Der Atem der Welt - Carol Birch - E-Book

Der Atem der Welt E-Book

Carol Birch

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Beschreibung

Nie hätte der junge Jaffy Brown geglaubt, der Armut und Enge im Hafenviertel des viktorianischen London zu entkommen. Doch dann begegnet er ausgerechnet dort einem entlaufenen Tiger, einem herrlichen Geschöpf auf geschmeidigen Pfoten, und sein Leben nimmt eine neue Richtung. Bald nimmt er Abschied von seiner geliebten Ishbel und heuert mit seinem besten Freund Tim auf einem Walfänger an, mit Kurs auf den Indischen Ozean und unbekannte Abenteuer. Noch ahnt Jaffy nicht, dass eine Reise vor ihm liegt, nach der nichts mehr so sein kann wie vorher. Carol Birch erzählt mit herausragender Erfindungsgabe und einer leuchtenden sprachlichen Kraft – im Kopf das wogende Meer. Die Geschichte von Jaffy Brown führt zu den Grenzen des Vorstellbaren, und sie zeigt, dass Liebe und Freundschaft alles überdauern.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 528




Nie hätte der junge Jaffy Brown geglaubt, der armut und Enge im Hafenviertel des viktorianischen London zu entkommen. Doch dann begegnet er ausgerechnet dort einem entlaufenen Tiger, einem herrlichen Geschöpf auf geschmeidigen Pfoten, und sein Leben nimmt eine neue Richtung. Bald nimmt er Abschied von Ishbel und heuert mit seinem besten Freund Tim auf einem Walfänger an, mit Kurs auf den Indischen Ozean und unbekannte Abenteuer. Noch ahnt Jaffy nicht, dass eine Reise vor ihm liegt, nach der ncihts mehr so sein kann wie vorher.

 Carol Birch erzählt mit herausragender Erfindungsgabe und einer leuchtenden sprachlichen Kraft – im Kopf das wogende Meer. Die Geschichte von Jaffy Brown führt zu den Grenzen des Vorstellbaren, und sie zeigt, dass Liebe und Freundschaft alles überdauern.

»Die Autorin Carol Birch besitzt eine sehr schillernde Fantasie. Wenn sie mit anschaulicher sprachlicher Kraft vom wogenden Meer und der Einsamkeit auf hoher See schreibt, bangt man mit um das Schicksal des Helden, und die Buchseiten wenden sich wie von allein.« emotion

»Eine der besten Geschichten, die ich je gelesen habe.« Antonia S. Byatt

»Eine phantasievolle Tour de Force, die den Anblick und die Gerüche Londons im 19. Jahrhunderts genauso heraufbeschwört wie die Wildheit des Meeres. Packend, herausragend geschrieben und eine wahre Freude für alle, denen echte viktorianische Romane zu langweilig sind.« The Times

Carol Birch, geboren 1951, hat bereits mehrere Romane veröffentlicht und wurde unter anderem mit dem David Higham Award ausgezeichnet. Mit Der Atem der Welt

Carol Birch

DER ATEMDER WELT

Roman

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel

Jamrach's Menagerie

bei Cannongate Books, Edinburgh.

eBook Insel Verlag Berlin 2013

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des insel taschenbuchs 4269.

© der deutschen Ausgabe Insel Verlag Berlin 2012

© Carol Birch 2011

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ERSTER TEIL

1

Ich wurde zweimal geboren. Das erste Mal in einem Zimmer aus Holz, das über das schwarze Wasser der Themse ragte; das zweite Mal acht Jahre später auf dem Ratcliffe Highway, als der Tiger mich in sein Maul nahm und eigentlich alles erst richtig begann.

Du musst nur Bermondsey sagen, und jeder rümpft die Nase. Trotzdem war es mein erstes Zuhause vor all den anderen, die noch folgten. Der Fluss plätscherte unter uns, während wir schliefen. Von unserer Haustür aus sah man über eine hölzerne Galerie auf den Kanal, wo dunkles Wasser als seltsam düstere graue Blase hochblubberte. Wenn man durch die Ritzen nach unten guckte, konnte man alles mögliche Zeug in der Brühe treiben sehen. Dicker grüner Schleim kroch an den morschen Holzpfählen hoch und schillerte, wenn das modrige Wasser dagegenschwappte.

Ich erinnere mich an die holprigen Gassen mit ihren Kurven und Windungen, an verrottete Pferdeäpfel auf der Straße, an die Köttel der Schafe aus den Marschen, die jeden Tag an unserem Haus vorbeizogen, und an das Vieh, das im Schlachthof sein unerträgliches Leid hinausbrüllte. Ich erinnere mich an die dunklen Ziegel der Gerberei und an schwarzen Regen. Die schrundigen roten Ziegel der Wände waren völlig verrußt. Wenn man sie berührte, glänzten die Fingerspitzen ganz schwarz. Unter der hölzernen Brücke lauerte ein strenger Geruch, der einem in der Kehle brannte, wenn man sie morgens auf dem Weg zur Arbeit passierte.

Über dem Fluss hingegen war die Luft regenschwer und voller Geräusche. Und manchmal wehte nachts der Lärm der Matrosen über das glitzernde Wasser – Stimmen, für mich so wild und dunkel wie die Elemente –, Klänge von überall her, fremde Zungen, die flüsterten und schrien, Melodien, die zahllose enge Treppen hinauf und hinunter zu eilen schienen und mir das Gefühl gaben, ich wäre selbst an jenen fernen, sonnenverbrannten fremden Orten.

Vom Ufer aus gesehen war der Fluss großartig; widerlich war er jedoch, wenn man mit nackten Füßen die dünnen roten Würmer berührte, die in seinem klebrigen Schlamm hausten. Ich erinnere mich, wie sie sich zwischen den Zehen hindurchschlängelten.

Aber sehen Sie sich erst uns an!

Auch wir krochen wie die Maden in den neuen Abwasserkanälen herum, dünne graue Jungs und dünne graue Mädchen, grau wie der Schlick, durch den wir wateten; platschten durch die dunklen Tunnel mit ihren runden Öffnungen, wo es bestialisch stank. Die Wände waren mit schwarzer Scheiße verkrustet. Wenn wir im Modder nach Münzen fischten, in der Hoffnung, uns die Taschen zu füllen, banden wir uns Taschentücher über Mund und Nase, und unsere Augen brannten und tränten. Manchmal übergaben wir uns. Das war so normal wie niesen oder rülpsen. Und wenn wir dann blinzelnd das Flussufer erreichten, offenbarte sich uns vollendete Schönheit: ein wahres Wunder, ein hoher, edler Dreimaster, der Tee aus Indien brachte und sich schnell dem Pool of London näherte, dem Hafenbecken, wo hundert Schiffe – als wären es reinrassige Pferde, die gestriegelt, aufgezäumt, beschwichtigt und beruhigt wurden – vor Anker lagen und auf die nächste große Bezwingung der Meere warteten.

Doch unsere Taschen wurden nie voll. Ich erinnere mich an das nagende Gefühl im Bauch, das Würgen des Hungers. An das, was mein Körper machte, wenn ich nachts im Bett lag.

All das liegt sehr lange zurück. Damals hätte man meine Mutter noch leicht für ein Kind halten können. Sie war ein kleines, zähes Ding mit muskulösen Schultern und Armen, ging mit weit ausholenden Schritten und schwang die Arme aus den Schultern heraus. Sie war schon komisch, meine Mama. Wir schliefen gemeinsam in einem Ausziehbett. Oft sangen wir uns zusammen in den Schlaf in jenem Zimmer über dem Fluss – eine sehr hübsche, heisere Stimme hatte sie –, aber manchmal kam ein Mann, und dann musste ich zu den Nachbarn und auf einem Zipfel des großen, klumpigen alten Federbetts schlafen, während die nackten Füßchen sehr kleiner Kinder die Zudecken rechts und links neben meinem Kopf wegschoben und die Flöhe sich an mir satt sogen.

Der Mann, der meine Mutter besuchte, war nicht mein Vater. Mein Vater war Seemann und starb vor meiner Geburt, erzählte Mutter, aber sie erzählte wenig. Dieser Mann war ein dünner, langer Lulatsch mit wilden Augen, schiefen Zähnen in einem schlaffen, weichen Mund und gelenkigen Füßen, die, wenn er saß, ständig irgendwelche Rhythmen klopften. Er wird wohl einen Namen gehabt haben, aber den wusste ich nicht, oder falls doch, dann habe ich ihn vergessen. Egal. Ich hatte nie etwas mit ihm zu tun und er auch nicht mit mir.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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