Der Bruch. - Gilles Kepel - E-Book

Der Bruch. E-Book

Gilles Kepel

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Beschreibung

Durch die französische Gesellschaft zieht sich ein Bruch, der sich auch in dem Zuspruch ausdrückt, den der rechtsradikale Front National erfährt. Maßgeblich dazu beigetragen hat der islamistische Terror, der in Frankreich bis jetzt 239 Opfer gefordert hat. Der Soziologe und Islamwissenschaftler Gilles Kepel analysiert seit Jahren den islamistischen Terrorismus und seine politischen und sozialen Ursachen und erläutert in seinem neuen Buch, dass es das Ziel dieser mörderischen Provokationen ist, die Gesellschaft in einen Bürgerkrieg zu treiben. Dafür versuchen die Dschihadisten, die französischen Muslime einzuspannen, die sich durch die wachsende »Islamophobie« in der Gesellschaft immer mehr in die Enge getrieben fühlen. Die Politiker, die mit der Bedrohung durch den Islamismus vor der anstehenden Wahl Propaganda machen, gehen damit den Terroristen in die Falle. Gilles Kepel erklärt die Zusammenhänge und plädiert für ein Engagement der aufgeklärten Bürger, sich nicht in diese falsche Konfrontation treiben zu lassen.

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Seitenzahl: 306

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ZUM BUCH

Gelingt es den Dschihadisten und Rechtspopulisten, die Gesellschaft zu spalten?

In Frankreich? In Deutschland, in Europa?

Durch die französische Gesellschaft zieht sich ein Bruch, der sich auch in dem Zuspruch ausdrückt, den der rechtsradikale Front National erfährt. Maßgeblich dazu beigetragen hat der islamistische Terror, der in Frankreich bis jetzt 239 Opfer gefordert hat.

Der Soziologe und Islamwissenschaftler Gilles Kepel analysiert seit Jahren den islamistischen Terrorismus und seine politischen und sozialen Ursachen und erläutert in seinem neuen Buch, dass es das Ziel dieser mörderischen Provokationen ist, die Gesellschaft in einen Bürgerkrieg zu treiben. Dafür versuchen die Dschihadisten, die französischen Muslime einzuspannen, die sich durch die wachsende »Islamophobie« in der Gesellschaft immer mehr in die Enge getrieben fühlen.

Die Politiker, die mit der Bedrohung durch den Islamismus vor der anstehenden Wahl Propaganda machen, gehen damit den Terroristen in die Falle. Gilles Kepel erklärt die Zusammenhänge und plädiert für ein Engagement der aufgeklärten Bürger, sich nicht in diese falsche Konfrontation treiben zu lassen.

ÜBER DEN AUTOR

Gilles Kepel wurde am 30. Juni 1955 in Paris geboren und studierte Soziologie, Anglistik und Arabistik. Er gilt als einer der bedeutendsten Soziologen Frankreichs und renommierter Kenner der arabischen Welt sowie des politischen Islam und des radikalen Islamismus. Er ist Professor am Institute d’Études Politiques de Paris und Autor zahlreicher Bücher, bei Kunstmann erschien 2016 »Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa«.

GILLES KEPEL

DER BRUCH

FRANKREICHS GESPALTENEGESELLSCHAFT

Aus dem Französischenvon Martin Weyerle

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

An den Leser

Vorwort zur deutschen Ausgabe

PROLOG

Das schreckliche Jahr

CHRONIK

September 2015

  6. 9. Kann der Dschihadismus besiegt werden?

13. 9. Flüchtlinge, Migranten, Terroristen

20. 9. Frankreich und Marokko arbeiten an der Verbesserung ihrer Beziehung

27. 9. Frankreichs Luftangriffe auf Syrien

Oktober 2015

  4. 10. Wladimir Putins Realpolitik

11. 10. Die Türkei, die Kurden und der IS

18. 10. Französischer Dschihad, syrischer Dschihad

25. 10. Zehn Jahre nach den Aufständen in der Banlieue

November 2015

  1. 11. Syrien, vom Golf aus gesehen

  8. 11. Der Orient und der französische Roman

15. 11. Frankreich nach dem 13. November

22. 11. Befinden wir uns im Krieg?

29. 11. Syrien ist nicht unser Spanischer Bürgerkrieg

Dezember 2015

  6. 12. San Bernardino: Dschihadisten oder Massenmörder?

13. 12. Libyen, gescheiterter Staat

20. 12. Die UNO und Syrien: Ohnmacht der Mächte

27. 12. Wo der Terror gedeiht

Januar 2016

  3. 1. Der Entzug der Staatsangehörigkeit

  6. 1. Von Januar bis November 2015 – die Wechselfälle des Dschihad

13. 1. Schlag gegen Istanbul

20. 1. IS: Allgegenwärtig oder auf der Flucht nach vorn?

27. 1. Wird der Iran wieder gesellschaftsfähig?

Februar 2016

  3. 2. Drehkreuz Türkei

10. 2. Staatsbürgerschaft: Entzug unwahrscheinlich

17. 2. Der heikle Gedenktag: 100 Jahre Sykes-Picot-Abkommen

24. 2. Kamel Daoud und die sexuellen Übergriffe von Köln

März 2016

  2. 3. Ist der Flüchtlingsstrom eine Bedrohung für Europa?

16. 3. Die »Islamophobie«-Falle

23. 3. Dschihadismus: in die Tat umgesetzter Salafismus

30. 3. Molenbeek, Brüssels verborgene Seite

April 2016

  6. 4. Die Schlacht des Islam in Frankreich

13. 4. Kehrseite und Widerstandskraft des »Kalifats«

20. 4. Zurück aus Teheran

27. 4. Die Schulprogramme des IS

Mai 2016

  4. 5. Umfragen: das Islambild in Frankreich und Deutschland

11. 5. Dschihad in Frankreich, Reformen in Saudi-Arabien?

18. 5. Tauziehen zwischen Ankara und Brüssel

25. 5. Warum will Tariq Ramadan Franzose werden?

Juni 2016

  1. 6. Griechenland an der Migrationsfront

  8. 6. Österreich: die Rechtsextremen und die Flüchtlinge

15. 6. Von Orlando bis Magnanville

22. 6. IS, Israel (… und die Palästinenser)

Juli 2016

15. 7. Nizza am Tag danach

EPILOG

Dschihadismus und »Islamophobie«: der zweifache Betrug

ANHANG

Dank

Siglen und Abkürzungen

Anmerkungen

Namensregister

 

 

 

 

 

(Die Tinte des Gelehrten ist kostbarerals das Blut des Märtyrers)

aus einem Hadith des Propheten

Auf die Frage: zu welchem Zweck so viele Morde, so viele Skandale und Gemeinheiten dienen sollten? – antwortete [Ljamschin] mit Feuereifer: »Zum Zweck der systematischen Erschütterung der Fundamente, der systematischen Zersetzung der Gesellschaft und ihrer sämtlichen Prinzipien; zum Zweck der allgemeinen Entmutigung, der Verwirrung aller Begriffe, um auf diese Weise die zermürbte und erschlaffte, die zynische und ungläubige, aber nach einer leitenden Idee und Selbsterhaltung unstillbar dürstende Gesellschaft – plötzlich in die Gewalt zu bekommen und das Banner der Revolte zu hissen, mit der Unterstützung eines ganzen Netzes von Fünfergruppen, die inzwischen agiert und geworben und sämtliche schwachen Stellen als Ansatzpunkte aufgespürt haben.«

DOSTOJEWSKI, Böse Geister, 1871

AN DEN LESER

Seit am 7. Januar 2015 Dschihadisten einen Anschlag auf Charlie Hebdo verübten und am 14. Juli 2016 auf der Promenade des Anglais in Nizza ein symbolhaftes Massaker stattfand, dem zwölf Tage später die Ermordung eines achtzigjährigen Priesters während der Morgenmesse folgte, herrschen in unserem Land zunehmend bürgerkriegsähnliche Zustände. Der »Islamische Staat«1 hat Frankreich an seiner Achillesferse getroffen: der Jugend aus dem Maghreb und der Sahelzone, aus deren Mitte heraus die Organisation über tausend »Soldaten des Kalifats« anwarb, denen sich auch »Urfranzosen«, zum radikalen Islamismus konvertierte Frauen wie Männer, angeschlossen haben.

Durch alle Wechselfälle des Kolonialismus und der sukzessiven Einwanderungswellen hindurch basierte das nationale Projekt des republikanischen Frankreich auf einem von allen geteilten Kultur- und Gesellschaftsideal: die Bevölkerungsgruppen, die sich unter dem Dach dieser Nation versammelten, nahmen, ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Hautfarbe, die Werte und die Sprache des Landes an. So wie man im klassischen Athen auf der Palästra, dem säulenumringten Kampfplatz, zum Griechen wurde, so wurde man durch Schule und Gymnasium zum Franzosen. Die Kinder der postkolonialen Einwanderer verkörperten geradezu dieses Ideal. Der IS hat es zerstört, und seither wird dem ersehnten Zusammenhalt des Vaterlandes großes Misstrauen entgegengebracht.

Wir mussten miterleben, wie, kurz nachdem Frankreich von dem Attentat in Nizza getroffen wurde, an denselben Stränden, an denen sechsundachtzig Menschen getötet wurden, die – in jeder Hinsicht schamlose – Kontroverse um den Burkini entbrannte.

In der Folge wurde Frankreich im internationalen Ansehen vom Opfer zum Henker, denn es hatte sich der »Islamophobie« schuldig gemacht. Wir werden die Prozesse noch detailliert beleuchten, wie der Kampf gegen die »Islamophobie« dazu genutzt wird, den Dschihadismus zu verschleiern und gleichzeitig Strategien auszuarbeiten, wie in einem heftigen Konkurrenzkampf die Vormachtstellung innerhalb des Islam in Frankreich erreicht werden kann.

Über die Terrororganisation und ihre weitverzweigten Netzwerke hinaus sind in der heutigen französischen Gesellschaft zwei Desintegrationskräfte am Werk: auf der einen Seite die kommunitaristischen Bewegungen, die der Religionszugehörigkeit und ihren Symbolen auf französischem Boden und im öffentlichen Raum den Vorrang einräumen, die Nation als ein Instrument im Dienste eines anderen Ideals begreifen und die französische Identität als etwas, das sich über den Besitz eines Passes und soziale Vorteile definiert; auf der anderen Seite steht das enge Selbstverständnis eines Frankreich, das im Grunde genommen weiterhin ethnisch-rassisch ausgerichtet und fremdenfeindlich ist. Womit wir uns zwischen Charybdis und Skylla hinund herbewegen.

All das stellt uns vor eine große Herausforderung, und sie ist schwer zu bewältigen, da dürfen wir uns nichts vormachen. Während nichts Geringeres als die Zukunft unserer Gesellschaft auf dem Spiel steht, hat dieses Geschehen bereits jetzt große Auswirkungen auf die Wahlkampfthemen im Jahr 2017. Doch leider gehören die meisten Politiker, die auf den Wahlkampftribünen um unsere Stimmen buhlen, einer Kaste an, die in erster Linie an der Wahrung ihrer Privilegien interessiert ist. Ihre Verachtung für die Universitäten hat sie gegenüber dem Bruch, der unser Land durchzieht und auf den die Forschungsarbeiten in den Geisteswissenschaften schon seit einem Jahrzehnt hinweisen, blind und taub gemacht: Sie werden dieses Buch nicht lesen, und auch die anderen nicht, weil sie sich von den vergänglichen viralen Videos, mit denen unsere Bildschirme überflutet werden, anstecken und tagtäglich vom Einfluss der sozialen Netzwerke beherrschen lassen, die der Islamische Staat wiederum zum mächtigsten Instrument seiner Propaganda gemacht hat.

Um die Zusammenhänge herauszuarbeiten und ein wenig Klarheit ins tagespolitische Chaos zu bringen, bat mich der Sender France Culture um eine wöchentliche Radiokolumne, die vom Sommer 2015 bis zum Sommer 2016 laufen sollte, die Chronik eines Jahres, das im Hugo’schen Sinne ein »schreckliches Jahr« für unser Land gewesen ist.2 Die zahlreichen Leserreaktionen und Anrufe haben mich bewogen, diesen Dialog, der zunächst über den Äther stattfand, noch einmal in schriftlicher Form vorzulegen. Die meisten Beiträge wurden in Paris als Livesendungen aufgezeichnet, hin und wieder war ich über Telefon aus Washington, Rom, Wien, Athen und sogar Abu Dhabi, Istanbul oder Jerusalem zugeschaltet oder kam gerade aus Rabat oder Teheran zurück, aus Lunel im Departement Hérault oder aus der Haftanstalt von Villepinte, wohin mich meine Nachforschungen und Konferenzen geführt hatten. Keiner der Beiträge wurde als fertiger Text in einem Aufnahmestudio eingesprochen. Im Zuge der Verschriftlichung habe ich vornehmlich stilistische Korrekturen vorgenommen und einige Dinge präzisiert, wenn es die nachfolgenden Ereignisse rechtfertigten.

Ich habe ihnen einen Prolog vorangestellt, der die Entwicklung des französischen Dschihadismus und den großen Bogen vom Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo bis zur Ermordung von Pater Jacques Hamel und dem vereitelten Anschlag auf die Notre-Dame de Paris durch das erste weibliche Dschihadisten-Kommando nachzeichnet, der die Handlung dieses nationalen wie internationalen Dramas bestimmt. Auf die Kolumnen selbst folgt ein Epilog, der über die Einschätzung des Phänomens hinaus dessen Verbreitungsmodi untersucht, es zwischen politischen Strategien und Brüchen im Gemeinschafts- und Selbstbild ins richtige Licht setzt, seine Stärken und Schwächen aufzeigt, seine Unterstützer und seine Feinde, seine Metastasen und die zur Abwehr gebildeten Antikörper.

Die tödliche Bedrohung, die auf unserer Gesellschaft lastet, könnte zu einem rettenden Aufbäumen führen, aber nur, wenn die Diagnose stimmt, denn sonst wäre jede Therapie zwecklos. Und das ist der zugleich bescheidene wie gewagte Anspruch dieses Buches und der Geisteswissenschaften, auf die es sich stützt: eine stimmige Diagnose.

Gilles Kepel

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Am 19. Dezember 2016 rast ein schwarzer Lastwagen in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin, am Steuer sitzt der Tunesier Anis Amri. Zwölf Tote sind zu beklagen, über fünfzig Menschen werden verletzt, der Islamische Staat reklamiert den Anschlag für sich. Am 14. Juli 2016 raste in Nizza ein Lastwagen in eine Menschenmenge, die den Nationalfeiertag beging, und tötete sechsundachtzig Personen, diesmal war der Laster weiß, am Steuer saß ebenfalls ein Tunesier, Mohamed Lahouaiej Bouhlel. Über die Nachrichtenagentur Amaq bekennt sich der IS zur »Operation Überfahren«, mit dem gleichen Wortlaut wie später nach dem Anschlag in Berlin.

Die Kontrastfarben der beiden Sattelschlepper, schwarz in Berlin, weiß in Nizza, wurden gewählt, damit sich die Bilder ins Gedächtnis einbrennen und das Entsetzen in der deutschen und französischen Zivilgesellschaft noch größer wird, und sie spiegeln das grafische Konzept des IS und seiner Flagge, auf der in Weiß auf schwarzem Grund das doppelte muslimische Glaubensbekenntnis steht: »Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist der Gesandte Gottes« und die das »Logo« des zeitgenössischen Dschihadismus darstellt. In beiden Fällen nimmt die Operation »Massenangriff« – wie es in der Sprache des IS heißt – zwei Dinge gleichzeitig ins Visier. Zuallererst ein stark aufgeladenes Symbol: das christliche Weihnachtsfest und sechs Monate zuvor das säkuläre Fest der Republik Frankreich, bei dem feierlich dem Sturm auf die Bastille gedacht wird. Sie stehen emblematisch für das Christentum und die Aufklärung, die der IS rundweg verabscheut und – wie er es damit metaphorisch zum Ausdruck bringt – ausradieren will, so wie er seit 2014 auf dem seiner Kontrolle unterstehenden Territorium zwischen Mossul und Palmyra Kirchen, Museen und Grabstätten geplündert oder dem Erdboden gleichgemacht hat. Damit trifft er zugleich die europäischen Gesellschaften an ihrem eigenen Leib, in ihrem Alltag, bei den Feiertagseinkäufen oder an einem sommerlichen Ferienort, und zielt auf den Konsum und den Hedonismus ab, dem der strenge Salafismus, der die dschihadistische Weltanschauung inspiriert, mit nichts als Hass begegnet. In diesem Kontinuum der zwei Hauptanschläge auf Deutschland und Frankreich verbindet die beiden so zentralen Staaten ein gemeinsames Schicksal angesichts des Terrorismus in Europa. Europa, den »weichen Bauch des Westens«, haben die Dschihadisten der dritten Generation getreu dem Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand1, den der syrische Ingenieur Abu Musab al-Suri 2005 ins Netz stellte, zu ihrem Lieblingsfeind auserkoren. Al-Suri ist in Frankreich ausgebildet worden, in Spanien eingebürgert und lange in »Londonistan« wohnhaft gewesen, um die Jahrtausendwende ein Hafen für Islamisten aus der ganzen Welt.

Doch bis zum Anschlag Ende 2016 auf den Berliner Weihnachtsmarkt war ein großer Teil der deutschen Politiker und Beobachter, die den Pariser Anschlägen mit großem Mitgefühl und uneingeschränkter Solidarität begegneten, dennoch überzeugt, der islamistische Terror in Europa sei größtenteils – wenn nicht gar hauptsächlich – ein französisches Problem. Wenn man den großen Bogen nachzeichnet, von den blutigen Anschlägen im Januar 2015 auf die Redaktion von Charlie Hebdo und den Supermarkt Hyper Cacher an der Porte de Vincennes in Paris, über die hundertdreißig Toten vom 13. November 2015 bis hin zur Ermordung von Pater Jacques Hamel am 26. Juli 2016 in seiner Kirche in der Normandie, so hat Frankreich mit seinen zweihundertneununddreißig Toten die bei Weitem größte Zahl an Opfern auf dem Alten Kontinent. Die gesamte soziale und wirtschaftliche Lage der französischen Nation, die hohe Arbeitslosigkeit in den sozial benachteiligten Banlieues, wo die Kinder der Einwandererfamilien aus dem arabischen Nordafrika wohnen, das Ende ihrer Kolonialgeschichte vor nicht einmal fünfundfünfzig Jahren mit der Gewaltorgie des algerischen Unabhängigkeitskrieges und der republikanische Laizismus, den viele auf deutscher Seite für übertrieben halten, schienen die französische Sonderrolle zu begründen, deren intrinsische Fehler die dschihadistische Rache motivierten. Deutschland hingegen schien besser geschützt, weil das Land eine vergleichsweise unbedeutende koloniale Vergangenheit hat, sein soziales Modell deutlicher auf Inklusion setzt und es einen anderen Umgang mit der Religion pflegt, der mit einem traditionell ausgeglichenen Verhältnis zwischen Protestanten und Katholiken innerhalb der Gesellschaft ein großer Stellenwert eingeräumt wird.

Ein gesünderer industrieller Arbeitsmarkt, von dem die türkischen Immigranten und deren Nachkommen – vor allem dank einer in Frankreich noch wenig gebräuchlichen Ausbildungspraxis – profitieren, konnte in Deutschland durch die Nachfrage- und Angebotssteuerung von Arbeit das Abrutschen der Jugend mit Migrationshintergrund ins soziale Abseits oder in die Gewalt offenbar weitgehend verhindern, während in Frankreich die Arbeitslosigkeit, die unter den Heranwachsenden in den vorwiegend aus Einwanderern muslimischer Herkunft bestehenden Problemvierteln bis zu 40 % erreicht, die Abkehr von der Gesellschaft befördert. Außerdem bleibt der türkische Islam, der fest in der Hand von disziplinierten, stark mit dem autoritären politischen System im Herkunftsland verbundenen Parteien ist, weiterhin der Türkei zugewandt und grenzt sich von einem internationalen Dschihadismus ab, dessen Sprache vornehmlich das Arabische ist – Kultur- und Referenzsprache der vorwiegend nordafrikanischen Einwanderer in Frankreich. Weil Deutschland keine koloniale Vergangenheit mit den eingewanderten Bevölkerungsgruppen verbindet, ist das kollektive Gedächtnis auch nicht im gleichen Maß mit Enttäuschungen, Verletzungen und Revanchismus belastet; in Frankreich dagegen erschwert eine »retro-koloniale« Wiederkehr des Verdrängten, der man Verbrechen an der Generation der Eltern und dem Herkunftsland vorwirft, das Zugehörigkeitsgefühl zur französischen Nation. Schließlich sind auch die Anerkennung der Religionen als integrale Bestandteile der Zivilgesellschaft und ihre Steuerfinanzierung offenbar besser geeignete Mittel, dem Islam in Deutschland einen eigenen Platz zu geben, als die in Frankreich praktizierte strikte Trennung von Kirche und Staat mit ihrem »uneingeschränkten Laizismus«, der auf deutscher Seite gerne von den vielen »Multikulti«-Verfechtern in der deutschen Linken und bei den Grünen kritisiert wird, welche in Deutschland ein viel größeres politisches Gewicht haben als in Frankreich.

Dieser Blick, der die sozialen, historischen und kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern hervorhebt, ist durch die Ähnlichkeiten der Anschläge des Jahres 2016 in Deutschland und Frankreich, die in der Parallele zwischen dem Blutbad in Nizza und dem in Berlin kulminieren, infrage gestellt worden. Dem letzten Anschlag sind, genau wie in Frankreich, Angriffe von Einzelpersonen mit Stichwaffen oder Sprengstoff vorangegangen. In Bayern schreiten am 18. und 24. Juli in Würzburg und Ansbach ein afghanischer Asylbewerber und ein syrischer Flüchtling zur Tat, anschließend tauchen Bekennervideos auf, in denen die Täter sich mit einem ähnlichen Wortlaut wie bei den Morden in Frankreich auf den IS berufen. Ein weiterer syrischer Flüchtling, der einen Anschlag auf den Flughafen von Berlin geplant hat, wird am 10. Oktober verhaftet und begeht später in seiner Zelle Selbstmord. Am 30. Oktober bekennt sich der IS über den Kanal der Nachrichtenagentur Amaq zur Ermordung eines in Hamburg erstochenen Jugendlichen, auch das eine Reaktion auf »die Aufrufe, die Bürger der Koalition der Kreuzfahrer anzugreifen, die das Territorium des Kalifats bombardieren«.

Im November wird eine Großrazzia gegen den Salafisten-Verein »Die Wahre Religion« durchgeführt, dessen Verbot man damit begründet hat, die Vereinigung habe den Aufbruch von einhundertvierzig Personen in die vom IS kontrollierte Zone in Syrien und im Irak organisiert – insgesamt sind laut Schätzungen bis zu neunhundert Deutsche in das Kriegsgebiet gereist, womit die Deutschen in Europa das zweitgrößte Kontingent an Kämpfern stellen, hinter den Franzosen mit eintausenddreihundert und vor den Belgiern mit sechshundert Kämpfern. Auf den 2005 gegründeten Verein »Die Wahre Religion« ist man 2011 aufmerksam geworden, als auf Betreiben des aus dem Gazastreifen stammenden Predigers Ibrahim Abou-Nagie, der in Deutschland Elektrotechnik studiert hatte, auf den Straßen massenhaft Koran-Ausgaben verteilt wurden. Diese »streetda’wa« (Straßenwerbung für den Islam) genannte Strategie, der man unterstellen könnte, sie versuche, die deutschen Behörden zu Reaktionen zu provozieren, die die Opferrolle unter den Muslimen anschüren und diese motivieren würde, sich unter das Banner der Aktivisten zu stellen, erfuhr im September 2014 eine zusätzliche Steigerung, als eine andere salafistische Gruppierung damit begann, in orangefarbenen Westen mit der Aufschrift »Sharia-Police« durch die Straßen von Wuppertal in Nordrhein-Westfalen zu patrouillieren und Muslime zu ermahnen, keinen Alkohol zu trinken, keine Wettspiele zu veranstalten und keine Musik zu hören, und Musliminnen dazu aufzurufen, in den kenntlich gemachten »Scharia-kontrollierten-Zonen« den Schleier zu tragen. Die sieben Patrouillengänger wurden angeklagt, die Anklage aber 2016 mit Berufung auf das Recht auf freie Meinungsäußerung vom Landesgericht Wuppertal wieder fallen gelassen. Die Anführer der Bewegung, der Berufsfeuerwehrmann Sven Lau und der ehemalige Boxer Pierre Vogel, die 1998 bzw. 2001 zum Islam konvertierten und sich zu aktiven und charismatischen Predigern entwickelten, wurden nicht unter Strafe gestellt. Lau droht in einem anderen Gerichtsprozess bereits eine schwerere Strafe: Seit September 2016 muss er sich vor Gericht gegen den Vorwurf verteidigen, Kampfwillige in den Dschihad nach Syrien geschickt zu haben, als verlängerter Arm der dem Islamischen Staat angeschlossenen Terrormiliz »Dschaisch al-Muhadschirin wal-Ansar«, kurz JAMWA.

Ebenfalls im November 2016 wird ein zum Islam konvertierter Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz festgenommen, weil er im Verdacht steht, dschihadistische Anschläge in Deutschland vorzubereiten. Und am 8. November wird der in Hildesheim ansässige, irakisch-stämmige Prediger Abu Walaa verhaftet, der aufgrund der zahlreichen von ihm ins Netz gestellten Videos als die Nr. 1 des Islamischen Staates in Deutschland gilt. Die ersten Ermittlungsergebnisse nach dem Anschlag von Berlin weisen darauf hin, dass Anis Amri, der Fahrer des schwarzen Lastwagens vom Breitscheidplatz, sein Kontaktmann gewesen ist. Dieser, ein tunesischer Staatsangehöriger, der in Tunesien nicht in Verbindung zum islamistischen Milieu stand, verließ die Heimat im Alter von achtzehn Jahren im Zuge der »Jasminrevolution«, um in Italien sein Glück zu versuchen. Er wurde in Lampedusa registriert und kam in Italien ins Gefängnis, weil er versucht hatte, eine Schule anzuzünden. Im Gefängnis, dieser Brutstätte für Dschihadisten, kam er mit dem einschlägigen Milieu in Kontakt, das einen Kleinkriminellen in einen potenziellen Terroristen verwandelt – ein Phänomen, das in Frankreich bei der Herausbildung der Aktivisten, die in den Jahren 2015 und 2016 die großen Anschläge verübten, eine wesentliche Rolle gespielt hat. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe floh er 2015 nach Deutschland, wo er aufgrund seines Kontakts zu Abu Walaa überwacht wurde. Spätestens im Herbst 2016 schwor er dem »Kalifen« des Islamischen Staates, Abu Bakr al-Baghdadi, die Treue, also ein oder zwei Monate vor dem Anschlag – wie man aus dem goldenen Laub der Bäume und der warmen, blauschwarzen Parka-Jacke schließen kann, die er auf dem Video trägt, das der IS kurz nach dem 19. Dezember ins Netz stellt, um den Anschlag für sich in Anspruch zu nehmen. Die Aufnahme zeigt Amri auf einer Bücke in der Nähe des ehemaligen Binnenhafens Nordhafen in Berlin-Moabit im Stadtteil Mitte – im Herzen des symbolträchtigen Viertels der Hauptstadt, das mit seinen nach der Wiedervereinigung errichteten, ultramodernen Bauten das neue Deutschland repräsentieren sollte –, nicht weit vom Bundesministerium des Innern. Die Wahl der Örtlichkeit ist eine entschiedene Kampfansage an das Sicherheitssystem, auch wenn Amris Telefonüberwachung mangels überzeugender, gegen ihn sprechender Fakten aufgehoben war – wie schon bei den Brüdern Kouachi und bei Coulibaly geschehen, deren Überwachung wenige Monate vor den Anschlägen auf Charlie Hebdo aus dem gleichen Grund von den französischen Sicherheitsdiensten aufgehoben wurde. In Moabit steht auch die Fussilet-33-Moschee, die Amri und andere mutmaßliche Anhänger des IS besuchten (am 1. Februar 2017 wurden dort drei Personen festgenommen, da sie einen Aufbruch nach Syrien oder in den Irak geplant hatten) – keine fünfzehn Gehminuten von dem Ort entfernt, an dem der schwarze Lastwagen gestohlen wurde.

Amri schwört dem Kalifen auf dieselbe Art den Treueid wie die französischen Täter des Jahres 2016 – insbesondere Adel Kermiche, der am 26. Juli Pater Jacques Hamel in Rouen tötete. Er benutzt ein Alltagsarabisch, das er in seinem Geburtsland Tunesien am Gymnasium gelernt hat, und fügt dem rituellen Text des Treueids eigene Kommentare über die Qualen hinzu, die die »Schweinebastarde« (al khanazir al salibiyyin) in dieser Welt und im Jenseits erwarten – vor allem die Europäer, bei denen er sich im Augenblick der Videoaufnahme aufhält –, sowie eine ganze Litanei von Hadithen, überlieferten Aussprüchen des Prophéten, die seine Argumentation stützen sollen2. Amri – der überhaupt nicht aussieht wie ein bärtiger Dschihadist im traditionellen Salafistengewand Dschellaba, sondern eher wie einer der typischen jungen Männer in der deutschen Hauptstadt, dem großen und multikulturellen Berlin, die ständig »online« sind – hat beim Sprechen Kopfhörer im Ohr, deren weiße Kabel sich deutlich vom dunklen Parka abheben, und gibt damit zu erkennen, dass auch er ein Mitglied der »Generation Y« ist, einer der »digital natives«, die kontinuierlich die reale und die virtuelle Welt vermischen, und macht den Eindruck, als rezitierte er einen Text, der ihm über den Telegram Messenger oder irgendein anderes Medium, das der Islamische Staat in Mossul oder Rakka so gerne benutzt, übermittelt wird. Die meisten der Morde, die 2016 in Frankreich stattgefunden haben, wurden vom Territorium des »Kalifats« per Telefon, via Internet oder über die sozialen Netzwerke »ferngesteuert«, auf Initiative eines französischen, vor Ort befindlichen Dschihadisten.

In Wahrheit haben im Jahr 2016 in Deutschland Phänomene ihren Höhepunkt erreicht, für die es bereits seit Jahren besorgniserregende Anzeichen gab, deren Analyse man aber aufgrund eines politischmedialen Konsenses unterließ – denn die konzeptionelle Auseinandersetzung mit den Herausforderungen, vor die der Westen durch das Auftreten des politischen Islam und seiner Umsetzung in dschihadistische Gewalt gestellt ist, erwies sich als schwierig. Der schwarze Lastwagen vom Breitscheidplatz hat uns diese Probleme deutlich vor Augen geführt – jetzt lassen sie sich nicht mehr ausblenden. Frankreich kennt das Dilemma bereits. Entweder die politischen Entscheidungsträger, die Presse und die Akademiker leugnen weiterhin den Dschihadismus, seine Beziehung zum Salafismus und zu anderen Formen des Islamismus, und die Öffentlichkeit, die sich mit der Gewalt konfrontiert sieht und zu Recht beunruhigt ist, verliert das Vertrauen und lässt sich von den einseitigen Erklärungen der extremen Rechten verführen, was zu einer Spaltung der Gesellschaft entlang ihrer kulturellen und ethnischen Bruchlinien führt. Oder aber man analysiert nüchtern die gesellschaftlichen Fakten und ihren Niederschlag in Kultur und Religion und setzt sich entschlossen mit dem Problem auseinander – mit der Bereitschaft, auch bestimmte, auf trügerische Weise beruhigende Gewissheiten infrage zu stellen, die ein Erbe aus der jüngsten Geschichte sind, aber angesichts der Herausforderungen unserer europäischen Gesellschaften heute nicht mehr gültig sind.

Zwei Faktoren haben in Frankreich dazu beigetragen, dass das Phänomen nicht klar erkannt wurde. Zum einen die Wiederkehr der verdrängten Kolonialvergangenheit, die ein halbes Jahrhundert nach der algerischen Unabhängigkeit der französischen Gesellschaft rückblickend den Prozess machen möchte für das Vergehen, Erbin des Kolonialismus zu sein. Mohamed Merah tötet am 19. März 2012 in einem höchst symbolischen Akt jüdische Kinder und ihren Lehrer an der Ozar-Hatorah-Schule in Toulouse: Diese erste Tat des heutigen Dschihadismus findet auf den Tag genau fünfzig Jahre nach Beginn des Waffenstillstands im algerischen Unabhängigkeitskrieg statt, und Merah führt, ab jetzt im Namen des Dschihadismus, den Krieg auf dem Territorium der alten Kolonialhauptstadt fort. Das liefert diesem Sprössling einer Familie algerischer Einwanderer, der Frankreich verhasst war, eine historische Rechtfertigung für die Gewalt, befeuert seinen grausamen Gedenkakt. Gleichzeitig versucht er, den in der gegenwärtigen politischen Fantasie der Araber überaus präsenten, judenfeindlichen Antizionismus für sich zu instrumentalisieren, um seine Botschaft über die Reihen der Dschihadisten hinaustragen zu können, und die Barbarei und den instinktiven Abscheu zu rechtfertigen, den das Niedermetzeln kleiner Kinder hervorruft, indem er sich durch den Vergleich seiner Tat mit den »Massakern an palästinensischen Kindern«, die der israelischen Armee regelmäßig angelastet werden, nach einer Art »Talionsprinzip« über jede moralische Norm erhebt. Andererseits hat in einer Zeit, in der die postindustrielle Ära die Arbeiterklasse zu einem kläglichen Überrest hat schrumpfen lassen und in der die Mehrheit der französischen Arbeiter, die von der Standortverlagerung der industriellen Arbeitsplätze bedroht sind, jetzt eher eine identitäre Partei der extremen Rechten wie etwa den Front National wählt, das Verschwinden des »Proletariats« als messianische Klasse, die der leidenden Menschheit die Erlösung bringen soll, eine ganze linksextreme Bewegung, der jetzt die Proletarier fehlen, dazu verleitet, diese in ihrer Erlöserfunktion durch »die« Muslime zu ersetzen. Sie werden als abstrakte und einheitliche Kategorie verstanden, deren soziale, kulturelle oder gar religiöse Ausdifferenzierungen, wie es sie in jeder menschlichen Gemeinschaft gibt, außer Acht gelassen und für den islamistischen Ausdruck einer Minderheit gehalten werden, die die Slogans der Salafisten, Muslimbrüder und Dschihadisten vermischt und deren Authentizität umso größer ist, als sie den Westen anprangert.

Die »Schweinebastarde«, die Anis Amri in seinem Bekennervideo vom Anschlag des 19. Dezember 2016 verdammt hat, erinnern ein wenig an die »Agenten des Imperialismus und Kapitalismus« aus früheren Zeiten. Aber das neue Vokabular verrät auch eine andere Weltsicht, in der kulturelle und religiöse Diskrepanzen an die Stelle des Klassenkampfes getreten sind und geschlossene Identitäten her ausbilden, um die herum die Brüche in unseren Gesellschaften verlaufen.

Diese komplexen Veränderungen haben begünstigt, dass wir vor dem Phänomen des Dschihadismus bewusst die Augen verschließen. Einige Beobachter wollten die Monstrosität gewisser Taten zwar nicht abstreiten, neigten aber dazu, sie zu relativieren, denn ihrer Ansicht nach waren sie eher Emanationen einer soziokulturellen Gruppe, die als »unterdrückt« verstanden wurde – auf internationaler Ebene durch Imperialismus und Zionismus und im französischen Kontext durch gesellschaftliche Marginalisierung und »Islamophobie«. Damit ist ihnen die gezielte Analyse des Phänomens misslungen, denn sie sehen in ihm nur eine Islamisierung, die ein kontingenter Ausdruck der Radikalität ist – einer Kategorie, der sie im Gegensatz dazu einen notwendigen, ontologischen, geschichtsübergreifenden Charakter zuschreiben. So analysiert es beispielsweise Olivier Roy, der der Ansicht ist, zwischen den italienischen Roten Brigaden oder der Roten Armee Fraktion3 von früher und dem IS von heute bestehe kein substanzieller Unterschied: Ähnliche Effekte des Generationenwechsels, die den Unmut der Jugend in der Konfrontation mit der Erwachsenenwelt ausdrücken, in der sie ihren Platz nicht findet, äußerten sich früher im Vokabular des Marxismus-Leninismus, weil er gerade zur Hand war, heute borge man sich dafür den islamistischen Wortschatz, weil er weiter verbreitet ist. Es handle sich um nichts als eine Farbvariation von Rot nach Grün, bei der das grundsätzliche Wesen der Radikalität keine Veränderung erfährt.

In Deutschland hat die Substitution der Proletarier von damals durch »die« Muslime am Ende zu einem ähnlichen Resultat geführt, auch wenn der historische Prozess ein anderer war. Das Land muss zwar nicht für ein Kolonialreich »büßen«, trägt aber das historische Stigma der Schoah, das nur transzendiert werden kann, wenn jegliche potenzielle Diskriminierung einer minoritären religiösen Gemeinschaft, die Ähnlichkeiten mit der Judenverfolgung haben könnte, ausgemerzt wird. Das beiderseitige Abschwören vom Nazismus und vom Kolonialismus (auch wenn die beiden Phänomene an sich nicht vergleichbar sind) und das wechselseitige Reinwaschen der Erinnerung in Deutschland und Frankreich ist im Übrigen das, was in den zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg den europäischen Aufbauprozess begründet, in den beiden großen Ländern jeweils personifiziert durch die rettenden Väter der Nation, Adenauer und de Gaulle, die den jeweils anderen von einer drückenden Vergangenheit freisprachen und sich in eine Zukunft stürzten, die mit dem Gemeinsamen Markt, dann der EWG und schließlich der EU die europäische Dynamik bündeln sollte. Zur Stunde, da diese Dynamik durch die ungelösten Probleme der EU-Erweiterung wie auch durch den Brexit innerlich ausgehöhlt wird und wir vor dem Hintergrund des dschihadistischen Terrors die gleichzeitige Erstarkung des islamistischen Salafismus und der extremen Rechten erleben, zaudert man, sich kritisch von der islamistischen Ideologie zu distanzieren, was durchaus einen Bezug zur Erbschuld des Nationalsozialismus hat. Jede Einschätzung, die sich von einer abstrakten Darstellung »der« Muslime als Angehörige einer unterdrückten Minderheit entfernt, stellt a priori und schon wieder eine nicht hinnehmbare »Islamophobie« unter Beweis, vergleichbar mit dem Antisemitismus, diesem schrecklichen Vermächtnis des Dritten Reichs. In Frankreich mussten sich die Teilnehmer des großen Protestmarsches vom 11. Januar den Vorwurf der »Islamophobie« ebenfalls gefallen lassen. Sie wurde als ein Überbleibsel des traditionellen französischen Antisemitismus gedeutet, etwa von dem Autor Emmanuel Todd, der hinter dem Slogan »Je suis Charlie« die Aufforderung vermutet, »auf die Religion der Schwachen zu spucken« – heute auf den Islam, gestern auf das Judentum.4

Nun ist aber die Verleugnung des Dschihadismus in Europa, seine Verschleierung unter dem Vorwand, Islamophobie sei das bedeutendere soziale Phänomen, unserer Ansicht nach und um es mit den Worten der Psychoanalyse zu sagen, das, was Jacques Lacan, dem Freud’schen Begriff folgend eine Verwerfung nennt. Es handelt sich dabei um einen Verteidigungsmechanismus, der ein Ereignis aus unserer Psyche verbannt, das nicht bloß vergessen, sondern als etwas wahrgenommen wird, das überhaupt nie geschehen ist – was zu Wahnsinn oder Verleugnung führt. Auf den nachfolgenden Seiten werden wir dieses Phänomen anhand der »Burkini-Affäre« verdeutlichen, die im Sommer 2016 an den französischen Stränden auf Betreiben der islamistischen Bewegung ihren Anfang nahm, gleich nach dem Anschlag und genau an der Stelle, an der dieser stattgefunden hatte: auf der Promenade des Anglais. Diese Affäre hat die Republik Frankreich innerhalb weniger Tage vom Opfer des Dschihad, mit zweihundertneununddreißig Toten innerhalb von anderthalb Jahren, über die plötzlich keiner mehr redet, zum Henker der Musliminnen im Burkini verwandelt, zum Gulag für den Islam, mit dem Laizismus in der Rolle des Stalinismus.

Nun ist es aber so, dass die Weigerung, die Falle der kollektiven Geiselhaft zu sehen, in die der Dschihadismus unsere muslimischen Mitbürger locken will – mittels provokanter Attentate, die darauf abzielen, in der Mehrheit der europäischen Bevölkerung heftige Reaktionen gegen den Islam, seine Moscheen und seine Gläubigen hervorzurufen, oder zumindest einen massiven Anstieg der Wähler der identitären Rechtsextremen –, in Wirklichkeit eben dieser extremen Rechten in die Hände spielt. In Frankreich würde laut Umfragen im Februar 2017 bei der Präsidentschaftswahl im April und Mai die Kandidatin des Front National immer noch aus dem ersten Wahlgang als führend und aus dem zweiten als mögliche Siegerin hervorgehen. Unter den Themen ihrer Partei sind nach wie vor die populärsten die Ablehnung der »Islamisierung Frankreichs«, »die Umkehr der Flüchtlingsströme (oder ›Remigration‹)« und die Verurteilung des »Großen Austauschs» der europäischen Urbevölkerung mit den Nachkommen muslimischer Einwanderer. In Deutschland hat die 2013 gegründete Alternative für Deutschland im September 2016 weitere bedeutende Wahlergebnisse erzielt: Bei den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, dem Bundestagswahlkreis von Kanzlerin Angela Merkel, bekam die AfD 21,4 % der Stimmen und ließ die CDU hinter sich, anschließend erreichte sie in Berlin gute Resultate. Berlin, das immerhin das Symbol des deutschen Kosmopolitismus ist, hat damit nach neun Landtagen in seinem Abgeordnetenhaus ebenfalls gewählte Vertreter der AfD sitzen. Im Januar 2017 plädierte ein Vorsitzender der AfD – auch wenn später Ordnungsmaßnahmen gegen ihn eingeleitet wurden – für eine revisionistische Haltung im Umgang mit dem offiziellen Diskurs über die Schoah und für eine »erinnerungspolitische Wende um 180 Grad« im Umgang mit der Nazi-Vergangenheit. Die Aufhebung dieser Art von Tabu, dessen Bedeutung für das heutige Deutschland darzulegen dieses Vorwort sprengen würde, schlägt aus existenziellen Ängsten Kapital, die durch die Verwirrung über mehrere zeitgleiche, jedoch drei verschiedenen Kategorien angehörende Ereignisse genährt worden sind. Zunächst einmal die umstrittene, von der Kanzlerin mit dem optimistischen Slogan »Wir schaffen das!« belegte Ankunft von über einer Million Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan im Jahr 2015. Dann die Ereignisse der Silvesternacht von 2015, in der in Köln und in Hamburg mehr als eintausend Frauen von Personen vornehmlich nordafrikanischer Herkunft sexuell belästigt wurden, bei denen es sich, wie sich später herausstellte, in den meisten Fällen um Asylbewerber oder illegale Einwanderer handelte, die aber von einem Teil der Presse und der öffentlichen Meinung für Flüchtlinge gehalten wurden5. Und schließlich die zunehmende Gewalt durch dschihadistische, auf deutschem Boden verübte Anschläge, die am 19. Dezember 2016 bekanntlich in dem Anschlag von Berlin ihren Höhepunkt erreichten.

Wie in Frankreich, wenn auch in einem anderen sozialen und historischen Kontext, ist die Ausweitung der terroristischen Bedrohung in Deutschland für das Erstarken der extremen Rechten verantwortlich und wird, sofern Zivilgesellschaft und Politiker keine nüchterne Analyse des Phänomens angehen und sich weiter in Beschwörungen flüchten, zu einem identitären Bruch in der Gesellschaft führen. Im Gegensatz zu den Oppositionen der Klassen, die das politische System in Form einer gesitteten Auseinandersetzung zwischen Links und Rechts im Parlament sozialisiert hat, indem die Redegefechte dort im abgeschlossenen Raum die Gewalt auf den Straßen ersetzen, sind die identitären Konflikte nicht durch die vom demokratischen Betrieb geschaffene, traditionelle Praxis der Politik aufzulösen, sondern führen zur Gewalt zwischen starren ethnisch-religiösen und kulturellen Entitäten, die keine Kompromisse mehr schließen können. In diesem Sinn ist die Absicht, wie sie im Aufruf zum weitweiten islamischen Widerstand von Abu Musab al-Suri ausgesprochen wird, ernst zu nehmen, in Europa Bürgerkriege anzetteln zu wollen, indem man in gettoisierten Zonen autonome territoriale Enklaven bildet; dort sollen die islamistischen Verhaltensnormen im strengen salafistischen Sinn durchgesetzt werden – was etwa der Logik der Straßenpatrouille der »Sharia Police« in Wuppertal 2014 entspricht –, und das würde nach einem Zermürbungskrieg in einen allgemeinen Kampf ausarten. Nicht dass diese Vorstellung an sich realistisch wäre oder in kurzer Zeit realisiert werden könnte, aber sie heizt die politischen Fantasien der europäischen Dschihadisten an und gibt uns Auskunft über ihren modus operandi und ihre Weltanschauung.

Im Zuge der dschihadistischen Bedrohung wurde Deutschland mit einer strukturellen Veränderung des Gleichgewichts zwischen der Gesamtgesellschaft und dem Bevölkerungsanteil aus muslimischen Einwanderern und zum Islam Konvertierten konfrontiert. Die Ende 2015 von der Deutschen Islam Konferenz auf 4,5 Millionen Personen geschätzte muslimische Bevölkerung – die Deutsche Islam Konferenz hatte beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine Studie in Auftrag gegeben6 – ist traditionellerweise von den Türken dominiert, die 2011 67,5 % Prozent ausmachten. Heute sind es nur noch 50,6 %, während die Muslime aus dem Nahen Osten – die im Wesentlichen aus den Konfliktgebieten in Syrien und dem Irak stammen – mit einem Anteil von 17,1 % die zweite Gruppe bilden. 1,2 Millionen Muslime sind zwischen 2011 und 2015 offiziell nach Deutschland eingereist – ohne Berücksichtigung der illegalen Einwanderer aus Nordafrika, von denen einige bei den Übergriffen der Silvesternacht 2015 am Kölner Hauptbahnhof für Schlagzeilen gesorgt haben.

Wie wir gesehen haben, wurde die politische Verwaltung des Islam in Deutschland im Wesentlichen über die türkischen Verbände geregelt, die trotz großer innerer Divergenzen allesamt stark hierarchisiert sind und eine feste Bindung an die Mutterorganisationen im Ursprungsland besitzen – im Unterschied zum arabischen Islam, der viel zersplitterter ist – und es deshalb vorziehen, über Ansprechpartner für die deutschen Behörden zu verfügen. Der Krieg im Nahen Osten und seine Folgen für Europa haben zu strukturellen Veränderungen innerhalb dieser Situation geführt, die neue Belastungen für Deutschland bedeuten und eine Gleichung mit vielen Unbekannten sind.

Zunächst einmal hat sich die Türkei Recep Tayyip Erdogans, der die Konsolidierung seiner autoritären Macht betreibt, was in der Niederschlagung des Putschversuchs vom Sommer 2016 gipfelte, in eine komplizierte, konfliktreiche und von Erpressungsversuchen geprägte Beziehung mit der Europäischen Union verstrickt, allen voran mit Deutschland, und zwar beim Thema der Regulierung des Zustroms von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten, die den Kampfgebieten oder dem Elend entflohen waren und von Ankara die Erlaubnis bekamen, über die griechischen Inseln oder Thrakien auf EU-Gebiet zu gelangen, in der Hoffnung, am Ende nach Deutschland zu kommen und dort Arbeit zu finden. Die auf Initiative der Kanzlerin am 18. März 2016 zwischen Brüssel und Ankara getroffenen Vereinbarungen zur Finanzierung der Maßnahmen, die Flüchtlinge in der Türkei zurückzuhalten, haben unbestreitbar den demografischen Druck auf Europa gedrosselt, dafür aber die kontrovers diskutierten Möglichkeiten der Einflussnahme von »Sultan Erdogan« vergrößert, insbesondere im Hinblick auf die türkische Bevölkerung in Deutschland. In diesem Zusammenhang haben sich unter den Türken in der deutschen Diaspora die Polarisierungen zwischen Gegnern und Befürwortern Erdogans verschärft, was die Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen mit Berlin schwächt. Zu Problemen im Bereich der öffentlichen Ordnung führte auch die Ächtung, die die Türken, die Erdogans AKP unterstützen, den Anhängern von Fethullah Gülen entgegenbrachten, den man beschuldigte, für den Putschversuch verantwortlich zu sein.