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Ein ehemals "volkseigener" Betrieb, eine große Schraubenfabrik, soll privatisiert werden. Ein Schweizer Unternehmensberater bewirbt sich bei der Treuhananstalt und erreicht durch diverse Tricks, dass ihm das große Unternehmen übereignet wird.Dann fliessen die riesigen Fördergelder, mit deren Hilfe das in 40 Jahren sozialistischer Planwirtschaft völlig heruntergewirtschaftete Werk saniert und wettbewerbsfähig gemacht werden soll. Der "Privatisierer" aber hat es von Anfang an darauf abgesehen, einen großen Teil der staatlichen Subventionen für sich privat abzuzweigen. Er bereichert sich durch betrügerische Scheingeschäfte und überhöhte Abrechnungen auf skrupellose Weise. Der ehemalige stellvertretende Hauptbuchhalter, der den vielen Entlassungen bisher entgangen ist, entdeckt die betrügerischen Manipulationen und beschließt, die vielen unterschlagenen Millionen dem Betrüger wieder abzunehmen. Dabei beschreitet er abenteuerliche Wege und kommt selbst auf die schiefe Bahn. Die spannende Handlung entwickelt sich bis zum zwangsläufigen Höhepunkt.DDR-Nostalgie steht westlicher Geschäftemacherei gegenüber.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2012
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In den Jahren 1990/91 wird ein großer ehemals „volkseigener“ Betrieb privatisiert. Dabei bereichert sich ein Betrüger auf skrupellose Weise. Der Buchhalter, der den Betrug entdeckt, gerät selbst auf die schiefe Bahn. Er entführt und foltert den Betrüger. Eine unmoralische Geschichte über das Thema: Gelegenheit macht Diebe.
Gerhard Haustein wurde im Jahr 1928 in Offenbach am Main geboren. Er arbeitete in den Jahren 1990 bis 1997 in den Neuen Bundesländern als freiberuflicher Wirtschaftsprüfer. Heute lebt er in Dresden.
Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.
Der Buchhalter - Eine Geschichte aus der Wendezeit Gerhard Haustein Published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de Copyright: © 2012 Gerhard Haustein ISBN: 978-3-8442-3929-4
Selten in der Geschichte Deutschlands gab es Gelegenheiten wie diese, schnell und fast risikolos, große Vermögen zu machen.
Eine der reichsten Nationen der Erde sah sich vor der Aufgabe, eine nach 40 Jahren sozialistischer Planwirtschaft wirtschaftlich zurückgebliebene Region, die ihr nach vierzigjähriger Trennung wieder zugefallen war, zu integrieren und ihre etwa 12000 Betriebe auf den neuesten Stand westlicher Technik und Betriebswirtschaft zu bringen. Alles musste aus politischen Gründen, nach Ansicht der herrschenden Regierung, so schnell wie möglich gehen. Jährlich wurden für die Sanierung der maroden Betriebe bis zu 150 Milliarden ausgegeben. Zunächst hatte man die Hoffnung, dass mit dieser überaus großzügigen Anschubfinanzierung nach den Gesetzen der Marktwirtschaft sehr schnell moderne, konkurrenzfähige Unternehmen entstehen würden. Im Laufe des Jahres 1990 stellte sich jedoch bald heraus, dass die Betriebe alle in einem viel katastrophaleren Zustand waren, als es sich irgendjemand in Westdeutschland vorstellen konnte.
Dennoch wurden die Milliarden weiter ausgeschüttet, in der puren Verzweiflung, dass man keinen besseren Weg wusste. Für eine vernünftige Planung der Aufwendungen und Investitionen sowie für die normalerweise übliche Prüfung und Kontrolle war kaum Zeit. Die Milliarden wurden quasi nach dem Gießkannenprinzip über die Region ausgegossen. Aktionismus war die Parole.
Kein Wunder, dass viele Milliarden auf unfruchtbaren Boden fielen oder von trickreichen Geschäftemachern oder Betrügern abgefangen wurden, bevor sie den Boden, für den sie bestimmt waren, überhaupt erreichten.
Die Revolution in der DDR war unblutig verlaufen. Ein Wunder! Niemand innerhalb der Staatsführung, der Parteiführung und des Staatssicherheits-dienstes hatte es gewagt, den Schießbefehl zu geben. Natürlich hatte man sich mit den Genossen in der Sowjetunion abgestimmt. Dort herrschten Glasnost und Perestroika, man wusste dort, dass der Sozialismus gescheitert war. Gorbatschow hatte bei seinem letzten Besuch in Berlin gesagt: " Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."
Wenn die Revolution auch ohne Gewalt und öffentliches Blutvergießen abgelaufen war, so spielten sich doch im persönlichen und privaten Bereich viele Dramen ab. Viele Funktionäre des Regimes sahen für sich keine Zukunft mehr oder hatten Angst vor Rache oder waren einfach verzweifelt wegen des Zusammenbruchs ihres Lebensgebäudes und brachten sich um. Aber auch einfache Menschen, die keinerlei Schuld auf sich geladen hatten, verzweifelten und machten ihrem Leben ein Ende.
Bruno Handtke stand in seinem Keller auf dem Werkstattisch. Er hatte eine Schlinge um den Hals. Es war eine Ziehschlinge und das andere Ende des starken Seils war mit doppeltem Knoten über ihm an dem Eisenträger, der unterhalb der Kellerdecke verlief, festgebunden. Er hatte sich so weit an den Tischrand gestellt, dass er den Tisch mit einem Stoß seiner Füße umwerfen konnte. Sein Entschluss stand fest. Gestern war er entlassen worden. Die Schraubenfabrik hatte keine Arbeit mehr für ihn. Insgesamt waren seit der Wende mehr als 4000 Kollegen und Kolleginnen " freigesetzt" worden. Für ihn war die Schraubenfabrik das ganze Leben. Mit 15 hatte er vor 40 Jahren als Lehrling in der Schlosserei angefangen und hatte dann viele Jahre an einer Drehbank gearbeitet. Bis zum Vorarbeiter hatte er es gebracht. Seine Gruppe hatte immer das von der Partei vorgegebene Soll übererfüllt. Als einer der"Schraubenfabriker" war er in der ganzen Stadt anerkannt und geachtet. Jetzt war das Alles zu Ende. Aber der Verlust seines Arbeitsplatzes war eigentlich nur der ausschlaggebende Schlusspunkt nach vielen Verlusten und Enttäuschungen.
Viel schlimmer war der Zusammenbruch des Sozialismus, seiner Weltanschauung. Er hatte keine andere Weltanschauung, keine Religion oder Philosophie. Jeder Mensch braucht Etwas, woran er sich klammern kann in dem Auf und Ab seiner Lebensgeschichte. Die Religion, nach deren Glaubenssätzen sich die Mehrheit der Menschen in der Welt ausrichtet, hatte man ihm genommen. Die DDR-Führung wollte, ebenso wie alle anderen sozialistischen Gesellschafts-ordnungen, keine Religion, die war ihnen lästig oder sogar gefährlich. Die Leute sollten an den Sozialismus glauben, das genügte. Man berief sich auf Hegel und Marx und machte die Religion lächerlich.
Aber da war noch was Anderes. Sein Intimleben stimmte nicht mehr. Er war immer ein glücklicher und treuer Ehemann gewesen. Seine Herta gab ihm Alles, was er auf diesem Sektor brauchte. Das hatte sich seit einiger Zeit geändert. Seine Frau übte keine Anziehung mehr auf ihn aus, er hatte keine Lust mehr nach ihr. Manchmal versuchte er noch, das alte Feuer in sich zu entfachen, aber er merkte, dass auch seine Frau nicht mehr bei der Sache war. Also ließ er es ganz und lebte über lange Strecken wie ein Mönch. Damit war ein wichtiger Teil seiner Lebensfreude, vielleicht sogar der Wichtigste, weg-gefallen. Also, wofür lebte er noch? Seine drei Kinder waren schon seit Langem aus dem Haus und gingen ihre eigenen Wege, ab und zu ließen sie sich anstandshalber bei ihren Eltern blicken, aber mehr war auch nicht.
Nun kam seit etwa einem Jahr noch Etwas dazu, womit er überhaupt nicht fertig wurde: Er konnte nicht mehr richtig Wasser lassen, seine Prostata hatte sich vergrößert. Wohl oder übel hatte er sich der Vorsorgeuntersuchung unterzogen. Der Urologe hatte auf „hinterlistige“ Weise seine Prostata abge-tastet und ihm eröffnet, dass sie so groß sei wie ein Apfel. Eigentlich sollte sie nur Walnussgröße haben. Der große Apfel drückte seine Harnröhre zusammen, so dass der Urin nicht mehr richtig aus der Blase abfließen konnte. Seine Blase wurde niemals richtig leer. Daraus folgte dann das häufige nächtliche Aufstehen, um wenigstens den Überdruck loszuwerden. Der Arzt hatte ihm gesagt, dass er das nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfe, weil sich möglicherweise der Urin bis hinauf in die Nieren stauen könnte und dann käme es zu einer gefährlichen Nierenentzündung. Also musste er sich operieren lassen. Der Arzt meinte zwar, dass eine solche Operation nichts Besonderes sei und erklärte ihm, wie der Urologe den größten Teil der Prostata durch die Harnröhre entfernen würde. Vorher würde ein Katheder in die Harnröhre gelegt, damit der Urin abfließen könnte. Er habe schließlich keinen Prostatakrebs und die kleine Operation würde ihn anschließend in keiner Weise beeinträchtigen. Die sexuellen Funktionen blieben erhalten und auch der Schließmuskel würde nicht verletzt. Natürlich wären auch schon Komplikationen aufgetreten, das könne man bei einer Operation ja nie ausschließen. Deshalb müsste er vor der Operation eine Erklärung unterschreiben, dass man ihn über etwaige Risiken aufgeklärt habe.
Das Alles würde er nicht mitmachen. Die Vorstellung allein ließ ihn fast verrückt werden. Da wollte er sich lieber umbringen. Was war denn auch so schlimm daran, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Sterben musste man sowieso, irgendwann musste man das über sich ergehen lassen, und das Sterben konnte ganz schön schlimm sein. Mit einer doppelseitigen Lungenentzündung etwa, tagelang unter stärksten Schmerzen nach dem bisschen Luft ringen oder vielleicht jahrelang nach einem Schlaganfall total von anderen Menschen abhängig zu sein. Was war denn so schlimm an der kurzen Spanne, die ihn vom Tod trennte. Er hatte sich für den Strick entschieden. Das würde nicht viel länger als eine Minute dauern, dann wäre es vorbei. Natürlich wäre der Moment des Absprungs und das Bewusstsein, dass dieser Entschluss nicht mehr rückgängig zu machen sei, entsetzlich. Auch der Kampf des Körpers gegen den totalen Luftmangel würde schlimm sein. Aber er war davon überzeugt, dass das Ganze nur eine Minute dauern würde.
Er dachte noch einmal an seine Frau und seine Kinder, dann stieß er mit seinen Füßen den Tisch um. Er zappelte tatsächlich nur etwa eine Minute.
Damit hatte die „Privatisierung“ der Schraubenfabrik Gera, ehemals volkseigener Betrieb „ Clara Zetkin“ ihr erstes Opfer.
Seit der große und für die Versorgung des Ostblocks mit Schrauben und Fittings so wichtige Betrieb durch die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten praktisch überflüssig geworden war, hatte man die Produktion um 90% heruntergefahren, jeden Tag wurden Entlassungen vorge-nommen. Seitdem hing der Betrieb am Tropf der Berliner Treuhandanstalt, die sich die „Privatisierung“ der sanierungs-würdigen Betriebe der ehemaligen DDR zum Ziel gesetzt hatte. Ein notdürftiger Erhalt des Unternehmens war nur möglich durch die laufende Zuführung von Betriebsmitteln durch diese Treuhandanstalt, die durch das Bundesfinanzministerium finanziert wurde. Man war darauf eingestellt, die einzelnen Betriebe am Leben zu erhalten, so lange, bis man Jemanden gefunden hätte, der bereit war, das Unternehmen auf privater Basis zu übernehmen und wettbewerbsfähig zu machen.
Hans Egger war nach einigen fehlgeschlagenen Privatisierungsversuchen als der große Retter aufgetaucht und hatte das Unternehmen übernommen. Seine ersten Schritte waren weitere Entlassungen.
Ralf Baumann, der ehemalige stellvertretende Hauptbuchhalter, war nicht entlassen worden, weil er noch gebraucht wurde.
Ralf Baumann war ein unauffälliger Mann. Er lebte seit seiner Geburt in Gera, dieser schönen Stadt in Thüringen. Im vorigen Jahr hatte er seinen 50. Geburtstag gefeiert. Er war immer noch ziemlich glücklich verheiratet. Seine beiden Töchter, Karin und Kerstin, 18 und 19 Jahre alt, studierten an der Uni Leipzig. Karin studierte Jura, Kerstin Biologie. Sie wohnten in den Semesterferien noch zuhause, obwohl beide einen festen Freund hatten. Ralf Baumann war 1,72 m groß, nicht sehr kräftig, aber in guter körperlicher Verfassung. Seit einigen Jahren kämpft er mit einem Bauchansatz, die Haare waren ihm zum großen Teil schon zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr ausgegangen. Sein Gesicht war geprägt von einem Leben, in dem Fleiß, Ausdauer, Beherrschung und Zurückhaltung die Hauptrolle gespielt hatten. Der energische Mund mit den sinnlichen Lippen sprach von Ehrgeiz, aber auch von Genussfähigkeit. Seine braunen Augen strahlten Ruhe und Sicherheit aus. Er hätte gerne ein markanteres, männlicheres Gesicht gehabt, ein Gesicht, das die Frauen fasziniert. Auch wäre er gern größer und stattlicher gewesen. Das war ihm leider nicht gegeben. So musste er sich damit abfinden, dass ihm die Mädchen nicht nachliefen, konnte aber doch feststellen, dass Intelligenz und beruflicher Erfolg, die ihm sehr bald Macht und Einfluss über andere Menschen gaben, ebenfalls von Frauen geschätzt wurden. Seine Hauptcharaktereigenschaften waren Gründlichkeit und Ausdauer. Im Übrigen legte er Wert darauf, unauffällig zu sein, alle Angeberei war ihm verhasst.
Nachdem er Schule und FDJ hinter sich gebracht hatte, ohne weder im positiven noch im negativen Sinne besonders aufgefallen zu sein, entschied er sich für das Studium der Betriebswirtschaft, das in der DDR „Rechnungsführung und Statistik" hieß. Gelehrt wurden hauptsächlich Buchführung, Bilanzierung, Kosten-und Planungsrechnung. Daneben waren natürlich Marxismus-Leninismus und andere ideologische Fächer obligatorisch. Da die DDR-Wirtschaft eine zentral geleitete Staats-und Verwaltungswirtschaft war, brauchte man gutausgebildete Fachleute auf dem Gebiet des Planungs-und Rechnungswesens. Die staatlich gelenkte Wirtschaft versorgte die eigene Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen, daneben fand mit den anderen sozialistischen Staaten ein lebhafter Austausch statt. Gleichzeitig musste der Staatshaushalt durch direkte Abschöpfung aus den volkseigenen Betrieben finanziert werden.
All das erforderte ein straff organisiertes und funktionierendes Planungs-Abrechnungs-und Kontrollwesen. Die Planung lief in den Ministerien für die einzelnen Branchen und Industriezweige zusammen. Die staatlichen Wirtschaftspläne mussten in den einzelnen Betrieben durchgeführt werden. Entscheidungen wurden im Zentralkomitee der SED getroffen und über die Parteiorgane an die Bezirks-und Kreisebenen und von dort aus in die Betriebe weitergeleitet. Dort lag die Verantwortung bei dem Betriebsdirektor und dem Hauptbuchhalter. Beide waren immer in erster Linie Parteikader. Bei ihnen lag ein wesentlicher Teil der Macht im Betrieb. Der Hauptbuchhalter war verantwortlich für die Soll-Erfüllung. Er musste täglich überwachen, ob die Produktion die Planungsvorgaben seitens des Ministeriums erfüllte. Deshalb wurde er durch die übergeordneten Parteiorgane nicht so sehr unter dem Gesichtspunkt der Fachkenntnis, als unter dem der absoluten Linientreue ausgewählt.
Eigentlicher Fachmann für das betriebliche Planungs-und Rechnungswesen war deshalb der stellvertretende Hauptbuchhalter. Er lieferte dem Hauptbuchhalter die Daten, die sich aus dem betrieblichen Rechnungswesen ergaben. Er war der Fachmann für die Ermittlung der betrieblichen Ist-Zahlen, wie sie durch die Buchhaltung und die Kostenrechnung laufend erfasst wurden. Das Unternehmen war mit Robotron-Hardware und-Software ausgestattet. Robotron war der Elektronikkonzern der DDR. Er hinkte zwar immer hinter den technischen Entwicklungen der westlichen und fernöstlichen Computerindustrie her, aber seine Computer und seine Software reichten aus für die Bedürfnisse der DDR-Wirtschaft. Robotron lieferte gewissermaßen Elektronische Daten-verarbeitung für den Hausgebrauch. Der stellvertretende Hauptbuchhalter musste sich in der Robotron-Elektronik auskennen.
Die Buchhaltung erfasst, vereinfacht gesagt, alle Einnahmen und Ausgaben, die im Laufe einer Abrechnungsperiode, etwa einem Jahr, anfallen. Sie ordnet die Zahlen der Einnahmenseite und der Ausgabenseite nach sinnvollen Kriterien, sie kann so zum Beispiel das Anlagevermögen, also Gebäude, Maschinen etc.erfassen und verwalten, ebenso den Eingang, Abgang und Bestand von Materialien, die für den Produktionsprozess benötigt werden, sowie die Forderungen, die sich gegenüber Kunden ergeben und die Verbindlichkeiten, die gegenüber Lieferanten bestehen.
Die Kostenrechnung erfasst und verwaltet alle Kosten, die für den Produktionsprozess anfallen und ermittelt die Kosten pro Kostenstelle, etwa der einzelnen Maschinen, die bei der Fertigung zum Einsatz kommen oder die Materialkosten, die in den einzelnen Fertigungsstufen anfallen. Die Kostenrechnung erfasst aber auch die Kosten je Kostenträger, d.h. für die einzelnen Produkte, die halbfertig in der Produktion lagern oder die fertig im Verkaufslager liegen oder die bereits verkauft sind.
Mit Hilfe der Buchhaltung und der Kostenrechnung kann also die Unternehmensleitung laufend den gesamten Produktions-prozess kontrollieren und so jederzeit lenkend in alle Prozesse eingreifen. Die Buchhaltung liefert der Unternehmensleitung, der Geschäftsführung, alle Daten, die für das Management notwendig sind. Am Jahresende ergibt sich aus der Buchhaltung durch Vergleich des Vermögens am Anfang und am Ende des Geschäftsjahres der Jahresgewinn oder -verlust. Eine gutorganisierte Buchhaltung liefert in Verbindung mit der Kostenrechnung auch die kurzfristigen Ergebnisse des Produktionsprozesses, etwa monatlich oder vierteljährlich.
Für all das ist der Hauptbuchhalter verantwortlich. Da er aber in der sozialistischen Planwirtschaft und in einer Ein-Parteien- Diktatur den Kopf voll hat mit den Problemen der Planerfüllung und der Rechtfertigung gegenüber den Ministerien und der Partei, ist er in hohem Maße von seinem stellvertretenden Hauptbuchhalter abhängig, der sich im betrieblichen Rechnungswesen besser auskennt als er.
In einer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaftsordnung kommen die Zahlen, die von Buchhaltung und Kostenrechnung verarbeitet und auswertet werden, vom Markt. Das Unter-nehmen muss am freien Markt einkaufen und am freien Markt verkaufen. Der Jahresgewinn oder -verlust zeigt, wie erfolgreich das Management am Markt operiert hat. Ganz anders ist das in einer staatlich gelenkten, zentralen Planwirtschaft. Hier gibt es keinen Markt, der der Buchhaltung und der Kostenrechnung die Zahlen liefert. Die Zahlen, die im betrieblichen Rechnungswesen erfasst und verarbeitet werden, stammen aus den Plänen der Ministerien, es sind Planzahlen und Verrechnungspreise. Die betrieblichen Buchhaltungen und Kostenrechnungen arbeiten ausschließlich mit diesen Planzahlen und können das Unternehmensergebnis am Jahresende nur als Differenz zwischen Soll-und Ist-Größen ermitteln.
Die Fachleute für das betriebliche Rechnungswesen, die an den Universitäten der DDR ausgebildet wurden, lernten in dem Fachbereich "Rechnungsführung und Statistik" zunächst einmal, warum der Sozialismus die bessere Gesellschaftsordnung ist, dann erfuhren sie, warum die zentrale Planwirtschaft der freien Marktwirtschaft überlegen ist und dass die Planwirtschaft der Bevölkerung ein besseres Leben geben kann, schließlich lernten sie auch noch, wie man mit den Instrumenten des Rechnungswesens und der Statistik dafür sorgen kann, dass die staatlichen Wirtschaftspläne erfüllt oder möglichst übererfüllt würden.
Aus dieser Schule kam Ralf Baumann, der stellvertretende Hauptbuchhalter.
Ralf Baumann hatte nach seinem Studium in verschiedenen Betrieben im Bereich des Rechnungswesens gearbeitet und es schließlich im VEB Schraubenfabrik Clara Zetkin, der wiederum zum Kombinat „Schrauben und Fittings“ gehörte, zum stellvertretenden Hauptbuchhalter gebracht.
In dem VEB fühlte er sich wohl. Er hatte nette Kollegen und unproblematische Mitarbeiter. Zwar war ihm, als kritischem Geist, klar, dass ein VEB, also ein „Volkseigener Betrieb“ keineswegs dem Volk gehörte. Ausschließlich die SED, die Staatspartei, bestimmte über Wohl und Wehe aller Betriebe in der DDR.
Ihm war schon lange aufgefallen, dass die Namen umso mehr von schönen Adjektiven verbrämt waren, je weniger sie von diesen Eigenschaften wirklich erfüllt waren. Das fing schon mit der Deutschen Demokratischen Republik an. Demokratisch war sein Land bestimmt nicht. Auch die Jugendorganisation hieß ja FDJ, Freie Deutsche Jugend, aber die Mitgliedschaft war keinesfalls freiwillig, sie war für jeden jungen Menschen praktisch Pflicht, wenn er nicht von Allem ausgeschlossen sein wollte und auf seine weiteren Ausbildungschancen wie z.B. Universitätszugang verzichten wollte.
So verbrachte Ralf Baumann seine Zeit in der FDJ, hielt seinen Mund und machte mit. Natürlich machte es auch Spaß mit dazuzugehören, kein Außenseiter zu sein. Alle seine Schul-freunde waren natürlich auch in der FDJ. Am Vormittag war man in der Schule zusammen, an Nachmittagen trat man häufig gemeinsam zum Dienst bei der FDJ an. Die verschiedenen Gruppen hatten einen strammen "Gruppenleiter", der die Autorität der SED hinter sich hatte. Aber die Heimabende mit Singen und Spielen, die Freizeitaktivitäten, die Geländespiele, waren doch sehr schön.
Am 9.November 1989 war dann die Mauer gefallen und am 3.Oktober 1990 war die DDR der Bundesrepublik Deutschland beigetreten. Alle Menschen der ehemaligen DDR verloren zunächst den Boden unter den Füßen. Vor allem wurde die berufliche Existenz für fast Jeden in Frage gestellt. Der größte Teil der Menschen war in einem volkseigenen Betrieb beschäftigt gewesen. Was würde nun aus diesen, meist in der Substanz veralteten und ausschließlich für das sozialistische Lager produzierenden Betrieben, werden?
Ralf Baumann blieb nach der sogenannten Wende zunächst auf seinem Posten, da seine Kenntnis aller betrieblichen Bereiche bei der Aufstellung der D-Mark-Eröffnungsbilanz dringend benötigt wurde, zumal der Hauptbuchhalter, als Parteimensch, auf Veranlassung der Treuhandanstalt sofort entlassen worden war.
Die DM-Eröffnungsbilanz wurde durch ein spezielles Gesetz eingeführt. Die letzte Bilanz der volkseigenen Betriebe war natürlich nach den Gesetzen der DDR aufgestellt worden. Die Bewertung der Vermögensgegenstände und Schulden der Betriebe waren in den Bilanzen in Mark der DDR aufgeführt und ergaben sich aus der 40-jährigen Bewertungspraxis der sozialistischen Planwirtschaft. Wollte man wissen, inwieweit diese Bewertungen den Bilanzgesetzen der Bundesrepublik Deutschland, der die DDR ja beigetreten war, entsprachen, so musste man jeden einzelnen Bilanzposten auf der Aktivseite und der Passivseite der Bilanz neu bewerten und zwar nach den Regeln des westdeutschen Handelsgesetzbuches. Aufgrund dieser Neubewertung ergab sich die DM-Eröffnungsbilanz zum 1.7.1990. Auf dieser Bilanz aufbauend, sollten dann die jeweiligen Jahresbilanzen fortgeführt werden.
Zunächst aber ergab sich für die meisten ehemaligen volkseigenen Betriebe ein Schock: viele Betriebe waren aufgrund der neuen realistischen Bewertung total überschuldet. So war es auch bei den Schraubenwerken, bei denen Ralf Baumann als stellvertretender Hauptbuchhalter beschäftigt war. Er hatte den westdeutschen Wirtschafts-prüfern, die mit der Erstellung und Testierung der DM-Eröffnungsbilanzen beauftragt waren, durch seine Kenntnis der DDR-Bilanzen wertvolle Dienste geleistet.
Auf der Basis der DM-Eröffnungsbilanz konnte die Treuhandanstalt nun über das weitere Schicksal der Unternehmen entscheiden. Viele Betriebe wurden liquidiert, weil nach den vorliegenden Zahlen und den Berechnungen der Treuhandanstalt keine Aussicht für das Unternehmen bestand, in absehbarer Zeit wettbewerbsfähig zu werden. Andere Unternehmen wurden als "privatisierungsfähig" eingestuft und damit in die Gruppe von Unternehmen eingereiht, für die der deutsche Staat alle erdenklichen Mittel bereitgestellt hatte, um das Unternehmen und damit die Arbeitsplätze wettbewerbsfähig zu machen und damit zu erhalten. Die Treuhandanstalt wandelte die meisten dieser Unternehmen in eine GmbH um und begann damit, den sogenannten "Privatisierer" zu suchen.
Im Laufe der Bemühungen zur Privatisierung der Schraubenfabrik, die inzwischen auch in eine GmbH umgewandelt worden war, wurden auch die verschiedenen Bereiche des Rechnungswesens neu besetzt .Die Wahl für den Posten des Hauptbuchhalters fiel nicht auf Ralf Baumann. So kam es, dass er schließlich in der Kontokorrentbuchhaltung für die Führung der Lieferantenkonten verantwortlich war. Für ihn als bilanzsicherer Buchhalter und Fachmann für die Kostenrechnung war diese einfache Tätigkeit eigentlich eine Beleidigung, andererseits musste er froh sein, dass er nicht zu den vielen Entlassenen gehörte.
Über seinen Tisch liefen alle eingehenden Rechnungen über gelieferte Roh-Hilfs-und Betriebsstoffe, die für die Produktion eingekauft werden mussten. Aber auch die Rechnungen über die Lieferung oder den Bau von Anlagegegenständen, also die Rechnungen von Baufirmen über den Bau von Betriebsgebäuden, die Rechnungen über die Lieferung von Maschinen und maschinellen Anlagen sowie von Dienstleistungen, wie zum Beispiel Beratungen und Gutachten.
Die eingehende Post wurde in der Poststelle geöffnet und mit dem Eingangsstempel versehen. Er versah alle Rechnungen zuerst mit dem Stempel „sachlich und rechnerisch richtig“, dann brachte er den Kontierungsstempel an und trug die Kontierung ein, das heißt er legte fest, auf welche Konten und Kostenstellen die Rechnung zu buchen war. Bevor er die Rechnung über seinen PC in das System der Finanzbuchhaltung eingeben konnte, prüfte er alle Angaben, die in der Rechnung enthalten waren, auf ihre formelle und rechnerische Richtigkeit.
Dann schickte er, nachdem er eine Kopie in einem Ordner „unterwegs befindliche Rechnungen" abgelegt hatte, die Originalrechnung an die Abteilung, die den Eingang „sachlich richtig" zu bestätigen hatte, also an das Baubüro, die Warenannahme oder den technischen Betriebsleiter. Wenn die Rechnungen, mit den Kontroll-und Richtigkeitsvermerken und Handzeichen versehen, nach einigen Tagen wieder zurückkamen, konnte er sie verbuchen, das heißt den Rechnungsbetrag dem Lieferanten auf dessen Kontokorrentkonto gutschreiben und gleichzeitig das Sachkonto für den Waren-oder Leistungseingang belasten. Aktivierungsfähige Anschaffungen im Anlagenbereich wurden dem entsprechenden Gebäude-, Maschinen-oder sonstigen Anlagenkonto belastet. Danach wurde die Originalrechnung mit dem Prüfungsvermerk und seinem Handzeichen versehen unter laufender Nummer im Ordner "Eingangsrechnungen" abgelegt.
Als nächstes musste sich Ralf Baumann darum kümmern, dass die Rechnung bezahlt würde. Er überwachte die Fälligkeiten unter etwaiger Ausnutzung der Skontofrist, schrieb die Banküberweisung aus und legte diese der Geschäftsleitung zur Unterschrift vor. Unterschrieben wurde der Überweisungsträger vom Leiter des Rechnungswesens, einem Prokuristen und dem Geschäftsführer. In der Unterschriftsmappe musste zu den Überweisungsträgern die jeweilige Originalrechnung beigelegt werden, so dass die Zeichnungsberechtigten nochmals die sachliche Richtigkeit prüfen konnten. Der Prokurist unterschrieb als Erster rechts und legte damit fest, welche Rechnungen im Rahmen der jeweils vorhandenen Liquidität bezahlt werden konnten. Er hatte den Überblick über sämtliche Bankkonten, die zu erwartenden Geldeingänge und fälligen Verpflichtungen. Ein Mitarbeiter aus der Finanzbuchhaltung legte ihm täglich einen Liquiditätsstatus vor, der mit dem monatlichen Cashflow-Budget laufend abgestimmt wurde.
Ralf Baumann hatte zwar keinen sehr verantwortungsvollen Posten, aber doch in seinem Bereich einen vollständigen Überblick über den Geldabfluss aus dem Unternehmen an Dritte. Es wird sich zeigen, was er daraus machte.
Er verfolgte die Entwicklung sehr aufmerksam. Da er einen guten Draht zum kommissarischen Geschäftsführer hatte, war er über die Ertragslage, das heißt die laufenden hohen Verluste, informiert. Er wusste, so konnte das nicht weitergehen. Wahrscheinlich würden sie alle entlassen werden und die Treuhandanstalt würde den Betrieb liquidieren.
Als vor sechs Monaten der erste Privatisierungsinteressent von der Treuhandanstalt geschickt wurde, war ihm ziemlich schnell klar, dass dieser Herr ein Hochstapler war. Er führte große Reden, hatte von Bilanzen keine Ahnung und seine Ideen, was die Absatzmärkte betraf, hatten weder Hand noch Fuß. Auch der zweite so genannte Privatisierer wurde von der Treuhandanstalt schnell wieder weggeschickt.
Nun war also Herr Egger gekommen und hatte seit Wochen den Betrieb in allen Ecken durchleuchtet. Wenn er auch als Berater auftrat, so wurde es Ralf Baumann schnell klar, dass dieser Mann die Übernahme des Betriebs im Auge hatte. Und er konnte es Herrn Egger nicht verdenken, dass ihn die Chance, ein Großunternehmen in seinen Besitz zu bringen und über immense Fördermittel zu verfügen, außerordentlich reizte. Jeder denkende Mensch musste schnell erkennen, dass sich hier eine Lebenschance auftat, eine Chance, viel Geld in die Hand zu bekommen.
Die Treuhandanstalt hatte die Schraubenwerke Gera also in eine GmbH umgewandelt, deren alleinige Gesellschafterin und Geschäftsführerin sie war. Sie wollte das Unternehmen natürlich nicht auf die Dauer selbst führen. Das konnte sie auch gar nicht, dazu fehlte ihr das Personal mit den nötigen unternehmerischen Qualifikationen. Sie war gewissermaßen eine Holding mit tausenden von Tochtergesellschaften. Alle diese Gesellschaften waren ohne aktives Geschäft. Alle mussten saniert werden. Und es war für die Treuhandanstalt sehr schwierig, „auf die Schnelle“ einen geeigneten Bewerber für die Übernahme zu finden. Ralf Baumann war neugierig, wie es jetzt weitergehen würde.
Sie trafen sich jede Woche, samstags um 19 Uhr, im Lokal des Fußball-Clubs. Zu DDR -Zeiten hieß der Club „BSG Turbine Gera" und gehörte der DDR -Liga an. Nach der Wende änderte sich der Name mehrmals und gehörte schließlich ab 1990 der Landesliga Thüringen als BSG Gera an.
Ralf Baumann hatte in seinen jungen Jahren begeistert und mit Erfolg in der Juniorenmannschaft gespielt. Auch in der Studienzeit an der Uni Leipzig hatte er in der Universitätsmannschaft mitgespielt. Als jedoch die Examenszeit heranrückte, hörte er mit dem aktiven Sport auf, da er sich nicht verzetteln wollte. Sein Studienfach "Rechnungsführung und Statistik" beanspruchte seine ganze Kraft. Er war kein Überflieger, sondern musste mit Fleiß und Ausdauer hart arbeiten um die jeweiligen Semesterabschlüsse und Tests zu schaffen. Jetzt war er nur noch passives, aber treues und begeistertes Mitglied seines Sportvereins. Seine Passivität ging allerdings nicht so weit, dass er überhaupt keinen Sport mehr trieb. Vielmehr traf er sich mit seinen Freunden regelmäßig zum Jogging und Volleyball und hatte erst vor kurzem, als er 50 geworden war, das Deutsche Sportabzeichen erworben.
An dem runden Tisch saßen die acht Freunde und tranken Bier. Vorher hatten sie eine Kleinigkeit zu Abend gegessen, Ralf Baumann hatte sich eine Thüringer Rostbratwurst mit Sauerkraut und Kartoffelpüree genehmigt. Das war ein deftiger Genuss. Die „Thüringer Röster“ unterschieden sich von allen anderen Bratwürsten im Heiligen Römischen Reich durch ihren ganz speziellen Geschmack, der hauptsächlich von den Gewürzen Majoran und Kümmel bestimmt war. Bei jedem Stück, das er sich in den Mund schob bedauerte er die übrige Welt, die nichts von diesem herrlichen Geschmack wusste. Jetzt unterhielten Sie sich über das nächste Spiel am kommenden Sonntag und über die Chancen, die die erste Mannschaft beim Spiel gegen Hildburghausen hatte.
Neben ihm saß sein bester Freund Gerd. Dessen Frau, Gisela, war seit langer Zeit eine Busenfreundin seiner Frau Erika. Die beiden hingen als Mädchen ständig zusammen. Sie hatten sich in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) kennengelernt und waren längere Zeit in derselben Jugendbrigade. Später waren sie dann gemeinsam in die „Gesellschaft für Sport und Technik“ eingetreten, weil sie sich beide für Bogenschießen interessierten. Dort hatten sie ihre späteren Männer kennengelernt.
Sein Freund Gerd, der wie immer das große Wort führte, war wieder mal in Rage geraten. „Was meint ihr denn, warum die Fußballvereine im Westen besser sind als unsere Vereine im Osten? Wenn wir mal ein Freundschaftsspiel gegen einen Verein aus Westdeutschland machen, verlieren wir doch immer haushoch. Und so geht es allen ostdeutschen Vereinen. Das liegt doch nur da dran, dass die Westdeutschen sich die besten Spieler aus aller Welt zusammenkaufen. Das ist doch kein Sport mehr. Nur das Geld regiert den Fußball. Ob Du in die Bundesliga oder irgendeine andere Liga schaust, Du findest in den Vereinen nur noch Ausländer: Italiener, Spanier, Jugoslawen, Schwarzafrikaner und so weiter. Die werden für viel Geld eingekauft und bekommen phantastische Gehälter. Ich finde, das ist eine Schweinerei und hat mit Sport, so wie wir ihn kennen, nichts mehr zu tun. Da kommen die reichen Kapitalisten, geben dem Verein für den Spielereinkauf Millionen und lassen sich zum Präsidenten wählen. Das ist im Westen beim Sport wie in der Politik. Nur das Geld zählt. Wer die meiste Kohle hat, gewinnt. Mir gefällt das nicht."
„Ja, Gerd“, rief Klaus von der anderen Seite des Tisches, „mir gefällt das auch nicht. Aber wir wollten ja den Kapitalismus, weil wir alle vom Sozialismus die Nase gestrichen voll hatten. Wir haben A gesagt, jetzt müssen wir auch B sagen. Was meinst Du, was aus unseren Vereinen wird, wenn wir uns nicht anpassen und bei dem Rennen mitmachen. Du siehst, unsere Spitzensportler haben zum großen Teil schon rüber gemacht. Sie verdienen in Westdeutschland, Italien oder England schon enormes Geld. Wir verlieren alle guten Leute und werden in der Bedeutungslosigkeit versinken. Ich kann es den Spitzenleuten nicht einmal übelnehmen, dass sie sich an den Meistbietenden verkaufen."
„Das System funktioniert nun mal über das Geld“, meinte Helmut, der inzwischen ein gut verdienender Versicherungsagent geworden war. „Ihr müsst doch zugeben, dass es Spaß macht, ein Bundesligaspiel oder ein Länderspiel mit lauter Spitzenspielern im Fernsehen anzuschauen. Je mehr Spitzenspieler ein Verein einkaufen kann, umso mehr kann er in der Tabelle nach vorn kommen, umso mehr Zuschauer wird er auf der Tribüne haben und umso mehr Geld bekommt er von den Fernsehanstalten für die Übertragungsrechte. Der Verein verdient, das Fernsehen verdient. Viele Zeitungen werden nur wegen ihres Sportteils gekauft. Früher durften wir Westfernsehen nicht gucken, wir wurden bestraft, wenn wir erwischt wurden. Heute können wir weltweit alles sehen und ihr müsst zugeben, dass es schöner ist, Arsenal London gegen Real Madrid spielen zu sehen, als früher zwei Mannschaften aus der DDR-Liga. Mir ist es ganz egal, wie viel ein Transfer gekostet hat und wie viel ein Mittelstürmer verdient. Ich will erstklassigen Fußball sehen.
„Du hast gut reden", warf ein anderer Sportkamerad gutmütig ein. „Du verkaufst den Leuten Versicherungen, die sie nicht brauchen und lebst ganz gut dabei. Früher brauchten wir keine Versicherungen von großen Konzernen zu kaufen. Wir alle waren bestens abgesichert durch den sozialistischen Staat und die Volksgemeinschaft. Ein Arztbesuch kostete kaum etwas, der Krankenhausaufenthalt war kostenlos und für unser Alter war auch gesorgt. Lebensmittel, Kleidung, Strom und Heizung kosteten fast nichts und wir hatten von Allem reichlich."
„Ja, aber wie wurde man von den Ärzten behandelt" erscholl ein Zwischenruf, „dass man nicht stramm stehen musste, war alles."
Ein Anderer rief, „aber die Ärzte verdienten kaum mehr als ein Hilfsarbeiter in der Fabrik oder ein Bauer in der LPG. Das war doch gerecht."
Ralf Baumann sagte, „Leute, Ihr habt ja alle Recht. Die Sache ist kompliziert, und wir werden noch oft darüber nachdenken und diskutieren müssen. Aber Eines wissen wir doch alle: der Sozialismus funktionierte nur mit Zwang und Kontrolle. Und das auch nur eine Weile. Deshalb wollten wir ja alle raus aus dem System. Und jetzt müssen wir damit fertig werden."
Sie saßen noch eine Stunde zusammen bei Small Talk und Witze erzählen. Ralf Baumann unterhielt sich, angeregt durch die vorhergehende Diskussion, mit seinem Freund Gerd über die „alten Zeiten" in der Gesellschaft für Sport und Technik. Sie waren sich darüber einig, dass diese Organisation eine vormilitärische Einrichtung war, mit ihren Einrichtungen für Fliegen, Seefahrt, Motorfahrzeuge, Funkmeldewesen etc., ebenso wie die Hitlerjugend im Dritten Reich mit ihrer Flieger-HJ, Marine-HJ, Reiter- und Motorrad-HJ. Die DDR-Führung hatte nun mal die fixe Idee, dass die Bundesrepublik Deutschland, der Klassenfeind, nur darauf wartete, wann der richtige Moment für einen militärischen Überfall auf die friedliebende DDR gekommen war. Im Einklang mit „den Freunden", der Sowjetunion, musste man ständig aufrüsten und die Bevölkerung auf den entscheidenden Kampf vorbereiten. Schließlich meinte Gerd versöhnlich, „immerhin haben wir dort unsere Frauen kennengelernt."
Als das letzte Bierglas geleert war, klopfte Ralf Baumann mit den Knöcheln auf den Tisch und verabschiedete sich von der Runde. Sein Freund, Gerd, ging mit ihm.
Der war früher bei der Volkspolizei gewesen Nach der Wende wurden Kommissionen gebildet, die die einzelnen Beamten der „Vopo“ hinsichtlich ihrer DDR-Vergangenheit überprüften. Wenn sich keine negativen Erkenntnisse ergaben, wurde man in die Städtische-, Landes- oder Bundespolizei übernommen. Sein Freund war jetzt bei der städtischen Verkehrspolizei. Er hatte Glück gehabt, weil er als Volkspolizist nur eine untergeordnete Position hatte und niemals gezwungen war, an Maßnahmen gegen „Volksfeinde", Republikflüchtlinge oder Ähnlichem teilzunehmen. Wenn seine Einheit in der Nähe der „Mauer"oder der DDR - Grenze stationiert gewesen wäre, hätte er womöglich auf flüchtende Menschen schießen müssen. Was hätte er machen können, es gab schließlich den Schießbefehl. Die DDR war nach den Jahren ständig zunehmender "Republikflucht" mit Hilfe der Grenzbefestigungen, durch Stacheldraht und elektrische Zäune hermetisch abgeschlossen worden. Niemand sollte die DDR, das Arbeiter-und Bauernparadies, verlassen. Wenn man die Grenze gewaltsam überqueren wollte, konnte man bei dem Versuch erschossen werden. Bei erfolgreicher Republikflucht wurden die zurück-gebliebenen Angehörigen durch die Stasi schikaniert und nach dem Muster der Sippenhaft bestraft.
Nach der Wende musste der Staat, wohl oder übel alle Menschen in der ehemaligen DDR daraufhin überprüfen, ob sie das damalige Regime aktiv unterstützt und dabei anderen Menschen geschadet hatten. Die Problematik bestand darin, dass sich die meisten Verdächtigen auf die Gesetze der DDR berufen konnten oder auf einen Befehlsnotstand. Welche Maßstäbe sollte man anlegen?
Zunächst wurden einmal alle mutmaßlichen Nutznießer in Regierungsämtern, bei der Volkspolizei, der Nationalen Volksarmee, an den Hochschulen und öffentlichen Verwal-tungen suspendiert. Sie befanden sich dann in der sogenannten "Warteschleife" und mussten solange ohne Beschäftigung warten, bis sie überprüft worden waren. Hohe Funktionäre oder Stasileute hatten natürlich keine Chance auf Wiederbeschäftigung, sie warteten auf ihren Prozess. Die "kleinen Leute" wurden relativ schnell wieder eingestellt, da man sie zum Wiederaufbau einer funktionierenden Verwaltung einfach brauchte. Wie sollte dieses neue Staatsgebiet mit 17 Millionen Menschen funktionieren, wenn man die tüchtigen Leute alle ausschloss?
So blieb Ralf Baumann in seinem Betrieb, wenn auch nicht mehr als stellvertretender Hauptbuchhalter und sein Freund Gerd blieb bei der Polizei.
Da die Nacht zwar frisch, aber nicht kalt war, ließen sie sich Zeit mit dem Nachhause gehen und sprachen noch über Dies und Das. Gerd meinte, dass ihr Freund Martin das einzig Richtige gemacht habe. Er war als gelernter Bäckermeister in einer Großbäckerei tätig gewesen. Jetzt hatte er sich selbständig gemacht. Der Geschäftsführer der Großbäckerei, die in eine GmbH umgewandelt worden war, hatte ihm einen Laden in einem großen Wohngebiet vermietet, er hatte einen Gesellen, einen ehemaligen Arbeitskollegen, der entlassen worden war, sowie eine Verkäuferin, eine Freundin seiner Frau, eingestellt und der Laden lief gut.
Aber da war auch noch Dieter, der Rechnungsführer und Kassierer des Sportvereins. Jeder wusste, dass Dieter ein „IM“, ein informeller Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes, der Stasi, gewesen war. Sein Sohn war noch vor dem Mauerbau 1961 aus der DDR ausgereist und hatte sich in Frankfurt (Main) niedergelassen. Er war ein guter Facharbeiter und arbeitete als Dreher in der Schraubenfabrik. Sein Sohn war also "rüber gemacht", wie es im Volksmund hieß. Deshalb wurde Dieter beschuldigt, "Westkontakte" zu haben, etwas sehr Schlimmes in den Augen der Stasi. Sein Sohn hielt sich beim Klassenfeind auf, in der revanchistischen BRD. Eines Abends wurde er in seiner Stammkneipe von einem Herrn im Ledermantel angesprochen. Der sagte ihm, man wisse an oberster Stelle, dass er Kontakte zum Westen habe. Es könne nicht geduldet werden, dass Leute wie er an leitender Stelle in einem Sportverein tätig seien und auch die Tätigkeit seiner Frau beim Ordnungsamt der Stadt sei unhaltbar. Ob seine Tochter wohl auch demnächst in den Westen abhauen würde? Sie habe ja schließlich durch ihr Studium dem Arbeiter-und Bauernstaat lange genug auf der Tasche gelegen. Der Herr mit den korrekten Manieren hatte sich dann verabschiedet, ihn aber für den nächsten Morgen in die Stasihauptstelle vorgeladen. Dort hatte man ihm nahegelegt, sich durch seine Unterschrift als IM zu verpflichten und regelmäßig Berichte über seine Vereinskollegen an die Stasi zu übermitteln. Jeder im Verein wusste, wie gesagt, von Dieters Verbindungen zur Stasi und nahm sich entsprechend in Acht. Wenn Dieter aufkreuzte, verstummten die Gespräche oder das Thema wurde gewechselt. Allerdings war es selten genug, dass man über einen Stasispitzel Bescheid wusste. Die Methoden dieser "Horch und Guck"-Behörde waren im Allgemeinen sehr subtil und man wusste nicht, wer im Bekanntenkreis vielleicht ein Spitzel war, der es an die Stasi meldete, wenn man etwa abfällig von der Partei oder der Staatsführung sprach oder wenn jemand Westkontakte hatte. Selbst in den Familien gab es Spitzel und auch Kinder wurden in der FDJ dazu angehalten, innerhalb ihrer Familien wachsam zu sein und auf Staatsfeinde aufzupassen.
Jetzt war das ganze System der DDR zusammengebrochen. Der "Klassenfeind" hatte die Regierung übernommen, überall waren jetzt "Demokratie" und "Freiheit" ausgebrochen. Sie lebten jetzt in einem Rechtsstaat. Was sollte aus einem Mann wie Dieter werden? War er denn wirklich schuldig? Er war doch erpresst worden und hatte sich nur für seine Familie anwerben lassen. Man sprach jetzt schon von einer neuen großen Behörde, die alle beschlagnahmten Stasiunterlagen auswerten sollte. In den Tagen der Wende hatten ja die Menschen an vielen Orten die Stasizentralen gestürmt und große Mengen an Akten und Unterlagen sichergestellt. Alles konnten die Stasimitarbeiter nicht mehr schreddern und selbst zerschnippelte Akten konnten wieder zusammengesetzt werden. Die neue wiedervereinigte Bundesrepublik war überwiegend der Meinung, dass die Stasivergangenheit aufgearbeitet werden müsste. Einige Stimmen meinten, dass man die schlimme Vergangenheit zu Gunsten eines Neuanfangs vergessen sollte. Aber diese Meinung konnte sich nicht durchsetzen. Zu schlimm waren die Wunden, die der Unrechtsstaat DDR vielen Mitbürgern zugefügt hatte und dieser Staat hatte zu viele willige Helfer, deren Schuld offengelegt werden musste.
Ralf meinte: „ich möchte wissen, ob einer meiner Freunde oder Arbeitskollegen mich an die Stasi verraten hat. Ich möchte auch den Umfang dieser Spitzelei kennen lernen und ob unser Staat wirklich, wie es heute in den Medien heißt, durch und durch ein Spitzelstaat war. Ich möchte auch wissen, ob die Leute an der Staatsspitze und an der Parteispitze die Idee des Sozialismus wirklich nur benutzt haben, um uns dumm zu halten und ob sie in Wirklichkeit nur der bolschewistischen Idee der Weltrevolution, also dem Weltmachtstreben Russlands gedient haben. Ich möchte auch wissen, ob sie selbst in Saus und Braus in diesem abgeschirmten Dorf mit Namen Wandlitz mit westlichem Luxus, den sie sich mit Devisen beschafft haben, ein Luxusleben geführt haben, während sie uns den genügsamen Sozialismus gepredigt haben ,uns erzählt haben, dass wir für eine bessere Welt auf vieles verzichten müssten."
„Ja, ich möchte das alles auch wissen", sagte Gerd, „ich möchte es wissen, obwohl damit für mich eine Welt zusammenbricht. Alles zusammenbricht, wofür wir seit unserer Kindheit gelebt haben, woran wir geglaubt haben. Was waren das doch für schöne Zeiten, als wir an eine bessere Welt geglaubt hatten, die durch den Sozialismus, durch unsere Anstrengungen entstehen würde. Was war das für ein schönes Gefühl, in dem Bewusstsein zu leben, dass wir auf der richtigen Seite stünden. Wir verzichteten gerne auf die sogenannten westlichen Freiheiten und den Überfluss. Wir wussten ja, dass das Alles mit dem Blut der unterdrückten Massen erkauft war, dass im Kapitalismus nur die reichen Ausbeuter gut lebten, während die Arbeiter-und Bauernklasse ein miserables Leben führen musste. Wir aber würden ihnen durch unseren Kampf die Freiheit vom Joch des Kapitalismus bringen.
Heute wird uns gesagt, dass der Sozialismus in Wahrheit ein Staatskapitalismus ist. Die Parteifunktionäre sind die Kapitalisten dieses Systems und ihre Hauptsorge ist es, das Volk immer dumm zu halten, dass es den Betrug an seinem Idealismus nicht merkt.
