Der Bergdoktor 2073 - Heimatroman - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor 2073 - Heimatroman E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Der tragische Tod der jungen Hoftochter Loni Beilhuber vor einem Jahr hat ganz St. Christoph tief erschüttert. Wie konnte es geschehen, dass sie nach einem Sturz in den Wildbach ihr junges Leben verlor? Und welche undurchsichtige Rolle spielte Lukas Reiter dabei, der Mann, den sie liebte und unbedingt heiraten wollte? Er war dabei, als es geschah! Konnte er das schreckliche Unglück nicht verhindern - oder wollte er es etwa gar nicht? Fragen über Fragen, die im Dorf immer noch für Unruhe sorgen. Als Lukas nach einem Jahr Aufenthalt im Südtiroler Dolomitendorf Kastelruth in seine Heimat zurückkehrt, um einen Neuanfang zu wagen, stößt er auf Ablehnung und tiefes Misstrauen. In seiner Verzweiflung sucht er Zuflucht bei Benno Gassner, dem letzten wahren Freund, der ihm geblieben ist ...

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Seitenzahl: 107

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Inhalt

Cover

Der letzte Freund

Vorschau

Impressum

Der letzte Freund

In schlechten Zeiten zeigt sich, auf wen man sich verlassen kann

Von Andreas Kufsteiner

Der tragische Tod der jungen Hoftochter Loni Beilhuber vor einem Jahr hat ganz St. Christoph tief erschüttert. Wie konnte es geschehen, dass sie nach einem Sturz in den Wildbach ihr junges Leben verlor? Und welche undurchsichtige Rolle spielte Lukas Reiter dabei, der Mann, den sie liebte und unbedingt heiraten wollte? Er war dabei, als es geschah! Konnte er das schreckliche Unglück nicht verhindern – oder wollte er es etwa gar nicht?

Fragen über Fragen, die im Dorf immer noch für Unruhe und Tratsch sorgen.

Als Lukas nach einem Jahr Aufenthalt im Südtiroler Dolomitendorf Kastelruth in seine Heimat zurückkehrt, um einen Neuanfang zu wagen, stößt er auf Ablehnung und tiefes Misstrauen. In seiner Verzweiflung sucht er Zuflucht bei Benno Gassner, dem letzten wahren Freund, der ihm geblieben ist ...

»Du kommst spät«, sagte Benno Gassner und öffnete die Tür so weit, dass der Abendwind den Duft der unzähligen Heckenrosen hereinwehte, die jedes Jahr ab Mitte Mai rund um den Gassner-Hof blühten. »Herein mit dir, Lukas. Ich hatte dich eigentlich schon mittags erwartet. Warum hast du net angerufen und Bescheid gesagt?«

»Ich hab einfach nicht daran gedacht«, erwiderte Lukas. »Das ist schwer zu glauben, es stimmt aber. Ich hab unterwegs angehalten und bin ziellos durch die Gegend gelaufen. Es war kurz vor dem Brennerpass im Eisacktal. Mir schwirrte der Kopf. Ich war mal wieder in Gedanken versunken. Und zwar leider in sehr ungute Gedanken. Alles, was war und was noch sein könnte, stand auf einmal vor mir wie eine hohe Mauer, die sich drohend vor mir aufbaute. Kann man über so eine Mauer klettern? Vielleicht. Ich weiß aber nicht, ob ich das schaffe.«

»Du hast dich aus freien Stücken entschieden, wieder heimzukommen«, meinte Benno ermunternd. »Und das ist gut so. Die Leute im Dorf sollen es sich hinter die Ohren schreiben, dass du hierher gehörst. Falls noch jemand Lügen über dich verbreitet, dann lass dich dadurch net aus der Ruhe bringen. Zeig einfach, dass dummes Geschwätz und unwahre Behauptungen an dir abprallen. Du bist ehrlich und geradlinig, und du hast ein Recht darauf, in deiner Heimat zu leben. Und denk immer daran, dass du ja nicht allein bist.«

Lukas nickte. »Das ist wahr. Ein paar Leut gibt es zum Glück immer noch, die sich net von mir abwenden und mit denen ich reden kann. Echte Sympathie ist das freilich nicht, trotzdem ist es besser als gar nichts. Aber du bist da, das ist die Hauptsache. Als mein bester Freund hast du mich nie im Stich gelassen.«

»Umgekehrt genauso. Wir haben uns gegenseitig immer die Stange gehalten. Daran ändert sich auch nichts«, bekräftigte Benno. »Du kannst dich auf mich verlassen.«

»Ich weiß«, bekräftigte Lukas. »Aber unterwegs war mir auf einmal ziemlich mulmig zumute, ich hatte Bedenken und Zweifel an meiner Entscheidung. Am liebsten wäre ich umgekehrt und zurück nach Kastelruth gefahren. Aber das war natürlich ein unsinniger Gedanke, denn auf dem Almhof Magreiner hab ich sowohl meine Stellung als auch die Wohnung gekündigt. Das hab ich dir ja eh schon mitgeteilt, Benno.«

»Dass du jetzt hier bist, ist völlig richtig«, beharrte Benno. »Komm, wir setzen uns an den Tisch. Ich hab mit dem Nachtmahl auf dich gewartet. Die Emmi hat einen Auflauf ins Rohr geschoben, ich soll dir Grüße ausrichten. Sie geht ja immer gegen halb sieben abends heim.«

»Und deine Sanna?«, wollte Lukas Reiter wissen. »Wie steht es denn zwischen euch?«

»Mal so, mal so«, seufzte Benno. »Klar sind wir verliebt ineinander, aber es gibt auch einige Probleme. Sie will derzeit noch net weg aus Salzburg. Es wäre auch eine große Umstellung für sie, hierher umzuziehen. Und dann ist da ja auch noch das schöne, große Trachtengeschäft ihrer Eltern, aus dem Sanna und ihre Schwester eigentlich gar nicht wegzudenken sind. Die beiden Dirndl-Feen sind sozusagen das Aushängeschild des Familienunternehmens. Die Kundschaft gibt sich die Klinke in die Hand.«

»Aber wenn es zwischen euch die wahre Liebe ist, muss es doch eine Lösung geben«, meinte Lukas.

Benno nahm unter erneutem Seufzen den Auflauf aus dem Backrohr, der verlockend duftete.

»Liebe ist es ganz bestimmt, aber was nützt das alles, wenn Sanna unsicher ist und sich auf Dauer net auf dem Hof wohlfühlt? Ich will sie ja net überreden, sie muss schon aus freien Stücken bereit sein, bei mir zu bleiben. Wir sehen uns nicht allzu oft, meistens nur an den Wochenenden. Dann kommt sie her. Zwar ist sie immer ganz glücklich und schwärmt von der herrlichen Bergwelt, aber ich merke ihr an, dass sie sich trotzdem schwer tut mit einer Entscheidung. Ich und der Hof? Oder ihr angenehmes Leben in Salzburg und das Geschäft? Vielleicht müssen wir uns beide noch Zeit lassen. Ich dränge sie net, sie soll in Ruhe nachdenken. Ein Mann möchte doch nur das Beste für die Frau, die er liebt. Ich übe keinen Druck auf Sanna aus. Nur so kann ich ihr Herz wirklich gewinnen. Und darauf kommt es an.«

»Womit du recht hast«, gab Lukas zu. »Freie Entscheidungen sind das A und O. Sobald man sich bedrängt fühlt, läuft gar nix mehr. Es gibt nichts Schlimmeres, als in die Enge getrieben zu werden.«

Benno nickte zustimmend und öffnete eine Flasche Weißwein.

Zu dem mit Almkäse überbackenen Auflauf passte ein leichter, spitziger Veltliner am besten. Im Hause Gassner stand immer eine gut gekühlte Flasche dieses guten Tropfens bereit.

»Ich verstehe sehr gut, wie dir zumute war, Lukas.« Benno häufte als guter Gastgeber eine ansehnliche Portion auf den Teller seines Freundes. »Vor mehr als einem Jahr, als du geknickt und ratlos hier am Tisch gesessen hast, bist du dir vorgekommen wie in einer Falle. Aber sicher möchtest du jetzt net darüber reden. Es ist ja vorbei.«

»Doch, ich will darüber reden«, widersprach Lukas. »Weil mich das alles immer noch umtreibt. Niemand kann mir dazu verhelfen, nachts wieder ruhig zu schlafen. Ich habe schwere Träume und wache mit einem Ruck auf. Dann klopft mir das Herz bis zum Hals, und ich sehe Loni in ihrem weißen Kleid vor mir, ihr Haar, aus dem das Wasser tropft. Die schreckliche Szene am Wildbach wird dann vor meinem inneren Auge wieder lebendig. Es ist nicht vorbei, Benno, weil es so schwer für mich ist, die Tragödie wenigstens ein bisschen aus meiner Erinnerung zu verdrängen. Nur wenige Leute im Dorf haben geglaubt, dass ich an Lonis Tod unschuldig bin. Loni war für die Leute ein liebes, nettes Madel, eine Rose, die ich gebrochen habe. Dass sie auch andere Seiten hatte, wusste niemand. Ich wurde als schuldig angesehen. Loni wollte mich an den Pranger stellen. Das hat sie geschafft.«

»Sag es doch, wie es ist, Lukas. Sie wollte immer ihren Willen durchsetzen. Berechnend war sie außerdem. Klar, wenn man sie nicht so gut kannte wie du, dann ahnte man nicht, wozu sie fähig war.«

»Sie schaffte es sogar, ihre Eltern und viele Leute im Dorf zu täuschen, Benno. Wenn Loni lächelte, dann glaubten alle, dass die Sonne aufging«, erwiderte Lukas. »Aber das, was sich hinter ihrem Lächeln versteckte, bemerkten die Leute nicht. Dass sie hinterhältige Gedanken hatte und dass sie manchmal vor Wut ausrastete, wenn etwas nicht nach ihren Wünschen erlief, konnte sie sehr geschickt verbergen. Manchmal hatte ich allerdings den Eindruck, dass Andreas, ihr Bruder, sie durchschaute. Aber sie war nun mal seine Schwester. Die nette, quirlige Loni, vier Jahre jünger als er. Und er war der große Bruder, der sie beschützen musste. Deshalb hielt er den Mund.«

»Ich denke, dass wir heute Abend das Thema fallen lassen«, schlug Benno vor. »Es bringt eh nichts, ständig über Loni zu reden. Warum sollst du dir dauernd das Leben schwer machen, obwohl dich keine Schuld an ihrem Tod trifft? Es war ein Unfall, ein tragisches Unglück. Und du hast gar keine Chance gehabt, es zu verhindern. Es gab auch keine Möglichkeit für dich, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Was Loni im Dorf herumerzählt hat, konntest du nicht widerlegen, jedenfalls nicht auf die Schnelle. Sie allein hätte alles wieder zurechtrücken können. Aber das wollte sie gar nicht.«

Lukas nickte. »Ja, Benno, du hast recht. Es regt mich zu sehr auf, wenn ich daran zurückdenke. Loni hat noch nach ihrem Tod Rache an mir genommen. Sie hat es geschafft, mich als ehrlos hinzustellen, als einen Mann, der sie schnöde verlassen wollte. Aber ich muss mich behaupten und nach vorn schauen. Eine andere Wahl bleibt mir eh net.«

Lukas schien keinen Appetit zu haben. Geistesabwesend stocherte er auf seinem Teller herum.

Schade! Der Auflauf schmeckte nämlich großartig. Emmi, die Hauserin, hatte sich wieder große Mühe gegeben. Wie immer übrigens, wenn sie am Herd stand.

Seitdem das Ehepaar Gassner nach Kärnten zu seiner Tochter Katrin, Bennos zwei Jahre älterer Schwester, umgesiedelt war, um damit auch den fröhlichen Zwillings-Enkelkindern nahe zu sein, kochte die Emmi täglich. Denn Bennos Mutter fiel ja nun als Köchin aus.

Wenn die stets gut gelaunte Hauserin am Wochenende frei hatte, ging Benno entweder im Gasthof »Zum Ochsen« essen oder er schwang selbst den Kochlöffel. Auch Hannes, der langjährige Mitarbeiter auf dem Hof, stellte sich gern an den Herd. Mit Begeisterung rührten die »Hobbyköche« gemeinsam etwas zusammen, ihr »Würziger Almtopf nach Art des Hauses« war inzwischen schon legendär.

Falls Sanna aus Salzburg am Wochenende zu Besuch auf dem Hof war, zauberten die drei als Team schmackhafte Genüsse, natürlich immer etwas Besonderes, weil sie sich auf keinen Fall mit einfachen Brotsüppchen zufrieden gaben. Suppen waren etwas für den Alltag, nicht aber fürs Wochenende.

So gesehen, ging es auf dem Gassner-Hof ausgesprochen harmonisch zu.

***

Ich gönne es Benno wirklich, dass er im Großen und Ganzen zufrieden ist, er hat nur das Beste verdient, ging es Lukas durch den Kopf.

Er wünschte seinem Freund aufrichtig, dass Sanna sich bald endgültig für ihn und das Leben in St. Christoph entschied, und zwar aus Liebe – und nur als Liebe.

Einen besseren Mann als Benno, den blonden, ehrlichen und charakterstarken Bergbauern mit den stahlblauen Augen, konnte die fesche Salzburgerin doch gar nicht finden!

»Hast du keinen Hunger? Aber ein Glas Wein wirst du doch wohl noch trinken«, unterbrach Benno die Gedankengänge seines Freundes. »Übrigens, ich hab dir das Zimmer neben dem Wintergarten hergerichtet.«

»Das muss net sein, Benno«, warf Lukas ein. »Es ist höchste Zeit, dass ich mich um mein Haus am Wald kümmere. Ich wette, dass es eine Weile dauernd wird, bis ich alles wieder ordentlich hergerichtet habe.«

»Klar, das versteht sich von selbst«, gab Benno zu. »Du warst ein Jahr nicht daheim, und dein Häusl ist ein bisschen im Dornröschchenschlaf versunken. Ich hab zwar nach dem Rechten gesehen, aber für alles Weitere bist jetzt du zuständig. Trotzdem wäre es gut für dich, wenn du ein paar Tage hierbleiben würdest. Du musst dich erst mal wieder zurechtfinden.«

»Na ja, Benno, wenn du meinst ...« Lukas zögerte.

»Und ob ich das meine! Wir haben ja viel Platz bei uns, manchmal ist es mir fast zu einsam. Ich hoffe wirklich sehr, dass Sanna bald herkommt und nicht mehr fortgeht. Das wäre mein schönstes Geschenk. Aber ich muss Geduld haben, das hab ich ja vorhin schon gesagt. Derzeit wohnt außer mir nur Hannes hier im Haus und natürlich Burschi, mein Hund.«

»Ach ja, der Burschi. Wo sind denn die beiden?«

Benno lachte. »Beim Hundetraining! Hannes hat sich angeboten, unserem vierbeinigen Mitbewohner ein paar Manieren beizubringen. Abends fährt er mit ihm zweimal die Woche nach Mayrhofen, da gibt's ein Trainingsprogramm vom Tierschutzbund. Und anschließend, wenn sie wieder im Dorf sind, kehren die beiden noch im ›Ochsen‹ ein. Ein Bier für Hannes, Wasser und ein Würstl für Burschi. So läuft das ab. Es klappt echt gut.«

»Ich kenn den Burschi ja nur von den Bildern, die du mir aufs Smartphone geschickt hast«, sagte Lukas. »Nettes Kerlchen und noch ein junger Spund, net mal kein Jahr alt. Du hast ihn zu dir geholt, nachdem ich die Stelle in Kastelruth angetreten hatte. Aber ich weiß immer noch nicht, ob er mehr ein großer Pudel oder ein Labrador ist.«

»Beides«, schmunzelte Benno. »Halb und halb ergibt einen sogenannten Labradoodle. Die Rasse ist vor ein paar Jahren neu gezüchtet worden. Burschi ist einerseits so gewitzt und schlau wie ein Großpudel und hat andererseits tolle Eigenschaften wie Treue, Wachsamkeit – und obendrein eine ganze Menge Energie. Aber woher er seinen Hang zum Spielen und Schmusen hat, weiß ich net. Er ist tieftraurig, wenn man ihm net dauernd zeigt, dass man ihn herzlich gern hat.«

»Dann bin ich ja mal gespannt, wie er sich mir gegenüber benimmt«, meinte Lukas. »Hast du mir net mal gesagt, dass er eigentlich anders heißt?«