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Alles, was Martin anpackt, geht in die Hosen. Dann bekam er die Möglichkeit auf ein Studium in Tiermedizin. Nebenher arbeitete er in einer Entwicklungshilfegesellschaft. Dort war er "externer" Prüfer der Finanzen des Projektes "Wiederaufbau Afghanistan". Dem projektverantwortlichen Diplomaten in Kabul war er ein Dorn im Auge. Dieser kam einmal im Monat mit "schwerem Gepäck" nach Deutschland. Martin´s Chef ging in Rente. Martin wechselte die Abteilung; ab dem Zeitpunkt hatte er nichts mehr mit Afghanistan zu tun, dachte er. Die Parteispendenaffäre und Landtagswahlen in Hessen überschatteten sein Studium. Der wiedergewählte hessische Ministerpräsident verlängerte die Wochenarbeitszeit der Polizei zum "Überstundenabbau" und erhöhte die Studiengebühren um ein Vielfaches für Zweit- und Langzeit-Studenten, obwohl er selber für sein Studium über 15 Jahre benötigte. Martin wurde Hartz-IV–Empfänger, durfte nicht mehr weiter studieren. Zufällig stellte Martin einen Zusammenhang zwischen der Parteispendenaffäre und den vermeintlichen SS-Vorfahren des Ministerpräsidenten her. Martin recherchierte dessen Wahrheitsgehalt. Einem Subunternehmer der Firma Albert Geer jr. mißfiel Martin sein Naturschutz-Engagement. In seinem E-mail – Verkehr fügte er als Schutzschild gegen Drohungen Schlüsselwörter ein, um in den Fokus der Polizei zu geraten. Auf einem Sommerfest sprach ihn ein befreundeter Kripo-Chef an, was Martin denn mit "seinem" Ministerpräsidenten vorhätte. Er hatte die Aufmerksamkeit der Polizei mit seinen E-Mails erregt. Martins Erkenntnisse waren offenbar politisch hoch brisant. Bei einer spektakulären "Entführung" wurde Martin gerettet und für einige Zeit in einer "Luxus-Zelle" für "besondere Fälle" im Polizeipräsidium Frankfurt untergebracht, konnte sich dort aber "frei" bewegen. Martin sollte nicht durch Partei-Jünger des Ministerpräsidenten, sondern von einem Drogen-Dealer-Ring beseitigt werden, der das gesamte Rhein-Main-Gebiet, besonders aber Frankfurt, versorgte. Zwischenzeitlich nahm sich eine regional bekannte Koks-Nase im Hochtaunus in seinem Brauhaus mutmaßlich das Leben. Martin bezweifelte den Selbstmord vom Eigentümer der Klein-Brauerei, genannt, sondern er wurde aufgeknüpft als er wehrlos im allnächtlichen multiplen Drogen-Koma lag, behauptete er gegenüber eines befreundeten Rechtsanwaltes, der mit dem Ministerpräsidenten Jura studiert und auch mit diesem 10 Jahre vor Martin in Sulzbach die Schulbank gedrückt hatte. Der Anwalt, ein hochgradiger Alkoholiker und Kiffer, berichtete seinem Dealer von Martin seiner Vermutung. Martin kannte den Dealer auch, ohne zu ahnen, dass dieser als Chef vom Wareneingang der Entwicklungshilfegesellschaft auch der Drogendealer seines Freundes war. Das Projekt "Wiederaufbau Afghanistan" wurde wieder aktuell. Seine Ahnung vom vermeintlichen Selbstmord vom weckten erneut Ängste im Drogen-Händler-Ring. Die Drogen kamen als Diplomaten-Gepäck nach Eschborn und wurden vom Chef des Wareneingang persönlich entgegen genommen und verteilt. Er war dort auch Betriebsrats-Vorsitzender. Ein Deutsch-Grieche mit gefälschtem Lebenslauf hatte keinen Campingplatz bei Larissa in Griechenland, der nach drei Jahren pleite ging, bevor er bei der GTZ - Eschborn als Bote anfing: Er saß wegen Drogenhandels in der JVA Darmstadt, konnte aber von seinen Nebengeschäften nicht lassen. lebt, tauchte als Kronzeuge finanziell unbeschädigt mit neuer Identität aber ab. Der Drogenhändlerring flog auf.
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Seitenzahl: 609
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Markus Trepte
Der Biber
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
0.….
1. Steuerprüfung
2. Wiederaufbau Afghanistan
3. Rota - Costa Ballena
4. Yoko Ono
5. Der Biber ist tot
6. Bruder-Liebe
7. Polizei-Besuch
8. Wäldsches-Tag Hofheim
9. Anglerheim
10. Grillscher Altarm
11. Doktor Flotte
12. Taufbücher Kassel I
13. Parteien-Landschaft
14. Der Weg des Dope
15. Café Tass
16. Die Einladung
17. Taufbücher II
18. Sommerfest Bad Dürkheim
19. Die Rettung
20. Der Biber lebt
Quellen (unvollständig):
Impressum neobooks
Der Biber
Ein Kriminal-Roman
Das Buch ist ein Roman; die darin beschriebenen Ereignisse sind Analogien und Ähnlichkeiten der Wirklichkeit. Die darin handelnden Personen sind ein Produkt der Phantasie des Verfassers.
, Bären-Finca
Auch die Rechtschreibung hatte Goethe nicht erfunden...,
(denn an dieser hätte er sich sonst selbst die Zähne ausgebissen!)
Überarbeitete und mit einem Rechtschreib-Programm überprüfte Version, 08. Oktober 2019. Garantiert nicht fehlerfrei !
Die Geschichte ist frei erfunden. Übereinstimmungen mit für das Roman-Thema relevanten, lebenden oder verstorbenen Charakteren oder Einrichtungen sind in der Regel rein zufälliger Natur, sollten diese nicht namentlich reell existieren oder existiert haben und die beschriebenen Sachverhalte nicht in den Medien und Chroniken etc. nachvollziehbar sein...
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Dass Biber Selbstmord machen, ist bis dato noch nicht wissenschaftlich publiziert. Das ist neu. Das machen normalerweise nur die Lemminge unter den Nagetieren, wenn´s ihnen zu eng wird. Erdkröten-Männchen springen hingegen im frühlingshaften Hormonüberschwung bei Dunkelheit und warmen Regen gerne im Scheinwerferlicht vor Autos. Daher glaubte Martin auch nicht an einen Selbstmord beim Biber.
„So ein Abgrund tief dummes, blödes, arrogantes Arschloch!“ röchelte Martin in den Telephon-Hörer hinein, seiner Freundin Bericht erstattend, wie denn die letzte, die mündliche Prüfung seiner Umschulung als Dauerarbeitsloser zum Steuerfachangestellten gelaufen sei.
„Dieses Stück Scheiße“, ereiferte Martin sich „hat doch ganz klar gesehen, dass ich Grippe habe, kaum einen Ton heraus bekam und fragte mich, ob ich gesund sei und ob ich in der Lage wäre, die Prüfung zu bestehen… . Ich antwortete, dass ich Grippe und Fieber hätte, wie er es ja unschwer erahnen könne und die Prüfung ablegen möchte. Daraufhin wiederholte er die Frage und ich erwiderte, dass ich keine Ahnung habe, ob ich diese Prüfung bestehen werde, überstehen alle mal und rein rechnerisch es auch vollkommen egal ist, ob ich sie bestehe oder nicht, denn aufgrund meines Notendurchnittes könnte ich mit einer minus 16 hier raus gehen und die ist in unserem Notensystem nicht vorgesehen, also ist es für mich vollkommen ausreichend, wenn ich hier mit einer glatten 6 raus komme. So eine Entgegnung hat dieser Schwachkopf aber offenbar noch nie präsentiert bekommen und schluckte etwas „unsortiert“ auf und guckte noch blöder aus der Wäsche, als er eh schon aussah. Und so ein Idiot ist der Präsident der Oberfinanz-Direktion und des Finanzamtes Frankfurt. Ich raff´s nicht.
Meine Berufsschul-Lehrerin, Frau Silberfuchs, saß als Beisitzerin neben dem Prüfer, diesem Arsch und musste sich dezent wegdrehen, sodass ich nur sehen konnte, wie sie krampfhaft das Lachen unterdrücken suchte. So ein Voll-Koffer, der Typ, die letzte Mental-Flachzange. Mann Mann Mann….“
Maria lachte sich am anderen Ende des Telefonhörers schlapp und ermahnte Martin, er solle endlich aufhören so zu schimpfen, sie würde sonst in die Hose machen vor Lachen.
Martin fragte plötzlich sehr ernst: „Sag mal, mein Engel: Du hast doch nenn Schnurloses, oder?“
Ihm wetterte auf einmal ein giftiges „Du Arsch!“ lautstark durch den Hörer entgegen und „Wegen Dir muss ich mich jetzt umziehen, weil, Du hast das Fass zum Überlaufen gebracht…“ schimpfte sie.
Jetzt war Martin an der Reihe zu lachen: „Das vergesse ich auch ab und an, dass ich ein Schnurloses habe… statt dann in meinem Kellerloch rum zu sitzen, während ich Idiot mich ehrenamtlich für die Belange anderer kümmere, könnte ich, wenn die Sonne scheint, gleichzeitig in der Hängematte im Garten in der Sonne liegen und mir den Scheiß anhören, die irgendwelche Arschgeigen mir ins Ohr drücken, damit ich mich für deren Interessen einsetze und sie mir das als Naturschutz-relevant verkaufen wollen. So denke ich auch über den Fußball-Platz für Eschborn im Arboretum, wie Du ja weißt. Den Anwohnern vom Arboretum helfen, den Sportplatz zu verhindern, damit nach einem Spiel die besoffenen Fans denen nicht an die Gartenzäune pissen, aber selber ihren Waldi ins Arboretum zum kacken spazieren führen, bzw. dass ihre Grundstücke an Wert nicht verlieren. Mehr ist das doch nicht, wozu die mich missbrauchen wollten. Hat nicht geklappt, denn ich habe es ja beim Namen genannt und denen damit die Handschellen und den Nasenring verpasst, sich selbst zu organisieren und sich selber einzubringen. Naja. Die Bürgerinitiative musste ich als Zugpferde mit dem Ober-Pharisäer dieser Anwohner-Truppe dann doch noch unter Absprache des Redakteures der Frankfurter Zeitung gründen, sonst hätte der Saftsack keinen Finger krumm gemacht. Leider klappte es nicht, mich rechtzeitig gänzlich zurück zu ziehen, so dass doch noch relativ viel Arbeit der Bürgerinitiative an mir hängen blieb. Aber immerhin, ich hatte Erfolg gehabt, die Burschen als Zugpferd mitzuziehen und so haben wir halt gemeinsam die Kuh vom Eis geholt und den Schwachsinn verhindert. Eschborn´s Ballschubser gingen ja dann auch wegen mehrfachen Konkurses den Bach runter, Veruntreuung war auch im Gerede und so hat keiner vermeintlich Schmiergelder für den Bau des Sportplatzes einstecken können. Denn mit rechten Dingen ging es meines Erachtens da ohnehin nicht zu. Egal. Vorbei! Schon umgezogen, Mein Engel?“
„Nein! Ging gerade noch mal gut. Ich musste nur die Binde wechseln. Aber ein Arsch bist Du trotzdem, mich so zum Lachen zu bringen, mich daran zu erinnern, dass ich mit dem Schnurlosen auch auf´s Klo gehen kann…“ lachte Maria in den Hörer.
„Wie ging es denn weiter mit der Prüfung, Martin?“
„Naja. Er zog sich dann mit den Beisitzern zurück und beriet. Den Chef von der Steuerberater-Kammer lehnte ich ja als Beisitzer wegen Befangenheit ab, dieser Kampf-Alkoholiker, dieses Wiener Würschtel. Dafür war dann ein anderer Hansel als sein Vertreter geschickt worden und der andere konnte seinen Rausch aus- oder stattdessen seine Sekretärin beschlafen. Ein Glück, dass ich den Typen auch hinter mir habe und nie mehr in dessen Kanzlei arbeiten muss. Das Praktikum war mehr als unzumutbar! Was ein Viehzeugs. Es ist zu hoffen, dass nicht alle Steuerberater so sind, aber ich glaube nicht daran ... . Dein Dozent Mopp hat uns ja schon davor gewarnt. Den hattest Du ja auch in Deiner Umschulung zur Industrie-Kauffrau. Aus Michelbach oder Bickenbach bei Dir um die Ecke kommt der doch und wohnt nun auch in Sulzbach.
Naja, drauf geschissen. Jedenfalls kam der Trottel und seine Beisitzer bald wieder aus dem Besprechungszimmer heraus und er verkündete mir, dass ich die Prüfung absolvieren könne, aber auf eigene Verantwortung. Ich fragte gegen, ob er denn die Verantwortung für meine Teilnahme übernommen hätte, wenn ich keine Grippe hätte, also gesund wäre und verzichtete auf eine Antwort seinerseits, indem ich ihm vorsichtshalber Idioten-sicher erklärte, dass dies eine rhetorische Frage gewesen sei, woraufhin er eine finstere Mine aufsetzte und ich lieblich lächelte und nun sich beide Beisitzer vom Finanzamts-Vorturner wegdrehen mussten, damit er nicht sehen konnte, wie sie grinsten.“
„Sei es drum. Der Oberfianzamts-Trottel übergab mir dann relativ missmutig ein DIN A4 Blättle auf grauen, glatt gewalztem recycle-tem Klopapier, worauf die Aufgaben für die mündliche Prüfung ge-tinten-strahl-druckt standen. Ich überflog sie kurz und verdrehte nur die Augen über diesen Schwachsinn. Das konnte sich nur so ein Hirn-amputierter Sesselfurzer mit A 14 Beamten-Besoldung ausgedacht haben, der außer Bild-Zeitungs-Lesen auf Steuer-Gelder-Kosten sonst nix zu tun hatte. Er teilte mir mit, dass ich eine halbe Stunde Zeit hätte, mich im Nebenzimmer auf die Fragen vorzubereiten, worauf ich ihn korrigierte und meinte, dass ich mich nicht auf die Fragen, sondern ich mich nur auf die Antworten vorbereiten müsse, und ob ich das nicht gleich sofort erledigen kann, denn Vorbereitung bedarf es auf die Antworten keine, denn ich glaube, ich kann sie innerhalb von fünf Minuten nach der Darstellung meiner Antworten in die Beratung entlassen… Das Arschloch bestand aber auf die halbe Stunde, vor Wut Krebs-rot im Gesicht angelaufen und seine Beisitzer grinsten feist, ohne dass er das wahrnehmen konnte… Ich entgegnete daraufhin ein bestimmendes, deutliches „Wie sie wünschen!“ und nahm aus meinem Aktenkoffer zur Prüfungsvorbereitung ein Titanic-Magazin mit dem Titel-Bild des inkontinenten Pabst Paule heraus, so dass es alle sehen konnten. Ich fragte dann noch höflich, ob ich denn wirklich rüber ins Nebenzimmer gehen müsse, denn das Prüfungskomitee würde ja sich selbst ins Hinterzimmer zur Beratung zurückziehen und hier wäre ja sonst keiner, den ich lesend stören könnte… Das Arschloch wurde immer röter im Gesicht, und nahm die Farbe des Gesäßes eines brünftigen Pavian-Mannes an, nur dass er nicht mit den Zähnen fletschte. Ich zog die Augen-Brauen hoch und sagte nur, „OK, wie sie wünschen…“ und tat so, als wenn ich ins Nebenzimmer ging. Er zog sich selbst mit den anderen ins Beratungszimmer zurück und ich setzte mich wieder hin, wo ich gerade halb im Aufstehen gebeugt eben noch saß und öffnete das Titanic-Magazin. Keine fünfzehn Minuten danach ging die Tür des Beratungszimmers auf und meine Berufsschullehrerin kam heraus und fragte „Herr Bär, Sie sind ja schon soweit?“ und ich erwiderte, dass ich schon so weit war, als mir der Bursche den Zettel mit der Aufgabenstellung in die Hand drückte und ich drüber flog. Frau Silberfuchs zog ihre gezupften Augenbrauen hoch und sich ins Beratungszimmer zurück, um den anderen mitzuteilen, dass ich soweit wäre. Das feuerte natürlich den Unmut an, den ich beim Finanzamts-Chef als Prüfungsvorsitzender schon vorgeglüht hatte. Die Beisitzer erwarteten aber eher schon mit Vorfreude meine Stellungnahme zu den Detail-Fragen der Aufgabe.
Man setzte sich hin und die Arschgeige setzte erneut an, um mich zu fragen, ob ich mich in der Lage fühlen würde… worauf ich ihn ins Wort fiel und bestimmend sagte: „Lassen Sie´s!“ Das war er nicht gewohnt, dass man ihm ins Wort fiel und ich fügte hinzu, dass ich gerne in fünf Minuten das ganze hinter mir hätte, mir aber Übles schwane, dass ich mindestens noch neh Stunde benötige, ihm meine stringent-plausiblen Antworten erklären zu müssen, was entsprechend meiner Grippe meine größte Sorge um meine Gesundheit wäre.
Warum auch immer, sein Gesicht verfärbte sich langsam von rot ins bläulich-rot und sein Walroß-Schnurrbart vibrierte kurzwellig frequent. „Hatte er auch schon Grippe?“, fragte ich mich.
Der Walroß-bärtige Oberfinanzamts -Prüfer begann erneut mit der Wiederholung, ob ich mich gesundheitlich in der Verfassung befände, die Prüfung absolvieren zu möchten. Ich entgegnete lächelnd und verneinte die Frage, fügte aber hinzu, dass ich darauf bestünde, die Prüfung ablegen zu wollen, da ich, wie anfangs schon klipp und klar dargestellt, die Gesamt-Prüfung schon bestanden habe, egal ob ich eine sechs als Bewertung erhielt oder nicht und er doch bitte mit der ersten Frage beginnen möchte. Im Verhör-Ton stellte der Walross-Bart die erste Teilfrage, die sich um die Bemessungs-Grundlage der Umsatz-Steuer-Voranmeldung drehte, die jeder Selbständige, freiberufliche Architekt oder Kiosk-Inhaber dem Finanzamt an einem regelmäßigen Turnus vorzulegen hat, abhängig vom Jahresumsatz seines Broterwerbs.
Ich lächelte dem überlegen grinsenden Prüfer unterwürfig entgegen. Die für mich Partei ergriffenen Prüfungsbeisitzer fehlinterpretierten besorgt meine Mimik und meine Gesichtszüge erschlafften in eine kraftlose Verlierer-Ausdruckslosigkeit kurz bevor die Schneide des Fallbeils den Nacken des Delinquenten durchdrungen hat. Ich hob meinen erschöpften Blick und neigte etwas meinen hängenden Kopf, den Augenkontakt jedes einzelnen des Tribunals zu fangen, um den des Vorsitzenden wieder zu fixieren. Mir war widerlich zu Mute, wenn ich diesen Typen in die Augen schaute, überhaupt nur sah. Ein selbstgefälliges arrogantes Beamten-Arschloch, was noch nie in seinem Leben gearbeitet, sondern seine Position mit Sicherheit seinem Sitzfleisch auf dem passendem Partei-Buch zu verdanken hat und nun über die Karriere von Prüflingen entscheidet oder nicht und diese Macht sich unantastbar fühlend, sadistisch auskostet. Auch so ist mir dessen Charakter durch meine Berufsschullehrerin angetragen worden. Der Typ erinnerte mich schon beim ersten Mal, als ich ihn in der Berufsschule sah, an meinen ehemaligen Chef und Naturschutzkollegen im Grunderwerb des Hessischen Straßenbauamtes Horst Hauer, ein überzeugter Rassist und Nazi. Sein Vater heißt Adolph Hauer. Da passen ja die Initialen wunderbar H.H., wie der Hitler-Gruß. Ein überzeugter Monarchist, der den Holocaust nicht leugnet, sondern in der illegalen Frühstücksrunde am Arbeitsplatz im Straßenbauamt in der Gutleutstraße die Überzeugung deutlich vertrat und immer noch vertritt, das Problem sei nicht die Tat, sondern, dass sie nicht effizient abgeschlossen worden sei, sonst gäbe es eine bessere, gesündere Weltordnung, statt überall dieses kunterbunte nach Knoblauch und Kümmel stinkende Ziegen-Ficker-Geschmeiß rumrennen zu haben.
So schätzte ich auch diesen Prüfer ein, mein Schatz. Mir schien vorhin, ich wollte mich offenbar nun auch an diesen stellvertretend für meinen ehemaligen Chef, Horst Hauer, auf meine Weise rächen, in dem ich diesen Deppen vorführte, wie ich einem Arschloch zeigen kann, dass es eben ein obermieses Arschloch, sogar ein übelriechendes Stück Scheiße sei.
Nach dem ich die Ergebnisse meiner schriftlichen Prüfung bekannt gegeben bekam, wurde mir weiterhin ausgeführt, dass ich selbst bei einem vollkommenen Versagen in der mündlichen Prüfung im Gesamt-Ergebnis unter den zehn besten Absolventen Hessens sei, ich also nur noch dazu gewinnen könnte, sobald ich meinen Mund aufmache. Ich beschloss damals schon, eigentlich nur mitzuteilen, dass ich hiermit die Prüfung abkürzen möchte, um die wertvolle Arbeitszeit der Prüfer auf Steuergelder-Kosten nicht über zu strapazieren und wollte um ein „Ungenügend“ als Bewertung bitten. In Hinblick auf meine fiebrige Grippe, wie sie ja alle deutlich wahrnahmen, läge dieses Ansinnen im vollkommen verständlichen Bereich, damit ich wieder Heim zu Mammi in mein warmes Bettchen könne, um meinen Bipps aus zu kurieren. Nachdem ich allerdings den Prüfungsbogen ausgehändigt bekam und ich mich dazu aufraffte, diesen widerwillig zu überfliegen, wurde ich auf den Inhalt doch aufmerksam und immer interessierter. Aber der Walross-Bart blickte erneut tief errötet dumm aus der Wäsche und unterbrach mich und meinte: „Wenn Sie nicht zu der Aufgabe Stellung beziehen, kann ich Ihnen noch nicht einmal `Ungenügend´ attestieren, sondern muss das als `Prüfungsverweigerung´ dem Arbeitsamt mitteilen. Und sie wissen, was das heißt, Herr Bär…´
`Wie Sie wünschen. Auf diesem Wege würde ich zumindest auch Ihren Namen erfahren, denn vorgestellt worden, sind Sie mir nicht. Meine Berufsschullehrerin kenne ich ja als sehr liebenswerten Menschen und den Herren von der Steuerberater-Kammer kannte ich aus der Umschulungsakademie ebenfalls als Dozenten. Sie habe ich im Ärzte-Hochhaus am Ostpark auch immer wieder gesehen, doch blieb mir Ihr Name verborgen und zurück grüßen war ja offenbar unter Ihrer Würde, dieses arbeitsscheue Umschulungs-Gesindel als Menschen überhaupt wahr nehmen zu wollen, schien mir. Aber beruhigen Sie sich. Ich werde mich adäquat zu der Prüfungsaufgabe detailliert einbringen. Ob die Weise, wie ich mich einbringen werde, Ihnen gefallen wird, bezweifle ich allerdings,“ lächelte ich einen nach dem anderen der Nebenprüfer und zum Schluss das Walross an. Ich hob also nach diesem Vorspiel, was mich überaus belustigte, an, die Teil-Aufgaben zu beantworten.´
`Ich werde mir erlauben, die Teilfragen des gesamten Aufgaben-Komplexes als eine Einheit zusammen zu fassen und zu analysieren und werde mich nicht an die vorgegebene Reihenfolge halten. Damit müssen Sie leben und Sie werden mehrheitlich sicher auch merken, warum ich mich im Grunde überhaupt nicht an die Reihenfolge halten kann, denn das ist unmöglich. Sie werden selbst sehen.´
Ich blickte Frau Silberfuchs dabei freundlich in die Augen, um den Blick des Walrosses abschließend wieder einzufangen.
`Eingehens wird geschildert, dass alle Fragen bzw. Teilaufgaben sich auf einen jungen Architekten beziehen, der gerade seine Abschlussprüfung in der Uni bestanden hat und sich nun mit dieser Ausbildung „selbständig“ machen will. Von vorneherein ist klar zu stellen, dass ein Architekt nicht steuerlich als „Selbständiger“ behandelt wird, sondern als „Freiberufler“. Alleine dieser Sachverhalt verlangt von mir, dass ich die Liste der Fragen nicht wie vorgegeben abarbeiten kann, sondern zwingt mich, dass Pferd von hinten aufzuzäumen.´ Autsch. Walross wurde noch röter als rot. Die Beisitzer grinsten verlegen aber nicht als erwischter Verursacher dieses grundsätzlichen Fehlers. Was eine Nummer, sag ich Dir, Mein Engel!
Ich legte nach: `Als Freiberufler muss er kein Gewerbe anmelden. Daher verstehe ich den Sinn der Frage nicht. Womöglich war das nur eine Fangfrage, eine Falle von Ihnen, was ich Ihnen persönlich aber nicht zutrauen würde. Insofern ist die Frage vom Inhalt her sinnlos und bedarf keiner weiteren Antwort. Der steuerlich relevante Teil der Gesamt-Fragestellung bezieht sich lediglich auf die Umsatzsteuer-Voranmeldung, ob sie monatlich, viertel-, halb-jährlich oder einmal im Jahr einzureichen wäre, beziehungsweise überhaupt erst einmal anzumelden wäre. Wenn wir also, wie hier geschildert, einen jungen Architekten vor uns haben, der die Universität oder Fachhochschule frisch erfolgreich absolviert hat, stellen sich mir zwei Fragen als Antwort: 1.) Haben sich die Zulassungsvoraussetzungen der Architekten-Kammer soweit verändert, dass man vor der „Selbständig-Machung“ nicht mehr zwei Jahre im Angestellten-Verhältnis Praxis-Erfahrung sammeln muss? Wenn „nein“, darf der junge Akademiker gar nicht freiberuflich als Architekt arbeiten. Und ich bezweifle, dass sich diese Knebel-Regelung der Architekten-Kammer billige Fach-Hilfskräfte als Lohnsklaven gesetzlich abgesichert missbrauchen zu dürfen, sich zwischenzeitlich geändert hat. Die Frage wäre somit ungültig. 2.) Angenommen aber: Sollte der junge Architekt sich aufgrund vermeintlich veränderter Rechtslage doch freiberuflich entgeltlich im Haupterwerb betätigen dürfen, dann muss er voller Vertrauen sein. Nun legte ich ein nachdenkliches Gesicht auf und mein Kinn auf die linke Faust, den Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den rechten Arm nebendran, das Aufgabenblatt vor mir liegend. Erst jetzt fing ich richtig Feuer, denn im Eifer des Gefechtes fielen mir jede Menge Unbedachtheiten auf: - `Hm. Ich bin Ingenieur. Ich kenne die Problematik der Freiberufler im Planungs- und Bausektor besonders aus meiner ehrenamtlichen Arbeit im Natur- und Umweltschutz. Wenn der junge Mann kein Vitamin B in Form eines passenden Partei-Buchs hat, wird er keine Chance haben, sich haupterwerblich damit über Wasser zu halten, ohne von Zuschlägen bei Öffentlichen Ausschreibungen abhängig zu sein. Da es sich meines überzeugten Erachtens in der Regel um Scheinausschreibungen im öffentlichen Bereich handelt und die Angebots-Einreicher den Zuschlag für den Auftrag erhalten, weil sie unter den Kosten der Mitbieter bleiben, deren Daten sie zufällig irgendwie erhalten hatten, um dann mindestens 20 % höher als im Angebot angegeben das Projekt abzuschließen, ist klar, dass ein Neuling keine Chance hat, überhaupt jemals einen Auftrag der Öffentlichen Hand zu ergattern. Er wäre auf private Aufträge angewiesen. Ein Jungspund ohne Erfahrung hat keinen Namen und bekommt keine Privat-Aufträge, schon gar nicht im ersten Jahr. Mein Vater, mit unpassendem Parteibuch, hatte das Glück, im Angestelltenverhältnis arbeiten zu können und arbeitete nebenher, mit Einverständnis des Arbeitgebers, freiberuflich. Das Einverständnis des Arbeitgebers einzuholen, wäre arbeitsrechtlich ohnehin nicht notwendig. Das ist vom Arbeitsgericht so entschieden worden. Erst später ging mein Vater in die richtige Partei. Dieses Einverständnis vom Arbeitgeber wäre also rechtlich nicht nötig, müsste nicht eingeholt werden. Das ist aber steuerlich irrelevant. Das ist Arbeitsrecht, habe ich in der Umschulung gelehrt bekommen“, erklärte ich doppelt und dreifach, damit das Walroß es auch ganz sicher verstand.
„Solange also kein ernsthafter Erfolg auf Gewinn zu erwarten ist, ist es auch nicht anzuraten, sich bei der Krankenkasse als „Selbstständig“, hier als „Freiberufler“ anzumelden sondern als freiwillig-pflichtversichert zu laufen oder sich beim Arbeitsamt als arbeitslos zu melden. Das ist zwar rechtliche Grau-Zone, aber legal. Doch ist das nicht Gegenstand der Steuerprüfung, sondern wäre eine Frage der IHK und nicht der Steuerberaterkammer, schon gar nicht der Finanzbehörden. Ich würde dem Mandanten vielmehr vorschlagen, er soll zum Arbeitsamt gehen und auf Heilpraktiker oder Physio-Therapeut umschulen. Da sind die Chancen für den Broterwerb ungleich höher. Derjenige, der diese Prüfungsfrage ausgearbeitet hat, sollte sich nahe legen lassen, dass er nicht auch besser umschulen sollte, denn das ist ja eine vollkommen unausgegorene Problematik, die gar nichts mit dem Steuerwesen oder der Realität zu tun hat, denn der Architekturabsolvent darf nicht freiberuflich tätig sein, erst nach zweijährigem Angestellten-Verhältnis in seinem Beruf. Da hat jemand offenbar in seinem Job nichts zu tun und saugt sich so etwas aus den Fingern und Kandidaten sollen dazu ernsthaft prüfungsrelevant Rede und Antwort stehen. Das ist beschämend, denn es soll ja ein realitätsbezogener Fall bei der Prüfung durchgespielt werden. Davon ist man hier aber weit, sehr weit entfernt…´ Die Prüfungsbeisitzer, die Berufsschullehrerin Frau Silberfuchs und der Vertreter der Steuerberater-Kammer schauten sich zwinkernd grinsend an und wendeten sich wieder zu mir. Mein Engel, das Gesicht des Ober-Prüfers vom Finanzamt konnte sich nicht noch mehr dunkelröter verfärben. Er schien vor Zorn kurz vorm platzen. Ich fuhr aber ungerührt fort: `Das ist äußerst bitter, meine Dame, meine Herren. Aufgrund meiner Ausführung kann es hier überhaupt zu keinem steuerlich relevanten Fall kommen, lediglich auf strafrechtlichem Niveau der Schwarzarbeit. Spätestens wenn er bei der Architekten-Kammer die Zulassung beantragen würde, würde er auf die Finger gehauen bekommen und von der Kammer beraten werden. Mann Mann Mann. Die Umsatz-Steuervoranmeldung entfällt somit, weil nicht steuerbar. Ich denke, weitere Darstellungen zu diesem Fall erübrigen sich. Ich denke, die Prüfung ist damit beendet. Sie können sich gerne zur Beratung zurück ziehen. Ich fahre jetzt jedenfalls nach Hause, Heim zu Mutti, denn ich bin krank. Ich kann mir das Zeugnis nicht abholen. Ich habe Fieber. Schicken sie es mir bitte zu. Ich werde mich sowieso sofort schon bewerben, äh hab´s schon gemacht. Die Ergebnisse der schriftlichen Prüfung sind ja schon ausreichend,´ grinste ich feist alle an. Der Prüfungsvorsitzende reichte mir dann noch widerwillig die Hand, die ich ihm entgegenreichte und wünschte mir Alles Gute für mein weiteres Leben, die ganze Palette an üblichen Scheißhaus-Parolen leierte der Depp halt runter, obgleich er mich wohl lieber in der Luft zerreißen mochte. Ich erwiderte nur, er solle sich lieber die Hände ordentlich mit Seife waschen, sonst bekomme er auch noch meine Grippe anhand von Schmier-Infektion und verzichtete darauf den anderen noch die Hand zum Abschied zu reichen, mit dem Hinweis, sie nicht anstecken zu wollen, worauf mir wieder ein Grinsen entgegen strahlte, da ich damit deutlich machte, dass ich mich darüber freuen würde, wenn die Beisitzer nicht, der andere, das Walroß, aber schon, etwas von der Grippe abbekämen… Ja, so war die Prüfung. Ein purer Witz und so etwas ist Chef der obersten Finanzbehörde, mein Liebling. So Typen schimpfen über Arbeitslose und Hartz-IV – Empfänger als faules Tauge-Nichts-Gesindel und Staatsschmarotzer und selber sind sie die größten Staatsschmarotzer gleich nach der Vielzahl von Abgeordneten und deren Handlanger-Beamtentum. Genug geschimpft. Aber nach der Nummer mit dieser geistigen Flachzange heute ist mir nach Alfred Tetzlaff zu Mute und da mußte ich ein Bißchen Dampf ablassen. Jetzt geht es mir schon merklich besser, aber ich bin total alle und muss mich gesund schlafen. Ich werde noch mal kurz duschen, denn ich habe vorhin im Bett geschwitzt wie ein Pferd. Danach haue ich mich aber in die Hängematte und ruf Dich wieder an. Bis dann dann, mein Engel“ schloss Martin das Telefonat.
Zuerst, nach dem Martin seine Grippe auskuriert hatte, landete er direkt neben dem größten Puff in Frankfurt, in einem Steuerberater-Büro, wo viele Frankfurter der Öko-Partei, auch der Metzger-Sohn ohne Berufsausbildung Josef Fischer, bekannt unter dem Namen Joschka Fischer, der ehemalig Fizekanzler und Bundesaußenminister und viele Mitarbeiter des Hessischen Rundfunks verwaltet wurden. Daher wusste er auch, wieviel die Ex-Jura-Studentin, die sich von seinem Bruder Erwin mal hat vögeln lassen, womöglich auch sein Bruder Ullrich ist über sie rüber gerutscht, an Neben-Einkünften hatte und wieviel Sabine Lustig beim Hessischen Rundfunk ohne jegliche Berufsausbildung an durch Steuergelder finanziertes Einkommen als Studien-Abbrecher bezog. Da kam er nicht mehr aus dem Staunen heraus. Dafür zahlen wir also Rundfunk-Zwangsgebühren. Die Position kann sie sich nur erfickt haben und die Verantwortlichen im HR stehen scheinbar, wohl unter Drogeneinfluß, auf quallige Fettärsche mit einer ekelerregenden Stimme, grübelte Martin darüber nach. Angefangen hatte ja die Zicke als Sportreporterin bei der Rundschau oder einem anderen Blättchen und später war sie auch im Hessischen Rundfunk im HR 3 im Nachtprogramm im Radio zu hören. Das war schon schlimm genug. Ihrer besten Freundin Anke, die mit Martin seinem Bruder Ullrich und dem Bruder von Martin´s Freundin Bert die Schulbank in einer Klasse gedrückt hatten, hat sie den kurz vor der Hochzeit stehenden, aus Kassel stammenden Lebensgefährten, ebenfalls damals noch Jura-Student, ausgespannt, später auch geheiratet und hat geworfen. Und nun arbeitet er als Verwaltungs-Richter in Frankfurt und sie hat sich gut versorgt.
Martin wechselte dann aber schnell über ein Zeitarbeitsunternehmen die Stelle. Es war ein widerlicher Laden, der ein paar Jahre später auch Pleite ging. So fing er nahtlos in der GTZ, der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Eschborn an, wo, zumindest in der Abteilung, in der er arbeitete, ein gutes Arbeitsklima herrschte. Er bewarb sich auch für ein Tiermedizin-Studium und konnte tatsächlich halbtags in der GTZ arbeiten, besser gesagt, er hatte eine halbe Stelle inne, so dass er mal vormittags, nach Absprache mal nachmittags arbeiten konnte.
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„Oh hallo Herr Sabatabei. Ich habe Sie gar nicht hereinkommen hören. Eigentlich ist es ja üblich, anzuklopfen oder zumindest beim Eintreten sich bemerkbar zu machen und zu grüßen. Naja. Andere Kulturräume andere Sitten. Ich habe mehr Erfahrungen mit dem lateinamerikanischen Raum und nicht mit dem Orient. Und in Lateinamerika verfährt man so, wie ich es beschrieben habe, es sei denn, man will jemanden hinterrücks umlegen… Spaß bei Seite, Herr Sabatabei. Wie ich sehe, sind sie mal wieder auf Besuch in der Zentrale in Eschborn aus Afghanistan angereist. Wie steht´s um die Sicherheit in Ihrem Land?“
Sabatabei, ein afghanischer Diplomat mit hervorragenden Deutschkenntnissen, arbeitet hochdotiert als Vermittler für die GTZ und der afghanischen Regierung, den Staatspräsidenten Karsai vertretend bzw. der Bundesregierung zwecks Wiederaufbau Afghanistan. Adrett und hervorragend gestylt mit wertvollem Anzug, Hemd, Krawatte, schwarze, hochglanz-poliertes Leder-besohltem Manager-Schuhwerk, dass Martin fast seine Sonnenbrille aufsetzen musste, wirkte genauso schmierig, wie unser kleine Mädchen mißbrauchende Fernsehmoderator, der die zwangsprostituierten Mädels zum „willig-machen“ vorher noch fein mit Drogen eingepudert hat, Siegmann oder wie der Typ heißt.
„Ein eklig-schmieriger Kotzbrocken, dieser afghanische Kamel-Treiber“, dachte sich Martin. Martin stellte sich ihn daher lieber als Kamel-Treiber in Afghanistan in landesüblicher Tracht vor, damit er seine Tötungsgedanken gegenüber dieses Widerlings im Zaun halten konnte und amüsierte sich über den Gedanken, erleichtert darüber, dass diese Gedanken nicht mit gleichfalls eingebildeten Geruchsempfinden verbunden waren. Afghanischer Kamel-Treiber sechs Wochen auf Karawane, sechs Wochen ungewaschen: Ein lecker Mix aus Geruchskomponenten, wie Kamel-AA, Kamel-Pippi, Kamel-Schweiß vermengt mit den gleichen Komponenten menschlichen Ursprungs des Kamel-Treibers. Sein inneres Lächeln, den Burschen musternd, wurde daher etwas durch Würg-Reiz belastet, den er aber wiederum über seine Gedankengebäude selbst innerlich grinsend, unterdrücken konnte. Aber, sein womöglich teures Rasierwasser (Opium?) ist ja auch kein Deut besser. Den lieblichen Knoblauchduft im Niedwald, wenn der Bärlauch blüht, sollte man mal als Parfum-Duft auf den Markt bringen! Das wäre allemal besser, als dieser üble Rasierwasser-Gestank eines arabischen Erdokaan-Männer-Puff-Gängers, ging Martin durch den Kopf.
„Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Sabatabei?“ fragte Martin nun lächelnd.
Sabatabei sammelte sich irritiert ob Martin´s Ansprache und mit Namen angesprochen zu werden, wollte hochnäsig loslegen, konnte Martin an seiner Gesichtsmimik ablesen, so dass er mal vorsichtshalber zuvor einwarf: „… aber sicher sind sie so beschäftigt, einfach nicht daran gedacht zu haben, anzuklopfen. Dass ich aber in Gedanken es selber auch einfach vergessen hatte, die Tür stand ja offen, die Tür zu schließen. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich ich Ihr Anklopfen nicht gehört habe, da ich in meiner Arbeit „Controlling Wiederaufbau Afghanistan“ zu sehr vertieft war. Aber es ist ja auch ein zu interessantes Thema. Ich habe das in dieser Form noch nie gemacht, die aktuell laufende Buchführung zu kontrollieren, vor allem bei diesen Beträgen. Normal kontrolliere ich die Buchführung in der nahen Vergangenheit und nicht parallel. Das hier ist daher sehr spannend und da müssen sie verstehen, dass jedes Detail für mich hochinteressant ist…“
Sabatabei wurde etwas gelassener, weil Martin ihm damit gekonnt die Luft aus den Segeln genommen hatte, war aber noch etwas angespannt und Martin wusste auch warum.
Und Sabatabei legte los: „Herr -ich weiß nicht, wie Sie heißen- aber ich bin etwas irritiert über Ihre bunten Zahlen der Aufstellungen, die sie uns mehrfach per E-Mail nach Kabul beziehungsweise nach Islamabad geschickt haben. Das irritiert uns etwas und behindert uns auch in unserer Arbeit, uns damit befassen zu müssen. … Was sollen wir damit?“ fügte er leicht zornig, energisch vorwurfsvoll hinzu. „Was haben Sie denn für eine Berufsausbildung? Das wirkt mir alles recht unprofessionell!“
Martin´s Mordgelüste diesem Trottel gegenüber erstarben gänzlich, denn hier gab er sich eine Blöße, die ihm bitter aufstoßen würde… „Hm…“ antwortete Martin nachdenklich. „Also in der GTZ steht außen neben jeder Büro-Tür auf einem Schildchen, das an die Wand geschraubt wurde, die Zimmernummer und der oder die Namen der Arbeitnehmer, die im jeweiligen Büro arbeiten.“ stellte Martin in den Raum. „Das dürfte als keine allzu große Aufgabe bewältigbar sein, sich daran zu orientieren. Mein E-mail-Absender entspricht auch meinem Vor- und Zunamen. Naja, sei es drumm. Ja wissen Sie, Herr Sabatabei, ich bin nur ein kleiner Steuerfachangestellter….“ warf er in das Gespräch ein, was erheblich an Martin´s schütteren Haupthaar herbei gezogen war.
Da Sabatabei ohnehin einen Anlass suchte, den Verursacher dieser Tabellen rund machen zu wollen, polterte Sabatabei los: „…und da muss ich mir von einem kleinen Steuerangestellten….“ wurde von Martin jedoch kläglich unterbrochen: „…und habe noch Agrarwissenschaften an der Uni in Bonn, Gießen und Salzburg studiert und erfolgreich abgeschlossen. Die Kombination beider Berufe mit absolvierten Zusatzprüfungen gestatten mir daher, mich als Agraringenieur, Wirtschaftsingieur FH, Steuerfachwirt FH, Bauingenieur FH, aber auch einfach nur als Steuerfachangestellten zu bezeichnen. Und was sind Sie von Beruf?“
`Saba´, so wurde Sabatabei nur abfällig in der Abteilung von Martin´s Chef, Herrn Altmüller und dessen Sekretärin Frau Müller-Zwiedorn genannt, errötete leicht zornig und erwiderte in einem arrogant-aggressivem Ton nur kurz: „Diplomat!“
„Na super!“ dachte Martin, „doch kein Kamel-Treiber. Ziegen-Effer, würde aber auch zu ihm passen. Das eine schließt das andere aber ja auch nicht zwangsläufig aus... Diese dummen, rassistischen Vorurteile immer! Tse, tse, tse, lästerte Martin über sich selbst, dann muss der Typ wohl Sohn eines reichen afghanischen Teppichhändlers sein, der nebenher als Diplomat Teppiche importiert, die vor der Reise nach Deutschland schnell noch mit Opium oder Heroin getränkt aufgewertet wurden und die Gebets-Teppiche dem Burschen als Diplomaten-Gepäck durchgehen… darf ja nicht kontrolliert werden, das Diplomaten-Gepäck…“
Martin hatte große Schwierigkeiten, seine Gesichtszüge neutral zu halten und geriet daher leicht ins Schwitzen, weil das laut Loslachen zu unterdrücken, ist überaus anstrengend. Zu allem Überfluss quälte Martin sich auch noch mit dem Gedanken: „Welche Kamel-Art kommt eigentlich in Afghanistan vor? Das Dromedar oder das Trampeltier? Es müsste eigentlich das Trampeltier, das mit zwei Höckern auf dem Rücken sein.“ schloß Martin seine Gedanken damit ab. Er lag mit der Vermutung auch richtig: Das Trampeltier.
„Das ist ja interessant! Welche Berufsausbildung benötigt man denn, um Diplomat werden zu können?“ fragte Martin ihn doof anlächelnd, sich innerlich auf dem Boden kugelnd vor Lachen. „Kann ich das mit meinem geringen Berufsbild womöglich auch? Da sollte ich mich gleich mal beim Auswärtigen Amt in Bonn..., ach neh, die sitzen ja jezze schon in Berlin, bewerben… andererseits, okay, die zahlen gut, aber in diesen Ländern ist es ja nicht immer ungefährlich. Blödsinn. Das lass ich lieber dann doch mal sein, nicht, und bleibe daheim bei Muttern. War nur so ein Gedanke… . Aber das hat mich ganz von Ihrer Frage eingänglich abgelenkt. Wo waren wir noch? Ach ja: In der Buchhaltung. Hm. In der Buchhaltung ist es durchaus nicht unüblich, dass man Positionen farbig in den Arbeits-Vorlagen von Excel-Tabellen hervorhebt, eben um diese hervorzuheben. Das hat den Zweck, diese für den Ersteller immer aufmerksam unter Beobachtung zu halten, aber einfach auch nur, um verschiedene Positionen voneinander abzugrenzen. Das ist Usus so im Controlling, der Buchhaltung und Buchprüfung, nicht etwa, oder weil an diesen Zahlen etwas zu bemängeln wäre. Und der kundige Empfänger“, wobei Martin das Wort `kundige´ besonders scharf betonte, „der diese Tabellen zur Prüfung erhält, interpretiert das auch so, -normalerweise. Das dient nicht nur zur Kontrolle für den Geldgeber, sondern auch zur Kontrolle für den Empfänger der Finanzmittel in den Projekten, damit er sein Budget leichter überblicken kann, wohin die Mittel geflossen sind und wofür sie überwiegend Verwendung finden. Mehr ist das nicht. Es ist eine Arbeitserleichterung für die Projekte, damit die Projektmitarbeiter sich in den Projekten damit nicht großartig befassen müssen. Verstehen Sie?“
Sabatabei guckte nur blöd aus der Wäsche. Der Zufall kam Martin zu Hilfe. Im Nebenzimmer vernahm Martin deutliche Geräusche. Die Büro-Tür seines Chefs wurde laut zugeschlagen. Er war also schon längst da. Die Gelegenheit war super, diesen hyper-arroganten Arsch eines potentiellen Drogen-dealenden Kamel-Treiber Diplomaten-Teppichhändlers, wie Martin über ihn, ab nun nur noch, urteilte, jetzt aus seinem Bureau heraus zu befördern.
„Oh, wie ich höre, Herr Sabatabei, Herr Altmüller scheint jetzt da zu sein. Ich denke, Sie sind nicht extra aus Kabul angereist, um sich mit mir kleinem Nichtswürdigen über diese wertlosen Tabellen zu unterhalten. Der Petersberg ruft und die Aufbau-Konferenz Afghanistan will vorbereitet sein. Sie sind sicher nur deswegen in Eschborn, um mit Herrn Altmüller persönlich darüber zu sprechen…“
„Saba“ zog sichtlich verärgert ab und verabschiedete sich nicht, schloss auch hinter sich nicht die Tür. „Gut“, dachte Martin und schloss seine Büro-Tür an seiner Stelle wieder, „dann brauch ich wenigstens die Türklinke auch nicht zu desinfizieren, wenn er sie nicht angefaßt hat. Die Jungs waschen sich nachm Klo üblicherweise nicht die Hände, schon gar nicht Kameltreiber, nach dem sie ihren Haufen zur Mumifizierung den Dünen übereignet haben...“ Martin musste laut loslachen, beherrschte sich aber umgehend, damit im Büro vom Chef das nicht zu hören sei. „Mist, das Fenster ist gekippt. Bei Altmüller sicher auch, denn der qualmt ja wie neh Lokomotive…“, dachte Martin. Die werden mein Lachen gehört haben!“ Kurze Gedankenfalten zeigten sich ernst auf seiner Stirn, um sich schnell wieder zu glätten: „Scheißegal, soll der Kamel treibende Schuhputzer doch mein Lachen gehört haben!“
Altmüller hat explizit Martin dafür engagiert, damit von einem Externen das Finanzwesen für das GTZ-KfW-Projekt „Wiederaufbau Afghanistan“ unter die Lupe genommen wird, angeblich „vollkommen bewertungsfrei“, damit dort wie hier dieses GTZ-Projekt besser kontrolliert werden konnte, wie Martin das dem diplomatischen Teppichhändler deutlich in seiner Weise erklärte. Verschwiegen wurde Martin allerdings, dass Martin seine bunten Excel-Tabellen deswegen anfertigen sollte, damit der Diplomaten-Teppich-Händler sich auch richtig deutlich auf die Füsse getreten und kontrolliert fühlte, weil man ihm auch sonst nicht so richtig traue; - nun, der Beweis ist mit der Darbietung von `Saba´ ja auch eindeutig gelungen.
So doof und naiv, wie Martin war und offenbar immer noch ist, hatte er das nicht gemerkt, bis dahin zumindest. Blöd bleibt blöd. Doch intuitiv nach diesem Auftritt von „Saba“ fiel bei Martin der Groschen.
Altmüller war ein Alter Hase der GTZ. Er fing in der GTZ in Frankfurt-Rödelheim an, wo sie noch GAWI hieß. Mit dem Umzug nach Eschborn wurde der Name auch in GTZ abgeändert. Der Umzug wurde damit begründet, die Räumlichkeiten in Rödelheim würden zu eng und die Miete wäre zu hoch. Für das gemietete Pyramiden-förmige Gebäude in Eschborn am Dag-Hammarskjöld Weg wurden, bevor es von der Bundesregierung gekauft wurde, vierteljährlich auch ca. 250 Tausend Euro gezahlt, also ein Millionen Euro Miete im Jahr, dafür, dass das Gebäude eine grundauf sanierungsbedürftige Bruchbude war.
Altmüller war selbst Auslandsmitarbeiter in verschiedenen Projekten in Pakistan und zum Schluss in dessen Hauptstadt Islamabad gewesen. Er kannte also die übliche Gangart in dieser Region der Welt. Diesen Herbst sollte er zurück in sein geliebtes München gehen und bloß nicht mehr irgend etwas mit der GTZ zu tun haben müssen. Er ging in Rente.
Altmüller wollte sich mit Martin seiner Arbeit ein bleibendes Denkmal setzen. Er ahnte nicht, in welchen Ausmaßen das aber an den Fundamenten der GTZ rütteln sollte. Ob deswegen abermals der Name der GTZ geändert wurde, um die befleckte Weste des allgemeinen Ansehens wieder „rein“ zu waschen, mag sein, in etwa so, wie jemand eine Schein-Ehe eingeht, nur um einen anderen Namen anzunehmen, damit er keinen Eintrag mehr in der Schufa-Liste, weil `neue Identität´, hat.
„Hi, Mein Engel! Wie geht es Dir? Ich bin ja so froh, dass Du zu Hause bist und ich Dich antreffe!“
„Wo bist Du Martin? Schon am Meer?“
„Ja, Mein Engel. Ich bin auf einem Campingplatz bei Rota, wo der größte Militär-Flughafen der Ammis in Europa nach Wiesbaden-Erbenheim liegt, konnte ich zufällig feststellen. Dass mir das auch immer passiert. Ich bin also theoretisch in zwei einhalb Stunden wieder im Main-Taunus-Kreis, wenn ich hier neh Galaxie besteige, freiwillig oder unfreiwillig, denn die haben zur Zeit stündlich Shuttle-Verkehr mit Wiesbaden. Die Air-Base hat sogar ihren eigenen Hafen, direkt in Rota. Der Flugverkehr hat wohl mit der Vorbereitung des IS-Krieges zu tun. Aber deswegen bin ich ja nicht hier. Ich wollte nur ans Meer, mich entspannen und nach Tieren gucken…“
„Martin. Du hast auch immer so ein Pech, dass Dich solche Zufälle begleiten.“
„Manchmal frage ich mich wirklich, ob das noch Zufälle sind oder Fügungen von `oben´“ lachte Martin ins Mikro, am Internet-Café vom Camping-Platz, wo er mit dem Tablett von seiner Freundin WLAN hatte, so dass Maria auch spontan mit lachen musste.
„Aber scheinbar lässt Du es Dir gut gehen, denn ich sehe im Hintergrund eine schöne grüne Hecke, schön rot blühende Oleander, eine Dattelpalme, Sand und Ginster. Du liegst auch in einer Hängematte mit spanischen Nationalfarben: Rot und Gelb! Wo hast Du die denn her? Gehört die zum Café? Es scheint ja ganz knuffig zu sein, wo Du da gelandet bist, trotz der Ammi-Air-Base.“
„Der Camping-Platz heißt “Camping Agua Dulce Costa Ballena” http://www. playaaguadulce. com /content.php. Die Hängematte habe ich gestern Vormittag noch in Sevilla gekauft. Ich durfte sie hier zwischen zwei Bäumen an der Terrasse vom Café aufhängen und schob mir gleich noch einen Tisch dazu heran, wo mir dann die Bedienung meine Tubos abstellen kann, die ich bestelle. Tubo heißt eigentlich Röhre, sind aber in einer Kneipe Röhren-förmige Gläser mit einem Viertel Liter Inhalt und darin bekommt man dann sein Bier, schlankere Kölsch-Gläser, sozusagen. Der dunkelrote Oleander duftet so super und intensiv nach Marzipan. Hammer. Ich war beim Lidl in Sevilla noch Proviant für den Abend einkaufen, weil ich ja am Nachmittag mit dem Bus nach Rota fahren wollte, nach Rota, weil mir die Naturschützer in Sevilla sagten, dort am Strand wären die Chamäleons besonders häufig und leicht zu finden. Und da gab es im Lidl zufällig ein Angebot für Hängematten. 10 Euro das Stück, hergestellt in Hamburg.“
„Die sieht ja klasse aus! Und für 10 Euro. Bei uns im Lidl gibt es die nie im Angebot. Gab es die nur in Rot-Gelb?“
„Die Verkäuferin sagte, dieses Angebot gäbe es einmal im Jahr idiotischer Weise erst Ende August, wenn die großen Schulferien in Spanien fast wieder vorbei sind. Die Hängematten sind schön stabil und aus fester, dicker Baumwolle. Alleine der Stoff hat einen Wert von mehr als 10 Euro. Es sind immerhin 2 qm feste Baumwolle. Es gab drei Farb-Kombinationen: Meine, dann Grün mit dünnen gelben und blauen Streifen und dann noch eine mit Beige dominant mit dünnen schwarzbraunen und dicken blauen Streifen. Die Grüne hätte Dir auch gefallen!“
„Bestimmt!“
„Daher habe ich sie auch gekauft…“
„Ach Bär! Das ist aber lieb von Dir. Da freue ich mich schon drauf und hoffe, wir haben dann noch ein paar warme Herbsttage, dass ich die Hängematte auch im Garten aufhängen kann…“
„Kannst Du Dir vorstellen, der halbe Tisch war noch voll im Lidl. Die Dinger verkaufen sich hier nicht. Bei uns würden die für den Preis weggehen wie warme Semmel und dann sind die Dinger noch aus Deutschland und kommen aus Hamburg! Das verstehe wer will! Ich hätte noch eine Beige kaufen können aber so viel Gepäck kann ich ja mit Ryan-Air nicht mitnehmen.
Es ist schon zum Brüllen: Ballena heißt Wal. Und weil hier mal ein Pottwal tot an den Strand gespült wurde, weil er wohl mit einem amerikanischen U-Boot kollidiert ist, kamen Touri-Werbe-Leute auf die super Idee, den Küstenabschnitt Costa Ballena zu nennen. Es ist zum schief lachen. Im größten Verkehrs-Kreisels der Hotel-Siedlung ist in einem Springbrunnen eine Wal-Finne eines abtauchenden Wal aus Edelstahl drappiert. Pott-häßlich! Ein Wal-Kadaver als Namens-Geber! Das ist doch zum Tod-Lachen. Green-Peace ist nicht so kreativ...“ Martin schaukelte vor Lachen in der Hängematte, so dass Maria an der anderen Seite der Leitung schimpfte, er soll nicht so wild schaukeln, sonst würde sie See-Krank werden. Martin musste um so mehr lachen und Maria ließ sich anstecken, schaute aber nicht mehr in das Display ihres Laptop, damit ihr nicht schlecht würde. Martin beruhigte sich wieder und erzählte, er habe auch schon am Vormittag mit einem Biologen aus Rota eine Exkursion in die Dünen gemacht und er habe von ihm verschiedene Vorkommen von Chamäleons gezeigt bekommen, leider auch ein überfahrenes gefunden, das so blöd war, auf einem landwirtschaftlichen Weg an einem Grasbüschel seine Nest-Röhre bauen zu wollen. Auch habe er schon einige tolle Aufnahme gemacht.
„Die Bilder schicke ich Dir heute Abend, Mein Engel. Ich bin gerade am Schreiben und am Auswerten der Bilder. Hier sitzt quasi auf jedem Ginster-Busch ein Chamäleon in den Dünen, selbst in der Hecke im Campingplatz. Sie sind aber sehr schwer zu entdecken, Chamäleons halt, wie der Name schon sagt. Die scheinen hier nicht selten zu sein. Bei dem Futterangebot: Die Dünen sind über Sommer von den Urlaubern zugeschissen worden, hasde was kannsde und daher gibt es hier viele dicke fette Fliegen und Mistkäfer. Das reinste Schlaraffen-Land für die Chamäleons. Die Strände sind schon leer, weil die Ferien seit 10 Tagen um sind und der Strand weitgehend vom Abfall sauber geräumt ist. Selbst die Strand-Kioske werden abgeräumt. Der Besitzer des Camping-Platzes rief einen Freund an, der sich für Chamäleons interessiert und der kam gleich, um mit mir auf Exkursion zu gehen. Es stellte sich dabei heraus, dass er Biologe sei und sich, wie ich bei uns, in seiner Region für den Naturschutz einsetze.
Es ist aber schon der Hammer mit dem Namen für die Küste: Costa Ballena, weil hier mal ein toter Pottwal gestrandet ist. Hört sich aber gut an. Alles ist hier mit Golf-Hotels zugepflasert, damit ein paar Monate im Jahr ein Sack voll deutscher und britischer Touris im Sommer Golf spielen können, während die Kinder am Strand mit Mutti als Aufsicht Sandburgen bauen. Dafür wird das Grundwasser abgepumpt. Aber das ist eigentlich Wurscht, ob es für Baumwollfelder oder für Golf-Rasen verschwendet wird. Hier fließt es Boden-nah ohnehin unterirdisch ins Meer. Es sieht halt scheiße aus. Jetzt haben die Hotel-Komplexe eine Wirkung wie eine Geisterstadt. Die Supermärkte und Tankstellen haben auch nur in der Saison offen. Wie am Osisacher See in Kärnten. Das ist schon bitter, wie sich manch eine Region schonungslos an den Tourismus verkauft.
Jedenfalls beginn ich hier in der Hängematte schon einmal mit dem Manuskript für den Bericht über die Chamäleons zu schreiben, auch damit ich im Senckenberg-Museum einen Vortrag in einer Fachtagung über die Viehcher halten kann. Da kam es plötzlich über mich. Ich weiß nicht wie. Ein Gedanken-Blitz: Meine Eltern haben sich schon während des Krieges gekannt!
Mutter und Vater haben sich im Sport-Palast in Berlin bei der Rede von Goebbels wohl schon im Februar 1943 kennen gelernt und nicht erst in Radeberg an der Lehmgrube im Sommer nach dem Krieg beim Baden. Die haben gelogen. Ich bin ja auch so unglaublich doof, dass ich erst jetzt das merke. Mich würde es nun auch nicht mehr wundern, wenn mein Vater ein Jung-SS-Mann war, denn er hatte eine Brandnarbe unter dem Oberarm, wo die Nazi den SS-Leuten ihre Dienstnummer hin tätowierten. Immer wich er mir auf die Frage, als ich kleiner Junge war, aus, ob er im Krieg auch Leute erschossen hätte. Angeblich war er in Radeberg bei der NSPAP-Jugend persönlicher Feind vom Fähnchen-Führer der Jung-Nazi-Bande. Jugendliche lassen sich ja auch heute leicht verführen, wenn sie ohne Perspektive sind. Man denke nur an die Selbstmord-Attentäter, die sich im Namen Allah´s mit Sprenggürteln selbst in die Luft jagen und andere mit in den Tod reißen, von der psychischen Versklavung in den Tod geschickt. Die Mechanismen sind letztlich überall die selben und meine Eltern waren ja auch in der jugendlichen Sturm-und-Drang-Phase, wo man leicht halbe Kinder, die aber erwachsen sein wollen, für perfide politische Zwecke angeln und mißbrauchen kann. Aber die Lebenslüge bis zum Tode hin, die ist schon erschütternd, statt das aufzuarbeiten. Andererseits war Vater zeitlebens ein Juden-Hasser und voll von vielen unverbesserlichen Nazi-Ansichten. Mutter hingegen unterstütze uns Jungs alle gegen ihn, weil wir nicht zur Bundeswehr wollten. Naja. Vorbei. Drauf geschissen! Ich wollte es nur los werden. Wir können ja am Montag drüber reden, wenn wir im Garten die Hängematten ausprobieren. Ich komme ja am Freitag wieder, also zwei Tage nach meinem Geburtstag.
Ich werde Mutter aber darauf nicht hin ansprechen. Das bringt sie mit Sicherheit um. Und das wollen ja meine Geschwister, um an das Erbe ran zu kommen.
Dienstag fahre ich wieder zurück nach Sevilla, da ich am Mittwoch eine Finca in der Extremadura besichtigen werde, die der Naturschutzgesellschaft gehört. Das Kaff heißt Malcocinado, was übersetzt „schlecht gekocht“ heißt. Die haben schon klasse Namen hier. Es heißt, nach der Rekonquista der Spanier der durch die Araber besetzten Regionen, hätte Carl der Fünfte eine Versammlung in Sevilla auf der Plaza España einberufen und alle Landesherren sind mit ihrem Hofstaat sternförmig in ihren Ochsen- und Pferdekarren-Tross angereist. Ein Lehnsherr der Extremadura machte eine Übernachtungsrast im südlichsten Dorf seines Herrschaftsgebietes und ließ sich dort zur Nacht bewirten, um die letzte Etappe nach Sevilla am nächsten Tag zu absolvieren. Das Essen sei aber so schlecht gewesen, dass er per Dekret den Namen des Dorfes in „schlecht gekocht“ – Malcocinado umwandelte. Ob das stimmt oder nur im Nachhinein erfunden wurde, wie auch die Bedeutung des spanischen Bundeslandes `Extremadura´ aus dem Namen fälschlicher Weise hergeleitet wird, auch von den Spaniern selbst, die nicht gescheiter sind, als der deutsche Durchschnittsbürger, weil die sich einen Scheiß um ihre eigene Geschichte kümmern, würde mich nicht wundern. Aber immerhin hört sich die Geschichte ganz gut an.“
Maria schmunzelte auch sehr über die Namensgebung, besonders über den Ursprung der Golf-Touristen-Hochburg „Wal-Küste“.
... „Bumm!!!“ Es tat einen abgrundtief dumpfen Schlag und danach waberndes Scheppern, wie von den Blechen und Kunststoff-Lamellen im Theater am Turm(am Willy-Brand-Platz, der früher Weißfrauen-Platz in Frankfurt hieß) um damit Gewitter-Donner zu erzeugen, als Martin mit der Grundschul-Klasse in dem Kinder-Theaterstück „Peter Pan“ als achtjähriger Mobbel war, dabei sein musste, obwohl er lieber in die Natur ins Neuenhainer Tal auf Wandertag mitgegangen wäre.
Martin musste Bären-laut lachen und kugelte sich auf der Holzbank, auf der er auf Franzi wartete, weil sie unbedingt zum „Roten Telefon“ im Glas-Labyrinth der „Yoko Ono – Ausstellung“ in der „Schirn“ in Frankfurt, die vom 15.Februar bis 05.Mai eröffnet war, wollte. Sie entschlossen sich, gleich in der darauf folgenden Woche nach der Eröffnung am Freitag die Ausstellung „in the wind“ sich anzutun. Franziska musste aber absagen und so vertagten sie das auf ein anderes Mal. Daraus wurde dann der letzte Freitag im April. Um zur Schirn zu gelangen stiegen sie aus der S-3, aus Bad Soden kommend, an der Hauptwache aus und schlenderten runter zum Römerberg, wo links vor der Abrißbaustelle des Technischen Rathaus die Treppen hoch zur Kunsthalle Schirn ging, an der Stelle, wo einst vor der Bombenzerstörungen des 2.Weltkrieges der Fünffinger-Platz lag. Martin amüsierte es, dass irgend ein Sprayer ein täuschend echte Banane an die mit Sandstein-Platten verkleidete Fassade der Schirn gesprüht hatte und machte gleich ein Photo mit seinem alten Handy davon.
Und erneut ertönte ein schmerzhaftes „Bumm!“
„Ja, Schatzi. Jezze weisst Du, warum ich da nicht rein will. Ich habe zwar neh Haftpflicht, aber wenn ich gegen die Plexi-Glasscheiben als zierlicher 4-Tonner donner, fällt das Kunstwerk wie ein Kartenhaus zusammen und außerdem habe ich keine Lust auf eine blutige Nase…“ lästerte Martin Bär zu seiner Umschulungs-Kollegin, die sich die schmerzende Nase hielt und lachend ein „Du Arsch“ zu ihm durch das Labyrinth schickte. Die beiden Aufseherinnen mussten ob der Szene auch lachen und wandten tröstend zu Franzi ein, dass das jedem mindestens einmal passieren würde.
„Bumm!!!“
Martin musste wieder lachen und lästerte: „Franzi, Du bist außergewöhnlich! Du hast die Statistik auf die positive Seite verschoben, außergewöhnlich zu sein, denn Du hast schon mehr als nur mindestens einmal die Scheiben somit geküsst…“
„Warte nur, bis ich raus komme, dann wirst Du was erleben!!!“ lachte sie, wieder die schmerzende Nase haltend.
„Mach aber langsam, sonst brichst Du nur noch gänzlich aus der Standard-Abweichung der Gauß´schen Normalverteilung um mehr als ein Sigma heraus und denk dabei an Deine Nase! Ich gehe derweil mal auf ein Stückchen Torte und nenn Kaffee. Du weißt ja, wo das Café ist…“ feixte Martin halb unverständlich den Tränen vor Lachen nahe in das Folter-Kunstwerk aus Plexi-Glas. „Ich weiß schon, warum ich Telefone meide…“ ärgerte er seine Kollegin weiter. Die Aufseherinnen des Museums konnten auch sich bald nicht mehr zurückhalten, mussten aber die Cotenanz eingebildeter Weise wahren. Doch Franzi konnte sich selbst bald nicht mehr halten vor Lachen und tastete nun sich händisch aus dem Labyrinth und ging auf Martin los, der nur noch um so mehr lachen musste, bis beiden die Puste ausging.
„Komm lass uns erst einmal Pause auf ein Stück Kuchen und nenn Kaffee unten machen. Ich lade Dich auch ein. Ich habe ja letztlich keinen Eintritt wegen meinem Ehrenamtsausweis zahlen müssen…“
„Okay!“ lachte Franzi immer noch außer Atem, „da kannst Du mir auch gleich erzählen, wie Du zu diesem Ausweis gekommen bist.“
„Das mache ich gerne und Du wirst Dich schlapp lachen, so wie ich mich eben noch über Dich. Du wirst über den Landrat des Main-Taunus-Kreis nur noch den Kopf schütteln. Beinhart, kann ich Dir sagen. Und so etwas regiert uns. Naja. Wallmann und Willy Brand hatten ja auch nicht umsonst den Kose-Namen Whisky-Wally bzw. Whisky-Willy, wenn ich mich Recht erinnere....“schloß Martin.
Franziska und Martin stiegen die Treppen hinab und schlenderten durch die Eingangshalle, um dann ins Schirn-Café zu gelangen, dass auch relativ leer war. Zur Freude von Martin befanden sich auch keine alleinerziehende Öko-Mammis in lilafarbener Batik Indi-Look-Frotter-Kleidung, Nasen-Piercing und Skorpion-Tatoo auf der Schulter oder am Arsch mit ihren anti-autoritär, also gar nicht erzogenen, lärmenden Drecksgören im Café, um ihr pseudo-intellektuelles Kaffee-Kränzchen zu halten. Franziska und Martin hatten gemeinsam eine Umschulung zum Steuerfachangestellten begonnen, doch Franzi hatte einen Psycho-Burn-Out und unterbrach für ein halbes Jahr die Ausbildung. Im Kaffee deuteten sie als ein Spiel jeweils einen aus den anwesenden Gäste aus, um zu erraten, welcher Berufsgruppe derjenge angehören könnten. Vom letzten Sommer hatten sie darin schon Übung, als sie mal einen Tagesausflug nach Weinheim machten und unterhalb vom Marktplatz an einen gut positionierten Tisch am Eis-Café Platz nahmen, um Wetten abzuschließen, welche von den jungen Mädchen, bis alternden Schlampen, die dort Revue-passierten, ein Arsch-Geweih oder einen ge-piercten Bauchnabel hatten oder nicht. Beide lagen immer richtig in ihren Einschätzungen und waren nicht gelangweilt, sondern fertig vor Lachen. Wozu Drogen, wenn man nur die eigene Tierart beobachten muss, um sich zu amüsieren?
Jedenfalls der schnieke Typ in nächster Nähe am runden Carrara-Marmor-Eiscafé-Tisch im Schirn-Café tat sehr wirtschaftsgebildet, in dem er die hellorange-farbene Financial-Times Deutschland auf seiner Laptop-Tragetasche auf einen der zum Tisch passenden Eisdielen-Stühlen liegen hatte. Martin analysierte natürlich gezielt „Das kann nur ein Scharlatan, ein Aufschneider sein, sonst würde er die englische Ausgabe lesen und die hätte dann auch schon ordentlich Knitter und Falten vom „Gelesen-Werden“. Und auf seinem Laptop guckt er sich sicher nur anzügliche Bilder an und hackt ein Bißchen auf der Tastatur herum um unauffällig, aber auffällig beschäftigt zu wirken, schlussfolgerte er … „Franzi, lass Dich bloß nicht auf den ein. Das ist garantiert ein Heiratsschwindler, der nur an Deine Kohle ran will!!!“
Franziska war gerade im Begriff, die Cappucino-Tasse anzusetzen, um ein kleines Schlück´chen Café mit viel viel Sahne auf der Zunge zergehen zu lassen, doch konnte sie gerade noch die Tasse absetzen, ohne eine Überschwemmung auf dem Tisch anzurichten oder gar die Schwarzwälder Kirsch-Torte in Cappucino zu ersäufen und mußte loslachen und schimpfte „Martin, Du bist wirklich ein Depp. Mit Dir kann man nirgends hingehen, ohne sich zu blamieren!“
Martin grinste fragend: „Wieso? Du hattest doch das Spielchen vorgeschlagen zu erraten, `wer von Beruf was ist´! Immer bin ich an allem Schuld! Das ist Männer feindlich, das ist Minderheiten-Diskriminierung. Immerhin gehöre ich einer Minderheit an. Zweiundfünfzig Prozent der Weltbevölkerung sind Frauen. Daraus resultiert, dass achtundvierzig Prozent Männer sind. Ich bin also eine Minderheit. Zugegeben, den meisten Blödsinn, wie Kriege und den ganzen Börsen-, Geld- und Finanz-Schwachsinn verbocken die Männer. Es könnten daher ruhig noch mehr Frauen und weniger Männer auf der Welt sein. Aber dadurch würden die Männer nicht weniger Schwachsinn verzapfen oder die Frauen deren Platz übernehmen und das ganze kopierte Fehlverhalten dann mit `Emanzipation, Gleichberechtigung´ rechtfertigen, auch den selben Mist, wie das Kopf-schwache, Instinkt-gesteuerte, Fußball-Schädel tragende Geschlecht verbocken. Aber nichts desto trotz möchte ich betonen, dass ich einer Minderheit angehöre, die zu schützen ist. Aber ich sag nichts mehr. Nachher verschluckst Du Dich noch und ich bin dran Schuld...“ grinste er weiter, nahm die Kuchengabel und drückte mit der linken Kante der Kuchengabel ein Eck seines `Hessischen Apfeltraum´ ab, denn er ist Rechtshänder und führte genuß-süchtig das Stück Sahne-Biskuit zu seinen Lippen und ließ es langsam auf der Zunge zerschmelzen. Hessischer Apfeltraum ist eine Erfindung seiner Freundin, eine super-leckere Löffelbiskuit-Torte mit Mascarpone, Zimt und aromatischen Äpfeln in Anlehnung an Tirra-Missou und haut jeden vor Begeisterung um, der diese Torte das erste Mal kostet. Der Pächter des Cafés ist ein Freund seiner Freundin und daher gibt es den Hessischen Apfeltraum im Schirn-Café. Der Wirt beobachtete Franzi und Martin amüsiert schon eine Zeit lang und brachte beiden unaufgefordert eine weitere Tasse Cappuccino und jedem ein Glas Wasser. Martin und Franzi beendeten im beiderseitigem Einvernehmen ihr Spielchen und unterhielten sich lieber über den Teil der Ausstellung, den sie bereits angeschaut hatten. Zuvor musste er ihr aber berichten, wie seine mündliche Steuer-Abschluss-Prüfung verlief, was erneut ein Attentat an Franzis Zwerchfell war.
Viele Dinge der Yoko Ono – Ausstellung gefielen Martin nicht, viele Dinge gefielen Martin hingegen sehr. Doch fragte er sich, warum für jedes Kunstwerk sich Yoko Ono immer erklären müsse. Er war der Meinung, dass es doch scheiß-egal ist, was der Antrieb war, ein Kunstwerk zu schaffen. Dass man etwas einfach so drauf los kreiert, darf offenbar nicht sein oder gelte als unserieuse. Ein Name für ein Kunstwerk wäre schon irgendwie nötig, um eben ein Kunstwerk titulieren zu können, über das man gemeinsam redet. Doch es muss doch nicht alles eine Begründung haben. Entweder es gefällt oder eben nicht. Sein Onkel wäre auch Künstler und dieser meint, dass er intuitiv und nicht rationell arbeite, jedoch natürlich Techniken für die Erstellung seine Werke verwende, die er im Laufe seines Schaffens sich angeeignet habe. Aber eine Begründung, eine Erklärung, warum und wieso das Werk entstanden sei, wäre reiner Blödsinn, denn Kunst sei intuitiv und nicht rationell. Wenn man natürlich naturalistisch arbeite, wäre das was anderes. Da will man was kopieren, im Grunde auch im Kubismus oder im Impressionismus. Das wurde seinem Onkel auch im Städl so bestätigt, nachdem er nach seiner Flucht aus Radeberg, damals noch DDR, nach dem Kunststudium in Dresden dort angenommen wurde und studieren durfte. Jedes Kind braucht aber seinen Namen und daher erhalten die Kunstwerke auch einen Namen. Fertig. Die Argumentation seines Onkel Otto, so heißt er, nicht zu verwechseln mit dem Pausen-Männchen im Hessischen Rundfunk, das durch Werbung wegrationalisiert wurde, empfand Martin nur als logisch, erklärte er seiner Begleiterin.
Franziska wunderte sich über die unbestellten Getränke und schaute Martin fragend an. Martin erhob sich und bot dem Wirt die Hand: „Franzi darf ich Dir Andreas vorstellen. Er hat mit meiner Freundin zusammen in unserer Schule gleichfalls eine Umschulung gemacht, allerdings Jahre vor unserer Zeit. Beide haben in einer Klasse zusammen Industrie-Kaufmann gelernt. Und Andreas hat später dann die Gelegenheit beim Schopf erfolgreich gepackt und das Café pachten können. Andreas, dass ist meine Kollegin Franziska. Wir machten gemeinsam die Ausbildung und wir hatten in Rechnungswesen auch euren Dozenten Friedhelm Mopp aus Michelbach im Odenwald, der ja jetzt, wie ich auch, in Sulzbach wohnt, allerdings nicht im selben Viertel wie ich und wahrscheinlich auch nicht so schön wie ich, sondern eher aufgesetzt spießig, wie halt Otto-Normal-Bürger. Ich habe ihn noch nie in Sulzbach gesehen. Falsch, das ist nicht richtig. Auf einem Altstadtfest hatten wir einen Info-Stand von der Bürgerinitiative und da kam auch unser CDU-Bundestags-Abgeordnete Riesenhubert an unserm Stand vorbei, reichte mir die Hand und gratulierte mir, dass ich(!), nicht etwa die Bürgerinitiative, dem arroganten Eschborner CDU-Bürgermeister, so erfolgreich die Stirn geboten habe. Es gibt Fotos davon, wie´s Riesenhuberle mir die Hand schüttelt, mit mir kollegial Späße macht und mir freundschaftlich auf die Schulter klopft. Ist mir zwar peinlich, aber auch wiederum spaßig, nicht wahr?“
Franziska staunte Bauklötze und erhob sich gleichfalls, das heißt, sie versuchte es, denn Andreas nahm statt dessen einen Stuhl und setzte sich zu ihnen, zwischen beide und winkte seiner Bedienung zu, sie möge ihm bitte auch das gleiche bringen. Andreas erklärte, er habe von vornherein diese Ausbildung nur machen wollen, um das Know-How des Buchhaltungswesens zu lernen, denn er wollte keinen Chef mehr über sich haben, sondern selbständig sein. Sein Medizin-Studium habe er abgebrochen, weil die Professoren in Münster, glaube er, war das, mit den Leichen in der Anatomie umgingen, wie mit Dreck, wie die Nazis eben. Als ein Prof. in einer Vorlesung streng und ernst sagte, dass Studentinnen, die ihre Tage hätten, sich doch bitte in den oberen Reihen platzieren sollten, weil er den Menstruations-Geruch so Ekel erregend fände, war Schluß. In der Anatomie-Übung wären die menschlichen Gehirne vom Prof. zu den Präparations-Tisch in seiner nächsten Nähe wie Handbälle den Studenten zugeworfen worden. Das war an einer anderen Uni, an die er gewechselt ist. Genau weiß er es aber nicht mehr, was in welcher Uni vorgefallen war Bochum oder Hannover. Er mochte daher nicht mehr Medizin weiterstudieren. Dann wechselte er das Studium. Und eigentlich wäre er Diplom Sozialpädagoge, doch den ganzen Tag mit Verhaltensauffälligen oder mit durch die Medien und Computer-Spielen aufgedrehten Schülern umgehen zu müssen, hätte ihn auf Dauer umgebracht. Daher musste er etwas anderes machen und kehrte nach Frankfurt zurück. Franzi war Feuer und Flamme und Andreas war auch nicht abgeneigt. Wie Martin wusste, waren ja beide ungebunden und so machte er sich jetzt einen Spass und fragte: „Hi Kinder. Wenn ich störe, kann ich mich ja alleine künstlerisch weiterbilden. Soll ich gehen?“ fragte er frech. Beide wurden sichtbar rot und schauten Martin böse an, konnten seinem blöden, breiten Grinsen aber nicht widerstehen, grinsten dann auch und Franzi holte aus, um Martin angedeutet eine `runter zu hauen´ weil Martin sie beide beim Flirten ertappt hat und frech sie aus dem Schmachten mit einem Eimer kalten Wasser verbal Schock therapierte.
„Es freut mich sehr, dass Ihr Gefallen aneinander gefunden habt. Ich finde das klasse! Franzi, wollen wir uns überhaupt noch die Ausstellung weiter anschauen? Denn alles zusammen würde doch auch ganz schön anstrengend werden“, stellte Martin in den Raum.
Andreas musste leider zugegeben, dass er auch nicht viel Zeit hätte und in seinen anderen Laden, das Café Nordend nach dem Rechten schauen gehen müsste, daher auch bald aufbrechen wird.
„Martin, klar gucken wir uns die Ausstellung, soweit wir können, noch an. Du wolltest mir ja auch die Kleinmarkthalle noch zeigen. Die möchte ich schon gerne kennen lernen.“ Verlegen und dabei wieder rot werdend, bat sie Martin´s Freund um dessen E-mail oder Telefon-Nummer und Andreas gab ihr beides und betonte, er würde sich über ein Treffen riesig freuen.
Sie verabschiedeten sich von einander und Martin und Franzi setzten ihren Rundgang fort. Viel Schrott war aber zu sehen: Halbierte, weiss getünchte Stühle, die an eine ebenfalls weiße Wand in über-Kopf-Höhe montiert wurden etc. Da mache solche Arbeiten nur der Name des Künstlers diese Werke zu Kunstwerken, wobei Franzi Martin in seiner Meinung Recht gab. Aber so ist es ja häufig in fast jeder Kunstrichtung, aber auch in der Politik, in der Mode und bei den Marken-Autos, wie BMW, Audi, Mercedes Benz, VW, Porsche, Ferrari, Bentley und wie sie alle heissen...
Bald beschleunigten beide das Tempo etwas und überflogen nur noch die einzelnen Objekte, scannten sie oberflächlich ab, ohne sie eigentlich noch richtig wahr zu nehmen. Irgendwann urplötzlich schlugen sie sich gleichzeitig gegenseitig vor, ob man nicht lieber Schluß machen sollte, um in der Kleinmarkthalle etwas Deftiges zu Essen und ein zwei Bier zu trinken, denn was hier noch geboten werde, wäre eh nur noch Schrott. Die automatisch anhörbare Schallplatten-Sammlung war auch noch ganz lustig, aber es würde langen, meinten beide.
Martin war glücklich, dass Franzi die selbe Eingebung hatte. Sie machten aber keine Eile und zogen es vor, langsam zu machen, „easy going“, wie es Franzi nannte.
