Der Bergdoktor 2021 - Heimatroman - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor 2021 - Heimatroman E-Book

Andreas Kufsteiner

0,0
1,49 €

Beschreibung

Gut zehn Jahre ist es nun her, da war der Großbauer Vinzenz Kroneder ein glücklicher Mann. Mit seiner Frau Marie und den Kindern bewohnte er einen der schönsten Höfe im Tal von St. Christoph, war passionierter Bergsteiger und Jäger mit eigenem Revier. Zusammen mit seinen Söhnen verbrachte er seine Freizeit in den Bergen, wo ihm kein Gipfel zu hoch oder zu steil war. Dann stürzte sein Ältester bei einer Tour tödlich ab. Vinzenz gab sich die Schuld, obwohl es ein Unfall war. Marie starb nur wenige Monate später an Herzversagen. Vinzenz verfiel dem Alkohol und verschwand schließlich über Nacht. Was aus ihm geworden ist, weiß niemand. Da taucht plötzlich wie aus dem Nichts bei der Bergwacht ein verwahrloster Mann auf. Bald ist klar: Vinzenz ist zurückgekehrt - um ein neues Unheil zu vereiteln!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 125

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhalt

Cover

Impressum

Tief im Wald

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9764-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Tief im Wald

Erst verjagt und dann als Held gefeiert

Von Andreas Kufsteiner

Gut zehn Jahre ist es nun her, da war der Großbauer Vinzenz Kroneder ein glücklicher Mann. Mit seiner Frau Marie und den Kindern bewohnte er einen der schönsten Höfe im Tal von St. Christoph, war passionierter Bergsteiger und Jäger mit eigenem Revier. Zusammen mit seinen Söhnen verbrachte er seine Freizeit in den Bergen, wo ihm kein Gipfel zu hoch oder zu steil war. Dann stürzte sein Ältester bei einer Tour tödlich ab. Vinzenz gab sich die Schuld, obwohl es ein Unfall war. Marie starb nur wenige Monate später an Herzversagen.

Vinzenz verfiel dem Alkohol und verschwand schließlich über Nacht. Was aus ihm geworden ist, weiß niemand.

Da taucht plötzlich wie aus dem Nichts bei der Bergwacht ein verwahrloster Mann auf. Bald ist klar: Vinzenz ist zurückgekehrt – um ein neues Unheil zu vereiteln!

Golden strahlte die Sonne an diesem Märztag über dem Zillertal von einem klaren tiefblauen Himmel. Fast lag schon so etwas wie eine Ahnung vom Frühling in der würzigen Bergluft, doch auf der Höhe über St. Christoph schwang der grimmige Gesell Winter noch sein Zepter. Und in den Nächten schlich Väterchen Frost auch im Tal gleichsam um die Häuserecken mit seinem eisigen Hauch.

Mit einem Seufzer trank Dominikus Salt, der Leiter der Bergwacht von St. Christoph, seinen Kaffee aus und wandte sich vom Fenster ab.

In seinem hageren, wettergegerbten Gesicht mit den hellen Augen lag ein stilles Sehnen. Es war das Gefühl, das um diese Jahreszeit viele Herzen beherrschte: die Sehnsucht nach dem Ende des Winters mit all der Dunkelheit und Kälte, mit den Stürmen und Unmengen von Schnee. Diese Jahreszeit war in den Bergen oft unbarmherzig und machte die Menschen klein und hilflos.

Wenn aber die Tage wieder länger wurden, dann keimte die Hoffnung auf, dass es besser wurde. Dann wartete ein jeder auf mildere Luft, auf Vogelgezwitscher und die ersten warmen Sonnenstrahlen auf der Haut.

Doch mit den tagsüber steigenden Temperaturen entstand auch eine Gefahr, die für den Übergang vom Winter zum Frühling typisch war: Lawinenabgänge wurden wieder häufiger. Es war die Zeit im Jahr, in der die Menschen oft mit sorgenvollem Blick zu den sechs Gipfeln hinaufschauten, die St. Christoph umgaben. Und es war die Zeit der ständigen Bereitschaft für die Bergwacht, denn jederzeit konnte ein Unglück geschehen, das Können und Geschick der Männer bei der Bergung Verschütteter forderte.

Dann musste die Ausrüstung der Bergwacht komplett und auf dem neuesten Stand sein, denn schon ein morsches Seil oder ein gebrochener Haken konnten über Leben oder Tod entscheiden.

Dominikus Salt erfüllte seine Aufgabe als Bergwachtleiter seit vielen Jahren zuverlässig. Er war bei jedem Einsatz dabei, ebenso wie sein guter Spezl und Duzfreund Dr. Martin Burger, der Bergdoktor von St. Christoph. Die beiden Mannsbilder vertrauten einander blind und hatten schon unzählige Rettungseinsätze gemeinsam erfolgreich hinter sich gebracht.

An diesem sonnigen Märztag war der Salt nun damit beschäftigt, die Ausrüstungen zu prüfen. Und dabei dachte er an den Beginn der neuen Kraxelsaison in ein paar Wochen. Dann würden er und Martin Burger wieder gemeinsame Touren unternehmen, denn sie waren beide auch in ihrer Freizeit passionierte Kraxler.

Bei diesem Gedanken erhellte ein schmales Lächeln die Miene des Mannes. Wie sehr liebte er das Kraxeln, wie genoss er es, sich immer wieder in der großartigen Majestät der Tiroler Alpen selbst zu beweisen, eins zu werden mit der Natur und sich ganz frei und glücklich zu fühlen!

Als er gerade damit beschäftigt war, die Seile auf Festigkeit und Verschleißspuren zu prüfen, wurde von draußen an die Tür geklopft. Das Büro der Bergwacht befand sich im Tal, am Fuße des Feldkopfs, des höchsten Berges von St. Christoph. Eigentlich gab es hier keinen Publikumsverkehr, aber ein jeder wusste, wo der Salt saß. Und wenn die Bergwacht gebraucht wurde, kam auch manchmal jemand vorbei, um Bescheid zu sagen.

„Nur herein!“, rief Dominikus.

Er legte die Seile beiseite und wandte sich der Tür zu, durch die nun ein recht seltsamer Besucher eintrat. Der Salt stutzte. Kannte er den Mann? Er überlegte, denn irgendwie erschien dieser ihm schon vertraut, auch wenn seine Erscheinung sehr ungewöhnlich war.

Er war groß und hatte ein breites Kreuz. Auf seinem Schädel wuchs struppiges graues Haar, das lange keine Schere mehr gesehen hatte. Sein grauer Rauschebart hätte dem heiligen Nikolaus zur Ehre gereicht. Sein Gesicht war gerötet, die tiefblauen Augen blickten den Salt misstrauisch an.

Der Mann trug alte Wetterkleidung, fadenscheinig und schmutzig. Es waren mehrere Schichten übereinander, was seine Erscheinung noch imposanter wirken ließ. Über einem dicken Wollpulli trug er eine Strickjacke, darüber einen Janker und noch einen Wetterponcho aus gewachster Baumwolle.

Die Cordhose steckte in derben Lederstiefeln mit schief gelaufenen Absätzen. Die Hände verschwanden in großen Handschuhen aus Leder. Auf dem Kopf saß eine grob gestrickte Mütze. Und auf dem Buckel trug er einen großen, alten Rucksack.

Er brachte den Geruch der frischen Luft mit, gemischt mit dem Aroma von Fichtennadeln, Moos und Baumrinde. Es schien, als komme er direkt aus dem Wald.

„Grüß dich“, sagte der Salt freundlich. „Was kann ich für dich tun? Magst du dich vielleicht setzen? Ein Haferl Kaffee?“

„Da sag ich net Nein“, meinte der Mann und ließ sich auf einem Stuhl nieder. Er nahm den Rucksack ab und streckte die langen Beine aus.

Dominikus reichte ihm den Kaffee.

„Nun, wo fehlt es?“

Der Besucher nahm einen langen Schluck, seufzte dann wohlig und bedachte sein Gegenüber mit einem fragenden Blick.

„Ich nehme es dir net übel, Nickel, dass du mich nimmer kennst. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Und ich hab mich ja auch net eben zu meinem Vorteil verändert.“

Nickel? Der Salt stutzte. So hatte ihn lange keiner mehr genannt. Genau genommen, hatte es nur einen Menschen gegeben, der ihn mit diesem wenig geliebten Spitznamen hatte anreden dürfen, ohne dass er ärgerlich geworden wäre.

Er war ein guter Spezl, ein ebenso versierter Kraxler wie er selbst, ein paar Jahre älter als der Salt, Großbauer, Familienvater und hoch geschätztes Mitglied in der Dorfgemeinschaft von St. Christoph. Aber das konnte doch unmöglich …

„Vinzenz, bist du es?“, sprach der Bergwachtleiter seinen Gedanken laut aus.

Sein Besucher nickte anerkennend.

„Du hast ein gutes Gedächtnis.“

„Aber wie … aber was …“ Dominikus Salt schluckte und schwieg betroffen. Lange hatte er nicht mehr an Vinzenz Kroneder gedacht. Und auch nicht an das, was vor zehn Jahren geschehen war und dafür gesorgt hatte, dass sein Spezl von einem Tag auf den anderen von der Bildfläche verschwunden war. Sozusagen auf Nimmerwiedersehen.

Damals war Vinzenz Kroneder ein glücklicher Mann gewesen. Der Herr auf einem der schönsten und größten Höfe im Tal, mit der hübschen Marie verheiratet und Vater von drei wohlgeratenen Kindern. Seine Freizeit hatte der fleißige, umtriebige Großbauer in den Bergen verbracht. Er war einer der besten Kraxler gewesen, die Dominikus kannte.

Im eigenen Revier hatte er jeden Herbst eine Hirschjagd ausgerichtet, bei der auch der Baron von Brauneck nicht gefehlt hatte. Als seine beiden Buben älter geworden waren, hatten sie ihn zu ausgiebigen Kraxeltouren begleitet. Das Glück schien Vinzenz Kroneder stets hold zu sein. Doch dann hatte sich von einem auf den anderen Tag alles geändert.

Dominikus erinnerte sich noch gut an den trüben Spätherbsttag, als das Unglück geschehen war. Vinzenz war mit seinen Söhnen Stefan und Oliver an der Westwand des Feldkopfs gekraxelt. Ein Haken war gebrochen und der ältere Kroneder über hundert Meter tief in die Klamm gestürzt.

Der Unfall war sogar polizeilich untersucht worden, darauf hatte Vinzenz bestanden. Er konnte nicht begreifen, wie es dazu hatte kommen können, und suchte nach einem Schuldigen, den es nicht gegeben hatte.

Die Polizei war zu dem gleichen Ergebnis gekommen wie Dominikus: Der Grund für den tödlichen Sturz war schlicht und ergreifend ein Materialfehler gewesen. Niemand konnte etwas dafür, es war ein tragisches Unglück, aber eben ein Unglück.

Lange hatte der Bauer mit dieser Tatsache gehadert und konnte sie nicht akzeptieren. Er hatte sich selbst die Schuld gegeben und war unzugänglich und verbittert geworden. In seinem Schmerz hatte er niemanden mehr an sich herangelassen und nicht gemerkt, dass seine Frau ebenso gelitten hatte wie er selbst. Erst als Marie kaum ein halbes Jahr später an einem plötzlichen Herzstillstand gestorben war, hatte er das begriffen. Aber da war es zu spät gewesen.

Vinzenz Kroneder, der vom Glück begünstigte Erfolgsmensch, war in ein tiefes Loch aus Verzweiflung, Trauer und Schmerz gestürzt.

Er hatte versucht, diese Gefühle, die ihn innerlich aufgefressen hatten, mit Alkohol zu betäuben. Nur wenn er einen schweren Rausch gehabt hatte, war er für kurze Zeit ins gnädige Vergessen abgeglitten. Doch diese Phasen hatten ihm die Zeit dazwischen nicht erträglicher gemacht, im Gegenteil. Er hatte getobt, geschrien oder lethargisch im Bett gelegen und war nicht ansprechbar und kaum noch bei Sinnen gewesen.

Oliver, damals erst Anfang zwanzig, hätte seinen Rat gebraucht und seine Unterstützung. Er hatte ja Mutter und Bruder verloren und mit Schmerz und Trauer gekämpft. Die Hofleitung hatte unvermittelt in seinen Händen gelegen, denn der Vater hatte sich um nichts mehr gekümmert.

Seine Schwester Barbara war erst elf Jahre alt gewesen, ein verstörtes, verlassenes Kind, das Halt beim Bruder gesucht hatte. Wie sollte er, selbst kaum erwachsen, all das leisten?

Immer häufiger war es zu Streit und Unfrieden zwischen Vater und Sohn und sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen.

Und dann war Vinzenz Kroneder plötzlich verschwunden gewesen, sozusagen über Nacht. Er hatte nur einen knappen Brief für Oliver hinterlassen, in dem er ihm den Hof und seinen gesamten Besitz überschrieben hatte. Zehn Jahre war das nun her, niemand hatte mehr etwas gesehen oder gehört von dem Mann, der nun vor Dominikus Salt saß.

„Wir dachten, du hättest … ich mein … du wärst …“

„Ich wär tot und begraben, sag es nur, Nickel. Und es hat ja auch nahegelegen.“ Der Kroneder strich sich über den Bart. „Wie oft hab ich dran gedacht, Schluss zu machen mit diesem erbärmlichen Abklatsch meines Lebens. Wie oft … Aber der liebe Herrgott hatte was dagegen. Er hat mich am Leben gehalten.“ Der ehemalige Bauer seufzte tief. „Trotzdem geht’s jetzt wohl mit mir zu Ende. Ich brauch Hilfe, Nickel. Deshalb bin ich zurückgekommen. Ist der Doktor Burger noch da?“

„Freilich. Bist du krank?“

Vinzenz nickte und erhob sich.

„Ich brauch einen Doktor. Auch wenn’s vermutlich nimmer viel helfen wird. Aber es gibt nur einen, dem ich noch vertraue, unserem Bergdoktor.“

***

Dr. Martin Burger lebte und praktizierte im Doktorhaus in der Kirchgasse von St. Christoph. Das Haus war vor mehr als fünf Jahrzehnten von seinem Vater Pankraz im Gebirgsstil gebaut worden.

Nach dem frühen Tod von Martins Mutter war Zenzi Bachhuber ins Doktorhaus gekommen. Die fleißige Wirtschafterin war bald zur Ersatzmutter für den erst elfjährigen Buben geworden und zur moralischen Stütze für den Witwer, der lange unter dem Verlust der geliebten Frau gelitten hatte.

Nach Schule und Studium hatte Martin Burger als Assistenzarzt im Spital von Schwaz gearbeitet und seine Jugendliebe Christl geheiratet. Doch die junge Ehe hatte unter keinem guten Stern gestanden. Nach nur einem Jahr war Christl im Kindbett an unvorhergesehenen Komplikationen gestorben und hatte das Kleine mit sich zu den Engeln genommen.

Dieser schwere Verlust hatte den jungen Doktor in eine Lebenskrise gestürzt. Martin hatte sogar das Zillertal verlassen und einige Jahre in der Fremde gelebt und gearbeitet, um sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden und seinen Beruf weiter ausüben zu können.

Schließlich hatte das Heimweh ihn aber in sein Heimattal zurückgeführt. Und mit Sabine, seiner zweiten Frau, hatte er ein neues Glück gefunden. Die beiden führten eine sehr harmonische Ehe, die von drei munteren Kindern gekrönt wurde. Da waren das achtjährige Schulmadel Tessa, ihr drei Jahre jüngerer Bruder Philipp, der Filli gerufen wurde, und das Nesthäkchen der Burgers, die zweijährige Laura.

So herrschte im Doktorhaus das bunte Leben mit all seinen großen und kleinen Alltagsdramen. Pankraz, mittlerweile im wohlverdienten Ruhestand, genoss es, im Schoße der Familie seine Tage zu verbringen und zugleich als ihr ruhender Pol und geschätzter Ratgeber für seinen Sohn ihr Mittelpunkt zu sein.

An diesem sonnigen Märztag hatte der Senior eben eine Runde mit Familiendackel Poldi gedreht und war gerade auf dem Heimweg, als er den Geländewagen des Bergwachtleiters vor dem Doktorhaus stehen sah. Ob wohl etwas passiert war?

Wenn Dominikus Salt den Martin besuchte, dann gab es dafür eigentlich nur zwei mögliche Gründe: Entweder befand sich jemand in Bergnot, und die Hilfe des Bergdoktors wurde bei einem Einsatz der Bergwacht benötigt. Oder aber die beiden Spezln planten eine gemeinsame Klettertour.

Für Letzteres war es allerdings noch ein wenig zu früh im Jahr, weshalb Pankraz vermutete, dass es einen medizinischen Notfall gab.

Er betrat das Haus und ging in die Küche, wo Zenzi damit beschäftigt war, den Teig für einen Zwetschgendatschi zu kneten. Pankraz blickte begehrlich auf die beiden Gläser mit eingelegten, saftigen dunkelblauen Zwetschgen, hütete sich aber, eine zu stibitzen, denn das mochte die Hauserin gar nicht.

Es mit Zenzi zu verderben, darauf wäre der alte Doktor niemals gekommen. Schließlich hatte er sie sehr gern, und er liebte ihre bodenständige Küche und vor allem ihre Süßspeisen.

„Ich hol mir nur ein Haferl Kaffee, bemüh dich net“, meinte er freundlich und bediente sich.

Zenzi sagte nichts und beschäftigte sich intensiv mit ihrer Arbeit. Pankraz ließ sich auf der Eckbank nieder.

„Was will denn der Salt hier?“, fragte er. „Hast du was mitbekommen?“

Auf diese Frage schien die Wirtschafterin gewartet zu haben, denn sie bedachte Pankraz mit einem vielsagenden Blick.

„Es ist etwas Unglaubliches passiert: Vinzenz Kroneder ist wieder in St. Christoph!“, ließ sie ihn wissen.

„Was? Der Vinzenz …“ Pankraz schüttelte den Kopf. „Aber der ist doch schon seit über zehn Jahren verschwunden. Er lebt also noch? Wie seltsam. Damit hätte ich fei net gerechnet.“

„Das hat keiner. Und ehrlich gesagt, wenn ich dem auf der Straße begegnet wär, dann hätte ich die Beine in die Hand genommen. Wie der jetzt ausschaut! Brrr, zum Fürchten!“

„Was ist denn los mit ihm?“

Zenzi beschrieb das Äußere des Besuchers ausführlich.

„Ich hab dem Salt aufgemacht“, erzählte sie dann. „Er hat bei uns geläutet, net drüben in der Praxis, deshalb dachte ich, es wäre ein privater Besuch. Aber er sagte, dass der Kroneder zum Doktor will. Er soll krank sein.“

„Hat der Dominikus ihn denn irgendwo getroffen?“

„Keine Ahnung. Ich hab dem Doktor Bescheid gesagt. Und der hat die beiden mit in die Praxis genommen.“

Dominikus Salt saß derweil im Wartezimmer, während Vinzenz Kroneder von Dr. Burger gründlich untersucht wurde. Toni Angerer, der Ortsvorstand von St. Christoph, hatte an diesem Tag einen Termin beim Bergdoktor, weil ihm sein Rücken mal wieder zu schaffen machte. Doch seine Schmerzen hatte er rasch vergessen, als der Salt ihm von Vinzenz Kroneders unerwarteter Rückkehr nach St. Christoph erzählte.

„Wo ist er denn gewesen, all die Jahre? Sei mir net bös, Dominikus, aber ausschauen tut er wie ein Landstreicher.“