Der Bergdoktor - Folge 1771 - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor - Folge 1771 E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Hubert Bertramer kommt aus München und ist das, was man ein gestandenes Mannsbild nennt, groß, kernig und strotzend vor Selbstbewusstsein. Jedenfalls denken das alle, die ihn zum ersten Mal sehen. Tatsächlich hat Huberts Selbstbewusstsein kürzlich einen argen Dämpfer bekommen, denn seine Freundin hat ihn wegen eines reichen Geschäftsmanns verlassen. Um über diese Enttäuschung hinwegzukommen, flüchtet er aus München ins weltabgeschiedene St. Christoph und findet beim Bauunternehmer Leopold Manzinger schnell Arbeit. Sein neuer Chef soll zwar ein aufbrausender Choleriker sein und vor allem, wenn's um seine hübsche Tochter geht, keinen Spaß verstehen, aber das stört Hubert nicht. Er ist immun gegen die Verlockungen der holden Weiblichkeit. So denkt er - bis er die süße Amelie Manzinger zum ersten Mal sieht und sie ihm ein Lächeln schenkt ...

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Inhalt

Cover

Impressum

Ein Bayer im Zillertal

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-1661-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Ein Bayer im Zillertal

… verdreht der schönen Amelie gehörig den Kopf

Von Andreas Kufsteiner

Hubert Bertramer kommt aus München und ist das, was man ein gestandenes Mannsbild nennt, groß, kernig und strotzend vor Selbstbewusstsein. Jedenfalls denken das alle, die ihn zum ersten Mal sehen. Tatsächlich hat Huberts Selbstbewusstsein kürzlich einen argen Dämpfer bekommen, denn seine Freundin hat ihn wegen eines reichen Geschäftsmanns verlassen. Um über diese Enttäuschung hinwegzukommen, flüchtet er aus München ins weltabgeschiedene St. Christoph und findet beim Bauunternehmer Leopold Manzinger schnell Arbeit. Sein neuer Chef soll zwar ein aufbrausender Choleriker sein und vor allem, wenn’s um seine hübsche Tochter geht, keinen Spaß verstehen, aber das stört Hubert nicht. Er ist immun gegen die Verlockungen der holden Weiblichkeit. So denkt er – bis er die süße Amelie Manzinger zum ersten Mal sieht und sie ihm ein Lächeln schenkt …

Tief zog Hubert Bertramer die klare Bergluft ein, die ihm der laue Wind durch das offene Fenster der Zillertaler Schmalspurbahn zufächelte. Er hätte nicht gedacht, dass er die Fahrt in dem nostalgischen Zug, der in den Sommermonaten zwischen Jenbach und Mayrhofen verkehrte und im gemächlichen Tempo dahin zuckelte, so genießen würde.

Die Zillertal erprobten Großeltern hatten nicht zu viel versprochen, als sie ihn drängten, sich dieses Erlebnis nicht entgehen zu lassen. Dabei hatte er ursprünglich vorgehabt, mit dem Linienbus nach Mayrhofen weiterzufahren. So wäre er erheblich schneller ans Ziel gekommen als mit der schnaufenden Dampflok. Aber dann wäre ihm der wunderbare Einblick in das romantische Tal verwehrt gewesen, das ihm einen Sommer lang Heimat sein würde.

Hohe Berge mit bizarr geformten Gipfeln stachen schroff in den stahlblauen Himmel. Blühende Almwiesen bedeckten die Hänge, und sattgrüne Wälder zogen sich bis weit in die Felsen hinauf. Dazwischen trotzten Jahrhunderte alte Einödhöfe stolz Wind und Wetter, und Ausflugslokale mit wehenden, bunten Fahnen luden mit sonnigen Aussichtsterrassen zum Verweilen ein.

Hubert lächelte zufrieden. Er war zwar nicht gekommen, um Urlaub zu machen, sondern er wollte hier arbeiten. Trotzdem würde er jede freie Minute nutzen, um diese idyllische Gegend zu erkunden und die imposanten Bergriesen zu besteigen.

Er war Architekturstudent und hatte schon so manches Praktikum in großen Architekturbüros hinter sich gebracht. Doch das genügte ihm nicht. Er wollte sein Metier von der Pike auf erlernen, und dazu gehörte auch, dass er Einblick ins Maurerhandwerk und Bauwesen nahm. Auch sein Vater hatte auf dem Bau Erfahrungen gesammelt und war heute eine Koryphäe der Architektur.

Doch gerade das machte es Hubert unmöglich, aus eigener Kraft einen Ausbildungsplatz in seiner Heimatstadt München oder Umgebung zu finden. Klar, der Name seines alten Herrn hätte ihm Tür und Tor geöffnet, doch Hubert wollte nicht protegiert werden, sondern einzig aufgrund seiner Leistung Lob und Erfolg einheimsen.

Leopold Manzinger, ein in Mayrhofen ansässiger Bauunternehmer, ahnte jedenfalls nicht, wer sein Praktikant wirklich war. Als Hubert sich bei dem Mann um das viermonatige Praktikum beworben hatte, war er bei dem Namen »Bertramer« nicht stutzig geworden.

Sie hatten ihr Ziel erreicht, und der Zug kam schnaufend am Bahnsteig von Mayrhofen zum Stehen. Hubert angelte den Trekkingrucksack mit seinen Habseligkeiten vom Gepäcknetz und marschierte zum hinteren Ausstieg. Dort verharrte er auf der Aussichtsplattform und ließ noch einen Moment die Idylle der schönen Landschaft auf sich wirken, bevor er sich in den Trubel stürzen wollte.

Das ehemalige Bergsteigerdorf Mayrhofen war längst zu einer bekannten Marktgemeinde mutiert und von den Touristen umschwärmt. Hier tummelte sich ein buntes Völkchen verschiedener Nationen, und die Luft war erfüllt vom Schwatzen und Lachen der Menschen, untermalt vom Hupen ungeduldiger Autofahrer, die mit ihren Fahrzeugen in der Menge nur mühsam vorankamen.

Unvermittelt spürte Hubert einen heftigen Stoß im Rücken, und eine mürrische Stimme knurrte: »Willst du hier Wurzeln schlagen, Bursche?«

Erstaunt blickte Hubert auf einen kleinen Mann, der ihn ärgerlich anfunkelte. Just dieser Fremde hatte noch vor wenigen Minuten einem Mitreisenden einen Vortrag über die Hektik der modernen Zeit gehalten, der man in dem nostalgischen Zug auf wundersame Weise entfliehen konnte. Aus diesem Grund würde er auch des Öfteren mit der romantischen Schmalspurbahn von seinem Arbeitsplatz in Zell am Ziller nach Hause fahren.

»Gut Ding will Weile haben«, antwortete Hubert gleichmütig, ohne einen Deut zur Seite zu weichen. Zwar störte es ihn wenig, wenn man ihn einfach duzte. Trotz seiner kräftigen, hoch gewachsenen Gestalt wirkte er jünger als fünfundzwanzig. Aber ihn einfach anzurempeln, das ging zu weit.

Er zog die Augenbrauen hoch und musterte den Fremden angelegentlich. »Haben Sie das net grad selbst gepredigt? Ich wollte mir Ihren Leitspruch zur Philosophie machen und mich erst mal gegen den Lärm wappnen, bevor ich mich ins Getümmel stürze.« Er grinste breit.

Jetzt glättete sich die Unmutsfalte auf der Stirn des Fremden. Burschikos klopfte er dem Münchner auf die Schulter.

»Hast ja recht. Nach der geruhsamen Fahrt ist der Lärm hier wie eine kalte Dusche. Normalerweise geht’s bei uns auch viel beschaulicher zu. Den Trubel haben wir nur dem schönen Bergfrühling zu verdanken, der dieses Jahr zahlreiche Wanderer anlockt, und dem Open-Air-Konzert, das morgen im Tuxertal stattfindet.« Er verdrehte die Augen. »Ich weiß gar net, wo die Leute noch unterkommen wollen. Mayrhofen platzt jetzt schon aus allen Nähten, net mal eine Badewanne ist mehr zu bekommen.« Er blickte seine Zufallsbekanntschaft argwöhnisch an. »Bist du auch wegen dem Spektakel hier?«

»Nein, ich …« Hubert stockte. Es musste schließlich nicht jeder gleich wissen, dass er hier arbeiten wollte. »Ich will mir das viel gepriesene Zillertal ansehen und ein bisserl Bergsteigen.«

Der Mayrhofener nickte bedächtig. »Viele Leute kommen wegen unseren Bergen her. Nirgends sonst findet man so unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Von der leichten Wanderung bis hin zu Kletterwänden, die selbst für einen guten Bergsteiger eine Herausforderung sind, ist alles vorhanden.« Er feixte. »Ich persönlich ziehe es zwar vor, einen Berg mit der Gondel zu erobern und die Landschaft bei einem Bier und einer leckeren Speckknödelsuppe von der Aussichtsterrasse einer Almhütte zu bewundern. Aber trotzdem viel Spaß.«

Er wollte sich schon abwenden, als er stutzte. »Ich hoffe nur, du hast dein Quartier schon gebucht. Sonst sieht’s düster aus.«

Als Hubert nicht gleich reagierte, wertete er dessen Schweigen als Antwort und reichte ihm seine Visitenkarte zu.

»Ruf mich an, falls du unter freiem Himmel übernachten musst, weil selbst die Heustadel belegt sind. Es gibt nix, was der Strobel net arrangieren kann.« Er nickte Hubert anerkennend zu. »Bist ein sympathischer Bursche und ein kluger obendrein. Gibt net viele, die mir so geschickt Kontra bieten wie du vorhin.«

Ehe Hubert sich versah, war der Mann das Trittbrett hinuntergesprungen und in der Menge verschwunden. Er schluckte verblüfft und studierte die Visitenkarte.

»Manfred Strobel, Autofachverkäufer«, stand da. Fast hätte Hubert laut gelacht. Diesen Beruf hätte er dem unscheinbaren Typen gar nicht zugetraut, er hatte ihn eher unter die Kategorie Buchhalter eingeordnet. Aber reden konnte der Mann, das musste man ihm lassen.

***

Wenig später studierte Hubert vergebens den Ortsplan von Mayrhofen. Er konnte die Straße, wo das Bauunternehmen Manzinger ansässig war, absolut nicht finden. Zu allem Übel mahnte das Schlagen der Kirchturmuhr zur Eile. Es war bereits fünf Uhr Nachmittag, und just zu diesem Zeitpunkt hätte er bei seinem neuen Chef vorstellig werden müssen.

Seufzend kratzte sich Hubert am Kopf. Vielleicht hätte er doch nicht die Bimmelbahn nehmen sollen. Die Verspätung zeugte bestimmt nicht von großer Zuverlässigkeit. Ratlos blickte er sich um, als ein Auto neben ihm hielt.

Es war Manfred Strobel, der ihn zu sich winkte.

»Du schaust gar so verloren drein«, meinte er grinsend. »Kann ich dich irgendwohin mitnehmen?«

»Ich weiß net«, antwortete Hubert und rieb sein Kinn. »Ich suche das Bauunternehmen Manzinger, kann aber auf dem verflixten Ortsplan die Straße net finden, wo die Firma ihren Sitz hat.«

»Die kennen auch nur Einheimische«, erwiderte Manfred. »Das Unternehmen befindet sich im Industriegebiet, ein Stück außerhalb von Mayrhofen.« Er klopfte auf den Beifahrersitz. »Komm, steig ein, es liegt auf meinem Weg. Zu Fuß ist es mit dem schweren Gepäck eine ziemliche Plackerei.«

»Danke, das ist sehr nett«, freute sich Hubert. Er verstaute hastig seinen Rucksack im Fond des Wagens und schwang sich neben dem Fahrer auf den Sitz.

»Was willst du denn dort?«, erkundigte sich Manfred neugierig, während er das Auto geschickt durch den Verkehr steuerte. Er legte den Kopf schief und musterte den jungen Burschen argwöhnisch. »Ich dachte, du wolltest hier Urlaub machen?«

»Ich will beim Manzinger ein Praktikum als Maurer absolvieren«, gab Hubert nun unumwunden zu.

Manfred nickte bedächtig. »Ja, er holt sich jedes Jahr Leute von überall her, weil’s hier an Arbeitskräfte für den Bau mangelt. Die Bergbauern verdienen sich zwar gern mal ein Zubrot, aber im Hochsommer haben sie genug damit zu tun, ihren Hof zu bestellen. Und die Jugend zieht’s eher ins Gastgewerbe, als auf dem Bau zu malochen.«

Er stieß Hubert burschikos in die Seite. »Mit dem Manzinger hast du’s net schlecht getroffen, Bursche. Er ist ein loyaler Chef, dem das Wohl seiner Leute am Herzen liegt. Ein bisserl poltrig zwar, so wie alle Choleriker, aber trotzdem eine Seele von Mensch.« Er hielt inne und beäugte skeptisch seinen Mitfahrer. »Wo kommst du eigentlich her?«

»Oh, ich hab mich noch gar net vorgestellt«, fiel Hubert ein. Er reichte dem Autoverkäufer die Hand. »Hubert Bertramer aus München.«

»Auweia, ein waschechter Bayer!«, entfuhr es Manfred überrascht, um sofort seine Meinung kundzutun. »Das sind mitunter ziemliche Sturköpfe, die sich net gern was sagen lassen. Ich hoffe, du gehörst net dazu. Sonst hast du doch einen schweren Stand beim Manzinger. So freundlich und umgänglich er auch ist, Widerreden liebt er gar net, auch wenn er net immer im Recht ist.«

Manfred verstummte und konzentrierte sich auf den Verkehr, während Hubert sich neugierig umsah. In einiger Entfernung entdeckte er ein einzelnes großes Gebäude am linken Straßenrand vor dem eine Reihe Baufahrzeuge standen. Er vermutete, dass dies sein Ziel war.

»Das ist das Unternehmen vom Manzinger«, erklärte Manfred, als er Huberts Blick bemerkte. »Die Firma gibt’s schon seit Generationen.« Er wandte den Kopf. »Ein guter Rat noch: Lass die Finger von der Amelie. Das ist die Tochter vom Manzinger, ungefähr in deinem Alter und bildhübsch. Aber was sein Madel betrifft, ist mit dem Leopold net gut Kirschen essen. Also, behalt deine Glupscher immer schön fest im Kopf!«

»Glupscher?«, echote Hubert begriffsstutzig.

»Stielaugen, du Hammel«, lachte der Autoverkäufer. »Die werden dir nämlich herausfallen, wenn du der Amelie begegnest. Es gibt kaum einen Burschen im weiten Umkreis, der bei ihrem Lächeln net dahinschmilzt.«

Hubert hob gleichmütig die Schultern. »Ich bin immun gegen jedes noch so verlockendes Lächeln der holden Weiblichkeit.«

Er hatte Sarah, seiner Freundin, vertraut, und dann hatte sie sich einen reichen Fabrikantensohn geangelt, statt sich mit einem armen Studenten abzugeben, wie er sie im Glauben gelassen hatte. Doch er weinte ihr keine Träne nach. Wenn man einen Menschen wirklich liebte, zählte nicht der schnöde Mammon, sondern allein ein warmes Herz und die Bereitschaft für den anderen durch Dick und Dünn zu gehen.

Allerdings war sein Selbstbewusstsein angeknackst, weshalb er sich geschworen hatte, vorläufig einen großen Bogen ums schwache Geschlecht zu machen.

»Net verlockend, einfach nur lieb«, stellte Manfred ein wenig verärgert richtig, weil Hubert die bezaubernde Amelie in eine Schublade steckte, ohne sie zu kennen. »Die Amelie ist ein Engerl, und denen kann man net lang widerstehen. Die rauben einem das Herzl, bevor man’s überhaupt merkt.« Er seufzte tief. »Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede. Meine Hanna war auch ein Engerl, als ich sie kennenlernte. Heute verliert sie manchmal schon ihren Heiligenschein und flucht derber als ein Kutscher. Aber sie hat’s halt auch net immer leicht mit mir.« Er grinste schief.

Hubert rollte die Augen. Bei einer solchen Quasselstrippe braucht’s schon eine Menge Gleichmut, um nicht den Humor zu verlieren, dachte er bei sich.

»Ich weiß schon, ich quassele zu viel«, meinte der Autoverkäufer selbstkritisch. Huberts genervtes Augenrollen war ihm nicht entgangen. Er hielt vor der Firma an und streckte dem Münchner die Hand hin. »Trotzdem würde ich mich freuen, wenn wir uns mal auf ein Bier treffen könnten. Meine Telefonnummer hast du ja.«

Hubert nickte erschöpft und drückte die Hand des Mannes. »Danke fürs Mitnehmen.«

Er stieg aus, holte seinen Rucksack vom Rücksitz und stapfte hastig davon, bevor Manfred noch etwas einfiel. Der Autoverkäufer, den er auf Mitte dreißig schätzte, war zwar nett, aber auch gewöhnungsbedürftig. Trotzdem würde er mal ein Bier mit ihm trinken. Man wusste nie, wie sehr man Freunde brauchte.

***

»Bist spät, aber du kommst«, kommentierte Leopold Manzinger trocken, als seine Assistentin den Münchner an diesem Montagnachmittag Anfang Juni in sein Büro brachte. Er wies auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. »Nimm Platz!«

»Entschuldigen Sie, Chef«, meinte Hubert zerknirscht und knetete ein wenig nervös seine Hände. »Aber ich hab mich von der Romantik der nostalgischen Schmalspurbahn verführen lassen, hab net geahnt, wie langsam der Zug dahinzuckelt.« Er grinste. »Schön war’s trotzdem.«

»Dann ist’s gut«, schmunzelte der Bauunternehmer versöhnt und strich über seinen gepflegten Backenbart. »Ich persönlich bin auch ein Fan des alten Zuges und nutze jede Gelegenheit, um damit zu fahren.« Er wurde wieder ernst und legte die Fingerspitzen zusammen, während er seinen neuen Mitarbeiter nachhaltig musterte. »Trotzdem hoffe ich, dass du künftig zuverlässiger bist. Ich kann’s mir net leisten, meine Arbeiter in der Früh erst zusammenzutrommeln, um rechtzeitig auf die Baustelle zu kommen.«

Als Hubert sich abermals rechtfertigen wollte, winkte er ab. »Es sei dir verziehen.« Er streckte die Hand aus. »Ich bin für alle meine Mitarbeiter der Poldi. Auf dem Bau herrscht Kameradschaft, da hält man sich net lang mit Höflichkeitsfloskeln auf.«

Zögernd griff Hubert zu und wunderte sich ein wenig über die lässige Art des Unternehmers, als dieser bereits richtigstellte: »Natürlich darfst du dir trotz der kumpelhaften Anrede keine Freiheiten erlauben. Eine gewisse Achtung bitte ich mir schon aus.« Er verengte die Augen.

»Würde mir net im Traum einfallen«, versicherte Hubert und hielt dem forschenden Blick des Bauunternehmers stand. »Einer muss das Sagen haben, wenn’s kein Chaos geben soll.«

Leopold Manzinger nickte bedächtig. Der frische Bursche gefiel ihm. Er war nicht nur kräftig und konnte gewiss gut zupacken, er war auch nicht auf den Kopf gefallen.

Er lächelte zufrieden. »Dann wäre das geklärt. Nun zu Punkt zwei.« Abermals beugte er sich über den Schreibtisch und bohrte seinen Blick fest in die Augen des Münchners. »Wir arbeiten im Schnitt zehn Stunden am Tag und manchmal auch samstags, wenn’s das Projekt erfordert. Ich hoffe, du hast damit kein Problem. Der Winter in den Bergen ist lang, da müssen wir den Sommer nutzen.«

»Mir soll’s recht sein«, antwortete Hubert knapp, obwohl ihm die Wochenendarbeit weniger gefiel. Großartige Bergtouren konnte er so kaum unternehmen. Aber er war auch nicht hier, um seinem Vergnügen zu frönen.

Der Bauunternehmer nickte. »Gut, alles Weitere haben wir bereits am Telefon geklärt, und den Papierkram erledigt meine Assistentin. Sei morgen pünktlich um sieben Uhr in meinem Büro.« Er griff zum Telefon und beorderte die Sekretärin zu sich.

Eine schlanke, brünette Frau um die vierzig betrat das Zimmer.