Der Da Vinci Fluch - Katharina Sommer - E-Book
Beschreibung

„Menschen jagen Hexen – Hexen jagen die Zeit…“ Eine Welt voller Magie, eine Welt ohne die berühmte Mona-Lisa. Als Carrie ihre magischen Kräfte verliert, muss sie auf eine französische Privatschule wechseln. Ab sofort bestimmen nicht mehr Zaubersprüche, sondern Zicken und Hausaufgaben ihren Alltag. Auch Francis, Sahneschnittchen Nummer eins, macht ihr das Leben alles andere als einfach. Doch als er erfährt, wer ihre Vorfahren sind, verwandelt sich sein Hass in verdächtig intensives Interesse. Ist sie bereit ihm zu helfen? Vor allem wenn dabei eine Möglichkeit für sie herausspringt, ihre alten Kräfte wiederzuerlangen? Eine magische Reise in die Vergangenheit beginnt…

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Seitenzahl:439

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Neuanfänge

Ahnenforschung

Überraschende Freundlichkeit

Dem Geheimnis auf der Spur

Durch den Stein, durch die Zeit

Neuer Tag, neues Jahrhundert

Schwimmen ist wie Zaubern

Die Stunde der Wahrheit

Der Schwur

Tanzunterricht

Vorbereitungen

Die Reise beginnt

Florenz

Frühstück mit Leonardo

Der Da Vinci Fluch

Rauschender Ball, rauschende Gefühle

Hinterhalt

Die Anklage

Der Prozess

Hexenfeuer

Klarheit

Veränderungen

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Der Da Vinci Fluch

Katharina Sommer

Besuchen Sie uns im Internet:

www.zeilengold-verlag.de

Nadine Skonetzki

Blütenhang 19

78333 Stockach

info@zeilengold-verlag.de

1. Auflage

Alle Rechte liegen bei Zeilengold Verlag, Stockach 2018

Buchcoverdesign: Coverandbooks / Rica Aitzetmueller

Illustrationen: saje design Bonn, www.saje-deesign.de

Lektorat: Christine Hochberger, www.buchreif.de

Korrektorat: Roswitha Uhirsch, www.spreadandread.de

Satz: Grittany Design, www.grittany-design.de

ISBN Print: 978-3-946955-08-5

ISBN Ebook: 978-3-946955-90-0

Alle Rechte vorbehalten

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der

Deutschen Nationalbibliothek erhältlich.

KATHARINA SOMMER

Für meine zauberhafte Familie

Es war ein lauer Sommertag. Madame Moreau saß an ihrem Schreibtisch und sah durch das hohe Fenster des alten Arbeitszimmers hinaus in den Garten. Der Sommer neigte sich dem Ende zu, die Kinder nutzten die letzten warmen Sonnenstrahlen und tollten durch das hohe Gras. Die Fenster standen offen, Vogelgezwitscher und Kindergeschrei drangen bis zu Madame Moreaus Arbeitsplatz, auf deren Mahagonitischplatte sich die Papiere bereits stapelten.

Sie strich eine Strähne ihres roten Haares hinters Ohr, tauchte die Spitze der Feder in ein Tintenfass und streifte behutsam die überschüssige Tinte am Rand des Gefäßes ab. Dann setzte sie den Federkiel auf das golden schimmernde Papier.

3. September 2017

Creil, Frankreich

Lieber Albert,

es freut mich zu hören, wie gut es dir geht. Vermutlich hast du von den Ereignissen der letzten Monate erfahren, anders kann ich mir deinen Brief nicht erklären. Sein Tod kam viel zu früh und die ganze Nation trauert. Aber was geschehen ist, kann man nicht mehr ändern. Caroline erholt sich stetig, dennoch werden wir sie vor jeglicher, noch so unbedeutenden, Gefahr beschützen, weshalb ich dir leider keinen Kontakt zu ihr gestatten kann. Sollte dir diese Entscheidung ungerecht oder egoistisch erscheinen, muss ich dir in Erinnerung rufen, dass du deine Tochter verlassen hast. In dem Moment, als du der dunklen Magie den Vorzug gegeben und das kleine Bündel in meinen Armen zurückgelassen hast, wurde sie meine Tochter. Und ich schwöre dir, dass wir alles tun werden, um sie vor jeder Bedrohung zu beschützen, wenn nötig auch vor dir.

Hochachtungsvoll

Maggie

Schwungvoll setzte sie ihren Namen unter die Zeilen, dann legte sie Brief und Schreibzeug beiseite und erhob sich aus dem gepolsterten Ohrensessel. In Gedanken versunken lehnte sie sich gegen den Fensterrahmen und sah nach draußen in den blühenden Garten, während Ajoly, der orangefarbene Kater, gemächlich in den Raum trottete und sich laut schnurrend um Maggies Beine schlängelte. Sie kraulte den Kater hinter den Ohren, während die Sonnenstrahlen ihre mit Sommersprossen besetzte Nase kitzelten.

Draußen stürmten gerade die kleinen Zwillinge, Marie und Rosie, vorbei. Sie sprangen wie Schmetterlinge in die Luft, um ihrer Mutter zuzuwinken, während Liz, die ältere Schwester der zwei Wirbelwinde, ihnen keuchend hinterherjagte. Lächelnd winkte die Rothaarige zurück. Timothy, der Älteste, lag in einer Hängematte, die zwischen zwei Kirschbäumen gespannt war. Er wirkte vertieft in seine Lektüre und schien kaum zu bemerken, dass seine Brille bereits mehrere Zentimeter die Nasenspitze hinuntergerutscht war. Genauso wenig nahm der Junge Notiz von seinem jüngeren Bruder Robin, der alles daran setzte, von dem Älteren beachtet zu werden, jedoch ohne Erfolg. Doch dann blickte Maggie besorgt zu einem Mädchen, das etwas abseits auf einer grauen Decke im Gras hockte und mit leerem Blick auf einen unsichtbaren Punkt in der Luft starrte, als wäre sie gerade viele hunderte Kilometer entfernt. Rote, zerzauste Strähnen hingen ihr ins blasse Gesicht, die graublauen Augen wirkten leblos und leer.

Maggie machte sich Sorgen um sie, doch sie wusste nicht, was sie noch versuchen sollte, um Caroline zu helfen. Sie konnte nur abwarten und hoffen, dass sich bald alles zum Guten wenden würde. Doch was sie zu jenem Zeitpunkt weder ahnen noch wissen konnte: Es würden noch viel schlechtere Zeiten auf sie zukommen, sodass sie diesen ruhigen Sommernachmittag schneller zurückwünschen würde, als ihr lieb war.

Es war zum Verrücktwerden! Ich hatte das erdrückende Gefühl, als wäre ich ein Glas – ein leeres Glas. Früher mit Leben und Energie gefüllt, nun jedoch bis zum letzten Tropfen geleert und damit kraftlos und schwach. Wie merkwürdig das auch klang, ich hatte meine Kräfte ausgeleert und verschüttet wie ein tollpatschiges Kind. Nichtsdestotrotz besaß es ein Fünkchen Wahrheit, wenn nicht sogar einen großen Brocken davon, der mich nun geradezu erdrückte. Ich seufzte schwer. Warum hatte das auch ausgerechnet mir passieren müssen?

Eine Hexe ohne Kräfte, ohne Magie – einfach lächerlich. Ja genau, ich war eine richtige Lachnummer. Verärgert warf ich meine Haarbürste auf die weiße Frisierkommode und starrte mit meinem Spiegelbild um die Wette. Eine Hälfte meiner roten Haare hing lang und glatt wie Schnittlauch über meine Schultern hinab, die andere Hälfte stand in wilden Ringeln von meinem Kopf ab. Das war natürlich kein Naturphänomen meiner Haare. Vielmehr lag es an dem Eisenstab, der auf seinem Platz vor mir auf der Kommode vor sich hin glühte und eine unangenehme Hitze ausstrahlte – ein Lockenstab. Eine Erfindung der Menschen, mit der ich absolut auf keinen grünen Zweig kam. Anstatt mir sanfte, schöne Locken zu fabrizieren, wie es das Abbild einer braunhaarigen Frau auf der Verpackung versprach, sah ich aus, als hätte ich mit meinem Finger in eine Steckdose gegriffen. Ich seufzte erneut. Früher war das alles leichter. Statt Stunden für so ein miserables Resultat vor dem Spiegel zu stehen, hatte ich die sanften Wellen, die ich mir wünschte, ganz einfach mit einem kleinen Zauberspruch geschaffen. Eine Leichtigkeit war das gewesen. So leicht wie auf einem Besen fliegen, würde meine Mutter dazu sagen. Etwas, das man nie verlernt und selbst im Schlaf fabrizieren könnte. Genauso war das Zaubern für mich gewesen. Natürlich hatte das nicht für alle Sprüche und Formeln gegolten, immerhin war ich noch keine fertig ausgebildete Hexe. Aber nicht einmal einen einfachen Zauberspruch zustande bringen, der die Struktur meiner Haare verändern sollte, war einfach lächerlich. Da hatten wir dieses deprimierende Wörtchen wieder. Wenn möglich war meine Laune in den letzten paar Minuten noch weiter in den Keller gesunken und als ich erneut eine Haarsträhne um den Lockenstab wickelte, verbrannte ich mir prompt die Finger an dem heißen Eisen.

»Au!«, jaulte ich auf, wobei der Laut viel eher ein Frustrationsschrei war als von wirklichem Schmerz hervorgerufen.

»Carrie?« Timothy streckte seinen roten Haarschopf zur Tür herein. »Alles klar bei dir?« Sein Lächeln beinhaltete eine Mischung aus Besorgnis und Neugier. Vermutlich wunderte er sich, was mich dazu veranlasste, wie ein getretenes Kätzchen zu jaulen. Genau genommen so wie Ajoly, unser manchmal sehr zur Dramatik neigender Kater, der nicht davor zurückschreckte, sein lautestes Katzenjammern zum Besten zu geben, nur weil jemand sein Körbchen einen Zentimeter in die falsche Richtung geschoben hatte.

»Ja, natürlich«, antwortete ich, obwohl ich es mir sehr verkneifen musste, unglücklich das Gesicht zu verziehen. Natürlich war nicht alles okay, gut, klar oder was einem sonst noch dafür einfallen mochte. Aber meine schlechte Laune jedem auf die Nase zu binden, würde weder mir noch den anderen weiterhelfen.

»Ich muss gleich los. Ein gewisser Monsieur Swentway stellt heute eine neue Zauberformel vor, die es ermöglichen soll, sich mit 0,1 mal der Lichtgeschwindigkeit zu bewegen. Einfach fabelhaft dieser Mann. Chef Carter ist zwar noch skeptisch, dennoch möchte ich die Präsentation auf keinen Fall verpassen, egal ob sich ein Bericht darüber für die nächste Ausgabe lohnt.« Während er sprach, nahm er seine Brille ab und reinigte sie mit seinem Hemdzipfel. Dennoch schien er alles andere als zufrieden, als er sie anschließend prüfend gegen das Licht hielt.

»Das klingt wirklich toll. Es freut mich, dass dir dein Praktikum so gut gefällt«, antwortete ich. So schlecht ich mich auch fühlte und so sehr ich im Moment im Selbstmitleid versank, ich konnte mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

Ebenfalls schmunzelnd nickte er, setzte die Brille wieder zurück auf seine Nasenspitze und wandte sich zum Gehen. »Hab einen schönen ersten Schultag. Wir sehen uns dann beim Abendessen.«

Und weg war mein Lächeln. Schmerzhaft überrumpelte mich die Tatsache, dass heute mein erster Schultag an einer normalen Schule sein würde.

Für Robin war heute ebenfalls der erste Schultag, jedoch an der HML – der Höheren Magischen Lehranstalt –, und damit auf einem ganz anderen Niveau. Unsere Mutter wollte ihn zum Hafen bringen, von wo aus es mit der Fähre weiter in den Norden ging. Dort besuchte er das Internat für junge Hexen und Zauberer zwischen zwölf und achtzehn Jahren, die ihr Magiepotenzial an der HML weiter ausschöpfen wollten, um später einen angesehenen Job in der magischen Welt zu bekommen. Es war Robins erstes Jahr, wohingegen es mein vorletztes Schuljahr wäre. Die Betonung lag jedoch auf wäre. Denn ohne Magie gab es auch keine Notwendigkeit, eine magische Schule zu besuchen. Tränen traten mir bei diesem Gedanken in die Augen, sodass ich mich schnell abwandte und mich, nach Ablenkung suchend, stattdessen wieder meinen Haaren widmete. Sie sahen kaum besser aus als wenige Minuten zuvor. Ein Grund mehr, mit einem resignierten Seufzen, das Gesicht in den Händen zu vergraben und mir zu wünschen, unsichtbar zu werden. Anstatt buchstäblich in Selbstmitleid zu ertrinken, raffte ich meine Gedanken und meine wild vom Kopf abstehenden Haare zusammen und band sie zu einem lockeren Knoten hoch. Natürlich nur die Haare, nicht die Gedanken. Dann trat ich mit einer, mit Schulsachen gefüllten, Tasche den Weg in die Küche an.

Polternd kam ich die Holztreppe hinunter, die bei jedem Schritt ein lautes Knarren von sich gab, als hätte ich das Gewicht eines Sumo-Ringers.

»Mum«, rief ich, als ich an Familienfotos vorbei, welche die Wand tapezierten, die Stiege, zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten sprintete.

»Bonjour, ma chérie«, antwortete mir meine Mutter, die, einen gefüllten Wäschekorb unterm Arm, den Vorraum betrat, mit melodischer Stimme.

Strauchelnd kam ich auf der letzten Stufe zum Stehen.

»Ça va? Schon nervös? Heute ist wohl für alle ein großer Tag. Robin war heute schon so aufgeregt, dass ich dachte, er würde nicht mal mehr den einfachsten Zauber zustande bringen. Dabei sollte er doch nur die Socken unter dem Bett hervorholen, stattdessen gingen sie in Flammen auf …« Ihre Wangen waren gerötet und rote Haarsträhnen hingen ihr ins verschwitzte Gesicht. Vermutlich war sie schon seit dem frühen Morgen auf den Beinen und eilte von einer brennenden Socke zur nächsten. Sie wirkte gestresst. Außerdem schien sie die Bedeutung ihrer Bemerkung nicht erkannt zu haben.

Mir hingegen zog sich der Magen schmerzhaft zusammen. Nicht mal mehr den einfachsten Zauber zustande bringen. Genauso ging es mir, leider nicht nur sprich-, sondern auch wortwörtlich. Meine Stimmung sank noch tiefer. »Ist Robin schon in der Küche? Ich möchte mich noch von ihm verabschieden«, wechselte ich rasch das Thema.

»Oui, bien sûr. Der Bus kommt bald, ich muss noch in den Garten. Also wünsche ich dir bereits jetzt einen zauberhaften Tag, ma chérie.«

Sie schloss mich über den Wäschekorb hinweg in eine Umarmung und drückte mir einen schmatzenden Kuss auf die Wange.

»À tout à l'heure!«, rief sie mir noch nach, dann verschwand sie durch eine angrenzende Tür nach draußen.

»Tschüss, Mum.« Lächelnd trat ich in die Küche und ließ meinen Rucksack auf einen Stuhl fallen. Entgegen Mums Vermutung war Robin noch nicht in der Küche. Um die Zeit zu überbrücken, schenkte ich mir Orangensaft in ein Glas und versank, mit dem Blick aus dem Küchenfenster, in meine Gedanken. Genau genommen war meine Mum nicht meine richtige Mutter, sondern eine Tante mütterlicherseits, weshalb ich mit meinen roten Haaren und den graublauen Augen nicht weiter aus der Reihe tanzte. Meine leibliche Mutter starb vor Jahren bei einem Einsatz. Sie war Geisterjägerin gewesen und setzte dabei ihr Leben tagtäglich aufs Spiel. Als sie starb, war ich gerade mal ein Jahr und ich kann mich nur noch durch Erzählungen an sie erinnern. Die Trauer um meine Mutter ließ meinen Vater verkümmern und er war nicht länger fähig gewesen, für mich zu sorgen. Also gab er mich zu meiner Tante, die mich wie ein eigenes Kind aufnahm. Manchmal fragte ich mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn meine Mutter nach meiner Geburt ihren gefährlichen Job aufgegeben hätte. Vielleicht würde ich dann nicht in Frankreich in einer Großfamilie leben. Aber Grübeln half auch nicht weiter. Außerdem liebte ich Maggie und René wie meine eigenen Eltern. Nachdem sie mir die Wahrheit über meine leiblichen Eltern gesagt hatten, wäre es mir nie in den Sinn gekommen, sie nicht mehr Mum und Dad zu nennen. Sie waren für mich meine Eltern, genauso wie Timothy, Robin, Liz und die Zwillinge meine Geschwister waren. Um nichts in der Welt würde ich sie eintauschen wollen.

Ich vernahm ein lautes Poltern, wenige Sekunden später schwang die Küchentür auf und Robin stürmte herein. Seine Wangen waren beinahe so rot wie zuvor Mums. Die Röte verdeckte damit beinahe die zahlreichen Sommersprossen, die er so verabscheute. Meiner Meinung nach ließen sie ihn knuffig wirken, doch welcher kleine Bruder wollte das von seiner großen Schwester hören?

»Ich kann meine Brille nicht finden«, rief er aufgebracht. Die Aufregung schien ihn ganz hibbelig zu machen und zugleich auch ziemlich durcheinander.

»Halt!« Ich hielt ihn an der Schulter zurück. »Du hast sie auf der Nase.«

Fahrig tastete er danach und wurde nur noch röter, als er das vertraute Metallgestell zwischen seinen Fingern spürte. »Ups!«, sagte er beinahe kleinlaut, schien jedoch erleichtert. Zufrieden ließ er sich auf einen Küchenstuhl fallen, während ich ihm ebenfalls einen Orangensaft eingoss und einen Teller mit einem Schokoladencroissant vor seine Nase auf den Tisch stellte.

»Schon sehr aufgeregt?«, fragte ich, wobei ich das Offensichtliche aussprach.

Er sah mich mit großen Augen an und nickte.

»Das schaffst du schon. Es wird eine großartige Zeit werden, glaub mir.« Lächelnd drückte ich ihm einen Kuss auf den roten Haarschopf. »Ich hab dich lieb, das weißt du.«

»Ich hab dich auch lieb«, murmelte er an meiner Schulter.

Ich vermisste ihn bereits jetzt.

»Du, Carrie?«

»Ja?« Neugierig sah ich auf.

Mit einem, mit Schokolade bekleckerten, Finger deutete er durch die Fensterscheibe nach draußen. »War das nicht dein Bus?

In Sekundenschnelle war ich am Fenster und blickte die hügelige Auffahrt hinunter. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um einen gelb leuchtenden Schulbus hinter dem nächsten grünen Hügel verschwinden zu sehen. »Merde!«, fluchte ich laut.

Für den Bus war es definitiv zu spät. Ich brauchte nur eine Sekunde, dann hatte ich meine Entscheidung getroffen. »Schreib, sobald du in der Schule angekommen bist«, rief ich meinem Bruder zu, während ich nach dem Autoschlüssel griff, der neben der Tür, zusammen mit anderen Schlüsseln, an einem dafür vorgesehenen Brett hing. »Erzähl Mum und Dad nichts davon!« Dann war ich aus der Tür.

Zwar war ich bereits einige Male hinter dem Steuer gesessen – sogar mit Erlaubnis. Dad war ein wahrer Autofreak, deshalb hatte er auch uns Kinder, sobald wir das richtige Alter erreicht hatten, mit seiner Leidenschaft vertraut werden lassen.

Dennoch zitterten meine Knie wie Wackelpudding, als ich meinen Rucksack schulterte und zu Dads Wagen lief. Der rote Flitzer, wie ihn Dad gern nannte, stand hinter dem Haus in einem Schuppen, gut versteckt und vor Unwettern und Witterung geschützt. Der rote Flitzer. Nun, dabei handelte es sich um ein schickes Cabrio, das Dad von seinem Vater übernommen hatte. Sein Vater war kein Zauberer, sondern ein einfacher Automechaniker gewesen. Ein lustiger Mann, der gut mit uns Kindern hatte umgehen können. Leider war er viel zu früh an einem Herzinfarkt verstorben. Seitdem hielt Dad die alte Rostlaube am Leben. Er konnte sich einfach nicht davon trennen. Mum hingegen verstand sein Festhalten an materiellen Dingen nicht. Oft hatte sie ihn schon zum Verkauf des Wagens überreden wollen. Vermutlich weil das Auto nicht genug Platz für die ganze Familie bot und letztendlich nur unnötig Platz verbrauchte. Rostlaube – das war noch einer der netten Ausdrücke, denn würde Dad sich von der rostroten Karre trennen, würde sie mit ziemlicher Sicherheit auf dem Schrottplatz landen. Dad hatte seinen Vater sehr geliebt und der alte Wagen erinnerte ihn unweigerlich an ihn, weshalb das rote Schmuckstück einen eigenen Platz erhalten hatte. Doch gerade das machte es mir nun einfacher. Wenn alles gut ging, würden sie sein Fehlen gar nicht bemerken.

Mit klopfendem Herzen schloss ich die Schuppentür auf und öffnete von innen das Tor. Zitternd setzte ich mich auf den Fahrersitz und verfrachtete den Rucksack auf den Beifahrersitz neben mir. Dann startete ich den Motor und betete zu Gott, dass Mum nicht mehr im Garten war und somit das verdächtige Aufheulen nicht hören konnte.

Schnurrend erwachte das metallene Gefährt zum Leben. Aus der Garage auszuparken, stellte die größte Schwierigkeit dar. Sobald ich es, ohne eine einzige Schramme in dem roten Lack, durch das enge Tor geschafft hatte, atmete ich erleichtert aus. Immer schneller rollte der Wagen den Hügel hinunter und mich erfasste ein unbändiges Glücksgefühl. Ich kurbelte das Fenster nach unten und der Fahrtwind pfiff mir durch das zerzauste Haar. So frei hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Adrenalin strömte durch meine Adern. Doch es war nicht vergleichbar mit dem knisternden Pulsieren der Magie, die ich nicht mehr beherrschte. Der Gedanke versetzte meinem Überschwang einen gehörigen Dämpfer. Geknickt kurbelte ich die Fensterscheibe wieder nach oben.

Ich erreichte den Schulparkplatz ohne Probleme und lenkte den Wagen durch die Reihen der Autos. Wie nicht anders zu erwarten, waren die meisten Schüler am ersten Schultag pünktlich gekommen und folglich ließ sich ein freier Parkplatz nur schwer finden. Die Zahlen der digitalen Uhranzeige rückten unaufhörlich auf halb neun zu und ich wurde zunehmend nervös. Am ersten Tag zu spät zu kommen, hinterließ wohl keinen guten Eindruck. Erleichtert erkannte ich in einigen Metern Entfernung eine freie Parklücke neben einem grünen VW. Ich stieg aufs Gas und steuerte darauf zu. Im letzten Moment erkannte ich jedoch hinter dem hohen Dach des VWs einen Kopf und trat auf die Bremse. Quietschend kam der Wagen zum Stehen. Gerade rechtzeitig, um den Jungen, der soeben von seinem Motorrad stieg, nicht zu Brei zu verarbeiten. Mir stockte der Atem, das Herz schlug panisch gegen meine Rippen.

»Merde!«, entkam es mir, als ich das wutverzerrte Gesicht des Jungen erblickte. Mit dem Helm unter dem Arm kam er mit großen Schritten auf meinen Wagen zu.

Ängstlich blickte ich durch die Scheibe. Die blonden Haare standen ihm in zerzausten Locken vom Kopf ab und die dunklen Augen funkelten zornig, als er die Fahrertür aufriss. Aber Wow, diese Augen waren umwerfend. Ein strahlendes Grau wie flüssiges Quecksilber – eine Augenfarbe, die mir bisher noch bei keinem Menschen untergekommen war.

»Hast du sie nicht mehr alle?«, fauchte er und Locken fielen ihm ins Gesicht.

»Je suis désolée«, murmelte ich eingeschüchtert. »Aber ist ja nichts passiert.«

»Nichts passiert? Du hättest mich beinahe umgebrettert!«

Dieser Junge war definitiv eine Dramaqueen.

»Ich kann nicht mehr sagen, als es tut mir leid«, erwiderte ich genervt und versuchte, die Tür wieder zu schließen, doch er hielt sie eisern fest.

»Lass los«, sagte ich verärgert und wollte rückwärts ausparken, wenn man das überhaupt so nennen konnte, um mir einen neuen Platz zu suchen, bevor die Schulglocke läutete. Immerhin stand mein Wagen quer mit der Schnauze voraus in der kleinen Parklücke, die er sich auch noch mit einem halbverrosteten Motorrad teilte. Doch wie sollte es auch anders sein, der Motor starb ab. Ich konnte so etwas wie Genugtuung in der Mimik des Jungen erkennen.

»Wer dich durch die Führerscheinprüfung gelassen hat, hatte wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank«, rief er, ließ aber endlich von meiner Tür ab.

»Tja«, antwortete ich mit beißendem Sarkasmus in meiner Stimme, »vielleicht habe ich ja gar keinen Führerschein.« Warum auch, ich bin eine Hexe – vollendete ich in meinem Kopf. Nur stimmte das mittlerweile wohl auch nicht mehr.

Der Junge lachte ungläubig, als hielt er nun nicht den Prüfer, sondern mich für diejenige, die nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte.

Mit einem Ruck, gefolgt von einem lauten Knall, zog ich die Tür zu. Der Junge stolperte überrascht aus dem Weg, während ich rückwärts aus der Parklücke, welche mir bisher mehr Ärger als Nutzen gebracht hatte, fuhr. Nicht gerade der beste Start für den ersten Schultag. Den ersten Feind hatte ich mir damit wohl bereits gemacht.

»Du hast sie ja nicht mehr alle«, rief er noch und hob die Hand in einer rüden Geste. Dann legte ich den ersten Gang ein und fuhr weg.

Es waren nur noch wenige Minuten, bis es läuten würde, und ich stürmte mit dem Tempo einer wild gewordenen Furie in das Hauptgebäude. Abgesehen vom Namen meines Klassenlehrers hatte ich noch keine Informationen und da mir die Zeit fehlte, um das Sekretariat aufzusuchen, wandte ich mich wohl oder übel an die nächstbeste Schülergruppe, die sich mir bot. Wäre ich noch Herr meiner Kräfte, würde ich einfach meinem magischen Orientierungssinn folgen, doch dann wäre ich auch nicht hier.

»Pardon. Könnt ihr mir vielleicht sagen, wo ich Monsieur Marchands Klassenraum finde?«, fragte ich, ganz aus der Puste, und zog den Riemen meiner Schultasche, der über meine Schulter gerutscht war, ein Stück in die Höhe.

Abwartend starrte ich in die Runde, der aus vier Schülern bestehenden Gruppe, ein Junge umzingelt von drei Mädchen. Niemand schien gewillt, zu antworten, und ich musste gegen den Drang ankämpfen, mit meiner Hand vor ihren regungslosen Gesichtern zu wedeln.

Hallo, jemand da?

Entnervt stöhnte ich auf. »Monsieur Marchands Klassenraum«, wiederholte ich. »Kann mir jemand sagen, wo ich ihn finde?«

»Monsieur Marchand oder den Klassenraum«, fragte eines der Mädchen und tippte mit einem ihrer dunkelrot lackierten Fingernägel gegen die ebenfalls rot bemalten Lippen.

»Ist das nicht offensichtlich«, antwortete ich schnippisch.

Ein laszives Lächeln breitete sich auf ihrem breiten Mund aus, und mit den Gebärden eines angriffslustigen Panthers warf sie ihr rabenschwarzes Haar in den Nacken.

»Mit unhöflichen Leuten rede ich nicht«, verkündete sie mit einer Ernsthaftigkeit, als hätte ich ihr gerade ein Bein gestellt und sie anschließend mit Tomaten beworfen.

Ungläubig starrte ich sie an. Eine Antwort blieb mir im Hals stecken.

»Ach Val, sei doch nicht immer so«, sagte der Junge, wobei in seiner Stimme ein leicht gereizter Unterton mitschwang.

Ob er damit meinte, dass sie mit ihrem nervenaufreibenden Spielchen mir gegenüber aufhören sollte oder damit, ihn förmlich zu erwürgen, war mir zu diesem Zeitpunkt schleierhaft. Tatsächlich waren ihre dünnen Finger beängstigend fest um die Enden seines Schals geschlungen. Aber auf mich machte ihr Verhalten ganz den Eindruck, als würde es für sie zur Gewohnheit gehören, neue Schülerinnen zu ärgern, weshalb ich eine vernünftige Antwort ihrerseits gar nicht mehr erwartete und stattdessen den Jungen möglichst freundlich musterte.

»Im zweiten Stock«, ergriff zu meiner Überraschung Val das Wort. Besonders lange hielt sie es offenbar nicht aus, ohne im Rampenlicht zu stehen. »Es läutet gleich, also müssen wir auch los. Wir zeigen dir den Weg.« Sie drehte sich hoch erhobenen Hauptes um und ging los. Verblüfft sah ich ihr hinterher. Wer hätte da noch mit einer so hilfsbereiten Antwort gerechnet?

»Kommst du?«, fragte sie und drehte genervt den Kopf.

»Ja, klar«, murmelte ich und folgte der seltsamen Gruppe zu Monsieur Marchands Klassenraum.

Unter den laut plaudernden Schülern, die sich nach den Ferienmonaten zum ersten Mal wieder sahen, fiel ich nicht weiter auf.

Erst als Monsieur Marchand die Klassenliste durchging, wurde ich als Fremde im Nest erkannt und das Getuschel richtete sich gegen mich.

Ich hatte mich auf den freien Platz hinter Val gesetzt.

»Und Caroline Moreau, fühlst du dich schon wie eine Attraktion?«, fragte sie, während sie sich zu mir umdrehte und Lipgloss auf ihre gespitzten Lippen tupfte. Dann lächelte sie schelmisch.

»Wie ein Nilpferd im Zoo«, antwortete ich und verdrehte die Augen.

»Du bist nicht die erste neue Schülerin, das geht vorüber.«

»Valerie Périgord«, las Monsieur Marchand vor. Sein Blick hob sich von der Liste und er sah über den Rand seiner Halbmondbrille durch den Klassenraum.

Val wandte sich wieder nach vorn, hob leicht die Hand und Monsieur Marchand setzte nickend ein Häkchen neben Valeries Namen.

So ging die Prozedur weiter, während ich die Zeit nutzte, um die Klasse genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Klassenraum wich nicht besonders von denen ab, die ich bisher kennengelernt hatte. Tische, Stühle und Schüler, nichts Ungewöhnliches. Auch die Schüler wirkten, abgesehen davon, dass sie keine Hexen und Zauberer waren, wie eine gewöhnliche Klasse mit ihren Zicken, Strebern und Badboys. Lediglich die obligatorische Schuluniform fehlte, was die Klasse zu einem bunten Haufen machte. Nun fragte ich mich erst recht, ob ich mir mit meinem Aussehen für heute nicht mehr Mühe hätte geben sollen. Doch sobald meine Gedanken zu dem mörderischen Lockenstab wanderten, stellte ich mit absoluter Sicherheit fest, dass das keine gute Option gewesen wäre.

Der Rest des Schultages verlief in einer geradezu verdächtigen Langeweile. Ich lernte die anderen Schüler kennen und folgte Valerie und ihrem Grüppchen von einem Unterricht zum anderen. Welchen Grund auch immer sie dafür hatte, die Modequeen der Schule hatte mich offenbar ausgewählt, ein neues Mitglied ihrer Anhängerschaft zu werden. Wenn ich auch nicht sagen konnte, dass mir sie oder eine ihrer treu folgenden Barbiepuppen sympathisch gewesen wäre, schloss ich mich ihnen an. So saß ich beim Mittagessen wenigstens nicht allein am Tisch.

»Heute ist Brokkoli-Tag. Ich empfehle dir, iss ja nichts davon«, erklärte mir Val und ihr Gefolge, bestehend aus zwei Blondinen, nickte unisono, wobei sie theatralisch die Augen aufrissen, um ihre Zustimmung zu bekunden. »Letztes Jahr habe ich darin ein Haar gefunden – einfach nur eklig.« Pikiert verzog sie den Mund, als hätte sie in einen besonders sauren Apfel gebissen.

»Werde ich mir merken.« Ich konnte mir gerade noch ein Lächeln verkneifen. Ob sie wohl auf der Stelle in Ohnmacht fallen würde, wenn sie wüsste, dass ich erst zum letzten Vollmond für ein Ritual das Blut einer Kröte trinken musste. Oh ja, sie würde augenblicklich einen hysterischen Anfall bekommen. In Gedanken kichernd, folgte ich ihnen gut gelaunt zu einem Tisch und setzte mich.

»Ich habe einfach ständig das Gefühl, ich sehe ein Haar«, murmelte Val und stocherte mit der Gabel in ihrem Salat herum.

Mum hatte mir ein Lunchpaket eingepackt, weswegen ich ohne Angst und mit gutem Gewissen in mein Käsesandwich beißen konnte.

»Nimm dir doch einfach was von zu Hause mit«, sagte ich zwischen zwei Bissen und sah hoch, wobei ich direkt in zwei stechend graue Augen blickte.

Der Junge vom Parkplatz.

»Oh«, machte ich erschrocken und verschluckte mich prompt an einer Radieschenscheibe.

Hustend wandte ich mich ab, wobei ich ihn aus den Augenwinkeln genauer betrachtete.

Er hatte sein Tablett abgestellt und stützte sich an der Tischkante ab, wobei er sich bedrohlich nach vorn beugte. »Was macht die da?«, fragte er und bedachte mich mit einem abschätzigen Blick. Die Abscheu in seiner Stimme war so offensichtlich, mir blieb gar nichts anderes übrig, als empört aufzuschnaufen.

Val sah überrascht von ihrem Salat auf.

Das bedeutete dann wohl, dass dieses unhöfliche Verhalten vermutlich nicht zu seiner Norm gehörte.

»Das ist Carrie. Sie ist neu hier«, erklärte sie und zog verwirrt eine der perfekt gezupften Augenbrauen hoch.

»Und warum sitzt sie bei uns?« Genervt ließ er sich auf den Stuhl gegenüber fallen und blickte mich, über den Tisch hinweg, verärgert an, als hätte ich ihn gerade persönlich beleidigt.

»Da hat aber jemand schlechte Laune«, antwortete ich und lachte leise auf. Sein unhöfliches Verhalten wirkte so seltsam, ich konnte nicht anders darauf reagieren.

»Das kommt vielleicht davon, dass man fast überfahren wurde. Nahtoderfahrung könnte man dazu sagen. Nicht jeder geht so super damit um«, fuhr er mich an.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. »Das ist doch lächerlich.« Sein Verhalten war einfach unmöglich und brachte mich zur Weißglut.

Val und ihre Freundinnen sahen zwischen uns hin und her, als wäre unser Schlagabtausch ein Tischtennisball, der zwischen ihm und mir hin und her sprang.

Der Junge holte Luft für eine neue Erwiderung, da entschied Val offenbar, dass es an der Zeit war, einzugreifen.

»Francis«, fuhr sie ihn an. »Lass es gut sein. Ich weiß nicht, was heute dein Problem ist, aber lass Carrie in Frieden. Sie isst mit uns und nun Schluss damit.«

Entgegen meiner Vermutung ließ er es tatsächlich auf sich beruhen, zog lediglich einen Schmollmund, widmete sich seinem Essen und schwieg daraufhin eisern.

Valerie war eine erstaunlich offene, extrovertierte Person und nach dem Ende des Essens hatte ich das Gefühl, inzwischen mehr über sie erfahren zu haben, als ich über mich selbst wusste. Nur eines schien sie ausgelassen zu haben, erkannte ich schnell, als das Mittagessen zu Ende war und wir unsere Tabletts zurücktrugen. Val und Francis waren bereits am Eingang und warteten auf Larry, Angelina, Miles und mich.

Angelina biss ein letztes Mal in ihren Apfel, öffnete den Deckel des Mülleimers und schmiss ihn hinein. Während der Apfelbutzen mit einem dumpfen Geräusch im Müllkübel landete, packte Francis Val an der Taille, zog sie an sich und steckte ihr seine Zunge in den Hals.

Wie erstarrt beobachtete ich, wie sie den Kuss intensiv erwiderte.

»Sind die beiden etwa ein Paar?«, fragte ich und versuchte, wenig erfolgreich, die Überraschung aus meiner Stimme zu verbannen.

Larry wandte sich zu mir um, während die anderen weitergingen. Ein kleines, amüsiertes Lächeln lag auf ihren Lippen. »Es braucht dir nicht peinlich zu sein. Gut zwei Drittel der gesamten Mädchen würden sich wünschen, Francis sei Single, aber wie das Leben so spielt …«

Sie legte den Kopf in den Nacken und lachte, während ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss.

»Ich … Nein … also… das war anders gemeint …«, stammelte ich mit glühenden Wangen.

Aber Larry winkte ab, als wäre ihr meine Reaktion schon tausendmal untergekommen. »Manchmal glaube ich, sie sind nur zusammen, weil es jeder von ihnen erwartet. Keine Ahnung, ist nur so ein Gefühl. Aber jetzt komm, wir sind spät dran – schon wieder.«

Wie Valerie am Morgen Miles betatscht hatte, dachte ich eher, dass die beiden ein Paar wären. Doch wie so oft täuschte der erste Eindruck. Es sollte mich nicht groß aus der Bahn werfen, dass Francis offenbar vergeben war. Immerhin mochte ich diesen arroganten Schnösel nicht einmal. Und auch wenn er unbestreitbar heiß aussah und Larry mit ihrer Daumen mal Pi Schätzung vermutlich sogar recht hatte, ich war definitiv nicht an Francis interessiert.

»Monsieur Cheroun ist eigentlich ein lässiger Lehrer. Ich glaube nicht, dass er heute schon voll mit Stoff durchstarten wird«, erklärte mir Angelina und zupfte eine Strähne ihres lockigen Haares zurecht. Wenn möglich war ihr dunkelbrauner Haarschopf mit den kleinen Afrolocken beinahe noch auffallender als meine, mit dem teuflischen Lockenstab bearbeiteten, roten Haare.

»Ja, total«, stimmte Miles zu. »Letztes Jahr am Schulanfang hat er mit uns ein Mittelalter-Rollenspiel veranstaltet«, schwärmte er und Larry nickte ebenfalls verträumt.

Wohlweislich behielt ich meine Gedanken für mich, da Mittelalter-Rollenspiele so ganz und gar nichts für mich waren. Dies traf so ziemlich auf alles, was mit Schauspielerei oder auch nur vor der Klasse reden zu tun hatte, zu, weshalb ich stillschweigend hoffte, dass Monsieur Cheroun nicht zweimal hintereinander das Jahr gleich beginnen würde.

Val und Francis waren zurückgefallen, daher erreichten wir vor ihnen den Klassenraum. Erst zögerte ich, wo ich mich hinsetzen sollte. Ganz traute ich der Sache noch nicht, aber als sich Angelina neben Miles setzte und Larry auf den freien Platz neben sich deutete, nahm ich das Angebot gern an. Es hatte bereits vor wenigen Minuten geläutet, doch die Schüler waren noch immer im ganzen Klassenraum verteilt und schwätzten laut miteinander.

Monsieur Cheroun schien es nicht eilig zu haben, was recht gut mit Angelinas Ansicht übereinstimmte.

Manche Schüler musterten mich mit neugierigen Blicken, doch für die meisten schien ich nicht beachtenswert, weshalb ich mich nach wenigen Minuten ein wenig entspannte und meine steife, aufrechte Haltung aufgab. Ich ließ mich ein wenig tiefer in den Sitz gleiten und lehnte mich zurück.

»Sie werden noch zu spät kommen«, sagte Larry mit einem prüfenden Blick auf ihre, mit glitzernden Steinchen verzierte, Armbanduhr.

Erst nach einem Moment begriff ich, dass sie von Valerie und Francis redete. Doch ihre Sorge war unbegründet, zumindest teilweise. Gleichzeitig mit Monsieur Cheroun trudelte Val herein. Ich hielt nach Francis Ausschau, doch von ihm fehlte jede Spur. Vielleicht hatte er ja in dieser Stunde einen anderen Kurs.

»Guten Morgen«, grüßte Monsieur, obwohl wir das Mittagessen bereits hinter uns hatten und der Morgen in weiter Ferne lag. Alle Schüler erhoben sich von ihren Stühlen.

»Francis' Rucksack ist gerissen«, erklärte Val außer Atem und ließ sich auf den freien Doppeltisch neben mir nieder.

»Oje, das ist blöd«, sagte ich leise, um Monsieur Cherouns Aufmerksamkeit nicht schon vorzeitig auf uns zu lenken. Genau für solche Aktionen hatte Mum unsere Rucksäcke mit einem Bann belegt. Nicht mal ein Riese könnte meinen Rucksack entzweireißen.

»Dabei ist das nicht alles«, antwortete sie mit einem tiefen Seufzer und strich sich eine schwarze Haarsträhne hinters Ohr. »Die Thermoskanne ist ausgelaufen und die Hefte und Bücher sind nass – eine totale Sauerei.«

Larry beugte sich über meinen Tisch zu Val. Die braunen, kurzen Haare fielen ihr ins Gesicht, dennoch sah ich die Andeutung eines Lächelns. »Hat bei Francis wieder die Pechsträhne zugeschlagen?«, fragte sie und zog amüsiert die Brauen hoch.

»So könnte man es sagen.« Val kicherte und die zwei wandten sich wieder nach vorn, um Monsieur Cherouns Begrüßung zu folgen.

Larrys Aussage hatte mich stutzig gemacht. »Passiert ihm das öfter?«, bohrte ich leise nach.

»Andauernd«, antwortete sie amüsiert. »Verrate ihm nicht, dass ich dir das erzählt habe«, sie grinste verschwörerisch, »aber er ist felsenfest davon überzeugt, dass ihn das Unheil verfolgt. Deswegen mag er dich nicht.«

»Weil ich Unheil bedeute?«, fragte ich verwirrt.

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. »Ja und Nein. Er hat mir erzählt, dass ihr heute Morgen recht knapp einem Zusammenstoß entgangen seid.«

Ich nickte, während meine Wangen rot wurden. »Offenbar bist du ein weiteres Omen. Durch dich wäre er fast gestorben, oder nicht?« Sie lachte, was meinen Eindruck bestätigte, dass sie seine Theorie für Humbug hielt.

Trotzdem beschlich mich eine Gänsehaut. Es würde mich nicht überraschen, wenn Francis gar nicht so falsch läge. Es lag durchaus im Bereich des Möglichen, dass er irgendwann mal Opfer eines Fluches geworden war. Im Großen und Ganzen geschah dies sogar öfter, als man denken würde. Zwar ist es den Meisten nicht bewusst, aber Flüche können in manchen Fällen sogar über Generationen hinweg weitervererbt werden. In Francis' Fall handelte es sich jedoch mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit um einen schlechten Streich. Vermutlich war eine seiner verflossenen Flammen eine Hexe gewesen. So ein Pech musste man mal haben – eine Hexe als Exfreundin. Ich musste mir ein Grinsen verkneifen.

Monsieur Cheroun überprüfte gerade die Anwesenheit, als abrupt die Tür aufschwang und Francis, zerzaust und außer Puste, hereinkam.

Alle Köpfe wandten sich ihm zu und auf den Gesichtern der Mädchen lag augenblicklich ein Ausdruck des Entzückens. Sollte tatsächlich ein Fluch auf ihm liegen, so hatte dieser bei seinem Aussehen keineswegs eingegriffen, und offenkundig konnte ihm der Mädchenschwarm seine Pechsträhne verzeihen.

»Excusez-moi«, murmelte er und zog sich schnell auf seinen Platz zurück. Ihn schienen die starrenden Blicke, die ihn bis zu seinem Tisch verfolgten, kaum zu stören. Ich an seiner Stelle hätte mich unter den zahlreichen Augenpaaren unbehaglich gewunden, ihm waren sie schlichtweg egal.

Auch ich konnte meine Augen nicht von ihm abwenden, doch das hatte einen anderen Grund. Das Ausschlaggebende für meine Überraschung bildete der gerissene Rucksack, den er an seine Brust gedrückt hielt. Ein dunkler, satter Nebel tanzte in einem faszinierenden Schauspiel aus Schatten um den Rucksack herum. Mir war klar, dass niemand außer mir, die dunklen Schwaden sehen konnte. Auch Francis schien sich nicht darüber bewusst zu sein, was er da gerade so sorglos mit sich trug.

Als er an mir vorüberging, kamen mir die Schatten gefährlich nahe und ich zuckte ängstlich zurück.

Mein Herz begann zu rasen und beschleunigte meinen Puls. Diese Dunkelheit war ein klares Indiz für schwarze Magie! Ich war mir sicher, dass Francis sie keineswegs selbst bewerkstelligt hatte, denn es war offensichtlich, dass er vollkommen ahnungslos war. Dies ließ mich darauf schließen, dass ich mit meiner ersten Vermutung richtig gelegen hatte. Doch niemals hätte ich damit gerechnet, dass es sich um so starke und klar materialisierte Magie handelte. Der Fluch musste bereits sehr ausgeprägt sein. Oder einfach nur frisch, versuchte ich mich zu beruhigen. Aufmerksam musterte ich Francis von der Seite, doch ansonsten schien es ihm gut zu gehen.

»Jetzt, da auch der letzte Nachzügler angekommen ist, würde ich sagen, dass wir unsere heutige Stunde starten können«, verkündete Monsieur Cheroun mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Als er sich vor der Klasse zu seiner vollen Größe aufrichtete, erkannte ich, dass er größer war als anfangs angenommen. Auch war er älter als erwartet. Die Haare waren bereits schütter und grau meliert, dennoch strahlte er ein jugendliches Engagement aus, das er sogleich bewies.

»Um den Unterricht nicht schon jetzt so langweilig zu beginnen, dass ihr mir der Reihe nach alle einschlaft, dachte ich, wir könnten das neue Schuljahr mit einem kleinen Projekt starten.«

Bitte kein Theaterstück, betete ich stumm und konnte es nicht verhindern, dass sich mein Atem nervös beschleunigte. Darüber vergaß ich sogar Francis' potentiellen Fluch.

»Es wird nicht völlig aus der Luft gegriffen sein«, erklärte er und rückte, während er redete, seine Brille zurecht, »sondern ist bereits ein kleiner Einstieg in die Recherchemethoden zu historischen Ereignissen.«

Das klang eigentlich recht interessant und glücklicherweise ganz und gar nicht nach einem Theaterstück. Gespannt und schon etwas ruhiger wartete ich ab.

»Ihr werdet in Zweiergruppen zusammenarbeiten. Ob ich die Einteilung übernehmen muss, hängt ganz von eurem Benehmen ab.« Augenblicklich verstummte das leise Gemurmel, welches in der Regel die meisten Unterrichtsstunden begleitete. Monsieur lehnte sich gegen das Lehrerpult und verschränkte lässig die Arme vor der Brust. »Eure Aufgabe wird es sein, eure eigene Vergangenheit zu erforschen und einen Stammbaum eurer Familie aufzustellen.« Zufrieden lächelnd sprach er weiter. »Mit ein wenig Arbeit und guter Recherche traue ich euch durchaus zu, dass ihr es schafft, eure Abstammung bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuverfolgen. Wer möchte, kann natürlich auch noch weiter zurück. Darüber würde ich mich ganz besonders freuen. Immerhin wollen wir doch ein paar interessante Vorträge.« Strahlend sah er durch die Klasse. »Heute habt ihr Zeit, die Stunde für Brainstorming zu nutzen, da ich nicht erwarte, dass ihr es von allein weiter als ein oder zwei Generationen zurückschaffen werdet. Aber mit Hilfe von Verwandten und Aufzeichnungen in der Gemeinde oder der Kirche bin ich sehr optimistisch, dass ihr auf die eine oder andere Überraschung stoßen werdet.« Begeistert klatschte er in die Hände, als könnte er seinen Überschwang an Motivation nicht mehr länger zügeln. »Wer weiß, vielleicht entdecken wir ja ein paar verworrene Verwandtschaften innerhalb eures Kurses. Ich bin schon sehr gespannt auf eure Präsentationen«, frohlockte er. Es war geradezu ansteckend, was für eine Freude ihm sein Fach bereitete.

»Seid so gut und sagt mir in der nächsten Stunde, mit wem ihr zusammenarbeitet.«

Mit einem Händeklatschen beendete er seine Ansprache, damit wir uns in Gruppen zusammensetzen konnten.

Stühle schrammten lautstark über den Boden und die Schüler begannen munter miteinander zu reden. Val und ich rückten mit unseren Stühlen zurück, damit Francis und Larry näher kommen konnten und wir einen kleinen Kreis bildeten. Angelina setzte sich auf den Tisch, während sich Miles zu einer anderen Gruppe begab, wo er einer kleinen Brünetten schöne Augen machte.

Wie nicht anders zu erwarten begann Val mit ihrer Erzählung. Ohne die Gruppe lange verfolgen zu müssen, war bereits nach wenigen Stunden klar, welche Rangordnung galt.

»Also in meiner Ahnenreihe befinden sich Adelige aus dem Hause Habsburg. In mir fließt blaues Blut«, erläuterte Valerie und warf das rabenschwarze, glänzende Haar nach hinten.

Dass ihr Blut tatsächlich blau war, bezweifelte ich zwar sehr, und so sehr sie mir in diesem Moment auch zuwider war, überprüfen wollte ich es dann doch nicht. Dennoch glaubte ich die Geschichte mit den adeligen Vorfahren. Tatsächlich gab es dies wohl öfter, als man vermuten würde, nur war es über die Jahrtausende in Vergessenheit geraten. Ich vermutete stark, dass genau das Monsieur mit diesem Projekt zu zeigen beabsichtigte.

»Österreicher also. Da bin ich ja froh, reiner Franzose zu sein«, sagte Miles, der plötzlich hinter ihr auftauchte und das Gesicht verzog, als würde ihn die Vorstellung, aus einem anderen Land zu kommen, total abstoßen.

Ich schüttelte amüsiert den Kopf.

Val presste beleidigt die Lippen aufeinander. »Und wie sieht es bei dir aus, Carrie?«, fragte sie schließlich. »Irgendwelche berühmte Vorfahren?« Sie leckte sich lasziv über die Lippen. Dem spöttischen Grinsen nach zu urteilen, erwartete sie keine Antwort. Offenbar war die Annahme, dass jemand wie ich etwas anderes als arme Bauern oder Arbeiter als Vorfahren haben könnte, für sie geradezu absurd.

»Als hätte die spannende Vorfahren«, warf Francis ein, jedoch so leise, dass es niemand außer mir hören konnte. Es schien ganz so, als hätte er den Gedanken, mich als Manifestation seines Fluchs zu sehen, noch nicht ganz aufgegeben. Im Grunde waren Jugendliche überall gleich. Leute wie diese hier, hatte es auch in der HML gegeben. Da machten Hexen und Zauberer keine Ausnahme, weswegen ich wusste, dass man sich den Respekt von jemandem wie Valerie oder Francis nur durch das gleiche Verhalten, wie sie es an den Tag legten, erwerben konnte.

Ich hob das Kinn. »Väterlicherseits bin ich eine Nachfahrin eines italienischen Künstlers«, ahmte ich Francis' nasale Stimme perfekt nach. Triumphierend hielt ich seinem Blick mit Genugtuung stand.

»Heißt das, wir müssen aufpassen, dass du dir nicht auch ein Ohr abschneidest?«, feixte er und musterte mich herablassend.

Es verlangte einiges an Selbstbeherrschung, meine Maske nicht fallen zu lassen und einen wütenden Streit vom Zaun zu brechen. »Haha, sehr witzig«, antwortete ich trocken und konnte meinen Ärger nur schwer zurückhalten. »Aber um dich zu beruhigen, van Gogh war Niederländer, nicht Italiener.« Verärgert atmete ich tief ein. Einfach ruhig bleiben. Ich musste nicht mit Francis reden, am besten sollte ich mich von seinem Hochmut nicht so beeindrucken lassen. Stattdessen wandte ich mich wieder Val und den anderen zu. »Euch wird der Name vermutlich nicht so viel sagen. Er hieß Alessandro Giovanni und …«

»…war ein Gehilfe und Lehrling von Leonardo da Vinci«, nahm mir Francis die Worte aus dem Mund und ließ somit an meiner Stelle die Bombe platzen. Tatsächlich, die anderen schienen beeindruckt. Ich legte verwundert die Stirn in Falten. Woher wusste Francis das?

»Woher …?«, setzte ich an, wurde jedoch von Monsieur Cheroun unterbrochen.

»Die Stunde ist bald zu Ende. Sprecht euch bis zur nächsten Stunde mit eurem Partner ab und tragt euch dann in die Liste ein.« Während seine Stimme die Gespräche der Schüler übertönte, hielt er ein weißes Blatt in die Höhe, womit er sich wieder Aufmerksamkeit verschaffte.

»Vergesst nicht, in der Gemeinde und den Annalen der Kirche könntet ihr gute Quellen finden.« Die Schulglocke läutete und Monsieur stockte im Satz.

»Nun gut, dann seid ihr entlassen. Bis zur nächsten Stunde.« Munter rückte er die Brille zurecht und schloss die Schnallen seines Aktenkoffers, während die Schüler langsam ihre Sachen zusammenpackten.

Mit einem Blick auf meinen Stundenplan stellte ich fest, dass ich als nächstes Englisch hatte.

»Ich muss in Raum 22 B und ihr?«, fragte ich in die Runde.

Etwas seltsam war das schon. Mum hatte eigentlich gründlich recherchiert und mir versichert, dass weder Dämonen noch Hexen oder andere magische Wesen diese Schule besuchen würden. Doch irgendwer musste Francis' Rucksack verhext haben, andernfalls würde man diese schwarzmagische Spur nicht sehen. Vermutlich ein harmloser Streich einer verliebten Schülerin, die es nicht ertragen hatte, wie Valerie das hübsche Sahneschnittchen in der Mittagspause vernascht hatte. Was mich jedoch stutzig machte, war die Tatsache, dass dies keine einmalige Sache gewesen war und Francis sogar mich als Teil eines Fluchs sah. Zwar blieb ein mulmiges Gefühl, dennoch wischte ich alle Bedenken zur Seite. Was sollte schon großartig passieren?

Der Rest des Tages verging wie im Flug. Val sah ich zwar die restlichen Stunden über nicht mehr, doch wie sich herausstellte, hatte ich gemeinsam mit Angelina Englisch und Miles und Larry traf ich im Geografie-Kurs wieder. Die letzte Stunde verbrachte ich im Chemiesaal, wo ich zwar auf kein bekanntes Gesicht traf, jedoch verging auch diese Stunde schneller als erwartet.

Mit dem Läuten packte ich meine Schulsachen zusammen und verließ, hinter einer Traube aus Schülern, den Klassenraum. Rückblickend betrachtet, musste ich feststellen, dass ich während des Tages kaum über meine verlorene Magie nachgedacht hatte. Abgesehen von der Tatsache, dass sich hier irgendwo wohl doch eine Hexe oder ein Zauberer herumtrieb, waren meine Gedanken so ziemlich frei von Trübsal an die Zaubererwelt gewesen. Dieses Gefühl war ungemein erleichternd und ich seufzte zufrieden. Vielleicht hatte Mum doch recht gehabt und dieser Neuanfang war genau das Richtige für mich. Völlig in meine Gedanken versunken ging ich durch den Schulflur, wo ich prompt in Francis hineinlief, der gerade den gegenüberliegenden Physikraum verließ.

Mein gesenkter Kopf prallte gegen seine Schulter. Reflexartig ließ ich meine Bücher fallen, um meine Hände schützend vor mich zu halten.

»Schon wieder du«, sagte Francis, jedoch lag nicht mehr ganz so viel Abneigung in seiner Stimme wie noch heute Mittag.

Ich beäugte ihn misstrauisch, während ich mich bückte, um meine Schulsachen aufzusammeln.

»Wie war Chemie?«, fragte er höflich, was bei mir die Alarmglocken schrillen ließ.

Francis konnte mich ohne Zweifel nicht leiden. Dass er nun mehr oder weniger freundlich zu mir war, obwohl sonst niemand anwesend war, der ihn für ein schlechtes Verhalten rügen könnte, war mehr als sonderbar.

»Ganz okay«, murmelte ich und richtete mich mit meinen Schulsachen in den Armen wieder auf.

Ich erwartete, dass er nun gehen würde, doch stattdessen verharrte er auf der Stelle. Ich hatte beinahe den Eindruck, als wartete er darauf, dass ich ihm folgen würde.

Und tatsächlich, als das Schweigen kurz davor war, peinlich zu werden, sagte er: »Kommst du?« Abwartend deutete er in Richtung der Treppe.

Da der bereits von Madame de Beauvor abgeschlossene Chemiesaal am Ende des Flurs lag und wir uns somit in einer Sackgasse befanden, konnte ich schlecht lügen und ein vergessenes Schulbuch oder dergleichen vorflunkern, weshalb ich nur zögernd nickte und Francis durch den mittlerweile leeren Flur folgte.

»Wie gefällt dir die Schule bisher so?« Seine Frage schien nett gemeint, jedoch klang sie wie der Text aus einem schlecht auswendig gelernten Manuskript.

»Ganz okay«, antwortete ich. Plötzlich erschien mir meine plumpe Antwort unhöflich. Immerhin machte es ganz den Anschein, als sei sein Hass auf mich dadurch begründet, dass er mich für die Manifestation seines Fluches hielt. Da war es eigentlich ganz verständlich, dass er mich nicht mit offenen Armen aufnahm. »Die Leute scheinen nett zu sein und auch die Lehrer wirken ganz cool. Bisher macht alles einen ganz passablen Eindruck.«

»Das freut mich.«

Ich lächelte höflich. Dabei wirkte sein Gesichtsausdruck alles andere, als würde es ihn wirklich freuen. Vielleicht war ihm ja bewusst geworden, wie unhöflich und überzogen er heute Morgen und während der Mittagspause reagiert hatte.

Der schwarze Nebel hatte sich in der Zwischenzeit verflüchtigt, was meine Annahme bestärkte, dass es nur schwache, schwarze Magie gewesen war.

Gemächlich schlenderten wir durch die Aula, in der noch einige Schüler vor ihren Spinden standen.

»Ich habe noch Fußball-Training, also muss ich da lang«, sagte Francis und hob zum Abschied die Hand.

»Tschüss!« Ich sah ihm hinterher, wie er in Richtung des Sportplatzes abbog. Ich musste noch zu meinem Spind, um Schulbücher darin zu verstauen, doch ich konnte mich nicht von Francis' Anblick losreißen.

Mich beschlich ein ungutes Gefühl. Etwas stimmte nicht. »Warte, Francis«, rief ich, doch scheinbar war er zu sehr in Gedanken versunken, um mich zu hören – oder er ignorierte mich. Doch das war nun nebensächlich. Rasch folgte ich ihm in Richtung der Umkleidekabinen.

Meine Magie mochte zwar verloren sein, dennoch spürte ich, dass hier etwas Magisches im Gange war. Ich bog um die Ecke und sah Francis im gemächlichen Tempo den leeren Gang entlanggehen. Als ich nach ihm rufen wollte, fiel mein Blick auf eine an der Wand lehnende Leiter. Mein Herz begann zu rasen, als ich erkannte, was als Nächstes passieren würde.

»Francis! Pass auf!«, schrie ich aus vollem Hals und rannte los. Doch ich wusste, ich würde ihn nicht mehr rechtzeitig erreichen. Knirschend lösten sich die Drähte, die die Lampe an der Decke hielten.

Francis, der sich beim Klang meiner Stimme umgedreht hatte, schien nun auch zu realisieren, dass etwas nicht stimmte. Sein Blick wanderte in die Höhe. Gerade als die Neonröhre vollkommen den Halt verlor, sprang er zurück. Es folgte ein lauter Knall, Funken sprühten und die Lampen des gesamten Ganges fielen der Reihe nach zu Boden. Splitter sprangen mir entgegen, schützend hielt ich die Arme vor mein Gesicht und duckte mich vor dem Funkenregen.

Nach wenigen Sekunden war der Spuk zu Ende und hinterließ gähnende Stille und Dunkelheit. Eigentlich sollte helles Tageslicht durch die Fenster hereindringen, doch dunkle Rauchschwaden verhinderten das. Ohne zu überlegen, war mir klar, dass dieser Rauch nicht von der Lampenexplosion stammte. Viel zu groß war die Ähnlichkeit zum Nebel, der nur wenige Stunden zuvor an Francis' Rucksack gehangen hatte. Schwarzer Nebel waberte über den Boden. Doch niemand schien hier zu sein, der diese Magie hervorgebracht haben könnte. Es wurde immer mysteriöser.

»Francis?«, rief ich und kämpfte mich durch die dicken Nebelschwaden, die vor finsterer Magie nur so trieften. »Francis!« Hustend sank ich in mich zusammen.

»Carrie? Alles okay bei dir?« Besorgt trat Francis durch eine schwarze Wolke und wurde sichtbar.

Da er die schwarze Magie vermutlich nicht sehen und lediglich den Qualm der Lampen ausmachen konnte, musste meine zusammengekauerte Haltung einen recht seltsamen Eindruck auf ihn machen.

»Ja, geht schon. Lass uns einfach von hier verschwinden«, grummelte ich und hielt den Ärmel meiner Weste vor den Mund, um nicht mehr von den Resten der Magie einzuatmen.

»Komm. Ich hole sofort den Hausmeister.«

Dicht aneinandergedrängt machten wir uns daran, von hier fortzukommen und den Hausmeister zu suchen. Während ich fieberhaft darüber nachdachte, wer in der Nähe gewesen sein könnte, der Francis diesen Fluch aufgehalst hatte, schien dieser ganz anderen Gedanken nachzuhängen.

»Weißt du«, begann er und blickte mich nachdenklich von der Seite an. »Heute Morgen dachte ich, du wärst das Schlimmste, das mir heute passieren könnte, dabei hast du vermutlich gerade mein Leben gerettet. Vielleicht bist du doch gar nicht so übel.«

Entgeistert erwiderte ich seinen Blick. Vermutlich war das als ein Kompliment gedacht, weshalb ich der Höflichkeit halber meine Lippen zu einem halbwegs freundlichen Lächeln zwang. Das Schlimmste, das mir heute passieren könnte – nicht gerade das Charmanteste aller Komplimente, aber es war schon mal ein Anfang. Dass überhaupt ein Kompliment für mich über seine Lippen gekommen war, konnte man vermutlich dem Schock, der zweifellos noch in seinen Gliedern saß, zuschreiben.

»Kein Problem. Ich habe dich nur gewarnt, das hätte wohl jeder getan, der gerade anwesend gewesen wäre.« Jeder, außer dem, der den Fluch ausgesprochen hatte, vervollständigte ich meinen Satz in Gedanken. Vielleicht hat die Person hinter der nächsten Ecke zu den Umkleidekabinen gelauert. Wie dumm von mir, dass ich nicht nachgeschaut und die Sache überprüft hatte.

»Du warst gerade im rechten Moment am rechten Ort. Aber wie bist du dort eigentlich hingekommen? Ich dachte, du wolltest zu deinem Spind. Bist du mir etwa gefolgt?« Er musterte mich skeptisch.

Dieses Misstrauen konnte er sich sparen, immerhin hatte ich ihn gerade davor bewahrt, von einer Lampe k.o. geschlagen zu werden. »Ein einfaches Danke hätte schon gereicht«, antwortete ich schnippisch auf seine Unterstellung.

Er wollte etwas erwidern, doch zeitgleich begann ein Handy zu klingeln und wir beide zuckten erschrocken auseinander.

Überrascht stellte ich fest, dass es sich dabei um meines handelte und erschrak, als ich sah, wer der Anrufer war. »Ich glaub, ich sollte gehen. Ich muss nach Hause«, sagte ich hektisch, verabschiedete mich und ließ einen überrumpelten Francis alleine im Flur stehen. Ich durchquerte eilig die Schulaula und nahm im Gehen den Anruf an.

»Caroline Moreau. Wo zum Teufel steckst du?«, drang mir die Stimme meiner Mutter laut und schrill entgegen.

»Mum, ich bin in der Schu…«

»Erst nimmst du ohne Erlaubnis das Auto und nun kommst du nicht nach Hause! Wo bist du?«

Das bedeutete Ärger. Frustriert seufzte ich. »In der Schule. Keine Sorge, mir geht es gut. Ich wurde aufgehalten – bin in ein paar Minuten zu Hause.«

»Aber sofort!« Damit legte sie auf.

Genervt eilte ich zum Auto. Mit dem Gedanken an den Ärger, der unweigerlich folgen würde, war das Geräusch des aufröhrenden Motors um einiges weniger erfreulich als noch heute Morgen.

»Ist das deine Art zu rebellieren?«, fuhr mich Mum zornig an. Sie hatte die Arme in die Hüften gestemmt, die blauen Augen funkelten wütend wie blitzende Saphire. »Wir haben uns Sorgen gemacht. Es hätte Gott weiß was passieren können. Du weißt ganz genau, dass du das Auto nicht nehmen darfst.«

»Früher bin ich auch oft gefahren«, sagte ich trotzig, auch wenn ich wusste, dass dies ihren Zorn kaum dämpfen würde.