Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Der Blogger - Patrick Brosi

Ein Ruderer verschwindet spurlos aus seinem Boot. Der Vermisste ist der weltweit bekannte Enthüllungsblogger René Berger, der die Pharmaindustrie durch geleakte Insiderinformationen an den Pranger gestellt hat. Wurde er aus dem Weg geschafft? Und was geschah mit der jungen Journalistin Marie Sommer, die dem öffentlichkeitsscheuen Blogger auf der Spur war? Ein intensiver, spannungsgeladener Thriller über die Unmöglichkeit, das richtige Leben im falschen zu führen.

Meinungen über das E-Book Der Blogger - Patrick Brosi

E-Book-Leseprobe Der Blogger - Patrick Brosi

Patrick Brosi wurde 1987 in Backnang bei Stuttgart geboren und studierte nach Abitur und Zivildienst Geschichte und Informatik in Tübingen und Freiburg. Er lebt und arbeitet in Freiburg.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2015 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Nina Schäfer Lektorat: Lisa Kuppler eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-862-5 Originalausgabe

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Prolog

Der junge Mann ließ den Blick über den See schweifen, dann trat er näher. Martin schätzte ihn auf Ende zwanzig. Sein Gesicht wirkte freundlich, einnehmend. Spross reicher Eltern, dachte Martin. Beige Cordhosen, darüber eine ebenfalls erdfarbene Fleecejacke, deren hoher Kragen geschlossen war. Über der linken Schulter hing lässig ein lederner Rucksack. Der Mann kam Martin bekannt vor. Während der Saison kannte er die meisten Touristen vom Sehen, fast alle hatte er früher oder später als Kunden.

»Vermieten Sie noch?« Der junge Mann zeigte auf die lückenlose Reihe der an Land gezogenen Ruderboote.

»Zieht zu«, antwortete Martin knapp und legte den Kopf in den Nacken. Am Vormittag war der Himmel klar gewesen, jetzt begann das Wetter umzuschlagen. Es war Anfang September, die Hochsaison war hier oben schon vorbei. Den letzten Kunden hatte Martin vor fast zwei Stunden gehabt.

»Macht nichts. Wie viel für eine Stunde?«

»Tretboot zwölf, Ruderboot zehn.« Martin versuchte sich daran zu erinnern, wo er dieses Gesicht schon einmal gesehen hatte.

»Dann ein Ruderboot für eine Stunde.«

»Eine Person?«

»Mhm.«

»Zehn Euro, bitte.«

Aus dem Fernsehen. Kannte er ihn aus dem Fernsehen? Martin war sich nicht sicher. Der Mann überreichte ihm einen zerknitterten Schein.

»Danke.« Er wandte sich um und verstaute den Zehner in der Kasse.

»Wie tief ist der See eigentlich?«, fragte der Mann hinter ihm.

Martin schloss die Kasse. »Der hat schon seine vierzig Meter an einigen Stellen.«

Der Mann nickte. »Ganz schön tief, oder? Sieht man ihm nicht an.«

»Sie kommen zurecht mit dem Boot?«

»Klar.« Der junge Mann zog eine Medikamentenpackung aus der Jackentasche, drückte eine Pille durch den Blister und steckte sie sich in den Mund. »Schönes Wetter, oder? Bringt einen richtig in Stimmung.«

War das missglückter Sarkasmus? »Sie haben bis zehn nach fünf.«

Er half ihm, das Boot in den See zu ziehen. Der Mann entfernte sich mit kräftigen Ruderzügen vom Ufer. Martin schaute ihm einige Zeit nach. Vom Feldberg her schoben sich dichte graue Wolken über das Tal. Der Wind wurde stärker. Martin zog seine Jacke zu, rieb sich die Hände, ging die wenigen Meter zur Uferpromenade und betrat das Seecafé.

Hinter dem Tresen stand Claudia. Sie nickte ihm lächelnd zu. Er setzte sich auf einen der Barhocker.

»Schwarz?«, fragte Claudia. Sie trug die Haare heute offen.

Er nickte.

»Kommt sofort.« Sie verschwand in die Küche, kurz darauf war das Fauchen der Kaffeemaschine zu hören. Martin nahm sich eine zerschlissene Ausgabe des Spiegel vom Zeitschriftenstapel, legte sie jedoch wieder zurück, nachdem er das Inhaltsverzeichnis überflogen hatte.

Claudia kam zurück und stellte die Tasse vor ihm auf die Theke. »Bleibst du nur kurz?«

»Hab einen Kunden draußen.« Er nahm einen Schluck Kaffee und wischte einen Tropfen vom Tassenrand. »Komischer Typ.«

Claudia sah ihn an. »Der Kunde?«

»Rudert aber ganz gut.«

Sie schaute an Martin vorbei durch das Panoramafenster, hinaus auf den See. »Was meinst du?«

»Er rudert ganz gut.« Martin schüttelte den Kopf. »Ist doch idiotisch, bei dem Wetter rauszufahren. Man sieht doch gar nix.« Er beugte sich über den Tresen, um das Schälchen Erdnüsse hervorzuangeln, das Claudia immer für sich selbst bereithielt.

»Das blaue Boot?«, fragte sie jetzt und kniff die Augen zusammen.

»Jep, das blaue. Kannst du mir…?« Martin fingerte unter dem Tresen herum, fand das Schälchen aber nicht.

Claudia schob es ihm hin, ohne den Blick vom See zu nehmen. Sie runzelte die Stirn.

TEIL EINS

Shake it, shake it baby

Shake your ass out in that street

You’re gonna make ’em scream someday

You’re gonna make it big

Regina Spektor, »Ballad Of A Politician«

Marie (I)

Einen Monat zuvor– 5.August

DER ICE SCHOSS durch einen verfallenen Provinzbahnhof irgendwo vor Wittenberge. Marie versuchte, das Stationsschild zu entziffern. Wahrscheinlich erst Glöwen. Links war ein kleinbürgerliches Wohnviertel zu sehen, rechts flog ein Industriegebiet vorbei, dann tauchte der Zug in einen dunklen Tannenwald. Dahinter ging bereits die Sonne unter. Es war etwa acht Uhr. Ein lauer Augustabend. Marie trug einen schwarzen Rock, darüber das enge rote Oberteil– ihr Manipulations-Top, das die Brüste besonders gut betonte und auf Jonas einen unwiderstehlichen Einfluss ausübte. Sie zupfte es zurecht. Die baldige Ankunft in Wittenberge wurde durchgesagt. Sie klappte den Laptop auf.

Marie fühlte sich müde. Umfassend müde, wie sie Thomas Sessenheim einige Stunden zuvor klargemacht hatte, als sie die Story erneut abgelehnt hatte. Keine Müdigkeit, die mit einer Tasse Kaffee oder zehn Stunden Schlaf zu kurieren gewesen wäre. Thomas, ihr Chefredakteur, hatte gesagt: »Burn-out, hehe.« Und ihr einen Schulterstoß verpasst. Jonas hatte einige Tage zuvor bemerkt: »Du arbeitest zu viel.« Ein Psychologe hätte wahrscheinlich eine Depression festgestellt. Marie hatte tatsächlich häufig den Wunsch, ein oder zwei Sitzungen auf der Couch zu absolvieren. Was sie davon abhielt, war Scham. Sie wusste nur zu gut, weshalb sie in den letzten Monaten so antriebslos geworden war.

Neben ihr sagte eine entnervte Stimme offenbar zum zweiten Mal: »Die Fahrscheine bitte.«

Marie blickte auf. »Entschuldigung.« Sie kramte in ihrem Geldbeutel und zog die zerfledderte Strecken-Jahreskarte Hamburg–Berlin heraus, die die Redaktion ihr bezahlte. Mit einem zerknirschten Lächeln zeigte sie sie.

Es war ihr gekränkter Ehrgeiz. Sie wusste, dass ihre Antriebslosigkeit allein von der Tatsache herrührte, dass sie trotz jahrelanger Arbeit, trotz des Pendelns zwischen dem Studium in Hamburg und dem Praktikum in Berlin, trotz aller möglichen Teilnahmen an Workshops und Journalismuswettbewerben noch keinen Schritt weitergekommen war. Sie war fünfundzwanzig, und sie war ein Niemand, ein Nichts, kein Mensch kannte ihren Namen. Dass sie nur deshalb an einer beginnenden Depression litt, weil sie wegen des ausbleibenden Erfolgs beleidigt war, konnte sie doch keinem Psychologen anvertrauen. Vollkommen lächerlich. Es gab doch Menschen mit richtigen Problemen.

In der Adresszeile ihres Browsers blinkte der Cursor erwartungsvoll. Marie loggte sich auf der Homepage der Universität ein. Seit Wochen wartete sie auf die Bewertung einer Hausarbeit. Sie besuchte dieses Seminar bereits im zweiten Anlauf. Schon im Wintersemester war sie für die gleiche Prüfungsleistung angemeldet gewesen, aber im letzten Moment abgesprungen. Die Belastung in der Redaktion war zu groß geworden. Offiziell war sie damals wegen der Nicht-Abgabe der Hausarbeit durchgefallen. Eine kleine, dumme Formalität. Dieses Semester hatte Marie sich Mühe gegeben und hoffte auf eine einigermaßen gute Bewertung. Doch in der Notenübersicht stand wie gehabt ein kleines Fragezeichen. Sie öffnete den Mail-Client.

Thomas hatte ihr geschrieben. »Marie, überlege es dir noch mal, bitte. Bitte! Bitte!!!«

Sie tippte: »Thomas, alles, was ich diesen Sommer brauche, sind ein paar ruhige Wochen mit meinem Freund. Außerdem muss ich mich endlich mal wieder um mein Studium kümmern. Ich bin die Falsche dafür. Das ist kein Journalismus, dafür brauchst du einen Paparazzo.«

Seit Tagen sprach Thomas von nichts anderem. Eine anonyme Quelle hatte René Berger in einem Touristenort gesehen. Thomas wollte jemanden vor Ort haben, falls sich eine Story entwickeln sollte. Es war eine jener vagen Eingaben, die ihn alle paar Wochen überfielen und die er dann mit einer beinahe neurotischen Verbissenheit umsetzen musste. Er hatte Marie deswegen schon auf Mitarbeiterversammlungen der Berliner S-Bahn geschickt, auf Wahlkampfveranstaltungen in der brandenburgischen Provinz, selbst am Rande der Beerdigung einer NPD-Größe hatte Marie im letzten Jahr zusammen mit einem Fotografen gestanden, der sich nicht getraut hatte, auch nur ein einziges Foto zu schießen. Auch Marie war unwohl gewesen. Bei alldem war nichts herausgekommen.

Und jetzt also die Sache mit René Berger. Dabei war über die Geschichte bereits Gras gewachsen. Berger, ein bis vor wenigen Monaten völlig unbekannter Blogger, war Anfang des Jahres auf irgendeine Weise an Dokumente gekommen, die belegten, dass der Pharmariese mediPlan monatelang von den tödlichen Nebenwirkungen eines Medikamentes gewusst und dieses trotzdem nicht vom Markt genommen hatte. Einige Tage war Berger auf allen Kanälen gewesen, ein charismatischer, eloquenter Blogger Ende zwanzig, der über seine Quellen kein Wort verloren hatte. Die Presse hatte versucht, Berger zu einem zweiten Julian Assange zu stilisieren. Es hatte einige Fernsehauftritte gegeben. Dann jedoch hatte Berger sich zurückgezogen und alle Interviews verweigert. Die Journalisten hatten bald das Interesse verloren.

Alle, bis auf Thomas Sessenheim.

Maries Handy vibrierte, es war seine Nummer. Sie konnte sich genau vorstellen, wie er sie doch noch überzeugen wollte. »Das könnte eine große Geschichte werden, glaub mir. Wir müssen investigativ sein, Marie, wir müssen abseits der ausgetretenen Pfade denken. Wir können es uns als kleine Independent-Zeitung nicht leisten, den Themen der Print-Dinosaurier hinterherzulaufen.« Dabei war es genau das, was »The Berlin Post« seit Jahren machte, auch mit dieser Geschichte. Thomas hoffte einfach nur, seinen eigenen entpolitisierten Privat-Snowden zu bekommen. Aber Marie konnte nicht in einem Dorf im Harz oder sonst wo sitzen und warten, bis sich Berger zeigte. Das war kein Journalismus mehr, das war Stalking. Sie drückte Thomas weg.

Er versuchte es sofort noch einmal.

Wieso sie? Wieso musste es unbedingt sie sein, die die Persönlichkeitsrechte von Berger verletzte? Marie steckte das Handy in ihren Rucksack und verließ den Platz Richtung Toilette, obwohl sie gar nicht musste.

Sie prüfte ihr Gesicht im Spiegel, rückte ihr Top zurecht und benetzte sich die Wangen mit etwas kaltem Wasser. Nach einer kurzen Massage des Nasenbeins verließ sie die Toilette wieder und ging zurück zu ihrem Platz.

Marie hatte einen der Einzelsitze ergattert, die sich jeweils am Ende eines Großraumabteils befanden. Sie mochte es, ohne Sorge vor einem unangenehmen Nebensitzer zu reisen.

Doch jetzt stand jemand an ihrem Platz.

Marie hob den Kopf. Hatte sie sich im Wagen geirrt? Nein, da war ihr Rucksack, immer noch an den Sitz gelehnt, vor dem jetzt ein drahtiger, hochgewachsener Mann stand. Marie schätzte ihn auf etwas jünger als sich selbst, vielleicht knapp über zwanzig. Er trug ein gelbes T-Shirt und karierte Shorts und hatte krauses schwarzes Haar.

Marie kam näher.

Er tippte mit einer Hand auf der Tastatur ihres Laptops.

»He! Entschuldigung?«

Er riss den Kopf erschrocken nach oben, öffnete mehrmals den Mund, schaute sich um. Dann lächelte er. »Oh, sorry. Ich hab mich hinreißen lassen. Tut mir leid, was hab ich mir dabei gedacht.« Sein enormer Adamsapfel hüpfte bei jeder Silbe.

Marie sagte nichts. Sie betrachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen. Er nestelte an einer Falte seiner Shorts herum. Offenbar war er schüchterner, als sie auf den ersten Blick gedacht hatte.

Er sagte: »Das ist das neue MacBook, oder nicht?«

Sie runzelte die Stirn. Die Redaktion hatte ihr den neuen Laptop bezahlt.

»Sorry, ich wollte nur– ich habe gesehen, wie du– ich dachte– nur einmal anfassen. Sorry, es tut mir so leid. Es ist ja sowieso passwortgeschützt, ich hätte ja sowieso nichts– ich wollte nur mal die Tastatur– ich will mir selbst eines– sorry!« Er trat beiseite und bat mit einer unbeholfenen Geste Marie den Sitz an. »Sorry!«

Sie setzte sich und betrachtete ihn, immer noch unschlüssig.

Jetzt lächelte er breit. »Supergerät, oder? Hast du Probleme gehabt damit?«

Marie hob langsam die Schultern, ohne den Blick von ihm zu nehmen. »Das nächste Mal vielleicht fragen, okay?«

»Klar, klar«, sagte er schnell. »Klar! Ich wollte nur mal– klar. Ich dachte nur… weil wir… Kennst du mich nicht?«

»Sollte ich?«

»Du machst doch auch ein Praktikum bei der Berlin Post, oder nicht?« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Wir sind Kollegen. Simon. Ich schreibe die Techniktests. Kürzel sm.« Er kicherte wie ein kleines Kind.

»Ach.« Marie zwang sich, möglichst gleichgültig zu klingen. »Marie.«

»Ich weiß. Wir sind vorher schon gemeinsam in der U-Bahn gesessen. Und dann gemeinsam in den Zug gestiegen. Hast du mich nicht gesehen? Ich wollte dich schon auf dem Bahnsteig ansprechen, aber dann… Ich bin die ganze Zeit dahinten gesessen.« Er wies mit dem Finger auf das andere Ende des Abteils.

»Wohnst du auch in Hamburg?«

»Ich besuche jemanden«, sagte er knapp. »Ich lasse dich jetzt in Ruhe. Gute Reise noch.« Er wandte sich um.

»Danke«, murmelte Marie. Sie beugte sich zur Seite und schaute ihm hinterher. Keine Ahnung, was sie davon halten sollte. War das eben eine unbeholfene Anmache gewesen? Auf der nächsten Redaktionskonferenz musste sie jemanden über ihn ausfragen– wie war sein Name noch? Simon.

Sie versuchte zu schlafen, doch es gelang ihr nicht.

Zwischen dem Hauptbahnhof und Altona nahm Marie ihr Handy wieder aus dem Rucksack. Thomas hatte es noch sechzehn Mal versucht.

SEIT SEINER KINDHEIT störte ihn etwas an den Proportionen des Basler Münsters, doch er hätte niemals genau formulieren können, was. Waren es die Türme als Einzelnes, war es ihr Zusammenspiel, waren sie zu schlicht, zu überladen, zu groß, zu klein im Verhältnis zum Kirchenschiff, war es die mangelnde Symmetrie, oder war es das seltsam verzogene Dreieck, das sich einem bei der Frontalansicht als Grundform präsentierte und zu dem die Türme in keinster Weise zu passen schienen? Täglich stellte sich Michael Balsiger diese Fragen, immer wenn er mit dem Tram von Kleinbasel herkommend die Mittlere Brücke überquerte.

An vielen Tagen musste er den Blick von der Rheinfront abwenden. Natürlich, man konnte dem Münster die unzähligen Erdbeben zugutehalten, die es im Laufe der Jahrhunderte überstanden hatte. Aber anderswo gab es auch Erdbeben, und dort hatte man schöne Kirchen gebaut. Wieso nicht hier? Und was stimmte nicht an den Proportionen? Wo lag der Fehler? Wieso war nie ein Kenner der Materie, ein Architekt oder ein Kunsthistoriker, darauf gekommen, den Grund dieses unfertigen Gesamteindrucks herauszufinden? Es zehrte an ihm.

Er beschloss, an der Schifflände auszusteigen und an der alten Universität vorbei hinauf zum Münsterplatz zu laufen. Er musste es jetzt wissen, er musste einen erneuten Eindruck gewinnen. Eventuell hatte die Fassade durch das Entfernen irgendeines Baugerüsts inzwischen ein ganz anderes Aussehen erhalten, eventuell war durch Restaurationsarbeiten in den letzten Tagen irgendwo ein fehlender Stein hinzugefügt worden, der die Fassade endlich abschloss und diese fast schmerzhafte Unruhe behob. Irgendetwas mussten die Verantwortlichen doch machen.

Das Tram erreichte die Schifflände, er stieg aus. Es war bereits später Abend, der Himmel blutrot. Vielleicht hätte er doch weiterfahren sollen. Im Abendrot sahen die Dinge immer besser aus, vor allem Sandstein, da war ein objektives Urteil natürlich unmöglich. Er überquerte die Straße. Das Fraumünster in Zürich, das war eine Kirche, da war nichts Überflüssiges daran, schlank, glatte Wände, elegant, die Proportionen des Turmes perfekt. Alles passte, nichts musste man wegnehmen und nichts hinzufügen, eine Reduktion auf das Wesentliche, ganz im Geiste Zwinglis, wobei Michael nicht wusste, ob die Kirche vor oder nach Zwinglis Wirken gebaut worden war. Wahrscheinlich davor, aber der Geist war dennoch schon vorhanden gewesen. Das war eine Kirche.

Auf Höhe der Martinsgasse sah er ein, dass es eine dumme Idee gewesen war. In wenigen Minuten würde es sowieso dunkel sein. Er blieb stehen und stützte sich an einer Hauswand ab. Seit einigen Jahren machte ihm seine Hüfte zu schaffen, die Schmerzen waren erträglich, aber lästig. Er griff in die Innentasche seines Mantels und zog die Diclofenac-Packung heraus. Nur eine einzige heute, ermahnte er sich, nur eine einzige. Er drückte die Pille heraus, warf sie aus der hohlen Hand in den Mund und ging dann Richtung Rathaus. Schon nach wenigen Minuten ließ der Schmerz nach. Er stieg am Marktplatz in ein Tram zum Bahnhof SBB und fuhr mit der S-Bahn nach Muttenz.

Michael Balsiger wohnte in einem ruhigen Wohngebiet am Ortsrand, das Haus war groß, eine Idee seiner Frau, sie hatten es damals neu gebaut. Er hätte sich am liebsten einen kleinen Altbau gekauft, vielleicht zurückhaltender Jugendstil, aber es war anders gekommen. Geld war immer da gewesen. Seine Stellung hatte er seit siebenundzwanzig Jahren, sie war absolut sicher und beinahe unverschämt gut bezahlt. An der Börse war der Konzern das am zweithöchsten dotierte Pharmaunternehmen, mit Sitzen in der ganzen Welt, das seine Wurzeln in einer Kölner Farbenmanufaktur hatte und nach der letzten Fusion seinen Hauptsitz von Düsseldorf nach Basel verlegt hatte. Seitdem arbeitete Michael in der Zentrale, zumindest offiziell. Die wirklichen Entscheidungen wurden immer noch in Düsseldorf getroffen.

Die Umsätze waren astronomisch. Als Büroleiter hatte er Einblick in die Zahlen. Er hatte sich von ganz unten hochgearbeitet, hatte jahrelang im Werk bei Kleinhüningen Gabelstapler gefahren, war aufgestiegen zum Lagerleiter, schließlich zum Bereichsleiter, er hatte sich stets weitergebildet, hatte an einer Abendschule die Matura nachgemacht. Die Verlegung des Firmensitzes hatte die Nachfrage an Verwaltungspersonal in die Höhe schnellen lassen, er war schließlich in die Bürogebäude in der Stadt versetzt worden. Während seiner Zeit als Mitarbeiter hatte das Unternehmen insgesamt dreimal den Namen gewechselt.

Von der Bushaltestelle waren es noch etwa fünf Minuten zum Haus. Michael Balsiger lief diesen Weg jeden Abend, manchmal sogar später als heute. Seine Frau kochte ihm etwas, danach schaute er die Tagesschau auf SF1, las dann eventuell noch ein Buch zur Architekturgeschichte oder zu gotischen Kirchenbauten. Die Kinder waren alt genug, um sich selbst zu beschäftigen. Peter saß die meiste Zeit vor dem Laptop. Seine Tochter Gisele verbrachte ihre freie Zeit mit Shoppingtouren ins benachbarte Ausland.

»Du bist spät heute, Michael.« Sybille kam ihm im Flur entgegen, sie knipste das Licht nicht an.

»Wurde aufgehalten im Büro.«

»Wir müssen reden. Kommst du gleich in die Küche?«

Wahrscheinlich hatte Gisele in der Schule wieder ein »Ungenügend« abgeliefert. Michael stellte den Aktenkoffer auf die Treppe. Die Fassade des Münsters schob sich wieder vor sein inneres Auge, er schüttelte langsam den Kopf.

»Was? Kommst du nicht?«

»Lass mich nur kurz die Schuhe ausziehen.«

Sybille drehte sich um und verschwand in der Tür.

»Sind die Kinder nicht da?«

Betont beiläufig rief sie: »Ich hab sie zur Großmami geschickt.«

Das alarmierte Michael etwas. Sybilles Eltern wohnten fast bei Sankt Gallen. Wie waren sie dorthin gekommen? Mit dem Zug? Oder hatte sein Schwiegervater sie abgeholt? Friedrich war schon über achtzig und traute sich normalerweise höchstens, noch zum Supermarkt zu fahren. Er zögerte das Ausziehen der Schuhe etwas hinaus.

»Michael?«, rief Sybille aus der Küche.

Hatte sie sie am Nachmittag selbst nach Sankt Gallen gefahren?

Er schaltete jetzt doch das Licht an, der Flur erstrahlte im Flutlicht einer großen Deckenlampe. Alles sah aus wie aus einem Designer-Prospekt, sehr steril, weiß, die Schuhe wurden in ein Modulsystem eingeordnet, und die Mäntel hingen an großen, massiven Metallteilen, die wie stumpfe Fleischerhaken aussahen, von denen Sybille jedoch behauptet hatte, dass das jetzt in sei. Er ging durch das Wohnzimmer, das in dunklen Tönen eingerichtet war, fast schwarz. An der Decke hing ein massiver Leuchter, der den Stil der Fleischerhaken im Flur, nun ja, zitierte und so schwer war, dass Michael einen ganzen Samstag damit hatte verbringen müssen, eine neue Verankerung in die Decke zu treiben. Das alte Wohnzimmer hatte ihm besser gefallen, eine bodenständige Neunziger-Jahre-Einrichtung, damals billig im Angebot gekauft. Es hatte über zwanzig Jahre gehalten. Und jetzt dieser IKEA-Mist, der natürlich nur aussah wie von IKEA, in Wahrheit aber für eine fünfstellige Summe bei einem hochpreisigen Einrichtungshaus gekauft worden war.

Früher hatte er vor dem Fernseher essen können, er hatte sich einen Wein oder ein Bier gönnen dürfen, während er eine Dokumentation geschaut hatte. Das war nun alles per Sybille-Dekret verboten, jeder Weinfleck auf dem Teppich konnte tausend Franken kosten, und ein Soßenfleck auf dem Sofa– Gott bewahre, dann hätte man es zum Polsterer bringen müssen, denn natürlich konnte man den Bezug nicht abnehmen und waschen. Das war, laut Sybille, ein Zeichen von Qualität.

»Michael!«

»Komme.«

Vielleicht sollte er einen großen Kunstdruck der Münsterfassade kaufen und über den Esstisch hängen, um sich ein für alle Mal an den Anblick zu gewöhnen.

Er betrat die Küche. Sybille hatte eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser auf den Tisch gestellt. Sie zupfte sich mit den Zähnen Hautfetzen von der Lippe, offenbar war sie nervös. Er folgte ihrer Handbewegung und setzte sich.

Sie begann. »Michael, du weißt, wir hatten einige Probleme die letzten Monate…«

War das so? Er hatte keine Veränderung im Vergleich zu den letzten fünf Jahren bemerkt. Er nickte vorsichtig.

»Für mich ist das nicht immer einfach– auch gewisse Bedürfnisse…«

Michael öffnete den Mund.

»Lass mich ausreden. Gewisse Bedürfnisse sind für eine Frau wichtig. Auch in meinem Alter. Gerade in meinem Alter. Es gibt einen anderen, Michael«, sagte sie ohne Pause. »Wir haben beschlossen, dass es das Beste ist, wenn ich mich von dir trenne. Ich will die Scheidung, Michael. Mach das doch nicht jetzt!«

Er hörte auf, die Mineralwasserflasche aufzuschrauben.

»Sag doch was.«

Michael spürte das starke Verlangen, die Münsterfassade noch einmal abschließend zu betrachten. Er hätte vorher doch bis zum Münsterplatz laufen sollen. Er sagte: »Wenn du das für richtig hältst.«

»Das ist alles? Mehr hast du nicht beizutragen?«

Michael zuckte mit den Schultern. »Was willst du von mir hören?«

»Lass dir das doch nicht einfach so gefallen!« Ihr kamen die Tränen. »Das ist der Grund, wieso wir uns so auseinandergelebt haben, Michael! Deine Scheiß-Gleichgültigkeit.«

»Jetzt ist es zu spät, was daran zu ändern.« Er öffnete jetzt doch die Flasche und goss sich ein Glas voll. »Du auch?«

Sybille drehte mit geschlossenen Augen den Kopf weg. »Du stimmst also zu? Du machst keine Probleme beim Anwalt?«

»Warum sollte ich?«

»Die Kinder kommen selbstverständlich zu mir und Jürgen.«

»Jürgen? Tennis-Jürgen?«

Sybille putzte sich die Nase mit einem Taschentuch. »Er lässt grüßen. Wir ziehen zu ihm. Er versteht es, ein Haus einzurichten. Er lebt nicht in so einer– so einer sterilen Hölle wie wir hier.«

Eines der Probleme war sicher das Fehlen einer großen Fensterrosette zwischen den Türmen, wie das von vergleichbaren Kirchen in Frankreich bekannt war…

»Gepackt habe ich schon. Steht alles oben. Jürgen meinte, ich hätte dir einfach einen Brief schreiben sollen, aber das wäre– das wäre einfach schäbig gewesen.«

»Schäbig, ja.«

»Deshalb dachte ich, ich sage es dir persönlich. Du hörst dann von Jürgens Anwalt– oder besser gesagt, dein Anwalt hört von ihm. Du musst dich um gar nichts kümmern. Gebraucht wird nur deine Unterschrift. Ich nehme dich nicht aus. Von mir aus kannst du den ganzen Krempel hier behalten. Jürgen hat genug Geld. Der versteht eben zu leben.«

Vom Prinzip her, vom Giebel her erinnerte die ganze Fassade an eine Hallenkirche, eventuell hätte ein einziger, wuchtiger Turm… Aber dann wiederum war es eine Bischofskirche, und die mussten zwei Türme…

»Ich hole dann mal meinen Koffer. Es ist nicht viel, Jürgen hat schon alles mitgenommen am Nachmittag, als er die Kinder zu meinen Eltern gefahren hat.«

Sie verließ die Küche. Kurze Zeit später hörte Michael, wie sie einen Koffer polternd die Treppen hinunterzog.

Am schönsten war die Kirche immer noch von hinten. Die ganzen Probleme der Frontfassade waren von hinten überhaupt nicht zu erahnen, im Gegenteil, die kurzen, von vorne fast stumpenhaft wirkenden Türme ließen das Münster von hinten durch einen perspektivischen Trick viel länger wirken, was jedoch nur von einem bestimmten Punkt des Kleinbasler Rheinufers aus funktionierte, einige Schritte hinter der Wettsteinbrücke. Schon auf der Wettsteinbrücke selbst verpuffte der Effekt wieder.

Sybille steckte den Kopf durch die Küchentür. »Ciao, Michael. Ich nehme den Audi, der läuft sowieso auf meinen Namen.«

Er hörte, wie sie den Mantel vom Fleischerhaken nahm, wie sie die Tür öffnete, wie sie die Tür wieder schloss. Das gewohnte Rattern der Garagentür. Dann wurde der Audi gestartet, im Rückwärtsgang machte das Getriebe immer einen hohen Ton, den man in der Küche hören konnte, ein aufheulendes Brummen im ersten Gang, Sybille hatte den Wagen noch nicht ganz im Griff. Stille.

Michael Balsiger saß allein in der Küche. Er legte den Kopf auf die Arme und begann, laut und wie unter Krämpfen zu schluchzen.

DAS FLURLICHT WAR defekt. Marie schob sich in die Wohnung, schaltete stattdessen das Licht im Badezimmer an, schloss die Wohnungstür doppelt ab und schüttelte die durchgelaufenen weißen Ballerinas von den Füßen. In der Küche aktivierte sie die Kaffeemaschine.

Seit zwei Jahren wohnte sie in Altona, alleine, auf fünfunddreißig Quadratmetern, ein Zimmer mit Bad und separater Küche. Es war ein hässlicher verklinkerter Mietblock aus den sechziger Jahren, der hauptsächlich von Rentnern bewohnt war. Ruhig. Die Lage war gut, die Palmaille war in der Nähe, zur S-Bahn-Station Königstraße waren es nur fünf Minuten. Etliche Parks waren zu Fuß zu erreichen. An der Ecke gab es eine kleine Edeka-Filiale.

Marie gefiel es hier. Jonas hatte ein paarmal vorsichtig vorgeschlagen, zusammenzuziehen, aber Marie hatte die Idee immer dezent und freundlich abgelehnt. In seiner Vorstellung sollten sie zusammen in seiner Studiowohnung in Barmbek leben, über einer Kneipe und unter einer Tanzschule, wo es den ganzen Tag nach Essen roch und man nachts kein Auge zubekam. Sie stellte eine Klappleiter unter die Flurlampe.

Thomas hatte es ein letztes, verzweifeltes Mal versucht, hatte sogar auf die Sprachbox gesprochen. Er musste sich damit arrangieren. Bestimmt würde er jemand anders finden, der sich an Berger heftete. Vielleicht Viola, diese kleine Möchtegern-Feuilletonistin, die tatsächlich einmal einen Artikel über Gesamtschulen mit »J’accuse!« betitelt hatte, ganz ohne Ironie. Violas Ehrgeiz war noch frisch und unverbraucht. Sie erinnerte Marie an sich selbst zwei Jahre zuvor. Dieser verdammte Lampenschirm–

Der Schirm fiel krachend auf den Boden, zum Glück war er aus Plastik. Marie ersetzte die Birne, dann betätigte sie mit dem Fuß den Schalter an der Wand– nichts. Sie fluchte.

Eventuell die Sicherung. Sie kletterte von der Leiter, ging zum Sicherungskasten hinter der Wohnungstür und öffnete ihn. Bingo. Einer der fünf Schalter war umgesprungen.

Marie drückte ihn nach unten, das Flurlicht ging an, sie ließ ihn los– und er schnellte wieder nach oben, das Licht erlosch. Sie versuchte es mehrmals, doch die Sicherung sprang jedes Mal sofort wieder heraus. Im Flur war das Licht der einzige Verbraucher. Marie knipste es aus, versuchte es erneut– doch wieder sprang die Sicherung heraus. Vermutlich war noch irgendein anderes Gerät, die Lüftung oder so etwas, an das Flurnetz angeschlossen und defekt. Vielleicht war die Sicherung selbst kaputt. Marie entschied, am nächsten Morgen zum Hausmeister zu gehen. Wenn nur Jonas heute Abend noch vorbeigekommen wäre. Er hätte gewusst, was zu tun war. Immerhin studierte er Maschinenbau. Oder dieser Simon. Was hatte er gesagt? Er schrieb die Techniktests für die Berlin Post. Marie hatte nicht einmal gewusst, dass die Zeitung eine Technik-Sparte hatte.

Sie nahm den Laptop aus dem Rucksack und legte sich damit aufs Bett. Jonas war online. Sie schrieb: »hey schatz«, aber er antwortete nicht. Vermutlich schaute er irgendeine Serie, »Game of Thrones« oder »House of Cards« oder zum dritten Mal »Breaking Bad«.

Durch das geöffnete Fenster wehte eine kühle Sommernachtsbrise. Marie fühlte sich schon etwas besser als noch im Zug. Der Wunsch, alles hinzuwerfen, überkam sie mit erschreckender Regelmäßigkeit, doch meist klang er genauso plötzlich wieder ab. Nein, es ging ihr besser. Mehr aus Langeweile öffnete sie ein letztes Mal die Homepage der Universität und überflog die Notenübersicht. Keine Veränderung natürlich, sie hatte das kleine Fragezeichen hinter dem Seminar erwartet–

Doch da war kein Fragezeichen. Dort stand: »N.B.«.

Marie setzte sich ruckartig auf.

N.B.

Sie überprüfte die Legende unter der Notentabelle, mehrmals, nein, es bestand kein Zweifel, N.B. war »Nicht bestanden«. Unmöglich. Das war unmöglich. So schlecht war die Hausarbeit nicht gewesen, im Gegenteil, sie hatte sie schon als Grundlage für eine spätere Masterarbeit im Hinterkopf gehabt, es musste ein Versehen sein. Sie schrieb dem Professor sofort eine Mail.

Die Antwort kam trotz der Uhrzeit erstaunlicherweise nach nur fünf Minuten:

Sehr geehrte Frau Sommer,

nein, Sie haben ganz richtig gelesen. Es tut mir leid, dass Sie das so unvorbereitet trifft. Die von Ihnen eingereichte Hausarbeit mit dem Titel »Fallada in der Nachkriegszeit« entspricht leider nicht den Anfang des Semesters im Plenum (unter Ihrer Anwesenheit!) abgesprochenen Kriterien. Ich musste die Arbeit daher mit einer 5 bewerten, was zusammen mit der 3,3 Ihres Vortrages immer noch nicht zum Bestehen genügt.

Es tut mir leid, aber ich bin an objektive Standards gebunden.

Mit freundlichen Grüßen

A.Hauber

Marie spürte den ansteigenden Adrenalinspiegel. Erst nach zehn Minuten hatte sie die Prüfungsordnung ihrer Fakultät gefunden, sie scrollte zu den Regelungen bei Nichtbestehen, überflog sie– »Wurde eine Lehrveranstaltung auch beim zweiten Versuch nicht erfolgreich abgeschlossen, gilt das Studium als nicht erfolgreich beendet. Dies ist gleichbedeutend mit dem Verlust des Prüfungsanspruches in diesem und vergleichbaren Fächern.«

Maries Hand begann zu zittern. Das Seminar im Wintersemester, bei dem sie einfach nichts abgegeben hatte, war praktisch gesehen ein anderes gewesen, bei einem anderen Professor. Aber laut Modulplan war es die gleiche Prüfungsleistung, was bedeutete, ja, was laut Prüfungsordnung bedeutete, dass sie faktisch– faktisch–

ER HATTE AM UFER der Salzach eine junge Frau entdeckt. Mit dem linken Arm hielt sie einen in Tücher gewickelten Säugling, am rechten zerrte der etwa fünfjährige Sohn, der näher ans Wasser gehen wollte. Der Fluss schimmerte blau und einladend, doch die sich nur mühsam an den Ufern haltenden Boote ließen die enorme, gefährliche Strömung erahnen.

Er öffnete die Schreibtischschublade und zog das Fernglas hervor.

Die Frau trug ein schlichtes Leinenkleid, die Haare hatte sie streng nach hinten zusammengebunden. Durch das nach vorne drängende Kind musste sie ihren Körper etwas nach hinten beugen, sodass im Bereich ihres Bauches eine leichte Spannung entstand. Trotz ihres zarten Körperbaus hatte sie den vollen Busen einer zweifachen Mutter. Er stellte das Fernglas schärfer. Lachte sie? War sie glücklich? Vielleicht war der etwas abseits im Hintergrund stehende Schatten ihr Mann.

Das Telefon klingelte. Er seufzte. Er hasste Unterbrechungen jeglicher Art. Einer der Vorteile davon, zwanzig Meter unter der Erdoberfläche zu arbeiten, war die Ruhe, mit der man hier einen Gedanken fassen konnte. Das Telefon war eine obszöne Sonde, die die Oberwelt in sein Büro getrieben hatte. Aber es war nötig, das sah er ein. Es war nötig, um ihnen das Gefühl zu geben, dass sie ihn kontrollierten.

Er schaute auf die Nummer, seufzte erneut. Dann legte er das Fernglas beiseite und nahm ab.

»Sprechen Sie.«

»Wie läuft es?« Eine weibliche Stimme. Jede Silbe vibrierte vor Nervosität.

»Wir hatten Probleme.«

»Was für Probleme?«

»Eine Verzögerung.« Er nahm das Fernglas wieder in die Hand und richtete es auf den Mirabellgarten. Zwei Personen waren dort in ein angeregtes Gespräch vertieft.

Am anderen Ende wurde ausgeatmet. »Erläutern Sie.«

»Wir mussten improvisieren. Es sollte nun nichts Unvorhergesehenes mehr passieren. Sie haben mein Wort.«

»Sie wissen, wie wichtig das Ganze ist.«

»Das ist mir absolut und umfassend bekannt.«

»Ich möchte über jede Unregelmäßigkeit sofort informiert werden.«

»Es wird zu keinen Unregelmäßigkeiten mehr kommen.«

Ein Rascheln war zu hören. »Wie geht es ihm? Haben wir Informationen? Denken Sie, er ahnt etwas?«

»Er scheint sich ganz gut eingelebt zu haben.«

»Gut. Soll er es noch genießen. Bevor–«

»Wir sollten darüber nicht am Telefon reden«, unterbrach er sie.

»Sie haben recht.«

»Ich muss leider auflegen, Frau Ysten. Ich werde in einer Sitzung verlangt.«

»Sie sind ein viel beschäftigter Mann. Ich weiß das. Wir wissen alle, dass Sie gute Arbeit leisten.«

»Auf Wiederhören, Frau Ysten.«

»Ich freue mich, von Ihnen zu hören.«

Er legte auf. Am Kopfende seines Schreibtisches war ein schmales Bedienpult angebracht. Er drückte einen der Knöpfe, sofort lief über ihm der Abzug an. Dann zog er sich eine Zigarette aus der Brusttasche, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und griff mit der freien Hand nach dem Fernglas.

Irgendwo in diesen verwinkelten Häuserschluchten musste gerade jetzt Constanze Mozart stehen, da war er sich sicher; wenn er nur lange genug die Gassen absuchte, würde er sie finden.

Die Salzach zwängte sich durch die enge Stadt wie durch eine Düse, am Horizont verschmolz sie mäandernd mit dem Salzburger Land. Nur wenige Tage benötigte sie, um über Inn und Donau in das Schwarze Meer zu gelangen.

MARIE SASS AUF dem Küchenboden und goss sich das fünfte Glas Rotwein ein. Vor ihr stand der Laptop. Sie öffnete erneut Skype und schrieb an Jonas. »ich brauche dich wirklich, ich glaube, mein ganzes studium ist im arsch.«

Jonas antwortete nicht. Marie leerte das Glas in zwei Zügen, dann stemmte sie den Kopf in die Hände. Sie versuchte, ein paar Tränen zu vergießen, nur einmal, nur ein einziges Mal ein ehrliches, erleichterndes Weinen, doch es kam nichts. Es kam überhaupt nichts. In ihr herrschte das totale Nichts. Es war zum Verzweifeln. Sie gab auf.

Kein Mensch könnte ihr wegen zweier verpatzter Seminare den Prüfungsanspruch entziehen. Es gab Sonderregelungen bei besonderen Härten. Wenn sie zu einem Psychologen ging und sich eine Depression diagnostizieren ließ? Burn-out? Das würde Eindruck machen. Sie musste das mit Jonas besprechen. Sie musste das unbedingt mit ihm besprechen. Wieso antwortete er nicht?

Marie sprang auf und bemerkte, dass sie bereits betrunken war. Normalerweise trank sie keinen Wein. Sie vertrug nur wenig und bevorzugte Bier. Sie suchte ihr Handy, nahm stattdessen das Festnetztelefon und wählte Jonas’ Nummer.

Er nahm nicht ab.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Kurz vor zwölf. Jonas ging selten vor drei ins Bett. Sie musste mit ihm reden. Marie trat in den Flur, drückte mehrmals wütend auf den Lichtschalter, bevor sie sich erinnerte, dass das Licht defekt war, dann schnappte sie sich ihre Sommerjacke und die Handtasche.

Draußen war es lau, angenehm, fast windstill. Ein ruhiger Mittwochabend. Der Himmel war klar, die Sterne waren zu sehen, man konnte das nahe Wasser riechen.

Zehn Minuten bis zur nächsten S-Bahn. Außer ihr befand sich niemand in der Station. Marie setzte sich auf eine der Bänke und starrte auf die Gleise. Ob Jonas sich freuen würde, sie zu sehen? Normalerweise wollte sie an Tagen nach Redaktionskonferenzen ihre Ruhe, Jonas wusste das. Aber heute brauchte sie ihn, sie schaffte das nicht alleine. Nur ein, zwei Stunden nebeneinanderliegen, gemeinsam im Bett, sie trug sogar noch das Manipulations-Top– ihr fiel ein, dass sie am Morgen vergessen hatte, die Pille zu nehmen. Es war jetzt zwölf, am Vortag hatte sie sie mittags um halb eins genommen, alles in den zulässigen Zeiten. Zum Glück hatte sie die kleine Box immer in der Handtasche. Sie nahm sie heraus, drückte die Mittwochspille aus dem Blister, steckte sie sich in den Mund, vermischte sie mit etwas Speichel und schluckte sie hinunter. Ein Desogestrel-Präparat. Sie hatte während des Abiturs mehrere Pillen durchprobieren müssen, bis sie auf eine gestoßen war, die sie ohne Unterleibskrämpfe oder regelmäßige Schmierblutungen vertrug.

Die S-Bahn schob eine warme Säule Nachmittagsluft aus dem Tunnel. Marie stieg ein. Der Wagen war leer. Sie setzte sich, die Bahn fuhr ruckelnd an. Werbeplakate draußen an der Tunnelwand verschoben sich, spiegelten sich an den gegenüberliegenden Fenstern, wurden wieder reflektiert. Marie spürte leichten Schwindel. Der Wein wirkte nun immer stärker. Sie befand sich im Innern eines gigantischen Kaleidoskops, aber es wurde von keiner Kinderhand geschüttelt, sondern war auf ein Gleis gesetzt worden, was unendlich schlimmer war, unendlich demütigender.

GEGEN ELFHATTE Michael, trotz aller Vorsätze, eine zweite Diclofenac eingeworfen und mit zwei Gläsern Baselbieter Kirsch hinuntergespült.

Er überlegte, sich noch ein drittes Glas einzuschenken, doch schon der Gedanke ließ ihn vor Ekel erschaudern. Er war es nicht gewohnt, zu trinken. Schon gar keinen Kirsch. Zwei Gläser hatten ausgereicht, um ihm ein dumpfes Gefühl im Kopf zu bescheren. Weich wie Watte. Er lehnte sich entspannt im Küchenstuhl zurück und seufzte.

Sollte sie machen, was sie wollte. Sollte sie ihren Jürgen besteigen. Jürgen. Tennis-Jürgen. Michael lachte kurz auf. Er selbst hatte sie Jürgen vorgestellt, als er vor zwei Jahren für kurze Zeit etwas Sport hatte treiben wollen. Ihr zuliebe! Er wusste nicht einmal mehr seinen Nachnamen. Michael hatte ständig gegen ihn verloren. Schmierig, stets überkorrekt gekleidet, in irgendeiner höheren Position bei irgendeiner Kantonalbank angestellt.

Um die Kinder tat es ihm leid. Auch wenn Gisele ihn seit Monaten regelmäßig und mit einer erstaunlichen Offenheit darüber unterrichtete, dass sie ihn abgrundtief hasste. Aber sie war in der Pubertät, er war damals selbst nicht besser gewesen. Peter war schon siebzehn. Er war aus dem Gröbsten raus, aber gerade das machte seine andauernde Kritik an Michael nur noch verletzender. Es war keine frühreife Arroganz mehr, im Gegenteil, in vielen Dingen traf Peter genau ins Schwarze. Im letzten Monat hatte er ihm nach einem belanglosen Streit an den Kopf geworfen: »Ihr braucht beide mehr Sex.« Genau ins Schwarze.

Michael warf einen Blick auf die Uhr. Morgen früh musste er wieder im Büro sein. Um familiäre Streitereien scherte sich der Konzern inzwischen einen Dreck. Er verließ die Küche.

Vor der Terrassentür stand die Katze. Gisele hatte ihr vor einigen Wochen etwas zu fressen gegeben, seitdem kam sie regelmäßig. Michael hatte keine Ahnung, wem sie gehörte. Das Tier öffnete den Mund, durch das Glas war das Miauen leise zu hören. Er ging in die Küche und suchte das Trockenfutter, das Gisele gekauft hatte. Er war dagegen gewesen, weil ihm das Abgewöhnen der Katze vom eigentlichen Besitzer wie Diebstahl vorgekommen war. Er fand das Futter nicht. Zurück im Wohnzimmer machte er eine schulterzuckende Bewegung in Richtung des Tieres und sagte: »Ich habe nichts, tut mir leid.« Die Katze verschwand nicht.

Michael setzte sich aufs Sofa. Auf SF2 lief eine Dokumentation über Staudammbau in den fünfziger Jahren. Er hörte nur mit einem Ohr zu.

Früher war auch bei Krankheiten meist ein Auge zugedrückt worden. Unter drei Tagen hatte nie jemand ein Attest verlangt, selbst wenn der Vorgesetzte gewusst hatte, dass nur blaugemacht wurde. Aber nach der letzten Fusion und der Umbenennung des ganzen Konzerns waren die Standards verschärft worden– das heißt, sie waren überhaupt nicht verschärft worden, das war ja das Gemeine. Auf dem Papier war alles gleich geblieben, nur hatte man begonnen, die Vorschriften auch durchzusetzen. Michael selbst hatte einen seiner Mitarbeiter abmahnen müssen, der Anfang März zwei Tage »mit Grippe« gefehlt hatte. Ein junger Familienvater Ende zwanzig, mit einem sechs Monate alten Mädchen zu Hause. Zwei Tage! Wen interessierte das? Aber was sollte er machen? Der Druck kam von oben. Er selbst wurde regelmäßig zu Unterberger ins Büro zitiert und musste beichten. So nannte Unterberger das. Man setzte sich ihm gegenüber, vor den Schreibtisch, und er lispelte salbungsvoll mit seinem seltsamen norddeutschen Akzent: »Wie geht es Ihren Schäfchen?« Im Herzen war Unterberger ein verrückter Sadist, da war sich Michael sicher, ein Psychopath, der vor nichts zurückschreckte und zu allem bereit war. Und das war nur die mittlere Führungsebene.

Michael wandte den Kopf. Die Katze war verschwunden. Er warf sich eine dritte Diclofenac ein. Wozu sinnlos leiden? Sybille war immer gegen das Medikament gewesen. Sie hatte stattdessen darauf bestanden, einen Heimtrainer zu kaufen. Das Gerät konnte Michael jedoch erst benutzen, nachdem er zwei Tabletten geschluckt hatte. Es verstaubte ungenutzt im Hobbyzimmer. Michael schaltete den Fernseher aus und machte sich auf den Weg in den Keller.

Neben dem Hobbyraum hatte er sich in einem kleineren Zimmer über die Jahre sein eigenes Reich erschaffen. Alte Regale aus Peters Kinderzimmer waren über und über gefüllt mit Architekturbüchern, hauptsächlich dicke Bildbände über Sakralbauten. Seine kleine Bibliothek deckte den Großteil Europas ab, er hatte sogar einen Band über skandinavische Holzkirchen, den ihm sein Arbeitskollege, Rudolf, vor einigen Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Hauptsächlich aber waren es Bücher über die Gotik.

Auf Tapeziertischen hatte er mehrere Rechner aufgebaut.

Michael setzte sich auf den Bürosessel, von dem aus er jede Ecke des Raumes erreichen konnte, ohne seine Hüftgelenke zu sehr zu strapazieren. Mit der Fernbedienung aktivierte er die Stereoanlage. Die ersten Takte des vierten Klavierkonzertes von Beethoven ertönten leise, die wunderbare Zimerman-Aufnahme, von einer beinahe unmenschlichen Perfektion.

Neben den Computermonitoren waren die Bildschirme des Überwachungssystems aufgebaut.

Er hatte alles selbst zusammengekauft, selbst installiert. Teilweise hatte er Module selbst entworfen, die Platinen in einem Zehn-Liter-Putzeimer Natriumpersulfatlösung geätzt und die Bauteile in tagelanger Kleinarbeit verlötet. Die Krux einer guten Überwachungsanlage war, dass nur eine einzige Person die Funktionsweise genau durchschaute– man selbst. Michael aktivierte die Monitore. Nur zu gerne hätte er sich die Aufnahmen der Haustürkamera vom Nachmittag angeschaut. Er wollte zu gern zusehen, wie Jürgen von Sybille beim Einladen des Autos herumkommandiert worden war. Doch er verzichtete. Stattdessen machte er seinen abendlichen virtuellen Kontrollgang.

Alles in Ordnung vor der Haustür.

Die Katze war wieder auf der Terrasse.

Vor der Kamera, die auf das Gartenhäuschen gerichtet war, befand sich schon seit Tagen ein Spinnennetz. Er würde es morgen entfernen.

Die Laternen am Weg hinter dem Haus waren aktiviert, vermutlich hatte die Katze den Bewegungsmelder ausgelöst.

Ansonsten alles ruhig, sie waren sicher.

Sie… Michael schloss die Augen. Er. Nur er. Niemand sonst.

Er eilte nach oben, um sich ein weiteres Glas Kirsch einzuschenken, und kam gerade rechtzeitig zurück, um die Kadenz des ersten Satzes zu hören. Das Klavier drängte vorwärts, nach oben, immer weiter, nur um schließlich jeden Willen aufzugeben und in eine einzige oszillierende Klangfläche zu münden. Michael schloss die Augen, während er den Schnaps hinunterschluckte. Vor Ekel schüttelte er den Kopf.

Der Schlussakkord des ersten Satzes verhallte, dann war es still.

Am schlimmsten war, dass er von seinen Vorgesetzten angewiesen wurde, die neue Härte nach unten mit hohlen Phrasen als notwendig zu verkaufen. Auf Teamsitzungen redete er sich den Mund fusselig. Der internationale Wettbewerb. Gestiegene Qualitätsansprüche. Die Sicherheit des Kunden. Mit etwas mehr Pathos: Die Stärkung des Wirtschaftsstandortes Schweiz.

Vor einigen Monaten war intern ein Bild der Basler Führungsriege verschickt worden, komplett in Wanderausrüstung, im Hintergrund war das Matterhorn vor einem perfekten Himmel zu sehen, die Vorstandsvorsitzende, Jacqueline Ysten, schaute entschlossen lächelnd in die Kamera. Unterberger war an ihrer Seite zu sehen, er stemmte energisch den wanderschuhbewehrten Fuß auf den Fels. Alles war digital nachbearbeitet, wirkte hyperrealistisch, in der linken Bildhälfte flatterte patriotisch eine Schweizerfahne– es war zum Kotzen, vor allem, weil Ysten und Unterberger Deutsche waren. Ysten stammte aus Düsseldorf, Unterberger aus Berlin. Es widerte Michael an. Nach dem jüngsten Pharma-Skandal war es noch schlimmer geworden, seitdem hatten sie vollkommen den Verstand verloren, die Public-Relations-Abteilung verkam immer mehr zur Propagandaschleuder.

Michael schwang sich ächzend aus dem Bürostuhl und ging zum Bücherschrank. Zwischen einem Bildband der Kathedrale von Reims und dem Architekturlexikon versteckte er den Papphefter mit der Aufschrift »Intern. 2008–2013«.

Er legte das e-Moll-Violinkonzert von Mendelssohn Bartholdy in den CD-Player, dann setzte er sich auf den Bürosessel, knipste die Schreibtischlampe an und öffnete den Hefter.

Zufrieden blätterte er durch die Dokumente. Der Besitz jedes einzelnen konnte ihn den Job kosten. Und mehr.

ES WARFAST halb eins, als Marie vor der Haustür des Mietblockes in Barmbek stand. Für den Rock, den sie immer noch trug, war es inzwischen zu kalt. Sie hüpfte von einem Bein aufs andere, während sie darauf wartete, dass Jonas die Haustür öffnete.

Höchstwahrscheinlich hatte er wieder die Türklingel abgeklemmt, um nicht gestört zu werden. Marie seufzte. Manchmal grenzte sein Ruhebedürfnis an Soziophobie.

Das Gebäude war ein repräsentatives Gründerzeithaus, etwas vernachlässigt, aber immer noch ansprechend. Marie bog um die Ecke und betrat die Kneipe im Erdgeschoss. Bis auf den Inhaber hinter dem Tresen und einen älteren Mann vor seinem Bierglas war niemand anwesend. Der Alte murmelte etwas Begrüßendes, Marie nickte nur. Der Inhaber kannte sie.

»Na, Schlüssel vergessen?«, sagte er.

»Leider.«

»Kannst durchgehen, Weg kennste ja.« Er zwinkerte.

»Danke.«

Sie ging an der Küche vorbei in den Hausflur und stieg in den zweiten Stock hinauf. Das Treppenhaus strahlte immer noch großbürgerlichen Glanz aus. Im Etagenflur herrschte Stille, doch aus Jonas’ Türspion drang Licht. Marie versuchte die Türklingel– zu ihrem Erstaunen funktionierte sie. Als immer noch niemand reagierte, klopfte sie.

Von innen war endlich ein »Ja?« zu hören, dann wurde geöffnet.

Jonas stand vor ihr, er trug nur Unterhemd und Unterhose. Er kniff die Augen zusammen, offenbar schien er Probleme mit der Dunkelheit im Flur zu haben.

Marie sagte: »Schatz, hast du meine Nachrichten nicht bekommen?«

Jonas erbleichte augenblicklich. »Marie– wolltest du nicht– bist du nicht in Berlin bis morgen? Wie siehst du denn aus?«

»Wieso denn Berlin? Ich bin doch noch nie über Nacht dortgeblieben. Jonas, hast du meine Nachrichten wirklich nicht bekommen?«

»Nachrichten– ich– nein– ich habe nichts bekommen.«

»Was ist denn?« Irgendetwas stimmte nicht. War er etwa auch betrunken?

»Was denn für Nachrichten?«

Marie versuchte zu lachen. »Ich glaube, mein Studium ist am Arsch. So richtig. Bin durch das Seminar gefallen, und jetzt… Sag mal, hast du geraucht?« Sie konnte die kalten Tabakschwaden jetzt riechen.

»Geraucht? Nein. Was ist denn mit deinem Studium? Ist das endgültig? Kann man das nicht mehr hinbiegen?« Er stammelte.

»Was hast du denn?« Marie betrachtete ihn genauer. Jonas war einen Kopf größer als sie. Mit den zerstrubbelten Haaren und nur in Unterwäsche sah er ziemlich sexy aus. »Was hast du denn den ganzen Abend getrieben, sag mal?«

Er fasste sich an die Stirn, erst jetzt sah sie, dass er heftig schwitzte. »Marie… oh Gott.«

Im selben Moment war die Toilettenspülung zu hören. Marie stand noch immer in der Wohnungstür.

Jonas senkte den Kopf und nahm die Hand vor die Augen.

Die Badezimmertür öffnete sich. Eine lachende weibliche Stimme sagte: »Ey, du hast kein Toilettenpapier…« Dann erblickte die Frau Marie. »Oh.« Sie hatte braune Haare, war etwas größer als Marie, auch älter. Bis auf einen rosa Tanga war sie nackt. Ihre Brüste waren schwer, und deutlich waren Druck- und Saugstellen zu erkennen. »Oh-oh.« Sie schnappte sich ein Handtuch aus dem Bad und wickelte sich darin ein.

Marie hatte ein Gefühl des freien Falls, gleichzeitig schien die Zeit unerträglich langsam zu vergehen. Sie hatte den Mund weit aufgerissen, das bemerkte sie jetzt, denn ihr Unterkiefer begann zu zittern. Sie bemerkte jetzt auch, dass Jonas in seiner Unterhose eine abklingende Erektion versteckte, dass auch er verdächtige Flecken am Oberarm und am Hals hatte, dass auf dem Küchentisch, den sie teilweise sehen konnte, einige kalte Zigaretten in einer Kaffeetasse steckten, dass auf dem Flurboden ein gebrauchtes Kondom lag. Jonas hatte immer noch die Hand vor dem Gesicht, den Kopf gesenkt.

»Marie«, begann er, »ich wusste nicht… ich wusste gar nicht… Ich dachte, du bist…«

Marie wandte den Kopf ab, sie hob wie zum Schutz vor Jonas die Hände, sie wollte nicht, dass er sie anfasste. Sie spürte einen unglaublichen Ekel vor allem, vor Jonas, vor dieser brünetten, großbrüstigen Schlampe, vor Thomas Sessenheim, vor diesem Möchtegern-Qualitäts-Blatt »Berlin Post«, vor Professor Hauber, vor der Universität, vor der ganzen verdammten Welt im Allgemeinen, die es immer nur zuließ, dass sie die Nummer zwei war, niemals die Nummer eins, diese Welt, die ihr stets und aufs Neue jedes Glück sofort wieder entzog und sich dann nur über sie lustig machte…

»Marie!«

»Nein«, sagte sie leise. »Nein.«

Sie wandte sich um. Ohne ein weiteres Wort ging sie den Flur entlang, die Treppen hinab, öffnete die Haustür, war auf der Straße. Nach kurzer Zeit war sie an der S-Bahn-Station, Sekunden später, so kam es ihr vor, fuhr bereits ein Zug ein, Marie stieg ohne nachzudenken ein und setzte sich. Es zog sie nur noch zu einem einzigen Ort.

An der Königstraße stieg sie automatisch aus, ging den Bahnsteig entlang, während der Zug neben ihr kreischend wieder anfuhr, die Treppen hinauf, an den geschlossenen Kiosken vorbei, durch den Park, die Straße hinunter, bald konnte sie ihre Haustür sehen, der Heiligenschein einer Laterne krönte sie, sie zog den Schlüssel heraus, öffnete die Tür, ging hinauf in ihre Wohnung, schlug die Tür zu, ging im Dunkeln durch den Flur in die Küche, knipste das Licht an, zog die Besteckschublade auf und nahm das große Kochmesser heraus.

Sie setzte sich an den Küchentisch und strich mit dem Zeigefinger über die Klinge.

Nagel (I)

Einen Monat später– 3.September

»KANNST DU EIN MAL aufhören, mit dem Scheißding herumzuspielen?«

Bernhard warf seinem Partner vom Beifahrersitz aus einen beleidigten Blick zu, dann klappte er das Taschenmesser zu. Es war ein billiges Souvenir, er hatte es vor einigen Tagen in einem Touristenshop gekauft. Auf dem Griff war eine Frau mit Bollenhut abgebildet, die vor einem Schwarzwaldhaus tanzte. Bernhard steckte das Messer in seine Jackentasche.

Frank betätigte den Blinker und lenkte den Transporter auf die Abbiegespur. Sie verließen die Bundesstraße. »Irgendwo hinter Oberried.«

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