Der Aufstand der Drachenreiter - Saphir - Alexander Fürst - E-Book

Der Aufstand der Drachenreiter - Saphir E-Book

Alexander Fürst

3,0

Beschreibung

Achill ist auf der Flucht! Er ist der Sohn des Drachenreiters Hagemar und er flieht vor den Maloms, den Anhängern des dunklen Königs, der seine Familie getötet hat. Achill soll der Nächste sein, denn er ist einer der letzten Nachkommen von 299 Drachenreitern, die einst in der Schlacht von Rexogis vom König getötet wurden. Auf seiner Flucht quer durch das Land Imperia begleiten ihn Crystalica, die junge Drachendame und eine Hand voll Freunde. Gemeinsam planen sie einen Aufstand, um das Imperium des dunklen Königs und die Herrschaft des Schreckens zu stürzen.

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Alexander Fürst

Der Aufstand der Drachenreiter

Saphir

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.© editionzweihornGmbH & Co. KG94089 Neureichenau, Riedelsbach 46Tel: (0 85 83) 24 54, Fax: (0 85 83) 9 14 35E-Mail: [email protected]: www.edition-zweihorn.deUmschlaggestaltung und Illustration: Marina KrämerCopyright © 2007 editionzweihorn, NeureichenaueISBN: 9783943199628

Inhalt

Prolog: Feinde bis in den Tod

Die Klinge des Reiters

Überfall!

Der Geschichtenerzähler

Crystalica, die Drachendame

Ein Drache als Lehrer

Die grausame Wahrheit

Sein Feuer ist heißer als das der Hölle

Allein gelassen

Der erste Flug

Der Zauberlehrer

Sommerwind

Ein weiterer Reiter

Entführungspläne

Der erste Kampf mit Magie

Endlich ein Ziel

Sercet

Ein neuer Drachenreiter

Wüstengefahren

Der fünftletzte und der letzte Reiter

Dem Tod einen Schritt näher

Kampf gegen einen Zwerg

Zwei gegen mehr als Hundertfünfzig

Im Spinnennetz

Das Gift

Gemany

Die Zwillingsberge

Kampf um den dritten Schlüssel

Die Rätsel der Sphinx

Der Lauf des Schicksals

Ein Kuss im Mondschein

In der Schlangengrube

Helenas und Hectors Vergangenheit

Die Rache der Sphinx

Die Oase

Der Sandsturm

Der Herr der Todeswüste

Die Rache

Vor dem Tor von Magiarno

Merlin

Die erste Prüfung

Vergangenheit und Gegenwart

Der eiskalte See

Das Portal zu lang ersehnten Fähigkeiten

Aufbau der Fallen

Der Krieg

Die Entscheidung

Der Abschied

Magieliste

Für Mami, in Liebe

Ich danke meinen Eltern für die umfassende Unterstützung von Anfang an und Marina Krämer für die wunderbaren Zeichnungen. Ein ganz besonderer Dank geht an meinen Bruder, weil er immer da war und ohne ihn die Geschichte manchmal anders verlaufen wäre.

Prolog: Feinde bis in den Tod

Das fahle Licht des Vollmondes erhellte die Nacht. Dichte Nebelschwaden bildeten sich aus der aufsteigenden Feuchtigkeit des Bodens und verdeckten langsam die Sterne des Nachthimmels. An den Hängen markierten hohe Fichten den Rand eines Waldes, weitläufiger, dichter und verlassener, als es sich je ein Mensch unserer Zeit vorzustellen vermag. Die Bäume besaßen Astwerk, als hätten sie tausend Arme, und standen so dicht, dass es für den Wanderer kein Durchkommen zu geben schien. Selbst bei helllichtem Tage war es dort dämmrig. Durch die Wipfel der Bäume blies der kalte Nordwind und in der Ferne war das einsame Heulen eines Wolfes zu hören. Das war der Alptraumwald.

Hier waren Elfen und Zwerge zu Hause. Die Elfen verfügten über große, silbern schimmernde Flügel und konnten mit der gewaltigen Kraft der Magie Berge versetzen. Die Zwerge waren wesentlich kleiner, sie waren ausgezeichnete Handwerker und tapfere Kämpfer. Trotz aller guten Eigenschaften führten beide Seiten einen erbitterten Krieg. Schuld daran war der dunkle Lord, König von Imperia, denn er hatte über sie den Fluch von Neid und Zwietracht gelegt und hetzte sie immer wieder aufs Neue gegeneinander auf.

Der Wind blies eine leise Melodie, die sich über dem Alptraumwald in ein seufzendes Stöhnen verwandelte. Hagemar, ein Mann von hünenhafter Gestalt, stand am Rand des Waldes. Die tiefen Furchen in seinem ernsten, jedoch gütigen Gesicht zeugten von einem langen, ereignisreichen Leben. Sein wallendes schwarzes Haar wurde vom Wind gestreichelt. Ein pechschwarzer Umhang, mit goldenen Punkten verziert, wurde an der Brust von einer Spange gehalten. Ein brauner Gürtel hing an seiner Hüfte, an dem eine mittelgroße Lanze mit scharfer Spitze und einem Schaft, gefertigt aus edlem Holz, und ein Messer befestigt waren.

Plötzlich ließ der Wind nach und die Grashalme hörten auf sich zu bewegen. Es schien, als hielte der gesamte Alptraumwald die Luft an. Aus dem Dickicht hinter Hagemar sprang eine grauenerregende Kreatur auf die im Mondlicht schimmernde Wiese. Eine Kapuze bedeckte fast das ganze Gesicht, bloß das Funkeln der bösen Augen und das hämische Grinsen waren sichtbar. Das war ein Malom!

Diese Geschöpfe waren treu ergebene Diener des finsteren Königs. Sofort zog der Malom sein Schwert aus der Scheide. Für kurze Zeit war Hagemar überrascht hier einen Diener des Bösen zu treffen, doch dann sahen sich beide tief in die Augen, seine rechte Hand umfasste sogleich den goldenen Schaft seines Schwertes und zog es langsam aus der Scheide. Beide beäugten sich und warteten auf einen Moment der Unachtsamkeit des Gegners, um den unausweichlichen Kampf zu beginnen. Der Malom atmete schwer und vor seinem Mund bildete sich weißer Nebel. Hagemar hatte schon oft in seinem Leben gegen Maloms gekämpft. Trotzdem beschlich ihn plötzlich Angst. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken und er hatte das Gefühl, sein Blut gefriere ihm in den Adern. Es dauerte einen Augenblick lang, bis er sich wieder beruhigte. Doch die dunkle Vermutung aus seinem Innersten blieb.

Und so entschloss er sich, den Malom auf die Probe zu stellen. Er holte mit seinem Schwert aus. Der Malom duckte sich und versuchte seinerseits mit einem Hieb den Feind des Königs in die Seite zu treffen. Der aber war schnell genug und parierte den Schlag. Sogleich lieferten sich beide einen wilden Schlagabtausch. Die Schwerter trafen klirrend aufeinander und fingen an rötlich zu leuchten. Aber sosehr sich Hagemar mühte, entweder wehrte der Malom seine Schwerthiebe ab oder er wich blitzschnell der heranrasenden Klinge aus. Schließlich schlug der Malom mit solcher Kraft mit seinem Schwert zu, dass Hagemar nach hinten stolperte und das Geschöpf Gelegenheit hatte, auf den am Boden Liegenden nochmals mit dem Schwert einzuschlagen. Hagemar drehte sich noch, aber die Klinge traf ihn in den linken Arm und durchtrennte diesen. Hagemar brüllte vor Schmerzen. Dunkles Blut berührte das weiche Moos.

Sofort stellte Hagemar dem Malom ein Bein, der stolperte. Der Mann nutzte die Gelegenheit und stach auf ihn ein, traf den Malom aber nicht, weil der sich zur Seite rollte und danach blitzschnell wieder aufstand.

Hagemar beschlich wieder seine dunkle Vermutung, die sich nun bewahrheiten sollte. Zum zweiten Mal packte ihn die Angst. Nach ein paar Sekunden, die ihm wie Stunden vorkamen, flüsterte er mit zitternder Stimme: „Du kannst kein Malom sein, du bist viel zu stark!“

Der Malom lachte. Es schallte im Alptraumwald wider und Vögel flogen aus dem Wald. Hagemar hörte ein paar knappe Worte und anschließend warf ihn ein gewaltiger Luftstoß um. „Natürlich bin ich kein Malom! Wie lange hat es gedauert, bis du es bemerkt hast? Bin ich etwa so schlecht im Kämpfen, dass man mich mit einem Malom vergleichen kann?“

Das Geschöpf hob die Arme und hinter ihm schlug ein Blitz in den Alptraumwald ein.

Der Mann stand auf und suchte nach Worten: „Du … bist … der König!“

Ein höhnisches Lachen aus dem Mund des Geschöpfs ließ erneut die geheimnisvolle Stille in der Luft zerbersten.

„Natürlich bin ich der König! Ich werde da anfangen, wo ich aufgehört habe!“ Wieder ertönte das grauenvolle Lachen.

Die finstere Aura des Königs umgab Hagemar und fing an, ihn schleichend zu lähmen. Hatte er nicht viele Jahre lang als Drachenreiter gegen die dunklen Machenschaften des Königs gekämpft? Sollte jetzt alles vergeblich gewesen sein? Der König war ihm immer noch an Stärke und Macht weit überlegen und in dem Moment fühlte sich Hagemar, als müsste er gegen Berge ankämpfen, so erdrückend schien ihm die Kraft seines Feindes. Er schloss seine Augen, war doch Magie in ihm? Eine unverhoffte Energie durchströmte Hagemar und weckte in ihm neue Kraft. Er musste jetzt alles geben. Von ihm hing das Schicksal der gesamten Menschheit ab! Er ballte die Faust, unterdrückte den Schmerz an seinem Arm, ignorierte das Brennen und versuchte, den Blick nicht auf dem Armstumpf ruhen zu lassen. Das Lachen dröhnte in Hagemars Ohren und der Mann war kurz davor, aufzugeben …

Er hatte alles gegeben. Sein Drache war nicht da, er würde ihn niemals wieder sehen. Hagemar fühlte, wie ihm bei lebendigem Leibe die Seele herausgerissen wurde und er spürte wie das Band der Vereinigung langsam zerriss. Wenn er sie doch nur noch einmal sehen, einmal über ihre sanften Schuppen streicheln und in ihre kristallenen Augen blicken dürfte. Noch einmal den Wind in den Haaren bei einem atemberaubenden Flug hören und sich durch den sanften Schleier des Wolkenkleides tragen lassen könnte.

Die Überraschung und Überlegenheit lag auf der Seite des Königs. Wild entschlossen riss sich Hagemar noch einmal zusammen: Er würde nicht aufgeben, nicht er. Er war der berühmteste Drachenreiter in ganz Imperia und würde niemals seinen Drachen und seine Familie im Stich lassen – obwohl es fast keine mehr war! Der König hatte schon zu viel Leid verbreitet, es musste ein Ende geben! Der Reiter sammelte ein letztes Mal Kraft und schrie: „Umso besser, dann kann ich mich gleich an dir rächen für das, was du mir angetan hast. Meiner Familie und meinem Soooooohn!“

Mit einem Mal wehte der Wind wieder und Hoffnung und Liebe verbreitete sich in der Luft. Ein Gefühl der Reinheit und der Entschlossenheit überkam Hagemar. Jetzt! Jetzt würde er es tun und ganz Imperia vor dem Untergang retten! Er nahm seine Lanze und warf sie auf den König. Der aber hob seine Hand und schien unbeeindruckt zu sein. Ein beängstigendes Schnipsen war zu vernehmen und die Lanze zersprang in tausend Bruchstücke.

Seine Gegner waren nie so stark wie der König gewesen, aber noch wollte er nicht an seine Niederlage glauben. Ihn beschlich ein eigenartiges Gefühl. Er wollte plötzlich aufgeben, er wollte sich auf die Seite des Königs stellen und somit sein Leben retten, aber sein Gewissen kämpfte mit dem Gefühl. Fragen über die früheren Drachenreiter tauchten in ihm auf. Hatten sie auch so gedacht? Hatten sie sich auch auf die Seite des Königs gestellt? Nein! Keiner von ihnen hätte das getan. Schon gar nicht, wenn die eigene Familie, Mensch für Mensch durch die Schergen des Königs ermordet wurde! Hagemar dachte an seinen Sohn. Er war zu Großem bestimmt, dessen war er sich sicher. Hagemar würde immer für seinen Sohn kämpfen, denn etwas anderes machte sein Leben nicht mehr lebenswert. Der König würde ihn niemals in die Finger kriegen! Nicht seinen Sohn Achill! Der Mann presste die Zähne zusammen, ballte erneut die Faust und brüllte all seine Wut und seinen Zorn, die in seiner Brust steckten, heraus.

Er stand auf, mit klopfendem Herzen und pochendem Arm hielt er das Schwert in der Hand. Er jagte auf den König zu und holte mit seinem Schwert aus, doch der König verschwand plötzlich im Nichts und kalter Rauch berührte Hagemars Gesicht. Er fühlte sich seltsam erleichtert. Eine Stimme drang an das Ohr des Reiters. Sie erschien ihm weit entfernt, obwohl er den Atem, mit seiner vollkommenen Kälte, ganz genau spüren konnte: „Du Narr! Du machst mir nichts als Ärger! Du hast mir immer einen Strich durch die Rechnung gemacht und nun willst du mich aus dem Weg räumen!“

Hinter ihm tauchte der König auf und stieß ihm seine harte Faust brutal in den Rücken. Hagemar fiel zu Boden. Er keuchte gewaltig. Niemand konnte den König besiegen, aber das wollte der Reiter nicht wahrhaben. Der König schleuderte mit einem mächtigen Luftstoß das Schwert Hagemars zwanzig Fuß weit weg. Hagemar hatte aber nun seine Beine um die des Königs geschlungen und zog daran. Der Herr der Dunkelheit fiel zu Boden. Hagemar nutzte die Gelegenheit und hastete zu seinem Schwert. Als er das Schwert erreichte, sauste ein violetter Ball aus reiner Magie auf ihn zu. Im Bruchteil einer Sekunde riss der Reiter sein Schwert an sich und schmetterte die Kugel zurück zu ihrem Urheber, dem König. Der aber verschwand abermals im Nichts. Es begann leicht zu regnen und nun spürte Hagemar, wie ihn das Schwert des Königs am rechten Arm streifte. Der Reiter schrie voller Qualen und Schmerzen auf, packte den König abermals am Fuß, warf diesen zu Boden und stürzte sich auf ihn. Getrieben von der nackten Wut vergaß er augenblicklich den Schmerz und umklammerte das Schwert noch fester, um damit die Kehle des Königs zu durchschneiden Doch der König verschwand erneut in der Finsternis und tauchte gleich darauf hinter dem Reiter auf. Der aber hatte den Trick schon durchschaut und warf sein Messer, das er am Gürtel immer bei sich trug, auf den König. Dieser bemerkte den Wurf zu spät und eine klaffende Wunde zeichnete sein Gesicht. Der Herrscher der Finsternis wischte mit dem Daumen das Blut weg. Er raste auf Hagemar zu, mit brüllendem Geschrei hob er das Schwert …

Der Drachenreiter blieb wie angewurzelt stehen. Er wusste, dies war sein Schicksal und er konnte es nicht umgehen. In seinen Augen erschien das Licht des Vollmondes. Ein krachender Donner hallte im Alptraumwald wider und das Schwert des Königs steckte im Bauch des Reiters. Abermals floss Blut aus dem Körper Hagemars. Der König zog die Klinge mit einem Ruck heraus und der Mann fiel zu Boden. Der Herrscher der Finsternis verwischte das Blut am Köper des Reiters so, dass keine nackte Haut damit in Berührung kam, nur die Kleider wurden mit dem Blut benetzt. Zuletzt fügte er noch hinzu: „Fahr zur Hölle, Hagemar.“ Seine Stimme klang dabei schadenfroh und schaurig. Der Reiter hatte den Mund offen und weit aufgerissene Augen. Sein Dasein zerrann wie Sand zwischen den Fingern, er fühlte, wie das Blut aus den Adern wich, er konnte nicht mehr denken, er spürte, wie er von dieser Welt ging, wie der Tod ihm die Hand entgegenstreckte. Was geschah mit ihm? Alles wurde schwächer und schwächer vor seinen Augen, alles Leben wich von ihm. Der König pfiff …

Eine Weile geschah nichts, bald würde der Reiter sterben. Noch schlug sein Herz. Plötzlich hörte er ein Brüllen und entsetzt drückte er die Augen zu. Das Brüllen bohrte sich tief in seine Ohren. Es war voller Hass und Zorn. Hagemar versuchte die Augen zu öffnen, doch dann wünschte er sich, er hätte es nicht getan. Er spürte die Luft vibrieren.

Ein gigantisches Geschöpf flog heran, es besaß vier Beine mit messerscharfen Krallen und einen langen Schwanz, welcher mit scharfen und spitzen Zacken bedeckt war. Sein pechschwarzer und an manchen Stellen blutroter Körper war vollständig von Schuppen bedeckt. Riesige Flügel kamen langsam zum Vorschein. Hauchdünn waren die Schwingen. Der Kopf aber war das Schrecklichste an diesem Geschöpf. Spitze, lange Hörner hatten sich an den Hals gelegt, ständig bereit, um ausgefahren zu werden. Grauenerregende weiß glitzernde Zähne kamen zum Vorschein, die den gewaltigen Unterkiefer betonten. Rubinrote Augen sah Hagemar, die Hass und nichts als Zerstörung ausdrückten. Ein weiteres Gebrüll war zu vernehmen und Hagemar schauderte.

Bilder schossen ihm durch den Kopf, Bilder, die glückliche Zeiten in seinem Leben darstellten. Als er seinen Drachen bekam, als er das erste Mal in ihre kristallfarbigen Augen blickte. Als er seine Frau kennenlernte und als er Achill in den Arm nahm, ein winziger Mensch noch, gerade eine halbe Stunde alt. All dies war nun vorbei. Zerstört von der rasenden Wut des Königs. Der Drache landete und Hagemar spürte, wie der Boden unter den gewaltigen Füßen des Drachen zitterte. Er sah den König auf die Kreatur steigen und wegfliegen. Dann lag er alleine und einsam auf dem kalten Erdboden. Der Regen donnerte auf seine Haut und er spürte, wie bei jedem Regentropfen seine Lebenskraft schwächer und schwächer wurde. Jeder normale Mensch wäre ohnmächtig geworden, oder wegen des hohen Blutverlustes gestorben, aber Reiter waren da anders. Ihre Überlebenschancen waren höher als die der normalen Menschen. Bestimmt zwei endlose Stunden könnte Hagemar so daliegen und auf den Tod warten. Krächzendes Geschrei von Vögeln und eine sanfte Brise, die in sein Gesicht blies, beruhigten Hagemar langsam. Nun war schon eine Stunde vergangen. Er wagte kein Körperglied zu rühren, in der Angst, er könnte vor Schwäche nicht mehr atmen. Sein Herz schlug langsamer und lauter als sonst. Schweiß trat auf seine Stirn und hohes Fieber stieg in Sekunden noch höher. Hagemar spürte das eiskalte Atmen des Todes in der Kehle. Da hörte er plötzlich Schritte näher kommen, und der Drachenreiter sah seinen Bruder, der jetzt auf die Knie fiel und sofort an der Art der Wunden erkannte, was sich zugetragen hatte. „Hagemar?“, fragte der Bruder langsam und mit zitternder Stimme.

„Ja … ich lebe noch“, murmelte der Reiter, dann fügte er jedoch noch traurig hinzu, „aber ich werde sterben.“

„Sag doch nicht so etwas!“, rief der Bruder erregt.

„Würdest du mir einen Wunsch erfüllen?“, fragte Hagemar mit tonloser Stimme und manche Wörter verschwanden durch seine Schwäche. Er schien die Worte seines Bruders zu ignorieren. Dieser verstand allerdings, was der Reiter meinte, und jetzt war er erstaunt, dass er eine Bitte an ihn hatte. Anschließend flüsterte er bedachtsam: „Ja. Es wäre mir eine Ehre!“ Hagemar lächelte, seine Stimme hatte kaum noch Kraft: „Ich habe gegen Magie … den König gekämpft, ich wollte mich an ihm rächen, für alles, was er unserer Familie angetan hat. Ich bin gescheitert, das Einzige, was mir nun noch bleibt … ist mein Sohn, den ich nun auch nicht mehr sehen kann … Da ich nicht für ihn sorgen kann, mach du es für mich. Gib ihm mein Schwert. Sage ihm erst, wo ich bin und was sich heute zugetragen hat, wenn er bereit für die Reise ist.“

„Ja, das werde ich tun!“, rief der Bruder und Tränen berührten sein Gesicht.

„Unterdrücke den Namen auf meinem Schwert und … gib mir … einen ehrenvollen Tod… nimm dazu mein Schwert und lass mich dann auf einem Haufen Bäume verbrennen“, flüsterte Hagemar schwach. Der Bruder blieb nun stumm.

Nein!

So etwas konnte er nicht machen, aber er wusste, er musste es tun, der LETZTE WILLE musste erfüllt werden.

Schweren Herzens nahm er das Schwert. Der Regen wurde stärker und der Drache von Hagemar erschien am Himmel. Er war saphirblau und seine Flügel hingen schlaff nach unten. Auch der Drache war schwach und konnte sich kaum noch in der Luft halten. Er war so blau wie das Meer und so friedlich wie eine Amsel. Hagemar blickte mit Tränen in den Augen zu seinem Drachen hinauf und flüsterte: „Crystalica, ich danke dir für alles, was du für mich getan hast… ich liebe dich.“ Ein lautes Brüllen war zu vernehmen. Der Bruder atmete noch einmal tief ein. Er hielt die Augen geschlossen und holte mit dem Schwert aus. Der berühmteste und mächtigste Drachenreiter in ganz Imperia lag vor seinen Füßen und verlangte nach dem Tod! Vögel flohen und der Alptraumwald erzitterte. Hagemar, der sogar eine Stadt nach seinen Namen besaß, war tot.

Der Bruder fällte mit Magie ein paar Bäume und legte sie neben und auf Hagemars Körper. Der Drache, der Crystalica hieß, war immer noch in der Luft und zog hoch über dem toten Hagemar seine Kreise und ließ immer wieder ein Brüllen hören, doch von Mal zu Mal wurde es schwächer. Zu guter Letzt ließ der Bruder seine linke Hand über den Namen des Schwertes gleiten und der Name verschwand Buchstabe für Buchstabe.

Traurig hob der Bruder seine Hand und öffnete sie: „I … Ignis***!!!“ Ein kleiner Funke schoss auf einen Baumstamm zu und nach einigen kurzen Sekunden standen alle Baumstämme in Flammen. Trotz des heftigen Regens wurde das Feuer größer und größer. Die Flammen schossen hoch auf und Funken flogen durch die Luft. Hagemar … Es war ein trauriger Tag für die Rebellen und ein glücklicher für das Imperium. Der Bruder starrte wie besessen auf das Feuer. Die Flammen spiegelten sich in seinen Augen wider und er konnte es nicht mehr zurückhalten. Er schrie und brüllte. Die ganze Wut und die gesamte Trauer wurden von ihm herausgebrüllt.

„Hagemaaaaaaaaaaaaaaaaaaar!!!“

Crystalica bewegte mühsam die schlaffen Flügel. Sie ließ sich mitten in das Feuer fallen und schrie ebenfalls … ein Schreien des Endes, ein Schreien, das Qualen in der Luft verbreitete. Dem Bruder rann eine Träne über das Gesicht und er hörte auf zu brüllen. Leere breitete sich in ihm aus. Kaum hörbar flüsterte er: „Mögest du ruhen und Frieden finden.“ Dann wandte er sich ab und ließ das Feuer mit dem berühmtesten und stärksten Reiter aller Zeiten und seinem wunderbaren Drachen langsam sein vernichtendes Werk vollenden. Die Asche wurde anschließend vom Winde hinfortgetragen…

Die Klinge des Reiters

Eine Klinge zischte durch die Luft und schimmerte golden in den ersten wärmenden Strahlen der aufgehenden Sonne. Die Tautropfen an den Margeriten glitzerten wie Millionen kleinster Edelsteine. Eine kleine mit Stroh gedeckte Hütte schmiegte sich inmitten von Fichten, Tannen und ein paar Lärchen in die Landschaft. Ein kleiner Bach schlängelte sich durch die Auen um den sanften Hügel. Gras war kaum zusehen, denn an vielen Stellen bildeten sich schon Risse im Boden. Es war Trockenzeit und das Wasser wurde bei den meisten Menschen knapp. Achill, ein Bauernjunge, übte sich im Kämpfen mit seiner Schwertklinge. Sein Haar war dunkelblond und zu einem Mittelscheitel gekämmt. Die grünen, ernsten Augen und die Konzentration auf die Bewegungen des schweren Schwertes ließen einen gebildeten, höflichen Jungen erkennen. Sein Leinenhemd war weiß und die Hose dazu blau. Nachts, wenn die Kälte spürbar wurde, bedeckte eine blutrote Jacke zusätzlich seinen sehnigen Körper, der vom harten Arbeiten auf dem Hof geprägt war. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn und tropften auf die Klinge. Sie war golden, schwer und er hatte sie vor vier Jahren zu seinem elften Geburtstag erhalten. Der Griff hatte die Form eines Kreuzes und war mit einem ebenfalls goldenen Drachen geschmückt. Das Feuer aus dem Mund des Drachen umschlängelte die Klinge. Manchmal hatte der Junge das Gefühl, das Feuer würde rot aufleuchten, aber wahrscheinlich waren es nur die Trockenzeit und die Hitze, die ihm einen Streich spielten. Jede freie Minute, die er neben seinen Aufgaben hatte, trainierte er mit dem Schwert. Es war wunderschön und hinterließ ein Gefühl der Zuversicht in seinem Innern. Achill fühlte sich in der Gegenwart der Klinge sicher, es war, als wäre dort eine Seele, ein Geist, eingeschlossen, der über ihn wachte. Manchmal war er so konzentriert, dass er vollkommen die Zeit vergaß, er war wie in Trance. Auch jetzt bewegte sich der Junge fast wie mechanisch. Er führte seine Paraden immer wieder in anderer Schwerthaltung aus und seine Angriffe waren immer unvorhersehbarer. Manchmal stellte er sich einen Mann vor und kämpfte mit ihm, wobei er immer entweder jeden Schlag abwehrte oder geschickt auswich.

Sonntags besuchte er die Bibliothek, um zu lesen und schreiben konnte er schon fast wie ein Gelehrter. Seine gebildete und höfliche Wortwahl und sein umfangreiches Vokabular zeugten eher von einem Adeligen als von einem Bauernjungen. Allerdings war es nicht selten, dass Achill seinen Onkel verspottete. Sie stritten fast nie, und der Spott war meist nur dazu da, um gute Laune zu erzeugen.

Es herrschten dunkle Zeiten und Lebensmittel waren in Curvill, dem Dorf, in dem er wohnte, meist nur zu Wucherpreisen zu bekommen. Banditen, Plünderer und Mörder streiften in ganz Imperia umher. Da fühlte man sich schon viel sicherer, wenn man eine Klinge und einen Bogen führen konnte. Es war ein kleiner Hof, in dem Achill und sein Onkel hausten. Das Land umfasste kaum zwölf Morgen und im Stall standen drei Kühe, vier Schweine und dazu Federvieh. Alles in allem reichte es für ein bescheidenes Leben.

Achill hatte einiges an Geld zusammengespart. Sein Onkel hatte schon immer gesagt, er sei ein echter Abenteurer. Irgendwann würde der Junge hinaus in die weite Welt gehen, Freunde finden, mit ihnen Tiere jagen, um zu überleben. Er würde nachts frieren und meist nur von Beeren leben … Achill träumte von diesem Leben, aber er konnte doch nicht seinen Onkel alleine mit dem Bauernhof zurücklassen. Schließlich war er ja für die Tiere verantwortlich. Er musste dafür sorgen, dass sie genug zu fressen bekamen und ihren Stall in Ordnung halten.

Achill liebte es, morgens in der Kälte einmal ums Dorf zu laufen und manchmal ein paar Pilze oder Beeren mit heimzubringen. Die Feldarbeit war Sache seines Onkels, bei der Ernte arbeiteten sie natürlich zusammen. Er führte ein glückliches und friedliches Leben. Nur selten tauchten hier Räuber auf, die den Hof plündern wollten. Dann ließ der Onkel seiner Wut über die Gesetzlosen freien Lauf. Er war ein guter Schwertkämpfer und er sagte, dass Achill bald an seine Fähigkeiten herankommen würde, aber der Junge zweifelte dies oft an.

Der Bauernjunge führte einen letzten mechanischen Schlag aus, verharrte in der Stellung und ließ dann die Konzentration und die Anspannung abfallen. Er wischte den Schweiß von der Stirn und atmete tief aus. Hinter sich hörte er Schritte näher kommen. Er wusste sofort, wer es war.

Ohne sich umzudrehen, sagte er mit tiefer Stimme und ein Lächeln huschte dabei über sein Gesicht: „Guten Tag Onki!“

Als Antwort bekam er ein tiefes Brummen: „Du sollst mich nicht Onki nennen! Du verletzt meinen Stolz!“ Achill lachte ein wenig und drehte sich um. Sein Onkel trug eine zerfetzte Hose aus Wildleder und ein altes Paar Schuhe. Sein Oberkörper wurde von einem grauen Hemd bedeckt und braunes lockiges Haar zierte seinen Kopf. Ein langer Bart, der ihm bis zur Brust reichte, kringelte sich wie seine Haare. Er trug eine neuere Scheide, in der ein Schwert steckte, mit sich. „Sei nicht so empfindlich, Onki“, lachte Achill. Sein Ziehvater war immer lustig, aber der Junge fand, dass dessen Tonfall viel zu ernst war. Der Mann zog sein Schwert aus der Klinge und begann einen Angriff. Es war ein Hieb, den Achill jedoch mit seiner Klinge abwehrte. Mindestens einmal in der Woche kam sein Onkel vor den Hof und wollte Achills Schwertkunst prüfen. Selbstverständlich verlor der Junge immer, aber dafür, dass sie mit echten Klingen kämpften, hielt sich Achill immer besser. Der Onkel hatte ihm sogar neulich eine Wunde am Arm zugefügt, die den Jungen noch nach drei Tagen geschmerzt hatte und erst seit letzter Woche vollkommen verheilt war. Der Onkel drehte sich und ließ sein Schwert nach unten sausen. Mit einem kurzen Sprung wich Achill der heranrasenden Klinge aus und ging selbst zum Angriff über. Eine leichte Parade blockte den Angriff ab. Der Junge fiel, weil sein Onkel mit einem Bein die Füße Achills vom Boden zog. Der Aufprall war hart. Der Ziehvater drehte sein Schwert mit der Spitze nach unten und stach zu. Der Angriff kam langsam, sodass Achill genug Zeit hatte, ihm mit einer Drehung auszuweichen. Der Bauernjunge sprang flink wieder auf die Beine und hob kampfbereit sein Schwert. Plötzlich begann beim Aufeinandertreffen der Klingen das Feuer, das Achills Schwert umgab, zu leuchten. Es leuchtete so hell, dass es den Jungen für kurze Zeit blendete. Der Onkel erschrak und brach den Kampf ab. Es herrschte Stille. Die trockene Hitze des Tages legte sich wie ein Schleier auf die beiden. Es war unerträglich. Eine sanfte, kaum spürbare Brise blies dem Jungen ins Gesicht. Sie tat gut und erfüllte ihn kurz mit Kälte, nur um dann wieder der Hitze zu weichen. Achill wusste, dass es keine Einbildung war, erst jetzt hörte das Schwert auf, zu leuchten und der rote Schein verblasste, als wäre nichts passiert.

„Was war das?“, hauchte Achill leise.

Der Onkel atmete tief aus und seufzte. „Du bist nun so weit, Achill. Die vier Jahre der Übung machen sich jetzt bezahlt. Lass mich dir eine Gegenfrage stellen.“

„Und die wäre?“

„Kennst du die Elfen und die Zwerge?“

Ja, wollte Achill sagen. Aber warum fragte sein Onkel ihn das? Er lebte in dem Land, in dem sie auch lebten. Die Elfen waren magische Wesen, mit ihrer Magie übertrafen sie sogar die Zauberei, die die weißen Magier in den schneeweißen Bergen beherrschten. Sie waren zart, hatten eine Schwäche für Liebende und lebten wie die Zwerge im Alptraumwald. Ihr Volk bestand überwiegend aus Frauen. Sie waren lustig, hatten wunderbare Gärten und ihre Singstimmen waren traumhaft schön. Nur hatte sie noch fast kein Mensch zu Gesicht bekommen, denn sie lebten in einem der größten und gefährlichsten Wälder überhaupt.

Die Zwerge legten sehr viel Wert auf Muskelkraft und Stärke. Sie hatten eine Vorliebe für Gold und waren kriegsvernarrt. Ihr Volk bestand fast nur aus Männern. Leider waren sich beide Seiten uneins, weshalb sie Krieg gegeneinander führten. Man sagte, dass der König sie aufgehetzt hatte. Der König war ein finsterer Herrscher und ein Drachenreiter. Deshalb war er unsterblich. Noch dazu lebte er im Tal des Nebels, wo die Maloms, seine Gefolgsleute, hausten und von wo aus er ständig Krieg gegen andere Länder führte. Die Zahl der Maloms war unermesslich und jeder für sich stärker als ein normaler Mensch es je werden konnte. Das sagte man jedenfalls. Es gab nie Frieden in Imperia, immer Krieg, Blutvergießen und … Mord! Gerüchte gingen auch herum, dass Verräter unter den Elfen – dem Volk der Liebe! – waren.

Achill fand dies unverständlich.

„Natürlich kenne ich sie, aber warum diese Frage?“

„Weil dieses Schwert, das du in den Händen hältst, von ihnen erschaffen wurde. Es besteht nicht aus Gold, wie man auf den ersten Blick vermuten würde, nein, es besteht aus einem seltenen Metall und wurde mit einer dünnen Goldschicht und mit einem Zauber der Elfen überzogen. Der Drache, den du auf dem Schwert siehst, bewirkt, dass das Gold für immer darauf vorhanden bleibt, deshalb wird es nie zerbrechen oder unscharf werden wie normale Klingen. Es gibt insgesamt nur zwei solche Schwerter in ganz Imperia, die von den Zwergen geschmiedet und von den Elfen verzaubert worden sind. Du kannst sehr stolz darauf sein, dass du es hast.“

„Das bin ich“, sagte Achill nachdenklich, „aber warum hast du es mir dann geschenkt, weshalb hast du es nicht behalten, wenn es doch so selten und wahrscheinlich auch so mächtig ist?“

„Weil diese Klinge einem Krieger gehörte, der mir sagte, ich solle sie dir schenken. Dieses Schwert ging nach der Erschaffung verloren und danach hat dieser Krieger es wieder gefunden.“

Es herrschte Stille. Die neuen Nachrichten musste Achill erst einmal aufnehmen und ordnen. Sein Schwert wurde von den Elfen und Zwergen erschaffen und von einem Krieger danach geführt. Jetzt befand es sich in seinen Händen. Achill empfand Stolz und Neugierde.

„Glaubst du an Drachen?“, fragte der Onkel und hob eine Augenbraue.

Die Frage traf Achill, etwas in seinem Herzen regte sich und danach empfand er tiefen Hass und Furcht. „Ja, aber ich hasse sie. Warum fragst du mich danach? Ich habe genug über Drachen und ihre verdammten Reiter erfahren, um zu wissen, dass sie böse sind!“

Der Junge dachte an den König. Er war wirklich böse und hasserfüllt. Er hatte ungerechte Gesetze erlassen, wer sie nicht befolgte, starb. Egal welche Ausreden oder welche wahren Gründe es geben mochte. Der König führte ständig Krieg gegen andere Länder, um sie zu erobern. Ständig verloren die Menschen Krieger. Irgendwann hatte der König sich seine eigenen erschaffen.

Maloms. Sogar schon bei diesem Wort wurde Achill übel. Die Maloms machten es unmöglich, einen Krieg gegen sie zu gewinnen. Deshalb würde der König, weil er ein Drachenreiter war und unendlich lang leben würde, unendlich tyrannisieren, unendlich Krieg führen. Und welches Volk es versuchte, die Horden von Maloms auszurotten, war zum Scheitern verurteilt. Dennoch erfüllte Achill bei seinen Worten ein Gefühl der Schuld. Es war wie ein Stich ins Herz. Warum war er so hart zu den Drachen, er konnte sich doch kein Urteil über sie bilden. Oder doch?

„Sei vorsichtig, diese Klinge wurde von einem Drachenreiter geführt.“

„Soll das heißen, dass der König sie geführt hat und sie mir übergeben hat? Was soll das für eine schwachsinnige Rede sein!“

„Es gibt weitaus mehr Personen als nur den König, die dem Kreis der Drachenreiter angehören.“

„Und wer?“

„Das erzähle ich dir, wenn du reif dafür bist.“

„War der Krieger denn böse?“

Achill kannte bereits die Antwort. Selbstverständlich war er böse. Das waren doch alle Drachenreiter und ihre … Drachen! Wieder beschlich ihn dieses Gefühl der Schuld. Er kannte doch nicht alle Drachenreiter …

„Nein, er hat für das Gute gekämpft, für das Wohlergehen der Armen und der Schwachen. Dafür, dass das Böse besiegt wird, das in unserem Volk herrscht.“

„Es herrscht auch in anderen Völkern Frevel!“

Achill war völlig aufgebracht.

„Ja, aber solange der König lebt, wird kein anderes Volk an die Macht kommen können, also ist es unerheblich, ob es bei anderen Völkern auch Frevel und Attentate gibt.“

„Meinst du damit etwa die Unsterblichkeit des Königs?“

Immer wenn ein König starb, dann durfte ein anderes Volk den König ernennen, es war wie ein ewiger Kreislauf, aber da der König ein Drachenreiter war, würde es zu keinem Kronenwechsel mehr kommen.

„Unser Gespräch führt zu nichts, Achill. Beantworte mir diese Frage noch, hasst du die Drachen immer noch?“

Achill überlegte sich die Antwort gut. Stellte sich die Frage noch einmal selber. Er konnte kein Urteil fällen, konnte nur vermuten.

„Ja.“ Mehr brachte er nicht heraus.

„Warum“, fragte der Onkel, „warum tust du das?“

„Weil man nur Schlechtes von ihnen hört!“, Achill war aufgebracht und wütend. „Warum interessiert dich das? Es spielt doch keine Rolle! Der König ist böse, sein Drache ist böse und damit sind alle böse. Warum sollte es nicht auf andere Reiter abfärben?“

„Warum denkst du, dass es so sein muss?“, fragte der Onkel.

„Weil … weil … weil es einfach so ist!“ Achill fühlte sich jetzt so jämmerlich. Weshalb hatte er das jetzt gesagt? War das, was er eben gesagt hatte, seine wahre Meinung über Drachen? Oder hatte er sich da eine Wahrheit zurechtgelegt?

„Mach dir selber ein Bild von ihnen, besuche den Geschichtenerzähler in Aresis, er wird dir mehr über Drachen erzählen.“

„Aber warum willst du, dass ich Verständnis für die Drachen bekomme?“, forschte Achill neugierig. Weil es deine Bestimmung ist, wollte der Onkel sagen, verbiss es sich aber und zwang seinen Ziehsohn, nach Aresis zum Geschichtenerzähler zu gehen.

Schwärze umgab Achill wie ein Schleier des Todes, Schmerzen über die Worte und das Gespräch wurden deutlich spürbar. Unglaubliche Kopfschmerzen und der Drang, vor Qualen zu schreien und zu brüllen, versperrten ihm eine klare Sicht. Schweißperlen tropften von seiner Stirn auf den Boden, zeigten große Wasserflecken auf dem Laken, auf dem er lag. Er schrak hoch, ein Gefühl der Angst beschlich ihn. Er unterdrückte einen Schrei. Langsam aber sicher wurde Nebel sichtbar. Achill tastete unbewusst nach seiner Scheide, aber der Nebel berührte seine Hand und Kälte, Eiseskälte umhüllte die Hand und sie verharrte an der Stelle und blieb steif. Achill zog sie zurück, wärmte sie, wie ein Kind, wollte fliehen, kroch auf allen vieren rückwärts, bis er an die Holzwand stieß. Der Nebel wurde mächtiger, verdichtete sich und verwandelte sich in das Gesicht eines Löwen. Ein Brüllen durchzuckte den Raum und dann spürte Achill, wie sich der Nebel im Raum niedergelassen hatte. Er spürte, wie etwas Feuchtes an seinen Kleidern zog. Der Bauernjunge fühlte den Frost, der die Möbel umkreiste, der Eiszapfen an seiner Nase bildete. Achill stieß Nebel beim Ausatmen aus. Er lag im Wasser. Das Wasser stieg höher und höher, bis nur noch der Kopf aus dem Wasser emporragte. Er bekam kaum noch Luft, er brachte keinen Laut mehr heraus. Die Angst, die zusätzlich seine Kehle zuschnürte, umfasste ihn wie die Hand des eisigen Todes. Auf dem Wasser bildete sich eine leichte, gefrorene Schicht. Achill wurde panisch. Er wollte sich erheben und wegrennen, jedoch verharrte er immer noch auf der Stelle. Plötzlich, fast unsichtbar bewegte sich etwas Schwarzes in seine Richtung. So unscheinbar schwarz und düster legte sich die Kälte um die Gestalt, die Form annahm. Achill hörte ein Schreien …

Er hörte wie ein Schwert aus der Scheide gezogen wurde und dann … Er hatte das Gefühl, er blicke in den Tod, da war ein goldenes Schwert … eine Krone, leuchtend hell und doch von Frost umgeben, blitzte auf.

Bevor Achill schwarz vor Augen wurde, fuhr ihm dieser Gedanke durch den Kopf:

DER KÖNIG!

Achill schlug die Augen auf und richtete sich auf. Die Sonnenstrahlen kitzelten seine Wangen und er blinzelte in die Wärme. Er blickte im Zimmer umher, nichts war von Frost oder Wasser besudelt worden. Der alte Schrank mit seinen paar Habseligkeiten stand da, wo er immer stand. Ein Buch, das er sich gekauft hatte, lag aufgeschlagen auf seinem Nachttisch und das Laken war nur von Schweiß befeuchtet worden.

Nur ein Alptraum, dachte Achill erleichtert, dennoch nachdenklich.

Die Sonne schien hell und klar am Zenit. Zum ersten Mal freute sich Achill, solch eine Wärme zu spüren. „Bist du auch wirklich sicher, dass du die Feldarbeit alleine erledigen und die Tiere füttern kannst?“, fragte Achill fürsorglich.

„Wenn du bald wiederkommst …“

„Natürlich!“

„Na dann, komm bald nach Hause!“, rief der Onkel dem Jungen hinterher.

„Klar, Onki!“ Achill lachte.

„Du sollst mich nicht Onki nennen!“ Der Ziehvater wurde wütend.

„Geht in Ordnung, Onki!“

„Sag mal! Hörst du mir überhaupt noch zu?“, rief der Onkel.

Achill schüttelte den Kopf und verschwand in der Ferne. Hagemars Bruder blickte fröhlich in die Morgensonne.

„Hagemar, bald ist er für die Reise bereit. Ich hoffe, er verkraftet die ganzen Neuigkeiten und blickt mit viel Zuversicht in die neue Welt. Ich hoffe, der Drache, den er mitbringen wird, sieht genauso aus wie deiner …“

Überfall!

Kurze Zeit nachdem Achill sich auf den Weg nach Aresis gemacht hatte, entdeckte er eine Karawane. Sie war nicht besonders groß: drei mächtige Wagen mit einer weißen Plane als Dach. Manche Räder wackelten schon sehr bedrohlich. Jeder Wagen wurde von einem Gespann aus zwei schweren kaltblütigen Pferden gezogen. Sie waren besonders kräftig, widerstandsfähig und ideal zum Einsatz in den Karawanen. Einzelne Reiter auf schlankeren, eleganteren Pferden begleiteten den Tross. Den Reitern war heiß, und ab und an musste einer seinem Pferd die Sporen geben, da diese schon sehr müde waren und immer häufiger nach einer Rast verlangten. Manche Menschen gingen auch zu Fuß und führten ihre Pferde an den Zügeln. Achill schloss sich der Karawane an. Er wusste nicht, ob man sich beim Anführer melden oder sonst irgendetwas tun musste, um bei einer Karawane mitreisen zu dürfen.

Plötzlich stieß ihn jemand mit einer harten Handfläche von hinten an. Achill stolperte nach vorne und drehte sich sofort wütend um, dass jemand so grob mit ihm umgehen konnte war ihm neu.

„Hey!“, rief Achill und fing sich eine Ohrfeige ein. Er war nun noch erboster als vorher, dieser Kerl konnte sich auf etwas gefasst machen. Er wollte gerade sein Schwert aus der Scheide ziehen, da nahm der Mann seine Kapuze ab. Er war noch jung, vielleicht siebzehn Jahre alt. Er hatte langes hellblondes Haar, das ihm bis zu seiner Schulter reichte. Er besaß dieselben Sandalen wie Achill, trug einen Mantel aus weißem Stoff und einen Köcher hatte er sich um den Rücken gebunden, in dem gut zwanzig Pfeile Platz fanden. Natürlich führte er auch einen Bogen mit sich.

„Mit ‚Hey‘ wirst du nicht weit kommen!“, sagte der Mann.

Achill war zwar verärgert, aber grüßte ihn freundlich. Die Ohrfeige hatte er sich verdient. Er wollte dem Fremden zeigen, dass er auch höflich reden konnte.

„Ich bitte dich vielmals um Verzeihung. Mein Name ist Achill.“

Der Jüngling schien glücklich zu sein, denn Achill sah, dass er lächelte. „Ich verzeihe dir. Mein Name ist Nico!“

Beide gaben sich die Hand.

Achill hatte gehofft endlich mal einen Freund zu finden, denn außer seinem Onkel hatte er früher nie einen Gesprächspartner gehabt. Und mit den Helden aus den Büchern, die er las, konnte man auch nicht sprechen.

„Wo kommst du her, Nico?“

Nico zögerte einen Moment. „Ich wohne überall, die Wälder, Flüsse, Wiesen und Berge, die ganze Natur ist mein Heim.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen! Niemand lebt nirgends!“

„Ich sagte doch auch nicht, dass ich nirgends wohne, sondern überall! Du hast noch sehr viel zu lernen, Achill. Außerdem bin ich eine Waise.“

Diese Worte ließen den Bauernjungen für ein paar lange Sekunden stumm werden. Nico ging es ziemlich schlecht.

„Wo sind denn deine Eltern?“, fragte Nico neugierig.

„Oh, weißt du, da habe ich eigentlich noch nie darüber nachgedacht. Ich lebe bei meinem Onkel.“

Die Worte kamen ihm zu schnell über die Lippen, als dass er sie noch hätte zurückziehen können. Wie blöd musste er sein, einem Waisenjungen so etwas zu sagen? Er wollte sich entschuldigen. Gerade aber, als er den Mund aufmachen wollte, kam ihm Nico zuvor.

„Wie ist denn dein Onkel so?“

Achill beschloss, sich über den Fehler nicht aufzuregen.

„Er ist ein wunderbarer Mensch, er hat mir lesen, schreiben und rechnen beigebracht. Die höfliche Redewendung gehörte auch zu dem, was mir mein Onkel beigebracht hat, aber meist halte ich mich nicht daran.“

„Das wundert mich nicht.“

Achill lächelte. „Er hat mich auch in die Kunst des Schwertkampfes eingeweiht und er war mein Arzt, als ich krank war.“

„Du hast einen … Traumonkel, nicht war?“ Nico klang in keinsterweise neidisch oder eifersüchtig, eher genoss er die Unterhaltung.

„Ja, so ziemlich. Wie bist du überhaupt zum Bogenschießen gekommen?“

„Das habe ich mir selbst beigebracht, irgendwie musste ich doch überleben. Vögel oder Rehe, die gehören zu meinen Leibspeisen.“

Achill lachte: „Ein Feinschmecker, was? Ich gehe auch gerne jagen.“

Er hätte beinahe seine höfliche Redewendung vergessen.

„Bist du schon einmal geritten?“, fragte Nico interessiert.

„Zwei, dreimal auf einem Esel, aber dann ist mir die Lust vergangen. Er verweigerte nämlich manchmal den Dienst.“

Sie lachten.

„Es ist wunderbar, das Reiten, nicht wahr?“, fragte Nico Achill, der ihm nur zustimmen konnte.

„Auf was bist du denn geritt ...“

Plötzlich sauste blitzschnell ein Pfeil von einem Baum auf einen Mitreisenden, der schrie auf und war auf der Stelle tot. Alle erschraken.

„Räuber!!!“, ertönte es von irgendwoher und nach ein paar kurzen, stummen Sekunden geriet die gesamte Karawane in Aufruhr. Achill musste sich auf die Erde werfen, um einem Pfeil gerade noch auszuweichen, dabei fiel ein anderer Mann, der hinter ihm stand, ächzend zu Boden. Der Junge wischte sich hastig den Dreck vom Gesicht und stand auf, wurde jedoch von einer panischen Frau angerempelt und landete erneut auf dem harten Boden. Einige Menschen stolperten über ihn, und immer wenn Achill versuchte aufzustehen, wurde er von jemandem wieder zu Boden gerissen. Zwei Pfeile trafen jeweils einen Arm und durchbohrten das Leinenhemd. Glücklicherweise streiften sie nur leicht sein Fleisch. Er hörte eine Frau kreischen. Ein Räuber, schwarz gekleidet mit einem halben Dutzend an Dolchen am Gürtel, tauchte vor Achill auf. Er trat dem Jungen ins Gesicht. Achill wollte sich losreißen, blieb aber durch die zwei Pfeile am Boden haften. Der Räuber zog ein Schwert aus seiner Scheide und stach zu. Der Bauernjunge rollte sich im letzten Moment zur Seite und riss sich von den Pfeilen los. Er zog sein Schwert, es fing blitzschnell an zu leuchten, als die beiden Klingen sich berührten. Achill drehte das Schwert und stieß dem Räuber seinen Kopf in den Bauch. Ein Fußtritt beförderte den Banditen auf den Boden. Der Bauernjunge wollte zustechen, konnte es aber nicht. Er konnte doch niemanden töten. Nico tauchte plötzlich vor Achill auf und hieb dem Räuber sein Schwert ins Herz. Als er die Klinge wieder herausgezogen hatte, führte er Achill hastig von dem Tross weg. Nico nahm einen Pfeil aus seinem Köcher, spannte ihn an die Bogensehne und schoss ab. Ein Räuber fiel mausetot vom Baum.

„Hast du das gesehen!“, schrie Nico ernst.

Achill blieb stumm. „Du bist ein Mörder.“ Seine Stimme war so leise, dass Nico sie kaum wahrnahm.

„Das war ein Bandit, der dich umgebracht hätte, wenn ich es nicht getan hätte!“

„Er hat aber genau das gleiche Recht auf ein Leben wie wir!“

„Ja, aber wer Karawanen überfällt und Menschen tötet, der muss auch damit rechnen, dass er selbst getötet wird!“

Achill erschrak. Eigentlich musste er Nico Recht geben. Aber er konnte es nicht … irgendetwas hinderte ihn daran.

Nico bemerkte sein Nachdenken und fragte: „Gehst du oft jagen?“

„Ja, ich muss für meinen Onkel …“ Aber hier wurde Achill unterbrochen. „Wir haben jetzt keine Zeit für lange Geschichten, du tötest also Tiere.“

„Ja.“

„Also, warum nicht auch Menschen?“

„Weil es Wesen sind, die denken.“

Nico schoss einen weiteren Pfeil ab.

„Achill, du tötest, um zu überleben. Das macht hier keinen Unterschied.“

„Da hast du Recht.“

„Du musst dich verteidigen, glaub es mir. Du tötest Tiere, um zu überleben, du tötest Räuber, um zu überleben.“

„Das klingt kannibalisch.“

„Achill!“ Nico gab dem Jungen eine Ohrfeige.

„Komm zur Vernunft! Du weißt genau, was ich meine!“

Jetzt hörte man ein Kampfgebrüll. Bestimmt dreißig Räuber stürmten mit erhobenen Klingen und Speeren auf den Tross zu. Bevor sich Nico ins Kampfgetümmel stürzte, schoss er einen Pfeil ab und zog seine Klinge.

„Viel Glück“, mehr sagte er nicht mehr. Achill hielt sein Schwert. Er wusste nicht recht, was er damit anfangen sollte. Es war eines der besten Schwerter Imperias. Eine Klinge, die Blut vergießen lässt, eine Klinge, die tötet. Bei diesem Gedanken schauderte ihm. Warum? Er hatte vier lange Jahre damit geübt, um ein Meister in der Schwertkunst zu werden. Warum jetzt diese Zweifel?

Ein Räuber stürmte auf Achill zu, der Bauernjunge parierte den ersten Schlag, aber der Bandit erwies sich als erfahrener Schwertkämpfer. Die Klinge fing prompt an zu leuchten. Der Feind ging wieder zum Angriff über. Nun konnte Achill kaum mehr abwehren, die Wucht und die Kraft, die der Räuber in den Schlag hineinsetzte, ließen seine Klinge aus der Hand fahren. Der Bandit lachte und hieb mit seinem Schwert zu, Achill rollte sich unter dem Räuber hindurch und ließ ihn seinen Ellbogen spüren. Der Bandit wurde wütend. Er warf einen Dolch auf den Jungen, der ihn nur knapp verfehlte. Der Bauernjunge sprang auf. Wo war nur sein Schwert?

Er wich zwei weiteren Schlägen aus. Irgendwie musste er den Räuber besiegen, nur wie? Er hieb dem Banditen mit der Faust ins Gesicht und gleich darauf noch einmal. Der Mann war nun völlig benommen. Achill packte ihn mit beiden Händen an der Kehle und drückte zu. Der Räuber schlug um sich, traf Achill mit dem Arm ins Gesicht. Der Junge ließ aber nicht nach, er drückte fester und fester. Eine Halsschlagader pulsierte. Es fühlte sich nicht gut an. Seine Muskeln spannten sich noch mehr. Irgendwann ließ der Räuber die Glieder sinken und Achill nahm seine Hände von der Kehle. Der Bandit fiel zu Boden, reglos … Er war tot. Achill glaubte nicht, was er gerade eben getan hatte. Er hatte einen Räuber getötet, der ihn hatte umbringen wollen, er hatte sich verteidigt … Aber er verspürte keinen Triumph, sondern Entsetzen über seine Tat. Achill schüttelte seinen Kopf, jetzt war keine Zeit für so etwas, jetzt musste er sein Leben retten!

Da! Sein Schwert. Der Junge raste zu der Klinge und packte sie. Noch immer leuchtete das Schwert rötlich. Plötzlich hörte er ein Schreien. Es kam von einer Frau, die mit ihrem Kind von sechs Räubern eingekreist wurde. Die Banditen lachten schadenfroh. Achill stürmte brüllend und voller Wut auf die Männer zu, köpfte den einen und in dem Gewirr stach er dem zweiten die Klinge ins Herz. Sein Schwert schien zu pulsieren, als es Blut zu schmecken bekam. Die anderen vier wandten den Blick zu Achill. Das Herz pochte ihm bis zum Hals. Jetzt hatte er Angst zu sterben. Er trat unsicher einen Schritt nach hinten, spürte den Leib eines toten Banditen und schreckte zurück. Plötzlich war all sein Mut verflogen. Unsicherheit machte sich in ihm breit. Er wollte noch nicht sterben … so viele Gedanken rasten ihm durch den Kopf. Was sollte er denn jetzt bloß tun? Die Räuber holten wutentbrannt mit ihren Klingen aus. Achill schloss die Augen. Wie sollten zwei Hände gegen acht gewinnen? Er hatte solche Angst, seine Knie zitterten. Er senkte sein Schwert. Er ließ die Schultern hängen, hörte die Räuber siegesgewiss lachen und näher kommen. Dann hob Achill unerwartet die Klinge, öffnete die Augen und duckte sich unter zwei feindlichen Schwertern, die sein Ende bedeutet hätten. Die Angst verwandelte sich in wilde Berserkerwut. Wenn er schon starb, würde er viele mit in den Tod nehmen. Er erschrak kurz vor dem Gedanken, riss sich aber dann wieder zusammen und trat einem der Räuber in den Bauch. Den Schlag eines anderen parierte er und als beide Klingen sich berührten, drehte Achill das Schwert und schlug dem Banditen die rechte Hand ab. Der Mann schrie und versuchte verzweifelt die Blutung zu stoppen. Achill stieß seinen Gegner weg und stach auf ihn ein, bis er regungslos verharrte. Den anderen Räuber, den er zu Boden getreten hatte, erschlug er in fast demselben Augenblick. Plötzlich hielt ihn ein Bandit von hinten fest und schlug ihm sein Schwert aus der Hand. Kaum war Achill klar geworden, in welcher Situation er war, wurde schon der Griff um seine Kehle enger und fester. Obwohl es hoffnungslos schien, versuchte der Junge, den muskelbepackten Arm wegzureißen. Plötzlich stand ein anderer Mann vor ihm. Es war ein weiterer Räuber, der mit seinem Dolch ausholte …

Achill versuchte sich zu bewegen, aber er wurde immer schwächer und schwächer, der Griff um seine Kehle immer stärker und fester …

Eine starke Windböe schleuderte den Mann, der ihn festgehalten hatte, hinweg. Im letzten Augenblick konnte Achill dem Dolch ausweichen. Er schaute sich um, woher die Windböe gekommen war. Es war Nico. Beherrschte er Magie? Eine violette Kugel tötete die zwei Räuber, die gerade noch ihn töten wollten.

Nico rannte zu Achill.

„Geht es dir gut?“

„Ja, bis auf den Kehlkopf, der tut ein bisschen weh.“

Achill hustete.

Die Frau und ihr Kind rannten erleichtert in ein Versteck und versuchten Ruhe zu bewahren. Der Bauernjunge lächelte und stellte dann fest, warum er lächelte. Es hatte ihm … Spaß gemacht. In was hatte er sich verwandelt? Er hatte plötzlich Angst vor sich selbst. Was hatte das Töten aus ihm gemacht? Eine wilde Zerstörungsmaschine? Ja, der Gedanke war furchtbar, dennoch empfand er so etwas wie Zufriedenheit. Ihm schauderte und er verwarf die Gedanken.

„Nico, du beherrschst Magie?“

„Ja, sei dankbar, sonst wärst du jetzt ein Sieb.“

Achill nickte.

Die beiden stürzten sich wieder ins Kampfgetümmel, hieben nach rechts und links. Achill sah sich um, überall lagen Leichen von Räubern und Karawanenbegleitern. Der Junge fiel einem der lebenden Räuber auf. Es war ein Mann, dessen Stärke und Geschicklichkeit die jedes anderen Banditen bei Weitem übertraf. In jeder Hand hielt er ein Langschwert und in seinem Gürtel waren Dutzende Dolche. Dies musste der Anführer sein. Achill rannte auf ihn zu. Wenn er den Anführer der Räuber tötete, würden sie vielleicht die anderen in die Flucht schlagen und mussten nicht mehr töten. Gerade hatte das Oberhaupt der Räuber einem Mann die Kehle aufgeschnitten und einem jungen Knaben sein Langschwert in den Bauch gejagt, als Achill angriff und den Zweikampf eröffnete. Der Räuber wehrte den Schlag mit beiden Schwertern ab und sprang in die Luft. Mit beiden Klingen wollte er zuschlagen, doch Achill rollte sich zur Seite, sprang ebenfalls vom Boden ab und hieb mit seinem Schwert nach dem Banditen. Dieser aber duckte sich, als gäbe es nichts Leichteres auf der Welt, und schlug mit einem Schwert in Sekundenschnelle nach Achills Bauch. Der Bauernjunge zog seine Klinge nach unten und parierte den Schlag, aber schon kam das zweite Langschwert von oben und näherte sich seinem Kopf. In letzter Sekunde gelang es Achill, auch diesen Schlag abzuwehren.

„Du bist gut!“

Die Stimme des Räubers klang eher sarkastisch als respektvoll.

„Danke, das höre ich oft.“

Und schon ging der Kampf weiter. Die Schwerter trafen klirrend aufeinander, der Anführer hieb nach links, wo Achill auswich, nur um einen Schlag von rechts mit dem Schwert zu parieren. Der Junge fragte sich, wie lange er dies noch durchhalten konnte. Der Bandit war schnell, zu schnell. Der Junge stieß verzweifelt mit dem Fuß nach vorne in den Bauch des Räubers, aber ein schlimmer Schlag eines Langschwertes bohrte sich in seine linke Schulter. Achill schrie auf. Hoffnungsvoll schlug er mit der leuchtenden Waffe zu und traf! Seine Klinge trennte den Kopf vom Leib. Achill fiel zu Boden, alles war nur noch rötlich und verschwamm. Er erkannte, wie die Räuber flohen und ihm wurde kalt.

Nico schickte einem Banditen noch einen Pfeil und eine violette Kugel hinterher und ließ den Rest entkommen. Sie hatten den Überfall überlebt, nur knapp ein Dutzend Leute waren gestorben und er, Nico, hatte überlebt. Wo war Achill? Er hatte sich in dem Kampf sehr gut behauptet. Auch dem Jungen war es zu verdanken, dass die meisten noch lebten. Er hatte den Anführer der Banditen geschlagen, aber irgendwie musste er in der Menge untergetaucht sein. Wo war er? Er bahnte sich einen Weg durch die Leute. Da! Da war Achill, aber… er blutete und zitterte ja. Was war da los? Er musste zu ihm! Schnell rannte Nico zu dem Jungen.

Achill fühlte, dass er im Wasser lag. Die Nässe machte die Kleider schwer und sie klebten an seinem Körper. Nebel stieg auf, dichter, grauer Nebel. Er wurde immer größer und dichter. Achill schrie. Nein! Nicht der Nebel! Der Junge wollte sich bewegen, das Wasser stieg höher und ließ den Hilflosen unter der Wasseroberfläche zurück. Die Kälte spürte er nicht mehr. Er wollte an die Oberfläche, streckte verzweifelt seine Hand, doch er entfernte er sich von der Wasseroberfläche und sein Blut, welches in Strömen aus der Schulter floss, zog eine lange rote Spur. Eine schwarze Gestalt zog ein goldenes Schwert aus einer Scheide. Es blendete Achills Augen. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals.

War das wieder nur ein Traum, war das wieder nur ein schlimmer Traum? Dafür war alles viel zu real. Das Wasser, das ihm die Luft wegpresste, wie es ihn einhüllte, wie er im Tode schwebte, wie der Tod auf ihn zuraste, wie der Tod golden schimmerte …

Das Einzige, was Achill noch wahrnehmen konnte, war, dass zwei kräftige Hände ihn aus dem Nebel zogen …

Der Geschichtenerzähler

Achill öffnete mühsam seine Augen. Die Wunde war verbunden und er fühlte sich viel besser. Er vernahm das Knarren von Wagenrädern, also war er unterwegs. Der Junge lag auf einer sehr löchrigen, alten Decke aus Bärenfell. Eine weichere Decke aus Bisonfell bedeckte seinen energielosen Körper. Der Wagen hatte ein paar Säcke mit Getreide geladen. Achill vermutete, dass dies eine Lieferung nach Aresis sein musste. Nach einer Weile versuchte der Bauernjunge aufzustehen. Vergeblich: er rutschte immer wieder mit den Armen ab. Einmal schrie er vor Schmerzen auf. Er fühlte sich noch immer so schlapp, als wäre jegliche Kraft aus seinem Körper gesogen worden. Er hatte anscheinend eine Menge Blut verloren. Achill betastete seine linke Schulter. Wie konnte seine Wunde so schnell verheilen? Dauerte dies normalerweise nicht viel länger? Er erinnerte sich an den Kampf mit den Räubern, an die zweite Begegnung mit dem seltsamen Wesen, von dem er vermutete, dass es der König war. Was konnte er von Achill wollen? Warum konnte er wie aus dem Nichts plötzlich auftauchen und danach ebenso plötzlich wieder verschwinden? Es war ein Rätsel. War Achill denn so wichtig, dass der König ihn umbringen wollte? Warum tat er es dann nicht? Bereits zwei Mal war der König erschienen und anschließend wieder verschwunden.

Der Junge ordnete noch einmal seine Gedanken. Er hatte gegen seinen Onkel gekämpft, dieser hatte ihm viel über sein Schwert erzählt und wollte, dass er mehr über Drachen erfahre. Auf dem Weg nach Aresis war er dann in einen Überfall verwickelt worden. Es war schon so viel passiert. Es kam ihm vor, als sei es erst gestern gewesen, dass er das Schwert bekommen hatte, und schon war es in Berührung mit Blut gekommen. Er tastete nach der Klinge, die in der Scheide steckte. Es beruhigte ihn, zu wissen, dass es da war. Endlich schaffte er es, sich aufzusetzen, doch nun kam Nico vom Kutscherplatz in den Wagen und drückte Achill sofort wieder auf das Fell zurück. „Du bleibst liegen!“ Nico sprach sehr ernst und mit tiefem Ton.

„Was … Was ist passiert?“, fragte Achill langsam. Er runzelte die Stirn.

„Nachdem die Räuber geflohen sind, bin ich sofort zu dir gerannt. Dir war auf merkwürdige Weise … kalt. Du hast die Hand nach oben ausgestreckt, als wollest du … ich weiß nicht … nach Hilfe rufen, du sahst leichenblass aus. Ich habe dich sofort in diesen Wagen getragen und deine Wunde mit Magie geheilt, du hast sehr viel Blut verloren und auch ganze drei Stunden lang geschlafen. Dein Zustand hat sich, meiner Meinung nach, zu schnell verbessert, aber je früher, desto besser. Bei Tagesanbruch sind wir in Aresis. Bis dahin gilt strengste Bettruhe! Ach übrigens, die Frau, die du gerettet hast, und ihr Sohn wollen mit dir reden!“ Nico ließ beide hereinholen. Er setzte sich auf einen der Säcke und bedeutete der Frau und ihrem Kind mittels einer Handbewegung, sie mögen anfangen zu reden.

Die Frau war sehr nervös, sie zitterte am ganzen Körper. Achill wartete, er wartete, bis die Frau den Mut hatte zu reden.

„Danke … du hast mir und meinem Sohn das Leben gerettet. Vielleicht kommt dir das ein bisschen dumm vor, was ich jetzt erzähle. Aber ich muss es loswerden. Als die Räuber ihren ersten Pfeil auf einen Reisenden schossen, war der Getroffene mein Ehemann. Danach passierte alles so schnell. Räuber tauchten aus jeder Ecke auf, hinter jedem Stein krochen sie hervor. Ich hatte Angst, dass mir und meinem Sohn dasselbe Schicksal blühen würde wie meinem Mann, der Schock war so schon groß genug. Ich schrie. Niemals hätte ich schreien dürfen, aber ich tat es. Zwei der Räuber hörten den Schrei und drängten mich und meinen Sohn in die Enge. Nirgends konnten wir uns vor den Räubern verstecken, sie waren überall. Dann sah ich dem Tod ins Auge. Einer der Banditen holte mit der Klinge aus und ich schrie wieder, ein langer Schrei fuhr aus meiner Kehle. Doch plötzlich kamst du und hast die Räuber abgelenkt, sodass wir fliehen konnten und du hast mir neue Hoffnung gegeben. Ich erzähle dir dies, weil du wissen sollst, dass ich tief in deiner Schuld stehe, deshalb nimm dies …“

Ihr Sohn holte aus seiner Tasche ein Kleinod. Es handelte sich um eine Kette mit kirschrotem Band. Ein goldener Kreis war das Herzstück des Kleinods, es war ein Drache mit einem Reiter darauf. Die Frau erklärte, was es mit dieser Kette auf sich hatte: „Dieses Kleinod wird in unserer Familie seit Generationen weitergegeben. Ich schenke dir dies, weil ich weiß, dass du es brauchst. Es wird dir helfen Entscheidungen zu treffen.“

Mehr sagte die Frau dazu nicht. Sie ging und ihr Sohn verneigte sich tief vor Achill. Als die Frau mit ihrem Kind verschwunden war, erhob sich Nico von seinem Lager und ging auf und ab. Der Bauernjunge war stumm, kein einziges Wort gab er von sich. Aber dann tauchte in ihm eine seltsame Frage auf.

„Nico? Hast du, als du zu mir kamst, nachdem die Räuber verschwunden waren, Nebel um mich herum gesehen?“

Nico war erstaunt über diese Frage. „Nein … Warum?“

Achill sah durch seinen Freund hindurch, er versuchte sich daran zu erinnern.

„Ach, nichts, nur so …“

Nico musterte den Jungen misstrauisch.

Dieser sah auf das Kleinod der Frau, band es sich um und schwor, es sich niemals mehr abzunehmen zu lassen. Ehe sich der Bauernjunge noch mehr Gedanken über sein unerwartetes Abenteuer machen konnte, fielen ihm die Augen zu und er schlief ein.

Fünf Stunden später …

Nico weckte Achill: „Wir sind da!“

Langsam machte der Junge die Augen auf, erhob sich und zog seine zerfetzte Jacke an, die er mitgenommen hatte. Er sprang aus dem Wagen und schaute zum Horizont. Kleine Häuser, dicht aneinandergereiht, erstreckten sich bis zum Ende seines Blickfeldes.

Es war unglaublich, vor ihm lag Aresis, die Stadt der Mythen und Legenden. Als die Karawane sich aufteilte, ging Achill langsam zu Nico.

„Danke für alles, was du für mich getan hast, Nico. Wir werden uns wieder sehen!“

Sein Freund nickte. Sie gaben sich die Hand und verabschiedeten sich. Nach einiger Zeit flüsterte Nico Achill ins Ohr: „Zum Geschichtenerzähler musst du diese Straße entlanggehen, bis du zu einer Kreuzung kommst, dann biegst du rechts in den kleinen Wald ab. Dort wohnt der berühmte Geschichtenerzähler!“

„Woher weißt du, dass ich zum Geschichtenerzähler will?“, fragte Achill verwundert.

„Schon vergessen?“, Nico zwinkerte seinem Freund zu, „Ich bin ein Magier.“

Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.

Sie ließen sich los. Achill rannte, so schnell er konnte, weg. Nico hob die Hand, doch das konnte der Junge schon nicht mehr sehen.

Achill schaute sich um, überall standen Hütten mit Dächern aus Stroh. Die meisten hatten Löcher in den Wänden und an manchen Stellen bröckelte die Farbe ab. Hin und wieder kamen ein paar Kutscher mit Kaltblutpferden vorbei. Achill kam, wie Nico gesagt hatte, zur Kreuzung und er bog rechts ab. Er betrat einen Wald voller Ahorn und kleinen Fichten. Kaputte Baumstämme, verdörrte, kleine Pflanzen und die großen, stämmigen Tannen machten den Wald bunter, als man es in der Trockenzeit erwartet hätte.

Hier und da waren Ameisenstraßen und einmal glaubte Achill einen Fuchs gesehen zu haben.

Nach etwa zehn Minuten sah der Junge eine alte Hütte. Aus dem Schornstein stieg schwarzer Rauch auf. Das Dach war nur aus Holz gezimmert. Die Hütte war insgesamt sehr klein. Die Fenster aber waren aus Glas, das noch in einem sehr guten Zustand war. Achill trat näher. Die Eingangstür knackte und der Bauernjunge hatte das Gefühl, sie würde jeden Moment zufallen. Er klopfte an. Was hätte er sonst tun sollen?