Der Bergpfarrer Paket 4 – Heimatroman - Toni Waidacher - E-Book

Der Bergpfarrer Paket 4 – Heimatroman E-Book

Toni Waidacher

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69,99 €

Beschreibung

Mit dem Bergpfarrer hat der bekannte Heimatromanautor Toni Waidacher einen wahrhaft unverwechselbaren Charakter geschaffen. Die Romanserie läuft seit über 10 Jahren, hat sich in ihren Themen stets weiterentwickelt und ist interessant für Jung und Alt! Unter anderem gingen auch mehrere Spielfilme im ZDF mit Millionen Zuschauern daraus hervor. Sein größtes Lebenswerk ist die Romanserie, die er geschaffen hat. Seit Jahrzehnten entwickelt er die Romanfigur, die ihm ans Herz gewachsen ist, kontinuierlich weiter. "Der Bergpfarrer" wurde nicht von ungefähr in zwei erfolgreichen TV-Spielfilmen im ZDF zur Hauptsendezeit ausgestrahlt mit jeweils 6 Millionen erreichten Zuschauern. Toni Waidacher versteht es meisterhaft, die Welt um seinen Bergpfarrer herum lebendig, eben lebenswirklich zu gestalten. Er vermittelt heimatliche Gefühle, Sinn, Orientierung, Bodenständigkeit. Dieses Paket enthält die Bände 151-200.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 3637

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Inhalt

Verratene Liebe

Wenn das Herz begehrt

Unter den Sternen des Wachnertals

Altes Unrecht gegen neues Glück

Mit all meiner Liebe

Er sollte eine andere lieben ...

Halt dein Glück mit beiden Händen fest!

Alles Glück verloren?

Keine Angst vor der Liebe!

Wenn die Liebe fehlt ...

Verwirrte Herzen

Vroni und die Männer

Dem Himmel so nah

Die Heimat im Herzen

Ich fühl mich, wie auf Wolken schwebend

Die Liebe kehrt zurück

Lasst mich einfach in Ruhe!

Einsame Herzen...

Verenas Reise in die Vergangenheit

Wo ist Thomas?

Das Glück in deinen Augen

Nachhilfe in Sachen Liebe

Entdecke mein Herz

Wir haben uns gefunden!

Mein Weg zurück zu dir

Ein Sturz aus dem siebten Himmel

Der Wilderer vom Kreuzerhorn

Meine Liebe bist nur du!

Mit der Liebe spielt man nicht

Rückkehr ins Glück?

Der Bergpfarrer – Paket 4 –

E-Book 151-200

Toni Waidacher

Verratene Liebe

Wem kann Maria noch vertrauen?

Roman von Waidacher, Toni

Am Montagmorgen war mal wieder auf der Münchener Stadtautobahn kaum ein Durchkommen. Im Berufsverkehr drängten sich die Fahrzeuge dicht an dicht, jeder schien es eilig zu haben, zur Arbeit zu kommen, wobei mancher sich am geruhsamen Wochenende wahrscheinlich vorgenommen hatte, den neuen Arbeitstag geruhsamer angehen zu lassen. Aber die Pflicht rief, Termine drängten und Dienstbesprechungen warteten auf ihren Beginn.

Zu den vielen schon wieder gestreßten Berufspendlern gehörte auch Maria Berger, die in ihrem Auto saß und ungeduldig darauf wartete, daß es vorwärts ging. Die junge attraktive Frau, mit den dunklen, schulterlangen Haaren, trommelte nervös mit den Fingern auf das Lenkrad. Allerdings hatte ihre Nervosität einen anderen Grund als den Stau. Sie wollte ins Büro kommen, weil sie hoffte, dort Thorsten sprechen zu können, bevor die Konferenz begann. Er war ihr mehr als eine Erklärung dafür schuldig, daß er sie am Freitagabend versetzt und sich seither nicht mehr gemeldet hatte. Zu Hause bei ihm lief der Anrufbeantworter, auf dem Handy war die Mailbox eingeschaltet, und als Maria am Samstagnachmittag zu ihm gefahren war, fand sie das Haus verschlossen vor und von ihm keine Spur.

Maria hatte absolut keine Erklärung für sein Verhalten. Seit sie vor einem halben Jahr ein Paar geworden waren, hatte es nie die derartige Situation gegeben. Thorsten Gebhard war eine Verläßlichkeit in Person, ansonsten hätte er es auch bestimmt nicht bis zum stellvertretenden Finanzdirektor der »Hillmann AG« gebracht.

Das Handy der jungen Frau klingelte. Über die Freisprecheinrichtung nahm Maria den Anruf entgegen. Allerdings war es nicht wie erhofft Thorsten, der sie sprechen wollte, sondern Kirsten Hofer, die Kollegin, die das Büro mit ihr teilte.

»Wo bleibst du?« fragte Kirsten aufgeregt. »Die warten hier schon auf dich!«

»Wer wartet?« erwiderte Maria. »Ich stehe noch im Stau, aber langsam geht es weiter. Was ist denn los?«

»Hier herrscht ziemlich dicke Luft«, antwortete die Kollegin. »Mehr kann ich nicht sagen, jeden Moment kann einer von der Polizei hereinkommen.«

»Polizei? Wieso Polizei?«

»Die stellen hier alles auf den Kopf. Also…«

»Zehn Minuten, dann bin ich da.«

Maria beendete die Verbindung.

Mein Gott, dachte sie, was will die Polizei denn in der Firma?

Die »Hillmann AG« war eine der größten Firma für innovative Computerchips. Ihre Produkte fanden sich in nahezu jedem PC auf dem gesamten Erdball. Von drei jungen Leuten vor zehn Jahren gegründet, war der Konzern schon drei Jahre später an die Börse gegangen und zählte seither zu den größten deutschen Unternehmen. Der Aktienkurs stieg ständig, und die Anleger waren mit den ausgezahlten Dividenden mehr als zufrieden.

Was um alles in der Welt war passiert?

Plötzlich spürte Maria Beklommenheit. Daß Thorsten nicht wie verabredet am Freitag zu ihr gekommen war und sich auch an den folgenden Tagen nicht gemeldet hatte, war ihr schon ein Rätsel gewesen. Jetzt bekam sein Verschwinden eine neue Dimension.

War er etwa entführt worden, um die Firma zu erpressen? Verlangte man ein Lösegeld für ihn?

Es wäre nicht das erste Mal, daß ein leitender Angestellter eines gutgehenden Konzerns das Opfer einer Entführung geworden wäre. Erfolg forderte Neider heraus, die sich ein Stück von dem Kuchen abschneiden wollten, sei es auch auf kriminelle Art und Weise.

Knapp zehn Minuten später fuhr Maria Berger in die Tiefgarage und parkte ihr Auto auf dem Stellplatz neben Thorsten.

Doch dessen Auto stand nicht wie gewohnt dort!

Panik ergriff sie. Ihr Verdacht schien sich zu bestätigen. Maria ging durch die eiserne Tür ins Treppenhaus. Auf den Lift wollte sie nicht erst warten. Mit klopfendem Herzen betrat sie die Empfangshalle und eilte zur Rezeption, um sich beim Pförtner anzumelden. Sie war viel zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt, um den Blick wirklich zu bemerken, mit dem der Mann sie ansah. Nur in ihrem Unterbewußtsein registrierte sie diese Mischung aus Neugier und Abschätzung.

Um diese Zeit war es ein Kommen und Gehen in der Halle, und wie immer waren die drei Aufzüge besetzt. Maria rannte die Treppe hinauf, dankbar dafür, daß das Büro, in dem sie ihren Arbeitsplatz hatte, nicht im zehnten Stock eines Hochhauses lag. Sie mußte nur drei Etagen hinauf, um dorthin zu gelangen.

Auf dem Flur herrschte ein einziges Chaos. Die Angestellten standen dort und unterhielten sich aufgeregt, ein paar Männer, die Maria noch nie in ihrem Leben gesehen hatte, waren in den Büros mit etwas beschäftigt, das ihr seltsam vorkam.

Sie räumten Schreibtische und Aktenschränke aus, Ordner lagen herum, teilweise auf dem Boden, und am Ende des Flures, wo die Direktoren des Unternehmens ihre Räume hatten, stand die Tür weit auf.

Maria nickte grüßend zu allen Seiten und zwängte sich bis zu ihrem Büro vor. Kirsten stand völlig aufgelöst vor der Tür und starrte die Kollegin aus weit aufgerissenen Augen an.

»Gott sei Dank, daß du da bist!« sagte sie.

»Thorsten ist verschwunden«, rief Maria aufgeregt. »Er hat sich seit Freitag nicht mehr gemeldet. Ich befürchte das Schlimmste!«

»Das tun wir auch«, vernahm sie eine Stimme.

Ein Mann trat aus dem Büro und sah sie prüfend an.

»Sie sind Maria Berger?« fragte er.

Sie nickte.

»Schön, daß Sie da sind. Wir müssen uns dringend unterhalten.«

»Ja, Herr Gebhard… er ist verschwunden, nicht wahr?«

Wieder dieser prüfende Blick.

»Ja, das befürchten wir«, nickte der Mann, der sich ihr bisher nicht vorgestellt hatte. »Und wir würden gerne von Ihnen wissen, wohin er sich abgesetzt hat.«

*

Maria sah den Mann verständnislos an.

»Von mir?« fragte sie. »Aber wieso? Ich meine, er ist doch entführt worden!«

»Kommen Sie, am besten gehen wir in das Büro von Dr. Eberhard. Da sind wir ungestört«, sagte der Mann und ging voran, ohne darauf zu achten, ob sie ihm tatsächlich folgte – er setzte es einfach voraus.

Im Büro des Aufsichtsratsvorsitzenden des Konzerns stellte er sich als Kriminalhauptkommissar Wolfgang Hellwig vor. Er bat sie, in einem Sessel Platz zu nehmen und setzte sich ihr gegenüber. Außer ihnen war niemand sonst anwesend.

»Frau Berger, ich will es kurz machen«, begann er. »Ehrlich gesagt wundert es mich ein wenig, Sie heute hier zu sehen…«

»Wieso? Ich verstehe nicht…«

Seine Miene verdunkelte sich, die Stimme wurde ernster.

»Ich will es Ihnen erklären«, fuhr der Beamte fort. »Gegen Dr. Thorsten Gebhard besteht der Verdacht, die ›Hillmann AG‹ um den Betrag von dreißig Millionen Euro betrogen zu haben. In der vorigen Woche wurde bekannt, daß eine Finanzprüfung vorgenommen werden sollte. Da hat der Herr offenbar gespürt, daß die Revision ihm gilt, und das Weite gesucht.«

Es war, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Würde Maria nicht schon gesessen haben, wäre sie umgefallen. Aber es sollte noch schlimmer kommen!

»Wie allgemein bekannt ist, stehen Sie in einem intimen Verhältnis zu Dr. Gebhard«, setzte Wolfgang Hellwig hinzu. »Da liegt der Verdacht nahe, daß Sie in den Millionenbetrug verstrickt sind. Wir gehen zu diesem Zeitpunkt davon aus, daß Sie, Frau Berger, die Komplizin des Diebes sind!«

Maria preßte entsetzt die Hände vor den Mund.

»Was… was sagen Sie da?« stieß sie hervor, sichtlich erschüttert. »Das können Sie doch unmöglich glauben!«

Unbeeindruckt sah der Beamte sie mit kühlem Blick an.

»Glauben tue ich gar nix«, erwiderte er schroff. »Für mich zählen Fakten und sonst nix. Sie erwähnten vorhin, Dr. Gebhard sei entführt worden. Ist das die Geschichte, die Sie beide sich ausgedacht haben? Sollen Sie uns das Märchen von einer Entführung auftischen, während Ihr Geliebter sich ungehindert mit dem Geld aus dem Staub macht?«

»Wie können Sie so was sagen?« schrie Maria auf. »Ich habe nichts damit zu tun! So glauben Sie mir doch!«

Wolfgang Hellwigs Miene war undurchdringlich.

»Wir werden sehen«, sagte er knapp.

Es klopfte an der Tür, und ein junger Mann kam herein.

»Chef«, sagte er, »wir haben eine erste Spur. So, wie es aussieht, ist unser Mann am Freitagabend vom Flughafen Frankfurt aus nach Südafrika geflogen. Ich habe mich schon mit den Kollegen in Johannesburg in Verbindung gesetzt. Aber das kann dauern.«

»Ist gut, Jochen«, nickte Wolfgang Hellwig.

Er wandte sich wieder Maria zu.

»Südafrika«, sagte er nachdenklich. »Waren Sie schon einmal dort?«

Die junge Frau nickte beklommen.

Vor zwei Monaten waren sie und Thorsten dorthin geflogen und hatten drei herrliche Wochen am Kap der guten Hoffnung verbracht.

»Dann kennt sich Thorsten Gebhard also dort aus«, stellte Winkler fest. »Da liegt es natürlich nahe, daß er versucht, sich nach Afrika abzusetzen. Wahrscheinlich weiß er auch, daß viele Staaten da unten kein Auslieferungsabkommen mit uns haben.«

Er zog schwer die Luft ein.

»Das wird ein hartes Stück Arbeit!«

Maria war immer noch wie betäubt, in ihrem Kopf schwirrten die Gedanken durcheinander. Thorsten war ein Dieb, der Millionen unterschlagen hatte, ein gesuchter Verbrecher auf der Flucht vor der Polizei.

»Was geschieht jetzt?« fragte sie den Beamten. »Kann ich gehen?«

Wolfgang Hellwig sah sie beinahe belustigt an.

»Gehen?« antwortete er. »Sie?«

Er schüttelte den Kopf.

»Auf gar keinen Fall. Sie sind vorläufig festgenommen, Frau Berger, wegen des Verdachts der Mittäterschaft in einem Fall von schweren Raubes.«

Er gab seinem Kollegen, der immer noch an der Tür stand, ein Zeichen.

»Bring’ sie ins Präsidium und besorge einen Durchsuchungsbeschluß für ihre Wohnung.«

»Geht klar, Chef«, nickte Jochen Brandner und sah Maria auffordernd an.

*

»Also, noch mal von vorne«, sagte Wolfgang Hellwig unbarmherzig. »Sie heißen?«

Maria tat alles weh. Seit sieben Stunden oder noch länger saß sie nun schon in dem kahlen Raum, in dem nur ein Tisch und ein paar Stühle standen. Eine grelle Lampe leuchtete ihr ins Gesicht, und das Aufnahmegerät war wieder eingeschaltet.

»Wie oft denn noch?« fragte sie und fuhr sich müde über das Gesicht.

»So oft, bis wir die Wahrheit erfahren haben«, lautete die Antwort.

Mit zitternden Fingern griff Maria nach dem Wasserglas, das Wolfgang Hellwig vor sie hingestellt hatte, und trank. Dann begann sie wieder zu erzählen.

Acht Jahre war es jetzt her, daß sie aus einem kleinen Dorf in den Alpen nach München gekommen war. Sie hatte keine Verwandten mehr und wollte einfach nur fort aus der Enge der Heimat. In der bayerischen Landeshauptstadt suchte sie sich Arbeit, besuchte nebenher die Abendschule und studierte. Vor einem Jahr fand sie die gutbezahlte Stelle in der »Hillmann AG«. Dort lernte sie denn auch Thorsten Gebhard kennen, Sunnyboy und Gentlemen gleichermaßen. Er war erfolgreich und hatte innerhalb der Firma mühelos die Karriereleiter erklommen. Sein Posten brachte ihm ein Spitzengehalt ein, und sein Lebensstil war dementsprechend aufwendig. Die Frauen lagen ihm zu Füßen, und Thorsten war beileibe kein Kostverächter. Als sein Blick auf die neue Sekretärin im Vorzimmer von Dr. Eberhard fiel, setzte er alles daran, Maria Berger zu erobern.

Doch die war vorgewarnt worden, sein Ruf als Casanova eilte dem smarten Finanzdirektor voraus. Zwar konnte auch sie nicht dem Charme des gutaussehenden Mannes widerstehen, dennoch dauerte es fast ein halbes Jahr, bis sie seine Einladung annahm.

Der ersten Verabredung folgten weitere, und Thorsten gab sich alle Mühe, Maria zu zeigen, daß er sich geändert habe.

»Du bist die größte Liebe meines Lebens«, sagte er zu ihr. »Es gibt keine andere Frau, die sich mit dir vergleichen kann.«

Nur zu gerne glaubte sie ihm, denn Maria liebte ihn ja auch.

»Wir wollten zusammenziehen«, erzählte sie. »Thorsten hat mich gebeten, seine Frau zu werden.«

Wolfgang Hellwig runzelte die Stirn.

»Davon haben Sie in Ihrer vorherigen Aussage aber nichts gesagt«, stellte er fest.

Die junge Frau fuhr sich über das Gesicht.

»Mein Gott noch mal«, entfuhr es ihr, »wahrscheinlich habe ich es in der Aufregung vergessen. Das kann doch mal vorkommen.«

Der Beamte erwiderte nichts darauf.

»Also gut«, sagte er nach einer Weile, »kommen wir jetzt zum Freitag. Sie und Dr. Gebhard waren verabredet. Schildern Sie bitte noch mal den Tag.«

Maria seufzte tief.

Es war ein ganz normaler Freitag gewesen. Im Büro gab es nicht viel zu tun, das Übliche halt, und man freute sich schon auf das Wochenende. Kirsten und sie hatten gegen fünfzehn Uhr Feierabend gemacht und sich in der Tiefgarage verabschiedet. Dann war Maria nach Hause gefahren. Unterwegs hielt sie an einem Supermarkt und kaufte ein. Sie wollte am Abend Pasta kochen und brauchte dafür noch ein paar Sachen. Außerdem Rotwein, Käse und Baguette. Thorsten wollte gegen sechs bei ihr sein. Er selber hatte sich schon gegen Mittag aus der Firma verabschiedet, um, wie er sagte, eine dringende Angelegenheit zu erledigen.

»Worum es sich bei dieser Angelegenheit handelt, hat er nicht gesagt?« hakte Wolfgang Hellwig nach.

Maria schüttelte den Kopf.

Als Thorsten um kurz vor sieben noch immer nicht da war, versuchte sie, ihn auf dem Handy zu erreichen, bekam aber nur die automatische Ansage der Mailbox zu hören. Vielleicht war er immer noch beschäftigt und wollte nicht gestört werden. Sie hatte dem zunächst keine große Bedeutung beigemessen. Doch je mehr die Zeit verrann, um so unruhiger wurde Maria Berger. Immer wieder wählte sie die Nummern seines Privatanschlusses und des Mobiltelefons. Sie hinterließ Nachrichten für ihn und hoffte, daß er sich endlich melden würde.

Das Essen war längst verkocht, das Baguette trocken geworden. Maria wachte in der Nacht auf und stellte fest, daß sie auf dem Sofa eingeschlafen war. Wieder versuchte sie, Thorsten zu erreichen, wieder ohne Erfolg. Am frühen Morgen fuhr sie zu seinem Haus. Dort waren die Rolläden heruntergelassen, die Tür verschlossen. Das Garagentor war zwar auch abgesperrt, aber sie konnte durch das kleine Fenster sehen, daß sein Auto nicht da war. Sie kehrte unverrichteterdinge nach Hause zurück und wartete den ganzen Samstag und Sonntag.

Thorsten Gebhard kam nicht, er rief auch nicht an oder gab sonst ein Lebenszeichen von sich. Heute morgen war sie dann nervös ins Büro gefahren. Ja, natürlich hatten sich Gedanken eingeschlichen, er könne bei einer anderen Frau sein, und deshalb hoffte Maria, ihn noch vor Beginn der Konferenz sprechen zu können.

Wolfgang Hellwig sah sie lange und schweigend an. Sie merkte, daß sie immer unsicherer unter seinem Blick wurde.

»Und das soll ich Ihnen abnehmen, ja?« fragte er schließlich. »Soll ich Ihnen mal sagen, wie ich das sehe? Sie und der saubere Herr Doktor haben die Sache gemeinsam durchgezogen. Dreißig Millionen Euro verschwinden nicht so mit einem Mal, nein, nein, das Ganze ist von langer Hand vorbereitet gewesen. Vermutlich haben Sie sich die Chose während Ihres gemeinsamen Urlaubs in Südafrika ausgedacht. Herrlich, net wahr, dort unter Palmen zu leben, jeden Tag Sonnenschein, Partys und Geldausgeben. Aber dazu müßte man erst mal Geld haben, nicht wahr? War es Ihre Idee, Frau Berger, oder ist Ihr Geliebter darauf gekommen, daß man die ›Hillmann AG‹ ein bissel erleichtern könne. Kein Problem für ihn, als stellvertretender Finanzdirektor hatte Dr. Gebhard ja die Möglichkeit, größere Überweisungen zu tätigen. Das hat er dann ja auch gemacht, und zwar kurz nachdem Sie beide aus Südafrika zurückgekehrt waren. Wir wissen sogar, wohin das Geld gegangen ist. Zuerst nach England, von dort aus auf die Bahamas und weiter nach Südostasien. Leider verliert sich dort die Spur, aber ich bin mir sicher, daß Sie uns da weiterhelfen können, Frau Berger.«

Maria schüttelte den Kopf.

»Sie irren sich«, sagte sie schwach. »Ich weiß doch gar nichts davon. Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun!«

Die Tür des Vernehmungsraumes öffnete sich, und Jochen Brandner trat ein.

»Soll ich Sie ablösen, Chef?« fragte er.

Wolfgang Hellwig schüttelte den Kopf.

»Ich bin ohnehin fertig.«

Er sah Maria an.

»Sie können gehen«, sagte er zu ihr. »Aber halten Sie sich zu unserer Verfügung.«

Mit zitternden Knien stand sie auf und wankte aus dem Raum. Jochen Brandner sah seinen Vorgesetzten erstaunt an.

»Sie lassen sie gehen?«

Der Kriminalhauptkommissar biß sich auf die Unterlippe.

»Entweder sagt sie die Wahrheit und hat tatsächlich mit der ganzen Sache nichts zu tun, oder sie ist so raffiniert, daß sie uns hier das Unschuldslamm nur vorspielt«, erwiderte er nachdenklich. »Jedenfalls werden wir sie net aus den Augen lassen. Observation rund um die Uhr. Vielleicht meldet sich Thorsten Gebhard über kurz oder lang bei ihr…«

*

»Und er hat sich net wieder gemeldet?«

Maria Erbling sah Sebastian Trenker traurig an.

»Ich versteh’ das gar net«, sagte die Witwe. »Dabei hat er doch so einen zuverlässigen Eindruck gemacht.«

»Ich verstehe es auch nicht«, entgegnete der Bergpfarrer. »Aber ich denke, daß es etwas mit Ihnen zu tun hat, Frau Erbling. Sagen Sie, hat es irgendwelche Differenzen zwischen Ihnen und Karl gegeben?«

Der Mann, von dem die beiden sprachen, war Karl Moislinger, ein Obdachloser den der gute Hirte von St. Johann im Pfarrhaus aufgenommen hatte, nachdem Karl vom Heuboden eines Bauern gefallen war, bei dem er als Erntehelfer gearbeitet hatte. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bedurfte er noch Hilfe und Pflege. Während Sophie Tappert für das leibliche Wohl sorgte, kümmerte sich Dr. Wiesinger um die Genesung des Patienten.

Karl gefiel es im Pfarrhaus, auch wenn er immer wieder den Drang nach Freiheit verspürte, der ihn schon seit vielen Jahren auf die Straße zog. Aber er wußte, daß es noch viel zu früh war, die Wanderschaft wieder aufzunehmen. Um so mehr verwunderte es Sebastian, daß der Moislinger-Karl an einem Samstag mittag verschwand und nichts wieder von sich hören ließ.

Kurz zuvor hatte Maria Erbling, Witwe des letzten Poststellenhalters von St. Johann und gefürchtete Klatschtante des Dorfes, im Pfarrhaus angerufen und wollte den Obdachlosen sprechen. Was bei diesem Telefonat geredet wurde, entzog sich Sebastians Kenntnis. Aus diesem Grund war er heute bei Maria zu Besuch, um etwas darüber zu erfahren.

»Sie haben doch öfter mit ihm gesprochen«, sagte der Geistliche. »Und am Tag seines Verschwindens haben S’ mit ihm telefoniert. Verstehen Sie, Frau Erbling, ich mach’ mir schon ein bissel Sorgen um den Karl und möchte herausfinden, was geschehen ist, das ihn zu diesem Schritt veranlaßt hat.«

Die Witwe druckste herum, als sei es ihr peinlich, darüber zu sprechen.

»Sie mochten ihn, den Karl, net wahr?« hakte der Bergpfarrer nach.

Maria zuckte die Schultern und nickte gleichzeitig.

»Schon«, gab sie zu. »Er war ja auch so hilfsbereit, als ich ihn gebeten hab’, hier im Haus mal nach dem Rechten zu schauen. Es gab da ein paar kleinere Arbeiten, und ich hab’ gedacht, ich mach’ ihm eine Freud’ damit, wenn ich ihn frag’.«

»Er hat also hier bei Ihnen ein paar kleinere Reparaturen ausgeführt.«

»Ja, und dann haben wir Kaffee getrunken und uns unterhalten…«

»Worüber, wenn ich fragen darf?«

Die Witwe zuckte die Schultern.

»Na ja, über das Leben und so. Was man eben spricht, wenn man zusammensitzt und sich unterhält.«

Sebastian schmunzelte. Eigentlich hatte er nicht erwartet, daß er diese Informationen so schnell aus Maria Erbling herauskitzeln würde. Zwar war ihre Lästerei im ganzen Ort gefürchtet, aber wenn es um sie selbst ging, dann konnte Maria verschlossen wie eine Auster sein.

»Aha«, nickte er, »und haben S’ vielleicht ein paar Andeutungen gemacht…? Ich mein’, daß das Haus für Sie allein viel zu groß wär’ oder so ähnlich.«

Maria errötete bis unter die Haarwurzeln.

»Na ja, ich hab’ halt gedacht, ich würd’ ihm eine Freud’ machen«, sagte sie verlegen. »Es ist doch auch kein Leben, immer nur auf der Straße, wo er doch so krank ist, der Herr Moislinger.«

»Ich glaub’, ich weiß jetzt, welche Absicht dahintersteckte, Frau Erbling«, lächelte Sebastian. »Und ich kann verstehen, daß Sie sich da gewisse Hoffnungen gemacht haben. Aber der Karl ist kein Mensch, der sich bindet. Er liebt seine Freiheit über alles, und wahrscheinlich hat er sich von Ihnen zu bedrängt gefühlt und hat daraus die Konsequenz gezogen, daß es besser wär’, wenn er weiterzieht.«

»Dann hab’ ich ihn also vertrieben, ja? Wollen S’ das damit sagen?«

Sebastian schüttelte den Kopf.

»Nein, früher oder später wäre Karl ohnehin gegangen«, erwiderte er. »Ich hab’ Sie auch nur deshalb aufgesucht, um letzte Gewißheit zu haben. Sehen S’, ich selbst hab’ mich natürlich auch gefragt, warum er so Hals über Kopf auf und davon ist, und ob ich vielleicht der Grund bin. Aber jetzt sollten S’ sich deswegen keine Vorwürfe machen. Niemand hätt’ ihn aufhalten können.«

Er verabschiedete sich von Maria Erbling und ging zum Pfarrhaus zurück.

Geahnt hatte er schon, was dahinterstecken könne, zumal Alois Kammeier, der Mesner, ihm angedeutet hatte, die Witwe sei in Karl Moislinger verliebt. Zuerst wollte der Geistliche es nicht so recht glauben, doch dann erschien ihm dieser Gedanke gar nicht mehr so abwegig.

Nun, wie auch immer, er hoffte, daß es dem Alten gutging, und Karl auf seine Gesundheit aufpaßte – wo immer er jetzt auch stecken mochte.

Bis zum Mittagessen war es noch ein bißchen Zeit, und Sebastian warf einen Blick in die Tageszeitung. Die Schlagzeile war nicht zu übersehen.

Dreiste Unterschlagung in Computerkonzern, stand in dicken Lettern auf der Titelseite. Wohin sind die dreißig Millionen Euro verschwunden? Weltweite Fahndung nach Finanzdirektor. War seine Geliebte Mittäterin?

Der Geistliche las den Artikel ungläubig. Es war ihm ein Rätsel, wie ein einzelner Mensch in der Lage war, so eine Unterschlagung zu begehen, aber der vermutliche Täter war gerissen vorgegangen und hatte seit Wochen größere Summen auf ein Konto überwiesen, das augenscheinlich einer Partnerfirma der »Hillmann AG« gehörte. Erst durch eine Finanzprüfung innerhalb des Konzerns war der Betrug ans Licht gekommen.

Neben Dr. Thorsten Gebhard wurde auch der Name einer Frau genannt, die verdächtigt wurde, in die Unterschlagung verwickelt zu sein. Zwar war der Nachname abgekürzt, doch das verschwommene Foto, das neben dem Artikel abgedruckt war, ließ den Geistlichen aufmerken. Er betrachtete es genau, schaute noch einmal auf den Namen. Maria B. – kein Zweifel, es mußte sich bei der Frau um ­Maria Berger handeln, die vor Jahren aus St. Johann fortgegangen war.

Max kam und unterbrach seinen Bruder bei der Lektüre.

»Dolles Ding, was?« sagte der Polizist, als er sah, was Sebastian las. »Unglaublich, mit was für einer Dreistigkeit manche Leute vorgehen.«

Er rieb sich die Hände.

»Ich glaub’, das Essen ist fertig.«

Der Geistliche nickte.

»Ich komme«, sagte er und faltete die Zeitung zusammen.

»Die Fahndung läuft auf Hochtouren«, erzählte Max während des Mittagessens. »Aber es gibt noch keine heiße Spur von diesem Dr. Gebhard. Und bei seiner Schläue muß man darauf gefaßt sein, daß man ihn nie bekommt. Es gibt genug Plätze auf der Erde, an denen man sich verstecken kann, und mit dreißig Millionen läßt es sich ganz gut leben.«

»Die Frau, die in dem Artikel genannt wird«, sagte Sebastian. »Ich fürchte, wir kennen sie.«

»Diese Maria B.?« fragte Max erstaunt. »Wer soll denn das sein?«

»Maria Berger, die Tochter vom Tischler, der vor sieben oder acht Jahren verstorben ist«, antwortete der Bergpfarrer. »Maria war das einzige Kind, die Mutter ist schon einige Jahre zuvor gestorben, und die Tochter hat St. Johann verlassen, nachdem sie das Haus und die Werkstatt verkauft hatte.«

Max nickte.

»Ja, ich erinnere mich«, sagte er. »Und du glaubst, daß sie das ist?«

»Schau dir das Foto in der Zeitung an. Freilich ist sie älter geworden, aber ich bin sicher, daß es sich um Maria handelt.«

»Auweia, dann steckt sie jetzt aber ganz schön tief in der Tinte.«

»In der Zeitung steht, sie beteuert ihre Unschuld.«

»Und du glaubst ihr?«

»Für mich ist jeder so lange unschuldig, bis ihm das Gegenteil bewiesen ist«, entgegnete Sebastian.

Sein Bruder schaute ihn forschend an.

»Du hast doch was vor«, stellte der Polizist fest. »Das sehe ich an deinem Gesicht. Sebastian, halt’ dich da raus. Das ist Sache der Kollegen von der Münchener Kripo.«

Der gute Hirte von St. Johann schüttelte den Kopf.

»Das kann ich net, Max«, sagte er. »Maria ist mein Pfarrkind, ich kann net einfach die Augen davor verschließen, daß sie sich in Not befindet.«

»Und was willst du unternehmen?«

Sebastian lächelte.

»Kannst du für mich ihre Münchener Adresse herausfinden?« fragte er. »Für dich ist das doch ein Klacks.«

Max erwiderte seinen Blick. Dann nickte er seufzend und nahm sich noch ein Fleischpflanzerl von der Platte.

»Danke, Max«, sagte der Bergpfarrer.

*

Warum bloß mußte die Sonne scheinen? Wieso drehte sich die Welt immer noch? Warum ging das Leben einfach weiter?

Maria Berger verstand es nicht. Seit dem vergangenen Montag war in ihrem Leben nichts mehr so wie vorher.

Die junge Frau saß in ihrer Wohnung und brütete stundenlang vor sich hin. Daß man sie auf freien Fuß gesetzt hatte, hieß noch lange nicht, daß die Polizei auch an ihre Unschuld glaubte. Der Beweis dafür stand vor dem Haus. Ein dunkler PKW, in dem zwei Männer saßen, die alles beobachteten. Wer ins Haus hineinging, wer es wieder verließ, und wenn es Maria war, dann folgten sie ihr. Entweder mit dem Auto, wenn sie selbst auch fuhr, oder einer der Beamten in Zivil stieg aus, wenn sie zu Fuß unterwegs war, und ging ihr nach. Seit drei Tagen ging das jetzt so. Maria wußte sogar ganz genau, wann die Polizisten abgelöst wurden; alle sechs Stunden kamen zwei andere Männer, die die Observation übernahmen.

In der Firma war sie beurlaubt worden. Die Herren vom Aufsichtsrat hatten es ihr nahegelegt, für eine Weile zu Hause zu bleiben, bis die Angelegenheit aufgeklärt wäre.

Natürlich spürte Maria während des Gesprächs das Mißtrauen, das ihr entgegengebracht wurde, und selbst wenn man sie nicht suspendiert hätte, wäre sie von selber darauf gekommen, daß sie unmöglich bleiben konnte. Sie war überzeugt, daß man im Konzern über sie und ihr Verhältnis zu Thorsten Gebhard redete.

Von dem Dieb gab es keine Spur. Die angebliche Firma, auf deren Konto er die Beträge über Monate hinweg überwiesen hatte, existierte nicht mehr, das Konto war aufgelöst worden. Es wurde vermutet, daß Thorsten selbst diese Firma zu dem Zweck gegründet hatte, das Geld dorthin zu überweisen. Jedenfalls konnte die Staatsanwaltschaft feststellen, daß die Beträge jeweils nach kurzer Zeit schon auf einem Konto bei einer Bank auf den Bahamas auftauchten. Von dort konnte der Geldfluß nach Südostasien verfolgt werden, wo sich dann leider jede Spur verlor.

Doch das interessierte Maria Berger nur am Rande. Die menschliche Enttäuschung traf sie viel tiefer. Sie hatte Thorsten geliebt und von einer gemeinsamen Zukunft geträumt. Doch ihre Tränen darüber waren inzwischen getrocknet. Sie hatte keine Kraft mehr, zu weinen.

Vielmehr hatte jetzt Vorrang, ihr Leben neu zu ordnen. Es mußte einfach weitergehen, wenn sie auch noch nicht wußte, wie.

Zur »Hillmann AG« würde sie wohl nie wieder zurückkehren. Selbst wenn sich eines Tages endlich herausstellte, daß sie unschuldig war, ein Opfer ihrer Liebe, die mit der Unterschlagung durch Thorsten so schändlich verraten war.

Aber was sollte sie statt dessen tun?

Erst einmal waren ihr die Hände gebunden. Maria durfte München nicht verlassen, und sich dieser Auflage zu widersetzen, davor hatte sie Angst, würde es doch einem Schuldgeständnis gleichkommen, wenn sie jetzt verschwand. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten, wie sich die Dinge entwickelten, und zu hoffen, daß der schreckliche Verdacht von ihr genommen wurde.

Die junge Frau schreckte auf, als das Telefon klingelte. Doch sie ließ es einfach weiterläuten. Schon lange nahm sie den Hörer nicht mehr ab. In den vergangenen Tagen hatten immer wieder dreiste Journalisten angerufen, die mit ihr ein Interview machen wollten. Hatte sie zunächst kategorisch abgelehnt, ignorierte sie nun jeden Anruf. Daß Thorsten sich bei ihr melden würde, glaubte Maria nicht. Sie war sicher, daß ihr Telefon abgehört wurde, und daß Thorsten es ebenfalls annahm. Selbst wenn er das Bedürfnis hatte, mit ihr zu reden, konnte er das Wagnis nicht eingehen.

Als das Läuten aufhörte, und der Anrufbeantworter ansprang, vernahm sie wieder die Stimme des Reporters der großen Münchener Tageszeitung. Er hatte sich, im Gegensatz zu seinen Kollegen der anderen Blätter, als sehr hartnäckig erwiesen. Mindestens zweimal am Tag rief er an. Als es ihr zuviel wurde, zog Maria den Stecker aus der Buchse und warf ihn ärgerlich zu Boden.

Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür. Sie ging zum Fenster und schaute hinunter auf die Straße. Da stand der Wagen mit den beiden Polizisten. Sie sah, daß einer von ihnen in sein Handy sprach. Vor dem Fahrzeug stand noch ein anderes.

Das Klingeln an der Wohnungstür wurde dringender. Maria hastete durch den Flur und blickte durch den »Spion«. Durch das geschliffene Glas, das wie eine Lupe wirkte, sah sie einen Mann stehen.

Das ist doch…, ging es ihr durch den Kopf, und sie öffnete.

»Sie?« fragte sie erstaunt.

Sebastian Trenker nickte.

»Grüß dich, Maria«, sagte der Geistliche. »Darf ich hereinkommen?«

»Äh… ja, natürlich«, erwiderte sie und trat beiseite.

Als sie die Wohnungstür wieder schloß, hörte sie unten im Haus Schritte, die schnell die Treppe heraufkamen.

»Bitte, geradeaus, ins Wohnzimmer«, sagte sie und lief zum Fenster.

Die beiden Beamten hatten ihr Auto verlassen. Bestimmt waren sie es, die gerade durch das Treppenhaus heraufkamen.

Im nächsten Moment klingelte es wieder an der Tür. Maria sah Sebastian an, ihr Gesicht war bleich.

»Ich habe die beiden Männer da unten gesehen«, sagte der Bergpfarrer. »Und ich vermute, daß es Polizeibeamte sind, die dich beobachten.«

Sie nickte.

»Sie haben mich ins Haus gehen sehen«, fuhr Sebastian fort. »Mach’ ihnen nur auf.«

Maria fuhr sich nervös durch das Haar.

»Ja«, sagte sie und ging durch den Flur.

Einer der beiden zückte seine Dienstmarke.

»Ernst, Kripo München«, stellte er sich vor. »Das ist mein Kollege Schober. Dürfen wir hereinkommen?«

»Wenn’s sein muß«, entgegnete Maria müde und ließ sie eintreten.

Sie folgten ihr ins Wohnzimmer und schauten den Geistlichen neugierig an.

»Guten Tag, die Herren«, sagte Sebastian lächelnd. »Wollen Sie zu mir? Ich hoffe net, daß ich falsch geparkt habe.«

Martin Ernst sah erst den Bergpfarrer, dann seinen Kollegen unsicher an.

War das jetzt ein Geistlicher, der da vor ihnen stand, oder nicht?

Eigentlich sah der Mann nicht wie ein Diener Gottes aus. Wäre da nicht der Priesterkragen gewesen, hätte man ihn für einen durchtrainierten Sportler halten können, oder gar einen prominenten Schauspieler.

Der Beamte räusperte sich und zückte erneut seine Dienstmarke.

»Darf ich fragen, welchen Zweck Ihr Besuch bei Frau Berger hat?« wollte er wissen, nachdem er seinen Namen genannt hatte.

»Frau Berger ist mein Pfarrkind«, erwiderte Sebastian. »Aber gestatten Sie, daß ich mich Ihnen erst einmal vorstelle. Mein Name ist Trenker. Ich bin Pfarrer in St. Johann, und Frau Berger ist mein Pfarrkind gewesen. Als ich davon Kenntnis bekommen habe, was geschehen ist, bin ich hergekommen, um ihr beizustehen.«

Die beiden Polizisten sahen sich ratlos an.

Als der Mann vor ihnen aus dem Auto gestiegen und ins Haus gegangen war, hatte Klaus Schober sofort Wolfgang Hellwig angerufen und um Weisung gebeten.

»Geht hinterher und stellt die Personalien fest, wenn der Mann zu Maria Berger will«, hatte ihr Vorgesetzter angeordnet.

Und da standen sie nun und erfuhren, daß es sich um einen Geistlichen handelte.

Aber war der auch wirklich echt?

*

Bereitwillig nahm Sebastian seinen Ausweis aus der Tasche und reichte ihn den Beamten. Martin Ernst notierte sich die Daten und gab das Dokument zurück. Dann verabschiedeten sie sich.

»So, Maria«, sagte der Geistliche, »jetzt erzähl’ doch mal, wie du da hineingeraten bist.«

»Setzen Sie sich doch bitte«, sagte die junge Frau lächelnd. »Ich kann ja noch gar nicht glauben, daß Sie es wirklich sind, Hochwürden. Kaffee?«

Sie eilte in die Küche, während der Bergpfarrer sich setzte und umschaute. Maria Berger hatte eine große Wohnung, die modern eingerichtet war. Sie mußte gut verdienen, denn die Möbel waren ausgesuchte Stücke, die bestimmt nicht billig gewesen waren.

Nach einer Weile kam sie mit einem Tablett zurück und stellte Kaffee, Geschirr und einen Teller mit Plätzchen auf dem Tisch ab. Nachdem sie eingeschenkt hatte, setzte sie sich und atmete tief durch.

Erst langsam, dann immer flüssiger kam es über ihre Lippen. Wie sie damals fortgegangen war, der Neuanfang in München, das Studium und schließlich das Kennenlernen des Mannes, der ihr Leben auf so drastische Weise verändert hatte.

Während sie erzählte, kamen wieder die Erinnerungen hoch. Wie eine Verbrecherin hatte man sie aus der Firma abgeführt und ins Polizeipräsidium gebracht. Dort wurde sie erkennungsdienstlich behandelt, wie es in der Amtssprache hieß. Man fotografierte sie und nahm ihre Fingerabdrücke. Es war eine erniedrigende Prozedur gewesen. Schließlich wurde Maria Berger in das Vernehmungszimmer geführt. Unzählige Male mußte sie ihre Aussage wiederholen, bis sie dann endlich gehen durfte.

»Und ich bin unschuldig, Hochwürden!« stieß sie schon fast verzweifelt hervor. »Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. Thorsten hat nie auch nur ein Sterbenswort darüber erzählt, was er vorhat, und schon gar nicht habe ich mit ihm gemeinsame Sache gemacht. Aber ich kann es noch so oft sagen, niemand will mir glauben!«

Sebastian hatte sie, während Maria erzählte, prüfend angesehen. Natürlich hatte er sich gefragt, ob sie zu so einem Verbrechen fähig wäre, es aber verneint. Er kannte Maria Berger seit ihrer Kommunion, hatte sie begleitet, als erst die Mutter, später dann der Vater verstarb. Sie war ein durch und durch ehrlicher Mensch gewesen, und es war für ihn unvorstellbar, daß sie die Mittäterin sein sollte. Für ihn stellte es sich so dar, daß Maria Opfer geworden war. Sie hatte an den Mann geglaubt und wurde völlig ahnungslos von allem überrollt.

»Doch«, entgegnete er, »ich glaube dir, Maria. Ich kenne dich lang’ genug, um zu wissen, daß du nicht fähig bist, eine Unterschlagung zu begehen.«

Er deutete auf die Einrichtung.

»Wenn ich mich so umsehe, dann ahne ich, daß du in deinem Beruf net schlecht verdienst«, setzte er hinzu. »Wahrscheinlich mehr, als jeder and’re es sich vorstellen kann. Warum sollte dieses Geld dir net genügen? Sicher gibt es Menschen, die nie genug bekommen können, aber ganz sicher gehörst du net dazu.«

Tränen traten ihr in die Augen. Es tat so gut, endlich einmal zu hören, daß jemand sie nicht verdächtigte, eine Verbrecherin zu sein.

»Weißt du schon, was du jetzt anfangen wirst?« erkundigte sich der Geistliche.

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. In der Firma bin ich beurlaubt, allerdings werde ich ohnehin nicht dorthin zurückkehren, und bis Thorsten nicht gefaßt worden ist und aussagt, daß ich mit der Sache nichts zu tun habe, bin ich als Verbrecherin abgestempelt. Sie sehen ja selbst – die Polizei überwacht mich Tag und Nacht, und die Stadt darf ich net verlassen.«

»Na, das werden wir erst noch sehen«, erwiderte Sebastian und trank seinen Kaffee aus.

Maria sah ihn fragend an.

»Was haben Sie vor?«

»Erst einmal werde ich mit dem ermittelnden Beamten reden«, antwortete der Geistliche, »und dann nehm’ ich dich mit nach St. Johann. Du kannst im Pfarrhaus wohnen. Hier mußt du erst mal raus, und zu Haus’ wirst auf andre Gedanken kommen.«

Plötzlich leuchteten ihre Augen. Einmal, ganz kurz nur, hatte sie selber daran gedacht, wie es wäre, wenn sie in die Heimat zurückkehren könnte. Einfach nur, um etwas anderes zu sehen, nicht mehr in den eigenen vier Wänden eingesperrt zu sein.

Aber da war ja die Auflage der Polizei!

»Glauben Sie denn, daß das geht?« fragte sie. »Ich weiß nicht so recht…«

»Deshalb möchte ich ja mit dem Herrn Hellwig reden«, sagte Sebastian. »Packe nur ruhig schon ein paar Sachen zusammen. Wir fahren noch heute nachmittag.«

Aufgekratzt machte sich Maria Berger daran, einen Koffer zu packen, während der gute Hirte von St. Johann die Wohnung verließ und zu den Beamten ging, die unten im Auto saßen.

»Ich würde Frau Berger gerne mit nach St. Johann nehmen«, erklärte er.

Martin Ernst und Klaus Schober sahen ihn entgeistert an.

»Das geht net«, schüttelte Ernst den Kopf. »Frau Berger darf die Stadt net verlassen. Flucht- und Verdunklungsgefahr.«

»Genau deshalb möchte ich mit Ihrem Vorgesetzten sprechen«, erwiderte Sebastian ungerührt. »Würden Sie ihn bitte davon in Kenntnis setzen? Entweder kommt er hierher, oder ich fahre mit Frau Berger zu ihm ins Präsidium. Mitnehmen werde ich sie auf jeden Fall.«

Er nickte ihnen zu und kehrte ins Haus zurück.

Es dauerte keine Viertelstunde, bis es an der Tür läutete. Maria öffnete, und Wolfgang Hellwig stürmte an ihr vorbei.

Im Wohnzimmer erhob sich der Geistliche von seinem Sessel und sah dem Kriminalhauptkommissar lächelnd entgegen.

»Grüß Gott. Trenker mein Name. Ich freu’ mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Das wird sich erst noch herausstellen, ob es eine Freude ist«, knurrte der Beamte. »Wie kommen Sie darauf, daß Frau Berger Sie begleiten wird?«

Maria stand in der Tür und schaute ängstlich auf die beiden Männer. Im Schlafzimmer wartete der gepackte Koffer, aber im Moment sah es nicht so aus, als ob sie tatsächlich fahren würde.

Sebastian sah Hellwig an. Er war beinahe so groß wie der Geistliche, schlank und hatte ein sympathisches Gesicht, das allerdings nicht über die Härte hinwegtäuschte, die der Kommissar besaß, wenn es darum ging, ein Verbrechen aufzuklären. Sebastian schätzte ihn auf Mitte dreißig.

»Nehmen Sie doch erst einmal Platz«, sagte er. »Es läßt sich besser reden, wenn man sich in gleicher Höhe gegenübersitzt.«

Wolfgang Hellwig kam der Aufforderung nach. Es war das zweite Mal, daß er sich in dieser Wohnung befand.

Als Maria Berger ins Polizeipräsidium gebracht worden war, hatte er selbst die Durchsuchung hier geleitet.

Leider war sie ohne Ergebnis geblieben.

»Vielleicht erkläre ich Ihnen erst einmal, warum ich hergekommen bin«, sagte der Bergpfarrer und erzählte, woher er Maria kannte.

Der Kripobeamte hörte aufmerksam zu. In all den Jahren, die er nun schon bei der Polizei war, hatte er ein Gespür dafür entwickelt, ob er einem Menschen vertrauen konnte. Bei Maria Berger war er nicht sicher gewesen, aber dieser Geistliche hier strahlte etwas aus, das ihm jeden Zweifel nahm.

»Ich verbürge mich dafür, daß Frau Berger sich den Behörden net durch Flucht entziehen wird«, versicherte Sebastian. »Mein Bruder ist selbst Polizist bei uns im Dorf. Maria wird sich regelmäßig bei ihm melden, und er wird Sie davon unterrichten.«

Es klang durchaus so, als könne man das Wagnis eingehen. Aber ein letzter Zweifel blieb doch.

Was, wenn dieser Gebhard sich in St. Johann mit der Frau in Verbindung setzte?

Sicher wußte er, woher Maria Berger stammte, und daß er sie dort finden konnte.

Andererseits war der Mann wie vom Erdboden verschwunden. Auf der ganzen Welt wurde nach ihm gefahndet, aber nirgendwo gab es einen Hinweis auf seinen Verbleib.

Wolfgang Hellwig dachte sehr lange nach, bevor er antwortete. Und während dieser Zeit reifte in ihm ein Plan.

»Also gut«, nickte er, »Sie können Frau Berger mitnehmen, unter der Auflage, daß Sie sich regelmäßig auf der dortigen Polizeidienststelle meldet, und sie mich sofort informiert, wenn Thorsten Gebhard sich mit ihr in Verbindung setzt.«

Er sah erst Sebastian an, dann Maria. Zwar zeigte sein Gesicht dabei eine harte, undurchdringliche Miene, aber Wolfgang Hellwig gingen ganz andere Gedanken durch den Kopf.

Plötzlich wünschte er sich nichts mehr, als daß diese Frau wirklich unschuldig war. Noch nie wäre es ihm lieber gewesen, daß er sich in seinem Verdacht total geirrt haben möge, wie in diesem Fall.

Mensch, Junge, jetzt halte mal an dich, dachte er, während er dem Wagen des Geistlichen nachschaute, noch ist es net heraus, daß sie nix damit zu tun hat.

Aber in seinem Herzen wußte er es besser…

*

Die Rückkehr in die Heimat war für Maria mit vielen Eindrücken verbunden. Die Erinnerungen stürzten auf sie ein und schienen sie schier zu erdrücken.

»Das geht vorüber«, sagte Sebastian, der ahnte, welche Gefühle die junge Frau jetzt durchlitt, als sie das Dorf erreichten und langsam in die Straße zur Kirche einbogen.

Von unterwegs hatte er Sophie Tappert davon unterrichtet, daß sie für einige Zeit einen Gast im Pfarrhaus haben würden. Seine Haushälterin hatte daraufhin sofort alles vorbereitet und wartete mit einem warmen Abendessen auf sie.

»Vorher gehen wir noch mal zu Max hinüber«, sagte der Geistliche. »Damit alles seine Ordnung hat.«

Sein Bruder wohnte über dem Revier, das schon geschlossen war. Max begrüßte Maria völlig unbefangen.

»Schön, dich zu sehen«, sagte er. »Und wegen der Meldepflicht mach’ dir mal keine Gedanken. Ich weiß ja, daß du im Pfarrhaus wohnst.«

Der Polizeibeamte war gerade dabei, den Abendbrotstisch zu decken. Claudia, seine Frau, arbeitete in Garmisch-Partenkirchen bei der Zeitung. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie nach Hause kam.

»Ich hätt’ gern’, daß Maria und Claudia sich mal unterhalten«, raunte Sebastian seinem Bruder zu, als sie einen Moment alleine waren. »Die beiden sind in einem Alter, und vielleicht kann sich Claudia ein bissel um Maria kümmern.«

Max nickte. »Das wird sie bestimmt machen.«

Im Pfarrhaus hatte Sophie Tappert den Tisch gedeckt. Silke Brandner, die erst am Sonntag aus dem Urlaub zurückgekehrt war, hatte von der Haushälterin erfahren, um wen es sich bei der jungen Frau handelte, die Hochwürden mitgebracht hatte. Auch die Gemeindeschwester zeigte keinerlei Vorurteile gegen Maria Berger, und während des Essens wurde überhaupt nicht über den Grund ihrer Anwesenheit gesprochen.

An diesem Abend war es, als sei alle Last von ihr abgefallen. Maria ging früh schlafen, und es war das erste Mal, seit das Drama begonnen hatte, daß sie nicht von schlechten Träumen geplagt wurde.

Am nächsten Morgen wachte sie ausgeschlafen auf. Es hielt sie nicht lange im Bett, und nachdem sie sich angezogen hatte, ging die junge Frau gleich in die Küche hinunter.

»Guten Morgen, kann ich Ihnen helfen?« fragte sie Sophie Tappert.

Doch die Haushälterin hatte längst den Tisch gedeckt.

»Nein, setz’ dich nur«, antwortete sie. »Hochwürden kommt auch gleich.«

»Sie sind aber schon früh auf den Beinen«, meinte Maria, während sie am Tisch Platz nahm.

»Ich schlaf’ ohnehin net lang«, erwiderte Sophie schmunzelnd. »Außerdem hab’ ich schon das Frühstück für die Silke gemacht.«

»Gestern abend hab’ ich net weiter gefragt«, meinte Maria, die ganz schnell wieder dazu übergegangen war, in dem heimatlichen Dialekt zu sprechen, den sie sich in München abgewöhnt hatte. »Aber ist es net ungewöhnlich, daß eine junge Frau hier ständig im Pfarrhaus wohnt?«

»Ja, das mag sein«, lachte die Haushälterin. »Aber das ist auch eine sehr ungewöhnliche Geschichte.«

Silke Brandner stammte aus Regensburg. Nach langer Arbeitslosigkeit hatte sie die Stelle der Gemeindeschwester in Engelsbach angetreten. Doch leider stand ihr Umzug unter keinem guten Stern, denn es war völlig unmöglich, eine Unterkunft zu finden. Das Wohnen in einem Hotel war alleine schon wegen der Kosten unmöglich, und so quartierte Sebastian, dem sehr daran gelegen war, daß im Nachbarort endlich wieder eine Gemeindeschwester arbeitete, die junge Frau kurzerhand im Pfarrhaus ein.

Freilich geschah das nicht, ohne daß dadurch ein handfester Skandal ausgelöst wurde. In dem, neben einer Journalistin, auch Blasius Eggensteiner verwickelt war, Sebastians Amtsbruder aus Engelsbach.

»Na ja, die Sache kochte zwar hoch«, erzählte die Haushälterin, »aber schließlich war ja an den Vorwürfen nix dran, und inzwischen haben sich die Leut’ daran gewöhnt, daß die Silke hier bei uns wohnt.«

Kurz darauf kam Sebastian Trenker in die Küche.

»Guten Morgen zusammen. Na, Maria, hast gut geschlafen?«

»Ach, ganz wunderbar«, lächelte sie.

»Das freut mich. Hast’ nachher Lust, ein bissel spazieren zu gehen? Es hat sich zwar net viel verändert in den Jahren, in denen du fort warst. Aber so einiges gibt es doch zu bestaunen.«

Maria biß sich auf die Unterlippe. Auf der Fahrt gestern hatte sie sich vorgestellt, wie es sein würde, die alte Heimat wiederzusehen. Aber sie hatte auch an die Leute gedacht. Wahrscheinlich hatten viele sie im Laufe der Jahre vergessen, aber nachdem ihr Foto in allen Zeitungen abgedruckt war, würden sie sie bestimmt sofort wiedererkennen.

»Ich weiß net«, antwortete sie. »Wär’ das net so was wie ein Spießrutenlauf?«

»Je eher du die Menschen mit dir konfrontierst, um so eher werden sie akzeptieren, daß du wieder hier bist«, entgegnete der Bergpfarrer. »Und du hast keinen Grund, dich zu verstecken. Schließlich bist du unschuldig!«

Dieser Satz gab den Ausschlag.

»Ja, Hochwürden«, nickte Maria, »Sie haben recht, es gibt keinen Grund, warum ich mich hier verstecken sollte.«

*

»Chef, halten Sie das wirklich für eine gute Idee, die Berger einfach wegfahren zu lassen?« fragte Jochen Brandner während der morgendlichen Dienstbesprechung. »Was, wenn Gebhard sich mit ihr in Verbindung setzt, und die beiden die Flucht der Frau ins Ausland organisieren?«

Der Kriminalhauptkommissar sah auf das Papier, das vor ihm auf dem Tisch lag. An der Besprechung nahmen auch Klaus Schober und Martin Ernst teil. Zusammen bildeten sie die Sonderkommission, die mit der Aufklärung des Falles beschäftigt war.

Vier Leute – eigentlich viel zu wenig. Aber mehr konnte der Münchener Polizeipräsident beim besten Willen nicht zur Verfügung stellen. Gerade wurde in der bayerischen Landeshauptstadt der Besuch eines hochrangigen ausländischen Staatsgastes vorbereitet, und die Sicherheitsmaßnahmen erforderten eine große Anzahl Beamter.

Das Papier, das Hellwig so interessiert in Augenschein nahm, war vor zehn Minuten per Fax eingetroffen. Es kam von den österreichischen Kollegen aus Wien. Danach sei Thorsten Gebhard angeblich in Oberösterreich gesehen worden. In einem Hotel sei man auf den Mann aufmerksam geworden, weil die Personenbeschreibung auf ihn paßte. Leider kam der Hinweis durch den Portier zu spät, denn als die Polizei in dem Hotel eintraf, war der Gast schon wieder abgereist. Natürlich wurden sofort die Kontrollen verschärft und eine großangelegte Suchaktion durchgeführt. Allerdings ohne Ergebnis. Die österreichischen Kollegen wiesen jedoch darauf hin, daß der Gesuchte sich immer noch im Grenzgebiet zu Deutschland aufhalten könne. Wolfgang Hellwig hatte sofort die Polizisten in den grenznahen Orten und Gemeinden in Alarmbereitschaft versetzt und zu erhöhter Wachsamkeit aufgerufen.

»Gestern mochte es vielleicht noch eine schlechte Idee gewesen sein«, antwortete der Kriminalhauptkommissar auf die Frage seines Mitarbeiters und klopfte mit dem Zeigefinger auf das Fax. »Inzwischen sieht die Sache vielleicht schon wieder anders aus.«

Ernst und die anderen nickten.

»Sie meinen, da könnt’ was dran sein, daß der Gebhard sich gar net sehr weit ins Ausland abgesetzt hat?« fragte Klaus Schober.

Hellwig breitete die Arme aus und ließ sie wieder fallen.

»Wir haben jeden internationalen Flughafen auf der Welt überprüfen lassen«, sagte er. »Nirgendwo ist ein Mann gesehen worden, auf den Gebhards Beschreibung paßt.«

»Aber er ist doch von Frankfurt aus nach Südafrika geflogen«, wandte Martin Ernst ein.

»Wenn schon. Er kann genauso gut unterwegs, zum Beispiel in Rom, die Maschine wieder verlassen haben. Ein raffiniertes Ablenkungsmanöver, um uns zu täuschen und auf eine falsche Fährte zu führen.«

Auf dem römischen Flughafen ›Leonardo da Vinci‹ legte das Flugzeug einen Zwischenstop ein, um weitere Passagiere aufzunehmen, hatte Hellwig herausgefunden.

Der Gedanke, Gebhard könne dort ausgestiegen sein, erschien ihm mit einem Male gar nicht mehr so abwegig. Während weltweit nach dem Millionendieb gesucht wurde, könnte der sich nach Südtirol durchgeschlagen haben, um schließlich bis nach Oberösterreich zu gelangen.

Der Beamte stand auf und trat an eine Karte, die an der Wand des Büros hing. Mit dem Finger fuhr er die Strecke entlang, die Thorsten Gebhard genommen haben konnte.

Plötzlich verharrte der Finger auf einem Punkt. Dort stand der Name des Ortes, in den Maria Berger gestern gefahren war.

Und St. Johann war nur einen Katzensprung von Österreich entfernt!

Hatte er so etwas wie eine Eingebung gehabt, als er der Frau erlaubte, München zu verlassen und in ihr Heimatdorf zu fahren?

Hellwig glaubte daran. Gestern hatte er sich den Plan zurechtgelegt, Maria Berger zu folgen und sie in St. Johann zu beobachten. Jetzt gab es noch einen viel gewichtigeren Grund dafür, diesen Plan auch in die Tat umzusetzen.

Er erklärte seinen Mitarbeitern sein Vorhaben.

»Ihr haltet hier also die Stellung«, sagte er abschließend. »Wir bleiben in Verbindung, und sollte sich dort tatsächlich etwas tun, dann muß der Kollege vor Ort, der Bruder dieses Pfarrers, eben aktiv werden.«

»Soll nicht doch einer von

uns mitkommen?« fragte Jochen Brandner.

»Ihr werdet hier gebraucht!« Ihr Vorgesetzter schüttelte den Kopf. »Vielleicht erweist es sich ja als Schuß in den Ofen, und der entscheidende Hinweis kommt von ganz woanders her. Dann will ich, daß hier alles glatt geht. Schober, Sie leiten während meiner Abwesenheit die Soko. Ich gehe jetzt zum Polizeipräsidenten und teile ihm den neuesten Erkenntnisstand mit und lasse mir die Fahrt von ihm absegnen.«

Zwei Stunden später befand sich Wolfgang Hellwig auf der Fahrt nach St. Johann. In seinem ganzen Körper kribbelte es. Er hatte das Gefühl, daß sich in dem kleinen Dorf, das er nur vom Hörensagen kannte, alles entscheiden würde.

Während er nach Hause gefahren war, um ein paar Sachen zu packen, hatte Martin Ernst nach einer Unterkunft für ihn gesucht. Jetzt klingelte Hellwigs Handy.

»Chef, das war knapp«, hörte der Kriminalhauptkommissar die Stimme seines Mitarbeiters. »Dieses St. Johann scheint ein beliebter Urlaubsort zu sein. Fremdenzimmer sind dort Mangelware. Aber ich hatte Glück, in der Pension Stubler wartet ein gemütliches Einzelzimmer auf Sie.«

»Danke, Martin«, sagte Hellwig. »Ein bissel Glück gehört nun mal zu unsrem Beruf dazu.«

»Dann gute Fahrt, Chef, und Weidmannsheil«, verabschiedete sich der Anrufer.

»Das kann ich brauchen«, knurrte der Beamte grimmig und trat das Gaspedal durch, als er auf die Autobahn kam.

*

»Das Einkaufszentrum gab’s damals noch net«, sagte Sebastian, als sie nach dem Frühstück ihren Spaziergang machten. »Auch auf der anderen Seite des Dorfes stehen ein paar neue Häuser.«

Bevor sie sich auf den Weg gemacht hatten, war Maria auf den Friedhof gegangen und hatte das Grab ihrer Eltern besucht. Als sie damals St. Johann verließ, hatte sie nicht die Absicht gehabt, jemals wieder zurückzukehren und deshalb die ortsansässige Gärtnerei mit der Pflege der Ruhestätte beauftragt. Zwar standen frische Blumen vor dem Stein, und eine niedrige Hecke aus Lebensbäumchen säumte das Grab ein, trotzdem stellte Maria einen Strauß Margariten in eine leere Vase; Blumen, die ihre Mutter immer so gern gehabt hatte.

»Ist der Herr Glauser denn noch da?« erkundigte sie sich, während sie durch das Einkaufszentrum bummelten.

Alois Glauser hatte sie seinerzeit die Tischlerei und das Haus verkauft.

»Freilich, der Loisl schafft immer noch«, erwiderte der Geistliche. »Er hat sogar einen Gesellen und zwei Lehrbuben eingestellt.«

»Vater hat ja net mehr so viel arbeiten können«, sagte Maria. »Mutters Tod hatte ihm schon den Lebensmut genommen, und dann wurd’ er ja auch noch so krank.«

Sie zuckte die Schultern.

»Wer weiß«, setzte sie hinzu, »vielleicht wär’ alles anders gekommen, wenn er net so früh hätt’ gehen müssen.«

»Du meinst, du wärst vielleicht geblieben?« fragte der Bergpfarrer.

»Wahrscheinlich«, nickte sie. »Aber das weiß man ja alles vorher net.«

»Aber du bist net unzufrieden, mit dem, was du erreicht hast, oder?«

»Nein, unzufrieden bin ich net. Ich denk’, in meiner damaligen Lage war’s das Beste, was ich machen konnte.«

Ein paar Leute, die vorübergingen, grüßten Sebastian und schauten Maria neugierig an.

»Jetzt überlegen s’ wohl, wo sie mich hinstecken sollen«, vermutete sie. »Bald wird’s im ganzen Ort rum sein, daß die Geliebte des Millionendiebes nach Hause zurückgekommen ist.«

»Laß sie reden und denken, was sie wollen«, erwiderte Sebastian. »Du hast dir nix vorzuwerfen.«

»Manchmal frag’ ich mich aber, ob ich wirklich nix hätt’ merken müssen«, überlegte Maria laut. »Thorsten hat diesen Coup von langer Hand vorbereitet, eigentlich müßte er sich doch dabei irgendwie verraten haben. Irgendeine Äußerung, ein unbedachtes Wort. Ich hab’ mir schon den Kopf darüber zerbrochen, aber es will mir nix einfallen. Wahrscheinlich war ich blind vor Liebe.«

»Nun, erst einmal traut man so etwas einem anderen Menschen net zu. Zumindest keinem, den man liebt und von dem man net glaubt, daß er zu solch einer Tat fähig wäre. Auch in dieser Hinsicht hast du dir keine Vorwürfe zu machen.«

Sie schlenderten langsam zu der Straße, in der Marias Elternhaus stand. Die Tischlerei befand sich hinten auf dem Hof. Joseph Berger hatte seinerzeit seinen Betrieb am Rande des Dorfes errichtet, und auch heute noch standen keine Häuser in unmittelbarer Nachbarschaft. Schon von weitem hörten sie das Kreischen der Bandsäge und das Klopfen von Hämmern. Je näher sie kamen, um so näher rückten auch die längst vergessenen Eindrücke. Maria glaubte förmlich den Geruch von Holz und Sägemehl in der Nase zu haben.

Sie betraten das Gelände durch die Einfahrt, und die junge Frau blieb einen Moment stehen, um das Haus zu betrachten, in dem sie aufgewachsen war. Äußerlich war es unverändert, lediglich das Holz am Giebel war gestrichen worden. Drinnen hatten die neuen Besitzer wahrscheinlich alles nach ihrem Geschmack eingerichtet. Maria erinnerte sich an Alois Glauser als einen Mann von Mitte vierzig. Seine Frau mochte vielleicht ein paar Jahre jünger sein. Sie erkannte den Tischlermeister sofort wieder, als dieser durch die breite Werkstatttür trat und ihnen entgegenkam.

»Grüß Gott, Hochwürden«, sagte er freundlich und sah Maria stirnrunzelnd an. »Das darf doch net wahr sein! Frau Berger? Ja, guten Tag. Was führt Sie denn hierher? Möchten S’ sich mal umschauen, was aus dem allen hier geworden ist?«

Er reichte ihr die Hand.

»Das ist aber eine Freud’, Sie zu sehen«, setzte er dabei hinzu. »Kommen S’, gehen wir ins Haus. Meine Frau wird staunen!«

Maria spürte, wie ihr diese freundliche Begrüßung guttat. Gerne folgten sie der Einladung und gingen durch die Hintertür hinein.

»Traudel«, rief Alois Glauser, »jetzt rat’ mal, wer zu Besuch gekommen ist!«

Edeltraud Glauser machte die Buchführung, nahm die Aufträge an, schrieb die Rechnungen und erledigte, was es sonst noch alles an Büroarbeiten gab. Sie steckte den Kopf durch die Tür und schaute die Besucher neugierig an.

»Nein, die Frau Berger!« rief sie sofort, als sie Maria erkannt hatte. »Na, das ist aber eine Überraschung!«

Wenig später saßen sie in der Küche und tranken Kaffee. Für Maria war es, als sei sie erst jetzt richtig angekommen. Natürlich hatten die Glausers alles neu gestrichen und tapeziert, aber dennoch war ihr alles vertraut.

»Die Maria hat eine schwere Zeit hinter sich«, sagte Sebastian. »Ihr habt ja vielleicht von der Sache gehört.«

»Freilich«, nickte der Tischler. »Es stand ja in allen Zeitungen, und im Fernsehen haben s’ darüber auch berichtet. Aber ich hab’ gleich zur Traudel gesagt, daß die Frau Berger unschuldig ist. Ich konnt’ mir einfach net vorstellen, daß Sie was damit zu tun haben.«

Die letzten Worte hatte er direkt an Maria gerichtet, die ihn dankbar anlächelte.

Nachdem sie noch einen Moment über dieses Thema gesprochen hatten, bot das Ehepaar an, Maria durch das Haus zu führen.

»Danke, nein«, lehnte sie ab. »Ich möcht’s lieber so in Erinnerung behalten, wie ich’s damals verlassen hab’. Aber vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft.«

»Wirklich nette Leute«, sagte Sebastian, als sie wieder auf dem Weg zum Pfarrhaus waren. »Und ich glaub’ dem Loisl, daß er von deiner Unschuld überzeugt ist. So, wie er’s gesagt hat, spürte man, daß es von Herzen kam.«

Im Pfarrhaus angekommen, wartete Max auf sie. Er hatte eine Nachricht, die wie eine Bombe einschlug.

»Ich hab’ vorhin mit München telefoniert«, erzählte der Bruder des Bergpfarrers. »Ihr wißt schon, wegen der Meldepflicht. Und jetzt haltet euch fest, Kriminalhauptkommissar Hellwig ist auf dem Weg nach St. Johann!«

Maria stieß einen erstickten Schrei aus.

»Nein!«

Sebastian sah Max fragend an.

»Wegen Maria?« fragte er. »Will er sie etwa nach München zurückholen?«

Sein Bruder schüttelte den Kopf.

»Nein, deswegen würd’ er sich net die Mühe machen, herzukommen«, erwiderte er und sah Maria an. »Du mußt also keine Bedenken haben. Der Kollege kommt wegen etwas ganz anderem…«

»Nun mach’s net so spannend!« sagte der Geistliche. »Was ist denn geschehen?«

Max holte tief Luft.

»Thorsten Gebhard ist angeblich in Österreich gesehen worden«, antwortete er endlich. »Und jetzt wird vermutet, er könne nach St. Johann kommen, wegen der alten Bindungen, die die Maria hierher hat.«

*

»Grüß Gott, der Herr Hellwig aus München, net wahr?« begrüßte Ria Stubler den Kripobeamten.

Der nickte.

»Ja, mein Kollege hat heut’ morgen ein Zimmer reserviert.«

Die Wirtin hatte schon den Schlüssel in der Hand und ging voran. Wolfgang war überrascht. Das Zimmer war geräumig und gemütlich eingerichtet. Es gab Fernsehen, Telefon und ein separates Bad. Durch eine Glastür konnte man auf den umlaufenden Balkon hinausgehen.

Das wär’ ja mal was, um Urlaub zu machen und auszuspannen, dachte er und seufzte innerlich. Leider bin ich aber net auf Urlaub hier.

Ria erklärte ihm, wann es Frühstück gab, zu den anderen Mahlzeiten müsse er aber ins Wirtshaus gehen. Der Beamte nickte und bedankte sich.

»Das Zimmer wurde erst einmal für eine Woche gemietet«, sagte sie. »Sie müßten dann aber bitt’ schön rechtzeitig Bescheid sagen, wenn Sie verlängern wollen.«

»Mach’ ich«, erwiderte Wolfgang Hellwig.

Er hoffte, daß es nicht so lange dauern würde, bis Thorsten Gebhard hier auftauchte. Wenn er es überhaupt tat…

Die Pensionswirtin wünschte ihm einen angenehmen Aufenthalt und ging hinaus. Wolfgang packte erst einmal seine Reisetasche aus, dann nahm er sein Handy und setzte sich auf das Bett. Auf der Dienststelle meldete sich Klaus Schober.

»Gibt’s was Neues?« erkundigte sich der Chef.

»Nein, überhaupt nix«, antwortete sein Mitarbeiter. »Wenn es tatsächlich der Gebhard war, den der Portier erkannt haben will, dann ist er jetzt wieder wie vom Erdboden verschwunden.«

Er lachte.

»Na ja, dann haben S’ immerhin einen kleinen Urlaub gemacht.«

Hellwig beendete die Verbindung und ließ sich zurücksinken. Während er an die Decke starrte, versuchte er sich in den Millionendieb hineinzuversetzen. Thorsten Gebhard war gewiß kein Dummkopf. Er gehörte zu der Sorte Verbrecher, die sich nicht nur durch Kaltblütigkeit auszeichnete, sondern auch durch eine gute Portion Intelligenz. Der Mann hatte in Wirtschaftswissenschaften promoviert, seinen Doktor mit »summa cum laude« gemacht. Er hatte also einiges auf dem Kasten. Ganz bestimmt würde er sein Äußeres verändern, das Bild, das als Fahndungsfoto um die ganze Welt gegangen war, mußte nicht mehr seinem jetzigen Aussehen ähneln.

Wolfgang Hellwig schloß einen Moment die Augen. Er sah das Gesicht von Maria Berger vor sich und überlegte, nicht zum ersten Mal, was ihn an dieser Frau so faszinierte.

Gut, sie war attraktiv und sprach einen Mann an. Aber das alleine war es nicht. Während der Vernehmung hatte Wolfgang einen leisen Anflug von Mitleid für sie gespürt. Darüber war er mehr als verwundert gewesen. Für ihn war sie verdächtig, Mittäterin an einem Kapitalverbrechen zu sein, alles sprach dafür, daß sie mit Gebhard gemeinsame Sache gemacht hatte, und doch waren dem gewieften Kriminalbeamten irgendwann Zweifel gekommen.

Weiter fragte er sich, welche Rolle dieser Geistliche in der ganzen Geschichte spielte. Der Mann war ihm gegenüber selbstsicher und bestimmt aufgetreten. Sympathisch war der erste Eindruck, den Pfarrer Trenker auf ihn gemacht hatte, und doch war Wolfgang Hellwig nicht ganz klar, ob es wirklich nur die Sorge um das einstige Pfarrkind war, die ihn veranlaßt hatte, nach München zu kommen und Maria Berger mitzunehmen.

Maria Berger – Wolfgang lauschte in sich hinein. Der Entschluß, ihr nach St. Johann zu folgen, war keineswegs spontan gefaßt worden. Zwar hatte die Tatsache, Thorsten Gebhard könne hierher kommen, den endgültigen Ausschlag gegeben, aber überlegt hatte der Beamte es schon vorher.

Dabei war es keineswegs mehr der Verdacht, den er gegen die Frau hegte. Wolfgang fühlte vielmehr, daß sie ihn auf ungewöhnliche Weise angesprochen hatte, und er wünschte sich nichts mehr, als daß sie wirklich die Wahrheit sagte und völlig ahnungslos war, was ihren Geliebten anging.

Ihren Geliebten – diese Bezeichnung auf den Verbrecher anzuwenden, widerstrebte ihm. Denn das machte Maria mit Thorsten Gebhard irgendwie gemein. Aber Wolfgang wollte nicht die Schuldige in ihr sehen, sondern das Opfer. Wenn er doch nur glauben könnte, daß sie es auch tatsächlich war. Mit einem Ruck richtete er sich auf und starrte ins Leere. Mit einer Heftigkeit, die ihn erschrecken ließ, war ihm bewußt geworden, daß er Maria Berger begehrte, mehr als je eine Frau zuvor. Er hatte sich in sie verliebt und mußte sich eingestehen, daß das der wahre Grund war, warum er ihr gefolgt war.

*

Es dauerte eine Weile, ehe er das Chaos seiner Gefühle wieder in ruhigere Bahnen lenken konnte. Wolfgang stand auf und ging ins Bad, wo er sich kaltes Wasser über das Gesicht laufen ließ. Dann vergewisserte er sich, daß sein Handy eingeschaltet in der Tasche steckte, zog die Jacke über und verließ das Zimmer. In der Pension zu hocken und darauf zu warten, daß irgendwas passierte, hatte keinen Zweck. Er mußte sich im Ort umsehen und mit allem vertraut machen, untersuchen, wo Thorsten Gebhard eventuell unterkriechen konnte, wenn er tatsächlich die Absicht hatte, hierher zu kommen.

Und schlußendlich war ein Kriminalkommissar auch nur ein Mensch, der Hunger bekommen konnte, und den hatte Wolfgang Hellwig. Nach der überstürzten Abfahrt aus München hatte er nichts mehr gegessen oder getrunken, und jetzt knurrte ihm der Magen.