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Ein düsterer Abenteuerroman Itzehoe, 1396. Als Hinrik vom Diek den Kopf aus der Bierlache hebt, ist das fatale Schriftstück unterzeichnet. Der Graf und sein größer Widersacher, Fernhandelskaufmann Wilham von Cronen, haben ihn betrunken gemacht und um Haus und Hof gebracht, weil er ihnen schon lange ein Dorn im Auge ist. Von dem Gedanken nach Rache erfüllt, treibt es den Ritter nach Hamburg. Am Hafen schlägt er sich schlecht und recht durch, bis eines Tages der Freibeuterkapitän Störtebeker eine Karavelle kapert. Sie gehört Gerhard Astmann, nach von Cronen Hamburgs wichtigstem Handelsherrn. Empört fordert die Kaufmannschaft die Hanse auf, endlich etwas gegen den berüchtigten Seeräuber zu unternehmen. Ist Hinriks Stunde der Rache gekommen? Er ist sich sicher, dass von Cronen Störtebeker verraten hat, welchen Kurs das Schiff nehmen würde, denn er hat ein nächtliches Gespräch belauscht …
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Seitenzahl: 745
Veröffentlichungsjahr: 2009
Hans G. Stelling
Der Blutrichter
Ein Hanse-Roman
Deutscher Taschenbuch Verlag
Originalausgabe
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
© 2009 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
eBook ISBN 978-3-423-40146-3 (epub)
www.dtv.de
Verlorenes Spiel
Der Bronzene
Der Tod der Ritter
Die Stadt an der Alster
Eine neue Erfindung
Ein wichtiger Zeuge
Verhaftet
Ein Schiff voll mit Bohnen
Auf dem Grasbrook
Die Möwe
Die Kalmarer Union
Namenlose Angst
Der Sperberhof
Wie fühlt sich Gras an?
Eine Möwe am Fenster
Im Namen Christi
Nebel
Das Wort eines Ratsherrn
Ein Wink des Himmels
Nachwort
Danksagung
Die Nebel wollten sich nicht lichten. Sie umhüllten ihn und gaben ihr Geheimnis nicht preis. Er hörte die Stimmen der Geister, wie sie flüsterten und wisperten. Es kicherte und gluckste um ihn herum, als hätte er zu ihrer Erheiterung beigetragen. Wenn sie in seine Nähe kamen, spürte er ihre schweren Tritte. Sie ließen den Boden unter ihm erzittern und schwanken, die Bohlen knarren und knacken, während die Geisterfinger tief in seinen Kopf eindrangen und sein Hirn marterten.
»Er kommt zu sich«, verkündete eines jener seltsamen Wesen, und aus den Nebeln löste sich plötzlich ein schwammiges rotes Gesicht, dessen Kinn von einem gestutzten weißen Bart eingefangen wurde. Schütteres Haar fiel in die hohe Stirn. Das Gesicht schwebte und drehte sich im Nebeldunst, losgelöst vom Körper, den er zu riechen vermochte. Es war ein unangenehmer Geruch, der gleichwohl Erinnerungen in ihm wachrief. »Der Herr meint es gnädig mit ihm.«
Das war kein Geist! Er schloss die Augen, um einige Male tief durchzuatmen, und öffnete sie wieder, als seine Hände festes Holz ertasteten. Das Gesicht war verschwunden, aber die Stimmen drangen nun deutlicher zu ihm. Seltsam vertraut kamen sie ihm vor. Er weitete die Augen und versuchte, das wallende Etwas um sich herum mit seinen Blicken zu durchdringen. Als es ihm nicht gelang, legte er die Hände an das Gesicht, und dabei bemerkte er, dass die Augen noch geschlossen waren. Es passte nicht zusammen. Er war sicher, dass er die Augen geöffnet hatte, doch seine Hände bedeuteten ihm etwas anderes. Stöhnend hob er die Lider, und die Nebel lichteten sich.
Das breite schwammige Gesicht lauerte, halb verborgen, hinter einem Bierkrug. Durchdringend blickten ihn die wässrigen Augen an, sezierten ihn geradezu. Daneben ein anderes Gesicht. Kühl, beherrscht, wie aus Stein gehauen. Schlohweißes Haar und ein ebensolcher Oberlippenbart unterstrichen die Blässe, die blauen, kalten Augen schienen in einem tiefen Brunnen zu versinken, nur schwach beleuchtet vom flackernden Licht zweier dicker Kerzen und vom Kaminfeuer im Hintergrund.
Erschöpft, aber getragen von einem unwirklichen Gefühl der Leichtigkeit und des Schwindels ließ Hinrik die Augen zufallen, um sie erst nach geraumer Zeit wieder zu öffnen. Die Nebel verschwanden, die bohrenden Schmerzen in seinem Schädel blieben. Er spürte seinen Magen, der sich zu drehen und zu winden schien. Allmählich begriff er, mit wem er es zu tun hatte.
Das schwammige Gesicht gehörte Bruder Albrecht, der demselben Schoß entstammte wie der neben ihm sitzende Ratsherr und Handelskaufmann Wilham von Cronen. Nicht weit davon Graf Gerhard Pflupfennig, dem das Alter den Rücken krümmte, und Hans Barg, Arzt und Apotheker aus Itzehoe, der sich eigenartig grinsend im Hintergrund hielt. Er war ein Mann, der nur die heitere Seite des Lebens zu kennen schien.
Bier tropfte von der Tischplatte auf seine Hosen herab. Ein Krug war umgestürzt, und es hatte sich eine Lache gebildet. Spielkarten schwammen darin. Niemand hielt es für nötig, sie aufzunehmen und zu trocknen. Bruder Albrecht trank nervös aus einem Krug, der so schwer war, dass er ihn mit beiden Händen halten musste. Dann rülpste er kräftig, drehte das Hinterteil zur Seite und entlastete sich mit einem gewaltigen Furz.
Hinrik richtete sich ächzend auf. Vergeblich fragte er sich, warum es ihm so schlecht ging. Sein Magen gab keine Ruhe, und sein Kopf schien platzen zu wollen. Während sich sein Blick mehr und mehr klärte, wurde ihm immerhin bewusst, dass er es mit wirklichen Menschen zu tun hatte. Es gab keine Nebel, sondern nur verklebte Augen, die nun allmählich frei wurden.
»Was ist los?«, fragte er mühsam.
»Das solltet Ihr uns beantworten«, erwiderte Bruder Albrecht und nahm noch einen kräftigen Schluck Bier aus dem Krug. »Ihr seid plötzlich umgekippt. Wir haben Euch für trinkfest gehalten. Was für ein Irrtum! Ihr könnt nicht mithalten in einer Männerrunde.«
Hinrik brauchte einige Zeit, bis er das Gehörte begriff. Sein Zustand sollte darauf zurückzuführen sein, dass er zu viel getrunken hatte. Das konnte nicht sein! Noch nie in seinem Leben hatte er zu viel getrunken. Er hatte sich immer beherrscht, wenn es um Bier und Wein ging.
Nach und nach kam die Erinnerung zurück. Er war zum Hof des Grafen gegangen, weil es Differenzen gegeben hatte wegen des Viehs. Der Graf und er hatten sich schnell geeinigt. Er hatte einen Pfennig gezahlt – mehr eine symbolische Geste als ein Schadenersatz–, und damit war die Sache aus der Welt. Danach hatte er Bier aus einem Krug getrunken. An mehr konnte er sich nicht erinnern, aber er wusste genau, dass er mit dem Grafen allein gewesen war. Die anderen mussten später hinzugekommen sein.
Auf dem Tisch lag ein Schriftstück. Der Graf nahm es mit spitzen Fingern auf, bevor es gänzlich vom Bier durchnässt war, und hielt es hoch, so dass Hinrik es sehen konnte. Die Brauen mit ihren langen weißen Haaren verdeckten einen Teil der Augen wie schlaff herabhängende, vom Alter zerzauste Gardinen.
Hinrik fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Was ist das?«
Wilham von Cronen, der Ratsherr, erhob sich und trat um den Tisch. Er nahm dem Grafen das Blatt ab und hielt es Hinrik vors Gesicht. Feiner Schweiß stand auf der wuchtigen Stirn. Er kaute einige Sekunden lang auf den Barthaaren, die ihm in den Mund hingen, bevor er kalt, beinahe verächtlich sagte: »Das könnt Ihr unmöglich vergessen haben. So betrunken wart Ihr nicht. Ihr habt unterzeichnet und das Datum hinzugeschrieben. 2.April 1396.«
In der Tat. Unter dem Schriftstück stand in fein geschnörkelten und sauber gezirkelten Buchstaben sein Name.
Hinrik vom Diek, Ritter zu Heiligenstätten.
Es war genau die ein wenig umständliche Art, in der er zu unterzeichnen pflegte. Er war stolz darauf, lesen und schreiben zu können. Während seiner Jahre im Kloster in der nahegelegenen Stadt Itzehoe hatten ihm die Mönche Unterricht erteilt. Doch das war nicht seine Schrift. Sie sah ihr ähnlich, aber sie war es nicht. Es gab zu viele Abweichungen.
»Ihr wolltet unbedingt mit uns Karten spielen. Und dabei habt Ihr alles eingesetzt, was Ihr besitzt. Euren Hof, Euer Vieh, Eure Ländereien – einfach alles.«
»Und Ihr habt alles verloren«, fügte der Geistliche hinzu. Über sein rotes schwammiges Gesicht zog sich ein Lächeln, das er als geradezu diabolisch empfand. Er mochte Bruder Albrecht nicht. Hatte ihn nie gemocht, weil er scheinheilig und devot die Botschaft der Liebe aus den Klostermauern heraustrug zu den Menschen in der Stadt und auf dem Land, sich bei ihnen beliebt machte und ihnen das Bild eines zutiefst demütigen Gottesgläubigen zu vermitteln wusste, während er verborgen hinter den Mauern von hemmungsloser Begierde getrieben Kinderseelen zerstörte. »Ich habe gewonnen. Nein, nicht ich. Die Kirche unseres Allmächtigen. Was Ihr besessen und aufgebaut habt, gehört jetzt ihr. Zum Wohle der Gemeinde und zur Ehre unseres Herrn.«
»Nein!« Hinrik wuchtete sich mühsam hoch, sank jedoch sogleich wieder auf den Stuhl zurück. Seine Schädeldecke schien sich vom Kopf abzulösen. Die Schmerzen waren so groß, dass sich sein Blick trübte und der Schwindel ihn schier zu Boden warf. »Niemals würde ich mein gesamtes Hab und Gut aufs Spiel setzen. Niemals. Die Unterschrift ist nicht von mir. Sie ist gefälscht worden. Eindeutig.«
Das Lächeln in dem roten Gesicht erlosch, und die weichen Lippen wurden schmal und hart. »Wollt Ihr mich, einen Mann unserer heiligen Kirche, der Lüge bezichtigen? Ihr, ausgerechnet Ihr, der bei uns gelernt hat, das Wort Gottes zu lesen und zu schreiben? Wer das Wort verachtet, der verdirbt sich selbst. Wer aber das Gebot fürchtet, dem wird’s vergolten werden.«
Hinrik richtete sich auf. Die vier Männer standen um ihn herum. Ratsherr Wilham von Cronen aus der Stadt Hamburg, kalt, abschätzend, arrogant und unnahbar, der Arzt Hans Barg, klein, unscheinbar und wie so oft mit einem Grinsen im Gesicht, hinter dem sich möglicherweise Unsicherheit verbarg, Graf Gerhard Pflupfennig, in einen Pelz gehüllt, obwohl es wahrlich nicht kalt im Haus war und das Feuer im Kamin genügend Wärme verbreitete. Er litt unter der Gicht und schien ständig zu frieren. Und Albrecht, der Bruder des Grafen, groß, aufgedunsen vom Alkohol und übergewichtig von allzu fettem und reichlichem Essen, gezeichnet von seinen Lüsten und Begierden, die so gar nicht zu den frommen Sprüchen passen wollten, die er ständig auf den Lippen trug.
»Es geht nicht nur um mich«, entgegnete Hinrik, während er sich flüchtig umsah. Der prunkvoll ausgestattete Raum war ihm vertraut, er war nicht zum ersten Mal hier. Nirgendwo in der Umgebung gab es etwas Vergleichbares, weder in der nahe gelegenen Stadt noch auf den Höfen in der Umgebung und schon gar nicht in den Klöstern. Edle Hölzer überzogen die Wände, an denen Gemälde von namhaften Künstlern hingen, beleuchtet von schier unbezahlbaren Bienenwachskerzen in silbernen Kerzenständern. Mehrere der Bilder zeigten den Grafen, und eines seine Familie. Sie unterstrichen, wie er fand, in aufdringlicher Weise, über welchen Wohlstand der Hausherr verfügte. »Es geht um die kleinen Bauern, denen ich Land gegeben habe und die kaum genug haben zum Leben.«
»Und denen Ihr viel zu wenig Pacht abnehmt«, schleuderte ihm der Graf unerwartet heftig entgegen. Verärgert warf er den Pelz ab. Der Gedanke ließ ihn hitzig werden. »Unsere Bauern murren bereits, weil sie wissen, wie wenig Eure Bauern abgeben müssen. Jetzt glauben sie, dass wir ihnen zu viel abknöpfen.«
»Das ist es also.« Hinrik schaffte es endlich, auf die Beine zu kommen. Er wollte noch mehr sagen, doch der Graf ließ ihn nicht zu Wort kommen. Er befahl ihm, auf der Stelle zu gehen, und verbot ihm, irgendetwas mitzunehmen, was er nicht am Leibe trug. Drohend hob er den Gehstock, auf den er sich stützen musste, weil die Gicht an seinen Gelenken fraß.
»Morgen, wenn der Tag anbricht, will ich Euch nicht mehr auf dem Hof sehen«, eröffnete er ihm. »Verschwindet aus dieser Gegend. Ihr habt hier nichts mehr verloren. Nirgendwo. Je weiter Ihr Euch entfernt, desto besser.«
Hinrik war wie betäubt. Mehr und mehr verfestigte sich der Eindruck, dass der Graf ihn unter einem Vorwand zu sich gelockt hatte, um ihn dann, gemeinsam mit den anderen, zu betrügen. Die Mächtigen in diesem Land duldeten nicht, dass er nachsichtig mit seinen Bauern war und die Preise verdarb. Der Graf ließ nicht zu, dass man den Bauern ein Leben ermöglichte, das besser war als das des Viehs auf den Weiden. Unterstützt von anderen Adligen, der Kirche und der Kaufmannschaft beutete er die Bauern, aber auch die vielen Handwerker und kleinen Händler in der Stadt rücksichtslos aus. Nur so konnten Schlösser, große Gutshäuser wie dieses, in dem er sich befand, Klöster und Kirchen entstehen. Mit eiserner Hand zwang er die Schwachen zur Fronarbeit und ließ ihnen die Wahl, sich ihm zu beugen oder zu verhungern. Welche Rolle dabei Bruder Albrecht oder Ratsherr Wilham von Cronen spielten, schien klar zu sein. Fraglich dagegen war, welche Bedeutung Hans Barg, der Arzt, in diesem Kreis hatte.
»Es ist falsch, die Bauern bis aufs Blut auszubeuten. Pure Dummheit. Armen Menschen kann man kaum mehr etwas wegnehmen. Ihr müsst dafür sorgen, dass die Bauern gut leben und zu Wohlstand kommen. Der Zehnte eines wohlhabenden Bauern ist tausendmal mehr wert als der Zehnte eines Bauern, der kaum genug zum Überleben hat.«
»Wir reden nicht über so einen Unsinn«, fuhr ihm von Cronen über den Mund. »Wir reden überhaupt nicht mehr. Raus aus diesem Haus! Hinaus!« Mit herablassender Geste warf er ihm einige Münzen vor die Füße. »Damit Ihr nicht ganz mittellos seid.«
Die Münzen waren auf die Kräuter gefallen, die auf dem Boden ausgestreut waren, um den Schmutz aufzunehmen. Sie vermischten sich mit dem herabtropfenden Bier. Hinrik vernahm das Klirren der Münzen und sah sie zwischen den Kräutern. Angesichts dieser Demütigung vergaß er seine Zurückhaltung. Der Zorn übermannte ihn, und er verlor die Beherrschung. Wütend beugte er sich über den Tisch, packte den Ratsherrn bei den Aufschlägen seines Hemdes und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Der weißhaarige Mann versuchte nach hinten auszuweichen, die Beine sackten unter ihm weg, und da der Ritter nicht von ihm abließ, riss er diesen mit zu Boden.
Wie aus dem Nichts kamen die Fäuste angeflogen. Krachend landeten sie an Hinriks Kinn. Unter anderen Umständen wäre dieser seinem Gegner haushoch überlegen gewesen, doch er hatte noch immer das Gift im Körper, das ihn seiner Sinne beraubt hatte. Es tat seine Wirkung und verminderte seine Reaktionsfähigkeit, so dass er weitaus mehr einstecken musste als sonst.
Mit jedem Treffer, der an seinem Kopf oder an seinem Körper landete, stieg seine Wut. Mit wilden Schlägen versuchte Hinrik die Abwehr des Ratsherrn zu durchbrechen, und tatsächlich hatten seine Fäuste ein paarmal auch Erfolg. Er trieb den weißhaarigen Mann vor sich her und zur Tür hinaus bis auf den Hof. An der Türschwelle stolperte er, und während er noch um sein Gleichgewicht kämpfte, nahm von Cronen einen armlangen Balken auf, der auf dem Boden lag. Zu spät wich Hinrik dem Schlag aus. Der Balken traf ihn vor die Brust und schien ihm die Rippen zu zerschmettern. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und fiel auf die Knie. Sogleich wollte er sich wieder aufrichten, da er die Gefahr kannte, er bot dabei seinem Gegner jedoch das ungeschützte Gesicht. Von Cronen schlug gnadenlos zu. Er war ein überraschend kräftiger Mann, und er wusste sich zu bewegen.
»Der Fromme meidet das Arge«, sagte Bruder Albrecht salbungsvoll. »Und wer seinen Weg bewahrt, der behält sein Leben.«
Hinrik musste eine Reihe von Hieben einstecken, Schläge, die jeden anderen zu Boden gestreckt hätten. Seine jugendliche Kraft, seine Erfahrung und sein eiserner Wille ließen ihn diese gefährliche Situation überstehen.
Als von Cronen bereits glaubte, ihn besiegt zu haben, kam Hinrik plötzlich auf die Beine, warf sich auf ihn und stürzte mit ihm zusammen durch eine offene Tür in den Schweinestall hinein. Der Ratsherr kam im Kot und Urin der Tiere zu liegen. Laut quiekend und schreiend stoben die Schweine auseinander.
Hinrik packte den Ratsherrn an den Schultern, warf ihn herum und drückte ihn mit dem Gesicht in den Schweinemist. Während von Cronen schrie und stöhnte und verzweifelt mit den Beinen schlug, rief Hinrik: »Was regt Ihr Euch auf? Jetzt seid Ihr unter Euresgleichen!«
Das war zu viel. Von Cronen brüllte wie am Spieß. Er wies die herbeieilenden Knechte an, ihm zu helfen. Kräftige Männerhände legten sich um Hinriks Arme und zogen ihn von dem Ratsherrn weg. Drei Männer hielten ihn fest. Einer legte ihm von hinten den Arm um den Hals, so dass er kaum noch atmen konnte, die anderen bogen ihm die Arme in den Rücken.
Über und über mit Schlamm beschmiert stürzte sich von Cronen auf Hinrik und schlug mit beiden Fäusten auf ihn ein. Hinrik konnte sich nicht wehren. Er musste Hieb um Hieb einstecken, bis er kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren. Schwer atmend vor Erschöpfung ließ der Ratsherr die Fäuste sinken. Dabei richtete sich sein Blick auf einen mittelgroßen grauhaarigen Mann, der hinzugekommen war und nun breitbeinig, die Fäuste in die Hüften gestemmt, hinter dem Grafen stand. Auffordernd nickte er ihm zu.
»Los«, befahl der Graf. »Er hat es gewagt, meine Gäste zu beleidigen. Er hat meinen Gast geschlagen. In meinem Haus.« Seine Stimme wurde schrill und drohte sich zu überschlagen. »In meinem Haus! Das geht auch dich etwas an, mein Sohn!«
Vergeblich versuchte Hinrik, sich aus dem Griff der Knechte zu lösen. Waldemar trat auf ihn zu. In seiner Situation konnte Hinrik nicht anders, als diesen Mann zu fürchten, der als wüster und unbeherrschter Schläger verrufen war. Eine schiefe Nase und ein verwachsenes Kinn zeugten davon, dass er eine Reihe von Wirtshausraufereien hinter sich hatte, bei denen er weder seine Gegner noch sich geschont hatte. Er war ganz anders als sein kleiner, gebrechlich wirkender Vater. Während dieser ein langes, schmales Gesicht mit hängenden Lidern, ein spitz wirkendes Kinn, dünne Arme und Beine sowie einen gekrümmten Rücken hatte, war das Äußere des Sohnes eher derb und ungeschlacht wie das eines Bauern. Böse Zungen behaupteten, er habe so wenig mit dem Grafen gemein, dass dieser unmöglich sein Vater sein könne.
Waldemar schlug mit aller Kraft zu. Zuerst setzte er nur die rechte Faust ein, zielte immer wieder auf den Kopf des Ritters. Als Hinrik nahezu bewusstlos in den Armen der Knechte hing, schlug er auf den Oberkörper ein, bis Hinrik gänzlich schwach wurde und den Händen seiner Peiniger entglitt. Damit nicht genug. Während Waldemar zurücktrat und sich die schmerzenden Fäuste massierte, ergriff der Ratsherr einen Ochsenziemer, um Hinrik auszupeitschen. Die geflochtenen Lederriemen zerrissen ihm die Kleidung und verletzten die Haut, bis sie blutete.
Als der Ratsherr das Gesicht des hilflos auf dem Boden Liegenden traktierte und einen breiten Striemen auf der Stirn hinterließ, griff endlich Bruder Albrecht ein.
»Im Namen der Kirche – es reicht«, sagte er und stellte sich vor den Gepeinigten. »Wenn Ihr jetzt nicht aufhört, ist er tot. Hass erregt Hader, Liebe überdeckt alle Verfehlungen. Auf den Lippen des Verständigen findet man Weisheit, die Rute aber gehört auf den Rücken des Narren.«
»Worte Salomos. Wie wahr!« Schwer atmend ließ von Cronen den Ochsenziemer sinken. Die ungewohnte Anstrengung hatte ihn entkräftet, und er schien über den Einspruch des Geistlichen froh zu sein.
»Der stolze Hinrik – er wird noch bereuen, was er getan hat«, keuchte er, während er sich geschwächt an die Stalltür lehnte. »Irgendwann wird er auf dem Schafott stehen und der Henker sein Schwert wetzen. Dann wird er um Gnade winseln, und ich werde derjenige sein, der zu entscheiden hat. Er wird mich vergeblich bitten. Ich werde den Henker anweisen, das Schwert fallen zu lassen und ihn einen Kopf kürzer zu machen! Das schwöre ich euch. So wahr ich Wilham von Cronen bin!«
Er löste sich von der Stalltür und sank unmittelbar vor seinem Opfer auf die Knie. »Hört mir gut zu, vom Diek«, flüsterte er so leise, dass nur Hinrik ihn verstehen konnte. »Lasst Euch nie mehr in meiner Nähe blicken. Solltet Ihr nach Hamburg kommen, sorge ich dafür, dass Ihr unverzüglich dem Henker übergeben werdet. Ob schuldig oder unschuldig, das ist mir egal. Ich will Euch nie, nie wieder sehen. Habt Ihr verstanden?«
Hinrik nickte kraftlos. Von Cronen stand auf und machte Platz für die Knechte, die den Geschundenen nun auf Befehl des Grafen in den Schweinestall schleppten. Die Unfreien gröhlten und verhöhnten ihn. Pflupfennig schrie ihm zu, dass er selbstverständlich auch sein edles Pferd Tuz verloren habe, das er neben den Stallungen angebunden hatte. Dann fuhr er herum und erteilte den Knechten lauthals einen Befehl. Sie zögerten, ihn auszuführen.
»Nein!«, schrie Hinrik. Mit aller Macht versuchte er, sich zu befreien. Vergeblich. Die Männer umklammerten ihn, und er war zu schwach, um sich zu wehren. Entsetzt sah er zu, wie einer der Knechte an Tuz herantrat und ihm in einer raschen Bewegung die Kehle durchschnitt. Stöhnend brach das edle Tier zusammen.
»Hinrik vom Diek, Ihr dürft Euren ehemaligen Hof nicht mehr betreten«, verfügte der Graf, wobei er den Tobenden bei den Haaren packte und ihm den Kopf in den Nacken bog. »Ich habe bereits Wachen aufgestellt. Sie werden Euch töten, wenn Ihr Euch dort blicken lasst. Ihr habt nichts mehr. Gar nichts. Nur die Lumpen, die Ihr am Körper tragt.«
Johlend und lachend setzten sie ihn auf ein Schwein, das sogleich in höchster Panik zu schreien begann und sich in wilder Flucht von seiner Last zu befreien versuchte. Sie hielten ihn fest und rannten neben der Sau her, bis sie mitten auf dem Hof waren. Dann ließen sie ihn los, und er stürzte zu Boden. Gedemütigt bis aufs Blut.
Von Cronen näherte sich ihm und trat ihm in die Seite. »Nun steht schon auf und verschwindet. Euer Anblick beleidigt uns.«
Mühsam richtete Hinrik sich auf, sackte jedoch sogleich wieder auf die Knie. Zwei Knechte griffen ihm unter die Arme und schleiften ihn über den Hof, vorbei an dem ermordeten Tuz, hin zum Tor und der kleinen Brücke, die über den Gutsgraben führte.
Als sie die Brücke passiert hatten, versetzten ihm die Knechte einen Tritt und drohten ihm weitere Prügel für den Fall an, dass er sich nicht entfernte.
Auf allen vieren kroch er bis zu einem Baum, um sich daran aufzurichten, halb bewusstlos vor Schmerzen und vor Schwäche. Nach mehreren vergeblichen Versuchen gelang es ihm, auf die Beine zu kommen. Begleitet vom Gelächter und vom Spott der vier Männer, die ihn betrogen hatten, stolperte er in die Dunkelheit hinaus. Ein eisiger Wind wehte von Osten her und überzog die Wiesen mit einem Tuch weißer Kälte.
Erst vor wenigen Tagen hatte der Wind gedreht. Bis dahin war er von Westen gekommen und hatte die Wassermassen auf See aufgetürmt und in die Elbe und ihre Nebenflüsse gepresst. Danach war die Stör wie fast jedes Frühjahr über die Ufer getreten und hatte weite Teile des Landes überflutet. Als hätte der Ostwind lediglich darauf gewartet, lähmte er das Land nun mit Frost und ließ die Gewässer zu Eis erstarren. So erstreckte sich eine weite Eisfläche von den Ufern des Flusses bis an die Stadt Itzehoe.
Hinrik schleppte sich über einen der vielen Dämme, die er in mühsamer Arbeit mit den Bauern aufgeschichtet hatte, um das Wasser daran zu hindern, allzu schnell von den Wiesen abzulaufen und dabei kostbaren Mutterboden mitzureißen. Immer wieder versagten ihm die Kräfte, und er sank auf die Knie.
Die Nacht war dunkel, und es war nicht leicht, sich auf den Dämmen zu orientieren. Nur selten einmal gaben die rasch dahinziehenden Wolken den Mond frei und ließen zu, dass er ein wenig Licht spendete. Hinrik vermutete, dass es kurz nach Mitternacht war und dass ihm noch einige Stunden blieben, sich im Schutz der Dunkelheit seinem Anwesen zu nähern. Obwohl er wusste, dass es keinen Weg zurück gab und dass er gegen die vier hohen Herren machtlos war, die sich zusammengetan hatten, um ihm alles zu nehmen, was er aufgebaut hatte, empfand er den Hof nach wie vor als sein Anwesen.
Sie hatten ihn belogen und betrogen, wollten ihn davonjagen wie einen räudigen Hund. Doch ganz sollte ihr heimtückischer Plan nicht aufgehen. Völlig mittellos würde er sein Land nicht verlassen.
Das Land, das er von seinem Vater geerbt hatte, zog sich von den Ufern der Stör über die ebenen Wiesen hinweg bis hoch zum Geestrücken. Dort befand sich sein Anwesen, aber auch die Katen der Bauern, denen er Land verpachtet hatte. Bis dort oben konnte das Wasser nicht steigen. Das war der große Vorteil. Allerdings hatte er nun den weiten Weg über die Dämme und durch das Wasser zu gehen, um sein Ziel zu erreichen. Vereinzelt standen Kühe auf den Dämmen, suchten hinter einer verkrüppelten Weide oder einem Heuschuppen Schutz vor dem eisigen Wind.
Hinrik spürte den Wind nicht. Unverdrossen kämpfte er sich voran, Schritt um Schritt. Erst als er die Bäume erreicht hatte, die am Fuße des Geestrückens wuchsen, gönnte er sich eine Pause. Er lehnte sich gegen den Stamm einer Eiche, widerstand aber der Versuchung, sich auf den Boden sinken zu lassen, weil er fürchtete, dann nicht mehr aufstehen zu können. Er war zutiefst verbittert. Ohne jeden Zweifel hatte man ihn betrogen. Die Unterschrift auf dem Schriftstück war gefälscht worden. Der Graf hatte als Vorlage sicherlich jene Unterschrift verwendet, die Hinrik vor Jahren unter einen Vertrag gesetzt hatte, den er mit dem Grafen geschlossen hatte.
Doch nicht in dem Grafen sah er seinen größten Feind, wenngleich Gerhard Pflupfennig ihn schon vor mehr als einem Jahr davor gewarnt hatte, allzu nachsichtig den Bauern gegenüber zu sein. Er könne es nicht hinnehmen, hatte er gesagt, dass die Bauern zu wenig Pacht bezahlten. Wer den Bauern zu viel Spielraum lasse, störe das System und bringe die anderen gegen ihre Pachtherren auf, die mehr verlangten. Hinrik hatte die Warnung nicht ernst genommen. Auch als einige Bauern sich als recht widerborstig gegen den Grafen und andere Pachtherren erwiesen, war er nicht aufmerksam geworden. Nun hatte der Graf ihm mit aller Härte gezeigt, was er davon hielt, wenn Hinrik befolgte, wozu er als Ritter verpflichtet war. Zu seinen Tugenden gehörte, für die Armen und Schwachen zu sorgen, nicht aber ihre Leiden durch Ausbeutung unerträglich zu machen. Das war das Wort. Eigentlich sollte es auch für den Grafen und die Kirche gelten. Die Taten sahen anders aus und hatten mit dem Wort oft genug nichts mehr gemein.
Gefährlicher noch als der Graf war Wilham von Cronen. Ein undurchsichtiger, unberechenbarer Mann, der als Ratsherr der Stadt Hamburg zu Ruhm, Reichtum und Ansehen gelangt war. Ihm glaubte Hinrik ohne weiteres, dass der Hof mit Wachen abgesichert war, und er zweifelte nicht daran, dass von Cronen den Männern den Befehl erteilt hatte, ihn zu töten, falls er sich dort blicken ließ. Er musste vorsichtig sein. Einen Fehler konnte er sich nicht leisten.
Von der Anhöhe aus konnte er in der Störschleife Itzehoe sehen. Im Jahre 1238 war der Stadt von Graf Adolf IV. von Schauenburg das Stadtrecht verliehen worden. Vereinzelt brannten Feuer und spendeten ein wenig Licht zwischen den tief geduckten Häusern und an den Ufern des Flusses, der mit seiner Schleife einen natürlichen Hafen bildete. Eine Kogge lag vor einem Lagerhaus vor Anker. Möglicherweise war Wilham von Cronen mit diesem Schiff aus Hamburg angereist. Für einen Mann wie ihn war die Reise von der Alster die Elbe hinunter und dann die Stör hinauf allemal bequemer als die Fahrt über Land, die recht beschwerlich und zudem nicht gerade sicher war.
Greetje Barg, die Tochter des Arztes Hans Barg, stand staunend an der Reling der Kogge, als diese durch die Fleete in den Hamburger Hafen einlief. Noch nie zuvor hatte sie eine so große Stadt gesehen. Es war schier unmöglich für sie, zu beurteilen, wie viele Menschen in den dicht gedrängt stehenden Häusern wohnten, von denen einige höher und mächtiger waren als jedes andere Gebäude aus ihrer Heimatstadt Itzehoe, in der es keine Häuser mit mehr als zwei Stockwerken gab. So hoch waren dort noch nicht einmal die Lagerhäuser an der Flussschleife der Stör.
Für das geschäftige Treiben im Hafen interessierte sie sich kaum. Ihre Gedanken richteten sich auf Christoph von Cronen, den Sohn des Ratsherrn und Fernhandelskaufmanns, der sie vom Schiff abholen sollte. Sie war ihm noch nicht begegnet, war sich jedoch darüber klar, dass ihr Vater die Absicht verfolgte, sie mit ihm zu vermählen. Sie wusste, dass sie sich fügen musste, falls ihr Vater und Ratsherr von Cronen sich einig wurden und beschlossen, dass sie ihn ehelichen sollte. Der Gedanke, sich zu wehren oder sich gar zu verweigern, war ihr nur flüchtig gekommen. Sie hatte kein Recht zu einer solchen Haltung. Was das Familienoberhaupt beschloss, das war Gesetz. Ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche spielten keine Rolle. Mit ihren Freundinnen träumte sie hin und wieder von der Liebe zu einem Mann, niemals aber war ihr in den Sinn gekommen, eigenen Wegen zu folgen und auf die Stimme des Herzens zu hören.
Je näher die Kogge der Anlegestelle kam, desto heftiger schlug ihr Herz. Als das Schiff an einer anderen Kogge vorbeiglitt, machte Greetje eine prächtige Sänfte aus, die vier Männer dort abgestellt hatten. Sie demonstrierte allzu deutlich, dass Christoph von Cronen aus reichem Haus stammte, dass er somit die »gute Partie« war, um die sie ihre Freundinnen beneideten, die allesamt seit Jahren schon verheiratet waren und sie bedrängten, nun endlich auch den Bund der Ehe einzugehen. Immerhin sei sie schon neunzehn Jahre alt und laufe Gefahr, bald überhaupt keinen Ehemann mehr zu finden.
Ihr Vater hatte Christoph von Cronen beschrieben, hatte ihn einen gut aussehenden Mann genannt, dessen einziger Nachteil war, dass ihm vor Jahren einer schweren Verletzung wegen der Fuß amputiert werden musste. So war er gezwungen, einen hölzernen Stumpf zu tragen, der ihm den Fuß ersetzte.
»Das sind Äußerlichkeiten, die keine Rolle spielen«, hatte ihr Vater gesagt. »Auf den Geist und die Umgangsformen eines Mannes kommt es an. Und in dieser Hinsicht ist Christoph ohne jeden Tadel.«
Sie konnte nicht umhin, ihm recht zu geben. Mit seiner Behinderung konnte sie sich abfinden, nicht jedoch mit einem garstigen Benehmen oder einem dümmlichen und anspruchslosen Geist.
Ihr Blick löste sich von der Sänfte und glitt zu einem Stapel von Stoffballen hinüber, hinter dem ein junger, auffallend gut gekleideter Mann stand, der ein Spitzentuch in der Hand hielt. Damit tupfte er sich alle Augenblicke Mund und Nase ab, wobei er vergnüglich mit einer drallen jungen Frau schäkerte und ihr hin unter wieder einen Klaps aufs Hinterteil versetzte, worauf sie sich mit einem spitzen Schrei entzog. Die Frau empfand die ungehörige Berührung nicht als Beleidigung, denn sie machte keinerlei Anstalten, sich zu entfernen, sondern drängte sich im Gegenteil fordernd gegen ihn. Als er sich zu ihr hinneigte, um sie zu küssen, erschien ein weißhaariger Mann neben ihnen und unterbrach sie. Lachend trennten sie sich. Die Frau bekam noch einen Klaps und eilte fröhlich winkend davon.
Als die beiden Männer hinter dem Stapel hervorkamen, fiel Greetje auf, dass der Jüngere leicht hinkte. Er zog den rechten Fuß etwas nach, der unter dem langen Hosenbein vollkommen verborgen war. Ihr war, als würde sie von einer kühlen Hand im Rücken berührt. Ein unangenehmes Gefühl der Kälte überkam sie.
Der junge Mann war Christoph von Cronen, jener Mann, den sie ehelichen sollte. Er wusste sich offensichtlich prächtig zu amüsieren und nahm keinerlei Rücksicht darauf, dass sie ihn von der einlaufenden Kogge aus beobachten konnte. Aus seinem Verhalten konnte sie nur schließen, dass sie ihm vollkommen gleichgültig war und dass ihn nicht im Mindesten interessierte, was sie dachte und empfand.
Sie zog sich einige Schritte bis an das Achterkastell zurück und blieb hinter einer offenen Tür stehen, so dass er sie nicht sehen konnte. Von hier aus verfolgte sie, wie die Kogge anlegte und die Matrosen dicke Bohlen über die Reling zum Ufer schoben. Schließlich stellte einer der Männer, ein bärtiger Riese, der über ungeheure Kräfte zu verfügen schien, einen Tritt, der aus drei Stufen bestand, an die Reling. Der Kapitän kam auf Greetje zu.
»Ihr könnt das Schiff jetzt verlassen«, sagte er, wobei er sich verlegen und ungeschickt verneigte. Er war ein einfacher Mann, der offenbar noch nie zuvor eine Frau an Bord gehabt hatte.
Aus dem Dunkel der Kabine unter dem Achterkastell tauchte Ava auf, eine schon in die Jahre gekommene Zofe, die während der Reise nach Hamburg über Greetje wachte. Sie hatte ein kleines faltiges Gesicht, in dem alle in ihrem Leben erlittenen Enttäuschungen ihre Spuren hinterlassen hatten, und einen verkniffenen Mund, der sie strenger aussehen ließ, als sie war. Sie hatte in den letzten Jahren alle Zähne verloren, so dass die Lippen nach innen gesackt waren.
»Er holt uns mit einer Sänfte ab«, bemerkte Greetje. »Ein prachtvolles Stück. So etwas habe ich noch nie gesehen. Es wird schön sein, darin zu sitzen.«
»Oberflächliches Blendwerk«, gab Ava verächtlich zurück. »Damit zeigt er, aus welch wohlhabendem Haus er kommt.«
»Und das ist nichts wert?«
»Gar nichts. Es kommt auf die Persönlichkeit an, mein Kind, und in dieser Hinsicht steht es bei Christoph nicht zum Besten.«
»Ja, das fürchte ich auch«, seufzte die junge Frau. Ohne noch weitere Worte zu verlieren, schritt sie mit Ava zur Reling, ließ diese zuerst hinaufsteigen und über die Bohlen gehen, um sich dann an den Schiffshauptmann zu wenden.
»Habt Dank, Kapitän«, verabschiedete sie sich. »Ich werde von Cronen von Eurer Sorgfalt und Vorsicht berichten, die uns die Reise angenehm gemacht haben.«
»Macht das«, murmelte er in seinen Bart, wobei er ihrem Blick verlegen auswich. Er war ein Grobian, der während der Fahrt mit unangenehm lauter Stimme Befehle erteilt und seine Männer übel beschimpft hatte, um sie anzuspornen und zum Gehorsam zu zwingen. Den beiden Frauen gegenüber aber war er hilflos, zumal er wusste, dass sie unter von Cronens besonderem Schutz standen.
Als Greetje über die Bohlen schritt, trat Christoph von Cronen hinter der Sänfte hervor, stellte sich am Ufer auf und verneigte sich in eleganter Weise vor ihr. Sie hielt es für übertrieben, wie er mit seiner Hand wedelte, als wollte er sie unbedingt auf die kostbaren Spitzen aufmerksam machen, die unter dem Ärmel hervorsahen, und sie mochte es nicht, wie er anschließend mit einem zierlichen Taschentuch seine Nasenspitze abtupfte.
»Meine liebe Jungfrau Greetje«, rief er. »Ich bin entzückt, Euch zu sehen. Nehmt meine Hand, damit ich Euch zur Sänfte führen kann.«
Sie nahm die ausgestreckte Hand, an deren Fingern Ringe mit Edelsteinen blitzten, sah ihn jedoch nicht an und schritt mit ihm zur Sänfte. Einer der Träger öffnete die Tür, und sie stieg ein, überrascht von der prunkvollen Ausstattung. Die Wände waren mit kostbaren Stoffen ausgeschlagen, und die kunstvoll geschwungenen Leisten an den beiden Türen waren mit Gold überzogen. Als sie scheu und mit einer gewissen Vorsicht in die Polster sank, gesellte sich Christoph von Cronen zu ihr. Er lächelte freundlich, bis der Diener die Tür schloss. Dann zog er die Vorhänge zu, so dass niemand mehr hereinsehen konnte.
»O nein!«, wandte Greetje ein. »Das ist nicht schicklich.«
Sie stieß die Tür wieder auf und ließ Ava herein, die sich schweigend neben sie setzte, um sie bis zum Haus der Familie von Cronen zu begleiten. Ava hatte eigentlich nur den Auftrag, Greetje nach Hamburg zu bringen. Nach einem kurzen Besuch bei von Cronen würde sie mit dem Schiff nach Itzehoe zurückkehren und sich um die Häuser kümmern, die Hans Barg gehörten. Der Arzt selbst wollte nach Hamburg übersiedeln.
Die Träger hoben die Sänfte an und bewegten sich durch den Hafen. Immer wieder forderten die Männer lauthals, Platz zu machen und zur Seite zu gehen, damit sie passieren konnten.
Christoph von Cronen lächelte nicht mehr. Mit zornig funkelnden Augen blickte er Greetje an.
»Ich hege keine Sympathien für Euch, Jungfrau Greetje«, sagte er mit gedämpfter Stimme, »wenngleich ich zugeben muss, dass mich Eure Zurückweisung reizt und dass Ihr trotz Eures fortgeschrittenen Alters von ansehnlichem Äußeren seid. Vor allem denke ich nicht daran, Euch zu ehelichen. Wozu auch? Man kann sich prächtig miteinander vergnügen, ohne den Bund der Ehe einzugehen.«
»Wenn ich Euch zu alt bin«, erwiderte Greetje kühl und herablassend, »verlustiert Euch ruhig mit jüngeren Weibern. Es lässt mich kalt.«
»Wir werden die Form wahren«, betonte er und tat dabei so, als wäre Ava gar nicht vorhanden. »Ich werde auf meinen Vater einwirken und ihm deutlich machen, dass Ihr meinem Stand nicht entsprecht. Vielleicht verzichtet er darauf, uns miteinander zu vermählen.«
»Ihr glaubt gar nicht, wie froh ich wäre«, stieß Greetje hervor. Ihre Lippen waren schmal und weiß geworden. Sie würdigte den Mann, der ihr gegenübersaß, keines Blickes, bemerkte aber sehr wohl, dass er sie abschätzend anstarrte. Voller Ungeduld harrte sie auf das Ende der Reise. Die Sänfte war ungemein bequem und bot ihr ungewohnten Luxus, dennoch fühlte sie sich nicht wohl.
»Es steht Euch nicht an, so etwas zu sagen«, zischte er verärgert. »Ihr habt demütig und gehorsam zu sein. Ich dulde kein Weib, das solch freche Worte im Mund führt.«
»Verzeiht«, bat sie und senkte den Kopf. Ihre Hände verschränkten sich.
Er lehnte sich leise seufzend in den Polstern zurück, öffnete eine Klappe am Sitz neben sich und hob einen Krug heraus, um daraus zu trinken. Dann tupfte er sich den Bierschaum von den Lippen.
»Gott meint es gut mit uns Kaufleuten«, verkündete er selbstgefällig. »Er lässt uns auf der Sonnenseite des Lebens wandeln, weil er weiß, dass wir ebenso wie die Adligen zum Edelsten zu zählen sind.«
»Ihr meint, Ihr steht über den anderen Menschen dieser Stadt?«
»O ja! Nur ein Narr könnte diese Tatsache verkennen. Gott macht Unterschiede zwischen den Menschen. Das ist nicht zu übersehen.«
»In der Bibel steht, dass vor Gott alle Menschen gleich sind!«
Christoph von Cronen beugte sich vor und blickte sie strafend an.
»Ihr habt ein freches Mundwerk, Jungfrau Greetje. Was fällt Euch ein, mit mir zu diskutieren? Ich dulde nicht, dass Ihr eine eigene Meinung habt, und ich lasse es schon gar nicht zu, dass Ihr Euch entsprechend äußert. Die Bibel wurde von Menschen geschrieben. Zuvor wurde ihre Botschaft über Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert. Da hat der eine oder der andere wohl etwas hinzugedichtet, um sie seinen Vorstellungen anzupassen.«
Greetje gefiel ganz und gar nicht, dass er sie zurechtwies und dass er in dieser abfälligen Weise über das heilige Buch sprach. Sie ließ sich nicht einschüchtern, sondern zeigte kurz auf seinen rechten Fuß.
»Bevor Gott Euch zu den Edelsten einteilte, hat er Euch offenbar eine kleine Mahnung mit auf den Lebensweg gegeben.«
Diese Worte trafen ihn so hart, als hätte sie ihm einen Schlag versetzt. Alle Farbe wich aus seinem Antlitz, das sich vor Wut verzerrte.
»Ihr vergesst Euch, Weib! Es steht Euch nicht zu, Euch über das lustig zu machen, was mir widerfahren ist«, fuhr er sie an. »Und ich verbiete Euch jedes weitere Wort! Ich will nichts mehr hören. Gar nichts. Kein Wort soll über Eure Lippen kommen, bis ich es Euch erlaube!«
Greetje drehte den Kopf zur Seite und blickte ins Nichts. Sie sah die kostbaren Stoffe und die mit Gold beschlagenen Leisten nicht mehr. Sie war erschrocken und verletzt ob des Verhaltens dieses Mannes. Ihren Einzug in Hamburg hatte sie sich anders vorgestellt. Ganz anders. Wilham von Cronen, Christophs Vater, mochte reich und mächtig sein, er war sicherlich ein ungewöhnlicher Mann, doch er hatte einen Sohn, dem es an vielem fehlte. Einen Mann wie Christoph wollte sie auf keinen Fall ehelichen. Sie beschloss, sich energischer als bisher gegen ihr Schicksal zu wehren. Was halfen ihr Reichtum und Luxus, wenn sie einen Mann an ihrer Seite hatte, der sich schon jetzt so verhielt, als hätte er alle Macht über sie, obwohl sie noch nicht miteinander verheiratet waren?
Sie schwiegen, bis die Träger endlich die Sänfte absetzten. Christoph von Cronen zog einen Vorhang zur Seite und blickte hinaus. Dann nickte er zufrieden.
»Wir werden die Form wahren«, sagte er. »Wenn andere dabei sind, werde ich Euch höflich behandeln. Aber glaubt nur nicht, dass sich etwas geändert hat. Und noch etwas. Euer Vater wird in einigen Tagen nach Hamburg übersiedeln. Bis dahin wohnt Ihr in unserem Haus. Ihr verlasst Eure Kammer nur, wenn ich es Euch erlaube. Und jetzt zeigt Euch demütig, wie es die Form verlangt.«
Einer der Diener öffnete die Tür, Christoph von Cronen stieg lächelnd aus, drehte sich um, verneigte sich höflich und streckte ihr fordernd die Hand entgegen. Sie ergriff sie, und er half ihr, aus der Sänfte zu steigen.
Hinriks Blick glitt von der Kogge mit ihrem aufragenden Achterkastell und dem Heckruder über das überschwemmte Land hinweg bis hin zum Hof des Grafen, der sich nahe dem Dorf Heiligenstätten auf einer künstlichen Anhöhe, einer Warft, erhob und selbst von einer Springflut nicht erreicht wurde. Zwischen der Flussschleife und dem Hof des Grafen erstreckte sich das Land, das ihm, Hinrik, gehörte und das man ihm gestohlen hatte.
In den vergangenen Wochen hatte es einige Male Streit gegeben, weil nachts Schiffe angelandet waren und entladen wurden. Die Fracht war jedoch nicht über die nach Norden um das Kloster führende Straße und dann zum Gut des Grafen gebracht, sondern direkt über die Dämme der Störwiesen transportiert worden. Der Regen und die Frühlingsfluten hatten die Dämme aufgeweicht, so dass die schwer beladenen Rösser erhebliche Schäden angerichtet hatten. Dagegen hatte Hinrik sich gewehrt und verlangt, dass die Knechte des Grafen die Schutzwälle wieder in Ordnung brachten. Das war nicht geschehen. Gerhard Pflupfennig hatte nicht mit sich reden lassen. Er dachte nicht daran, seine Leibeigenen für Arbeiten einzusetzen, die nicht unmittelbar ihm selber zugutekamen.
»Ich habe Verträge schon mit Eurem Vater abgeschlossen«, sagte er und hielt ihm ein vergilbtes Papier unter die Nase, das mit einem ungelenk geformten Kreuz unterzeichnet war. »Was kann ich dafür, dass er, ein hochangesehener Ritter, nicht lesen und schreiben konnte? Hier steht, dass ich jederzeit das Recht habe, das Land zu überqueren.«
»Nicht, wenn die Wiesen überflutet sind«, begehrte Hinrik auf. »Die Dämme brechen, und das abfließende Wasser reißt den wertvollen Mutterboden mit. Nachbarn sollten Rücksicht aufeinander nehmen.«
»Das ist genau, was ich von Euch erwarte, Hinrik vom Diek«, antwortete der Graf, verzog missbilligend das Gesicht, drehte sich um und verschwand schlurfend und tief über seinen Gehstock gebeugt in seinem großzügig angelegten Wohnhaus. Zwei oder drei Familien hätten mühelos darin wohnen können, und Platz für Gäste wäre dann immer noch geblieben. Doch nur der Graf, seine Frau, sein Sohn Waldemar und seine Tochter Magdalena lebten dort. Das Haus war aus Stein gebaut, hatte ein wuchtiges Fundament und Pergament vor den Fenstern, das von weither gebracht worden war.
Die äußeren Zeichen der Macht wurden der Wirklichkeit nicht ganz gerecht. Es war erst wenige Jahrzehnte her, dass die Pest in den Städten und auf dem Land die Bevölkerung hinweggerafft hatte. Beinahe jeder Dritte war der Krankheit zum Opfer gefallen. Als Folge der Seuche war es für die Fürsten, Grafen und Edelleute viel schwieriger geworden, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen, denn Knechte und Mägde fehlten allerorten. Außerdem ließen sich die Bauern nicht mehr so ohne weiteres ausbeuten. Immer häufiger begehrten sie auf und widersetzten sich ihren Pachtherren.
Hinrik vernahm Hufschlag. Vorsichtig zog er sich ein paar Schritte weiter in den Wald zurück und suchte hinter einem Baum Schutz. In diesem Moment riss der Himmel auf, und das Mondlicht fing einen Ritter auf seinem Pferd ein. Ungewöhnlich war der bronzene Schimmer seiner Rüstung, der ihn von anderen Rittern unterschied und diesen Kämpfer eindeutig aus ihren Reihen hervorhob. Obwohl das herabgelassene Visier das Gesicht des Reiters verbarg, wusste Hinrik augenblicklich, mit wem er es zu tun hatte. Es gab nur einen Ritter mit einer solchen Rüstung.
Auf dem Pferd saß ein gefährlicher und heimtückischer Feind.
Nicht weit von Hinrik entfernt zügelte der Reiter sein Pferd, um sich dann langsam im Sattel zu drehen und durch die Schlitze seines Helms in alle Richtungen zu spähen.
Lautlos glitt Hinrik in den Schatten hinter dem Baum. Nun konnte er den geheimnisvollen Ritter in Bronze nicht mehr sehen, aber er hörte das Schnauben seines Pferdes und das leise Schaben der Metallteile. Minuten verstrichen, ohne dass etwas geschah. Der Ritter regte sich ebenso wenig wie er. Dann endlich klirrte Metall, das Pferd schnaubte und der dumpfe Hufschlag entfernte sich.
Erleichtert klammerte Hinrik sich an den Baumstamm. Er zitterte nicht nur vor Kälte und Schwäche, sondern auch, weil er von ohnmächtigem Zorn erfüllt war. Rachegelüste bemächtigten sich seiner, und er war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Am liebsten hätte er sich auf den bronzenen Ritter gestürzt, ihn vom Pferd gerissen und für das bestraft, was er getan hatte.
Doch er verharrte, bis der Bronzene sich entfernte und die Gefahr vorüber war. Er verfluchte alles, was ihm in dieser Nacht widerfahren war und ihn hilflos gemacht hatte. In seinem Zustand, in dem er noch nicht einmal einen Finger krümmen konnte, ohne Schmerzen zu empfinden, hätte er keinerlei Chance gegen den Bronzenen gehabt. Zwölf Jahre war es jetzt her, dass dieser geheimnisvolle Ritter in sein Leben getreten war. Zwölf lange Jahre, in denen er allzu oft an ihn gedacht und immer wieder Rache geschworen hatte.
Nun war Hinrik nur wenige Schritte von ihm entfernt gewesen, ohne sich zeigen zu können. Ihm war, als wollte das Schicksal ihn verhöhnen, weil es ihn in einem Moment mit dem Bronzenen konfrontierte, da er absolut nichts gegen ihn ausrichten konnte. Wie oft hatte er diesen Gegner in seinen Träumen zum Kampf gestellt! Niemals war ihm dabei der Gedanke gekommen, er könnte zu schwach sein, um sich gegen ihn zu behaupten. Voller Wehmut – und erfüllt von ohnmächtigem Zorn – dachte Hinrik an seinen edlen Tuz. Auf seinem Rücken hätte er kämpfen und dabei die Vorteile eines Pferdes nutzen können, das dem schweren Ross des Bronzenen an Schnelligkeit und Wendigkeit weit überlegen war.
Er hatte dem Hengst den Namen Tuz gegeben, weil er widerborstig wie eine Kröte sein konnte. Hervorgegangen war das Pferd aus einer Begegnung seiner schwerblütigen Stute mit einem temperamentvollen spanischen Hengst, der bei aller Größe so leicht gewesen war, dass er von niemandem ernst genommen worden war.
Tuz war etwas ganz Besonderes. Er war nicht mehr schwerfällig und behäbig, wie die Pferde aus Holstein sonst, sondern leicht und beweglich. Er war nicht dafür vorgesehen, schwere Arbeit auf den Äckern zu leisten und Ritter in Rüstungen zu tragen, in denen diese sich ohne Pferd kaum hätten fortbewegen können. Tuz war schneller als jedes andere Pferd weit und breit. Schon deshalb war das Tier dem Grafen ein Dorn im Auge. Wollte man ihm glauben, war ein so leichtfüßiges Pferd wie Tuz weder als Zugtier noch auf dem Schlachtfeld zu gebrauchen.
Die Kälte kroch Hinrik in die Glieder, und seine Muskeln verhärteten sich am ganzen Körper. Als er sich mit der Hand über das Gesicht fuhr, spürte er die Schwellungen und vor allem die klaffende Wunde, die der Hieb mit dem Ochsenziemer gerissen hatte. Eine Narbe würde zurückbleiben, die ihn für den Rest seines Lebens daran erinnern würde, was ihm widerfahren war.
Als er sich von dem Baumstamm löste, fielen ihm die ersten Schritte besonders schwer. Er hatte kaum Gewalt über seine Beine und taumelte so heftig, dass er sich an einem anderen Baum abstützen musste. Erst nach und nach erwärmten sich die Muskeln und wurden ein wenig geschmeidiger. Auch das Gift schien zu schwinden, so dass er sich besser bewegen konnte und sein Geist sich klärte.
Alles in ihm schrie nach Rache. Im tiefsten Inneren allerdings war eine leise Stimme zu hören, die davon nichts wissen wollte. Die Männer, mit denen er es zu tun bekommen hatte, waren zu mächtig. Und sie hatten ihm alle Waffen aus der Hand geschlagen.
Nein. Nicht alle.
Was er als Knappe und als Ritter gelernt hatte, konnten sie ihm nicht nehmen. Niemals.
Als er sich nach Norden wandte, um zum Geestrücken hinaufzusteigen, vernahm er erneut Hufschlag. Zögernd blieb er im Schatten der Eichen stehen und wartete. Es dauerte nicht lange, bis er die Reiter sah. An der Spitze ritten zwei bärtige Männer, die ihm bereits auf dem Hof des Grafen aufgefallen waren, obwohl sie nicht in den Kampf eingegriffen hatten. Sie hielten Fackeln in den Händen. In ihrem Licht erkannte er Wilham von Cronen, der ihnen folgte. Fünf weitere Reiter bildeten den Abschluss des Trosses.
Der Hass gegen den Ratsherrn hielt Hinrik nicht mehr auf der Stelle. Im Schutz des Waldes begleitete er den Zug, doch in der Dunkelheit konnte er kaum etwas erkennen. Immer wieder prallte er gegen Bäume oder verfing sich in den Büschen. Er fürchtete, das Knacken und Krachen der Zweige würde ihn verraten, doch die Reiter hörten ihn nicht. Alle ritten schwere Pferde, die selbst unter der Last von zehn Reitern nicht zusammengebrochen wären, wahre Kolosse, wie sie überall zum Einsatz kamen. Langsam stampfend bewegten sie sich voran, immer wieder laut schnaubend. Die Geschirre knarrten und ächzten. Tuz wäre ihnen mühelos davongelaufen. Im Galopp hätte er sich sehr schnell einen großen Vorsprung verschafft. Diese Pferde dagegen waren schon im Trab schwerfällig. Selbst Hinrik konnte mühelos Schritt halten.
Von Cronen folgte dem Waldrand, um dann kurz vor Itzehoe zur Störschleife hin abzubiegen. Nun war das Gelände offen und flach. Hinrik ließ sich zurückfallen, um dem Ratsherrn in weitem Abstand zu folgen. Erst als der Tross die Störschleife erreichte, wo eine Kogge lag, rückte er weiter auf. An Bord brannten Fackeln, und ein großes Lagerfeuer am Ufer verbreitete Licht. So konnte Hinrik sehen, wie von Cronen von einem hochgewachsenen, offenbar recht kräftigen Mann an Bord begrüßt wurde. Anscheinend kannten sie einander. Beide waren wegen der Kälte in dicke Pelzmäntel gehüllt.
Während die beiden Männer miteinander redeten, wärmten sich die anderen am Feuer. Die Seeleute an Bord blieben weitgehend im Dunkeln. Nachdem von Cronen eine Weile mit dem Bärtigen verhandelt hatte, verabschiedete er sich von ihm und ritt mit seinen Männern davon.
Hinrik presste sich hinter einer Weide auf den Boden. Er hatte zu lange gewartet und geriet nun in Gefahr, entdeckt zu werden. Doch der Tross zog keine zehn Schritte von ihm entfernt vorbei und verschwand in der Dunkelheit. Nun legte die Kogge ab und ließ sich von der Flussströmung mitziehen. Schnell und mit sicherer Hand hissten die Matrosen eine Fahne. Sie war weiß mit einem schwarzen Stierkopf darauf.
Hinrik machte sich auf den Weg nach Norden. Die Glieder schmerzten ihn bei jedem Schritt, und der eisige Wind ging ihm durch Mark und Bein. Er war nicht nur müde und erschöpft, sondern fühlte sich gedemütigt und verletzt. Aber er dachte keinen Atemzug lang daran, sich irgendwo zu verkriechen und Ruhe zu gönnen. Er trieb sich voran, wohl wissend, wie gefährlich es wäre, der Schwäche in seinen Beinen nachzugeben und sich irgendwo schlafen zu legen. Er wäre nicht wieder aufgewacht.
Im Wald kannte er sich aus. Er folgte einem schmalen, gewundenen Pfad, der sanft zum Geestrücken hin anstieg. Kurz darauf tauchte sein Hof vor ihm auf. Während er noch überlegte, wie er ihn betreten könnte, ohne gesehen zu werden, schoss aus der Dunkelheit sein Hund auf ihn zu und sprang hechelnd an ihm hoch. Er umarmte ihn, ließ sich auf die Knie sinken und flüsterte: »Leise, Jo, leise! Du darfst mich nicht verraten.«
Es war, als ob das Tier ihn verstanden hätte. Von nun an gab Jo keinen Laut mehr von sich, drückte sich jedoch immer wieder an Hinriks Beine und blickte fragend zu ihm auf. Er blieb an seiner Seite, als Hinrik sich tief geduckt an der Reihe der Eichen entlangschlich, die den Fahrweg zu seinem Hof säumten. Mittlerweile hatten sich die Wolken gelichtet, und die Nacht war heller geworden. Umso vorsichtiger war der Ritter. Der Graf hatte Wachen auf den Hof geschickt und ihnen den klaren Befehl gegeben, ihn zu töten, falls er sich blicken ließ. Er zweifelte nicht daran, dass sie ihm ohne zu zögern folgen würden.
Der Hof bestand aus drei großen Gebäuden – dem Haupthaus mit seinen Wohnräumen und den Stallungen für Kühe, Pferde, Schweine sowie das Federvieh, einer geräumigen Scheune und einem Haus für das Gesinde. Eine kleine Brücke führte über den Graben, der das ganze Gehöft einfasste. An seinem Ufer stemmten sich mächtige Eichen in den Boden. Ihre dicht bewachsenen Äste warfen schwere Schatten auf das Anwesen, so dass nicht sofort zu erkennen war, ob sich auf dem Hof jemand aufhielt. Im Obergeschoss des Haupthauses flackerte Licht. Dort war jemand mit einer Kerze zugange.
Hinrik schlug einen Bogen und näherte sich dem Gehöft von der Seite her, wobei er den Schutz einiger verkrüppelter Weiden suchte. Lautlos strich der Hund neben ihm her. Als Hinrik den Graben erreichte, legte er dem Tier die Hand auf den Rücken und befahl ihm, sich auf den Boden zu legen und zu warten. Jo gehorchte leise winselnd.
Vorsichtig ließ sich der Ritter in den Graben gleiten. Während das Wasser überall sonst an die sechs Fuß tief war, gab es hier eine seichte Stelle. Er kannte sie schon lange, hatte sich längst vorgenommen, den Graben durchgehend zu vertiefen, hatte die Arbeit aber immer wieder verschoben. Jetzt war er froh darüber, denn nun erreichte er den Hof, ohne über die Brücke zu gehen. Er konnte sich vorstellen, dass irgendwo eine Wache versteckt war und die Brücke nicht aus den Augen ließ. Vorsichtig drückte er das dünne Eis ein. Dennoch kam es ihm vor, als könnte der Lärm den Wachen unmöglich verborgen bleiben.
Als er aus dem Graben stieg, war er nur noch wenige Schritte von der Rückseite des Haupthauses entfernt. Er eilte an der Mauer entlang bis zu einem Fenster am Ende. Er wusste, dass er die Fensterläden geschlossen, jedoch nicht verriegelt hatte.
Er verharrte einige Sekunden lang regungslos. An den Außenseiten der Läden befanden sich die reliefartigen Schnitzereien zweier Eulen, die er an den langen Abenden des vergangenen Winters angefertigt hatte. Jetzt erschien es ihm, als wären sie zum Leben erwacht und würden ihn aus großen dunklen Augen neugierig und vorwurfsvoll zugleich anblicken. Er ließ seine Fingerspitzen darüber hinweggleiten, wie um Abschied von ihnen zu nehmen. Dann zog er die Holzverschläge vorsichtig auf. Sie knarrten leise in den Scharnieren, und wieder fürchtete er, dass die Wachen aufmerksam werden könnten. Das Vieh war unruhig. Pferde, Kühe und Schweine lagen nicht auf dem Boden, wie es zu dieser späten Stunde normal war, sondern standen nervös in ihren Verschlägen. Erstaunlich ruhig blieben dagegen die Gänse und die Hühner, die weit von ihm entfernt im Stroh lagen und sich nicht rührten.
Hinrik glitt durch das Fenster in den Stall. Besänftigend strich er einer Kuh mit den Händen über den Rücken und schob sich an ihr vorbei, bis er durch das Gebälk hindurch die Kammer sehen konnte, in der er sich aufzuhalten pflegte, wenn er im Haus war. Jetzt war sie leer. Er schlich sich heran, wartete minutenlang und horchte, bis er ein Rumpeln und Poltern in der Vorratskammer vernahm. Durch die offene Tür, die dorthin führte, schimmerte Licht. Offenbar suchten die Wachen nach ess- und trinkbarer Beute.
Hinrik nutzte die Gelegenheit und stieg eine schmale Treppe ins Obergeschoss hinauf. Er tastete sich durch die Dunkelheit, bis er einen Feuerstein, ein wenig fette Wolle und eine Kerze fand. Mit einiger Mühe entzündete er die Wolle und mit ihrer Hilfe den Kerzendocht. Er schirmte das Licht mit der Hand ab, ging einige Schritte in das Zimmer hinein, das ihm bis zur vergangenen Nacht als Wohn- und Schlafkammer gedient hatte, und blieb dann bestürzt stehen.
Die Wachen hatten die kostbaren Bilder von den Wänden gerissen und achtlos auf den Boden geworfen. Es waren Gemälde von namhaften Künstlern. Äußerst behutsam hatte er sie vor Jahren von weit her auf seinen Hof gebracht, um sich an ihnen zu erfreuen. Jetzt waren sie zerstört, von Fußtritten zerfetzt. Die schwere, mit kunstvollen Schnitzereien versehene Truhe war aufgerissen und geplündert worden. Kleidungsstücke und die Seiten einer im Kloster gefertigten Bibel lagen auf dem Boden.
Doch nicht das allein schockierte ihn.
Zwei Fußbodenbohlen waren aufgerissen worden. Die Wachen hatten das Versteck gefunden, in dem er seine Ersparnisse aufbewahrt hatte. Von den Münzen, die darin gelegen hatten, war nicht mehr eine einzige vorhanden. Er sank auf die Knie, und dabei war ihm, als würden die vielen Wunden wieder aufbrechen, die er in dieser Nacht davongetragen hatte. Sein Herz krampfte sich zusammen.
Unten im Haus wurde es laut. Die Tür zur Vorratskammer bewegte sich knarrend in ihren Angeln. Die Schritte der Wachen dagegen waren kaum zu hören. Hinrik vernahm die Stimmen zweier Männer und das Klirren der Waffen, die sie mit sich führten.
Ohne Eile öffnete Hinrik einen der Schränke und nahm einen Mantel mit Kapuze und einen Schal heraus. Dergestalt gegen die Kälte gerüstet, schlich er die Treppe hinunter. Er kannte jede einzelne Stufe und wusste, wohin er seine Füße setzen musste, damit das Holz nicht knarrte. Glücklicherweise verursachten die Wachen einen derartigen Lärm, dass sie ihn nicht hörten. Ihr Lachen und ihre derben Scherze verrieten ihm, dass sie seinen Biervorrat aufgestöbert hatten und sich nun freudig bedienten.
»Ein Ritter, der arbeitet wie ein Bauer«, hörte er einen der beiden Männer sagen. »Er hätte wissen müssen, dass der Adel so etwas nicht duldet. Er gehört zum Wehrstand, nicht zum Nährstand!«
In der Tat! Er hatte schwer gearbeitet, um den heruntergewirtschafteten Hof wieder hochzubringen. Dabei war ihm klar gewesen, dass ein Adliger so etwas nicht tat und dass er damit gegen alle Konventionen verstieß. Adlige verpachteten ihr Land und ließen andere für sich arbeiten.
»Verflucht, irgendwo muss es sein«, rief eine andere Stimme.
Sie suchten sein Geld. Sie wollten, dass er arm war wie ein Landarbeiter.
Er eilte an den Verschlägen für das Vieh vorbei, stieg zum Fenster hinaus und rannte über den dunklen Hof zur Scheune hinüber, wo in einem weiteren Versteck einige Münzen verborgen waren. Auf keinen Fall wollte er den Hof völlig mittellos verlassen.
Die große Doppeltür der Scheune stand offen. Dennoch war es drinnen so dunkel, dass er kaum etwas erkennen konnte. Er hörte Stroh rascheln.
»Wer ist da?«, fragte er leise. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, und er machte eine Gestalt aus, die gleich neben dem Eingang auf dem Boden kauerte, wo der edle Tuz seinen Platz gehabt hatte.
»Herr, seid Ihr es? Ich bin’s, Hans.« Der Knecht stand auf und kam zu ihm. »Es ist so furchtbar. Tuz ist tot.«
»Woher weißt du das?«
»Ich war vorhin auf dem Hof des Grafen. Ich habe mich gewundert, dass Ihr so lange weggeblieben seid. Ich dachte mir, vielleicht braucht Ihr Hilfe, nach Hause zu kommen. Und da habe ich Tuz gesehen. Eines ihrer Pferde hat ihn über die Brücke geschleift, und dann haben die Knechte ihn in eine Grube geworfen.«
Hinrik legte den Arm tröstend um den Mann, der ihm immer treu gedient hatte. Hans war schlichten Gemüts und ein guter und zuverlässiger Knecht, der vor allem mit dem Vieh umzugehen wusste und der sich jedem einzelnen Tier mit ganzem Herzen widmete. Jetzt versuchte Hinrik, dem Knecht zu erklären, dass er betrogen worden war und den Hof für immer verlassen musste.
»Ich bin kein Bruder Leichtfuß«, beteuerte er. »Ich setze mein Leben nicht leichtfertig aufs Spiel, und das Leben und Wohlergehen derer, die mir anvertraut sind, erst recht nicht. Natürlich habe auch ich Karten gespielt, aber nie um hohe Einsätze. Dass ich alles Hab und Gut aufs Spiel setze, ist vollkommen ausgeschlossen. So etwas würde ich nie tun.«
Er musste noch einige Male schildern, was ihm widerfahren war, bis der Knecht die ganze Tragweite des Geschehens endlich begriff.
»Dann gehöre ich jetzt dem Grafen?«, fragte Hans. »Nein! Ich bin frei. Ihr habt mir die Freiheit gegeben. Ich bin kein Leibeigener. So wenig wie die anderen auf diesem Hof. Keiner von uns ist ein Höriger.«
»Wo sind sie überhaupt?« Hinrik ging bis zur Tür und blickte zum Gesindehaus hinüber. »Wieso lassen sie sich nicht blicken?«
»Die Männer des Grafen haben gesagt, dass sie jeden einem Femegericht übergeben, der das Haus verlässt«, berichtete Hans. Er hatte blondes Haar, das ihm in breiten Strähnen ins Gesicht fiel. Mit grober Hand strich er es zur Seite. Er war kleiner und sehr viel älter als Hinrik. »Ich habe keine Angst vor ihnen. Ich glaube, es war nicht mehr als Geschwätz.«
»Sei vorsichtig«, ermahnte Hinrik ihn. »Die Männer trinken Bier. Sehr viel und sehr schnell. Sie sind schon jetzt betrunken, und sie saufen weiter.«
»Warum jagt Ihr sie nicht vom Hof, Herr?«
Hinrik schüttelte lächelnd den Kopf. »Sie haben mich geprügelt und geschunden. Wenn es nicht so dunkel wäre, könntest du sehen, was sie mit mir gemacht haben. Ich kann kaum noch aus den Augen schauen, und es fällt mir schwer, mich auf den Beinen zu halten. In diesem Zustand kann ich nichts gegen sie ausrichten.« Er zog den treuen Knecht an sich und klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken. »Ich kann dir und den anderen nur einen Rat geben. Macht euch aus dem Staub. Ihr seid alle freie Menschen, wenn ihr aber auf dem Hof bleibt, wird der Graf euch zu Leibeigenen machen.«
»Wir haben es immer gut bei Euch gehabt, Herr«, erinnerte sich Hans wehmütig. Er wollte, dass Hinrik blieb und sich weiterhin um sie kümmerte. Er und die anderen Knechte und Mägde waren freie Menschen, wenngleich sie diesen Status vielleicht gar nicht nutzen konnten. Nachdem Hinrik sie als Leibeigene von seinem Vater übernommen hatte, hatte er ihnen als Erstes die Freiheit gegeben. Er hatte sie gut bezahlt, sich um sie gekümmert und versucht, ihnen ein wenig an Selbstbewusstsein zu vermitteln. An den langen Winterabenden, an denen es auf dem Hof wenig zu tun gab, hatte er ihnen sogar Lesen und Schreiben beigebracht. Ob sie auf eigenen Füßen stehen konnten, würde sich nun zeigen.
»Wohin geht Ihr, Herr?«, fragte Hans. Er klammerte sich an ihn. »Könnt Ihr mich nicht mitnehmen?«
»Nein«, lehnte Hinrik ebenso bedauernd wie mitfühlend ab. »Es geht nicht. Für mich wird es schwer genug. Die Zeiten sind vorbei, in denen man allein dadurch Reichtümer erwerben konnte, dass man Ritter ist. Die Zeiten sind vorbei.«
»Das verstehe ich nicht, Herr.«
Hinrik wollte antworten, doch plötzlich wurde es im Haupthaus laut. Die Männer des Grafen schrien sich an. Geschirr zerbrach, und etwas fiel polternd zu Boden. Die Fensterläden flogen auf, und Hinrik sah, wie sich Flammen ausbreiteten. Das Holz des Hauses war staubtrocken. Jetzt schien es das Feuer förmlich anzuziehen.
