Der Augenblick - Gabriele Goettle - E-Book

Der Augenblick E-Book

Gabriele Goettle

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18,99 €

Beschreibung

»Der Augenblick« – das sind Reisen in den unbekannten Alltag einer Buchhändlerin, einer Kulturwissenschaftlerin, einer Arbeitslosen, einer Kioskfrau oder einer Bienenforscherin, in den Alltag von sechsundzwanzig Frauen, wie wir ihn so nur selten oder nie erzählt kriegen. Gabriele Goettle geht von der Selbstverständlichkeit aus, mit der sich Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen behaupten, sie interessiert sich für ihr Wissen, für ihre Lebenserfahrung, für ihre Besonderheit. Wenn die Medizinhistorikerin Ortrun Riha von der Pest erzählt, ist von Anfang an klar, dass »gegen eine plötzliche Verwandlung einer gesunden, friedlichen Bevölkerung in eine hochinfektiöse und todkranke trotz aller Krisenpläne keine moderne Gesellschaft gewappnet ist«. Wenn die Kulturhistorikerin Anna Bergmann darüber spricht, was es bedeutet, dass der Tod seit der ersten Herztransplantation 1967 nicht mehr durch den Stillstand von Herz und Kreislauf, sondern den des Gehirns festgestellt wird, bekommt die aktuelle Debatte um die Organspende eine andere Perspektive. Gabriele Goettles Reportagen kommen stets vom Allgemeinen zum Besonderen, vom Beruflichen zum Privaten, ihr Stil ist so schnörkellos wie empathisch. Sie nimmt die Subjektivität ihres Gegenübers ernst, und in einem Augenblick wird mehr von der Welterfahrung von Frauen deutlich, von ihren ganz unterschiedlichen Leben, als in vielen hochgelobten Gender-Debatten. Das ist der große Reiz dieser Reisen in einen unbekannten Alltag.

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Seitenzahl: 563

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Inhalt

Titel

1

HAND- UND KOPFARBEIT

BUCHHÄNDLERIN

2

VOM SCHWINDEN DER SINNE

KÖRPERHISTORIKERIN

3

LANGER MARSCH DER SEUCHEN

MEDIZINHISTORIKERIN

4

LETZTE ZUCKUNGEN

KULTURWISSENSCHAFTLERIN

5

VOM ZITTERN DER ALTEN

KRISENTELEFON

6

RESTRISIKO

BÄUERIN

7

ÜBERMANNUNG

SOZIALARBEITERIN

8

ENTFESSELUNGSKUNST

OLIVIA P.

9

SINNESEINDRÜCKE

SCHULLEITERIN

10

DER KIOSK SÜSSWAREN, TABAKWAREN, ZEITUNGEN, GETRÄNKE

KIOSKFRAU

11

PLÜNDERN, ZAHLEN, AUFATMEN

BALLERINA

12

ADEL, AAL UND WIDERSTAND

FISCHERSFRAU

13

UMSONST IST NUR DER TOD?

ARBEITSLOSE

14

KINDESMISSHANDLUNG

RECHTSMEDIZINERIN

15

LEICHEN IM KELLER

PRÄPARATORIN

16

DIE TOTENMASKE DER KRANKHEIT

KAPAZITÄT DER MOULAGENKUNST

17

PRODUKTION VON PARIAS

BEAMTIN ARBEITSAGENTUR

18

KAHLES TISCHCHEN

SOZIALANWÄLTIN

19

FÜHLEN UND VERKOSTEN

ALTENPFLEGERIN

20

LEBEN FÜRS SOZIALE

HAUSMEISTERIN

21

KEIN STILLER ABTRAG

BESTATTERIN

22

»WIE WAR ES MÖGLICH?«

ANWÄLTIN

23

ZEICHEN DER ZEIT

TÄTOWIERERIN

24

VOM MUSKELKOSTÜM

BODYBUILDERIN

25

UNENDLICHES NICHTWISSEN

STÜTZLEHRERIN

26

OPTIMALE VÖLKERFÜHRUNG

BIENENFORSCHERIN

Impressum

Gabriele Goettle

DER AUGENBLICK

REISEN DURCH DEN UNBEKANNTEN ALLTAG

Verlag Antje Kunstmann

Die Gespräche wurden zusammen mit Elisabeth Kmölninger geführt

1

HAND- UND KOPFARBEIT

BUCHHÄNDLERIN

Bettina Wassmann, Buchhändlerin u. Verlegerin i. Bremen. 1948 Einschulung i. d. Volksschule Bremen/Horn. 1958 Mittlere Reife. 1958–1961 Ausbildung z. Buchhändlerin, Buchhandelslehre bei Rodewald i. Bremen. 1961–1969 Arbeit als Buchhändlerin i. Wolffs Bücherei, Berlin, Bundesallee 133. Mai 1969 Rückkehr n. Bremen. Juli 1969 Eröffnung d. eigenen Buchhandlung i. Bremen, Am Wall 164. Herausgabe von bibliophilen Büchern i. Eigenverlag. Künstlerische Gestaltung d. einzelnen Buchstaben d. Alphabetes (im Briefmarkenformat auf Bögen). Buchtitel d. Verlages u. a.: Djuna Barnes, Der perfekte Mord; Detlev Claussen, Abschied von gestern. Kritische Theorie heute; Jochen Hörisch, Das Abendmahl, das Geld und die neuen Medien; Hermann Melville, Bartleby, der Schreiber. Eine Geschichte aus der Wall-Street; Oskar Negt, Alfred Sohn-Rethel (h. c.); Alfred Sohn-Rethel, Das Ideal des Kaputten. Bettina Wassmann wurde 1942 i. Plauen im Vogtland geboren (wohin d. Familie sich v. d. Bombardierung Bremens i. Sicherheit gebracht hatte). Ihr Vater war Baumwollhändler (Baumwoll-Börse Bremen), die Mutter Künstlerin. Bettina Wassmann war mit dem marxistischen Philosophen Alfred Sohn-Rethel verheiratet (der 1990 starb).

Zum besseren Verständnis Alfred Sohn-Rethels möchte ich versuchen, ihn in einem Miniaturportrait hier kurz vorzustellen. Er wurde 1899 geboren, war Gelehrter, ohne weltfremd zu sein, Erkenntnistheoretiker und exzellenter Marxkenner. Von allen Marxisten war er wohl der originellste. Seit den 20er Jahren arbeitete er an den Hauptthesen seiner materialistischen Erkenntnistheorie und -kritik, kam aber erst in den 70er Jahren zu Abdruck, Bekanntheit und Ehrungen. Er hat sich weder durch die vernichtende Kritik Horkheimers noch durch das hymnische Lob Adornos von seinen Überlegungen abbringen lassen und arbeitete bis ins hohe Alter als unbeirrbarer Außenseiter an seiner ketzerischen Theorie vom Geld. Mit wahrer Engelsgeduld bewies er seine These, daß sich die Denkform aus der Warenform entwickelt, daß das Transzendentalsubjekt sich der eigentümlichen Form der Ware, des Tauschs und des Geldes verdankt, daß der Ursprung des reinen Denkens in der Warenform liegt und nicht umgekehrt. Er ist mit hartnäckiger Ausdauer der Bildung des Begriffs nachgegangen, dem »Geld als bare Münze des Apriori«, der Tauschabstraktion. Es ist ihm gelungen, das Geheimnis der Transzendentalphilosophie zu entschleiern durch die Entdeckung des Transzendentalsubjekts in der Warenform. Aus dem akribischen Lüften dieses Schleiers besteht sein Lebenswerk.

Der Buchladen von Bettina Wassmann lieg in der Innen-stadt Bremens, am Wall, einer sich lang und bogenförmig dahinziehenden Geschäftsstraße, in der neben Kunsthalle, Anwaltsverein und Oberverwaltungsgericht auch Galerien, Mode- und Designgeschäfte, Restaurants, Cafés, Antiquitätenhändler, Bibliotheken und das Friedensbüro für Kriegsdienstverweigerer residieren. Gegenüber der Geschäftsmeile erstreckt sich ein Park, die Wallanlage, mit ihren im Zickzack der ehemaligen Zitadellenform verlaufenden Wassergräben. Diese unscheinbare Grünanlage übrigens war die erste öffentliche Parkanlage Deutschlands.

Am Wall 164 liegt hinter einem Jugendstilfenster der winzige Buchladen mit seiner kunstvoll dekorierten Auslage. Die seitliche Glastür ist schwer und schließt nicht von selbst. Innen ist es eng aber nicht überfüllt. Es gibt keine Bücherstapel in der Ecke, die jeden Moment umzufallen drohen, es ist nicht kruschelig. Jedes Ding scheint seinen Platz gefunden zu haben. In den schwarzen, deckenhohen Regalen stehen, sorgfältig ausgewählt und präsentiert, laufende Titel und Neuerscheinungen. Daneben die Bücher aus der eigenen Produktion und selbstverständlich die kritischen Klassiker wie Adorno, Horkheimer, Benjamin, Marcuse, Lukács, Bloch, Sohn-Rethel. In einer robusten Fächermappe sind die Briefmarkenbögen von Bettinas »Alphabete« einsortiert, hinter den Glasscheiben der schwarzen Vitrinenschränke hängen Zeitungsausschnitte und Fotos; ich erkenne Meret Oppenheim und Alfred Sohn-Rethel. Zum Verpacken der Bücher gibt es eine große Papierrolle in einem zierlichen Metallgestell. Wir werden freundlich aufgefordert, in einer Lücke Platz zu nehmen. Bettina Wassmann füllt die Kaffeetassen aus einer Thermoskanne, stellt sie auf die Marmorplatte des Verkaufspultes neben den Computer und erzählt, daß sie nun schon 36 Jahre lang diesen Buchladen führt.

»Er war mal größer, es gab eine Treppe nach oben. Das war die große Zeit des Ladens – der Buchläden überhaupt. Anfang der 70er Jahre war das ja virulent. Es gab einen unglaublichen Lesehunger durch die allgemeine Politisierung, durch die Studentenbewegung, und ich gehörte natürlich mit zu den Gründern der politischen Buchhandlungen, des linken Buchhandels, der sich rasch entwickelte damals. Diese Zeit war unglaublich lebhaft und optimistisch, aber natürlich macht so ein Laden alle Brüche mit, alle langen Wellen der Konjunktur, um es mit Keynes zu formulieren. Die Brüche und Wege der 68er Linken kennen wir ja, es wurde entsprechend ruhiger, und es wurde für uns natürlich unglaublich schwierig. Von heutigen Zeiten wollen wir gar nicht sprechen. Aber damals, ’69 im Sommer, als ich hier gegründet habe, da war das unvorstellbar, daß es je wieder so einen Rückfall, so eine Lethargie geben könnte!

Damals bin ich zurückgekommen aus Berlin, wo ich über sechs Jahre gearbeitet habe in Wolffs Bücherei, das war eine sehr wichtige Zeit. Ich erzähle vielleicht am besten etwas chronologisch. Also, ich komme ursprünglich aus einer, wie man sagt, guten Familie, gut situiert. Mein Vater war Baumwollhändler, hat eine große Firma geleitet, und eines Tages waren dann die Kunststoffe absolut auf dem Vormarsch, und da brach der eben ein, der Baumwollbereich. Solche Zäsuren gibts eben immer. Und als das alles zusammenkrachte bei uns, da dachte ich, so, jetzt muß ich auf eigenen Beinen stehen, ich kann ja nicht rumheulen, daß das Haus nun auch noch verkauft ist und alles, das hilft ja nicht. Da war ich Anfang zwanzig, hatte meine Buchhandelslehre fertig und beschloß, nach Berlin zu gehen. Ich habe mich bei Marga Schöller beworben. Die war damals die beste Adresse. Für die, die es nicht wissen: Marga Schöller ist, glaube ich, 1905 geboren und hat mit 24 ihre kleine Bücherstube am Kurfürstendamm 30 eröffnet. Sie war so gut, daß bald alle zu ihr kamen, von George Grosz über Brecht, Musil, Canetti, bis zu Kästner und Baldwin. Und sie führte während der NS-Zeit keine braune Literatur, die verfemte Literatur hat sie in ihrem Keller versteckt. Deshalb war sie auch eine der ersten, die nach ’45 wieder eine Lizenz als Buchhändlerin bekamen. Und sie hat es wieder geschafft. Die Gruppe 47 tagte bei ihr; man ging einfach zu Marga Schöller. Als ich ankam, war’s Winter. Ich hatte das Auto meines Bruders geliehen; von Halensee kommend lag der Laden auf der linken Seite, im Schaufenster hingen die ganzen Essays aus der Presse, Fotos, alles, was interessant war. Wenn man reinkam, hatte man bereits was gelesen. Die ganze Atmosphäre war zauberhaft, alle waren enorm gebildet. Leider wurde für mich nichts draus. Marga Schöller war überaus freundlich und sagte, wir sind im Prinzip dafür, aber erst in einem Jahr. Ich war sehr enttäuscht, sehr. Das merkte sie und sagte, also, es gibt da eine Buchhandlung, die schätze ich sehr, aber der Mann ist ganz schwierig, es ist schwer, mit ihm zu arbeiten. Trotz allem, er ist hervorragend! Wolffs Bücherei, Bundesallee 153.

Ich fuhr hin mit meinem VW, ging erst mal rein, wie eine normale Kundin, und der beschriebene Herr Wolff trat auf mich zu, mit einer Zigarette in der Hand. Das hatte erst mal viel Autonomie, in anderen Buchläden durfte man nicht rauchen, da durfte man gar nichts. Ich sagte dann, weshalb ich da war, und tatsächlich war’s so, daß er grade auf eine Mitarbeiterin hatte verzichten müssen. Er war ja ein bißchen cholerisch; er litt selber drunter, aber die wenigsten können das aushalten. Vier Wochen später habe ich angefangen. Es war eine wunderbare Zeit, wir haben uns sehr befreundet. Er hatte eine großartige Frau an seiner Seite, Nadeschda. Sie waren ja beide russischer Herkunft, und man muß wissen, daß der Großvater von Andreas Wolff der berühmte Buchhändler und Verleger Maurice Wolff war, der in Moskau am Newskij Prospekt seinen Laden hatte, in dem die ganze literarische und auch künstlerische Elite Rußlands ein und aus ging. Er konvertierte übrigens irgendwann vom jüdischen zum protestantischen Glauben, was später seinen Kindern und Enkeln sehr zugute kam, als staatenlose russische Emigranten in Nazideutschland. 1883 ist er gestorben, und sein Sohn Ludwig – der Vater von Andreas – übernahm den Laden. Als die Familie dann im Zuge der Revolution enteignet wurde und nach Deutschland emigrierte, war Andreas Wolff fünfzehn. Er hat ja dann eine Verlagslehre gemacht und später seine Buchhandlung in der Bundesallee eröffnet, 1931 bereits. Nach dem Krieg hat er in Frankfurt mit seinem Freund Peter Suhrkamp zusammen den Suhrkamp Verlag aufgebaut; da war er bis 1955 Geschäftsführer, dann ist er wieder in seinen Buchladen in der Bundesallee gegangen. Also, der Andreas Wolff hatte eine große Familientradition im Rücken, und ich habe unendlich viel von ihm gelernt. Auch über Typographie, z. B. anhand der Herstellung seiner Friedenauer Presse; er hat mir sogar die Frauen vorgestellt, die das noch nähten damals, die Fadenheftung. Also, das war eine absolute Handfertigkeit, diese Knoten zu machen.

Katja Wagenbach, seine Tochter, macht ja seit den 8oer Jahren ihren eigenen Verlag und hat die Friedenauer Presse sehr erfolgreich weiterentwickelt. Ich weiß noch, damals, 1963/64 war es, da kam Klaus Wagenbach rein in Wolffs Bücherei. Er kam gerade von Max Brod aus Israel, wegen Kafka, und hatte Krach mit dem Fischer Verlag. Bald darauf hat er irgendwie seine Briefmarkensammlung verkauft oder so was und mit Katja – sie war ja damals seine Frau – den Wagenbach Verlag gegründet in der Jenaer Straße. Und zur Verlagseröffnung, da gab es ein großes Fest. Wir sind natürlich hingefahren. Ich hatte damals einen wunderbaren Opel Kapitän übrigens, mit dem bin ich immer mit Wolff … wenn die Tür zufiel, klang das wie bei einem Geldschrank. Perfekt! Gut, also wir trafen dort auf Ingeborg Bachmann, fuhren mit ihr im Aufzug plaudernd hoch, und sie fand das so amüsant, daß sie einfach auf den Abwärtsknopf gedrückt und gesagt hat, reden wir doch noch ein bißchen. Berlin war ja damals wie ein Aquarium; wir sind zu allen Lesungen in die Akademie der Künste gegangen; an Mayröcker erinnere ich mich, an ihr ›Arbeitstirol‹, so hieß es, glaube ich, an Thomas Bernhard. Ach, damals lebte Helen Wolff noch, die Frau von Kurt Wolff von Pantheon Press. Und der alte Bondy. Viele dieser wunderbaren Leute sind tot. Es gab natürlich die herrlichsten Lesungen auch in Wolffs Bücherei, da wurde Literaturgeschichte gemacht, kann man sagen. Sie kamen alle, Enzensberger, Uwe Johnson, Max Frisch, Günter Bruno Fuchs, Günter Grass, Nicolas Born und viele andere. Ich erinnere mich noch z. B. an Enzensberger, ich glaube, er stellte Gedichte vor, und an der Hand hatte er seine Tochter mit dem bezaubernden Namen Tanaquil, den habe ich nie vergessen. Viele der Autoren kamen natürlich auch als Kunden, einige wohnten sozusagen um die Ecke. Es ist sehr gut, wenn man von wirklichen Könnern lernt, wenn man so einen König an seiner Seite hat, den man aber eines Tages auch wieder verläßt. Das ist manchmal grausam, aber nötig. Wir haben uns gestritten über linksbündig oder nicht, bei Heinrich Manns Essay ›Mein Bruder‹. Soll das linksbündig sein oder zentriert, und ich sagte, bei der Familie muß es zentriert sein. Der Streit war ausufernd, und mir fehlten dann auch die Argumente. Jedenfalls dachte ich, ich möchte jetzt weg. Es war auch genug mit Berlin.

Das war also 1969. Ich ging nach Bremen zu meinen tapferen Eltern. Heute geht man nach einer Insolvenz ja ins Gasthaus und bestellt Champagner, damals war das noch furchtbar. Es war ja alles verkauft. Aber Jacobs Kaffee, die hatten ein Grundstück, das haben sie meinem Vater, glaube ich, geschenkt, die waren ja alle in der SPD. Und mein Vater hatte dann mit Tonträgern sich was aufgebaut, deshalb habe ich ja auch diese dämliche Musiksammlung. Die auf dem Flohmarkt sagen immer, Mensch, was du da verkaufst, ist ja unglaublich. Ich könnte dafür natürlich viel mehr Geld verlangen, aber ich bin immer froh, wenn die Kiste leer ist.

Gut, ich war wieder hier, und ich saß im Garten und wußte nur eins: Nie wieder angestellt sein! Bin viel spazierengegangen und mit dem Fahrrad herumgefahren in der Stadt. Dieses Haus hier war grade im Umbau, davor traf ich Olaf im Blaumann – der Anfang 1980 die Grünen mitgegründet hat. Er ist Architekt und ein scharfer Hund, hat auch wunderbar Aufstand gemacht gegen schreckliche Baupläne. Der stand also hier und sagte: ›Na, willst du einen Laden haben?‹ Und ich bekam einen Laden, erst oben, praktisch auf dem Flur, der war noch viel kleiner als dieser hier. Und ich habe angefangen, meine Bestellungen losgelassen.« Eine Kundin betritt den Laden und fragt in die Runde: »Haben Sie die Einstein-Biographie von Gero von Boehm, ›Wer war Albert Einstein?‹ ist, glaube ich, der Titel?« Bettina Wassmann fragt: »Ist die gut? Also, Thomas Levenson habe ich gelesen, Sie wollen aber Gero von Boehm, soll ich’s bestellen?« Die Kundin braucht es aber sofort und wird zum nächsten Buchladen geschickt, der ein paar Häuser entfernt ist.

»Also, ich habe ganz klein angefangen, war quasi die erste linke Buchhandlung und habe den gesamten Marx bestellt. Da war der Laden dann bereits so gut wie voll, insgesamt übervoll. Ich habe noch nie so einen vollen Laden erlebt. Mein erster Kunde war Günter Abramzik, er war ein guter Freund von Bloch. Später war er Pastor Primarius am Dom zu Bremen und auch zuständig für die Evangelische Studentengemeinde nach der Gründung der Bremer Universität, 1971. Die waren sehr progressiv. Ich habe auch was von ihm herausgegeben: ›Von wahrer Duldung‹.

Na ja, dann gabs die Ausschreibung für den Uni-Buchladen; wir haben uns beworben und ihn bekommen. Aber es war auf Dauer einfach zu viel Streß und Hektik. Inzwischen war der Laden hier umgezogen, und ich hab den Uni-Buchladen dann wieder aufgegeben. Aber das war später. Ich wollte ja erzählen, wie alles losging mit Alfred. Wir – Barbara Herzbruch und ich –, wir wohnten zusammen, waren befreundet. Sie wurde übrigens später die zweite Frau von Klaus Wagenbach. Also, wir gingen Anfang der 70er in eine Vorlesung von Alfred Sohn-Rethel, der Gastprofessor war. Das Thema war ›Geistige und körperliche Arbeit‹. Wir haben über den Titel sehr gelacht. Es war komplett voll. Es herrschte eine ungeheuer konzentrierte Atmosphäre. Ich habe überhaupt nichts verstanden, nichts! Machen wir uns klar, wenn man in der marxistischen Terminologie nicht so zu Hause ist, auch nicht in der Ökonomie, dann ist es unmöglich. Ich habe Barbara immer angestoßen, aber sie hat auch nichts verstanden, obwohl sie Ökonomie studierte. Was aber sehr faszinierend war, war die Komplexität dieses Menschen, der da saß. Er hatte auch in den Pausen eine geradezu phantastische Ausstrahlung. Es war sehr still, aber er war überhaupt nicht autoritär. Er war herzlich, sanft, warm. Er wurde verehrt und hat das ohne Eitelkeit hingenommen. Er war ein ganz besonderer Mensch, und mich hat das sehr beeindruckt.

Kennengelernt habe ich ihn dann während eines Festes. Er wohnte zum ersten Mal in seinem Leben in einer Wohngemeinschaft – mit 74 Jahren! Bei Thomas Kuby war das, und man hat ihn da unter die Fittiche genommen, es gefiel ihm gut. Und auf diesem Fest haben wir uns ein bißchen unterhalten und auch verabredet. Das war 1973. Und dann tauchte Alfred hier im Buchladen auf, und er kaufte viel zu viele Bücher, vielleicht aus Absicht, er konnte sie gar nicht transportieren und fragte, ob ich sie ihm liefern könne. Also, es gibt Begegnungen im Leben, wo man plötzlich nicht sprechen kann. Ich dachte, na was ist das denn! Ich war richtiggehend schüchtern, das ist sonst gar nicht meine Art. Und ich habe also die Bücher hingebracht, wir haben uns unterhalten.

Ich habe auch wieder gesprochen, viel über Benjamin. Das war ja schon in Wolffs Bücherei losgegangen, da war der ›Angelus Novus‹ erschienen und ein anderer Band, ›Illumination‹, es gab ja diese Werkausgabe, gebunden, später dann die Briefbände. Wir sind dann so zweimal in der Woche essen gegangen, und ich habe ihn immer gebeten, daß er mir aus der Zeit der Emigration erzählt, vor allem von Benjamin, der gemeinsamen Zeit in Paris, der Zusammenarbeit. Und von Adorno in Paris, und wie das damals war, mit dem Institut für Sozialforschung usw. Ich habe das alles in mich aufgenommen, er hat sehr schön erzählt. Manchmal dachte ich, es ist vielleicht unhöflich, daß ich ihn immer sozusagen nach den Berühmtheiten frage, aber ich war plötzlich irgendwie wieder blockiert, konnte nicht sprechen, die ganze Aura hat mich gefangen genommen. Dabei war er gütig und lieb und hatte überhaupt nichts von jemandem, der einen gleich zwirbelt, wie Adorno.

Irgendwann ist Alfred dann zu uns in die Bismarckstraße, zu Barbara Herzbruch und mir gezogen. Und da gings dann enorm los. Wir haben richtig ein Haus geführt, abends saßen bei uns die Freunde von der Uni und es wurde natürlich richtig gekocht, auch Alfred hat gekocht. Und auch mit meiner verlegerischen Arbeit ging es dann los, mit der Festschrift zu Sohn-Rethels 80. Geburtstag. Da habe ich mir eine Festschrift einfallen lassen, ›L’invitation au voyage‹ ist der Titel, das ist eine Zeile aus einem Baudelaire-Gedicht. Und da ist dann eine wunderbare Mischung zusammengekommen, auch aus diesem Arbeitszusammenhang ›Mechanisierung der Kopfarbeit‹, also da waren Leute aus der Kybernetik, aus den Naturwissenschaften, aus den Geisteswissenschaften, die da zusammengearbeitet haben mit viel Liebe. Solch interdisziplinäres Zusammenspiel hat die Uni Bremen ja durchaus mal ausgezeichnet. Und dann haben wir achtzehn Beiträge gehabt, sehr unterschiedliche, da sagte ich mir, jetzt bekommt jeder Beitrag ein Heftchen geschneidert. Wir hatten nachher dann achtzehn Heftchen in einer schönen Mappe. Ich habe damals auch dem wunderbaren Roberto Calasso, dem Verleger des exquisiten Mailänder Adelphi Verlages, die Festschrift geschickt. Er ist ja nicht nur Verleger, er ist auch Autor. Auch seine Frau, die Fleur Jäggi, ist Autorin. Na ja, sie haben diesen wunderbaren Verlag und eben das Kleingeld von Fiat. Jedenfalls hat er gesagt: Das ist die schönste Festschrift, die ich je gesehen habe. Dieses Lob hat mich sehr gefreut. Also die Sammlung trägt wilde Züge. Da ist ein Text dabei über Alfred Seidel, das war ein alter Freund von Alfred aus der Heidelberger Studienzeit, also aus den 20er Jahren, dieser Alfred gehörte damals schon in die Prinzhorn-Therapie, weil er unter schweren Depressionsattacken litt. Sohn-Rethel sagte immer, er habe nie jemand Schlaueren kennengelernt, und das ohne jede Sinnlichkeit. Und der schrieb mit 23 Jahren ein Werk, das hieß ›Bewußtsein als Verhängnis‹.«

Wir lachen schallend, dann fährt unsere Gastgeberin fort: »Alfred liebte ihn sehr. Eines Tages hat sich Alfred Seidel das Leben genommen, und wißt ihr, wo? Auf dem Bahnhofsklo!

Also, das war auch so ein Grund, weshalb ich mich aus der Uni-Buchhandlung zurückgezogen habe, um mich ganz Alfred und meinen unmittelbaren Interessen hier zu widmen. Es hat gereicht. Man kann sich nämlich überfordern, ganz schrecklich. Viele von den Leuten, die ich kannte, sind krank geworden davon. Barbara Herzbruch ist so ein Beispiel. Sie ist mit 44 gestorben, an Krebs. Ich bin am Wochenende immer nach Berlin gefahren, hab mir da eine kleine Wohnung genommen und habe sie besucht, da in Rudow, in der Onkologie. Dort ist die Barbara ganz jämmerlich eingegangen. Was mich betrifft, so habe ich es zum Glück immer geschafft, die Dinge dann zu ändern, wenn die Überforderung und die Unlust überhandgenommen haben. Das liegt wahrscheinlich an den wunderbaren Erfahrungen meiner Kindheit. Ich komme ja aus einer Familie, die war unendlich musikalisch – Adorno hat ja mal an Benjamin geschrieben: ›Musik ist Abschaffung von Angst.‹

Mein Vater hatte Musik studiert. Meine Mutter hatte eine große handwerkliche, taktile Begabung, sie hatte Kunst studiert. Es gibt eine schöne Geschichte von ihr. Meine Eltern reisten mal in die USA, mein Vater hatte Bankgeschäfte zu erledigen, Vorfinanzierungen; da gab’s ein befreundetes jüdisches Bankhaus, und das Ganze dauerte seine Zeit. Meine Mutter sagte, mach du mal deine Geschäfte, ich gehe ins Metropolitan Museum. Dort traf sie zufällig auf einen der Leiter, er war Bremer aus der Kurfürstenallee. Sie konnte kaum Englisch und rief: ›Rettung! Haben sie eigentlich auch Spitzen hier?‹ Meine Mutter hatte sich nämlich aus Interesse auch mit Spitzen beschäftigt und konnte sogar selbst klöppeln. Also, sie hatten Spitzen, alles unsortiert und durcheinander. Sie erklärte sich bereit, das alles zu ordnen und zu sortieren, die Kustoden wurden geholt, und sie bekam alles, was sie brauchte. Sie hat die Spitzen nach Alter und Herkunft sortiert und auf Pappen gezogen, Spitzen aus dem 15. Jahrhundert, aus Brügge, aus Brüssel usw. Das war meine Mutter.

Wir sind fünf Kinder, und alle haben Begabungen. Mein Bruder Christoph hat eine Begabung für Gläser; mit verbundenen Augen ertastet er ein Glas und kann sagen 16. Jahrhundert. Phantastisch. Und wir haben alle musiziert, ich spielte Klavier, die anderen Geige. Wir waren eine großbürgerliche Familie. Die Nachbarskinder sind sozusagen bei uns aufgewachsen, denn bei uns ging es überhaupt nicht spießig zu, es gab nicht diese autoritäre Welt, die ja noch verbindlich war, die gab’s bei uns nicht. Im Zentrum stand immer das Künstlerische. Das Musikalische war sozusagen der Gegenentwurf, den man sich leisten konnte durch die prosperierenden Geschäfte. Also wir sind nach Salzburg gefahren als Kinder, wir haben im Hotel Kobenzl gewohnt, in diesem zauberhaften Hotel, über der Stadt gelegen. Wir waren da befreundet mit allen, und ich saß mehr in der Küche als in unseren Zimmern. Ich habe mit George Szell Fußball gespielt, da war er Mitte fünfzig, so was, er war mit seinem Cleveland Orchestra da. Wir haben den Don Giovanni gesehen, mit Furtwängler, in der Felsenreitschule, ein herrliches Erlebnis, von dem ich heute noch …«

Ein junger Mann betritt den Laden, grüßt knapp und reicht Bettina Wassmann, die nahe der Tür sitzt, einen Zettel. Im gleichen Moment ertönt Dudelsackmusik. »Haben Sie einen Kassettenrekorder in der Tasche?« fragt Frau Wassmann ironisch. »Nee, Handy«, sagt der Kunde, klappt sein Mobiltelefon auf, tritt einen Schritt zur Seite und tauscht lautstark Banalitäten aus. Bettina Wassmann studiert den Zettel, nimmt einen Stift und korrigiert etwas, während der junge Mann das Gespräch beendet. Dann sagt sie in neutralem Tonfall: »Falsch geschrieben; Updike schreibt sich mit k, nicht mit c. Na, so geht’s schon mal.« Sie empfiehlt die Thalia Buchhandlung. Der junge Mann sagt: »Gut, mach ich, tschüß«, und verläßt ohne zu danken den Laden. »Damit finde ich mich immer sehr schlecht zurecht, mit unhöflichen Leuten. Auf dem Flohmarkt, das ist ja eine Massenveranstaltung, da kommen oft Leute an den Tisch, und wenn dir dann auch noch jemand die Ehre nimmt, deine Sachen schlechtmacht, um den Preis runterzutreiben, und du sitzt seit vier Uhr früh da, dann ist das deprimierend. So einfach sind die Zeiten ja nicht!

Das war auch mal anders, früher kamen hier andere Kunden rein. Also, jetzt nicht unbedingt nur sogenannte Intellektuelle, es war einfach bunter. Beispielsweise kam Anfang der 90er Jahre – Alfred war schon tot –, da kam Otto Rehhagel hier manchmal in den Laden, er war ja Bundestrainer bei Werder Bremen, hat hier einen wunderbaren Fußball entwickelt, und er war ein großer Gedichteleser, ein begeisterter. Er traf hier Reinhild Hoffmann, die nach Kresnik das Bremer Tanztheater machte. Und er hat uns ins Café eingeladen, weil er von ihr etwas wissen wollte über ihre Trainingsmethoden. So muß das sein, ein ständiger Austausch von Wissen, auch zwischen Leuten, die sich hier im Laden vielleicht nur zufällig treffen. Aber die Linken verachten ja den Fußball, die haben nie den Spaß mitempfinden können, den andere daran haben.

Es ist ja ein Spiel, bei dem es auch sehr um Körperintelligenz geht und um das blitzschnelle Zusammenwirken einer Gruppe. Aber man konnte einfach mit fast keinem über Fußball reden, außer mit Detlev Claussen, der diese schöne Adorno-Biographie gemacht hat. Oder auch mit Dietrich Sattler, dem Herausgeber der Hölderlin-Ausgabe, an der er zwanzig Jahre, glaube ich, gearbeitet hat. Der schrieb, als Werder Bremen zum zweiten oder dritten Mal doch nicht Meister wurde, einen Traueraufsatz. Das war genial gestrickt, nach dem Motiv der Kästchenwahl von Shakespeares ›Kaufmann von Venedig‹ – nur so für sich hat er das geschrieben, um über diese Niederlage hinwegzukommen, denn so eine Niederlage ist ja schwer für einen, der Fußball liebt. Und er hat mir diesen kleinen Essay hier gezeigt, und der war so zauberhaft geschrieben, daß ich sagte, hör mal, das muß unbedingt veröffentlicht werden. Mir fiel gleich Wagenbach ein, aber beim zweiten Nachdenken erinnerte ich mich, daß Wagenbach Sport haßt, so wie Churchill: ›No sports!‹, und ich dachte, na, das wird er wahrscheinlich nicht machen wollen. Aber es war einfach so toll geschrieben, daß ich’s ihm trotzdem gegeben habe. Und dann muß man ja auch noch wissen, daß es für Wagenbach ein Riesenproblem war, mit Dietrich Sattler mal ins Stadion zu gehen. Er hatte richtig eine Phobie, er bekam Zustände, wenn er sich zwischen Massen begeben sollte, dann auch noch zwischen hocherregte Massen! Ich habe ihn so reingeleitet, habe also auf ihn aufgepaßt. Wir saßen unter 40000 Fußballfans. Und hinter uns erschallte ein Chor von unglaublichen Männerstimmen. Das waren alles Werftarbeiter von der AG Weser; wenn die da in so einem 200 Meter langen Schiffsbauch arbeiten und dauernd einander was zurufen, dann kann man sich vorstellen, was die für Stimmen bekommen. Na ja, jedenfalls hat Wagenbach diesen Essay dann gedruckt, im Freibeuter.

Heute, wie gesagt, ist das alles viel schwieriger geworden. Eben andere Kunden. Ich muß flexibel sein. Ich arbeite da beispielsweise mit einer Modehandlung zusammen, mit einer alten Freundin von früher. Sie hat das beste Modegeschäft in Bremen. Eine Modefirma mit Literatur. Wir machen das vier- bis fünfmal im Jahr, Modenschauen, und ich mache das literarische Rahmenprogramm. Sensationell! Da erscheinen achtzig bis hundert Damen, Kundinnen, und zwischen den Defilees kommt dann z. B. Gertrude Stein ›Das Geld‹ oder von Schiller ›Das Glück‹. Viele der Damen sind leitende Geschäftsfrauen. Die eine oder andere kommt dann auch schon mal hier in den Laden und kauft Bücher, und zwar nicht zu knapp. So habe ich noch ein Standbein. Man muß ja. Aber ich mache meinen Weg nicht kaputt. Nur hier so zu sitzen und zu warten, das kann schlecht ausgehen. Am Samstag war’s z. B. sehr gut; es war sehr heiß, da saßen natürlich alle draußen, wir tranken ein Wasser, da rief jemand: ›Bettina, du hast Kunden‹! Die ganze Straße hat natürlich gelacht. Im Laden standen zwei Ehepaare und ich, sind fünf Personen. Da ist es hier ja schon überfüllt. Das waren Gäste der Stadt, und sie haben so wundervoll eingekauft, daß ich am Samstag eine richtig gute Kasse hatte. Bücherberge haben die gekauft, zauberhafte Menschen!

Für die Mieten war das wichtig. 600 Euro habe ich hier, und noch mal 600 Euro zu Hause. Also, machen wir uns nichts vor, die Zeiten sind ganz schwierig. Wir müssen wirklich immer sehen, wie wir es packen. Ganz viele Läden mußten hier raus. Mit dem Verlag – na ja, Verlag in dem Sinn ist es ja nicht, es ist eine Buchladenedition –, das habe ich einfach im Moment eingestellt. Meine Drucker haben auch Insolvenz gemacht. Niederschmetternd! Wir haben viel dieser Bibliothek von der Süddeutschen verkauft. Obwohl der Rabatt kaum der Rede wert ist, habe ich’s gemacht. 1000 Bände wurden verkauft!« Sie schlägt ein Buch auf. »Hört mal, ich habe hier den schönen Satz von Alfred gefunden: ›Aber auch die Freudsche Theorie gehört zur Priesterschaft des kapitalistischen Kults – das Verdrängte, die sündige Vorstellung ist das Kapital, ist die Hölle des Unbewußten, ver- zinst.‹ Ich muß jetzt Alfred wieder auflegen. So viel ist klar.«

2

VOM SCHWINDEN DER SINNE

KÖRPERHISTORIKERIN

»Der handelnde Leib, seine Bewegungen und Rhythmen, seine Gesten und Kadenzen bilden das Zuhause, das mehr ist als Obdach, Zelt oder Haus.«

Ivan Illich

Barbara Duden, Prof. Dr. phil. am Institut f. Soziologie u. Sozialpsychologie d. Universität Hannover. 1948 Einschulung i. Neuhaus a. Schliersee, 1962 Abitur a. Helene Lange-Gymnasium i. Frankfurt/Höchst. 1963–1970 Studium d. Geschichte u. Anglistik in Wien u. Berlin. Ab d. 70er Jahren i. d. Frauenbewegung engagiert, 1976 Mitbegründerin d. Frauenzeitschrift »Courage« i. Berlin. Begegnung m. d. Kultur- und Technologiekritiker Ivan Illich. 1986 Dissertation an d. TU Berlin. 1986–1990 Unterricht an verschiedenen amerikanischen Universitäten (Frauengeschichte, Wissenschafts- u. Technologiegeschichte), anschließend Tätigkeit am Institut f. Empirische Kulturwissenschaft in Hannover. 1993 Habilitation. Seit 1994 ordentliche Professorin in Hannover, ihr Lehrgebiet umfaßt Kultursoziologie, gesellschafts- und kulturhistorische Frauen- und Geschlechterforschung sowie Medizingeschichte. Sie ist als Körperhistorikerin zugleich auch Pionierin a. d. Gebiet d. Geschichte des Körpers und hat energisch dazu beigetragen, den Körper als wesentlichen Gegenstand d. Geschichtswissenschaft zu etablieren. Veröffentlichungen u. a.: »Geschichte unter der Haut. Ein Eisenacher Arzt und seine Patienten um 1730«. Stuttgart 1987 u. 1991; »Anatomie der Guten Hoffnung. Zur Bildgeschichte des Ungeborenen«. Ffm., 2003. Auszeichnungen: Eileen Basker Memorial Award for Outstanding Research, American Anthropology Society (1993); Award Woman in Science, History of Science Society, USA (1993). Derzeit befaßt sie sich mit Pierre Bourdieus »mitfühlendem Ohr und soziologischem Sachverstand« und mit einem Projekt zum Thema »Alltags-Gen«. Barbara Duden wurde 1942 in Greifswald geboren. Der Vater war Jurist, die Mutter Hausfrau u. Übersetzerin. Sie ist ledig und hat keine Kinder.

Barbara Dudens Haus liegt in einer ruhigen Seitenstraße der Bremer Innenstadt. Es ist eines jener typischen alten Bremer Bürgerhäuser mit umzäuntem Vorgärtchen, Treppenaufgang, Windfang und schmaler, hoher Fassade. Aneinandergereiht dehnen sich diese Häuser nach hinten hin aus, wo jedes noch mal einen mehr oder weniger kleinen Garten hat. Barbaras winziger Garten ist ein liebevoll gehegtes, üppig zugewuchertes Paradies aus Sträuchern, Kräutern, Rosen und Gräsern. Und so wie der Garten ist auch das Haus: ein üppiges Paradies, von Vielfalt und Gastlichkeit erfüllt. Es hat ein Souterrain und zahlreiche Zimmer, von denen ein großer Teil auch dazu dient, Gäste zu beherbergen. Die offene Küche ist groß, in den Schubladen und Schränken befindet sich alles, um schnell ein Essen für mehrere Leute zu kochen. Im danebenliegenden Eßzimmer steht ein umfangreicher Tisch mit Stühlen für zwölf Personen. Und auch der Livingroom, mit Wintergarten zur Straße hin, wartet mit Sesseln, Stühlen und gepolsterten Liegen auf gutgelaunte Gäste, die Platz nehmen und sich wohlfühlen, wie wir. Diese ungewöhnliche Gastfreundschaft ist sozusagen eine Herzensangelegenheit von Barbara Duden, die sich damit leistet, was viele sich leisten könnten. Aber irgendwie herrscht vermutlich eine Art Xenophobie vor, selbst Freunden gegenüber. Ivan Illich, der hier bis zu seinem Tod im Dezember 2002 lebte, sprach von der »Aura der Dudenschen Gastfreundschaft«, die man auch noch weit jenseits der Schwelle des Hauses spüre. Hier wurde jahrelang mit Freunden, Schülern und Fremden aus Europa, Amerika und Lateinamerika gemeinsam gegessen, diskutiert und nachgedacht. Nach Illichs Tod ist es etwas ruhiger geworden. Aber als wir eintreffen, ist das Haus voll mit Israelis und Palästinensern. Schauspieler, die zusammen mit Schauspielern der Bremer Shakespeare Company ihr Stück »Tower of Babylon« aufführen.

Wir sitzen im Wintergarten, trinken Tee, Barbara Duden erzählt und raucht: »Ein wichtiger Anstoß für mein Interesse an der Geschichte des Körpers war die Erkenntnis, daß die Geschichtslosigkeit der Frau damit zu tun hat, daß sie durch ihre körperliche Konstitution festgelegt ist. Und deshalb haben wir damals, als frauenbewegte Frauen, angefangen, über Körper zu arbeiten, denn wir sagten, die Geschichte der Frauen beginnt mit ihrer Körperlichkeit. Und da aber erst mal als Ideologie von Biologie, als soziale Klassifikation. Damit hat sich beispielsweise Claudia Honegger damals ausführlich beschäftigt, mit der Medizin im 19. Jahrhundert. Ich wollte noch weiter zurückgehen, in die Zeit vor 1800, denn 1800 ist ja die große Wasserscheide, der Umbruch in die bürgerliche Gesellschaft, in die Industriegesellschaft, bei dem sich sozusagen die Tiefenschichten der Gesellschaft verändert haben. Die Wahrnehmung, die Begrifflichkeit, das Weltbild, die Objekte, alles! Und ich bin dann auf diese ›Observationes clinicae‹, also auf ärztliche Krankengeschichten, gestoßen, die der Stadtarzt Johannes Pelargus Storch Mitte des 18. Jahrhunderts in der protestantischen Residenzstadt Eisenach verfaßt hat. Er hat Frauen aller Stände behandelt, adelige Fräuleins, Handwerkerfrauen, Ammen, Bauernmädchen, und acht Bände darüber angelegt. Er hat auch Kinder und Soldaten behandelt; ich habe mich aber ausschließlich auf die Frauen konzentriert.

Anfangs war mir das, was ich da las, vollkommen unverständlich. Es schien unmöglich, das Körpererlebnis von Frauen im 18. Jahrhundert erforschbar und erfahrbar zu machen. Das war mir alles total fremd, worüber diese Frauen klagten, unklar, was sie meinten, wenn sie von Geblüt und Frucht, offenen Füßen und Kälte, von Fluß und Stockung gesprochen haben. Die Frauen klagten vor dem Medicus über ihre Herzenserschütterung, den Riß am Herzen, die Kälte der Gebärmutter, die Verstocktheit im Bauch. Das liest sich beispielsweise so oder ähnlich: ›Am 12. April 1725 kam eine sanguinisch-cholerische Frau zu mir und klagete, wes Maßen sie mit ihrem Miethmanne sich verstritten habe, er sie nicht anhören wollte, an den Armen packte und zur Tür hinausschickte. Nun klaget sie, daß sie dieses Gift seit Jahren nicht aussschütten kann und ihr deshalb Rhabarber gegeben werden soll, um es wieder loszuwerden.‹ Also, daß diese Frau zu ihrem Arzt kommt und sozusagen über die geschwollene Wut klagt, die ihr wegen der Unverschämtheit des Miethmannes (eines Mieters, Anm. G. G.) wie ein Knoten im Bauche sitzt, und daß diese Wahrnehmung sie sowohl zum Arzt als auch zum Rhabarber führt, würde sie hundert Jahre später zum Irrenarzt führen. Die körperliche Reaktion wäre etwas Uneigentliches. Also, die Aufzeichnungen über diese 1600 einzelnen Frauen waren für mich lebensprägend! Das Befremden zuallererst, zu dem sie mich gezwungen haben. Wie haben sich in diesen Frauen soziale Klassen, Alter, Religion verkörpert? Wie Krankheit? Was macht sie mir derart fremd? Was ist es genau, was mich an der Empathie mit ihren Klagen hindert?

Ihre Wahrnehmungen von sich waren unvergleichbar mit denen, wie ich selbst mich wahrnehme. Aber ich wollte unbedingt verstehen, wovon sie eigentlich reden. Wie war die Selbstwahrnehmung ihres Innern?

Der Versuch, zu verstehen wie Frauen sich um 1720 gefühlt haben, hat mir ein neues Gefühl für die Historizität meines eigenen körperlichen ›Selbst-Gefühls‹ vermittelt. Und aus dieser Distanz heraus war es möglich, die intellektuellen Einsichten in eine soziologische Analyse der technikbedingten epochalen Umund Neudefinition des Frauenkörpers, besonders auch in der Gegenwart, zu erarbeiten. Beim Versuch, herauszufinden, was das für eine Wahrnehmung des Innern bei diesen Frauen des 18. Jahrhunderts war, habe ich akribisch mit so einer, ich nenne es, Beutelmethode gearbeitet. Also: ein Beutel fürs Zittern, Beutel fürs Blut – fürs verstockte und fürs fließende Blut –, einen für die Mischung usw. Und dann habe ich versucht, die ›Sinnknoten‹ dieser anderen Wahrnehmung von sich mal auszulegen. Sofort habe ich festgestellt, daß das absolutes Neuland ist, kein Mensch hat so was gemacht vorher. Weil eben der Körper und die Biologie des 19. und 20. Jahrhunderts den Anschein vermitteln, als würde es sich hier um etwas Naturhaftes handeln. Das haben die Historikerinnen und Historiker eben auch unter der Haut. Und wenn sie auf solche Reden stießen wie von der Frau mit der Wut über den Miethmann, dann taten sie das als ›uneigentliche Rede‹ ab, von Leuten, die abergläubisch sind und eben noch nicht wissen, wie ihr Körper beschaffen ist. Das ist natürlich fahrlässig, denn die Frau weiß sehr wohl, daß die ›Bitterkeit der Worte‹ und das ›Gift‹, das sie ›geschluckt hat‹ dabei, etwas Entscheidendes mit ihr macht. Und dann habe ich versucht, diesen Körper beziehungsweise eben nicht diesen Körper – heute würde ich das Wort nicht mehr benutzen –, sondern die Somatik, ihre erlebte Somatik zu verstehen.

Was sich natürlich aufdrängte, war, daß dieses somatische Innere in diesem Sinne gar nicht in einem anatomischen Atlas festgelegt ist, also z. B. beim ›Herzriß‹ aus Liebesleid. Besonders auch beim Blut, denn das Blut, von dem sie sprechen, ist ein Stoff, den du nicht ins Labor schicken könntest. Es ist etwas Lebendiges. Selbst in der ärztlichen Fachsprache gab es diesen Unterschied und somit diese Auffassung. Einmal bezeichnete das Wort Sanguis das ›lebendige Blut‹ und Cruor hieß der Stoff, der ausgelassen wird beim Aderlaß und sich klumpt. Also, Sanguis läuft zwar auch aus, bei Verletzungen usw., aber solange es läuft, ist es ›lebendig‹. Also das Herz, das wissenschaftsgeschichtlich dann ganz technisch in seinen Funktionen festgelegt wurde, ist hier noch Empfindungsecho, das auf Erfahrungen und Eindrücke reagiert. Und auch das Blut ist ein Stoff innerer Wahrnehmung, in dem sich sehr viele Qualitäten ausdrücken. Zuerst mal ist es innerlich lebendig, es will wohin. Es ist regsam, oder es stockt. Das ist eines der wichtigsten Motive, diese Balance zwischen Regsamkeit und Stockung. Es ist die Balance zwischen Gesundheit und Krankheit und letztlich dem Tod, dem Sterben, die in Bilder der Hemmung, Verstockung und Versteinerung gekleidet wird. Und dann hat das Blut auch geschmackliche Qualitäten, das reicht vom Süßen bis zum Bitteren und farblich vom Dunklen bis zum Hellen. Und natürlich wird unterschieden zwischen Blut und Geblüth.

Also, sie berichten über all diese inneren Wahrnehmungen, und der Stoff dieser Wahrnehmungen ist mir zutiefst fremd. Fremd deshalb, weil ich in mir z. B. kein Geblüth habe, sozusagen. Ich erkannte, durch die zunehmende Vertrautheit mit der Fremdheit dieser Selbstwahrnehmung der Frauen, daß die Wahrnehmungsgeschichte eigentlich in eine Wissenschaftsgeschichte eingebracht werden muß. Nur so können wir verstehen, daß die Wissenschaftsgeschichte uns konditioniert hat, etwas für ›wahr‹ zu halten, also etwas zum Stoff unserer ›Wahrnehmung‹ zu machen, was gar nicht ›wahrgenommen‹ werden kann, weil es eben objektivierende Tatsachen sind, die durch die Wissenschaftsgeschichte und durch die Popularisierung in den ›Körper‹, also in das Innere, reinverlegt wurden. Die Not ist, daß die Biologie des 19. Jahrhunderts – also das, was Foucault untersucht hat als einen Effekt des Klinischen Blicks – im Endeffekt bewirkt, daß wir dieses Objekt, das sie uns als ›unseren Körper‹ vorexerziert, für Natur, für die Natur unseres Körpers halten. Die Biologie erscheint als Natur. Aber es gibt ja keine Natur in dem Sinne, die Natur selber ist historisch. Und in dem Moment, wo man das feststellt und sich vergegenwärtigt, daß die Medizin erst im 19. Jahrhundert zu einer Instanz wurde, die epistemologisch und institutionell nun die Macht hatte, die Gesellschaft mit einem ›Körper‹ zu beliefern, muß man sich fragen: Was sind eigentlich die sozialen Instanzen, aus denen die körperliche Wahrnehmung entsteht?

Das führt natürlich auch zur Frage nach den Schichten der Gewalt in der Re-Definition der Person in Bezug auf ihren Körper. Ich meine, daß hier auch eine Kritik an Foucault notwenig ist, weil er nämlich in Bezug auf die Gewaltsamkeit der Re-Definition zwar die Machthierarchien der Medizin über den Kranken ausführlich untersucht hat; er hat aber nicht verstanden, daß das, was das Leibliche tut und macht, durch eine fremde Instanz definiert wird. Das Körperliche im 17. und 18. Jahrhundert aber tat etwas, wofür es noch keine zentrale Instanz gab, die dem Menschen sagte: Dasbistdu! Das ist deinkörper. Den kannst du als ein Objekt zur Medizin tragen, und sie geben ihn dir zurück als ein Objekt, das du dir wieder aneignen kannst als Besitz. Ein solcher Körper war einfach unvorstellbar. Die Somatik ist noch eingesponnen im Gewebe der Kultur, also in den sozialen Erfahrungen, in den Alltagspraktiken. Dadurch entfaltet sie sich, erwächst und ist stimmig. Wir müssen natürlich beachten, das ist die Somatik, das Körperliche in der Geschichte des Westens, das ist nicht global. Und bei uns hat die Medizin den Körper immer mehr von uns isoliert, die Organe voneinander isoliert, die Funktionen … Und es kam der ›Anatomische Atlas‹, die Physiologie als Leitwissenschaft, und es ging immer tiefer ins Gewebe, in die Zellen, in die Zellkerne usw. In eine Unterteilung in immer kleinere Einheiten. Man kann sagen, daß die Medizin also nicht einen Körper behandelt – im Wort-sinne –, sondern einen Körper herstellt. Und das Interessante ist, daß dieser Körper, den die Medizin herstellt – Focault würde sagen, der Körper als Effekt aus Beobachtungen, Praktiken, technischer Herstellung –, der verdankt sich nicht einer Vielzahl von Entdeckungen, sondern einer Vielzahl von Effekten dieser Beobachtungspraxis und deren Zuschreibung.

Es ist unzweifelhaft, daß da etwas auf der Strecke bleibt, daß das eine Veränderung im Selbstbewußtsein anrichtet, einen Bruch in das Innere hineingibt. Man könnte das mit dem Begriff der ›Schizo-aisthesis‹ fassen, also der Trennung von der sinnengeleiteten Empfindung, und zwar nicht im Kopf, sondern im Fleisch. Als Kind hast du noch gehört vom reinen Herzen, vom guten Herzen, in dem sich was regt zugunsten anderer, das groß sein soll usw. Dann hast du aber gelernt, daß du ein Herz verkörperst, das empfindungsunfähig ist, das nur ein Organ ist zur Umwälzung des Blutes, das einen bestimmten, meßbaren Schlag hat usw. Also, dieses anatomische Herz ist ja dumm, es erkennt nichts und tut nur seinen Dienst, bestenfalls. Also, ich kann von mir selber nur sagen, daß ich eine ›herzliche Wahrnehmung‹ sehr wohl kenne und spüren kann, daß damit durchaus etwas Somatisches verbunden ist, wenn ich etwas im ›Herzen verspüre‹, ein Sehnen, ein Lieben, einen Trennungsschmerz. Also, Empfindungen oder Schmerzen, die keinen Platz haben in einem anatomischen Herzen, die aber unzweifelhaft real und wahr sind. Du kannst natürlich sagen, daß das die Tiefenschicht eines Erfahrungsstoffes ist, in dem die Umgangssprache nach wie vor ein Bild transportiert, das sofort zu uneigentlicher Rede, zu poetischer Rede wird, in dem die somatischen Anteile aber irgendwie immer noch da sind. Wesentlich ist aber der Bruch, der in unsere Wahrnehmung hineingesenkt wurde, nämlich zwischen etwas, das du sinnlich wahrnehmend ›weißt‹ – sonst könnten wir niemanden liebhaben oder auch hassen –, und dem, was du auf der anderen Seite zu verkörpern hast, für wahr halten mußt, weil die Gültigkeit dieser Wahrheit nicht bezweifelt werden kann. So daß du eigentlich gezwungen bist, in dir zu sein und andererseits dich selber dauernd wahrzunehmen, als wenn du außer dir bist. Erfahrungen, die dieses selbstwahrnehmende Ich mal gemacht hat, sind kaum noch nachvollziehbar, wir wissen nicht mehr, wie sich das anfühlt, wenn der Körper noch nicht abgespalten ist.

Man kann sagen, das ist die große Geschichte der Entkörperung des Menschen, weil sie durch die Macht der Wissenschaft – also durch das, was die Wissenschaft ihnen als ihren Körper gegenüberstellt und zur Verinnerlichung anbietet – ihren eigenen Sinnen nicht mehr trauen können. Und es kam ja noch schlimmer; wir sprechen jetzt immer von einer Zeit, in der noch die Pathologie das Butterbrot der Medizin war, wer krank wurde, ließ seinen Körper behandeln. Und da hat die Medizin des 20. Jahrhunderts ja manches … Gut, man ist hingegangen, weil einem was fehlte. Heute gehen die Leute hin, weil sie Angst haben, es könnte ihnen zukünftig etwas passieren. Ich finde es sehr wichtig, hier klarzumachen, daß dieser Körper, den Foucault beschrieben hat in den 60er Jahren, also der medikalisierte Körper und der dazugehörige klinische Blick, daß der seit den 70er Jahren eigentlich verblaßt oder nur noch den Hintergrund bildet für eine viel grundsätzlichere Erfassung: die durch ein umfassendes Gesundheitssystem. Die Medizin ist nun als eine Instanz zuständig, und zwar ununterbrochen. Der Unterschied zwischen gesund und krank ist abgeschliffen, das Somatische interessiert nicht. Die Gesundheitswissenschaft, die ja auf Statistik basiert – statistische Epidemologie ist zur Leitwissenschaft aufgestiegen –, errechnet Krankheit. Die Medizin behandelt nicht mehr, sie sagt voraus.

Du wirst nicht im Körperlichen wahrgenommen, sondern als statistischer Fall innerhalb einer statistischen Population. Sicher, diese Vorsorgeorgien sind aus der Perspektive der Gesundheitsverwaltung ökonomisch rational, für die einzelne Person aber ist das total irrational. Und es ist zutiefst beunruhigend und bedrohlich, weil die Menschen lernen sollen, daß ihnen schon was fehlt oder als ›krank‹ bereits angelegt ist, als Gendefekt, was sich später dann zeigen könnte. Du erfährst, du gehörst irgendeiner Gruppe an und trägst deshalb ein erhöhtes Risiko, statistisch errechnet. Und in vorauseilendem Gehorsam sollst du dieses dein Risiko verantwortlich ›managen‹, um es zu minimieren. Es entsteht ein ununterbrochener schleichender Verdacht gegen dich selbst. Da wird jeder zum Hypochonder. Unkontrolliertes Wohlbefinden wirkt leichtfertig, gradezu asozial. So kommt der Wurm ins Wohlbefinden!

Also Prävention in Bezug auf Fette, Herz-Kreislauf-Geschichten, Osteoporose, Brust- und Prostatakarzinom usw. ist heute gängig und gesellschaftlich vollkommen akzeptiert. Interessant ist, daß es der Frauenkörper war, der als Symbol diente – oder besser gesagt als Trojanisches Pferd –, um das sozial akzeptabel zu machen. Sie haben die Notwendigkeit dieser erforderlichen Selbstverwandlung als Erste vollzogen. Die Durchsetzung des Risikobegriffs in der Praxis gesundheitlicher Vorsorge wurde an Frauen durchexerziert in den vergangenen dreißig Jahren. Zuerst in der Geburt, historisch gesehen. Mitte der 60er Jahre schon wurde der Mutterpaß eingeführt, also etwas vollkommen Wahnsinniges! Weil die Frauen das ablehnten, hat es Geld gegeben, aber nur, wenn die Frauen das volle Programm durchliefen und das per Paß nachweisen konnten. In den 70er Jahren kam dann die Hormonsteuerung, die Pille für die Empfängnisverhütung und dann die Hormonsteuerung im Alter. Heute kann eine Schwangerschaft nur noch durchlaufen werden, wenn ununterbrochen Checks durchgeführt werden. Fünfzig bis sechzig Momente müssen dauernd überprüft werden, das sind die Indikatoren, die dann eine ›Normalität‹ herstellen. Moderne bildgebende Verfahren der Visualisierungstechnologie zeigen der Schwangeren ihr Ungeborenes in scheinbar getreuer Abbildung, ein Kind, transformiert in eine Datenmasse, die beliebig zerlegbar ist. Wie kann sie diese Datenmasse liebhaben, erwarten, noch guter Hoffnung sein? Die Frau betrachtet es aber als ihr Kind und hat sich zur Managerin ihrer Schwangerschaft machen lassen, die mit selektierendem Blick aufs genetische Risiko achtet und es gegebenenfalls durch Abbruch vermeidet. Das ist soziale Pflicht. Und auf diese Schwangerschaft folgt dann die durchprogrammierte Geburt. Im Supermarkt der Entbindungen kann die Frau, selbstbestimmt und frei, wählen, wann sie entbindet und wie, bis hin zur Wunschsectio, zum Kaiserschnitt. Die Frau muß nicht mehr entbinden, sie darf sich als mündige, kundige Klientin fühlen, die eine technische Dienstleistung in Anspruch nimmt. Die Frauen bemerken nicht, daß sie in der Tiefe ohnmächtig, wirklich ›ohnemächtig wurden‹. Sie wurden regelrecht konditioniert, diese kontinuierliche Einsichtnahme, Kontrolle und Überwachung als ihr Bedürfnis zu empfinden.

Das ist eine schreckliche Veränderung in der Selbstwahrnehmung, und erschreckend ist auch, daß es da einen völligen historischen Widerspruch gibt zu dem, was die Frauenbewegung einmal mit Selbstbestimmung meinte. Der große Gegner war die Gynäkologie natürlich. Sich den eigenen Körper wieder anzueignen, das war es, was sich die Frauen sozusagen auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Heute steht die Forderung, daß Frauen Selbstbestimmung und Selbstverantwortung ausüben sollen, auf den Fahnen aller Krankenkassen, Ärzte und Gesundheitsbürokraten. Es ist eine Pflicht! Damals, in den 70er Jahren, hat die Frauenbewegung sich ein Recht erkämpfen wollen und das Spekulum selbst in die Hand genommen. Die Selbstuntersuchung und die Selbstsuche, das waren wichtige Schritte, und viele Frauen haben diesen Weg angetreten. Du hast das ja damals kritisiert, Gabriele, auch diese ganzen gängigen Begrifflichkeiten. Im Rückblick war dieses ›Consciousnessraising‹ im Grunde eine Professionalisierung für das, was in der Gesellschaft sowieso als Zumutung auf einen zukommt. Es hat ja in den 70er Jahren eine Veränderung auch in der Machttechnologie gegeben, es wurde nicht mehr gezwungen, sondern es ging um die Lenkung und Ausrichtung des Wollens. Die Leute haben gelernt, dadurch, daß sie sich das ›eingekörpert‹ haben, daß sie das wollen, was sie sollen. Das Abverlangte sollte nicht mehr als solches kenntlich sein, sondern Teil des eigenen Wollens werden. Der wichtigste Begriff der Frauenbewegung war ja Selbstbestimmung – hier jetzt speziell auf den eigenen Körper bezogen –, und heute heißt Selbstbestimmung sozusagen Selbststeuerung; die Frauen haben gelernt – und nicht nur die Frauen –, sich selbst so zu steuern, daß es fürs System kompatibel ist.

Und das ist wahnsinnig beunruhigend, diese Überschneidung und die Paradoxie zwischen etwas, was wir wollen konnten – auch vernünftigerweise –, und was aber zugleich auch dem in die Hände gespielt hat, was historisch im Werden war. Das beschäftigt mich immer sehr, muß ich sagen.« Draußen ertönt nicht enden wollend eine Autowarnanlage. »Ja, und was wir versuchen können, ist, mit Hilfe der Geschichtswissenschaft, die Amplituden des Wahrnehmbaren in der Gegenwart ein bißchen zu weiten und offen zu halten.«

Nebenan entbrennt ein heftiger Streit zwischen den Schauspielern; ein Palästinenser weigert sich, abends aufzutreten. Sein Fluggepäck ist versehentlich auf irgendeinem Flughafen in Asien gelandet, und im Koffer befinden sich Sufirock und -hut. Beides, so sagt er, braucht er unbedingt für seinen Sufitanz. Alle Einwände, es ginge doch auch mit einer provisorischen Kostümierung für dieses eine Mal, werden von ihm erbittert zurückgewiesen. Er erklärt, weshalb kein Sufitanz möglich ist, ohne die ungeheuren Stoffmengen des Rockes, die sich in die Luft erheben und mitkreisen müssen, erntet aber nur gereizte Kommentare. Wir schließen die Tür zum Wintergarten. Barbara zündet sich eine Zigarette an, und wir bitten sie, uns abschließend noch ein bißchen was aus ihrer Kindheit zu erzählen.

Sie denkt lange nach und beginnt dann etwas zögernd: »Also, ich bin aufgewachsen im Haus des Großvaters am Schliersee in Oberbayern. Nach dem Krieg arbeitete mein Vater in Düsseldorf als Jurist, und meine Mutter hat als Übersetzerin für die Amerikaner bei Mercedes-Benz gearbeitet. Wir waren vier Kinder, meine zwei Brüder sind ins Internat gekommen – sie sind vier und fünf Jahre älter –, und wir Zwillinge, meine Schwester und ich, sind beim Großvater deponiert worden. Die Familie ist dann erst Mitte der 50er Jahre wieder zusammengekommen. Mein Vater war Nazi und war nach dem Krieg in einem Lager, er hatte zwei Jahre Berufsverbot. Er war Leiter gewesen, in einer Benzinfabrik in Stettin. Ja, nicht so schön … Meine Mutter war gegen die Nazis, aber aus den falschen Gründen. Also, ich hatte ja immer ein bißchen Sorge, davon etwas zu sagen, da hat mich Ivan aber dann überzeugt, also, er als Halbjude, daß es wichtig ist, das zu erzählen. Mein Großvater, bei dem wir also aufwuchsen, war Witwer und Pensionär; er war bei der I. G. Farben gewesen, im Aufsichtsrat, aber noch vor den Nazis. Er hatte eine Hausdame, und wir hatten eine Kinderschwester aus Polen, aus Stettin, also, sie war mitgegangen auf die Flucht. Und die hat uns da erzogen, meine Schwester und mich. Meine Schwester habe ich sehr geliebt. Sie war in vielem schwächer als ich; ihr einer Arm, der hatte so eine schlaffe Lähmung, sie hatte auch ein kürzeres Bein, hinkte so ein bißchen, und sie hatte epileptische Anfälle. Und in der Kindheit hieß es immer, dort in Köln, da gibt es einen Arzt, und der wird das alles reparieren können, aber dazu muß sie erwachsen sein, also so, daß der Kopf nicht mehr wächst. Dadurch war es für sie eine Kindheit ohne diagnostischen Rahmen, also, das war ein großes Geschenk!

Dabei waren ihre epileptischen Anfälle schwer und dramatisch, wir nannten sie Krampfanfälle. Nachher gings ihr immer sehr viel besser, zum Glück. Das hatte sie alle drei bis vier Monate. Meine Schwester war unglaublich witzig, sie war stark und lebenslustig, und sie war ausgesprochen komisch begabt, konnte sehr komische Geschichten erzählen, einfach so aus dem Stehgreif. Wir haben alles geteilt, das Zimmer, das Bett, wir trugen die gleichen Kleider und waren eigentlich immer zusammen. Weil sie nicht auf die höhere Schule konnte, bin ich, um bei ihr zu sein, noch längere Zeit in der Volksschule mit ihr geblieben, dann bekam sie eine Hauslehrerin. Wir haben gelebt wie eben richtige Zwillinge, richtig das Alter ego. Das war Alexa. Wir hatten eine schöne, komische Kindheit zusammen. Als sie vierzehn war, ist meine Mutter mit ihr in die neurologische Klinik gegangen, in Heidelberg, um sie untersuchen zu lassen. Und der Arzt hat dann … der Arzt hat dann gesagt, wenn sie durch die Pubertät durch ist, dann würde sie freßsüchtig werden und dick, und dann würde sie völlig verblöden, würde zurückfallen auf den Stand einer Zweijährigen. Und das Diktum, also dieses Verdikt und diese Vorhersage, das kriegst du nie wieder weg. Es war dann so, daß wenn Alexa sich beispielsweise noch mal Kartoffeln genommen hat, sich jeder dachte: Um Gottes willen, jetzt geht’s los! Jetzt wird sie freßsüchtig, jetzt verblödet sie. Ich habe damals in der Tiefe verstanden, was das bedeutet: Die Verwandlung des Liebsten in eine diagnostische Klasse, was das bewirkt. Normalerweise erscheint ja die Gewalt der professionellen Setzungen wie ein Sachzwang und ist deshalb in ihrer Gewaltförmigkeit nicht unmittelbar spürbar. Nur wenn’s jetzt zufällig das Alter ego ist, dann siehst du plötzlich, daß sie es dirselber antun. Und ich glaube, das war für mich wirklich wichtig. Meine Schwester ist mit fünfzehn Jahren verunglückt; sie war mit dem Rad unterwegs und hatte den Hund an der Leine. Sie ist gestürzt und wurde von einem Lastwagen überfahren.

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LANGER MARSCH DER SEUCHEN

MEDIZINHISTORIKERIN

Ortrun Riha, Prof. Dr. med., Dr. phil., Direktorin d. Karl-Sudhoff-Institutes f. Geschichte d. Medizin u. d. Naturwissenschaften, Medizinische Fakultät d. Universität Leipzig. 1965–69 Schillerschule in Schweinfurt, 1969–78 Celtis Gymnasium Schweinfurt. 1978–84 Studium d. Humanmedizin a. d. Bayerischen Julius-Maximilian Universität Würzburg. 1984 med. Staatsexamen, Approbation als Ärztin. 1984–89 Studium d. Germanistik u. Kunstgeschichte, Uni Würzburg. 1985 Promotion z. Dr. med. (Meister Alexanders Monatsregeln). 1989 Promotion z. Dr. phil. (Die Forschung zu Heinrich Wittenwilers »Ring«), 1990 Habilitation f. d. Fach Geschichte der Medizin (Wissensorganisation in medizinischen Sammelhandschriften). 1985–92 wiss. Mitarbeiterin bzw. Privatdozentin am Inst. f. Gesch. d. Medizin, Uni Würzburg. 1992–94 Heisenberg-Stipendiatin am Inst. f. Gesch. d. Medizin d. Georg-August-Universität Göttingen. 1994–96 C3-Professorin f. Gesch. d.Medizin am Inst. f. Medizin- u. Wissenschaftsgeschichte d. Medizinischen Universität zu Lübeck. Seit 1996 C4-Professorin f. Gesch. d. Medizin, Direktorin d. Sudhoff-Institutes, Uni Leipzig. Frau Prof. Riha ist Mitglied diverser wissenschaftl. Gesellschaften u. Verbände u. Verfasserin zahlr. Schriften u. Beiträge, u. a.: »Aussatz. Geschichte und Gegenwart einer sozialen Krankheit«, Sitzungsbericht d. Sächs. Akademie d. Wissensch., math.-nat. Kl., Band 129, Heft 5, 2004; »Ethik in der Medizin. Eine Einführung«. Aachen: Shaker 1998; »Die Technisierung von Körper- und Körperfunktion in der Medizin des 19. und 20. Jahrhunderts.«, Dresdener Beitr. z. Gesch. d. Technikwissenschaften 29 (ersch. 2005). Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Medizin d. Antike u. d. Mittelalters, Medizin i. kulturellen Kontext, Medizin u. Literatur, Frauen- u. Geschlechterforschung, Ethik i. d. Medizin. Ortrun Riha wurde 1959 in Schweinfurt geboren, ihr Vater war Gymnasiallehrer, ihre Mutter Hausfrau; sie ist verheiratet u. hat keine Kinder.

Aussatz, Pest, Cholera, Syphilis, Pocken, Tuberkulose, Spanische Grippe, Diphterie, Aids und ansteckende Tierseuchen wie BSE und Vogelgrippe usw. bedrohten und bedrohen die Menschheit. Kehren die Seuchen zurück? Mitten in unserem hygienisch unbedenklichen und durchgeimpften Europa werden wir zunehmend konfrontiert mit Schreckensszenarien, in denen sich antibiotikaresistente Krankheitserreger ausbreiten oder eine neue, weltweit grassierende Seuche unausweichlich bevorsteht. Unter den etwa 1500 Mikroben, die den menschlichen Organismus befallen können, ist der Influenza-Virus einer der gefährlichsten. Wird der Vogelgrippe-Virus weiter mutieren? In Deutschland war der erste Unglücksbote mit der gefährlichen asiatischen Variante H5N1 ein toter Singschwan an der Ostseeküste.

Gegen eine plötzliche Verwandlung einer gesunden und friedlichen Bevölkerung in eine hochinfektiöse und todkranke ist, trotz aller Krisenpläne, keine moderne Gesellschaft gewappnet. Die Wirtschaftsanalysten wissen das besser als die Politiker. Sie haben bereits das verlustreiche Seuchendesaster durchgerechnet, das Kollabieren von Handel und Börsen sowie den Profit, der durch Medikamente, Impfstoff, Reinigungschemie, Gesundheitswesen und Unterhaltungsentertainment zu erzielen ist. Zur Zeit der Vogelgrippe lief im amerikanischen Fernsehen ein Vogelgrippe-Pandemie-Thriller. Millionen Zuschauer waren geschockt. Das Gesundheitsministerium richtete Hotlines mit speziellen Sprachregelungen ein und suggerierte Kompetenz. Auch bei uns wurden zahllose Experten zur Gefahr einer Pandemie befragt, zuverlässige Antworten jedoch erwartete man vergebens. Die Manipulation der schwelenden Ängste für den ökonomischen Zweck schien weit umfangreicher zu grassieren als der Virus selbst. Milliardenumsätze machte die US-Firma Gilead Sciences (deren Mehrheitsaktionär Donald Rumsfeld ist) mit dem Medikament Tamiflu, und in Europa verdient die Firma Hoffmann-La Roche damit Unsummen.

Von Frau Prof. Riha möchten wir erfahren, wie die bereits einmal ausgebrochenen Seuchen sich niedergeschlagen haben. Ihr Institut für Geschichte der Medizin befindet sich im ehemaligen Hauptgebäude der Uni Leipzig, am Augustaplatz, zu Füßen des ehemaligen Wahrzeichens der Alma mater, dem Uni-Hochhaus (das, nebenbei bemerkt, verkauft wurde). Unter einem tonnenschweren, klobigen Karl-Marx-Relief aus Bronze, das von rostenden Stahlträgern gestützt wird, muß man hindurchgehen, ganz gleich, ob man nun fürchtet, von dem Koloß erschlagen zu werden oder nicht. Man betritt eine große Eingangshalle, die in der nüchternen Eleganz der 70er Jahre erglänzt. In der gläsernen Loge sitzt eine Pförtnerin und gibt Auskunft, mit gelegentlichem Knarren gleiten die Paternoster auf und ab. Nicht mehr lange. Zum 700jährigen Bestehen der Uni, im Jahr 2009, soll hier ein neues Universitätsgebäude stehen. Bis dahin befindet sich das Institut in den Räumen der ehemaligen Parteileitung, mit Blick auf den Platz. Es ist das älteste medizinhistorische Institut Deutschlands – gerade ist 100jähriges Jubiläum. Karl Sudhoff (1853–1938), der spätere Namensgeber, leitete das Institut bis 1925 und war auch der Begründer der Medizingeschichte als wissenschaftliche Disziplin. Frau Prof. Riha empfängt uns in ihrem minzgrün gestrichenen Arbeitszimmer. An der Wand hängt ein schwarz gerahmtes Ölgemälde, das einen freundlich blickenden untersetzten Herrn mit weißem Vollbart zeigt, einen Meter daneben steht derselbe Karl Sudhoff als weiße Marmorbüste mit abweisendem Gesichtsausdruck auf einem schönen alten Holzsockel. Im Bücherregal steht u. a. Sudhoffs Paracelsus-Ausgabe; die Lederrücken hat er schwungvoll selbst beschriftet. Sudhoff war ein passionierter Sammler; das Institut verfügt über eine bedeutende Bibliothek mit über 70000 Bänden und über eine medizinhistorische Sammlung, die 5000 Objekte umfaßt (beide magaziniert).

Frau Prof. Riha ist es sehr recht, daß wir die Vogelgrippe nicht weiter berühren wollen: »Es ist quasi eine Orakelsache, und ich würde mich aus meiner Warte auf ganz dünnes Eis begeben, wenn nicht mal die Fachleute sich einig sind. Weder die Veterinäre noch die Humanvirologen können irgend etwas Substantielles sagen.«

Sie erzählt uns von der Pest: »Die erste große, wirklich ansteckende und tödliche Seuche mit historiographischer Darstellung ist ja die sogenannte Pest in Athen, die der griechische Historiograph Thukydides (430–396) beschrieben hat, unter Verzicht auf jeden mythologischen Rückgriff. Als Augenzeuge und mit scharfem Blick für die soziologische Komponente schildert er die Vorfälle im Sommer des Kriegsjahres 430 v. Chr. Die Beschreibung ist nicht lang – knapp sechs heutige Druckseiten –, aber sie lieferte quasi das Modell, muß man sagen, dafür, wie man die Geschichte einer Seuche beschreibt. Welche Epidemie das auch immer war, die Beschreibung der Abläufe läßt ein Muster erkennen, das spätere Chronisten wieder und wieder in ähnlichen Situationen repetierten, bis hin zur Berichterstattung unserer Tage: geographischer Ursprung und Ausbreitungsweg, die Unerhörtheit der Ereignisse, Hilflosigkeit der Ärzte, Versagen von Religion und menschlichen Bemühungen, Theorie der Brunnenvergiftung, heterogene und erschreckende Symptomatik der Krankheit, ihr fast immer tödlicher Verlauf (Überlebende sind immun), ausnahmslos alle Stände sind betroffen, Auflösung familiärer und freundschaftlicher Verbindungen aus Furcht vor Ansteckung, Vernachlässigung der Bestattungsriten, Abstumpfung und moralischer Verfall.

Und so ist auch die Historiographie des sogenannten Schwarzen Todes von 1348. Zuerst stand die Frage, wo er herkommt, wie er sich ausbreitet. Für die Chronisten ist die Pest zum ersten Mal auf der Krim aufgetaucht, im Frühjahr 1347. Sie kommt aber aus Zentralasien, wahrscheinlich über den Handel, mit den Pelzen verseuchter Nagetiere, entlang der Seidenstraße und durch kriegerische Expansionen. Das war aber nicht im Blick Europas, die Krim war quasi der alleräußerste Punkt des Blickfeldes. Gut, und dann hat es sich über den Seeweg ausgebreitet, die Leute sind geflüchtet, brachten die Pest nach Konstantinopel, nach Messina, und ebenfalls durch Handelskontakte kam sie im Spätherbst nach Genua, Venedig, Marseille, auf dem Landweg verbreitete sie sich weiter nach Apulien, in die Provence. Und das Jahr 1348 war dann das eigentliche Seuchenjahr mit der größten Ausdehnung in ganz Italien, West- und Mitteleuropa von Südwesten nach Nordosten, 1350 erreichte sie Skandinavien und das Baltikum und selbst Island und Grönland. Und es wurde natürlich vermerkt: Soundsoviele starben, soundso waren die Krankheitszeichen. Und was auch in der Geschichtsschreibung von vorneherein berücksichtigt wird – bei diesem Typ von Erkrankung –, sind die sozialen Folgen. Also: Auflösung von sozialen Bindungen. Oder Vernachlässigung von Pflichten, von seiten der Ärzte, der Behörden, der Kirche, denn viele von ihnen haben die Städte fluchtartig verlassen nach dem Ausbruch der Pest. Also, solche Entsolidarisierungsaspekte wurden aufgeschrieben. Und natürlich hat man sich mit dem Grund beschäftigt. Pest als ›Strafe Gottes‹ hat kaum überzeugt, jedenfalls nicht die intellektuelle Elite. Es mußte also etwas Säkulares sein, etwas, das alle betrifft, Gottlose und Fromme, Arme und Reiche, Juden und Nichtjuden: Das war die Luft, die alle atmen. Die Theorie vom ›Pesthauch‹ – es gab auch eine astrologische, aber bleiben wir bei der terrestrischen. Die Herkunft des ›Pesthauches‹ erklärte man sich im Zusammenhang mit einem ungewöhnlich heftigen Erdbeben, das im Januar 1347 ganz Oberitalien erschüttert hat und noch in Süddeutschland zu spüren war. Man dachte, es seien durch Verwerfungen und aufgerissene Spalte giftige Ausdünstungen aus dem Inneren der Erde freigesetzt worden, die ›Miasmen‹, die die verheerende Krankheit durch das Einatmen auslösten. Da sichtbar wurde, daß man sich die Pest auch durch den persönlichen Kontakt mit Erkrankten holen konnte, lag die Vermutung nahe, daß auch deren Atem solche giftigen Miasmen freisetzt. Das griechische Wort miasma