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Vordiplomarbeit aus dem Jahr 2001 im Fachbereich Politik - Geschichte der politischen Systeme, Note: 1,0, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover (Institut für Politische Wissenschaften), Veranstaltung: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Sprache: Deutsch, Abstract: Die Arbeit kristallisiert Hannah Arendts Begrifflichkeit des "Mob", die aus der Klassengesellschaft desintegrierte bürgerliche Unterwelt, aus dem Werk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" heraus. In Deutschland war der Mob insbesondere Frontorganisation (SA), aber auch leitender Kopf auf mittlerem Niveau der nationalsozialistischen Bewegung (z.B. Ernst Röhm), katapultiert aus der Erwerbsgemeinschaft durch kapitalistische Krisen. Als Paria war der Mob ein entscheidendes Charakteristikum zur Bedingung der totalen NS-Herrschaft, der in Arendts Gesamtwerk oft übersehen wird. Wie sich der Mob auf rassisch-völkischer Grundlage über den überseeischen zum kontinentalen Imperialismus entwickeln konnte und dass es ihn auch in England oder Frankreich gegeben hat, ist ein Schwerpunkt der Arbeit. Am Beispiel der Dreyfus-Affäre in Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts kann jedoch aufgezeigt werden, wo die Unterschiede zwischen der Herrschaft des Mob auf den französischen Strassen liegt und der Verweigerung des Bildungsbürgertums, sich diesem zu unterstellen. In der Weimarer Republik ging die politisch-ökonomische Elite einen Pakt mit dem Mob ein, was zum Ende der ersten deutschen Republik und zur Festigung des nationalsozialistischen Systems führte. Auch für die heutige Zeit ist der Mob ein "Demokratieindikator", eine Möglichkeit aus der Geschichte zu erkennen, wie legitim ein pluralistisches Gemeinschaftswesen durch seine Träger, die Bürger, noch ist. Gemäß Hannah Arendts Ausspruch: "Was in Zeiten des Friedens als Verbrechen gilt, ist in Zeiten der Krise höchstens ein moralisches Vergehen".
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Veröffentlichungsjahr: 2010
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„Denn die Vorgeschichte des nationalsozialistischen Deutschland spielt in ganz Europa und ist schwer aufzuspüren unter der breiten Oberfläche offizieller Dokumente und bekannter Autoren. So ist es wichtig, dort zuzugreifen, wo sie einmal aus dem Halbdunkel der Schmutz- und Schundliteratur und den unerforschten unterirdischen Bereichen des Aberglaubens auftaucht und ins volle Licht der erforschten und registrierten Geschichte europäischer Politik tritt (EU, S. 222).
Einleitung
Dass es in Deutschland eine Diktatur mit industriell organisiertem Massenmord, totalitärem Überwachungssystem, völkerrechtswidrigen Angriffskriegen und Ausbeutung vor allem jüdischen Kapitals hat geben können, ist nicht zuletzt einem gesellschaftlichen Milieu zuzuschreiben, welches sich wie ein Leitfaden durch die neuere und ältere Geschichte zurück verfolgen lässt, ohne jedoch in ausreichender Weise genaueren Untersuchung unterworfen worden zu sein, sonst würde sich Geschichte traurigerweise nicht im Negativen und „kleinen“ tagtäglich wiederholen können: ich meine das bürgerliche „Déclassement“, die „Unterwelt“, welche von Hannah Arendt in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ von 1951 als derMobbezeichnet wird und in dieser Schrift genauer untersucht wird.
Ich bediene mich dabei eines historischen Beispieles: der Dreyfus- Affäre in Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Thema ist einerseits gut erforscht und andererseits ist diese Erscheinungsform der Herrschaft der bürgerlichen Unterwelt als „Generalprobe“ (Arendt) für das 20. Jahrhundert anzusehen. Was sich auf Frankreichs Strassen von 1897 - 1899 abgespielt hat, hat sich später in ähnlicher Variante auch auf den Strassen der Weimarer Republik abgespielt und könnte die übersehene Warnung an scheinbar „aufgeklärte“ Völker und Nationen gewesen sein, sich in jeder Gegenwart immer wieder davon zu überzeugen, dass Pogrome und Exempel in keiner Gesellschaft ein duldsamer Zustand sein können.
Der Pöbel, hier der lateinisch- klassischen Herleitung entnommen, ist der antidemokratische, antirepublikanische Teil eines souveränen Volkes, der normalerweise im Verborgenen, die Akklamation bestehender Volkssouveränitäten herbeiwünscht. In Russland/ der Sowjetunion und kurz danach auch in Deutschland/ der Weimarer Republik ist es diesem gesellschaftlichen Milieu 1918 bzw. 1933 gelungen, die Führungselite zu stellen- es mag hier zu weit führen, sollte jedoch beim Lesen dieser Untersuchung immer im Kopf behalten werden. Am Beginn des 21. Jahrhunderts stellt sich der Mob in der Bundesrepublik Deutschland primär als Akteur im Sinne von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, antidemokratischer Propaganda und terrorfreundlichem Bekunden dar. Er kann von politischen über religiösen bis hin zu selbstzerstörerischen sowie totalitären Motiven geleitet sein: treibt fremdländisch aussehende Mitbürger durch Städte und Gemeinden, zündet Asylantenheime an, plant terroristische Aktionen oder schüchtert die demokratisch gesinnte Bevölkerung ein. Der Mob ist tagespolitisch präsent, es obliegt den republikanischen Bürgern ihn zu erkennen und gegen ihn gemeinsam zu handeln.
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Ich habe im Weiteren folgende Vorgehensweise gewählt:
Im ersten Kapitel analysiere ich den Begriff des Mobs anhand eines gängigen Grundwerkes, der beachtlichen Schrift „Elemente und ursprünge totaler Herrschaft“ von Hannah Arendt. Der Unterschied zu Hannah Arendts Perspektive wird im Folgenden kontrastiert: die Besonderheiten sollen durch Gegenüberstellung deutlich werden. Ich bemühe mich dabei um eine zeitlose Definition des Begriffes „Mop“. Der in dieser Weise definierte „Mop“ ist ein Phänomen aller Zeiten mit unterschiedlichen Ausprägungen- es kommt auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstände an, in welcher Masse (Quantität) und Intensität (Qualität) er auftritt. Es gibt ihn letztlich zu jeder Zeit, da bis dato zu jeder Zeit Menschen aus gesellschaftlichen Klassen deplaziert wurden und werden bzw. sich selbst deklassieren oder in der Hoffnung auswandern, ihre klassenspezifische Situation in irgendeiner Weise aufzuwerten, mit dem Ziel, außerhalb demokratischer Konsense in totalitären Ideologien aufsteigen zu können. Im zweiten Kapitel untersuche ich, wie der Mob durch Agitation und Entwicklung eines unmenschlichen Weltbildes versucht hat die „Hintertreppe“ der Politik zu verlassen und sich zu Machthabern und Staatsführern zu entfalten. Vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn der Etablierung einer totalen Herrschaft in Europa im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts taucht er in verschiedenen Erscheinungsformen immer wieder auf- in Südafrika, in den Panbewegungen und am deutlichsten in der nationalsozialistischen Organisation. Es hat mehrere Versuche des Mobs in den letzten 130 Jahren gegeben, die politische Führung im Staat zu übernehmen. Die hier aufgeführten Formen sind als Verkettung zu sehen- eine temporäre Historie ist im Weitesten Sinne für die darauf folgende aufbauend- sonst wären mindestens zwei dieser Versuche nicht mit solch einem „Erfolg“ in die Schande menschlicher Geschichte eingegangen.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich im Einzelfall eingehend mit dem Aufkommen des Mobs zur Zeit der Dreyfus- Affäre. Hierbei geht es um die Beschreibung der geschichtlichen Abläufe des Spionagefalles Dreyfus und seinen fatalen Folgen.
Darüber hinaus erhellen zwei Beispiele den Rahmen der Katastrophe, die für sich eine Reflektion der zersetzenden gesellschaftspolitischen Verhältnisse der dritten Republik Frankreichs darstellen (das eine Beispiel behandelt die Schuldzuweisung der Niederlage im deutsch- französischen Krieg 1870/71 auf die Juden; das andere Beispiel behandelt den Spekulations- und Finanzskandal um den Bau des Panama- Kanals 1880/88).
Im dritten und literaturspezifischen Teil dieses Abschnittes gehe ich explizit auf das vierte Kapitel Hannah Arendts ein (zuerst nur auf den Abschnitt Dreyfus, dann auf das ganze Kapitel). Da Arendts Werk ineinander aufbauend ist, würde eine isolierte Betrachtung als wenig sinnvoll erscheinen. Daher erweitere ich die literarische Untersuchung auf ihr gesamtes Buch. Der vierte und letzte Teil des Abschnittes stellt die Dreyfus- Affäre in Verbindung mit dem Mob und Arendts elementarer Totalitätsansicht.
Vergleiche. für den zweiten und dritten Teil der Schrift die Graphik auf der folgenden Seite 5. .
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