Der Amerikaner - Karin Lindberg - E-Book

Der Amerikaner E-Book

Karin Lindberg

5,0

Beschreibung

Der Amerikaner – Prescott Sisters 4 Romantisch und raubeinig, provokant und sinnlich. Glamour, roter Teppich und Blitzlichtgewitter. Tessa Prescotts Leben ist perfekt. Sie würde es mit nichts und niemandem eintauschen. Nie hätte sie damit gerechnet, dass ein sehr attraktiver, aber äußerst wortkarger Cowboy ihr die unfreiwillige Reise nach Kansas zur Hölle machen würde. Derek Hawkins ist ebenso abweisend wie heiß. Obwohl sie sich plötzlich inmitten eines Blizzards befindet, brennt ihr Herz auf einmal lichterloh … Mir wird ganz anders unter seinem Blick, ich weiche ihm jedoch nicht aus. Männern wie ihm darf man nicht zeigen, wie sehr sie einen einschüchtern. "Ich glaube, der Hengst ist eine Nummer zu groß für dich, Süße." Ich schnappe nach Luft. Was bildet der Kerl sich eigentlich ein? Fünf Schwestern – eine Familie und die ganz große Liebe mal fünf. In den fünf Bänden wird jede der fünf Schwestern unter die Haube gebracht – zur Freude von ihrer Granny, einer englischen Lady der alten Schule. Die Liebesgeschichten sind in sich abgeschlossen. Größtenteils spielt die Reihe in Shanghai, gelegentliche Abstecher in andere Länder sind bei den Prescotts und ihren Mr. Rights nicht ausgeschlossen. Wer es lieber chronologisch mag, dem empfehle ich für den größten Lesegenuss folgende Reihenfolge: Band 1 Der Maskenball Band 2 Die Entführung Band 3 Der Meisterdieb Band 4 Der Amerikaner Band 5 Der Bodyguard

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Der Amerikaner

Prescott Sisters 4

Liebesroman

Karin Lindberg

Lektorat: Dorothea KennewegKorrektorat: Andreas Fischer

Covergestaltung: Casandra Krammer

Copyright © Karin Lindberg 2017

Erstausgabe Juli 2017

www.karinlindberg.info

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Reihenfolge „Prescott Sisters“:

Band 1 Der Maskenball

Band 2 Die Entführung

Band 3 Der Meisterdieb

Band 4 Der Amerikaner

Band 5 Der Bodyguard

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt

Copyright © Karin Lindberg

www.karinlindberg.info

Kapitel 1

„Ein wenig mehr Lächeln, Süße“, ruft mir der Fotograf Tom zu. Ich folge seinen Anweisungen kommentarlos, denn ich bin ein Vollprofi.

Neben mir stehen zwei Helferinnen, die Reflektoren hochhalten, um das Licht noch besser auf mich zu lenken. Ich positioniere mich etwas anders und das Rattern des Auslösers ertönt aufs Neue.

„Ja, gut so!“, lobt er mich, während er seine Kamera immer wieder in einem anderen Winkel auf mich ausrichtet und unzählige Bilder schießt.

Das Klingeln meines Handys tönt unerwartet durch den Raum und unterbricht die geschäftige Ruhe. Es ist mein Vater, das erkenne ich an der eigens für ihn eingerichteten Melodie. Kurz überlege ich, ob ich es ignorieren soll, aber meine Konzentration ist sowieso dahin und mein Vater wartet nicht gerne.

„Können wir eine kleine Pause machen?“, bitte ich Tom.

Er lässt seine Spiegelreflex sinken und schiebt sich seine schwarz umrandete Brille vom Kopf auf die Nase.

„Ja, Süße, natürlich. Gute Arbeit bis jetzt. Fünfzehn Minuten Unterbrechung“, teilt er dem Rest der Belegschaft am Set mit. Ich greife nach dem Bademantel, der an der Lehne vor mir hängt, und schlüpfe hinein. Da ich nur mit zarter Lingerie bekleidet bin, fühle ich mich angezogen besser. Vor der Kamera in Wäsche zu posieren, ist eine Sache, eine andere, halbnackt am Set herumzulaufen.

Am Stuhl baumelt auch meine Handtasche, in der ich nach meinem Handy krame, um meinen Dad zurückzurufen. Mir ist klar, warum er mich sprechen will, als ich auf die Rückruftaste drücke.

„Hey Dad“, säusele ich ins Telefon, als er abnimmt. Sicher will er mir sagen, dass er gleich in den Flieger steigt und sich freut, mich morgen zu sehen.

„Hallo, Tessa. Wunderbar, dass du dich meldest. Wie läuft es in New York?“

„Gut, vielen Dank. Das Shooting macht wahnsinnig viel Spaß!“

„Das ist schön. Der Grund meines Anrufes ist leider nicht so erfreulich …“

Der Tonfall meines Dads nimmt eine andere Färbung an und ich mache mir sofort Sorgen.

„Was ist los? Geht es dir nicht gut?“„Doch, doch, mit mir ist alles in Ordnung.“

Gott sei Dank. Ich bin erleichtert, er ist nicht mehr der Jüngste und bei dem vielen Stress, den er hat …

„Aber Helen nicht“, fährt er fort. „Sie ist von der Treppe gestürzt, wir haben einen Krankenwagen gerufen und ich bin jetzt auf dem Weg zu ihr ins Krankenhaus.“

„Ach du meine Güte“, stoße ich schockiert aus und fahre mir durch die Haare. „Wie ist das denn passiert? Wie schlimm ist es?“

Wow, es klingt heftig.

„Es ist eindeutig, dass mindestens das Bein gebrochen ist, vielleicht hat sie auch eine Gehirnerschütterung, hoffentlich keine inneren Verletzungen. Wir müssen abwarten. Sie wird gut versorgt, aber natürlich kann ich die Reise jetzt nicht antreten.“

„Das ist doch klar, Dad. Dann verschieben wir den Trip einfach.“

Wenngleich ich Helens Unglück bedauere, bin ich dennoch nicht traurig, dass ich morgen nicht zu dieser Pferderanch ins Nirgendwo aufbrechen muss.

„Ähm, Tessa, also ich dachte, du fliegst wie geplant nach Kansas und ich komme nach. Es wäre zu unhöflich, wenn wir die Hawkins-Familie erneut versetzen.“

„Ach, Dad“, seufze ich.

Ich kann nichts dafür, dass er im September den Termin schon einmal wegen einer wichtigen geschäftlichen Sache verschoben hat.

„Bitte, Tessa. Tu mir den Gefallen. Es ist alles arrangiert. Mit Cody Hawkins habe ich bereits gesprochen, er versteht es und freut sich, dich persönlich am Flughafen abzuholen.“

Ich verdrehe die Augen.

Mit ihm hat er also schon telefoniert. Und ich soll alleine ins amerikanische Hinterland reisen? Schlimm genug, dass ich überhaupt dort antanzen soll, aber jetzt auch noch ohne die Begleitung meines Vaters?“

„Muss das sein, Dad?“ Meinem Tonfall ist deutlich zu entnehmen, dass ich von der Idee gar nichts halte.

„Bitte, Tessa. Ich habe aktuell wirklich andere Sorgen, als mit dir zu diskutieren.“

Ich ziehe eine Grimasse.

Natürlich hat er recht. Was, wenn Helen schwer verletzt ist?

„Ja, schon gut. Ich fliege wie geplant und du kommst nach. Du sagst mir bitte Bescheid, wie es Helen geht, sobald du was weißt, ja?“

„Danke, Sweetheart. Ich melde mich.“

Dad legt auf und ich atme zischend aus.

Ich habe absolut nichts dagegen, mir eine Pferdezucht anzusehen, und helfe ihm total gerne bei der Auswahl neuer Jungpferde, weil ich die Tiere und das Reiten liebe. Aber dass diese spezielle Ranch mitten im Nirgendwo liegen muss und ich deswegen fast eine Woche verliere, stört mich gewaltig. Ich bin ein vielgebuchtes Model und reise ständig für Termine um die ganze Welt. Die Zeit, die ich ab morgen in Kansas vergeude, gibt mir ja niemand zurück.

Ich konnte meinem Vater diese Bitte einfach nicht abschlagen, schon gar nicht, wenn seine Herzensdame auf dem Weg ins Krankenhaus ist. Ich muss mich daher wohl oder übel mit der Situation abfinden, was nicht heißt, dass ich nicht genervt wäre.

Das bin ich. Sehr.

„Bist du so weit?“ Tom steht längst wieder in Position und fummelt am Objektiv seiner Kamera herum.

Eigentlich bin ich jetzt erst so richtig reif für eine Pause, reiße mich jedoch zusammen. Meine Arbeit lasse ich von meinem Privatkram nicht beeinflussen.

„Natürlich, bin sofort da.“ Ich setze ein freundliches Gesicht auf und stecke mein Handy wieder in die Tasche – nicht ohne es vorher auf lautlos zu stellen. Noch mal möchte ich nicht unterbrochen werden.

Ziemlich genau vierundzwanzig Stunden später steige ich aus einer Boeing 737 aus und belächele das Schild am Flughafengebäude. Kansas City international Airport. Hier ist mal so gar nichts international. Das behalte ich jedoch lieber für mich, vielleicht habe ich ein paar Fans hier in der Gegend und die möchte ich nicht verärgern. Abfällige Witze über seine Heimatstadt mag ja wohl niemand leiden.

Guter Gedanke. Kurzerhand postiere ich mich mit dem Rücken zum Gebäude, setze meine Sonnenbrille auf und mache ein Selfie, das ich gleich auf meinem Instagram-Account posten werde. Meine neunhunderttausend Follower wollen unterhalten werden und ich muss sie zeitnah mit Infos aus meinem Alltag füttern, um sie bei der Stange zu halten. Das Leben in den sozialen Medien ist gefühlt eine Million Mal schneller als das Real Life.

Oft werden meine Fotos professionell geshootet, aber so, dass sie trotzdem ein bisschen wie selbst geknipst aussehen. Das meiste geht über den Tisch meiner PR-Beraterin Schrägstrich Agentin Joyce Fielding. „Meist“ heißt „nicht immer“, so wie jetzt.

Nachdem ich meinen Koffer vom Gepäckband gezogen habe, schiebe ich ihn auf seinen vier Rollen neben mir her. Ich verlasse den Sicherheitsbereich und gehe durch eine selbstöffnende Schiebetür in die Ankunftszone. Ich schaue mich um, ob ich Cody Hawkins irgendwo entdecke. Nicht weit entfernt steht ein Cowboy in Bluejeans, mit kariertem Hemd und Hut und knutscht filmreif mit einer Brünetten.

Der Farmerjunge lässt nichts anbrennen und ich frage mich, was die Frau wohl an ihm findet. Die Cowboystiefel, die der Kerl trägt, wären alleine schon ein Grund, warum er nie für mich infrage kommen würde. Außerdem ist er für mein Beuteschema definitiv zu schmächtig, ich stehe eher auf Typen, die breitschultrig und groß sind. Egal, ich suche schließlich keinen Liebhaber, sondern mein Abhol-Komitee.

Grinsend zücke ich mein Handy und sehe nach, ob mein Gastgeber mir vielleicht eine Nachricht geschrieben hat, wo ich ihn finden kann.

Nichts.

Seltsam.

Als ich wieder aufblicke, registriere ich, wie der Cowboy auf seine Uhr schaut, der Dame noch einen kurzen Kuss auf den Mund drückt und sie dann abdackelt. Einen Moment später wendet er sich in meine Richtung und unsere Blicke treffen sich.

Ne, oder?

Das muss er sein.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Cody Hawkins sein muss. Er kommt auf mich zu und grinst schief. „Tessa Prescott?“

„Ja, genau, Cody?“

„Wundervoll!“ Er hält mir seine Hand hin. „Freut mich sehr.“

„Gleichfalls, danke“, erwidere ich und lächele höflich.

Wir tauschen einen angenehmen, unverbindlichen Händedruck aus, dann schnappt er sich meinen Koffer. „Es sind nur ein paar Schritte“, informiert er mich, während wir eine Rolltreppe nach oben fahren und von dort aus das Gebäude verlassen. Ich bin nicht wenig überrascht, als wir auf dem Parkdeck zu einem Hubschrauberlandeplatz kommen und genau darauf zusteuern.

„Ich dachte, damit sind wir etwas schneller.“ Er grinst mich an.

Und ich hatte befürchtet, wir müssten noch ewig mit einem Pickup durch die Pampa gurken.

Gott sei Dank nicht!

„Der sieht gut aus“, kommentiere ich den Hawkins‘schen Heli anerkennend.

„Ja, macht das Leben einfacher, wenn man so weit draußen wohnt wie wir.“

Er öffnet die Tür und hilft mir hinein. Der Pilot sitzt bereits im Hubschrauber und grüßt uns freundlich. Ich kann meine Freude über dieses Stück Komfort kaum verbergen, das scheint auch Cody nicht entgangen zu sein.

„Du hattest Angst, stundenlang auf schlechten Straßen unterwegs zu sein?“

Ich lache. „Ja, wenn ich ehrlich bin.“

„Ich merke schon, dein Dad hat es dir nicht erzählt. Ich hatte ihm gesagt, dass ich dich mit dem Heli abhole.“

„Nein, das hat er wohl vergessen zu erwähnen.“

„Wie geht es seiner Partnerin?“

Es ist immer noch komisch für mich, wenn jemand von Helen als Dads Lebensgefährtin redet, aber das kann Cody ja nicht wissen.

Für uns Mädchen ist es nach wie vor ungewohnt, ihn mit einer neuen Frau an der Seite zu sehen – vor allem, weil es sich dabei um Mums Schwester handelt.

„Es, äh, geht ihr den Umständen entsprechend gut. Leichte Gehirnerschütterung, glatter Durchbruch des Wadenbeins. Nichts Ernstes. Ein paar Wochen wird sie einen Gips tragen müssen.“

„Na, Gott sei Dank, dass es keine schlimmeren Verletzungen gegeben hat.“

„Ja, zum Glück. Sie ist in guten Händen und darf in einigen Tagen nach Hause. Mein Dad wird sicher bald nachkommen, sobald sich alles etwas beruhigt hat“, füge ich hinzu, falls Cody mich als Verhandlungspartnerin bezüglich der Jungpferde nicht ernst nimmt. Bei Cowboys aus dem Hinterland weiß man ja nie, wenngleich er relativ offen und zugänglich wirkt.

„Es ist kein Problem, wirklich, ich freue mich über jeden Besucher eurer Familie. Schließlich sind unsere und eure Pferde die besten der Welt.“

Wir schnallen uns an und setzen die Kopfhörer auf, um uns gegen den Lärm zu schützen.

„Das stimmt natürlich“, sage ich in mein Headset und registriere, wie Cody nickt.

Ich bin froh, dass ich es hier offenbar nicht mit einem Aufreißer zu tun habe, und entspanne mich ein wenig. Cody ist nett, aber nicht sexy. Die kommenden Tage werden wahrscheinlich ganz unaufgeregt werden, da es nicht den Anschein hat, als ob er vorhätte, an mir rumzubaggern. Gerade tippt er etwas auf seinem Smartphone und ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Text an die Brünette von eben ist, so wie er vor sich hingrinst.

Ich für meinen Teil freue mich darauf, endlich mal wieder reiten zu gehen. Das ist leider etwas, zu dem ich, seit ich beruflich so erfolgreich bin, nur noch selten komme.

Und dann sind wir auch schon in der Luft. So kann ich mir Kansas in Ruhe von oben ansehen und genieße die Vogelperspektive.

„Wie weit draußen liegt euer Anwesen eigentlich?“, frage ich etwas später, nachdem er mir ein wenig über Größe und Geschichte der Newfall Ranch erzählt hat.

„Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, nimmt man die Interstate 335 nördlich und ist in gut zwei Stunden in Topeka. Oder du nimmst die I 35 direkt nach Kansas City, das dauert maximal vier Stunden, also ein Katzensprung.“

Für amerikanische Verhältnisse vielleicht, das behalte ich jedoch lieber für mich. Ich will ja nicht unhöflich sein. Topeka … nie gehört.

„Huh, also man muss doch Sitzfleisch haben“, scherze ich.

„Na, mit dem hier geht’s wesentlich schneller. Wir haben öfter mal was an anderen Orten zu tun und nicht immer Pferde im Anhänger dabei.“

„Perfekt, sich einfach einen Heli zuzulegen.“

„Die Dame des Hauses ist gerne mobil.“ Er grinst mich an und ich versuche mir auszumalen, wie seine Frau wohl aussehen mag. Einen Ring kann ich an seinen Händen nicht entdecken, aber das muss ja nichts heißen. Wenn dem so wäre, würde er in meinem Ansehen allerdings sofort sinken, nach dem, was ich eben am Flughafen miterlebt habe.

Er wirkt gar nicht wie ein Arschloch, das seine Frau betrügt – eher das Gegenteil: Wie der gute Junge, der seine Angetraute schon im Sandkastenalter kennenlernt und bis ans Ende seiner Tage mit ihr zusammenlebt. Dass die Brünette vorhin nicht seine Gattin war, war eindeutig. Oder?

Ich bin gespannt, was mich auf der Ranch erwartet, vielleicht haben diese Cowboys es ja doch faustdick hinter den Ohren und das spitzbübische Auftreten ist nur eine Masche.

Kapitel 2

„Herzlich willkommen auf der Newfall Ranch. Sie liegt inmitten der wunderschönen Tallgrass Prairie National Preserve, in Cottonwood Falls, falls es dich interessiert“, informiert mich Cody augenzwinkernd.

Er springt aus dem Heli und reicht mir seine Hand, um mir beim Aussteigen behilflich zu sein. Aus der Luft hat er mir schon ein bisschen was zu Aufteilung der Ranch erklärt, von hier unten sieht alles noch mal viel größer aus. Hier bekommt der Begriff „unendliche Weiten“ noch eine ganz neue Bedeutung.

Ich bin zudem froh, dass ich eine Jacke anhabe, denn die Temperaturen sind nicht gerade mild, aber für Oktober wohl normal.

„Vielen Dank, Cody“, erwidere ich. Ich lächele ihn kurz an und knipse dann ein kurzes Selfie vor dem Hubschrauber, das ich später posten will.

„Soll ich dich fotografieren?“

„Nein, danke. Schon erledigt. So ist es authentischer.“

Er hebt eine Augenbraue, sagt jedoch nichts.

„Dann komm mal mit, du willst dich wahrscheinlich frischmachen, bevor wir einen Rundgang unternehmen?“

„Gern. Das ist sehr … umsichtig, vielen Dank.“

Er schnappt sich meinen Koffer und atmet angestrengt aus.

Ja, ich weiß, er ist schwer, aber ich wusste ja nicht, was ich alles brauchen würde ...

Mir fällt auf, dass alles viel grüner ist, als ich erwartet habe. Die ganze Anlage wirkt zudem sehr gepflegt. Ich folge Cody die wenigen Stufen nach oben zum Eingang und bin erstaunt, wie weitläufig das U-förmig gebaute Haus tatsächlich ist. Cody hat mir zwar schon auf dem Flug erklärt, dass sich im Westflügel die Büros und die Unterkünfte der Mitarbeiter befinden, die nicht täglich pendeln können. Dass es so viele sein würden, hätte ich jedoch nicht gedacht.

„Wir haben drüben natürlich noch eine Haustür, ich kürze den Weg jetzt einfach mal ab.“

Ich nicke. Mir soll es recht sein.

Im Büro stehen drei Kerle zusammen, die ähnlich gekleidet sind wie Cody, und grüßen uns höflich. Außerdem sitzt noch eine Frau an einem Schreibtisch und telefoniert. Sie nickt höflich lächelnd und wendet sich wieder ihrem Bildschirm zu.

„So, dann hätten wir den Westflügel hinter uns und kommen gleich in unseren Wohnbereich.“

„Sehr schön.“

Ich muss zugeben, ich bin gespannt, wie die Hinterwäldler leben. Das Anwesen ist jedenfalls beeindruckend, und dass sie sogar einen Pool im Garten haben, finde ich auch nicht schlecht. Im Sommer wird es in Kansas wahrscheinlich ziemlich heiß und eine Abkühlung dürfte da sehr angenehm sein. Auf den ersten Blick gibt es hier deutlich mehr Komfort, als ich vermutet hätte. Aber wenn man bis zur nächsten Zivilisation mit einem Hubschrauber fliegen muss, ist es wohl nicht dumm, es sich zu Hause so schön wie möglich zu machen. Reich genug scheinen die Hawkins‘ jedenfalls zu sein, das hätte ich mir auch gleich denken können. Wenn man in ihrer Liga spielt, liegt der Preis für ein gutes Rennpferd schon mal locker über einer Million Dollar.

Wenn ich Cody richtig zugehört habe, dann haben sie über hundertfünfzig Pferde. Es steht also eine Menge Kapital auf dem Hof.

Der Flur im Wohnbereich ist großzügig und mit den gleichen Fliesen ausgelegt wie drüben im Westflügel. An den Wänden hängen einige Bilder, Landschaften, Pferde natürlich, aber insgesamt ist es eher nüchtern gehalten und es gibt nicht viel Schnickschnack und Brimborium. Die Dame des Hauses, wie Cody vorhin gesagt hat, scheint nicht übermäßig viel Wert auf Dekoration zu legen. Das finde ich sympathisch, ich mag klare Linien und wenig Schnörkel.

„Wir haben es gleich geschafft“, verkündet er lachend. „Nur noch die Treppe nach oben, dann sind wir beim Gästezimmer.“

„Kein Problem, kann nur sein, dass ich mich nachher verlaufe“, scherze ich und folge ihm über eine große Holztreppe mit weißem Geländer nach oben.

Im Obergeschoss liegt geöltes Eichenparkett, das beim Betreten keinen Laut von sich gibt. In meinen Vorstellungen hätten in einer amerikanischen Ranch dicke Holzdielen liegen müssen, die unter jedem Schritt ein lautes Knarzen ertönen lassen.

Sieht man mal wieder, wie man sich täuschen kann. Das Zuhause der Hawkins ist modern, hell und überhaupt nicht hinterwäldlerisch, wie von mir zunächst befürchtet.

„Ein schönes Heim habt ihr“, sage ich zu Cody, als er die Tür zu einem Zimmer öffnet und meinen Koffer hineinschiebt.

„Vielen Dank. Wir haben hier vor acht Jahren neu gebaut, vorher sah es ganz anders aus. Es ist toll geworden, finde ich auch. Ich habe damit allerdings nichts zu tun. Sonst gäbe es hier keinerlei Komfort.“ Cody zwinkert mir zu.

„Männer“, kommentiere ich und muss lachen.

„Genau.“ Er nickt.

Es macht Spaß, mit Cody zu scherzen, er ist eine angenehme Person. Ich bin überrascht, dass ich mit einem Hinterwäldler so schnell warm werde – auf einer freundschaftlichen Ebene, versteht sich. Er ist für mich sexuell in etwa so interessant wie eine Knutschkugel.

„Da sind wir“, verkündet er und ich trete nach ihm ein. Es ist ein großzügiger und lichtdurchfluteter Raum. An der linken Wand befindet sich ein wuchtiger Kamin mit einem Sessel davor. Ein sehr bequem wirkendes Doppelbett steht gegenüber, mein Blick wird jedoch von der Fensterfront angezogen. Sie ist hoch, aber nicht bodentief. Von meinem Zimmer aus erspähe ich nichts als die Prärie, Pferde und den Horizont.

Ein wahnsinniger Kontrast, wenn man bedenkt, dass ich noch vor ein paar Stunden in den Häuserschluchten Manhattans umhergewandert bin.

„Wow“, entfährt es mir und ich pilgere zum Fenster.

„Es freut mich, dass es dir gefällt. Hier kannst du einen wundervollen Sonnenaufgang beobachten, wenn du ein Frühaufsteher bist. Osten liegt in dieser Richtung.“ Er zeigt geradeaus.

Früh aufstehen ist nicht wirklich mein Ding, aber wir haben ja schon Oktober, da muss ich für das Himmelsspektakel nicht um halb fünf aus den Federn springen.

„Mal sehen, ob ich das schaffe“, antworte ich wahrheitsgemäß und lache.

„Ist es in Ordnung, wenn ich dich in circa dreißig Minuten abhole? Brauchst du sonst etwas? Hier drüben ist das Badezimmer.“

„Perfekt. Ich habe alles, danke dir. Das passt super. Dann kann ich mich noch schnell umziehen.“

Ich blicke an mir herunter. Mit meiner engen Lederleggins und dem Mohairpullover bin ich für eine Besichtigung der Stallungen und Pferde nicht unbedingt angemessen gekleidet.

„Mach dir keine Umstände, für heute hatte ich sowieso nicht mehr viel geplant. Ich wollte dich erst mal in Ruhe ankommen lassen, kennenlernen und all das. Den Rest meiner Familie stelle ich dir auch gleich vor.“

Und dann bin ich alleine und lasse mich erst mal aufs Bett fallen, nehme mein Handy und poste das Bild, das ich vor dem Hubschrauber geschossen habe, auf Instagram. Ich nutze ein paar neue Hashtags, das Leben auf einer Ranch kann ich bestimmt ein bisschen interessanter aussehen lassen, als es sich aktuell für mich anfühlt. Zufrieden veröffentliche ich mein Foto.

Obwohl ich das Reisen gewöhnt bin, bin ich an diesen Tagen immer furchtbar aufgekratzt. Ich schwinge mich deshalb schon wieder auf die Beine und schlüpfe aus meinen Biker-Stiefeln. Dann befördere ich meinen Koffer auf den Boden, klappe ihn auf und überlege, was ich für den Rundgang anziehen könnte. Die Auswahl ist groß, auf die Schnelle komme ich zu keinem Entschluss, entscheide mich daher, lieber das Badezimmer zu erkunden.

Wow, die Einrichtung ist nicht unbedingt das, was ich mir aussuchen würde, aber sie ist exklusiv. Alles ist in Naturtönen gehalten und passt damit perfekt in diese Gegend. Was mir besonders gefällt, ist, dass man von der Badewanne aus direkt nach draußen sehen kann. Ich freue mich darauf, sie auszuprobieren, und wünschte, ich hätte mehr als eine halbe Stunde Zeit, bis mich Cody abholt.

„Nachher“, verspreche ich mir selbst und drehe mich im Kreis. Es ist merkwürdig für mich, hier zu sein. Es ist so still. Man hört einfach nichts. Nachdem ich zuvor eine gute Woche in New York gewesen bin, kommt es mir jetzt vor, als wäre ich auf einem anderen Planeten gelandet.

Bevor ich das Bad verlasse, mache ich mich ein wenig frisch. Ich bin gerade fertig, als es an meiner Tür klopft.

„Ja?“Es ist natürlich Cody, der mich abholen will.

Mist.

Das ist ja mal wieder typisch für mich … na gut, dann muss es eben so gehen.

„Komm rein“, antworte ich und steige schnell wieder in meine Stiefel.

„Bist du bereit?“ Sein Grinsen ist ansteckend und ich spüre, wie sich meine Mundwinkel ebenfalls nach oben biegen.

„Ja, wenn du mich so mitnimmst?“

„Logisch, zieh dir vielleicht eine Jacke an. In den Pferdehäusern ist es mitunter recht zugig.“

„Ihr habt Häuser für eure Pferde, oder ist das nur so ein amerikanischer Ausdruck, den ich blöde Engländerin nicht kenne?“, scherze ich und folge ihm.

„Nein, sie sind wirklich aus Stein gebaut. Das Wetter kann hier ab und an verrücktspielen und von Tornados bis Blizzards kann man in einem Jahr alles haben. Bei den erstklassigen Rössern, die wir hier haben, gehen wir lieber auf Nummer sicher.“

„Wow, ich bin beeindruckt, wie professionell ihr das handhabt.“

„Von nichts kommt nichts. Ich bin überzeugt, dein Dad sieht das ähnlich.“

„Ja, na klar. Unsere Ställe sind alle in England, das Klima ist da eher … langweilig.“

„Wie man es nimmt.“ Während wir plaudern, gehen wir nach unten und kommen vom Flur in die Küche. „So, hier ist die Hauptküche. Das Gebäude ist in mehrere Wohneinheiten aufgeteilt, wir sind quasi ein Mehrgenerationenhaus.“

„Okay“, antworte ich. „Alles hier ist so riesig.“

Sie ist großzügig angelegt, aber eher rustikal. Es gibt, wie in den meisten amerikanischen Küchen, eine Insel, nicht mit Herd, nur mit einem Waschbecken. Darüber hängen zwei Pendelleuchten im Landhausstil. An der Wandseite befindet sich ein großer Gasherd mit einer gigantischen Edelstahlabzugshaube.

„Hier kann man ja eine halbe Armee versorgen“, witzele ich.

„Könnte man, ja. Die Mitarbeiter werden allerdings im Westflügel versorgt, dieser Bereich ist wirklich privat.“

„Es ist wahnsinnig toll bei euch.“

„Danke. Hier ist auch eine Tür, die in den Innenhof führt. Wir nehmen gerne den kürzesten Weg.“ Er lacht und macht sie auf.

„Alle Wege führen in den Stall, oder so ähnlich?“

„Genau, du hast es erfasst, Tessa.“

Wir marschieren am Pool vorbei. Sieht einladend aus, momentan ist aber kein Schwimmwetter, wobei er wahrscheinlich sogar beheizt ist. Es sieht nach einer echten Party-Zone aus. Im Wasser sind vier feste Hocker und am Rand davor befindet sich die zugehörige, eingelassene Bar.

„Meine Schwester Ashley würde den hier lieben. Feiert ihr viel?“ Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Cody ist eher so ein Kumpeltyp. Hm.

„Ab und zu. Einmal im Jahr gibt es bei uns die legendäre Newfall-Ranch-Sommerparty, dann ist hier richtig was los. Die meiste Zeit dreht es sich allerdings doch um die Pferde und nicht ums Feiern.“

Zunächst führt er mich durch die Pferdehäuser mit den Wallachen und Stuten, alles ist penibel sauber und scheint einen festen Platz zu haben. Uns begegnen mehrere Mitarbeiter, die sauber machen, Pferde führen oder ausmisten. Alle grüßen höflich und Cody wechselt mit jedem ein paar persönliche Worte. Man merkt sofort, wie fabelhaft er die Ranch leitet.

Ich bin zutiefst beeindruckt, das muss ich ehrlich zugeben.

„Englische Vollblüter sind was ganz Besonderes“, meint er zu mir und klopft einem Rappen an den Hals, der sich neugierig über sein Gatter in den Gang reckt. „Aber das muss ich dir ja nicht sagen. Wir haben von allen Farben welche dabei, natürlich meist Braune, Füchse, Rappen und sehr selten Schimmel.“

„Ich liebe Schimmel“, teile ich ihm lächelnd mit.

„Wie alle Mädchen.“ Cody grinst verschmitzt.

„Ist das so?“

„Ja, die meisten träumen doch auch von Einhörnern.“

Wir lachen beide und gehen weiter.

„So, jetzt kommen wir noch zum Highlight. Dem Hengsthaus.“

„Es war klar, dass um die Herren immer so ein Aufhebens gemacht wird, dass sie ein eigenes Haus bekommen.“

„Wir haben elf Zuchthengste und alle sind mehrfach preisgekrönt.“ Der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören. „Über den Wert der einzelnen Tiere muss ich dir ja nicht viel erzählen. Dein Vater kannte beinahe jeden Stammbaum unserer Hengste, ich war sehr beeindruckt.“

„Mein Dad ist pferdeverrückt.“

„Das macht ihn selbst zu einem so guten Züchter.“

„Ja, bestimmt. Natürlich hat er einen Verantwortlichen, der vor Ort das Sagen hat.“

„Das muss man in der Größenordnung auch. Er behält sich wahrscheinlich vor, die wichtigen Entscheidungen selbst zu treffen?“

„Ja, das ist richtig. Nebenbei“, ich male Gänsefüßchen in die Luft, „leitet er ja einen Konzern“, scherze ich.

„Klar, wir konzentrieren uns hier auf die Pferde und unsere Zucht.“

„Ich bin mir sicher, mein Dad könnte sich auch voll und ganz in seine Pferdeliebe stürzen, wenn meine Schwester die Konzernleitung eines Tages übernimmt. Aber das dauert wohl noch ein bisschen.“

„Und da wären wir.“

Wir gehen durch ein offen stehendes Tor und mir verschlägt es den Atem. Das hier ist kein Pferdehaus, das ist ein Palast. Wahnsinn.

„Krass“, entfährt es mir. „Das Futter wird elektronisch gesteuert?“

„Ja, unter anderem. Eine kleine technische Spielerei. Ansonsten haben wir auf eine gute Ausstattung geachtet, um unseren Hengsten ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Nur Kerle unter sich, das ist manchmal nicht leicht.“

Ich lache. „Das kann ich mir denken, die Testosteronausdünstungen kann man deutlich riechen“, witzele ich, und um meine Aussage zu bestätigen, wiehert ein Fuchs laut und durchdringend.

Ich sehe erst jetzt, dass eine Box geöffnet ist. Sie ist leer. Im gleichen Moment höre ich Hufe klappern.

„Ah, da ist er ja“, informiert mich Cody und tritt einen Schritt beiseite, um Platz zu machen, als ein in schwarz gekleideter Mann mit einem göttlichen Schimmel in das Hengsthaus kommt.

Ich habe nur Augen für diesen Traumhengst. Wenn ich mir ein Pferd auswählen dürfte, dann dieses – er ist einfach perfekt.

Lange, kräftige Beine, die Kuppe ist ausgeprägt, aber nicht zu massig und der Hals ist muskulös, aber nicht zu lang. Die Mähne ist üppig und glänzend und das wachsame Tier hat alles genauestens im Blick. Ich trete einen Schritt auf den Hengst zu. Die Farbe ist immer noch grau mit dunklen Sprenkeln – das strahlende Weiß zeigt sich erst mit den Jahren. 

„Na, wer bist du denn?“ Ich streichle den Schimmel mit der flachen Hand zwischen den Augen. Als würde es ihm gefallen, schnaubt er leise und nickt.

„Vorsicht, der hier hat ein ganz spezielles Temperament“, warnt mich eine dunkle, rauchige Stimme. Der Tonfall ist, milde ausgedrückt, gereizt, sodass ich zurückschrecke und nach hinten taumele.

„Tessa, das ist Derek“, klärt mich Cody seufzend auf.

„Der Hengst heißt Derek?“, frage ich leicht irritiert und neige meinen Kopf. Ich glaube, es ist Liebe auf den ersten Blick.

„Nicht der Hengst, der heißt Hyperion“, lacht Cody.

„Oh!“ Ich war so fasziniert von dem wundervollen Tier, dass ich den Mann komplett ignoriert habe. Ich setze ein Lächeln auf und wende mich Derek zu, um ihm die Hand zu schütteln. Vermutlich ist er dafür zuständig, mir morgen die Pferde im Roundpen vorzuführen. Ich kann mir nicht vorstellen, warum Cody ihn mir sonst als einzigen seiner Mitarbeiter persönlich vorstellt.

Dereks Gesichtsausdruck ist grimmig. Seine graublauen Augen ruhen einen Moment zu lange auf mir, sodass mein Herz ins Stolpern gerät.

„Schon gut, ich habe ohnehin zu tun“, knurrt Derek und wendet sich ab. Er zieht seinen Stetson tiefer in die Stirn und bringt Hyperion in seine Box.

Ich muss mich eine Sekunde erholen.

Was war das denn?

Cody nickt entschuldigend. „Derek arbeitet immer sehr fokussiert, wir sehen ihn ja nachher noch, dann wird er hoffentlich zugänglicher sein …“

„Kein Problem“, überspiele ich meine leichte Irritation. Normalerweise schenken mir Männer mehr Beachtung als dieser Griesgram. Aber das war vielleicht meine Schuld. Ich habe selbst dem Schimmel mehr Aufmerksamkeit gewidmet als dem Menschen, der ihn führte. Wobei ich kaum glauben mag, dass ein schlechtgelaunter Cowboy sich bei mir über mangelnde Manieren beschweren darf. Er hat nicht mal Hallo gesagt!

Der Gedanke ist so erheiternd, dass sich meine Mundwinkel nach oben biegen.

„Beim Abendessen haben wir ausgiebig Zeit zu plaudern. Ach, da ist ja auch noch Bill. Bill, komm doch mal her“, ruft Cody einem Mann Mitte fünfzig mit einem cremefarbenen Stetson auf dem Kopf zu. Sein Gesicht ist sonnengegerbt, er ist groß, aber nicht mager. Er trägt ein helles Hemd und ausgewaschene Jeans.

Ein Bilderbuch-Cowboy. Bills breites Lächeln ist ansteckend.

„Guten Tag, junge Lady, schön, Sie kennenzulernen“, begrüßt er mich.

„Tessa, das ist Bill Walton, er ist der Ranch-Manager und hat nach uns das Sagen hier. Also, wenn was sein sollte, wende dich vertrauensvoll mit allen Fragen an uns oder an Bill.“

„Bill, ich freue mich.“ Wir schütteln die Hände. Seine Finger sind kräftig und schwielig, aber trocken und angenehm warm. Dem Mann zieht bestimmt kein noch so bockiger Hengst die Zügel aus der Hand. Er wirkt absolut kompetent auf mich.

„Ganz meinerseits. Ganz meinerseits. “

Wir plaudern ein wenig über die Anlage und die Pferde, dabei fällt mir immer wieder auf, dass Bill sehr gerne laut und viel lacht. Es ist dieses typische amerikanische Lachen, das nach jedem dritten Satz beinahe obligatorisch dazugehört. Ich mag ihn trotzdem.

„Lernt man das auf der Cowboy-Akademie?“, scherze ich und die beiden starren mich irritiert an.

Mist. Da bin ich mit meiner taktlosen Offenheit wohl mal wieder zu weit gegangen. Dabei habe ich es nicht als Kränkung, sondern als Kompliment gemeint.

„Na, so was gibt es nicht, Lady“, meint Bill und ich spüre, wie ich rot werde. Ich lächele verlegen und streiche mir eine Strähne hinter das Ohr.