Der Aufstieg – In eisiger Höhe wartet der Tod - Amy McCulloch - E-Book
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Der Aufstieg – In eisiger Höhe wartet der Tod E-Book

Amy McCulloch

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Beschreibung

In der Todeszone wartet der Mörder auf sie ... Diese Story ist die Chance ihres Lebens: Cecily darf als Erste den berühmten Bergsteiger Charles McVeigh interviewen, nachdem dieser innerhalb eines Jahres alle vierzehn Achttausender bestiegen hat. Die Sache hat nur einen Haken: Cecily bekommt das Interview erst, wenn sie mit ihm den letzten Gipfel, den Manaslu, erklommen hat. Die kleine Gruppe macht sich auf den Weg, da kommt es im Basislager zu einem tragischen Unfall. Und Cecily erhält eine Nachricht: »Ein Mörder ist am Berg, bring dich in Sicherheit!« Mit jedem Höhenmeter steigt die Gefahr, nicht ohne Grund nennt man diese Höhen die Todeszone. Doch dieser Aufstieg ist besonders tödlich, denn einer von ihnen ist ein Mörder. Und irgendwann ist die Luft selbst zum Schreien zu dünn …

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Aus dem Englischen von Leena Flegler

 

Für Angus – den besten Vater, meinen begeistertsten Leser und größten Fan

 

© Tiger Tales Limited, 2022

Titel der englischen Originalausgabe: »Breathless« bei Penguin Michael Joseph, London, 2022

© Piper Verlag GmbH, München 2022

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: zero-media.net, München

Covermotiv: FinePic®, München

 

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Prolog

Gipfelsturm

Entwurf 1

1

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Blog 1

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Blog 2

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Blog 3

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Entwurf 2

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Blog 4

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Samagaun, zwei Tage nach dem Gipfelsturm

Entwurf 4

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Kathmandu, eine Woche nach dem Gipfelsturm

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Prolog

Gipfelsturm

Atmen, Cecily.

Eisige Luft strömte in ihre Lunge. Als sie sich ausgemalt hatte, wie es wäre, hier oben zu atmen, hatte sie angenommen, es würde sich anfühlen wie Ersticken. Wie wenn sich ihr die Kehle zuschnürte. Vielleicht irgendwie noch wie Ertrinken.

Aber so war es nicht.

Sie spürte, wie ihr der Wind in das winzige Fleckchen entblößter Haut zwischen Sturmhaube und Brille biss, dann eine heftigere Bö, die sie in die Knie zu zwingen drohte.

Luft gab es hier, sie leistete nur nicht, was sie leisten sollte.

Sie war unendlich müde. Während sie sich weiter durch den Schnee vorankämpfte, gehorchten die Muskeln ihr kaum noch. Und nicht nur die Muskeln – auch das Blut. Die Lunge. Das Gehirn.

Im Grunde war es ganz einfach: Es war nicht genug Sauerstoff in der Luft, kaum noch ein Drittel dessen, woran ihr Körper gewöhnt war. Dem Höhenmesser an ihrem Handgelenk zufolge war sie immer noch jenseits der achttausend Meter. In der Todeszone.

Ihr Herz hämmerte wie wild. Sie warf einen Blick über die Schulter. War er noch da? Sie blieb stehen. Eine gekrümmte Silhouette ein paar Meter höher, seine schweren Schritte, die durch die Schneekruste brachen, die ihr folgten, die ihr nachjagten … Aber nein. Sie kniff die Augen zusammen. Das war nur der Schatten einer Wolke auf der Bergflanke.

Ohne hinreichend Sauerstoff im Gehirn konnte sie nicht einmal mehr ihren Augen trauen.

Kommt er doch? Oder wartet er schon weiter unten?

Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass ihr Herz noch schneller schlagen konnte, aber es galoppierte in ihrer Brust. Auch ihre Atmung ging schneller, sie hechelte an der dünnen Luft. Ihr Blick verschwamm, und ihr war schwindlig.

Was spielte es noch für eine Rolle, ob er über oder unter ihr war?

Um ihn würde es später noch gehen. Jetzt ging es ums Überleben.

Sie arbeitete sich so schnell voran, wie ihr Körper es zuließ. Ein einziger Fehltritt, und sie würde tausend Meter tief abstürzen. Unterdessen trieben Phantomschritte sie von hinten an.

Sie musste wieder nach unten kommen.

Und sie würde es ganz allein schaffen müssen.

Entwurf 1

Fourteen clean – Porträt eines Ausnahme-Alpinisten

Von Cecily Wong

 

Auf Meereshöhe ist Charles McVeigh ein Mann wie jeder andere. Doch in der Todeszone – jenseits der achttausend Meter – wird er zum Übermenschen.

Als er am [Datum einfügen] auf dem Gipfel des Manaslu stand, hatte er erreicht, was die wenigsten für möglich gehalten hätten: In weniger als einem Jahr hat er ohne künstlichen Sauerstoff und Sicherung die vierzehn höchsten Gipfel der Welt bezwungen und so seinen Titel als erfolgreichster lebender Bergsteiger der Welt verteidigt.

Was aber noch viel beeindruckender ist als seine Gipfelsiege: die riskanten Rettungsmanöver, die er unterwegs unternommen hat. Auf dem Dhaulagiri, dem dritten Berg auf seiner Liste, gehörte er dem Trupp an, der zwei italienische Brüder aufspürte, die oberhalb von Lager vier zusammengebrochen waren. Einen Bruder konnte er retten, der andere erlag seinen Verletzungen.

Dass er auch nur einen von ihnen retten konnte, nachdem die beiden in eisiger Kälte und bei zu dünner Luft die Nacht draußen verbracht hatten, grenzt an ein Wunder. Keiner von ihnen hätte überlebt, wenn Charles während des Abstiegs nicht immer noch Kraft gehabt hätte kehrtzumachen und aus Lager drei abermals aufzusteigen. Der Rest des Rettungsteams brauchte annähernd vierzehn Stunden, um aufzuschließen. Sie wären zu spät gekommen.

Neben weiteren am Everest, Broad Peak und auf dem Cho Oyu hat diese jüngste Rettungsaktion Charles vollends in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit gerückt.

Aber was genau treibt einen Mann an, sich solch extremen Gefahren auszusetzen? Ich hatte das Glück, Charles bei seinem letzten Gipfelsturm auf den Manaslu zu begleiten und ihm genau diese Frage zu stellen. [Interview anhängen, sobald ich’s habe!]

 

1

In ihrem beengten Hotelzimmer ein gutes Stück oberhalb der gebetsfahnengeschmückten Gassen von Thamel, dem Touristenviertel Kathmandus, klappte Cecily ihren Laptop zu. Der Einstieg für ihren Artikel saß noch nicht richtig, aber dass sie im Vorfeld wenigstens etwas vorformuliert hatte, beruhigte ihre Nerven. Immerhin war es bei Weitem leichter, ein schwaches Intro in Form zu bringen, als eine leere Seite vor sich zu haben.

Sie hatte immer geglaubt, die leere Seite wäre ihre Angstgegnerin. Doch dank Charles McVeigh hatte sie jetzt etwas noch viel Furchterregenderes vor sich.

Die Todeszone am achthöchsten Berg der Welt.

Nach ihrem Ausflug ins Tom & Jerry’s am Vorabend brummte ihr der Schädel. Sie hatte eigentlich nicht viel trinken wollen, doch einer der Neuen – Zak aus den USA – hatte Runde um Runde spendiert, und für diese vertrauensbildende Maßnahme schien ihr ein Kater ein geringer Preis zu sein. Für die Expedition sollte sie in Topform sein, und doch war sie bereits jetzt aus dem Gleichgewicht geraten.

Als es laut an der Zimmertür klopfte, war sie mit einem Satz auf den Beinen. Sie machte auf und winkte den Expeditionsleiter, Doug Manners, und seinen Sirdar – den Sherpa-Anführer – Mingma Lakpa herein. Die beiden hatten Cecily tags zuvor am Flughafen abgeholt. Sie hatte Doug an seinem silbergrauen Haar über der hochgebirgsgegerbten Haut sofort erkannt. Heute jedoch ließ er die Schultern hängen und wirkte müde – kein bisschen wie der wagemutige Bergsteigerpionier und Held der britischen Bergsteigercommunity, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Sie hatte einiges über seine Erfolge im Hochgebirge gelesen: fünf Everest-Besteigungen, sowohl über die Süd- als auch die Nordroute, und diverse Erstbesteigungen der weniger bekannten Gipfel im Karakorum und in den Anden. Er war jahrelang Bergführer für eine der besten kommerziellen Expeditionsagenturen gewesen, Summit Extreme, ehe er seine eigene Firma, Manners Mountaineering, gegründet hatte. Zudem war er bekannt für seine nüchterne Art und für höchste Sicherheitsstandards.

Neben ihm wirkte Mingma auf den ersten Blick schmächtig, allerdings wusste sie, dass er bereits fünfzehnmal auf dem Gipfel des Everest gestanden hatte. Cecily konnte kaum fassen, wie todesmutig und eisern man sein musste, um so etwas zu schaffen.

»Alles bereit?«, fragte Doug.

»Ich glaube schon.« Sie schlug ihr Notizbuch mit der eingeklebten Ausrüstungsliste auf, während er die ordentlich aufgereihten Gegenstände auf dem Doppelbett inspizierte. Am Morgen hatte sie alles, was sie hatte besorgen müssen, dutzendfach durchgesehen und sorgfältig abgehakt. Sie hatte nichts vergessen. Nichts verschlampt.

Diesmal, an diesem Berg, wollte sie für alles gewappnet sein.

»Alles klar heute Morgen?«, fragte Mingma augenzwinkernd. Er hatte ihr am Vorabend zurück ins Hotel geholfen, indem er den nepalesischen Taxifahrer gelotst hatte.

»Klar, alles gut.« Sie nötigte sich ein Grinsen ab, und er tätschelte ihr den Arm, ohne weiter auf das Thema einzugehen.

Unterdessen nahm Doug ihr Equipment genau in Augenschein. Er hob einen Schuh an, um die Sohle zu mustern – einen ihrer riesenhaften, dreilagig verarbeiteten, Achttausender-tauglichen Expeditionsbergschuhe mit wespengelben Gamaschen, die ihr bis zu den Knien reichten. Das Paar war brandneu, noch ungetragen. Die Schuhe wären entscheidend, wenn es darum ging, ihre Zehen in der extremen Kälte vor Erfrierungen zu schützen. Allerdings waren sie auch so groß, dass sie mehrere Innensohlen einlegen musste. Fast die komplette Ausrüstungspalette für Extremtouren – von Expeditionsanzügen bis hin zu den Schuhen – war für Männer gemacht, und sie hatte alles an ihre Bedürfnisse anpassen müssen.

»Danke euch beiden, dass ich bei dieser Expedition dabei sein darf«, sagte sie. »Muss komisch sein, Kundschaft dabeizuhaben – ich weiß, ihr habt bislang ausschließlich Charles bei seiner Mission unterstützt.«

»Ist uns ein Vergnügen.« Mingmas spärlicher Schnurrbart schien ihn unter der Nase zu kitzeln. Er schmunzelte. Seine Herzlichkeit stand in scharfem Gegensatz zu Dougs Grummelei. Die Falte auf seiner Stirn wurde immer tiefer, als er die Schuhe beiseitelegte und den Eispickel mit dem orangefarbenen Schaft und ihren Sicherungsgurt inspizierte.

»Ich hoffe, der ist okay«, sagte sie. »Ich habe gegoogelt, welcher der beste ist, und der hatte gute Bewertungen …«

»Der wird ausreichen. Einer mit Clips an den Beinschlaufen wäre besser gewesen.«

Ihr stieg die Röte in die Wangen. »Oh. Das hab ich nicht gewusst.«

»Dann hättest du fragen sollen – Google rettet dich nicht aus achttausend Metern.« Vorsichtig, um die Schlaufen nicht zu verdrehen, legte er den Gurt zurück aufs Bett. »Wenn ich eine Expedition anführe, nehme ich normalerweise nur Leute mit, die ausreichend Erfahrung haben. Du weißt nie, wann sich der Berg gegen dich wendet. Und es ist nicht bloß dein eigenes Leben, das du dort oben riskierst.«

»Das hat mich mein letzter Gipfelversuch gelehrt.« Sie unterdrückte einen Schauder. »Ich habe online etwas darüber geschrieben – keine Ahnung, ob du gesehen …«

Doug sah sie ausdruckslos an. »Was im Internet steht, interessiert mich nicht.«

»Oh. Natürlich nicht. Ich dachte nur, du hättest es vielleicht gesehen, weil Charles meinte, er habe mich nur deshalb eingeladen.« Dass sie es überhaupt angesprochen hatte, war ihr unangenehm, gleichzeitig war sie froh darüber. Immerhin eine Person aus dem Team, die ihren berühmt-berüchtigten Blogbeitrag »Dem Aufstieg nicht gewachsen« nicht gelesen hatte – den Text über ihre anhaltende Unfähigkeit, die Gipfel der Berge zu erreichen, die sie in Angriff nahm. Am Vorabend hatte Zak, kaum dass ihm gedämmert hatte, wer sie war, darauf bestanden, gleich die nächste Runde Schnaps auszugeben.

»Sieht alles in Ordnung aus. Dann muss ich jetzt nach den anderen sehen«, sagte Doug. »Wenn du gepackt hast, lass die Taschen einfach hier im Zimmer stehen. Mingma bringt sie nach unten. Treffen ist um Punkt elf in der Lobby. Von dort geht es zum Flugplatz.«

Cecily straffte die Schultern. »Verstanden.« Sie ließ den Blick über die Ausrüstung schweifen, die sie gleich würde zusammenpacken müssen. Für die Sachen war ihr gesamtes Erspartes draufgegangen. Alles, was sie besaß, lag auf diesem Bett. Sie fing Mingmas Blick auf. »Glaubst du, es ist zu viel?«

Er lachte. »Du solltest Mister Zaks Liste sehen! Ich glaube, der will sogar ein Album mit Kinderfotos hoch zum Gipfel bringen. Was hast du dabei?«

Sie kaute auf ihrer Unterlippe. »Um ehrlich zu sein, habe ich so weit noch gar nicht gedacht …«

»Nicht?« Überrascht riss er die Augen auf. »In Thamel verkaufen sie überall Flaggen. Weshalb besorgst du dir nicht noch eine? Ein bisschen Zeit hast du noch.«

»Wirklich? Gute Idee. Danke, Mingma! Ich mache mich gleich auf den Weg, sobald ich hier fertig bin.«

Er neigte den Kopf und folgte Doug nach draußen. Cecily legte ihre Kleidung in Packsäcke, schob sie in ihre Tasche und ging die komplette Liste ein letztes Mal durch.

»Gipfelflagge« stand nicht mit drauf. Trotzdem sollte sie etwas mit hinaufnehmen, was sie auf dem obligatorischen Gipfelfoto in der Hand halten könnte. Warum hatte sie daran nicht eher gedacht?

Als sie nach draußen und in Richtung der trubeligen Gassen lief, lag die Antwort auf der Hand.

Weil du nicht daran glaubst, dass du es schaffst.

2

Mit einem kleinen Union Jack im Hosentaschenformat kehrte Cecily ins Hotel zurück. Im selben Moment, da die Türen aufgingen, hielt ihr jemand ein Handy vors Gesicht. »Und guckt mal«, rief Zak, »hier kommt meine Mitstreiterin!«

Sie hatte ihn gegoogelt, sobald sie aus der Kneipe ins Hotel zurückgekehrt war. Wie sich herausgestellt hatte, war er Geschäftsführer von TalkForward, einem Hightech-Kommunikationsunternehmen mit Sitz in Petaluma, Kalifornien.

»Sag Hallo, Celia!«

»Ich heiße Cecily«, gab sie zurück und hob die Hand zum Gruß. Auf dem riesigen Handydisplay drängelten sich zwei strahlende blonde Kinder.

Zak legte Cecily den Arm um die Schultern und zog sie an sich, sodass sie beide in die Handykamera schauten. »Hab wohl immer noch Jetlag … Kinder, das hier ist Cecily. Sie ist Starjournalistin und schreibt eine Reportage über Charles.«

Bei der Bezeichnung – Starjournalistin? Wohl kaum! – winselte Cecily in sich hinein, aber sie widersprach ihm auch nicht, und Zak schien gar nicht zu bemerken, wie unwohl sie sich fühlte.

»Der Bergmann!«, rief der Jüngere auf dem Handydisplay.

»Ganz genau, Buddy. Unser Himalaja-Held. Okay, Leute, hab euch lieb, aber ich muss jetzt auflegen. Der Berg wartet auf mich!« Er drückte den Anruf weg und atmete vernehmlich aus. »Komische Vorstellung, dass das hier womöglich das letzte Gespräch dieser Art für eine ganze Weile war. Hast du deine Familie schon angerufen?«

»Ich glaube ehrlich gesagt, die wollen lieber erst von mir hören, wenn ich wieder heil unten bin.«

»Verstehe … Ach, guck mal, wer da kommt!« Zak zeigte über ihre Schulter hinweg zu den Aufzügen. »Ist das nicht Charles?«

Cecily drehte sich um und hatte sofort ein flaues Gefühl im Bauch. »Das ist er.«

Charles McVeigh wäre in jeder anderen Umgebung unschwer zu erkennen gewesen. Aber selbst hier, in einem Hotel voller Bergsteiger, die sich auf ihre Expeditionen vorbereiteten, stach er aus der Menge heraus. Er war groß und muskulös und somit anders als die meisten anderen, die eher drahtig waren. Er trug eine himmelblaue Daunenjacke mit aufappliziertem TalkForward-Logo am Oberarm sowie seinen Initialen – CM, wobei das M aussah wie ein stilisierter Bergzug – auf Jackenbrust und Baseballkappe.

Neben ihr richtete Zak sich zu voller Größe auf – doch selbst so reichte er Charles gerade bis zur Schulter. Trotzdem konnte sie insgeheim verstehen, warum er sich aufplusterte. In der Bergsteigercommunity war Charles McVeigh ein Promi – mit dem Potenzial, Geschichte zu schreiben. Er war drauf und dran, als Erster ein schier unmögliches, bislang nie erreichtes Kunststück zu vollbringen: Er wollte sämtliche vierzehn Achttausender der Welt im Alpinstil und ohne Flaschensauerstoff besteigen, und das binnen eines einzigen Jahres.

Er nannte es seine »Mission Fourteen clean«.

Die meisten Bergsteiger – wie Cecily, Zak und der Rest der Gruppe – setzten auf den sogenannten Expeditionsstil. Sie würden jede Hilfe in Anspruch nehmen, die sie kriegen konnten – Hochträger, mit Fixseilen und Leitern versicherte Pisten, Essenszelte, Sauerstoffflaschen, eine gründliche Akklimatisierung, je einen eigenen Sherpa am Berg –, damit sie sicher auf den Gipfel und wieder nach unten kämen. Er hingegen würde ohne jede Hilfe unterwegs sein. Bergsteigen in Reinform.

Charles war im Übrigen auch der einzige Grund, warum sie überhaupt in Kathmandu war. Er hatte ihr ein Exklusivinterview in Aussicht gestellt, sobald er seine Mission vollendet hätte. Dieses Interview wäre bei Weitem das größte, was sie je veröffentlicht hatte. Damit wäre ihre Karriere gesichert.

Bei seinem Anblick kramte sie sofort Notizbuch und Stift hervor – und sie musste daran denken, wie aufgeregt ihre Redakteurin gewesen war, als Cecily ihr von der Interviewzusage berichtet hatte. Für Wild Outdoors wäre das Exklusivinterview mit dem berühmtesten Bergsteiger der Welt ein Riesencoup.

Erst nach und nach hatten Michelle Zweifel beschlichen.

»Glaubst du wirklich, dass du das schaffst?«

Cecily war überzeugt, dass ihre Auftraggeberin sich insgeheim wünschte, jemand wie James – Cecilys Ex und viel gepriesener Abenteuer- und Reisereporter – hätte die Geschichte übernommen. Doch stattdessen war Cecily damit betraut worden – ausgerechnet die Person, die noch am ehesten dafür bekannt war, dass sie keine Gipfel bestieg. Und Charles hatte eine ganz wesentliche Bedingung gestellt.

Sie musste mit ihm erst den Gipfel des Manaslu besteigen.

Kein Wunder, dass Michelle nicht überzeugt war.

»Ich versuche mein Bestes«, hatte sie ihrer Chefin versichert, und Michelle hatte geseufzt.

»Ein Versuch ist ja aller Ehren wert, aber … Hör mal, ich habe mich mit dem Team besprochen. Wir wollen das Interview, aber wir können dir keinen Vorschuss zahlen. Honorar bei Abgabe.«

Es war ein Schlag ins Gesicht. »Ist das dein Ernst? Das kann ich mir nicht leisten! Ich muss die Flüge bezahlen, das Training, von der Ausrüstung und den Gebühren ganz zu schweigen.« Es steckte noch mehr dahinter, aber Cecily wollte unter keinen Umständen verzweifelt klingen, sondern zumindest halbwegs professionell rüberkommen.

»Vielleicht kann ich die Flüge stellen und ein kleines Taschengeld, wenn du Expeditionsberichte schickst, aber den Rest … Tut mir sehr leid, Cecily. Das musst du irgendwie selbst lösen.«

»Du hast James die Antarktisreise finanziert! Und dieses Interview ist noch viel, viel größer! Hast du nicht selbst gesagt, dass das ein Porträt für die Ewigkeit wäre?«

»James ist einer unserer Topjournalisten. Er ist eine sichere Bank, während du …«

»Während ich das nicht bin.«

Kurz herrschte unangenehme Stille, als Michelle es nicht eilig zu haben schien, sie zu beschwichtigen. In Cecilys Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie musste dieses Interview führen, wenn sie endlich durchstarten wollte. Allerdings klang es fast, als müsste sie alles auf eine Karte setzen, damit es so weit käme. »Und wenn ich es schaffe?«

»Wenn du es schaffst, wirst du natürlich bezahlt. Und du kriegst Folgeaufträge. Glaub mir, je mehr nicht-weiße Frauen ich anheuern kann, umso besser. Mal ehrlich, wenn du das schaffst, dann wäre das so viel mehr als nur ein Artikel für Wild Outdoors. Es wäre ein Buchvertrag. Ein Film. Das wäre der Durchbruch, damit wäre dein Weg geebnet. So eine Chance kriegt man nicht alle Tage.«

Cecilys Atmung beruhigte sich wieder. Gut zu wissen, dass Michelle ihr die Daumen drückte, und wenn es nur war, weil Cecily mit ihrem hellen Teint und dem Nachnamen ihres chinesischen Vaters die akzeptabelste Version von Diversity darstellte.

Trotzdem hatte sie noch gut im Ohr, was ihre Redakteurin gesagt hatte, und das nicht nur aufgrund der guten Aussichten – sondern wegen der unausgesprochenen Kehrseite: Falls sie scheiterte, wäre ihre Karriere als Reisereporterin beendet. Sie wäre zurück bei null, würde um Artikelchen für Honorare buhlen, die kaum ihren Lebensunterhalt deckten. Wenn sie dies hier nicht schaffte, wäre es nicht bloß eine gescheiterte Gipfelbesteigung.

Auch ihr Beruf wäre Geschichte.

Sie hätte nicht mal mehr Geld genug für eine Kaution, wenn sie sich eine neue Wohnung suchen müsste.

»Dem Aufstieg nicht gewachsen« würde zu »Dem Leben nicht gewachsen« werden.

Charles schlenderte auf die Ledersitzgruppe in der Lobby zu. »Komm, sagen wir Hallo, bevor ihn die Groupies belagern.« Zak hatte sich schon in Bewegung gesetzt, noch bevor er zu Ende gesprochen hatte. Cecily, die nach wie vor ihren Stift suchte, hielt noch kurz inne. Charles erstmals seit Monaten von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen führte ihr wieder vor Augen, was sie sich vorgenommen hatte.

Ihr erster Achttausender … einer der höchsten Gipfel der Welt …

Und einer der tödlichsten.

Sie schüttelte die Angst ab, die ihr sofort im Nacken gesessen hatte, und lief Zak hinterher.

»So gut, hier zu sein, Mann!« Zak gab Charles energisch die Hand. Er schien völlig geblendet zu sein. »Es ist eine Ehre, Teil deiner Crew zu sein, wirklich!«

Charles hob die Hand an die Brust. »Die Ehre ist ganz meinerseits. Setz dich doch bitte. Cecily, schön, dich wiederzusehen!«

»Gleichfalls. Nicht zu fassen, dass es endlich so weit ist.« Sie nahm ihr Notizbuch hoch. »Macht es dir etwas aus, wenn ich dir vorab ein paar Fragen stelle, bis unser Flug geht?«

Er lachte. »Versuchst wohl, direkt ein Interview einzuschieben, was? Das war aber nicht der Deal.«

In der Hoffnung, ihn umzustimmen, legte sie ihr strahlendstes Lächeln auf. »Ich dachte nur, weil wir genau genommen noch nicht am Berg sind, wären vielleicht ein paar Vor-Abreise-Fragen drin?«

Unbeeindruckt schüttelte er den Kopf. »Pack das Notizbuch wieder weg. Ich habe dich hierher eingeladen, damit du ins echte Expeditionsleben eintauchst.« Er beugte sich vor und raunte ihr mit vielsagendem Blick zu: »Genieß es!«

»Entschuldigung … Charles?«

Eine ältere Frau – mit einem leichten, möglicherweise deutschen Akzent – trat auf sie zu. Charles stand auf und begrüßte sie mit Wangenküsschen. »Vanja! Wie geht’s? Vanja, darf ich dir Zak Mitchell vorstellen? Er ist Geschäftsführer von TalkForward, einem wahnsinnig innovativen Tech-Unternehmen. Und Cecily Wong – sie ist die Journalistin, die ich mir für den Manaslu ausgesucht habe. Sie kommt mit auf den Gipfel, um alles aus erster Hand mitzuerleben. Kein Interview bis zum Gipfelsieg, nicht wahr, Cecily?«

Ihr Lächeln fiel in sich zusammen, und sie brauchte einen winzigen Moment, um zu antworten. »Genau.«

Vanja bedachte Cecily mit einem neugierigen Blick. »Beeindruckend!«

»Und das ist Vanja Detmers, Chefin der Himalayan Database hier in Kathmandu. Sie hat für mich sämtliche nepalesischen Gipfel erfasst und dokumentiert.«

»Und es war mir ein Vergnügen, Charles.«

Cecily gab ihr die Hand, ehe sie sich eilig den Namen aufschrieb.

»Ich bin eigentlich nur vorbeigekommen, um mir die Teammitglieder zu notieren, damit ich die Expeditionsbegehungen später verifizieren kann. Sollen wir gleich mit dir anfangen, Cecily?« Vanja setzte sich neben sie und stellte ihren Laptop auf dem Couchtisch in der Mitte ab.

»Ich bin mir nicht sicher, ob …«

»Du willst deinen Namen doch in den Geschichtsbüchern sehen, oder nicht?«

Sie zögerte kurz. »Wenn ich es denn schaffe.«

»Ohne jeden Zweifel«, sagte Vanja. »Immerhin bist du mit Charles unterwegs. Du bist in den besten Händen. Und falls du in Schwierigkeiten gerätst, dann holt er dich wieder raus.«

Charles lächelte sie an. »Sehr nett von dir, Vee. Aber nach dem Cho würde ich gern ohne weitere Zwischenfälle durchkommen.«

»Ach, Charles, du bist zu bescheiden! Es kommt doch nichts besser an als ein guter alter Rettungsversuch, oder was meinst du?«, entgegnete die Frau ungerührt. Sie klappte den Laptop auf, und die Finger huschten über die Tastatur. Neugierig beugte Cecily sich vor. In der Himalayan Database wurden sämtliche Expeditionen zu den großen Himalaja-Gipfeln dokumentiert. »Britin?«, fragte sie Cecily, die wortlos nickte. Ein paar Tastenbefehle, und auf dem Bildschirm erschien eine Liste sämtlicher britischer Bergsteigerinnen, die seit 2008, als die erste Engländerin auf dem Gipfel stand, den Manaslu bezwungen hatten. Cecily musste mehrmals blinzeln, als sie sah, wie kurz die Liste war. Wenn sie es schaffte, würde sie zu dieser Handvoll zählen. Wieder eine Erinnerung daran, was für eine ungeheuerliche Herausforderung ihr bevorstand.

»Was heißt denn das Sternchen da neben den Namen?«, wollte sie wissen.

»Ach, das sind die Jahre, in denen die Leute nur zum Vorgipfel gekommen sind, nicht zum höchsten Punkt«, erklärte Vanja. »In manchen Jahren ist das allerletzte Stück bis zum Hauptgipfel zu schwer zu versichern.«

»In diesem Jahr dürften wir es schaffen«, sagte Charles. »Mach dir keine Sorgen.«

»Cecily?« Mingma fing ihren Blick auf und winkte sie zu sich. Neben ihm stand eine junge Frau in einem neongelben Trägertop und lila Leggins. Abgesehen von ihrem knallroten Lippenstift war sie ungeschminkt.

Zu Cecilys Überraschung und Freude kannte sie die Frau: Elise Gauthier, eine Frankokanadierin, Influencerin und Bergsteigerin, deren Social-Media-Auftritt sie verfolgte, seit sie erstmals zur Bergsteigercommunity recherchiert hatte. Elise war bekannt für ihre schrillen Outfits und den auffallenden Schmuck, den sie sogar am Berg trug. Ihre Fotos und Videos waren fantastisch, inhaltsreich und gut choreografiert. Sie hatte wirklich ein Auge für Details.

Ganz ohne ihr Zutun machte sich ein Lächeln auf Cecilys Gesicht breit. »Mein Gott – Elise?«

»Das bin ich.« Sie schob sich die Sonnenbrille in die Stirn und erwiderte Cecilys Lächeln. »Kennen wir uns?«

»Tut mir leid, nein … Ich bin Cecily Wong, ich folge dir auf Instagram. Du bist ein riesiges Vorbild. Gehst du auch auf den Manaslu?«

»Ja, mit Charles … Du doch auch, oder?«

»Ja – was für eine tolle Überraschung, dass du mit dabei bist!«

»Gleichfalls!« Sie beugte sich vor, um Cecily zwei Wangenküsschen zu geben. Dann drückte sie Cecilys Arm. »Und ich dachte schon, es wären wieder nur ich und die Jungs, wie sonst auch! Aber da können wir uns ja zusammentun.«

»Ich habe etwas für euch zwei.« Mingma griff in seine Tasche und angelte ein paar orangefarbene Stoffstreifen hervor, die mit buddhistischen Zeichen übersät waren. Eins davon legte er Cecily um den Hals. »Das ist eine Khata. Möge sie dir eine sichere Reise bescheren.«

Cecily ließ den seidenweichen Stoff durch die Finger gleiten. Während des Fluges hatte sie sich über die anderen Expeditionsmitglieder den Kopf zerbrochen. Am Vorabend hatte Zak, wenn auch leicht arrogant, doch freundlich gewirkt, und Elise war ein Sonnenschein – in ihrer Nähe fühlte Cecily sich augenblicklich wohl. Wenn das hier ihr Team wäre, würde sie es schaffen.

Die Eingangstüren glitten auf, und Doug kam herein. »Die Wagen sind da«, rief er, hob die Hand und zählte die Meute durch. Dann runzelte er die Stirn. »Mingma, ist er immer noch nicht runtergekommen?«

»Ich habe ihn noch nicht gesehen.«

Finster sah Doug auf die Uhr. Es war bereits kurz nach elf.

»Fehlt jemand?«, fragte Cecily an Mingma gewandt.

»Ja, einer noch … ein Last-Minute-Zugang. Er heißt …«

Im selben Moment klingelte der Aufzug, und ein Mann mit verspiegelter Sonnenbrille und einer teuer aussehenden Spiegelreflexkamera um den Hals trat heraus. Er hielt schnurstracks auf die Kaffeemaschine in der Ecke zu.

Doug stellte sich ihm in den Weg. »Dafür haben wir keine Zeit, Grant. Wir müssen los. Jetzt sofort.«

»Ernsthaft? Nur ein Becher Kaffee, und ich bin so weit …«

Cecily zog die Augenbrauen hoch. Es sah ganz danach aus, als wäre noch ein Landsmann mit von der Partie. Er war etwa in ihrem Alter, wenn nicht ein paar Jährchen jünger – nur dass der geschliffene Akzent nicht recht zu seiner ungepflegten Erscheinung zu passen schien. Er sah aus, als wäre er eben erst aus einer Kneipe gekommen. Seine Mundwinkel zuckten, doch dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, als er Charles entdeckte.

»He, da bist du ja, Bruder! Schön, dich zu sehen! Ich war echt voll gestern, hab dich im Club aus den Augen verloren und bin in einem Momo-Restaurant wieder zu mir gekommen. Was für eine Nacht! Bereit für den Berg?«

»Bereit wie immer.« Charles’ Augenbraue zuckte. Er ging auch nicht auf Grant zu, um ihm die Hand zu geben, wie er es bei Zak getan hatte. Doch Grant schien das nichts auszumachen. Allem Anschein nach kannten sie sich schon von früher. Obgleich Cecily bei den anderen ein so gutes Gefühl gehabt hatte, geriet sie nun ins Wanken. Grants Auftreten und Verhalten erinnerten sie an die Schnösel, die an ihrer Uni herumstolziert waren und sich aufgeführt hatten, als würde alles ihnen gehören. Vielleicht hatte sie sich aber auch nur von Dougs Missfallen anstecken lassen, das ihm deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Nicht dass es Grant etwas ausgemacht hätte.

»Kann es kaum erwarten, alles zu filmen! Ich will jede Sekunde festhalten!«

Doug hüstelte. »Okay, Leute. Gehen wir.«

»Nur ganz kurz«, rief Elise. »Vanja, kannst du noch ein Foto von uns allen machen?«

Das Team rückte zusammen, und Mingma verteilte die restlichen Khatas. Charles stand in der Mitte – und war einen ganzen Kopf größer als alle anderen. Sieben einander Fremde, die den kommenden Monat aufeinanderglucken würden, um dann gemeinsam einen der höchsten und gefährlichsten Berge der Welt zu besteigen.

Cecily konnte nur hoffen, dass sie es schaffen würde.

3

Charles trat aus der Gruppe heraus, sobald das Foto im Kasten war. »Also dann, bis bald und guten Flug!«

»Kommst du gar nicht mit?«

»Nein, ich komme nach. Ich muss hier in Kathmandu noch ein paar organisatorische Dinge erledigen. Außerdem bin ich schon akklimatisiert.«

Der Rest der Mannschaft machte sich auf den Weg zu den Wagen.

Nur Cecily blieb wie angewurzelt stehen.

»Komm in die Gänge, Cecily, wir müssen los«, rief Doug.

Ihr Blick huschte zwischen Doug und Charles hin und her. Charles schien ihr die Besorgnis anzusehen, trat auf sie zu und tätschelte ihr die Schulter. »Wir haben noch genügend Zeit zu reden, wenn wir am Berg sind.«

Sie nickte. Seine Berührung bescherte ihr zumindest einen Hauch von Sicherheit. Kaum zu glauben, dass sie Charles McVeigh noch kein Jahr kannte.

Sie wusste noch genau, wann sie erstmals von ihm gehört hatte: an einem eisigen Oktobermorgen im vergangenen Jahr. Die Scheibenwischer waren auf Hochtouren gelaufen, weil es draußen so geschüttet hatte.

»Man kann es ihm am Blick ansehen«, hatte James getönt, »er schafft das! Sofern er das Geld zusammenkriegt, bis er im Frühling loslegen will, hat er den Rekord so was von in der Tasche!«

Die beiden waren von London hoch nach Fort William gefahren, um an der berühmten National Three Peaks Challenge teilzunehmen, in der die jeweils höchsten Berge in Schottland, England und Wales innerhalb von vierundzwanzig Stunden bestiegen wurden. Genau genommen fuhr James’ Freund und Kollege Ben, weil Cecily und James vor dem Aufstieg ausgeruht sein mussten. Cecily war ein Nervenbündel, machte sich wegen des Wetters, ihrer Fitness und der bevorstehenden Riesenherausforderung Sorgen, und James versuchte, sie zu beruhigen. Auf die Idee, dass die Geschichte irgendeines Mannes, der eine schier unerreichbare Bergsteiger-Heldentat vollbringen wollte, ihr die Angst nehmen würde, hatte nur er kommen können. Der Versuch war zwar nett, half Cecily aber nicht, das Gefühl von Beklemmung loszuwerden.

»Und er muss an die nötigen Permits kommen. Die Chinesen haben den Shishapangma geschlossen«, warf Ben ein. Er war so groß, dass er sich über das Lenkrad beugen musste, was nicht sonderlich bequem aussah.

»Die kriegt er. Sie wären Idioten, wenn sie ihn nicht hochlassen würden. Die Publicity, die er für das Hochgebirgs-Business mit sich bringt, ist unglaublich.«

Trotz ihrer Bedenken angesichts der Challenge war Cecily froh, James so begeistert zu erleben. Es kam nicht häufig vor, dass er so überschwänglich von etwas erzählte. Normalerweise war er der Erste, der Kritik an den großen Namen im Alpinismus übte. Und zugegebenermaßen war sie neugierig geworden.

»Was ist an dem Typen so besonders?«, wollte sie wissen. »Wie hieß er gleich wieder?« Sie lehnte sich auf der Rückbank leicht vor.

»Charles McVeigh«, antwortete James.

»Werden in den Bergen nicht ständig irgendwelche Rekorde gebrochen?«

James schnaubte und suchte ihren Blick im Rückspiegel. »Das ist jetzt ein Scherz, oder? Doch nicht solche Rekorde! Wenn Charles das durchzieht, dann setzt er neue Maßstäbe, und zwar nicht nur für die Bergsteigerwelt. Er überschreitet die Grenzen des körperlich Machbaren. Er beweist der ganzen Welt, wozu der Mensch fähig ist. Das ist verdammt noch mal die nächste Ebene.«

»Cool«, sagte sie.

James verzog das Gesicht. »Cool« wurde der Sache offenbar nicht annähernd gerecht. »Ich habe für ClimbersWeb etwas über seine Mission Fourteen clean geschrieben, aber er hat definitiv eine größere Bühne verdient. Ich hoffe, ich kann National Geographic oder Wild Outdoors für eine größere Geschichte begeistern. Allerdings hat er ein Exklusivinterview bislang immer abgelehnt.«

Während James und Ben weiter von Charles’ Heldentum schwadronierten, lehnte Cecily sich zurück und googelte die Social-Media-Kanäle dieses Charles, weil James’ Begeisterung und Bewunderung für den Mann sie hellhörig gemacht hatten. Und Charles’ Fotos von weiten Berglandschaften und furchterregenden Kletterrouten, die zwischen turmhohen Séracs hindurchführten, waren tatsächlich atemberaubend. Sie selbst hatte in ihrem Leben nur einen einzigen Berg bestiegen, den Kilimandscharo in Tansania. Der war hart genug gewesen – und nicht annäherungsweise so hoch wie die Gipfel, die Charles im Visier hatte.

»Warum hat er sich ausgerechnet diese vierzehn Berge ausgesucht?«

»Das sind sämtliche Gipfel über achttausend Meter«, antwortete James, »und sie liegen alle im Himalaja und im Karakorum. Allesamt Todeszonen-Gipfel. In jeder Minute, die du in dieser Höhe verbringst, sterben deine Zellen. Die meisten Bergsteiger gehen mit zusätzlichem Sauerstoff hoch, aber nicht Charles, der ist Purist.«

»Und wie schafft er das?«

James biss die Zähne zusammen. »Ich weiß es nicht. Das würde ich ihn wirklich gern fragen. Aber er reagiert nicht auf meine Anfragen.«

»Vielleicht sollte ich ihm mal eine E-Mail schreiben«, sagte Ben.

»Untersteh dich!«

In einer Geste der Kapitulation hob Ben beide Hände vom Steuer. »War nicht ernst gemeint, Kumpel. Es ist dein Interview. Du kennst diese Bergsteigertypen – die sind alle ganz fürchterlich abergläubisch. Wahrscheinlich will er einfach nicht reden, bevor er die Mission vollendet hat.«

»Genau wie du, Jay«, warf Cecily von hinten ein, um wieder für Entspannung zu sorgen. »Trägst du nicht auch dieselben Socken, die du am Aconcagua anhattest?«

James und Ben konkurrierten seit jeher um dieselben Storys, waren aber auch auf zig Reisen gemeinsam unterwegs gewesen. Sie selbst hatte vierundzwanzig Stunden lang Todesängste ausgestanden, als die beiden sich von ihrer Besteigung des höchsten Berges in Südamerika nicht gemeldet hatten. Dann hatten sie den Gipfel bezwungen, und sie hatte die Euphorie mit ihnen geteilt, auch wenn sie die ganze Zeit in ihren sicheren vier Wänden in ihrer Londoner Wohnung geblieben war. Trotzdem hatte sie den Hauch jenes sogenannten Gipfelfiebers verspürt – den Willen, um jeden Preis bis ganz oben zu kommen.

»Meine treuen Gipfelsocken!« James zwinkerte ihr zu. »Das sind meine Glücksbringer.«

»Außer am Kilimandscharo.« Sie rieb ihm über den Arm. »Ich hab immer noch ein schlechtes Gewissen. Hoffentlich durchkreuze ich diesmal nicht deine Pläne!«

Er griff nach hinten, nahm ihre Hand und drückte ihre Finger. »Das war etwas anderes. Hier bekommen wir es nicht mit der Höhe zu tun, Baby. Und du hast ja trainiert. Alles wird gut. Kein Grund, dir Sorgen zu machen.«

Nur dass es nicht gut gegangen war. Auf dem dritten Gipfel, dem Snowdon – oder Yr Wyddfa, wie er auf Walisisch hieß –, war sie am Ende ihrer Kräfte und annähernd deliriös gewesen, nachdem sie gut zwanzig Stunden lang auf den Beinen gewesen war. Erst hatten sie den Ben Nevis in Schottland und dann den Scafell Pike in England bestiegen, sich während der langen Autofahrten zwischendurch aber weder erholen noch schlafen können. Gegen die heftigen Böen und die Regengüsse war sie nicht mehr angekommen und hatte zitternd vor Kälte aufgeben müssen. Da waren sie und James gerade auf halber Höhe eines messerscharfen Grats namens Crib Goch gewesen und arbeiteten sich über das nasse, rutschige Geröll voran.

»Ich kann nicht mehr«, rief sie James zu. »Ehrlich, geh weiter, du kannst es immer noch innerhalb von vierundzwanzig Stunden schaffen, wenn du weitermachst.«

»Cecily, ich lass dich hier nicht allein.« Er blieb auf der nächsten Erhebung stehen und sah sich nach ihr um. Sie quälte sich zu ihm hoch, ohne an irgendeinem Stück Fels Halt zu finden.

Sie schüttelte den Kopf. »Es hat keinen Sinn. Ich schaffe es nicht. Ich gehe zurück zum Auto – ist ja nicht weit. Ben hat Tee dabei. Bitte, einen zweiten Kili könnte ich nicht ertragen!«

Sie konnte ihm ansehen, wie er mit sich rang. Am Kilimandscharo hatte er mit ihr zusammen kehrtgemacht. Diesmal jedoch konnte er die Challenge schaffen. »Wenn du dir sicher bist …«

»Ja. Und guck mal, ich glaube, es hört auf zu regnen. Ich komme schon klar.« Sie war nass bis auf die Knochen, und ihre eisigen Finger krampften schon.

Er warf ihr ein Küsschen zu. »Geh ohne Umwege zurück zum Wagen, okay? Hier oben ist der Empfang nicht besonders, deshalb kann ich dich nicht ständig anrufen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Aber ich sollte in ein paar Stunden auf dem Gipfel und wieder zurück sein.«

»Verstanden. Und jetzt geh!«, sagte sie. Und er war gegangen.

Sie hatte es nicht bis zum Auto geschafft. Nachdem er weitergezogen war, hatte sie etwas mitansehen müssen, was sie ihr Lebtag nicht vergessen würde.

Eine Frau war vor ihren Augen abgestürzt.

Es wurden die schlimmsten Stunden ihres Lebens. Sie wartete auf die Bergrettung und pfiff immer wieder auf der Signalpfeife, um sie zum Unglücksort zu lotsen.

»Du bist eine Heldin«, sagte James, als er wieder bei ihr war und sie fest an sich drückte. Nur dass sie sich nicht wie eine Heldin fühlte. Sie hatte lediglich auf die Retter gewartet. Sie selbst hatte der Frau nicht helfen können. Oder verhindern können, was passiert war.

Zurück in London schrieb James einen Artikel über das Unglück und bezeichnete sie als »die Heldin vom Snowdon«.

Sie wollte, er hätte es nicht getan. Sie schämte sich zutiefst. Und tat, was sich für sie am besten anfühlte: Sie schrieb und brachte das Erlebnis – ihre Version der Ereignisse – auf Papier. Das Ergebnis war ein ungeschönter, tief emotionaler Blogeintrag unter dem Titel »Dem Aufstieg nicht gewachsen«. Über ihr Entsetzen angesichts dessen, was sie mitangesehen hatte. Über die Trauer. Und über das tiefe und anhaltende Gefühl, versagt zu haben – am Kilimandscharo, bei der Three Peaks Challenge, bei der Rettung jener Frau.

Sie schickte den Text an Michelle, die ihn auf Wild Outdoors online stellte. Und zu ihrer aller Überraschung ging er durch die Decke, wurde zigfach angeklickt und war am Ende des Monats der meistgelesene Beitrag. Dank James betrachteten die meisten Leser sie ohnehin bereits als Heldin, doch ihre Version der Geschichte, insbesondere die erbarmungslose Ehrlichkeit, mit der sie ihr Scheitern auf dem Weg zum Gipfel beschrieb, sprach umso mehr Leute an. Sie hatte in ihrem Text lediglich unterschlagen, wie ungeheuer sie um die Frau trauerte, der sie am Berg nur für kurze Zeit begegnet war, doch das Gefühl war einfach zu schmerzhaft.

Trotz allem war sie ein Risiko eingegangen: Sie hatte sich entblößt und alles rausgelassen. Und es hatte sich für sie ausgezahlt. Zum ersten Mal überhaupt hatte sie das Gefühl, dass sie in den Startblöcken zum Erfolg stand. Jetzt brauchte sie nur noch die eine Story, die ihr den Absprung ermöglichte.

Und dann kam Charles.

Ein unverhoffter Nebeneffekt ihres traumatischen Snowdon-Erlebnisses war die erneuerte Wertschätzung jener Aufgabe, der Charles sich gestellt hatte. Als er im darauffolgenden Frühling zur Annapurna aufgebrochen war, dem ersten Berg auf seiner Mission, folgten sie und James online seinen Fortschritten, und James’ Texte wurden zusehends übereuphorisch. Am Dhaulagiri, dem dritten Gipfel, bewahrte Charles einen italienischen Bergsteiger vor dem sicheren Tod – und diese Geschichte löste in ihr etwas aus. Da war jemand, der nicht nur selbst etwas leisten wollte, er war auch willens, alles zu riskieren, um jemand anderen zu retten. Er war der wahre Held, nicht sie.

Und mit dieser Einschätzung war sie nicht allein. Charles’ dramatischer Rettungsversuch schaffte es bis in die Mainstream-Medien. Fortan ließ ihn die Welt nicht mehr aus den Augen. Das erzeugte enormen Druck, doch Charles ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen, auch wenn mit jedem Berg, den er bestieg, die mediale Aufmerksamkeit zunahm.

Als sie nach seinem Gipfelsieg am K2 die einzige Journalistin war, die bei einer Spendenveranstaltung in London zu seinem Vortrag geladen wurde, war sie vor Schreck zunächst wie erstarrt. Er hatte die Hälfte seines Projekts schon geschafft, benötigte jedoch mehr Sponsorengelder, um auch die letzten Gipfel anzugehen. James war blass vor Neid gewesen, doch sie hatte ihn ein wenig besänftigen können, indem sie ihn zu der Veranstaltung mitgenommen hatte. Auf der Bühne machte Charles eine kontroverse Ankündigung: Er werde auf seinen letzten geplanten Gipfel, den Manaslu, ein ganzes Team mitnehmen – was seinen Ruf als Legende nur noch verfestigte. Nicht nur kann ich das alles schaffen – ich schaffe es auch noch, Leute bis ganz nach oben zu bringen.

Während des anschließenden Empfangs trat Charles auf sie zu. Sie standen im Festsaal der Royal Geographic Society, in dem es von Leuten nur so wimmelte, die ihn nicht aus den Augen ließen, um den Moment abzupassen, da sie mit diesem Ehrenmann sprechen könnten – doch seine Aufmerksamkeit galt nur ihr.

»Ich bin immer noch auf der Suche nach einer Journalistin, die mit auf den letzten Gipfel kommt. Und ich hätte gern, dass du das bist, Cecily.«

Sie hätte fast den Champagner ausgespuckt. »Entschuldigung … Wie bitte?«

Neben ihr war James schlagartig erstarrt, bevor er sich wieder erholte und unruhig von einem Bein aufs andere trat.

Sofern Charles es bemerkte, ging er nicht darauf ein. »Komm mit auf den Manaslu. Das ist ein guter Berg, auch für Neulinge machbar und atemberaubend schön. Und meiner Geschichte kann man nur gerecht werden, wenn man sie am Berg hautnah miterlebt. Wenn man sie mit mir zusammen erlebt.«

Sie schüttelte nervös kichernd den Kopf, doch Charles verzog keine Miene. Sie schluckte und sah zu James. »Moment … Ernsthaft? Ich kann doch nicht …«

»Klar kannst du. Und nachdem wir beide den Gipfel erreicht haben, kriegst du dein Interview«, sagte er.

»Und wenn nicht?«

Charles lächelte, und seine eisblauen Augen blitzten. »Wenn nicht steht nicht zur Debatte.«

Das war’s. Der Durchbruch, auf den sie gewartet hatte. Im selben Moment war die Sache entschieden. Sie würde diesen Berg besteigen.

Hinter ihr hüstelte Doug und sah demonstrativ auf die Uhr. Geduld war anscheinend nicht seine Stärke. Sobald sie sich nach ihm umsah, winkte er sie nachdrücklich hinter sich her, während er selbst bereits auf die Wagen zuhielt.

»Viel Spaß in Samagaun und im Basislager«, sagte Charles. »Konzentrier dich auf die Vorbereitungen. Akklimatisiere dich, mach dich mit dem Berg vertraut. Das hier ist deine Expedition. Ich weiß, dass du es schaffen kannst. Sobald ich nachkomme, marschieren wir los zum Gipfel. Und dann reden wir ausführlich.«

»Danke, Charles. Und viel Erfolg bei deinen organisatorischen Sachen!«

Cecily holte tief Luft, ehe sie ihrem Expeditionsleiter nach draußen folgte. Die Schiebetüren glitten auf, und warme, schwüle Luft schlug ihr entgegen. Es fühlte sich an, als würde ein Gewitter aufziehen.

Sie warf einen letzten Blick über die Schulter. Ihr Interviewpartner hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihnen nach. Sie rutschte auf den Rücksitz zu Zak und Grant, und es ging los zum Flugplatz, von dem aus sie mit dem Hubschrauber nach Samagaun am Fuß des Manaslu gebracht würden.

Sie freute sich darauf, tief ins Herz des Himalaja vorzudringen – gleichzeitig konnte sie das flaue Gefühl im Bauch, das sich zusehends verfestigte, nicht ignorieren.

Sie war hier, um eine Story zu schreiben, und es hatte fast den Anschein, als wäre die Story soeben hier in Kathmandu geblieben.

Aus Cecily Wongs Expeditionsbericht »Manaslu: Der letzte Berg«

3. September

Samagaun, Gorkha, Nepal

3500 m

 

Grüße aus dem hinreißenden Samagaun! Wir haben es geschafft!

Also – wir alle bis auf den Hauptdarsteller, Charles McVeigh. Aber keine Bange: Er hat seine Mission nicht abgebrochen, er muss bloß noch ein bisschen länger in Kathmandu bleiben, weil noch ein paar wenige organisatorische Dinge anstehen. Angesichts von Papierkram, Bürokratie und dem Sammeln von Spenden, die ihm die Besteigung dieser Riesenberge erst ermöglichen, scheint die Logistik hinter der Mission die größere Herausforderung für Charles zu sein als die Gipfelsiege an sich.

Beim Bergsteigen dreht sich so vieles um Glück – allein die Anreise zum Berg. Wegen des starken Regens drohten wir in Kathmandu festzusitzen, erwischten dann aber zum Glück eine Regenpause, und es blieb gerade lange genug trocken, um den Hubschrauber zu besteigen. Zu Fuß hätten wir bis Samagaun, das Dorf am Fuße des Manaslu, eine ganze Woche gebraucht (auch wenn unsere Sherpa-Crew es angeblich in ein paar Tagen schafft). Doug fand, zu fliegen wäre zielführender.

Und was für ein Flug das war! Um kurz nach 14 Uhr ging es los – in einer niedrigen Schleife über die zersiedelte Stadt Kathmandu. Jenseits der Bebauung sahen wir sich kräuselnde, sattgrüne Terrassen und dichten Urwald rings um einen mäandernden Fluss, während wir den Wolken und dem Regen auswichen. Hier und da himmelblaue Blechdächer inmitten des weiten Grüns – von oben ist kaum zu erkennen, wie die Bewohner ihre entlegenen Behausungen überhaupt erreichen. Nach einem kurzen Tankstopp veränderte sich die Landschaft erneut. Je höher wir kamen, desto imposanter wurden die Nadelwälder und Bergrücken, und zu beiden Seiten gab es Wasserfälle, die von den Felsen stürzten. Ganz ehrlich? Allein die Aussicht aus dem Hubschrauber war die Gebühren für diese Expedition wert!

Samagaun selbst liegt an einem Ausläufer des Manaslu. Allerdings hat sich der Berg uns noch nicht gezeigt. Er versteckt sich hartnäckig hinter einer Wolkenbank, die Monsunzeit klingt gerade erst aus. Aber die Anspannung steigt.

Ich schreibe diese Zeilen in einem örtlichen Teehaus, während neben mir ein Holzfeuer knistert. Die Betreiberin des Gästehauses, Shashi, hat uns mit wärmendem Milchkaffee versorgt, und ich habe mich schon über meinen Proviant hergemacht. An den Holztischen sitzen Bergsteiger aus aller Welt, und wir alle sind drauf und dran, zu einem einzigartigen Abenteuer aufzubrechen.

Viele von euch wissen ja, dass ich für gescheiterte Bergtouren bekannt bin. Doch Charles hat das bemerkenswerte Talent, selbst dem unsichersten Menschen Selbstvertrauen einzuflößen. Unter seiner Anleitung kann ich es schaffen, das weiß ich. Mit jeder Faser seines Körpers strahlt er Siegesgewissheit aus. Selbst in den wenigen Minuten, die ich in Kathmandu mit ihm verbringen durfte, war nicht zu übersehen, dass er eine ganze Bergsteigergeneration inspiriert. Und das ist die Art von Mensch, die wir feiern sollten. Jeder Schritt, den er an einem Berg macht, bringt uns dem Moment näher, da wir alles über den Haufen werfen, was wir über die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers wissen – selbst in den unwirtlichsten Regionen dieser Erde. Mir kommt die Ehre zuteil, diese Schritte aus nächster Nähe mitzuerleben.

Aber was sind nun unsere nächsten Schritte? Zunächst müssen wir uns an die hiesige Höhe und die dünnere Luft gewöhnen. Dies wird ein wiederkehrendes Thema dieser Reise sein: Getreu der alten Bergsteigerregel geht es tagsüber auf den Berg und dann wieder nach unten, damit sich der Körper akklimatisiert. Im Klartext heißt das: Wir unternehmen mehrere Touren, immer dieselben Routen hoch und wieder zurück, und dabei stellen wir uns ein ums andere Mal denselben furchterregenden Hindernissen – turmhohen Séracs, tiefen Gletscherspalten und annähernd senkrecht abfallenden Eiswänden.

Natürlich will Charles dies alles ohne Sauerstoff und Sicherungsseile angehen. Dabei ist er berühmt dafür, wie gut er die Höhe wegstecken kann und auf achttausend Metern fast ebenso leichtfüßig unterwegs ist wie auf Meereshöhe.

Was mich angeht … habe ich nicht die leiseste Ahnung, ob ich es schaffe, zusätzlicher Sauerstoff hin oder her. Und so etwas lässt sich im Vorfeld auch nicht voraussagen. Kein Training der Welt bereitet den Körper wahrhaft darauf vor. Ich kann tatsächlich nur einen Schritt nach dem anderen machen, bis ich irgendwann auf dem Gipfel stehe – oder bis mir jemand sagt, dass ich umkehren muss.

Und natürlich wäre der Gipfel erst die halbe Miete. Viele Bergsteiger behaupten, dass der Abstieg eine ebenso große Herausforderung darstellt.

Drückt mir also die Daumen! Ich kann es brauchen. Denn am Berg kann alles passieren.

 

4

Die Sonne kam hinter den Bergrücken hervor und tauchte die Terrasse des Teehauses in Licht und Wärme. Heißer Tee dampfte in Cecilys Händen. Notizbuch und Stift hatte sie beiseitegelegt. Sie stützte sich auf das Holzgeländer, das bedenklich knarzte. Im Hof unter ihr blökte eine Ziege. Ansonsten war alles still. Zu früh für die meisten anderen.

Sie hatte die Aussicht für sich allein – ihre erste Gelegenheit, alles in Augenschein zu nehmen. Ihr Handy hing am Ladekabel in ihrem Zimmer, die Kamera steckte noch tief in ihrer Tasche. Statt den Augenblick zu dokumentieren, nahm sie noch einen Schluck Tee, ließ den Blick schweifen und nahm alles in sich auf.

Der scharf konturierte Doppelgipfel und der Ostgipfel ragten in den Himmel wie der Schwanz eines Meeresungeheuers, das gleich in einen tiefblauen Ozean abtauchen würde. Dagegen war sie winzig, eine Pfrille. Dass sie dort hinaufsteigen würde, schien ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Sie fragte sich – nicht zum ersten Mal –, wie sie so überheblich sein konnte, es auch nur zu versuchen.

Für sie stand alles auf dem Spiel. Ihre Karriere. Ihre Finanzen. Ihr Zuhause. Besser, sie konzentrierte sich jetzt aufs Wesentliche. Auf den Berg, der sich vor ihr auftürmte.

Der Duft von Puri, dem traditionellen gebratenen Brot, wehte aus der Küche. Allmählich war Bewegung in den Zimmern, und das Teehaus erwachte zum Leben. Auf der anderen Straßenseite tauchten auf der Terrasse des benachbarten, blau bemalten Gasthauses weitere Leute auf, streckten sich und inhalierten die frische Himalaja-Luft.

»Magisch, oder?«

In knallpinkfarbener Softshelljacke und Strickmütze kam Elise die Treppe zur Terrasse hoch, begleitet von mehreren französischen Bergsteigern aus der Summit-Extreme-Gruppe, die sie am Vorabend kennengelernt hatten. Cecily streifte ihr Notizbuch mit einem flüchtigen Blick. Sie hatte sich die Namen aufgeschrieben – Alain und Christophe. Die beiden waren zu Fuß von Kathmandu heraufgekommen und würden ein paar Nächte in Samagaun bleiben, um sich an die Höhe zu gewöhnen, bevor sie zum Basislager weiterziehen wollten.

»Sieht irgendwie unwirklich aus«, antwortete Cecily.

Einer der Franzosen – Alain, wenn sie sich nicht irrte – stellte sich neben Elise. Beim Kaffee am Ofen hatte er sie tags zuvor mit Geschichten seiner letzten Bergtour unterhalten. Irgendwo in Afghanistan? Cecily hatte den Namen des Berges noch nie gehört. Es hatte beeindruckend geklungen und ziemlich gefährlich, irgendeine Art von Erstbesteigung.

So viele Gipfel, so viele Geschichten, so viele Egos, so viele Bärte … Sie waren nicht ganz leicht auseinanderzuhalten.

»Das wird ein Kinderspiel«, sagte Christophe und schoss ein Handyfoto von der Aussicht.

»Was?« Cecily starrte den Mann ungläubig an.

Er zuckte mit den Schultern. »Komm schon, der Manaslu ist doch nicht schwer. Dieses Jahr wollen zweihundertfünfzig Leute dort hoch. Das Fixseilteam ist schon in Lager zwei. Das wird eine Achttausender-Via-ferrata.«

Cecily fühlte sich stellvertretend für den Manaslu beleidigt. Sie war einmal im Lake District eine Via ferrata gegangen – einen »Eisenweg« über Leitern und Drahtseilbrücken, die selbst schwierige Passagen zu sicheren Wanderwegen machten. Sogar mit Seilen würde das hier tausendmal schwieriger werden.

»Der Manaslu war mal als ›Killer Mountain‹ bekannt«, wandte sie ein.

Christophe schnaubte. »Jeder Berg kann in der richtigen Jahreszeit zum Killer werden. Aber der Manaslu ist inzwischen fast schon so kommerzialisiert wie der Everest.«

»Und warum bist du dann hier?«

Um die Gipfel hatten sich wieder Wolken gesammelt und wie Schleier darumgelegt. Der Wind dort oben musste gewaltig sein.

»Warum? Ja wohl eher: Warum auch nicht?«

Cecily wollte schon etwas erwidern, als sein Freund Alain dazwischenging: »Ignorier ihn einfach. Er macht bloß Witze. Du hast schon recht, der Manaslu ist alles andere als ungefährlich. Aber das gilt für sämtliche großen Gipfel. Ich habe mich jahrelang von Achttausendern ferngehalten, weil sie mir zu riskant waren.«

Sie spähte über Alains Schulter. Elise und Christophe waren über die Terrasse geschlendert, um Fotos aus anderen Blickwinkeln zu schießen.

»Wie kommt’s, dass du deine Meinung geändert hast?«

»Ich bin hier, um einem Freund die Ehre zu erweisen. Pierre Charroin.« Kurz schien Schmerz in seinem Gesicht aufzuflackern. »Er ist dieses Jahr am Everest verunglückt.«

Cecily keuchte auf. »Gott, das tut mir leid! Was ist passiert?«

»Wir wissen es nicht genau. Angeblich ist er auf dem Rückweg zu Lager vier … verschwunden. Er hatte es bis auf den Gipfel geschafft.« Auf seinem Handy rief er das Foto eines jungen Mannes auf, der mit einer blau verspiegelten Sonnenbrille vor einem Durcheinander aus Gebetsfahnen auf dem Gipfelplateau des Everest kniete. »Sein Climbing Sherpa hat das Foto gemacht. Pierre war ein erfahrener Bergsteiger … Es war wirklich ein Schock.«

»Es muss schrecklich sein, auf diese Weise einen Freund zu verlieren.«

»Es ist mehr als schrecklich. Es ist unbegreiflich.« Er seufzte. »In der Todeszone kann man nicht mal richtig suchen, geschweige denn Ermittlungen durchführen. Ich bin hergekommen, um ihm zu Ehren eine Flagge auf den Gipfel zu bringen.«

»Das ist wirklich rührend, Alain. Aber … Moment – Ermittlungen? Warum Ermittlungen?«

»Eigentlich will ich nicht darüber reden.« Ihm versagte die Stimme, und er drehte sich von ihr weg in Richtung Berg.

Sie hätte am liebsten die Hand zu einer tröstlichen Geste ausgestreckt. Sie hatte zwar das Gefühl, als könnte eine schlichte Berührung die tief reichende Trauer nicht überbrücken, aber irgendwas musste sie tun.

»Selbstverständlich … Willst du vielleicht einen Tee?«, fragte sie mit einem bangen Lächeln. Sie griff zu der Thermosflasche, die Shashi ihr in die Hand gedrückt hatte, und nahm sich einen der kopfstehenden Becher vom Stapel auf dem Beistelltisch. Sie goss Alain einen Tee ein, ehe sie ihren eigenen Becher auffüllte. Einen Augenblick später nahm er mit einem verkniffenen Lächeln das dampfende Getränk entgegen und nippte daran. Seine Schultern sackten kaum merklich nach unten. Tee half einfach immer.

Sie folgte seinem Blick in Richtung Gipfel. »Ich hoffe, wir haben bei unserer Expedition mehr Glück.« Sie gab sich alle Mühe, dass ihre Stimme nicht zitterte.

»Die Extrembergsteigerei ist von Haus aus gefährlich. Jeder, der so weit oben unterwegs ist, weiß das genau.« Er atmete langsam und tief aus. »Gewisse Unfälle dürfen trotzdem nicht passieren.«

»Sprichst du jetzt wieder von Pierre?«

Er seufzte und kehrte dem Berg den Rücken zu.

»Tut mir leid«, sagte sie eilig, »du musst nicht darüber reden …«

»Das ist es nicht. Ich wünschte mir nur, ich wüsste mehr. Sein Climbing Sherpa meint, er muss sich vom Fixseil ausgehängt haben, um sich zu erleichtern, und ist dabei abgestürzt. Aber Pierre hätte sich nicht ausgeklippt. Da bin ich mir sicher.« Sein Blick loderte, und da war eine Wut in seiner Stimme, die Cecily verblüffte.

Sie ging einen Schritt näher. »Könnte er höhenkrank gewesen sein? Vielleicht hat er nicht mehr klar denken können …«

»Möglich.«

»Aber du glaubst nicht daran.« Sie sah ihm unverwandt ins Gesicht.

Er zögerte, blies über seinen Tee. »Nein, tue ich nicht.« Dann wandte er sich Cecily zu und flüsterte so leise, dass sie noch näher auf ihn zugehen musste, um ihn zu verstehen: »Und zwar aus gutem Grund. Ich habe noch mit ihm gesprochen. Über ein Satellitentelefon, unmittelbar nachdem er den Gipfel erreicht hatte. Er war nicht annähernd so aufgeregt, wie ich vermutet hätte. Er hat mir erzählt, dass er allein unterwegs und von seinem Climbing Sherpa getrennt worden sei und dass jemand ihn verfolge … Jemand, vor dem er Angst hatte. Der ihm schaden wollte. Ich dachte noch: Gott, er ist höhenkrank, er halluziniert. Aber ich hatte ihn nie zuvor so erlebt. Seine Stimme … die klang nach … Todesangst. Und bevor ich irgendwas sagen konnte, brach die Verbindung ab.« Er holte tief Luft. »Und dann habe ich erfahren, dass er nie in Lager vier angekommen ist. Einfach so … weg.« Er schnippte mit den Fingern. »Verschwunden. Ein fantastischer Bergsteiger – einfach verschollen.«

»Was willst du damit andeuten? Dass ihm jemand etwas angetan hat?«

Er stellte seinen Becher mit Wucht auf dem Tisch ab. »Da stimmte irgendwas nicht. Und deshalb bin ich hier. Ja, ich will eine Flagge für ihn oben lassen, aber ich will mich auch umhören. Ich habe dieselbe Agentur gebucht, mit der er unterwegs war, und denselben Expeditionsleiter.«

»Und der wäre?«

»Dario Travers. Ich will einfach nur wissen, was dort tatsächlich passiert ist. Ein so erfahrener Extremtourengeher wie Pierre wäre nicht abgestürzt.«

Er biss sich auf die Zähne, und als Cecily nach unten sah, hatte er das Geländer so fest umklammert, dass seine Fingerknöchel schon ganz weiß waren. Sie wusste genau, was sie tun sollte, sie konnte regelrecht hören, wie James – der wahre Bergreporter – sie anfeuerte, weitere Fragen zu stellen. Er hätte sämtliche Details zutage gefördert und Alain zu allen Einzelheiten eines verdächtigen Todesfalls im Hochgebirge ausgequetscht. Doch im Schatten des Manaslu hatte Cecily einfach nur schlagartig Angst. Hier lauerte der Tod selbst den erfahrensten Bergsteigern auf. Und sie war ein Frischling. Sie wollte keine weiteren Fragen stellen. Sie musste sich daran festklammern, dass schon alles glattgehen würde.

Aber sie war auch aus beruflichen Gründen hier. Vielleicht würde sie das ja von den Gefahren ablenken, die weiter oben drohten. Sie versuchte, den Kloß im Hals hinunterzuschlucken.

»Alain, ich weiß nicht, ob du dich noch daran erinnerst, was ich gestern Abend erzählt habe, aber … Ich bin für Wild Outdoors hier, um über Charles zu schreiben. Trotzdem darf Pierres Geschichte nicht in Vergessenheit geraten, und wenn ihm etwas zugestoßen sein sollte, dann will ich das bekannt machen. Wärst du bereit, mir noch ein paar Fragen zu beantworten?« Selbst wenn Pierre bei einem tragischen Unglück ums Leben gekommen wäre, würde sie Alains Informationen in die Reportage über Charles einflechten können. Es würde in Teilen erklären, warum manche Leute auf diese hohen Berge stiegen – das Risiko, die Opferbereitschaft … Leben, die auf dem Weg zu lebenslangen Zielen erloschen waren. Charles’ Leistung im größeren Kontext.

Er zog eine Augenbraue hoch. »Du bist Journalistin?«

»Keine Sorge, ich schreibe kein Wort über das, was du mir gerade erzählt hast. Aber vielleicht könnte ich dich ganz offiziell interviewen?«

Nach ein paar langen Sekunden nickte er. »Komm ins Summit-Extreme-Basislager, da können wir ausführlich reden. Ich habe noch mehr Fotos von Pierre – vielleicht willst du die verwenden?«

»Na klar. Ich kann mit Charles ohnehin erst sprechen, wenn ich es zum Gipfel geschafft habe, insofern habe ich viel Zeit, die ich deinem Freund widmen kann.«

»Was soll das heißen: ›wenn ich es zum Gipfel geschafft habe‹?« Alain rieb sich das stoppelige Kinn.

»Er gibt mir das Interview nur unter der Bedingung, dass ich oben ankomme.«

Er runzelte die Stirn. »Hör mal, ich bin ja nicht dein Expeditionsleiter, und ich bin eindeutig weniger fit als Charles. Aber die Vorstellung gefällt mir nicht. Keiner sollte zum Gipfel genötigt werden. Einen Berg zu besteigen – und erst recht einen dieser Giganten – gehört zum Härtesten, was man seinem Körper antun kann. Es auch nur zu versuchen sollte doch ebenso ehrenwert sein wie der Gipfelsieg an sich.«

»Du glaubst, dass ich es nicht schaffe.«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht.« Er streckte sich nach ihr aus und legte seine Hand auf ihre. »Es ist nur … Der Berg wird auch weiterhin da sein. Geh keine unnötigen Risiken ein, nur um auf den Gipfel zu kommen.«

»Und an mein Interview …«

Er sah sie nachdenklich an. Womöglich war ihr die Verzweiflung ein bisschen zu deutlich anzusehen.

Das Scheppern von Töpfen und Pfannen setzte dem Moment ein Ende. »Frühstück, alle Mann!«, rief Doug durch die Tür zum Speisesaal.

»Ich muss los.« Cecily sah zurück zum Berg. Der Gipfel war hinter einer dichten Wolkenwand verschwunden. Sie kniff die Augen zusammen. Das war verdammt schnell gegangen. Sie drückte Alains Hand. »Noch mal: Das mit Pierre tut mir wirklich leid. Ich hoffe, du bekommst die Antworten, nach denen du suchst.«

»Das hoffe ich auch«, sagte er – und dann etwas leiser: »Pass dort oben gut auf dich auf!«

»Du auch.« Sie lächelte ihn an.

Im Speisesaal hatten Grant, Zak und Mingma sich an einem der langen Holztische niedergelassen. Andere Teams waren ebenfalls da, und es waren zig Sprachen und Akzente zu hören. Jeder hatte seine eigenen Gründe, zum Gipfel aufsteigen zu wollen. Und jeder hatte eine Geschichte.

Am rückwärtigen Ende des Speisesaals kam Elise mit Shashi, der Teehausbesitzerin, aus der Küche, stellte einen großen Heißwasserbehälter auf den Tisch ihres Teams und setzte sich.

Der einzige weitere freie Platz war der neben Grant. Er schien schon den zweiten Morgen in Folge verkatert zu sein und hatte sich die Baseballkappe tief in die Stirn gezogen.

Sie beschloss, sich nicht sofort neben ihn zu setzen, sondern ließ sich zunächst auf einem Hocker am gusseisernen Ofen nieder, der angenehme Wärme ausstrahlte. Die Wand über ihr war übersät mit Fotos berühmter Sherpas und Bergsteiger, einige Fotos waren sogar signiert. Und natürlich war auch Charles darunter, oder vielmehr sein Werbeplakat zur Mission Fourteen clean.

Aus heiterem Himmel stand ein unfassbar großer Mann vor ihr und beugte sich zu ihr herab. »Cecily?«

Ihr klappte die Kinnlade herunter, und sie schlug die Hände vors Gesicht. »O Gott! Ben?«

5

Sogar wenn er den Kopf einzog, streifte er die Deckenbalken – Ben Danforth, ihr Three-Peaks-Fahrer, ebenfalls Reisejournalist und einer von James’ ältesten Freunden.

»Du liebe Güte, was machst du denn hier?« Nach ein paar Sekunden in Schockstarre sprang sie auf und fiel ihm um den Hals.

»Das könnte ich dich genauso fragen! Ich bin zum Bergsteigen hier. Hat James gar nichts erzählt?«

»Nein …«

»Shit. Tut mir leid!« Er schlug sich an die Stirn. »Ich weiß doch, dass ihr euch getrennt habt. Ich bin echt so ein Idiot!«

Sie zuckte mit den Schultern. »Trennen« hörte sich irgendwie zu freundlich an für den Umstand, dass sie von jetzt auf gleich vor die Tür gesetzt worden war, nur weil sie ein großes Interview an Land gezogen hatte. Sie sah an Ben vorbei, um Blickkontakt zu einem ihrer Teamkameraden aufzunehmen, zu irgendjemand anderem, mit dem sie würde reden können, doch alle waren ins Gespräch vertieft. Sie schluckte trocken. »Bist du beruflich hier?«

»Nee. Die Achttausender zu besteigen war immer schon ein Lebenstraum. Ich gehe solo, hänge mich aber an die Logistik von Summit Extreme dran.«

»Mir war gar nicht klar, dass du so