahrradschläuche, reparierte Maschinen und entwarf Einbauschränke. Seine Hände konnte er nicht still halten, er musste sich beschäftigen, doch dabei litt er unter einem ausgeprägt schlechten Geschäftssinn, sodass er mit ehrlicher Arbeit nie über die Runden kam. Waltraud schien in diesem Punkt anders gestrickt und wahrscheinlich diktierte sie auch die Preise.

»Also willst du nicht.«

»Ganz ehrlich, Addo - nein!«

»Schade. Ich brauche dich.«

»Tut mir leid, Addo. Ich möchte wirklich nicht - ich hab’s ihr doch geschworen.«

»Das ist ein ziemlicher Schlag ins Kontor, Josef.«

»Du suchst einen Helfer?«

»Klar. Die üblichen Nebenaufgaben. Und von Elektronik sollte er auch etwas verstehen.«

»Muss es ein Er sein?«

»Was meinst du damit?«

»Addo, ich hab eine Frau an der Hand - nun verzieh nicht gleich das Gesicht, sie ist gut und zuverlässig. Gelernte Fernsehtechnikerin, ein helles Köpfchen.«

»Wirklich zuverlässig?«

»Bei der Arbeit - hundertprozentig.«

»Woher weißt du das?«

»Ich hab zwei Jobs mit ihr erledigt. Nicht so groß wie deine Dinger, aber ganz ... na ja. Sie hat prima mitgespielt.«

Addo zögerte. Gegen Frauen hatte er nichts, aber bei der Arbeit störten sie ihn. Außerdem traute er Fremden nicht, er hatte sich in Gedanken ganz auf Josef eingestellt. Doch der schien fest entschlossen, seiner Waltraud keinen Kummer zu bereiten, und deshalb seufzte Addo: »Ich kann sie mir ja mal anschauen.«

»Sie heißt Frauke Ruschwitz und wird Mulla genannt. Ich rufe sie an und bereite sie auf deinen Besuch vor. Du musst in einem Punkt vorsichtig sein.«

»Was meinst du?«

»Sie hat noch nicht viel Erfahrung und ist ehrgeizig.«

Addo brummte unzufrieden: »Also leichtsinnig!«

»Das kann sein, wenn sie selbstständig entscheiden muss.« Josef zuckte die Achseln. »Ich bin gut mit ihr klargekommen.«

»Das bedeutet, du bist für immer aus dem Geschäft?«, grummelte Addo.

»Wahrscheinlich.« Josef konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken. »Weißt du, seit Waltraud die Kasse führt, bleibt immer was übrig. Wir haben sogar Geld angelegt, kannst du dir das vorstellen?«

»Es fällt mir schwer, Josef. Trotzdem wünsch ich dir viel Glück - und deiner Waltraud auch.«

Josef brachte ihn zum Auto und sagte unvermittelt: »Sie ist hübsch.«

»Wer? Diese Mulla?«

»Ja. Vor allem weiß sie, dass sie auf Männer wirkt.«

Den warnenden Unterton hatte Addo registriert, doch bevor er nachhaken konnte, machte Josef kehrt. Am Haus bewegte sich eine Gardine. Hundertprozentig schien Waltraud ihrem Josef nicht zu trauen.

*

Bis vierundzwanzig Uhr wartete Addo auf dem dunklen Dachboden. Vor einer Stunde hatte er die Tür einen Spalt aufgezogen und in das Treppenhaus gelauscht, aber kein Geräusch, keine Stimme, keinen Schritt mehr gehört. Kurz nach zweiundzwanzig Uhr war die Treppenhausbeleuchtung zum letzten Mal angesprungen, seitdem hatte sich niemand mehr im Treppenhaus bewegt. Er stand auf und streckte sich, schwang die Tasche mit dem elektronischen Gerät über die Schulter und schloss wieder ab; das hakende Schloss hatte er geölt.

Fünfter Stock - dunkel und ruhig. Vierter Stock - kein Licht, kein Geräusch. Im dritten Stock schlich er zuerst über den linken Flur und horchte an den Türen. Die Gebrüder Hiltig ließen ihr Spielzeug ruhen, der Rechtsanwalt und die beiden Ärzte genossen den verdienten Feierabend. Also dann!

Umsichtig, um Kratzspuren zu vermeiden, schob Addo die Lehre in den Schlitz des oberen Schlosses und zog den Knopf für die vordere Messzunge nach hinten. Halb. Vier Millimeter, bis zur nächsten Markierung, zurück, Zug, volle Erhöhung. Sechs Positionen, es ging wie’s Brezelbacken. Inzwischen konnte er in dem Halbdunkel ausreichend sehen. Die Nachschlüssel waren systematisch in dem Kasten geordnet. Sechser-Reihe, die vorderste Position halb, die fünfte voll, vier und drei null, die letzte wieder halb. Mit Führungsrille rechts, doppelter Schubstangendorn, da war er schon, ein Tröpfchen Öl, für alle Fälle, Addo steckte ihn ins Schloss und drehte, das Schloss gab ohne Widerstand nach. Wer sagte es denn?

Nach zwei Minuten fasste auch der untere Nachschlüssel, unendlich behutsam schob Addo die Tür einen winzigen Spalt auf und wartete. Jetzt hieß es Geduld aufbringen, denkbar, wenn auch nicht wahrscheinlich, dass an der Eingangstür eine Alarmanlage montiert war. Zwanzig Minuten hockte er auf einer Treppenstufe, im Haus blieb alles ruhig. Den Rüttler, der mit einer heftig vibrierenden Edelstahlzunge Schlösser öffnete, benutzte er nicht mehr, seit er die ersten Anzeichen für Erschütterungsmelder an Türrahmen entdeckt hatte.

Der nächste Schritt: Wieder im Zeitlupentempo drückte er die Tür so weit auf, dass er mühelos durch den Spalt schlüpfen konnte. Und erneut zwanzig Minuten Hocken auf der kalten Steinstufe. Er hasste diese Plastikfingerhandschuhe, die auf der Haut juckten. Auf der Kölner Straße ließ der Betrieb nach, Addo hörte, wie ein Regenguss gegen die Scheiben des Treppenhauses prasselte.

Kein Alarmzeichen. Addo schnallte die Tragetasche auf und holte zwei Geräte heraus, die er an seinem Gürtel befestigte, stöpselte die Verbindungen zu der Keule und setzte die Kopfhörer auf. An der Eingangstür gab es offenbar keine Alarmkontakte, aber Heubach konnte sein Büro innen gesichert haben, zum Beispiel durch Ultraschallgeber oder Infrarotschranken. Auf seine selbst entworfene Warngeräte war Addo richtig stolz.

Er streckte, selbst noch von der Tür gedeckt, die Keule, bestückt mit den Mikrofonen und Infrarot-Empfangszellen, in den Flur und bewegte sie langsam von oben nach unten. Kein Alarmsignal. Die Tür um zwanzig Grad weiter aufgestoßen, Kontrollbewegung hinauf, hinunter. Nichts. Mit angehaltenem Atem trat Addo in den Flur, Kniebeuge und hoch, nach links, nach rechts. Zwei Schritte vor, es artete in die übliche >Vorbeuge-Gymnastik< aus, kein Piepton, keine Sirene, kein Aufleuchten oder Alarmlicht. Das Gleiche vier Meter vom Eingang entfernt. Und wieder nichts. Addo schaltete das Gerät aus und ging zur Eingangstür, schloss sie und zählte bis hundert, bevor er sich in dem Dunkel wieder bewegte und die Lupenlampe anknipste.

Die Firma war nicht groß. Gleich rechts neben dem Eingang gab es einen winzigen Empfang, mit einer Telefonanlage, Faxgeräten und einem Fernschreibgerät. Gegenüber eine Teeküche, zwei Toiletten. Je drei Büroräume nach vorn zur Kölner Straße und nach hinten zum Hof. Am Ende des Flures eine Art Konferenzraum auf der Straßenseite, mit drei Diaprojektoren, einem Filmprojektor, mehreren Videogeräten, Leinwand, zwölf Stühlen um einen ovalen Tisch. Der breite Flur wurde für die Ablage genutzt, zwischen und über den einzelnen Türen reichten die Regale bis unter die Decke und Addo las verwundert die Aufschriften der Ordner: Mailand Frühling 1986 oder Paris Herbst 1988, Streckfasern, Trevira vorgereckt, Magenta opalfluores.

Wenn er bei seinen Ausflügen mehr Zeit hätte, könnte er eine Menge dazulernen!

Am Ende des Ganges fand er auch Heubachs Zimmer, der Name stand auf einem Schildchen, das rechts an das Wangenbrett des Regals geschraubt war. Addo klinkte die Tür auf. Auf dem Hof unten brannten mehrere Leuchten und das Licht reichte vollständig aus, um sich zu orientieren.

Ein mittelgroßer Raum. Der Schreibtisch stand schräg vor dem Fenster und bekam Tageslicht von links. Eine zweisitzige Couch, ein hoher, ungewöhnlich schmaler und langer Holztisch, vier Stühle. Die Telefonwanze würde keine Schwierigkeiten bereiten, DeTeWe, ein älteres Modell, das Addo gut kannte. Für die diversen Schaltknöpfe und Lämpchen wurden fünf Volt Gleichstrom benötigt, das hieß, er brauchte keine Akkuwanze einzubauen. Auch die Raumwanze ließ sich unauffällig anbringen; unter der Decke war eine Metallschiene montiert, auf der mehrere verschiebbare Strahler steckten. Addo richtete den Strahl der Lupenlampe auf eine Glühbirne - wie er sich gedacht hatte: Um Stauhitze zu vermeiden, umgab die schwarze Metallmanschette den Sockel nicht direkt, sondern ließ ringsherum einen Raum mit Lüftungsschlitzen frei. Der ideale Platz für einen Minisender mit Rundum-Mikrofon, der Akku konnte sich sogar zwischendurch wieder aufladen, wenn die Strahler angeschaltet wurden. Und für die zweite Raumwanze drängte sich die Schreibtischlampe geradezu auf: eine Hochdruck Niedervolt-Glühbirne, die von einem Transformator im Sockel gespeist wurde, der Schalter saß auf der Sekundärseite; also konnte Addo auf der Primärseite über zwei Kondensatoren und zwei Dioden Gleichstrom zapfen.

Etwas schwieriger würde es mit der Linse der Fernsehkamera werden. Rechts von Heubachs Raum - vom Flur aus gesehen zum Büroeingang hin - saß seine Sekretärin, und obwohl Addo sich gründlich umsah, entdeckte er keine Möglichkeit, in ihrem Zimmer einen Sender zu montieren. Auf der anderen Seite von Heubachs Zimmer gab es einen schmalen Schlauch, der die Bezeichnung Zimmer kaum verdiente und durch eine Zwischenmauer noch einmal geteilt war. Der kleinere Teil mit dem Fenster war ein Waschraum, der jetzt nicht mehr benutzt wurde; in dem vorderen, größeren Teil waren die beiden Server für die vernetzten Computer untergebracht, die auf jedem Schreibtisch standen, eine Notstromanlage für das Computersystem, Kabelschränke, zwei Kopierer und eine kleine Klimaanlage, von der ein Metallschacht unter der Decke offenbar nach draußen führte. Der ideale Platz, ein Gerät zu verstecken, aber das hieß, dass Addo von hier aus ein Loch durch die Wand in Heubachs Zimmer bohren musste. Die winzige Linse am Ende des Glasfaserstranges wäre dann auf Heubachs Hinterkopf gerichtet, wenn er am Schreibtisch saß, doch dafür auf die Gesichter seiner Besucher, die vor dem Schreibtisch Platz nahmen. Nicht optimal, aber es mochte gehen.

Den Sender konnte Addo in einem der verschlossenen, hohen Kabelschränke unterbringen, normalerweise gab es keinen Grund, sie zu öffnen. Stromversorgung - okay; hinter den Schränken liefen Kabel für die Gleichrichter der Notbatterien durch, alles kein Problem. Bis auf die Antenne. Wo sollte er das Kabel, das vom Sender zur Antenne führte, verstecken? Im Metallschacht der Klimaanlage? An der Unterseite war ein Schieber montiert, um Kondenswasser ablaufen zu lassen ... Moment mal! Als dieses Haus gebaut wurde, waren Computer noch unbekannt, die Klimaanlage für die Server war todsicher nachträglich eingerichtet worden; aber der Architekt der Sechzigerjahre hatte für den fensterlosen Vorderraum unter Garantie eine normale Zuglüftung vorsehen müssen, Öffnungen mit Schutzgittern am Boden und unter der Decke, die in einen durchgehenden Schacht vom Keller bis zum Dach mündeten.

Vorsichtig klopfte Addo mit dem Schraubenzieher die Wände ab und hätte fast losgejubelt. Da war der Schacht, keine zwanzig Zentimeter neben den Kabelschränken, flüchtig mit Farbe überstrichen. Das Risiko konnte er eingehen. Eine Furche in den Putz geritzt, nachher mit Gips verputzt, etwas Farbe aufgetragen - dieses Dunkelgrau war so fleckig, dass es nicht auffallen würde. Hier unten also nur ein Vorverstärker, der das Kabel zum Dachboden speiste, oben ließ sich der Sender montieren, was auch die Antennenanpassung erleichterte. Addo prägte sich ein, was er mitbringen musste, und ging noch einmal in Heubachs Zimmer, legte den Zollstock aus und maß nach. Schwierig, aber machbar. An der Stelle, die er durchbohren wollte, stand ein Bücherregal, und nach dem Staub auf den Büchern zu urteilen, legte Heubach wenig Wert auf Lektüre. Ein Risiko blieb es, aber Addo konnte den dünnen Schlauch ziemlich weit oben auf einem Regalbrett festkleben, sodass er gerade mit der Vorderkante abschloss. Auf eine Zoommechanik verzichtete er besser, notfalls musste er nachts wiederkommen und die Linse neu justieren.

Er verschwand spurlos aus dem Bürotrakt und markierte die Schlüssel, die er benutzt hatte.

Auf dem Dachboden steuerte er zielstrebig das zweite gemauerte Viereck an und hebelte das Abdeckblech herunter: der Lüftungsschacht. Unten hatte Addo eine Deckenhöhe von 285 Zentimetern gemessen. Plus 35 Zentimeter für Decke und Isolierung, plus Schleifen, überschlägig berechnet musste er das Kabel hier oben mit 125 Ohm abschließen. Ein normaler Sender bedeutete, er würde keine Parabolantenne benötigen, sondern käme mit einem Strahler, einem Reflektor und zwei Direktoren aus, die er noch hinter der Schachtwand verstecken konnte, sodass sie von der Bodentür aus nicht zu sehen waren. Immerhin etwas! Der Platz reichte sogar für ein funkgesteuertes Ein-Aus-Schaltgerät. Warum sollte die empfindliche Elektronik vier Wochen Tag und Nacht durchlaufen?

Leise vor sich hin summend sprang Addo die Treppe hinunter. Vor der Hintertür schnallte er sich das kleine Kissen um, setzte Brille und Perücke auf und schob die Einlage in den rechten Schuh. Erstens brannten Leuchten auf dem Hof und zweitens fürchtete er schlaflose Leute, die in dunklen Zimmern am Fenster hockten und nichts Besseres zu tun hatten, als Unbekannte zu beobachten. Das Schloss selbst war ein Witz.

Ohne auffällige Eile hinkte Addo über den Hof und durch die Einfahrt auf die Bonner Straße, wo er sein Auto geparkt hatte. In einer Stunde konnte er in seinem Bett liegen; Hotels mied er wie der Teufel das Weihwasser. Man wusste nie, wer sich später an den Gast erinnerte.

Dienstag, 29. August

Das Garagentor war verschlossen, deshalb parkte Werner neben der Haustür, faltete das Tuch zusammen, das er über den Fahrersitz gelegt hatte, und klingelte. So eine Villa und so einen Garten müsste sich der Mensch leisten können, dachte er wie immer halb neidisch, halb eingeschüchtert. Und nicht nur das Riesengrundstück, sondern auch den Gärtner dazu.

Als die Tür geöffnet wurde, fuhr er fast schuldbewusst aus seiner Träumerei hoch.

»Ja, bitte?«

Einen Moment bekam er den Mund nicht zu. Junge, das war ja eine Wucht. Blond, blaue Augen, eine helle Haut, die sich jetzt unter seinem Blick leicht rötete, groß und eine Figur, die glatt für zwei Frauen reichte. Und ein hübsches Gesicht dazu, er schluckte und krächzte.

»Guten Tag, ich bringe das Auto.«

»Oh«, sagte die junge Frau hilflos. »Herr Heubach ist schon ins Büro gefahren.«

»Pech, macht aber nichts. Hier, Autoschlüssel, Wagenpapiere und die Rechnung, geben Sie ihm das.«

»Ja ... ja ... und wer ...?«

»Ach so! Entschuldigung. Mosche heiße ich, Werner Mosche, vom Autohaus Deilenberg. Herr Heubach hat uns den Wagen gebracht, weil er durch den TÜV musste.«

»Ah so.« Jetzt registrierte sie seinen ölfleckigen Monteuranzug und die Decke über seinem Arm. »Muss ich ... ist noch was zu tun?«

»Nein, gar nichts.« Offenbar war sie neu in der Villa Heubach. »Wir machen das immer so.«

»Ja«, entgegnete sie schnell und nahm ihm die Papiere und den Schlüssel ab. »Und wie kommen Sie jetzt zurück?«

»Mit dem Bus.« Er grinste und sie errötete wieder. »Zahlt alles Ihr Boss und gegen eine Stunde Freizeit hab ich nix.«

»Ja«, murmelte sie wieder und mied seinen Blick.

Etwas schüchtern, das hübsche Kind.

»Und wie heißen Sie?«

»Wie ich heiße?«

»Sicher. Ich muss doch wissen, wem ich die Papiere und Schlüssel übergeben habe«, behauptete er dreist.

»Oh, ich heiße Bettina. Bettina Kromme.«

»Ich hab Sie hier noch nie gesehen.«

»Nein«, antwortete sie verlegen. »Ich bin erst seit fünf Monaten hier. Das neue Kindermädchen.«

»Ach so.« Er pfiff fröhlich. »Na, vielleicht sehen wir uns ja noch mal. Und grüßen Sie den kleinen Flori vom Moschewerner. Wir sind nämlich dicke Freunde und reparieren zusammen Tretautos und Dreiräder.«

»Ja, mach ich«, versprach sie, aber es klang, als wolle sie ihn nur loswerden.

Er verbeugte sich und spazierte stolzgeschwellt über den Kiesweg zum Tor.

»Wer war denn das, Tina?«

Sie zuckte zusammen und lief gehorsam ins Wohnzimmer. Die helle Stimme ihrer Chefin drang ihr immer durch Mark und Bein, und wenn sie abends im Bett lag und zur Decke träumte, gestand sie sich ein, dass sie sich vor Marianne Heubach etwas fürchtete. Einen richtigen Grund für ihre Angst gab es gar nicht, Marianne Heubach behandelte sie anständig, vielleicht etwas spöttisch und ungeduldig, aber sie schikanierte sie nie. Trotzdem ging Bettina ihr gern aus dem Weg und manchmal plagte sie das unbehagliche Gefühl, dass auch der fünfjährige Florian seine Mutter lieber gehen als kommen sah.

»Ein Mechaniker hat den Wagen Ihres Mannes gebracht. Ein Werner Mosche.«

»Ach, der Moschewerner.« Sie lachte und wedelte vergnügt mit einer Hand. »Floris großer Freund. Das werden Sie noch erleben, wenn die beiden Dreiräder reparieren. Oder sich fachmännisch unter die Autos legen. Hinterher hilft nur die Drahtbürste und ich frag mich immer, ob eigentlich die Autos oder die Mechaniker geschmiert werden.«

»Ja, Frau Heubach«, lachte Bettina gehorsam und schlug die Augen nieder.

Auf dem Weg zum Kindergarten überlegte sie, nicht zum ersten Mal, ob Marianne Heubach ihren Sohn überhaupt liebte. Sobald sie sich mit dem Kind beschäftigte, benahm sie sich, als würde sie viel lieber weglaufen oder etwas anderes tun, und nicht nur Flori spürte, dass sie ihre Geduld nur vortäuschte. Mit seinem Vater verstand er sich viel besser. Wenn die beiden auf dem Boden lagen und >Mensch ärgere dich nicht< spielten, stöhnten und ächzten und jammerten oder jubelten sie wie die Stinte; den größten Lärm veranstalteten sie, wenn eine Figur direkt vor dem Eingang zum sicheren Häuschen geschlagen wurde, und der Vater stand dem Sohn in puncto Schadenfreude oder Verzweiflung in nichts nach. Seit einigen Wochen brachte Johannes Heubach seinem Flori das Schachspiel bei, Bettina saß oft im Hintergrund und bewunderte den Langmut des Vaters, der ruhig, ohne Besserwisserei oder Häme Floris Fehler korrigierte und ihm zeigte, was er hätte bedenken müssen.

Trotzdem, Heubach war als Vater zu alt und an manchen Tagen bewegte er sich abends schwerfällig, wie erschöpft oder krank. Sechzig Jahre und ein fünfjähriges, lebhaftes Kind. Flori redete seinen Vater mit »Hannes« an, das war das Einzige, was Bettina an dem Verhältnis nicht gefiel, aber sie wusste, wann sie den Mund zu halten hatte. Marianne Heubach, die sich ihres Vornamens schämte und unbedingt mit »Mascha« angeredet werden wollte, fühlte sich durch Kind und Ehemann gleichermaßen eingeengt, sie sprach es zwar nie aus, aber wandte auch wenig Mühe auf, es zu verbergen. Nein, sie führten keine gute Ehe, bei fünfundzwanzig Jahren Altersunterschied kaum verwunderlich. Er arbeitete viel und sie ging häufig aus, oft allein, manchmal mit seltsamen Freunden, deren spöttische Selbstsicherheit Bettina verwirrte und auch ängstigte. In der Villa lebte noch eine Tochter aus erster Ehe, Sabine, die im April ihren 25. Geburtstag gefeiert hatte, und Bettina beneidete heimlich die gleichaltrige Sabine. Hübsch war sie, lebhaft, mit brünetten Locken und großen, dunklen Augen, einer zierlichen Figur und einem unbeschwerten Gemüt, ein ewig umschwärmter Kobold und eisern entschlossen, vom Leben nur die angenehme Spaßseite mitzunehmen. Deswegen drückte Sabine sich vor regelmäßiger Arbeit und schwärmte so sehr von den vier Jahren, die sie an der Kunsthochschule verbracht hatte, dass Bettina sich gelegentlich fragte, wie intensiv Sabine tatsächlich dort gearbeitet hatte. Sabines Werke, die sie von Fotos kannte, fand sie einfach scheußlich, sagte aber nichts. Sabine behandelte die Männer so locker, wie es sich Bettina immer erträumte, und das hatte nur zum Teil damit zu tun, dass Sabine als Millionärskind nie auf das Geld schauen musste. Ihr war es halt in die Wiege gelegt worden. Bei aller Flatterhaftigkeit besaß sie aber doch genug Ernsthaftigkeit, sich mit ihrem Halbbruder abzugeben, und Flori liebte seine Bine, die ihn immer zum Lachen brachte. Zwei Kinder, eines groß, eines klein, die alles auf den Kopf stellen konnten, und für Flori freute es Bettina, dass er in seiner Stiefschwester einen Ersatz für eine ungeduldige Mutter besaß.

Direkt vor dem Kindergarten fand sie einen Parkplatz und drehte den Zündschlüssel. Noch zehn Minuten und Flori gehörte ohnehin stets zu den Letzten.