Der alte Mann und das Haus - Roland Exner - E-Book

Der alte Mann und das Haus E-Book

Roland Exner

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Beschreibung

Der Titel könnte irritieren: scheinbar halb geklaut vom "Der alte Mann und das Meer". Aber ich finde keinen besseren… 1985 habe ich mit dem Buch begonnen, angeregt durch Zeitungsberichte über die Psychiatrie und vor allem von Ereignissen in meiner unmittelbaren Umgebung – verschrieb mich aber bestimmten Klischees, und als ich das nach 150 Seiten merkte, ließ ich den Text in meinem dann alternden ATARI-Computer "liegen". Da ich für die Familie 2001/02 ein Haus hatte bauen lassen und dies zu einer nicht endenden Katastrophe wurde, bekam ich dann zehn Jahre später das Gefühl, ich sei `Der alte Mann und das Haus´ – und auch, dass dies der Titel für das einst angefangene Buch sei. Der Ort: Auch in der Nähe, wo ich damals wohnte, das fränkische Dorf Trieb. Dort ist Elke Meusel Haushälterin bei Ehepaar Klüber. Eigentlich kann sie nicht klagen, aber wohl fühlt sie sich auch nicht. Es gruselt ihr oft in diesem abgelegenen Anwesen - und dann erscheint eines Tages auch noch ein "Gespenst" – von dem obendrein trotz anschließender Suchaktion auch keine Spur zu finden ist…. Im Rundfunkt hört sie die Nachricht, dass aus der Nervenanstalt ein 75 Jahre ein geisteskranker, alter Mann entflohen sei… Langsam "dämmert" ihr, dass das "Gespenst" dieser Alte Mann sein könnte. Als die Klübers verreist sind, laufen sich die beiden über den Weg und Elke verliert schnell ihre Angst – aber nur die Angst vor dem alten Mann. Die neue Angst: die Angst vor Entdeckung. Johann Reuß war im Jahr 1934 zu Unrecht verhaftet, dann in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen, entmündigt und enteignet worden. Nun, nach über 40 Jahren, war ihm die Flucht gelungen, und er wollte nur noch in seinem Hause sterben... Mit der lesenden Elke erfährt der Leser die Lebensgeschichte des Johann Reuß. Aber warum sein Leben in Traumsequenzen...? Ich weiß es nicht genau.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Roland Exner

Der alte Mann und das Haus

Jahrzehnte zu Unrecht in der Psychiatrie, Flucht – und die Sehnsucht zu Hause zu sterben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ein Gespenst

Die Begegnung

Verschlüsseltes Versteck

Rauchverbot

Unpassender Besuch

Die Dachkammern

Die Wette mit dem Totengräber

Katerfrühstück

Vergebliche Suche

Das Jörgl kommt

Sophies Einkaufstour

Die Wahrsagerin

Verpasste Gelegenheit

Entführung der Leiche

Traumtür

Besuch aus dem Leichenwagen

Heiratsantrag

Die Überlebenden

Zwischenstation

Totenwache

Begräbnis

Tod an der Brücke

Biertischwetten

Elkes Flucht

Johanns Verhaftung

Ankunft

Impressum

Ein Gespenst

Elke Meusel stellte die schwere Einkaufstasche auf den matschnassen Weg, schüttelte die Schneeflocken aus ihren langen, kastanienbraunen Haaren, nahm die Tasche wieder in die Hand und schleppte sich weiter bergauf. Das weite Maintal konnte man in dem dämmrigen Schneetreiben nur ahnen, aber Elke hatte jetzt sowieso keinen Blick dafür; sie wollte schnell nach Hause. Das Anwesen der Klübers war das größte des kleinen fränkischen Dörfchens Trieb, es lag etwas außerhalb, Richtung Lichtenfels, zur Karolinenhöhe hin. Ein schöner zweigeschossiger Fachwerkbau mit geschwungenen Andreaskreuzen, auf jedem Stockwerk der Frontseite vier Fenster, und nochmals zwei Fenster in dem steilen Walmdach, eingefügt in eine weitgeschwungene Fledermausgaube.

Als Elke den Hof erreichte, schob sie das große hölzerne, mit Schmiedeeisen beschlagene Tor auf; endlich fand sie ein wenig Schutz vor dem feuchtkalten Wind.

Der geräumige quadratische Hof war von allen Seiten umbaut: Die etwa zwei Meter hohe, aus Feldsteinen zusammengesetzte Mauer mit dem Tor im Süden, auf der Westseite das Haus und der geräumige Hundezwinger. Im rechten Winkel hierzu, also auf der Nordseite, die alte, zum Teil umgebaute Scheune und Maschinenschuppen, im Osten die Stallungen, und dahinter, außerhalb des Hofes, große alte Obstbäume. Vom Wohnhaus – am besten natürlich von den Dachfenstern aus, aber, mit Einschränkungen, auch vom ersten Stock aus - konnte man nach Osten hin auf den tiefer liegenden Ortskern von Trieb sehen, aber auch teilweise, soweit die Scheune den Blick freigab, Richtung Norden aufs Maintal.

Die Klübers bewohnten von dem großen Haus eigentlich nur das Erdgeschoss, das aus sehr alten Mauern bestand, große Feldsteine mit einem Gurtgesims, in das die Zahl "1588" eingemeißelt war; der Fachwerkbau war offensichtlich erst viel später auf die alten Mauern gebaut worden.

Elkes Wohnung war im ersten Stock, mit dem gerade beschriebenen schönen Blick auf die Landschaft.

Sie hatte nun das Schmuckstück des Hauses erreicht - die Eingangstür mit dem herrlichen Rundbogen, der mit tiefer Kehle und Rundstäben profiliert war. In der Küche brannte schon Licht. Sie suchte nach den Schlüsseln, fand sie aber nicht, immer das gleiche; sie stellte die Tasche ab und begann zu suchen. Plötzlich hielt sie inne... war da nicht gerade der Schatten eines Menschen in der Scheunentür aufgetaucht? Von den beiden Klübers war es keiner, sie waren in der Küche.

Unsinn, dachte sie.

Sie hatte ihre Mantel- und Hosentaschen abgesucht; wahrscheinlich war der Schlüsselbund, wie schon einmal vor zwei Wochen, tief unten in der Einkaufstasche.

Also musste sie sich mit den Händen ganz nach unten durchwühlen. Doch kaum hatte sie damit begonnen, schnellte sie nach oben. War da nicht wieder dieser Schatten... Ein Schatten mit einem weißen Bart… Konnte sie in diesem dämmrigen Schneegestöber überhaupt ihren Sinnen trauen? Zumal sie auch sehr erschöpft war. Lächerlich! Wer sollte da wohl in der Scheune sein? Sie bückte sich wieder zur Tasche; endlich fand sie die Schlüssel. Bevor sie aufschloss, schüttelte sie sich heftig, diesmal nicht nur wegen der nassen großen Schneeflocken.

Dieses alte Gebäude mit den vielen leeren Räumen und die sumpfig neblige, fast menschenleere Gegend drum herum erinnerte sie sowieso an englische Gruselgeschichten. Auch die Nähe der Klübers minderte dieses Schaudern ganz und gar nicht. Die beiden waren zwar meist freundlich. Aber immer, wenn Elke ihre Gänsehaut bekam, erschien ihr auch das Verhalten des Ehepaares seltsam, das freundliche Lächeln maskenhaft, nette Gesten als Täuschungsmanöver. Wenn es Elke dann wieder besser ging, lachte sie selber über ihre Ängste. Und als sie nun die Küche mit den alten bemalten Bauernmöbeln betrat, redete sie sich ein, sie habe nur Gespenster gesehen, womit sie ihre Angst mit dieser sprichwörtlichen Aussage wohl etwas lächerlich machen wollte.

Karl Klüber ging Elke sofort entgegen, um ihr die Tasche abzunehmen. Er war in jenem Februar 1977 fast 71 Jahre alt, hatte trotzdem volle, dunkle Haare. Das Gesicht rund, die Backen etwas hängend, eine Bulldogge andeutend, die Hautfarbe eine Mischung aus grau und braun, wettergegerbt, tiefe Falten; der Mund hatte die Form eines geschwungenen Bogens, die Enden nach oben zeigend, so dass es aussah, als würde er immerzu ein wenig grinsen, wobei er keineswegs freundlich aussah, zumal die Oberlippe dünn wie ein Markstück, die Unterlippe dick wie ein Finger war. Wegen einer fortschreitenden Augenerkrankung konnte er schlecht sehen.

"Sie Ärmste", sagte er mitfühlend im fränkischen Dialekt mit Trieber Färbung, den wir hier nicht wiedergeben wollen, "bei dem Sauwetter! Meine Frau hat schon Teewasser aufgesetzt... Aber eh' Sie Mantel und Stiefel ausziehen, möchten wir Sie noch um etwas bitten..."

Elke lachte. "Ich weiß schon, die Zentralheizung ist nicht nach Ihrem Geschmack; Sie wollen am warmen Ofen sitzen. Ich soll noch Holz holen." Kaum hatte sie dies gesagt, erbleichte sie, denn nun musste sie wohl in diese Scheune.

Karl Klüber nickte. Helene Klüber zog den Korb hinter dem Kachelofen hervor. "Danach essen wir zusammen Abendbrot, und Sie haben frei für heute."

Helene Klüber war 67, und sie hatte es mit dem Kreuz. Ihre vollen, bis zum Nacken reichenden, künstlich leicht gelockten Haare waren grau; sie sah aber trotzdem viel jünger als ihr Mann aus. Die Falten im Gesicht waren nicht so tief, aus ein paar Metern Entfernung kaum zu sehen, da konnte man sie leicht deutlich unter 60 schätzen, zumal sie Schminke sehr geschickt, nur nuancierend, einsetzte. Der Lippenstift – so etwas wie rötlich orange – wurde nur leicht aufgetragen.

Elke wagte keinen Einwand, bat nur um die große Taschenlampe, nahm den Korb, schaltete im Hof das Licht an, obwohl es noch nicht ganz finster war.

Die Holzscheite lagerten im offenen Teil der alten Scheune, wo sie ebenfalls das Licht anknipste und auch noch mit der Lampe in jeden Winkel leuchtete. Die Tür zur Werkstatt stand halboffen... doch kaum hatte sie mit dem Lichtkegel der Taschenlampe zwischen die gestapelten Korbwaren gestochert, erschütterte ihr gellender Schrei den Hof. Sie rannte zurück zum Haus, wo zu gleicher Zeit Karl Klüber die Tür aufriss. "Was um Himmels Willen ist denn mit Ihnen los?" rief er.

Elke huschte an ihm vorbei, blieb aber im Flur stehen. "Da, da, da...", stammelte sie und zeigte Richtung Werkstatt. Da istein Gespenst, wollte sie eigentlich sagen. Jetzt kam ihr das aber schon wieder lächerlich vor, aber ihren Schrecken musste sie nun erklären. "Da in der Werkstatt stand... war gerade jemand", stammelte sie. "Ein alter Mann stand da!"

Karl Klüber schlüpfte in seine Jacke, zog Elke am Ärmel auf den Hof; er musste sich dabei ziemlich anstrengen, erst auf halbem Wege gab Elke den Widerstand auf.

"Den uralten Typen schauen wir uns jetzt mal an!" verkündete er. Seine Stimme klang wie ein Befehl, und wahrscheinlich fasste er den Vorgang auch so auf. Er ging durch das geöffnete Tor der alten Werkstatt, das Licht hatte Elke bei ihrer Flucht natürlich nicht ausgeschaltet.

"Schauen Sie sich um, da ist doch niemand", sagte er in väterlichem Ton. "Aber kommen Sie, wir suchen alles durch. Ich kenne alle Winkel, auch wenn ich schlecht sehen kann. Wo´s dunkel ist, leuchte ich mit der Lampe, und Sie schauen genau nach!" "Der wird jetzt gerade auf uns warten", erwiderte Elke schnippisch. "Der ist doch längst weg."

Karl Klüber meinte freilich, man habe hier nicht viele Möglichkeiten, sich zu verstecken, wo der Mann gestanden habe, wollte er wissen. Elke zeigte hinter einen großen Stapel Körbe. Karl Klüber antwortete mit einem Hm und zog Elke in alle Winkel der Scheune bis hoch unters Dach.

Dabei hatte Elke das Gefühl, als spiele Karl Klüber mit ihr Theater, als wisse er genau, dass es den alten, grauen Mann gab, und zugleich, als wisse er auch, dass sie ihn bei dieser lächerlichen Suche nicht finden würden. Auch die Ehefrau tauchte auf und rief: "Das Abendbrot ist fertig... Karl, hört' endlich mit dem blöden Gesuche auf!"

"Misch dich da nicht ein!" funkte der Ehemann mürrisch zurück. "Du wirst den Tee doch noch ein Viertelstündchen warm halten können."

Sie fanden nichts, und Elke fühlte, wie ihr Chef sie nun mit kaum spürbaren Gesten als das kleine Dummerchen vorführte. Er half ihr zum Schluss sogar, die Holzscheite in den Korb zu legen. Als sie den vollen Korb ins Haus trugen, ächzte er freilich sehr demonstrativ und klagte über seine Arthrose.

Beim Abendessen wusste Helene Klüber zu berichten, dass man sich in so einem großen Hof schon mal erschrecken könne, ansonsten war das Thema vom Tisch.

Helene Klüber erklärte, sie und ihr Gatte wollten am nächsten Morgen ganz früh nach Nürnberg fahren, den Sohn und seine Familie besuchen. "Da haben Sie morgen wenig zu tun, und Sie können auch etwas länger schlafen."

In zwei Tagen, Sonntagnacht, wollten die Klübers zurück kommen; es könne auch Montagfrüh werden. Frau Klüber gab ihr auch noch einen Zettel… was alles während ihrer Abwesenheit zu beachten sei.

Elke verabschiedete sich mit einem fast unmerklichen Knicks, ging zwei Schritte rückwärts bis in den Flur, drehte sich um und lief die Treppen hoch, in ihre Wohnung: Zwei kleine Zimmer, eine Kochnische, alte, mit Blumen bemalte Bauernmöbel, die wohl schon seit Jahrzehnten an ihrem Platz standen. Dusche und Toilette hatte man erst vor einem Jahr eingebaut.

Elke vermied es, Licht anzuschalten; sie stellte das Radio an und schaute lange aus dem Fenster, aber sie bemerkte nichts Auffälliges. Sie blieb den ganzen Abend unruhig, und sie schlief auch schlecht.

Kurz nach fünf wurde sie wach. Im Hof hatte jemand eine Autotür zugeschlagen. Sie drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Wieder das Knallen einer Autotür. Und dann noch einmal. Warum so oft?

Sie stand auf und schaute, hinter dem Vorhang versteckt, aus dem Fenster. Die Klübers hatten beide den Führerschein, aber auch beide dieselben Unarten, wobei der eine stets über den anderen meckerte. Nach dem Starten ließen sie den Motor immer laut aufheulen. Diesmal saß die Ehefrau am Steuer und fuhr mit überdrehtem Motor aufs Tor zu, und hier konnte man die nächste schlechte Gewohnheit beobachten (auch hier war es egal, wer von beiden gerade am Steuer saß): Anstatt das schwere, auf den Steinen schleifende Tor vor dem Abfahren zu öffnen, machten es die beiden genau anders herum, um dann erneut mit jaulendem Motor anzufahren. Aussteigen, Einsteigen, Tür zuknallen. Und gleich noch einmal dasselbe.

Elke seufzte. Gott sei Dank fuhren die beiden sehr selten so früh am Morgen weg. Sie fror, ging schnell auf die Toilette und schlüpfte wieder ins Bett. Jetzt war sie allein im Haus… wenn dieser graue Mann plötzlich wieder auftauchen würde… Sie schüttelte sich, als könne sie so diesen scheußlichen Gedanken loswerden. Ja, was würde sie dann tun? Wie am Spieße schreien, natürlich, und dann? Sie konnte nicht wieder einschlafen, sprang aus dem Bett und setzte Kaffeewasser auf. Im Radio bat ein Sprecher um Aufmerksamkeit für eine Suchmeldung: Der 75jährige Johann Reuß sei vor einer Woche aus der Nervenklinik Bayreuth verschwunden. Ohne Aufsicht und Betreuung sei er völlig hilflos. Er benötige auch bestimmte Medikamente, sonst müsse er innerhalb von wenigen Tagen sterben...

Elke stand regungslos neben dem Kühlschrank, den sie eigentlich gerade hatte öffnen wollen. Nun gab der Sprecher die Personenbeschreibung: weiße Haare, wahrscheinlich weiße Bartstoppeln, blasses, faltiges Gesicht, graublaue Augen, graue Steppjacke, graue Hose... es passte offenbar alles, wenn sie auch nicht die Augenfarbe und die Farbe der Kleidung hatte erkennen können. Obendrein hatte man auch noch erklärt, dass der Gesuchte sich vermutlich im Raum Lichtenfels-Trieb aufhalte... Wer Hinweise über den Verbleib des Gesuchten geben könne, möge sich bitte an die Klinik oder die nächste Polizeidienststelle wenden.

Elke war erleichtert. Damit war alles klar; sie musste nur noch die Treppe hinuntergehen und die Polizei anrufen. Sie warf den Bademantel über, blieb dann aber vor ihrer Wohnungstür stehen. War ein geisteskranker Mann nicht genauso gefährlich wie ein Gespenst? Na ja, durch Wände konnte er wohl nicht gehen, und sehr kräftig konnte er auch nicht mehr sein, aber sicherlich unberechenbar. Man kann nicht wissen, wozu ein Irrer fähig ist. Nein, jetzt verließ sie ihre Wohnung lieber nicht, da wartete sie lieber noch, vielleicht bis acht, wenn es hell ist, das war wohl sicherer… auch wenn die Tiere unruhig wurden.

Etwa zwei Stunden später wurde dieselbe Suchmeldung nochmals durchgegeben. Nun gesellte sich zu der Angst etwas Neugierde… dass man einem solchen alten Mann so ein hilfreiches Interesse entgegenbrachte…

Draußen wurde es hell, und es schneite nicht mehr; sie beobachtete die Scheune - und mochte nicht glauben, was sie da sah. Der Schnee war weg, ja, es schien sogar Sommer zu sein. In der Werkstatt stand das Tor weit offen, und zwei junge Korbmacher saßen bei der Arbeit. Aber es wirkte alles seltsam starr, wie eine Fotografie, nicht ganz klar, wie ein altes, vergilbtes Foto. Sie presste die Hände vor die Augen, und als sie dann wieder hinaussah, war alles so wie zuvor: Die Werkstatt war verschlossen, dicker nasser Schnee lag im Hof und auf den Dächern, und dort, wo die Klübers am Morgen mit dem Auto gefahren waren, sah man die nassen, von den Reifen gepressten Spuren im Schnee. Hatte sie eben mit offenen Augen geträumt? War der graue Mann gestern Abend womöglich auch so eine Erscheinung gewesen? Also doch so etwas wie ein Gespenst? Oder sollte dieses Bild mit den zwei Korbmachern sie aus der Wohnung locken? Sie spürte ein grusliges Prickeln am Rücken. Nein, sie würde jetzt auf keinen Fall hinausgehen.

Nun hätte sie es sich etwas gemütlich machen können, aber das gelang ihr nicht. Sie fand keine Ruhe, lief ständig hin und her, dabei knarrten die Dielen so laut (sonst war ihr das nie so aufgefallen), dass sie fürchtete, man könne ihre Schritte noch im Hof oder gar in der Scheune hören. Hin und wieder blieb sie hinter dem Vorhang stehen und schaute nach draußen.

Sie sah nichts Besonderes, aber kurz darauf hörte sie etwas, das sie erstarren ließ. Es klopfte an der Eingangstür unten… Dann wurde ihr klar, das war nicht ihr Hausgespenst. Sie schaute vorsichtig aus dem Fenster… ein Polizist! Sie lief langsam die Treppe hinab. Es klopfte wieder. „Herr Klüber! Sind Sie da?“ schallte es von draußen.

Sie kannte den Polizisten vom Sehen: Schwarze, glatte Haare, etwas korpulent, wahrscheinlich über 50. „Herr und Frau Klüber sind verreist, die kommen Montag früh zurück… Was ist denn los?“ "Wir suchen einen alten Mann, der aus der Nervenklinik ausgerissen ist. Wissen Sie, vor ungefähr 40 Jahren hat der hier gewohnt, das war sein Hof... Es könnte sein, dass er hier auftaucht..."

Elke stolperte ein paar Schritt zurück. "Was, der hat hier gewohnt?" rief sie. Der Polizist nestelte an seiner Brieftasche herum. "Haben Sie etwas Auffälliges bemerkt?" fragte er. Sie schüttelte heftig den Kopf. Er streckte Elke die Hand mit seinem Kärtchen entgegen. "Rufen Sie mich bitte sofort an, wenn er hier auftaucht oder wenn Ihnen etwas Verdächtiges auffällt!" Dann verschwand er mit einem Grüß Gott.

Elke zog die Arbeitsjacke an, nahm einen Brief aus dem Kasten, warf ihn auf die Treppe, und lief schnell in den Stall, um die Hühner und die Ziege zu füttern. Das Polizeiauto startete draußen, hinter dem Tor. Jetzt war es zu spät... hätte sie nur eine Andeutung über den unheimlichen Besucher gemacht - sie wäre das Problem los. Aber als der Uniformierte vor ihr stand, mochte sie ihn einfach nicht, und zugleich tat ihr plötzlich der Alte leid; in dem Moment war sie nicht in der Lage gewesen, ihn zu verraten – so kam es ihr jedenfalls vor. Als sie eine Viertelstunde später zurückeilte, kam die Angst zurück; sie bemerkte mit Entsetzen, dass sie die Haustür nicht abgeschlossen hatte, und nun fiel ihr ein, dass auch die Tür zu ihrer Wohnung nicht abgesperrt war. Sie verschloss die Haustür, wieselte nach oben - doch als sie schwer atmend wieder ihre Wohnung erreichte, fand sie ihr Verhalten plötzlich wieder übertrieben. Ein alter Mann, der hier einmal gewohnt hatte… Sie fragte sich, wie er sich wohl fühlen mochte, den Gedanken hatte sie bisher gar nicht. Nichts zu essen, nichts zu trinken, keine Heizung, kein Bett. Wahrscheinlich hatte er auch nasse Füße. War es da nicht unsinnig, sich vor ihm zu fürchten? Sie überlegte, wo sich so ein Mensch, der das Anwesen kannte, verstecken würde. In den Kammern hinter den Stallungen? Oder in der Scheune im Stroh? Oder etwa hier im Haus?

Sie entschloss sich, einfach ihre Arbeit zu tun. Zuerst musste Schnee geschippt werden. Danach würde sie weitersehen. Ach so, der Brief, von diesem Jörg; sie wusste, was drin stand, es war immer dasselbe. Er kündigte an, zu welcher Uhrzeit er sie am Samstagabend zur Disco abholen würde. Alle 14 Tage dasselbe: Ein Disco Abend, anschließend - so zwischen zwei und vier Uhr morgens - ins Bett, immerhin, aber das war's dann auch schon, wenn man von dem gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen absah. Und die nächsten 14 Tage war er dann wieder verschwunden. Nur in der Disco passten sie zusammen; sie sahen beide schmuck aus, tanzten zusammen, und bei sanfter Musik zeigte er sich, eng umschlungen mit seinem Mädchen, als romantischer Liebhaber.

Die Begegnung

Elke verrichtete ihre Arbeit so wie sonst immer, vielleicht etwas langsamer, weil sie ständig die ganze Umgebung beobachtete, auch nach Spuren suchte. Sie entdeckte aber nichts Verdächtiges.

Mittags kochte sie einen großen Topf pürierte Kartoffelsuppe, den konnte sie leicht aufwärmen, falls die Klübers nach ihrer Rückkehr noch etwas essen wollten. Als die Suppe fertig war, hatte sie eine Idee. Sie stieg die Treppe hoch und rief: "Herr Reuß, haben Sie keine Angst, ich bin allein im Haus, kommen Sie in die Küche, ich habe Suppe für Sie!" Auf den Dachboden wagte sie sich allerdings nicht, da war es an manchen Stellen so eng und so dunkel. Und in den Keller stieg sie auch lieber nicht hinab.

Nachdem sie das Suchen im Haus ohne Schaden überstanden hatte, ging sie in die alte Werkstatt, in die Scheune und in die Stallungen und rief nach dem alten Mann. Es rührte sich nichts. Sie ging in die Küche zurück und begann, die Suppe zu essen. Es vergingen etwa zehn Minuten, da hörte sie etwas vom oberen Stockwerk herabtapsen. Da ganz oben war er also gewesen! Sie legte den gerade mit Suppe gefüllten Löffel auf den Teller zurück, presste die Hände vor die Brust und saß regungslos auf dem Stuhl. Sie stand langsam auf, schaute sich hastig um, zog einen eisenbeschlagenen Stiel aus dem Papierkorb, es war der Griff eines ehemaligen, zusammenklappbaren Spatens - schlich bis an die geöffnete Küchentür. Das Knarren kam von ziemlich weit oben, er war nun schon mindestens eine Treppe tiefer, wahrscheinlich kam er aus einer der beiden Dachkammern. Nein, die waren ja mit dicken, alten Schlössern verriegelt. Die Klübers hatten die nie geöffnet… Es schien endlos lange zu dauern. Dann sah sie ihn. Beide schienen wie erstarrt und standen sich wie versteinerte Figuren gegenüber. Der Alte sah entsetzlich aus: Die weißen Haare zerzaust, Backen, Kinn und Hals voller weißer Bartstoppeln, die Augen gerötet. Er trug einen dunklen, stark verschmutzten Mantel, also keine Steppjacke, wie in der Suchmeldung angegeben - und in der linken Hand einen Leinenbeutel, in dem Bücher zu sein schienen.

"Kommen Sie, essen Sie eine warme Suppe!" rief Elke mit bebender Stimme. "Sie brauchen keine Angst zu haben."

"O danke, danke", stammelte der Alte leise und kam ächzend die Stufen hinab. Elke ließ den Spatenstiel fallen, ging dem Alten entgegen und stützte ihn unter dem Arm; er stank fürchterlich. "Danke, ich danke Ihnen", wiederholte er mit brüchiger Stimme. "Das ist mein Haus, verstehen Sie. Ich will nicht in dieser Klinik sterben, ich will hier sterben..."

"Sie sterben noch lange nicht", sagte Elke schnell, "essen Sie erst einmal, kommen Sie. Sie müssen ja halb verhungert sein.“

Sie führte ihn zum Tisch und gab ihm einen Teller Suppe.

Der Alte tat ihr leid, und er tat ihr noch mehr leid, weil sie sich vor ihm ekelte; dieser beißende Gestank, und nun bekleckerte er auch noch seinen Bart. Sie legte ein paar Servietten auf den Tisch, das verstand er Gott sei Dank: Er wischte sich den Bart ab und schob den nur halb geleerten Teller von sich. Elke war gekränkt. "Schmeckt die Suppe nicht?" fragte sie. Der Alte schien sich zu erschrecken. "Nein! Nein! Die schmeckt gut!“ Seine zuvor etwas zittrige Stimme klang nun fast normal, „Ich kann nicht mehr essen. Ich esse immer sehr wenig..."

Elke nickte höflich, glaubte ihm aber nicht so recht.

Sie beobachtete sich etwas im Spiegel, ja, sie wirkte ganz ruhig, obwohl sich ihre Gedanken in einer wilden Hetzjagd verhedderten. Was um Himmels Willen sollte sie jetzt mit diesem Menschen machen? Er wollte hier bleiben und sterben. Wie sollte das denn gehen? Wenn der Polizist nicht da gewesen wäre, würde sie den Alten nun ganz bestimmt für irre halten; nie hätte sie ihm geglaubt, dass dies einmal sein Haus gewesen war.

Sollte sie den Klübers alles erzählen? Das wäre wohl zu riskant. Klüber war in der NSDAP gewesen, und seit 1965 war er Stadtrat, und als solcher hatte er immer wieder betont, dass er stolz sei, deutscher Soldat gewesen zu sein. Elke war es immer peinlich, wenn er davon erzählte. Und die Polizisten vom benachbarten Staffelstein waren seine Freunde, der Chef der Polizeiinspektion war auch Stadtrat... O, nein, das arme alte graue Gespenst wäre verloren, wenn Klüber etwas erführe. Und dann kam ja noch hinzu, dass die Klübers in seinem ehemaligen Haus wohnten… Irgendetwas stimmte da nicht.

All dies dachte sie nicht in klarer Folge; die Gedanken brodelten in einem Gemisch aus gedachten Sätzen, Ahnungen und Ängsten, dann doch wieder vermischt mit der Frage, ob sie nicht doch verpflichtet sei, den Klübers alles zu erzählen, doch wenn dieser Gedanke aufblitzte, fuhr ihr zugleich der Schrecken in die Glieder. Im Grunde wurde ihr damit erst klar, wie sie von den Klübers dachte, obwohl sie eigentlich gut behandelt wurde, und auch über die Bezahlung und die Wohnung konnte sie nicht klagen.

Während also dieser Johann Reuß nun doch noch ein paar Löffel von der Suppe schlürfte, begann sie sich damit abzufinden, dass sie diesen Mann in diesem Haus verstecken musste, es war eigentlich Wahnsinn... Der nun so eindeutige Gedanke verstopfte ihre Kehle, einen zweiten Teller Suppe – wie sonst immer – mochte sie nun auch nicht... Gab es wirklich keine andere Möglichkeit? „Wo waren Sie denn in der Nacht?“ platzte sie heraus.

„In der einen Dachkammer…“ Seine Stimme war nun wieder ganz leise und zittrig. Sie fühlte sich seltsam klamm… als würden ihre Gliedmaßen kalt und steif werden. Die Kammern waren seit Jahrzehnten verschlossen… mit großen schweren Vorhängeschlössern…

Der Alte hatte seine Suppe nun doch ganz aufgegessen und wischte sich mit zittrigen Händen den Bart ab. Die roten, entzündeten Augen wässerten ständig, ein trauriger, müder Quell, der in unzähligen Runzeln versickerte.

"Danke", sagte er leise, "danke... ich hab' schon lange nicht so gut gegessen." Sie freute sich, dass er seinen Teller ausgelöffelt hatte, tätschelte seine großen, knöchernen Hände und forderte ihn auf mitzukommen.

"Ja, ja," stammelte er. "Wohin denn? Wohin denn?"

Er kam allein nur langsam die Treppe hoch; sie stützte ihn. „Ich will hier nur sterben“, stammelte er, „bringen Sie mich nicht in die Klinik zurück.“ Sie versprach, dass er bleiben könne.

„Wie sind Sie denn hier gestern unbemerkt hochgegangen?“ fragte sie. Er habe sich einfach langsam vorbeigeschlichen, erwiderte er; Sie waren alle in der Küche.“ Sie lachte etwas gequält… Vielleicht war er doch ein Gespenst?

Sie brachte ihn in ihr Zimmer; er bewegte sich sehr langsam und ziemlich wacklig, aber er konnte sich fast ohne Hilfe ausziehen und duschen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie keine Angst mehr hatte. Es war einiges sehr rätselhaft, aber es war nicht mehr unheimlich. Nicht mehr ganz so unheimlich. Und sie ekelte sich nicht mehr, es schien alles ganz selbstverständlich oder notwendig zu sein. Sie zog ihm ein Nachthemd über, half ihm in ihren Bademantel und führte ihn zu ihrem Bett. Der Alte hatte bisher alles mitgemacht, was blieb ihm auch anderes übrig. Nun aber sträubte er sich zum ersten Male.

"Ich... ich… ich kann doch nicht in Ihr Bett!" stotterte er.

"Meinen Sie, ich lasse Sie hier auf dem Fußboden schlafen? Kommen Sie, keine Widerrede. Ich finde hier im Haus genug Decken für ein Nachtlager.“

„Da oben in der Kammer ist eine Pritsche“, sagte er. „Da will ich wieder hin… Ich will hier doch nur sterben.“

„Jetzt gehen Sie bitte in das Bett hier“, bestimmte sie. „In die Dachkammer gehen Sie nicht zurück, da ist es zu kalt!“

Der Alte murmelte einige unverständliche Worte, ließ sich aufs Bett sinken und schlief sofort ein. Sie lockerte den Gürtel seines Bademantels, rollte ihn etwas zur Seite, zog vorsichtig die Bettdecke unter ihm hervor und deckte ihn zu. Der Alte wurde wach, blinzelte durch die tiefen Runzeln, stammelte noch einmal danke ; Sekunden später schien er wieder zu schlafen. Wahrscheinlich verstellt er sich und schläft noch gar nicht, dachte Elke. Oder doch, er schlief, sein Gesicht sah aus wie eine Totenmaske, der Mund halboffen, die Backenknochen überdeutlich unter der dünnen, gespannten Haut, und dann die Blässe. Sie starrte ihn an, nur wenn sie genau hinsah, bemerkte sie die fast unmerklichen Atemzüge. Er war immer noch so etwas wie ein Gespenst; sie sah ihn, er war hier in ihrem Zimmer, in ihrem Bett, aber sie konnte es eigentlich nicht glauben. Und was würde erst sein, wenn die Klübers das alles wüssten!

Sie raffte die verdreckten Kleidungsstücke zusammen, brachte sie in den Keller und stopfte sie in die Waschmaschine. In der Wohnung der Klübers klaute sie einfach etwas Wäsche, das war sehr kühn, aber, so dachte sie, notwendig. Sie hatte eigentlich nur Zugang zur Küche, Bad und Wohnzimmer, wusste aber, wo der Schlüssel fürs Schlafzimmer versteckt war. Sie achtete darauf, keinerlei Spuren zu hinterlassen, weil dann das Risiko nicht allzu groß war. Die beiden stritten sich oft, wer was vom anderen verlegt hatte; auch Elke wurde hin und wieder beschuldigt. Bisher hatte man meist alles irgendwann wieder gefunden, das würde auch diesmal so sein, wenn vielleicht auch etwas später als sonst.

Dann ging sie ganz nach oben.

Am Ende der Treppe war eine Tür, dahinter Dämmerlicht, ein Korridor mit einem winzigen Dachfenster, auf der rechten Seite die zwei Dachkammern; sie knipste das Licht an… In dem Schloss, das die Tür zur ersten Dachkammer versperrte, steckte ein Schlüssel - und das Schloss war geöffnet…

Also wenigstens war der Alte nicht als Geist durch die verschlossene Tür gegangen…

Sie war erstaunt, wie groß die Kammer war, eigentlich schon – infolge der Gaubenkonstruktion - ein kleines, lichtdurchflutetes Zimmer, etwa vier Meter lang, drei Meter breit, ein kleiner Tisch, ein Stuhl, ein geflochtener Schaukelstuhl, trotz Spinnweben und Staub als Prachtstück zu erkennen. Wahrscheinlich war er damals hier in der Werkstatt gefertigt worden… ein schöner alter Bauernschrank, eine Pritsche, daneben ein Nachttisch, etwas Geschirr, eine große Schüssel und ein großer Krug, darüber ein Spiegel, alles scheinbar uralt und verstaubt. Auf dem Boden dicker Staub, in dem der Alte Spuren hinterlassen hatte.

Er hatte die Pritsche tatsächlich benutzt. Hinter der Pritsche lag eine völlig verstaubte Decke; er hatte sie offenbar von der Pritsche entfernt und saubere, gut erhaltene Decken aus dem Schrank genommen. Sie legte die Decken sorgfältig zusammen und stapelte sie wieder in den Schrank.

Sie verriegelte die Tür, versperrte den Riegel mit dem Schloss und steckte den Schlüssel ein.

Als sie in ihre Wohnung zurückkam, saß der alte Mann auf dem Bett und atmete heftig mit schweren röchelnden Atemzügen. „Um Gottes willen, was ist denn passiert?“ rief Elke.

Es war gar nichts passiert, außer, dass der Alte plötzlich glaubte, Elke sei weggegangen, um die Polizei zu rufen, und nun musste sie wieder einige Male erklären, dass sie das nicht tun würde und dass er da bleiben könne. „Ich hab die Dachkammer wieder verschlossen“, sagte sie. „Wenn es draußen wärmer wird, kann ich Sie da gut verstecken. Aber woher hatten Sie denn den Schlüssel?“ Er lächelte. „Mein altes Versteck, ein kleiner Hohlraum in den Dielen…“

Elke sah dem Alten in die wässrigen Augen, nahm mit ihrer Rechten seine Hand, die Linke legte sie auf seine Schulter. „Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte sie sanft, „Sie sind hier zu Hause, ich helfe Ihnen, dass Sie hier zu Hause sein können.“

Seine Hand zuckte und wackelte heftig, sie umarmte ihn kurz und wandte sie sich ab, weil ihr ein paar Tränen aus den Augen kullerten.

Dann tat sie einfach, was notwendig war. Schneeschippen, abwaschen, und zwischendrin immer wieder nachschauen, was der Alte machte. Er schlief, und als die Abenddämmerung begann, schlief er immer noch. Aber sehr unruhig. Er drehte sich von einer Seite auf die andere, gleichzeitig sah es so aus, würde er festgehalten werden – und als würde er schreien, aber er röchelte nur, dies allerdings ganz entsetzlich. Elke versuchte ihn zu wecken, was aber nicht gleich gelang. Sie schüttelte seine Schultern, er schien sich zu wehren, öffnete hin und wieder die Augen, aber er wurde nicht wach. Erst als sie seinen Namen in sein Ohr trompetete und ihn mit strenger Stimme aufforderte, wach zu werden, hatte sie Erfolg. Er rang nun allerdings so entsetzlich nach Luft, dass sie glaubte, sie habe eine Herzattacke bei ihm ausgelöst. Nach einigen Minuten hatte er sich aber beruhigt; er sah sie nur noch maßlos erstaunt an. "Sophie?" ächzte er, "wo kommst du denn her?" Seine Blicke jagten durchs Zimmer. "Und wie komm' ich hierher?"

War er vielleicht doch verrückt? "Ich bin keine Sophie!" erwiderte sie hastig. "Ich bin Elke Meusel! Ich bin die Haushälterin bei Familie Klüber. Gestern abend habe ich mit der Taschenlampe in die alte Werkstatt geleuchtet und Sie plötzlich gesehen. Ich hab' mich wahnsinnig erschrocken…“

Sie hielt inne, als müsse sie den Schrecken noch einmal verdauen.

Der Alte starrte sie noch immer an. "Sie sehen aber aus wie Sophie. Meine Güte, Sie sehen aus wie Sophie!" "Ihre Fantasie geht mit Ihnen durch", sagte Elke. "Ich bin keine Sophie, sondern Elke Meusel, verstehen Sie?"

Er schien etwas sagen zu wollen, aber sie sprudelte weiter – dass die Klübers am frühen Morgen nach Nürnberg gefahren seien, die Meldung im Radio, dann der Polizist. Wie sie im Hause nach ihm gerufen habe, dann sei er die Treppe herunter gekommen. Ob er sich nun erinnere, fragte sie eindringlich.

Der Alte stützte sich mit großer Mühe auf die Ellenbogen. "Ich bin zu Hause", stammelte er, "ich bin zu Hause."

Seine Stimme war leise und brüchig. "Das Zimmer... die Möbel... Ich bin zu Hause… Und du hast dich auch nicht verändert, du siehst genauso aus wie damals!"

"Aber du siehst nicht aus wie damals!" schrie Elke, um fast im selben Moment ihre Hände vor den Mund zu schlagen.

Er richtete sich ächzend auf. "Ich träume doch wohl", sagte er, "das ist doch wohl ein böser Traum, die quälen mich mit diesen Spritzen... und diesen Elektroschocks…“

„Elektroschocks...“ flüsterte sie. „Das machen die heute noch?“ „Das weiß ich nicht“, erwiderte er, „bei mir ist es lange her...“ Seine tief liegenden Augen glühten, sie brannten auf Elkes Haut, und sie bekam wieder Angst. Sie stand unwillkürlich auf und wich ein paar Schritte zurück… Er meinte wohl, hier stimme etwas nicht, und die Schuldige sei sie, Elke, die, wie er anscheinend glaubte, seine Sophie war.

"Sie träumen nicht", sagte sie gefasst, "versuchen Sie sich doch einfach zu erinnern. Sie waren in der Klinik, und von dort sind Sie abgehauen, das war sicher nicht ganz einfach, hierher zu kommen, und Sie haben sicherlich entsetzlich gehungert und gefroren… Sie müssen sich hier in dem Haus sehr gut auskennen, Sie sind unbemerkt in eine der Dachkammern eingedrungen und haben dort übernachtet. Unglaublich, was Sie da alles geschafft haben, und das haben Sie alles nicht geträumt. Wie haben Sie es überhaupt von Bayreuth aus hierher geschafft, und das im Winter!"

Er sagte nur: „Man hat mir etwas geholfen... hinten im LKW, mit dem Müll. Dann ein Stück mit dem Zug... nachts... in einem Laderaum...“

Elke bemerkte erleichtert, dass die Augen des Alten nicht mehr so unheimlich glühten und er ganz matt dreinschaute. Unten im Haus klingelte das Telefon. "Einen Moment", sagte sie hastig, "das sind bestimmt die Klübers“. Sie eilte zur Tür, schaute noch einmal zurück. Der Alte hob einen Arm, als wolle er etwas sagen, was ihm aber offensichtlich nicht gelang. O Gott, er sah elendig aus, den Mund halb offen, wie ein erstickter Hilfeschrei, der aus dem weißen Bartgestrüpp nicht herauskam. "Keine Angst", tröstete sie, auch ihre eigene Angst war nun ganz verschwunden.

"Ich sage niemandem, dass Sie hier sind, auch den Klübers nicht." Sie rannte die Treppen hinab und riss den Telefonhörer von der Gabel. Es war tatsächlich Karl Klüber; er kündigte die Rückkehr erst weit nach Mitternacht an. Sie solle bitte das Frühstück erst für neun Uhr vorbereiten. Ob etwas Besonders passiert sei? Sie erwiderte, etwas zu hastig, nein, nein, nichts sei passiert, es sei alles in bester Ordnung. Er bestellte noch einen Gruß von seiner Frau und legte auf.

... Etwas Besonderes passiert... sie hielt die Hand auf ihr Herz, weil es gar zu arg pochte. Die Klübers hatten bestimmt von der Suchmeldung im Radio gehört... Plötzlich fiel ihr der Polizist ein, den hätte sie erwähnen müssen! Einen Moment dachte sie daran, in Nürnberg anzurufen, aber das wäre wohl auch verdächtig. Jetzt würde alles, was sie dazu sagte, nur mehr schlafende Hunde wecken. Das Beste war wohl, dem Klüber nach seiner Rückkehr beiläufig von dem Polizisten zu erzählen. Der konnte ja auch nach dem Anruf vorbei gekommen sein.

Die Standuhr in der Klüberschen Wohnstube schlug Fünf, draußen war es schon dunkel. Elke stieg langsam die Treppen hoch. Nun hatte sie wieder Angst, als wäre der Alte ihr in harmloser Verkleidung erschienen … und nun vielleicht hinter der Tür lauern... Aber er lag noch immer im Bett; schnarchte und schlief offenbar sehr tief.

Sie setzte sich in die Ecke, wo sie sonst immer Bücher las, und überlegte. Sie würde ihn einfach pflegen so gut und so lange es ging, das musste einfach klappen, denn die Klübers kamen nie in ihre Wohnung. Oder schnüffelten sie doch mal rein, wenn sie nicht zu Hause war? Sie wusste nicht, ob das Ehepaar noch Schlüssel für diese Wohnung hatte... Aber sie kamen sicher nicht… nicht gleich auf die Idee, dass dieser Johann Reuß bei ihr in der Wohnung war. Nein, auf diesen Gedanken würde keiner so schnell kommen, sie selber glaubte es ja kaum. Aber wie lange würde sie das Versteckspiel durchhalten? Ein paar Wochen? Monate?

Oder gar Jahre? Was sollte sie tun, wenn der Alte erkrankte? Ihn etwa sterben lassen? Ihn an die Nervenklinik ausliefern?

Jetzt kam erst einmal eine Nacht mit diesem Greis, dann der nächste Tag. Und wenn die Klübers doch herumschüffelten? Ah, so ein kleines Sicherheitsschloss für ihre Wohnung, das war sicher eine gute Idee, und wenn die Klübers das merkten, konnte sie das ja mit diesem "grauen Mann" in der Scheune begründen, mit der Angst vor einem ungebetenen Gast. Als sie ihr Nachtlager bereiten wollte, fiel ihr ein, dass sie ein paar dieser Decken aus der Dachkammer holen könnte, und plötzlich hatte sie die Idee, auch den Schaukelstuhl in ihre Wohnung zu stellen. Sie zögerte, sie hatte Angst, noch einmal in diese Dachkammer zu gehen, und die Treppen waren schmal und steil, aber schließlich wagte sie es doch.