Der Albtraum - Erica Spindler - E-Book

Der Albtraum E-Book

Erica Spindler

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Beschreibung

Ein beklemmender Psychothriller um eine verhängnisvolle Affäre, meisterhaft aufgebaut von der Top-Autorin Erica Spindler. Schwanger und auf der Flucht vor dem gewalttätigen Mann, dessen perverse Spiele sie an den psychischen Abgrund getrieben haben, kommt die junge Julianna Starr nach New Orleans. Hier will sie Adoptiveltern für ihr Kind finden. Als ihr die Agentur die Akte von Richard und Kate Ryan vorlegt, die ein Baby adoptieren wollen, verliebt sie sich sofort in Richards Bild. Julianna fasst einen perfiden Plan: Sie sucht Richards Nähe, nimmt einen Job in seiner Kanzlei an, will seine heimlichsten Wünsche herausfinden, um seine Ehe zu zerstören und Kates Platz einzunehmen ...

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Seitenzahl: 527

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Erica Spindler

Der Albtraum

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Margret Krätzig

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Cora Verlag GmbH & Co. KG,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieser Ausgabe © 2011 by MIRA Taschenbuch

in der CORA Verlag GmbH & Co. KG

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Cause for Alarm

Copyright © 1999 by Erica Spindler

erschienen bei: Mira Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Claudia Wuttke

Titelabbildung: pecher und soiron, Köln;

Thinkstock/Getty Images, München

Autorenfoto: © by Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN (eBook, PDF) 978-3-86278-075-4 ISBN (eBook, EPUB) 978-3-86278-074-7

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

PROLOG

Das mondäne Washingtoner Viertel schlief. Nicht ein einziges Licht brannte in der Reihe teurer Stadthäuser. Lediglich die Straßenlaternen und der Dreiviertelmond sorgten für Beleuchtung. Die Novembernacht war eisig, die Luft feucht und voller Modergeruch.

Der Winter war da.

John Powers stieg die Stufen zur Haustür seiner Exgeliebten hinauf. Er bewegte sich zielstrebig, aber leise, wie jemand, der sicher war, nicht bemerkt zu werden. Vollkommen schwarz gekleidet, war er mehr Schatten als Mensch, ein Geist in der Dunkelheit.

Oben angekommen, ertastete er den Ersatzschlüssel im Versteck unter dem Blumentopf, rechts neben der Tür. Den Sommer über war der Topf mit bunten, süß duftenden Blumen gefüllt gewesen, die nun verwelkt und von Kälte geschwärzt herabhingen. Der Weg allen Lebens, das erblühte und wieder verging.

John steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte. Der Riegel glitt zurück, und John trat ein. Viel zu einfach. Wenn man bedachte, welche Riege von Männern über die Jahre mit demselben Schlüssel aus demselben Versteck hier hereingekommen war, hätte Sylvia vorsichtiger sein müssen.

Vorsicht war allerdings nie Sylvia Starrs Stärke gewesen.

John schloss leise die Tür, verharrte und lauschte, um abzuschätzen, wie viele Menschen im Haus waren, ob und wo sie schliefen. Aus dem Wohnzimmer zur Rechten erklang das stete leise Ticken der antiken Kaminuhr, aus dem Schlafzimmer dahinter das tiefe Schnarchen eines vermutlich älteren Mannes, der zu viel getrunken hatte und wahrscheinlich zu sehr aus der Form war, um den Abend mit der temperamentvollen, manchmal anstrengenden Sylvia durchzuhalten.

Schade für ihn. Er hätte nach Hause gehen sollen zu seiner fetten, verlässlichen Ehefrau und ihren undankbaren, kuhgesichtigen Kindern. Er würde gleich zum Opfer werden, weil er sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielt.

John ging aufs Schlafzimmer zu und zog die Waffe aus dem rückwärtigen Bund seiner schwarzen Jeans. Die Pistole, eine 22er Halbautomatik, war klein, leicht und auf kurze Distanz sehr effektiv. John hatte sie, wie alle seine Waffen, gebraucht gekauft. Heute Nacht würde sie ihr feuchtes Grab im Potomac bekommen.

Er betrat Sylvias Schlafzimmer. Das Paar schlief Seite an Seite. Das Bett war zerwühlt. Sie hatten sich Laken und Decken um Hüften und Beine geschlungen, die Körper nur halb bedeckt. Im silbrigen Mondlicht schimmerte Sylvias linke Brust milchig weiß.

John ging zu dem Mann und setzte ihm die Waffenmündung in Herzhöhe auf die Brust. Das Aufsetzen diente zwei Zwecken. Es dämpfte das Schussgeräusch und sorgte gleichzeitig für einen raschen und sicheren Tod. Profis gingen keine Risiken ein.

John drückte den Abzug. Die Augen des Mannes sprangen auf, sein Körper zuckte. Ein Japsen, ein Gurgeln, als sich Flüssigkeit und Sauerstoff vermischten.

Sylvia richtete sich hellwach auf. Das Laken rutschte von ihrem Körper herunter.

„Hallo, Sylvia“, grüßte John und hatte den Mann bereits vergessen.

Entsetzt wimmernd wich sie zurück und presste den Rücken gegen das Kopfteil des Bettes. Sie atmete heftig, und ihr Blick flog wild zwischen John und dem blutigen Mann neben ihr hin und her.

„Du weißt sicher, warum ich hier bin“, sagte John leise. „Wo ist sie, Syl?“

Sylvia bewegte die Lippen, doch kein Laut kam heraus. Sie stand offenbar kurz vor einem hysterischen Zusammenbruch. Seufzend kam John auf ihre Seite des Bettes und blieb neben ihr stehen. „Komm schon, Liebes, reiß dich zusammen. Sieh mich an, nicht ihn.“ Er nahm ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich her. „Komm schon, Süße, du weißt, dass ich dir nicht wehtun könnte. Wo ist Julianna?“

Als er ihre neunzehnjährige Tochter erwähnte, wich sie noch mehr zurück. Sie warf einen Blick auf ihren stummen Bettgefährten, ehe sie John wieder ansah, sichtlich um Fassung ringend. „Ich … weiß alles.“

„Das ist gut.“ Er setzte sich neben sie. „Dann verstehst du auch, wie wichtig es ist, dass ich sie finde.“

Sylvia begann so heftig zu zittern, dass das Bett vibrierte. „Wie alt war sie, als du anfingst, zu ihr zu schleichen?“

Er zog die Brauen hoch, erstaunt und zugleich amüsiert über ihren Vorwurf. „Haben wir jetzt plötzlich mütterliche Gefühle? Weißt du denn nicht mehr, wie sehr du es gefördert hast, dass ich mich mit ihr befasse? Wie recht es dir war, wenn dein Geliebter den Daddy spielte, damit du frei für andere Dinge warst?“

„Du Schwein!“ Sie krallte die Finger ins Laken. „Ich wollte nicht, dass du dich an ihr vergehst, dass du mein Vertrauen missbrauchst und …“

„Du bist eine Nutte“, fiel er ihr schlicht ins Wort. „Dir waren immer nur Partys, Männer und hübsche Klunker wichtig. Julianna war nur ein Spiel zeug für dich, ein Mittel zum Zweck, mit dem sich die müde alte Hure ein bisschen Respekt erkaufen konnte.“

Sylvia wollte ihm das Gesicht zerkratzen, doch er schlug ihr mit dem Handrücken auf die Nase, so dass ihr Kopf gegen das Kopfteil des Bettes flog. Sie war benommen. Er drückte ihr den Lauf der Waffe unter das Kinn, direkt auf den heftig schlagenden Puls dort, und zielte Richtung Hirn.

„Bei Julianna und mir geht’s nicht ums Vögeln, Sylvia. Obwohl ich bezweifle, dass du das verstehst. Ich habe sie leben gelehrt.“ Er beugte sich zu ihr hinüber und nahm den Geruch der Angst wahr, der sich mit dem von Blut und anderen Körperflüssigkeiten mischte, erdig, aber sehr lebendig. „Ich habe sie Liebe gelehrt, Loyalität, Verantwortung und Gehorsam. Ich bin alles für sie … Vaterfigur, Freund, Mentor, Geliebter. Sie gehört zu mir. Für immer.“ Er fasste die Waffe fester. „Ich will sie zurückhaben, Sylvia. Wo ist sie? Was hast du mit ihr gemacht?“

„Nichts“, flüsterte sie. „Sie ist … aus freien Stücken gegangen. Sie …“ Ihr Blick schweifte wieder zu dem Toten neben ihr und dem immer größer werdenden Blutfleck auf dem weißen Satinlaken. Ihre Stimme versagte vor Entsetzen.

John griff ihr ins Haar und drehte ihren Kopf heftig wieder zu sich her. „Sieh mich an, Sylvia! Nur mich! Wohin ist sie gegangen?“

„Ich weiß nicht. Ich …“

Er riss an ihrem Haar und schüttelte sie. „Wohin, Syl?“

Sie begann hysterisch zu kichern und legte sich eine Hand vor den Mund. „Sie kam zu mir, weil du wolltest, dass sie abtrieb. Ich sagte ihr, du wärst ein Monster, ein kaltblütiger Killer. Sie glaubte mir nicht, deshalb rief ich Clark an.“ Bizarr angesichts ihrer Lage, doch ihr Kichern wurde triumphierend. „Er zeigte ihr Bilder deiner Arbeit. Beweise, John. Beweise!“

John erstarrte geradezu in eiskalter Wut. Clark Russell, CIA-Spezialist, früherer Waffenbruder, einer von Sylvias Liebhabern. Einer, der zu viel über John Powers wusste.

Clark Russell ist ein toter Mann.

John beugte sich zu Sylvia hinüber. Mit der Waffe unter ihrem Kinn schob er ihren Kopf nach hinten. „Clark gibt vertrauliche Informationen preis? Dann musst du im Bett besser sein, als ich dachte.“ Er verengte die Augen. Ihm missfiel, wie heftig sein Herz schlug und wie seine Hände schwitzten. „Das hättest du nicht tun sollen, Syl. Es war ein Fehler.“

„Zur Hölle mit dir!“ schrie sie ihn an. „Du wirst sie nicht finden! Ich habe ihr gesagt, sie soll so schnell und so weit wie möglich weglaufen und sich und das Baby retten. Du wirst sie niemals finden. Niemals!“

Den Bruchteil einer Sekunde entsetzte ihn diese Vorstellung. Dann lachte er. „Natürlich finde ich sie, Syl. Das ist mein Beruf. Und wenn ich sie finde, wird das Problem eliminiert. Danach werden Julianna und ich wieder so zusammen sein, wie es sein soll.“

„Du wirst sie nicht finden! Niemals! Du …“

Er drückte ab. Blut und Hirn spritzten gegen das Kopfteil des antiken Bettes und auf die Rosentapete dahinter. John sah einen Moment lang darauf und stand auf. „Goodbye, Sylvia“, flüsterte er, wandte sich ab und begab sich auf die Suche nach Julianna.

TEIL I

KATE UND RICHARD

1. KAPITEL

Mandeville, Louisiana, Silvester 1998

Licht strahlte aus jedem Fenster des großen alten Hauses am Lakeshore Drive von Mandeville, das Kate und Richard Ryan bewohnten. Es war vor fast einem Jahrhundert erbaut worden, zu einer Zeit, da großzügiges Südstaatenleben noch etwas bedeutete. Eine Zeit vor MTV und allgemeinem Werteverfall. Als es noch verpönt war, wenn Politiker ihre Ehefrauen betrogen, und alltägliche Meldungen von grauenhaften Morden noch nicht zur Normalität gehörten.

Das Haus mit seinen doppelten, umlaufenden Balkonen und den deckenhohen Fenstern zeugte von Wohlstand, Status und Solidität. Es war geschaffen für eine Familie, die Kate und Richard jedoch nie haben würden.

Kate trat auf den oberen Balkon hinaus und schloss die Türen hinter sich, um den Lärm der in vollem Gang befindlichen Silvesterparty zu dämpfen. Die Januarnacht war bitterkalt und eisig für den Süden Louisianas. Kate ging zur Brüstung und blickte auf den schwarzen aufgewühlten See. Sie umklammerte die Balustrade mit den Fingern und lehnte sich in den kalten Wind, der ihr das Haar zauste und durch ihr dünnes Samtkleid pfiff.

Auf der anderen Seite des Lake Pontchartrain, verbunden durch einen sechsundzwanzig Meilen langen Damm, lag New Orleans, verfallendes Juwel einer Stadt, Heimat von Mardi Gras und Jazz und von einigen der besten Gerichte der Welt. Heimat auch der mondänen St. Charles Avenue für Privilegierte, der Armenviertel und von steigenden Kriminalität, die solche Extreme hervorbringt.

Kate stellte sich vor, welche Party am gegenüberliegenden Strand stattfand, da man nicht nur ein neues Jahr, sondern auch das Letzte dieses Jahrtausends feierte. Ein Wendepunkt, das Ende einer Ära, eine Tür, die sich schloss.

Auch für mich und Richard, dachte sie.

Vor den Feiertagen hatten sie der Tatsache ins Auge sehen müssen, dass sie nie Kinder haben würden. Die Ergebnisse ihrer letzten Tests waren endgültig. Richard war steril. Bisher hatte sie angenommen, dass sie auf Grund ihrer zahlreichen, aber korrigierbaren Probleme nicht schwanger geworden war. Als alle Eingriffe nichts nützten, hatte der Arzt darauf bestanden, dass Richard sich testen ließ.

Die Ergebnisse hatten sie niedergeschmettert. Sie war zornig geworden auf Gott und die Welt und all die Menschen um sie herum, die mühelos Babys bekamen. Sie fühlte sich betrogen und nutzlos.

Zugleich war aber auch eine Last von ihr genommen. Zwar hatten sie nicht das erwünschte Resultat bekommen, aber ein endgültiges. Die Unfruchtbarkeitsbehandlungen waren eine große Belastung gewesen, für sie persönlich und für ihre Ehe. Ein Teil von ihr war einfach nur froh, von dieser emotionalen Achterbahn herunterzukommen.

Wenn sie ihre Sehnsucht nach einem Kind doch auch so leicht in den Griff bekäme.

Starke Arme umschlangen sie von hinten. Richards Arme. „Was tust du hier draußen“, flüsterte er nah an ihrem Ohr. „Und ohne Mantel. Du holst dir den Tod.“

Sie schüttelte ihre Melancholie ab und lächelte ihren Mann, mit dem sie seit zehn Jahren verheiratet war, über die Schulter hinweg an. „Wenn du mich warm hältst, wohl kaum.“

In seinen Augenwinkeln bildeten sich kleine Fältchen, als er lächelte. In dem Moment sah er mit seinen Fünfunddreißig so jungenhaft aus wie mit zwanzig, als sie sich kennen gelernt hatten. Er zog viel sagend ein paar Mal in rascher Folge die Brauen hoch. „Wir könnten uns ausziehen und es wild treiben, gleich hier und jetzt.“

„Klingt abgedreht.“ Sie wandte sich um und legte ihm die Arme um den Hals. „Ich mache mit.“

Lachend legte er die Stirn gegen ihre. „Und was würden unsere Gäste denken?“

„Die sind hoffentlich alle zu gut erzogen, um uneingeladen hier heraufzukommen.“

„Und wenn nicht?“

„Dann würden sie uns von einer ihnen unbekannten Seite kennen lernen.“

„Was würde ich nur ohne dich anfangen?“ Er drückte ihr einen Kuss auf den Mund und wich leicht zurück. „Es wird Zeit für meine kleine Rede.“

„Nervös?“

„Wer, ich?“ Er schüttelte lachend den Kopf. „Niemals.“

Das stimmte. Die Selbstsicherheit ihres Mannes erstaunte sie stets aufs Neue. Heute Nacht würde er seine Absicht verkünden, sich um das Amt des Bezirks-Staatsanwaltes von St. Tammany Parish zu bewerben, und trotzdem war er nicht nervös. Richard kannte weder Angst noch Selbstzweifel.

Warum sollte er auch? Er konnte damit rechnen, dass sein Vorhaben bei Familie, Freunden, Geschäftspartnern und Kommunalpolitikern auf Zustimmung stieß. Er würde das Rennen gewinnen, und zwar mühelos.

Richard war immer irgendwie ein Gewinner gewesen. Bei allem, worum er sich bewarb, war er immer der mit den größten Chancen. Erfolg stand ihm, und er ging lässig damit um.

„Bist du sicher, dass Larry, Mike und Chas vollkommen hinter dir stehen?“ fragte sie und bezog sich auf seine Partner in der Anwaltskanzlei Nicholson, Bedico, Chaney & Ryan.

„Absolut. Und was ist mit dir, Kate?“ Er sah ihr forschend in die Augen. „Stehst du hundertprozentig hinter mir? Wenn ich gewinne, wird sich unser Leben verändern. Wir werden ständig mit der Lupe betrachtet werden.“

„Willst du mir Angst machen?“ neckte sie und lehnte sich an ihn. „Keine Chance. Ich stehe hundertprozentig hinter dir. Und du kannst das ‚wenn‘ aus deinem Satz streichen. Du wirst gewinnen.“

„Wie kann ich verlieren mit dir an meiner Seite?“

Als sie versuchte, die Bemerkung lachend abzutun, nahm er ihr Gesicht zwischen beide Hände und sah ihr wieder tief in die Augen. „Es ist mir ernst. Du hast diesen ganz gewissen Zauber, Katherine Mary McDowell Ryan. Danke, dass du ihn mit mir teilst.“

Gerührt schalt sie sich für ihre vorherige Melancholie und ermahnte sich, dankbar zu sein. Das Mädchen mit den löcherigen Schuhen und der abgetragenen Schuluniform von St. Catherine’s, das nie die Sicherheit eines gemütlichen Zuhauses kennen gelernt hatte, das die Tulane University auf Grund eines Stipendiums und mit Hilfe geliehener Bücher und nächtlicher Kellnerarbeit absolvierte, hatte es weit gebracht. Nicht zuletzt, weil Richard Ryan, Lieblingssohn einer der ersten Familien von New Orleans, sich wunderbarerweise und unfassbar in sie verliebt hatte.

„Ich liebe dich, Richard.“

„Dem Himmel sei Dank.“ Er legte wieder die Stirn gegen ihre. „Könnten wir jetzt hineingehen?“

Sie stimmte zu, und sie stürzten sich wieder ins Partygetriebe, umgeben von ihren munteren Gästen. Richard machte seine Ankündigung, die, wie erwartet, von allen, die noch nicht unterrichtet waren, mit Applaus begrüßt wurde.

Von dem Moment an schien das Fest überzuschäumen. Alle schienen von einer sonderbaren Energie befallen zu werden, von dem Wissen, dass nichts so blieb, wie es war. 1999, das Ende des Jahrtausends, brachte ein Gefühl von Unsicherheit mit sich.

Mitternacht kam. Konfetti und Luftschlangen wurden geworfen, Hörner geblasen und noch mehr Champagner getrunken. Der Partyservice hatte ein Buffet aufgebaut. Es wurde gegessen und gefeiert, doch schließlich begannen die Gäste einer nach dem anderen aufzubrechen.

Nachdem Richard den letzten Gast hinausbegleitet hatte, begann Kate gleich damit, aufzuräumen, obwohl sie einen Reinigungsdienst beauftragt hatten, der gleich am nächsten Morgen kommen würde.

„Du bist schön.“

Sie blickte auf. Richard stand in der Tür zwischen Speisezimmer und vorderem Salon und beobachtete sie.

Sie lächelte. „Und du bist erhitzt vom Erfolg oder vom Alkohol.“

„Von beidem. Aber es stimmt trotzdem, du bist hinreißend.“

Sie wusste, das war übertrieben. Sie war attraktiv mit einem irgendwie alterslosen Gesicht. Nicht hinreißend oder sexy. Nicht umwerfend. Klasse vielleicht, solide bestimmt. „Ich freue mich, dass du das findest.“

„Du kannst nie ein Kompliment einfach hinnehmen. Das geht wohl auf das Konto deines alten Herrn.“

„Du hast gute Knochen, Katherine Mary McDowell“, imitierte sie die Stimme ihres Vaters mit dem leichten schottischen Akzent. „Unterschätze nie die Wichtigkeit guter Knochen und Zähne.“ Sie lachte. „Als wäre ich ein Arbeitspferd.“

Richard lächelte, und wie schon vorhin erinnerte er sie an den Jungen aus der Studentenbruderschaft, in den sie sich damals – wie fast alle Mädchen auf dem Campus der Tulane University – verliebt hatte. „Dein Vater fand doch immer die richtigen Worte.“

„Allerdings. Komm, hilf mir.“

Stattdessen neigte er den Kopf zur Seite und betrachtete sie erfreut. „Kate McDowell, von vielen begehrt, einschließlich meines guten Freundes Luke, doch ich habe sie an Land gezogen.“

Wie immer, wenn der Name ihres gemeinsamen Freundes Luke Dallas fiel, bekam sie Schuldgefühle und leise Sehnsucht. Damals, auf der Uni, waren sie drei unzertrennliche Freunde gewesen. Luke war ihr Vertrauter geworden, an den sie sich gewandt hatte, wenn sie Trost, Rat und Unterstützung brauchte. In vielerlei Hinsicht hatte sie ihm in jenen Jahren näher gestanden als Richard.

Dann hatte sie ihre so wunderbare Freundschaft mit einem einzigen gedankenlosen, rücksichtslosen Akt der Leidenschaft und Trauer zerstört.

Die Erinnerung tat weh, deshalb widmete sie sich wieder dem schmutzigen Geschirr. „Du bist betrunken“, stellte sie schlicht fest.

„Na und? Ich muss ja nicht Auto fahren.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Willst du leugnen, dass Luke in dich verliebt war?“

„Wir waren Freunde, Richard.“

„Und sonst nichts?“

Sie sah ihm in die Augen. „Wir waren alle Freunde. Ich wünschte, das wäre so geblieben.“

Richard beobachtete sie nur stumm. Etwas beschwichtigt, sagte er dann: „Du wirst die ideale Politikergattin.“

„Bist du dir da so sicher, Bezirks-Staatsanwalt Ryan? Schließlich habe ich keinen noblen Stammbaum.“

„Du hast Klasse, du bist schön, und du bist klug, Kate. Du brauchst keinen noblen Stammbaum, du hast mich geheiratet.“

Sie stellte das Geschirr auf ein Tablett. Vermutlich hatte er Recht. Durch die Heirat mit ihm war sie in die Gesellschaft von New Orleans aufgenommen worden. Sie brauchte weder eine gute Familie im Hintergrund noch Geld. Beides hatte sie durch ihn bekommen.

Wieder einmal erinnerte sie sich, dass sie Grund hatte, dankbar zu sein: für einen liebenden Ehemann, ein schönes Heim, ihr eigenes geliebtes Geschäft – ein Café namens „The Uncommon Bean“, Die ungewöhnliche Bohne – ihre Glasmalerei und viel Geld. Für all die Dinge, die sie sich immer zu ihrem Glück gewünscht hatte.

„Tut mir Leid, dass ich dich mit meiner Bemerkung über Luke verärgert habe. Ich weiß manchmal wirklich nicht, was in mich fährt.“

„Es war einfach nur ein langer Abend.“

Richard nahm ihr die leeren Tassen aus den Händen und stellte sie wieder auf den Tisch. „Lass das Zeug stehen. Dafür zahlen wir morgen die Putzkolonne.“ Er nahm sie bei den Händen. „Komm mit mir. Ich habe etwas für dich.“

Sie lachte. „Kann ich mir denken.“

„Das auch.“ Er führte sie ins Wohnzimmer. Vor dem glimmenden Kaminfeuer lagen zwei Sitzkissen, daneben kühlte Champagner in einem Behälter. Zwei Kristallgläser standen dabei.

Sie machten es sich bequem. Richard öffnete den Champagner, schenkte zwei Gläser voll und reichte ihr eines. „Ich dachte, wir sollten unter uns feiern.“

Sie stieß ihr Glas gegen seines. „Auf deine Wahl.“

„Nein“, korrigierte er, „auf uns.“

„Das gefällt mir. Auf uns.“ Sie lächelte und trank.

Eine Weile plauderten sie über die Ereignisse des Abends und ihre amüsanten Gäste.

„Du stellst mich immer besser dar, als ich wirklich bin, Kate“, sagte Richard, plötzlich ernst. „Das hast du schon immer getan.“

„Und du bist betrunkener, als ich dachte.“

„Bin ich nicht.“ Er nahm ihr das Glas ab, stellte es beiseite und verschränkte seine Finger mit ihren. „Ich weiß, wie schwer das letzte Jahr für dich war … wegen der Unfruchtbarkeitstests.“

Ihr wurden die Augen feucht. „Ist schon in Ordnung, Richard. Wir haben so viel. Es wäre falsch …“

„Ist es nicht. Mit einem anderen Mann könntest du Kinder haben.“

„Es liegt nicht nur an dir, ich habe auch Probleme.“

„Aber deine können behandelt werden. Fehlende Hormone kann man ausgleichen. Ich hingegen bin steril. Was glaubst du, wie ich mich dabei fühle, kein ganzer Mann zu sein.“ Die Bitterkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Es schmerzte sie, zu sehen, wie er litt. „Das ist doch Unsinn“, wider sprach sie sanft und drückte ihm die Hände. „Zeugungsfähigkeit ist nicht das, was einen Mann ausmacht. Es ist nicht das, was dich ausmacht.“

„Nein? Mir kommt es aber so vor.“

„Ich weiß, wie du dich fühlst, weil ich dasselbe Problem habe. Kinder zu bekommen, ist für jede Frau etwas Selbstverständliches. Es nicht ohne den Einsatz medizinischer Technologie zu können, gibt einem das Gefühl, mit einem Makel behaftet zu sein.“

„Ich habe dich im Stich gelassen“, sagte er ruhig.

„Nein, Richard, so habe ich das nicht gemeint.“

„Ich weiß, aber ich empfinde es so.“

Sie wandte sich ihm voll zu und nahm seine Hände. „Wo steht denn geschrieben, dass wir einen Anspruch auf alles im Leben haben? Schau dir doch an, was wir haben: ein schönes Haus, ein erfolgreiches Berufsleben, wir haben einander und unsere Liebe. Das ist schon ein geradezu peinlicher Reichtum. Manchmal muss ich mich kneifen, um zu glauben, dass es Kate McDowell ist, die dieses Leben führt. Manchmal fürchte ich, einen richtig tollen Traum zu erleben, der jeden Moment zum Albtraum entartet.“

„Das lasse ich nicht zu, Liebes. Das verspreche ich.“

Sie zog seine Hände an ihre Lippen. „Es wurde schon gelogen, betrogen und getötet für das, was wir als selbstverständlich hinnehmen. Wir sollten es bewahren, indem wir es schätzen. Wir dürfen nicht vergessen, wie viel Glück wir haben. Wenn wir gierig werden, könnten wir plötzlich alles verlieren. Das darf nicht geschehen, Richard. Es ist wichtig, immer daran zu denken.“

Er lachte. „Du glaubst immer noch an Zauberer, Feen und die Macht des vierblättrigen Kleeblattes, was?“

„Es ist mir ernst, Richard.“

„Mir auch. Wir können alles haben, Kate. Ich möchte es für dich.“ Als sie etwas einwenden wollte, legte er ihr einen Finger auf den Mund. „Ich habe etwas für dich, gewissermaßen ein verspätetes Weihnachtsgeschenk.“ Er zog einen großen Umschlag unter einem Sitzkissen hervor und reichte ihn ihr. „Frohes neues Jahr, Kate.“

„Was ist das?“

„Mach ihn auf und sieh selbst.“

Sie tat es. Es war ein Brief der Agentur „Citywide Charities“, worin ihnen mitgeteilt wurde, dass sie in das Adoptionsprogramm „Geschenke der Liebe“ aufgenommen worden waren.

Kates Herz begann wild zu hämmern, ihre Hände zitterten. Diese Agentur, das wusste sie, war die Beste in der ganzen Gegend. Sie nahmen jedes Jahr nur wenige ausgewählte Paare auf, die dann bereits innerhalb eines Jahres ihre Adoptionsbabys bekamen.

Sie hatte sich schon früher mit dem Gedanken an Adoption befasst, doch bisher hatte Richard nichts davon wissen wollen. Sie hob den tränenfeuchten Blick. „Was ist passiert, Richard? Du wolltest doch keine Adoption …“

„Aber du.“

Sie konnte vor Rührung nicht sprechen und musste sich räuspern. „Aber wenn du weiterhin gegen Adoption bist, können wir es nicht machen. Das wäre nicht richtig.“

„Ich will, dass du glücklich bist, Kate. Diese Adoption wäre für uns beide gut, ich weiß das. Und es ist der richtige Zeitpunkt, eine Familie zu gründen.“

Sie war sprachlos vor Freude, also küsste sie ihn innig mit all der Liebe und Dankbarkeit, die sie erfüllte.

Nächstes Jahr um diese Zeit haben wir ein Kind, wir sind Eltern, eine richtige Familie!

„Danke“, flüsterte sie immer wieder zwischen Küssen. Sie zogen sich gegenseitig aus. Das Feuer im Kamin wärmte sie in Zärtlichkeit und Leidenschaft.

„Das wird unser schönstes Jahr“, flüsterte Richard Kate ins Ohr, als er sich auf sie hob. „Nichts und niemand wird uns je trennen, Kate.“

TEIL II

JULIANNA

2. KAPITEL

New Orleans, Louisiana, Januar 1999

Der Imbiss lag an einer der lebhaftesten Ecken des zentralen Geschäftsbereichs der Stadt. „Busters Große Po’boys“ hatte sich auf Shrimps- und Austern-Po’boys spezialisiert – französische Baguettestangen, mit frittierten Shrimps oder Austern oder beidem belegt. Die meisten Kunden wollten sie mit Salat, Tomaten und einer dicken Schicht Majonäse. Wer keinen Appetit auf frittierte Seefrüchte hatte, konnte sein Baguette auch mit anderem Belag haben. Außerdem gab es montags traditionelle Gerichte wie rote Bohnen mit Reis.

Busters Sandwichladen war typisch für die Stadt: in einem jahrhundertealten Gebäude untergebracht, der Gips an den Wänden geborsten, die hohen Decken verdreckt von Gott weiß was für Schmutz aus Gott weiß wie vielen Jahren. Von Juni bis September lief die Klimaanlage auf Hochtouren und schaffte es trotzdem nicht.

Überall sonst im Land wäre Busters längst von der Gesundheitsbehörde geschlossen worden. Für die Bewohner von New Orleans war Busters ein durchaus akzeptables Lokal für einen schnellen Imbiss, wenn man in der Stadt war.

Julianna Starr drückte die gläserne Eingangstür auf, trat ein und ließ den kalten Januartag draußen. Der Geruch frittierter Seefrüchte schlug ihr entgegen und verursachte ihr Übelkeit. Der Geruch, das hatte sie in den paar Wochen, die sie hier als Bedienung arbeitete, gelernt, durchdrang alles: Haare, Kleidung, sogar die Haut. Sobald sie nach Hause kam, zog sie alles aus und schrubbte unter der Dusche den Gestank ab.

Das Einzige, was noch schlimmer war als der Geruch im Laden, war die Kundschaft. New Orleanser taten alles im Übermaß. Sie lachten zu laut und aßen und tranken zu viel und waren dabei von frenetischer Ausgelassenheit. Ein paar Mal hatte sie beim bloßen Anblick eines Kunden, der seinen riesigen, matschigen Po’boy verdrückte, auf die Toilette rennen und sich übergeben müssen. Allerdings gehörte sie zu den Unglücklichen, bei denen Morgenübelkeit weder auf den Morgen noch auf die ersten drei Monate der Schwangerschaft beschränkt blieb.

Julianna warf einen bedauernden Blick durch das Lokal. Ausgerechnet heute zu verschlafen war keine gute Idee gewesen. Der mittägliche Kundenansturm hatte offenbar früher eingesetzt. Um kurz nach elf waren bereits alle Tische belegt, und am Tresen für den Außer-Haus-Verkauf stand man bereits in zwei Reihen Schlange. Während Julianna ins Hinterzimmer des Lokals ging, warf eine andere Bedienung ihr einen unfreundlichen Blick zu.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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