Der Dialog im Dialog - Rolf Todesco - E-Book

Der Dialog im Dialog E-Book

Rolf Todesco

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Beschreibung

Fachbuch aus dem Jahr 2010 im Fachbereich Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation, , Veranstaltung: -, Sprache: Deutsch, Abstract: Mit Dialog im Dialog lege ich einige Berichte von inszenierten Dialogen vor. Inszeniert werden solche Dialoge in Form von Veranstaltungen, in welchen durch Protokolle darüber, wie man spricht, verhindert wird, dass der Gesprächsgegenstand die Führung darüber übernimmt, was man spricht. Die Protokolle, die die Gesprächsform festlegen, sollen verhindern, dass die Sprechenden zu Subjekten verkommen, die der jeweils verhandelten Sache unterworfen sind. In diesen Dialog sollen nicht die Gesprächsgegenstände bestimmen, was gesagt wird, sondern der Logos durch die Form der Sprache. Die Protokolle verlangen vordergründig, dass die Formulierungen eine bestimmte Form einhalten, so dass ich jedes Mal bevor ich spreche, noch etwas über die Formulierung nachdenken muss. So bleibe ich stets gewahr, dass ich spreche und dass ich das, was ich sage, auf verschiedene Weise sagen könnte, wobei ich dann natürlich Verschiedenes sagen würde. Ich treffe eine Wahl und bedenke so, was ich mit dem, was ich sage und wie ich es sage, aneignen will. Dieses Aneignen verstehe ich als allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Ich spreche so, damit mir klarer wird, wie ich zu andern, zum Du spreche. Solche Dialogveranstaltungen kann man als Fortsetzung der Konversationssalons sehen, in welchen sich die Rhetorik des Mittelalters aufgehoben hat. In der kultivierten Salonkonversation zielt die Aufmerksamkeit immer darauf, dass keine Festschreibungen entstehen, obwohl oder gerade weil in diesen Salons immer die Zeit nach der nächsten angestrebten sozialen Revolution antizipiert wird. Die Konversation betrifft immer die Utopie, die nur erwogen wird, die man auch dort, wo sie sich als Historie gibt, nur erkennen, aber nicht kennen kann. In diesen Dialogen will ich keine Wahrheit finden und nicht darüber sprechen, wie es wirklich ist. Indem ich zum Du spreche, will ich erkennen, was gemeinsam formulierbar ist. Man kann darin eine Erwägungskultur sehen. Die in unseren Dialogveranstaltungen verwendeten Protokolle stammen nicht aus den aristokratisch-frühbürgerlichen Salons, sondern werden im Dialog selbst entwickelt. In diesen Dialogprotokollen ist die Differenz zwischen Vorschrift und Beschreibung insofern aufgehoben, als jede Dialoggruppe ihre Regeln immer so umschreibt und anpasst, dass sie zum Verhalten der Dialogteilnehmer passen. Anhand des Protokolls kann jede Dialoggruppe erkennen, woran sie sich als Dialoggruppe halten wollte.

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Veröffentlichungsjahr: 2010

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Inhaltsverzeichnis

 

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Einladungen

3 Ein Anfang

4 Fragen im Dialog

5 Die Veranstaltung

6 Verheissungen

7 Wahrheit und Konflikt

8 Dialog als Kunst

9 Sinn und Verstehen

10 Reflexion

11 Nachwort

12 Glossar und Literatur

 

1 Vorwort

Mit Dialog im Dialog lege ich einige Berichte von inszenierten Dialogen vor. In­sze­niert werden solche Dialoge in Form von Veranstaltungen, in welchen durch Pro­­tokolle darüber, wie man spricht, verhindert wird, dass der Ge­sprächs­ge­gen­stand die Führung darüber übernimmt, was man spricht. Die Protokolle, die die Gesprächs­­­form festlegen, sollen verhindern, dass die Sprechenden zu Sub­jek­ten verkommen, die der jeweils verhandelten Sache unterworfen sind. In diesen Dia­log sollen nicht die Gesprächs­gegen­stände bestimmen, was gesagt wird, son­dern der Logos durch die Form der Sprache. Die Protokolle verlangen vor­der­gründig, dass die Formulierungen eine bestimmte Form einhalten, so dass ich jedes Mal bevor ich spreche, noch etwas über die Formulierung nach­denken muss. So bleibe ich stets gewahr, dass ich spreche und dass ich das, was ich sa­ge, auf verschiedene Weise sagen könnte, wobei ich dann natürlich Ver­schiedenes sagen würde. Ich treffe eine Wahl und bedenke so, was ich mit dem, was ich sage und wie ich es sage, aneignen will. Dieses Aneignen ver­ste­he ich als allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Ich spreche so, da­mit mir klarer wird, wie ich zu andern, zum Du spreche.

Sol­che Dialogveranstaltungen kann man als Fortsetzung der Kon­ver­sa­tions­sa­lons sehen, in welchen sich die Rhetorik des Mittelalters aufgehoben hat. In der kul­tivierten Salonkonversation zielt die Auf­merksamkeit immer darauf, dass kei­ne Festschreibungen entstehen, obwohl oder gerade weil in diesen Salons im­mer die Zeit nach der nächsten angestrebten sozialen Revolution antizipiert wird. Die Konversation be­trifft immer die Utopie, die nur erwogen wird, die man auch dort, wo sie sich als Historie gibt, nur erkennen, aber nicht kennen kann. In diesen Dialogen will ich keine Wahrheit finden und nicht darüber sprechen, wie es wirklich ist. Indem ich zum Du spreche, will ich erkennen, was ge­mein­sam formulierbar ist. Man kann darin eine Erwägungskultur sehen.

Die in unseren Dialogveranstaltungen verwendeten Protokolle stammen nicht aus den aristokratisch-frühbürgerlichen Salons, sondern werden im Dialog selbst entwickelt. In diesen Dialogprotokollen ist die Differenz zwischen Vor­schrift und Beschreibung insofern aufgehoben, als jede Dialoggruppe ihre Re­geln immer so umschreibt und anpasst, dass sie zum Verhalten der Dia­log­teil­neh­mer passen. Anhand des Protokolls kann jede Dialoggruppe er­kennen, wo­ran sie sich als Dialoggruppe halten wollte. Jede Dialoggruppe kann so in ihrem Pro­tokoll ihr eigenes Dialogverständnis erkennen und reflektieren.

Die hier protokollierten Dialoge stammen also von Dialoggemeinschaften, die sich nicht zufällig im Park oder am Stammtisch zu einem beliebigen Gespräch tref­fen, sondern von Dialoggemeinschaften, die eigens in Veranstaltungen zu­sam­menkommen, um im Dialog über den Dialog nachzudenken und dialogische Hal­tungen zu erkunden. In jüngerer Zeit hat David Bohm solche Dialog-Ver­an­staltungen populär gemacht und in seinem Buch "Der Dialog" reflektiert. Für un­sere Dialog-Veranstaltungen hat er damit eine Art praktiziertes Vorbild ge­schaf­fen. Er zeigte exemplarisch, wie man im Dialog dialogisch und effektiv über den Dialog nachdenken kann, ohne dass daraus eine Vorschrift oder ein Fest­schreiben entsteht, das über den Moment der Dialogrunde hinaus Geltung be­anspruchen würde. Er bezeichnete diese Praxis als partizipierendes Denken. Man kann aber auch einfach von Partizipieren, Zusammenarbeiten oder Kom­mu­nizieren sprechen, wenn man das Denken in zwischenmenschlichen oder so­zialen Beziehungen nicht so herausstellen will. Bezeichnungen wie Denken und Arbeiten verführen mich überdies leicht dazu, eine Art Nützlichkeit, eine Fun­ktion oder einen Zweck zu suchen und den Dialog so zum Mittel zu ma­chen. In den hier beschriebenen Dialog-Veranstaltun­gen geht es aber um den Dia­log, nicht um einen Zweck, zu welchem der Dialog als Verfahren oder als Me­thode zu begreifen wäre. Wir praktizieren den Dialog, wir verwenden ihn nicht für etwas und wir wenden ihn nicht für etwas an.

In diesen Dialogen begreife ich keine Sache, sondern Beziehungen, die ich zu Sa­chen, zu Mitmenschen und zum Leben pflegen will. Im so verstandenen Dia­log finden unsere Beziehungen ihren Ausdruck dia logos; dia logos heisst dabei „durch das Wort“. Dialoge in diesem Sinne sind zwar Gespräche, aber keine Zwie­gespräche oder Diskussionen. Im Dialog unterscheide ich zwischen Ich und Du, damit ich die Beziehung, die Art, wie Ich und Du in der Einheit einer um­fassenden dialogischen Kultur zusammen gehören, dia logos zur Sprache brin­gen kann. Indem ich die analytische Differenz eines Ichs erzeuge, kann ich über die Einheit in Form von Be­ziehungen zwischen Ich und Du sprechen. Die in diesem Dialog gemeinten Beziehungen zwischen Ich und Du sind nicht wech­sel­seitig, sondern eine Einheit. Sie werden lediglich in dialektischer Rede ent­fal­tet, eben im Dialog. Im Dialog höre ich, wie ich diese Beziehungen auch formu­lie­­ren könnte, weil andere sie so formulieren. Im Dialog erkenne ich dia logos, al­so durch die Formulierung hindurch, wo ich wie aufgehoben bin.

In diesem - es gibt ja auch ganz andere Auffassungen - Dialog be­obachte ich Un­­ter­scheidungen, die zu verschiedenen Vorstellungen führen, und wie diese Un­terscheidungen von diesen Vorstellungen abhängig sind. Viele dieser Un­ter­schei­dungen sind kulturell in dem Sinne fundamental, als sie innerhalb der Kul­tur kaum wahr­genommen werden. Im Dialog werden solche Unterscheidun­gen dia logos explizit und ermöglichen uns damit gewählte Vielfalt. Ich spreche im Fol­genden exemplarisch einige solcher Unterscheidun­gen an, die mein in un­se­ren Veranstaltungen bisher entwickeltes Dialogverständnis selbst betreffen.

Zum einen erkenne ich, dass ich in meinem Alltag in zwei verschiedenen Dia­log­kulturen lebe, die man etwas plakativ als jüdisch-gemeinschaftlich und grie­chisch-wissenschaftlich bezeichnen könnte. Die "griechischen" Dialoge von So­kra­tes, die Galileo Galilei im Sinne der Renaissance wieder aufgenommen hat, wider­spiegeln sich in unseren wissenschaftlich orientierten Ausbildungen. Es geht dabei darum, Wissen mitzuteilen und sicherzustellen, dass alle dasselbe, das möglichst Richtigste wissen. Galileo Galilei hat dafür den Ausdruck Diskurs ver­wendet, weil er sich der zerschneidenden und entscheidenden Praxis sol­cher Diskussionen bewusst war. Den "jüdisch-religiösen" Dialog dagegen er­ken­ne ich als Gespräch, das an das Du gerichtet ist. Es geht mir in diesem Dia­log darum, mich selbst in eine Beziehung zur Welt zu setzen, während ich die "griechische" Wissenschaft gerade unabhängig von mir zu denken habe. Martin Buber bezeichnete diese Unterscheidung durch zwei verschiedene Ich-Formen, ein Ich-Es und ein Ich-Du. Das Es-Ich spricht - schliesslich wissenschaftlich - über die Welt, das Du-Ich spricht mit der Welt. Franz von Assisi sprach mit den Vö­geln, nicht über die Vögel. In unseren Dialogveranstaltungen laviere ich oft zwi­­schen diesen Kulturen, oft weil es mir schwerfällt im Dialog zu bleiben und al­­le Beiträge als dialogische wahrzunehmen. Unser Dialog erscheint mir unter die­sem Gesichtspunkt als erfahrbare Differenz zwischen Dialog und Diskurs.

In der Diskurstheorie wird diese Differenz wissenschaftlich behandelt. Der Dis­kurs erscheint dabei als subjektfreies Gespräch der Wissenschaft, welches Wis­sen gerade dadurch generiert, dass jede Subjektivität sublimiert wird. Michel Fou­cault geht in Freudscher Tradition sogar so weit, den Diskurs als ge­sell­schaft­lich inszenierten Dialog zu begreifen, in welchem durch die entlastende In­szenierung einer Objektivität alles gesagt werden darf, weil kein Mensch, son­dern quasi die Wirklichkeit spricht. Die Wissenschaft kennt kein Tabu, der wis­senschaftlich sprechende Mensch hat keine Verantwortung, weil er als Über­brin­ger der Nachricht, quasi als Autor der Natur nur sagt, wie es wirklich ist. Und um die Wirklichkeit zu Worte zu kommen lassen, darf die Wissenschaft auch alles tun. Jedes Tabu wird zugunsten von objektivem Wissen als Hem­mung in einer Ethik aufgehoben. In unserem Dialog bringen wir in gewisser Wei­­se Hintergründe von Tabus zur Sprache, statt die Tabus zu brechen und da­für Ethik auszusprechen, wie Ludwig Wittgenstein es nannte.

Die Du-Es-Differenz verdoppelt sich in der verbreiteten Vorstellung, man könne den Dialog wie jenen von Sokrates als Verfahren einsetzen, das in Kom­mu­ni­ka­tions­trainings geschult wer­den könne. Es gibt verschiedene Mediations- und Coa­chingslehren, die in Politik und Business getrennte Parteien durch rhe­to­risch geschultes Reden einigen sollen. In diesem Dialog geht es aber gerade nicht darum, jemandem etwas mitzuteilen, sondern darum, etwas zu teilen. Wenn ich mitteile, behandle ich mein Gegenüber als Es, ich konfiguriere oder in-form-iere Es. Ich entscheide, was mein Gegenüber wissen muss. Im auf­ge­ho­benen Mitteilen des Dialoges habe ich gar kein individualisiertes Gegenüber, das ich informieren könnte. Ich nehme im Dialog zwar Personen wahr, aber ich neh­me sie als persona eines Du. Wo ich zum Du spreche, idealtypisch bei­spiels­weise im Gebet, reproduziere ich keine Information über die Welt, son­dern spreche über mein Wahrnehmen unserer Beziehung. Dein Reich komme.

Die Differenz zwischen Dialog und Diskurs erscheint mir auch in der Differenz, in welcher ich nach Erklärungen suchen oder anderen Menschen etwas er­klä­ren kann. Im Diskurs ist wichtig, dass der andere meine Erklärung versteht, im Dia­log ist wichtig, dass ich mein Erklären verstehe; dass ich Erklärungen kon­stru­ieren oder eben dialogisierend verfertigen kann. Das Du repräsentiert im Dia­log nicht jemanden, dem ich etwas erklären muss, in diesen Dialogen will ich nicht, dass andere meine Erklärungen verstehen. Gott und jede seiner Re­prä­sen­tationen im Dialog brauchen meine Erklärung nicht, ich brauche sie - ich brau­che sie noch, solange ich sie produziere. Im Dialog mache ich keine Mit­tei­lun­gen und schon gar keine Überzeugungsversuche. Ich mache Äusserungen, in welchen ich mein Ich (also mich) als Ausdruckswei­se einer Inkarnation be­grei­fe. Ich strebe dabei nicht nach einer Selbstfindung oder Selbstverwirk­li­chung eines Ichs, sondern danach, das Ich oder das Selbstbewusstsein als Mit­tel des Dialoges zu erkennen. Es geht mir nicht darum, individuelle Subjekte zu ver­stehen, sondern darum, den Sinn zu erkennen, der hinter dem Sprechen liegt, das die Subjekte erst hervorbringt. Verstehen bedeutet in dieser Differenz nicht an die Stelle des andern zu stehen, also ihn oder seine Worte zu ver­ste­hen. Verstehen heisst die Offenbarung des Sinns zu sehen. Im Dialog mit dem Du muss ich verstehen, was ich sage, ich muss meine Worte verstehen. Das Du, das ich im Dialog anspreche, weiss - wie jenes, das ich im Gebet an­spre­che - immer schon und antwortet nicht mit Wörtern.

In diesem Sinne kann ich im Dialog nicht (be)lehren. Lehrend beziehe ich mich auf Realitäten, die mir so wichtig scheinen, dass ich sie mitteilen muss. Dabei ver­­liere ich den Respekt vor dem Du, weil ich quasi durchsetze, was wichtig ist, oh­ne mich darum zu kümmern, was der andere wichtig findet.

In Dialogen erkenne ich oft auch ein Differenz zwischen dem Ich und dem Wir. Wo wir gemeinsam denken und sprechen, liegt die Vorstellung nahe, dass wir ein gemeinsames Verständnis anstreben oder gar erreichen könnten. Im Dialog baue ich aber auf einer Gemeinsamkeit auf, ich habe sie nicht als Ziel.

Die Gemeinsamkeit ist im Dialog bereits gegeben, bevor irgend etwas ge­äus­sert wird. Ich spreche nicht zu Menschen, die mir gegenüber stehen, sondern mit Menschen, die die Du-Ich-Unterscheidung als Ausdrucksform der Ge­mein­schaft mit mir teilen. Was ich im Dialog sage, sind Worte - dia logos - die eine Sprech­gemeinschaft voraussetzen, die nicht an eine Sprache gebunden ist. Ich spre­che auch mit meinen Tieren, vor allem aber auch mit Gott, obwohl beide nicht in meiner Sprache antworten. Im Diskurs wähne ich mich verstanden, wenn der andere so reagiert, wie wenn er mich verstanden hätte. Im Diskurs ha­ben Worte wie Sachen eine Bedeutung, auf die Bezug genommen wird. Im Dia­log haben Worte ihre Bedeutung nicht in sich, sondern in den Sprechenden und in den Hörenden. Es ist im Dialog nicht wichtig, dass diese Bedeutungen ir­gend­wie übereinstimmen, sondern nur, dass es den Dialogteilnehmenden ge­lingt, durch die Worte den Sinn des Du in der Gemeinschaft zu erkennen. Im Dia­log muss ich nicht über die richtige Interpretation von Worten befinden oder in irgend­einer Art intersubjektiv verstehen, was mit den Worten gemeint sein könn­te. Im Dialog hören alle, was sie hören und alle verstehen, was sie ver­ste­hen.

Man kann den Dialog von einem Monolog unterscheiden. Umgangssprachlich ver­kürzt wird Monolog oft für die Rede eines Einzelnen verwendet und Dialog für ein Gespräch, in welchem mindestens zwei Personen sind. Das Wesen des Mo­nologes sehe ich aber nicht darin, dass nur einer spricht, sondern darin, dass eine Sichtweise als die Richtige dargestellt wird. Im Monolog sagt schliesslich einer, was nach einer gelungenen Diskussion jeder der Beteiligten sa­gen würde, weil sich eine Sichtweise durchsetzen konnte. Der Monolog wi­der­spiegelt so gesehen das Resultat einer Diskussion, in welcher verschiedene Vor­stellungen argumentativ durch die mächtigste Vorstellung ersetzt wurden. Der Monolog hat dort einen etwas negativen Beigeschmack, wo diese Zu­mu­tung durchschimmert. Anschaulich gesprochen geht es in der Diskussion da­rum, dass sich verschiedene Vorstellungen immer mehr annähern, während es im Dialog darum geht, verschiedene Vorstellungen zu entfalten. In der Dis­kus­sion fliessen Bäche und Nebenflüsse in einen Strom, der alles mitreisst, im Dia­log geht es um Vielfalt, die sich wie die Krone eines Baumes aus einem Stamm her­ausentwickelt. In der Diskussion ist entscheidend, dass sich die richtige Vor­stel­lung durchsetzen kann. Im Dialog ist die beste Vorstellung eine unter vielen be­sten Vorstellungen. Die Diskussion sucht ein Ende, die Einigung im Monolog. Der Dialog geht wie das Leben immer weiter, wobei immer neue Möglichkeiten sicht­bar werden.

Eine wieder ganz andere manifeste Differenz, die unsere Dialogveranstaltung be­trifft, besteht zwischen Dialogen und Dialog-Veranstaltungen. Die Dialog-Ver­an­staltung ist als Übung konzipiert. Ich übe aber in der Dialog-Veranstaltung nicht für einen späteren Zeitpunkt, für einen Auftritt oder für einen Ernstfall, ich übe im Sinne des Ausübens. Die Übung zeigt sich vor allem darin, dass wir uns ein Protokoll geben, also festlegen, wie gesprochen werden darf, während Dia­lo­ge natürlich gerade keine Regeln haben, die jemand einhalten müsste. Ein gros­ser Teil der Reflexionen in unseren Dialogveranstaltungen betrifft den Sinn und die Interpretation dieses Protokolls. Weil die Regeln nicht von aussen kom­men, sondern in den Dialoggruppen selbst hervorgebracht werden, ist die Re­fle­xion der Regeln immer auch eine Reflexion des mitgebrachten Ver­ständ­nis­ses. Und weil leicht zu erkennen ist, dass die Regeln nicht das Wesen des Dia­lo­ges betreffen, sondern Werkzeuge der Übung sind, herrscht in den Dia­log­ver­an­staltungen zu diesen Regeln immer ein ambivalentes Verhältnis mit einem be­trächtlichen Frustrationspotenzial, das wohl jedes geregelte Üben begleitet. Man kann mit diesem Frustrationspotenzial aber auch die eigenen Ansprüche be­messen.

Eine an die Veranstaltungsregeln anschliessende Differenz besteht zwischen Re­geln als Gebot und Regeln als Vision. Unsere Dialogregeln sind auch in der Dia­logveranstaltung keine Vorschriften, die jemand einhalten müsste. Das wür­de nicht nur dem Dialog prinzipiell widersprechen, sondern auch einer Ver­an­stal­tung, deren Sinn auch im Ausloten von Regeln liegt. Die Regeln müssen nur in einem bestimmten Sinn eingehalten werden, sie müssen als solche aufrecht er­halten werden, gleichgültig wie oft sie auf welche Weise verletzt werden. Die Re­gelverletzungen müssen als Ausnahmen wahrgenommen werden können oder wo das nicht mehr gelingt, als Antrag, die Regeln zu ändern. Re­gel­ver­let­zungen werden in keiner Weise geahndet, sie werden als Anlass genommen, die Regel zu bedenken. Die Regeln beschreiben als Vision, wie ich sprechen möch­te, wie ich sprechen werde, wenn ich dialogisch entwickelt bin. Wenn ich die Einträge auf den Steintafeln von Moses als solch utopische Regeln lese, le­se ich nicht, Du sollst nicht lügen, rauben und töten, sondern die Verheissung, Du wirst nicht lügen, rauben und töten, wenn Du ein Mensch geworden bist. Die Re­geln des Protokolls beschreiben nur sozusagen die Zukunft, sie beschreiben als Utopie die Gegenwart.

Die hier vorgestellten Dialoge sind äusserlich durch Dialogregeln bestimmt. Ein paar einfache Dialogregeln, die sich am Anfang von Veranstaltungen schon oft be­währten, beschreiben etwa, dass ich im Dialog Ich-Formulierungen verwende und in die Mitte spreche. Ich spreche nicht zu, sondern mit Menschen. Ich sage nichts, was andere wissen müssen, sondern ergründe, was wir gemeinsam er­ken­nen können. Im Dialog versuche ich nicht zu überzeugen, was von andern be­zeugt wird. Ich bezeuge, was ich für-wahr-neh­me. Die für mich grösste Heraus­­­forderung besteht gerade darin, im Dialog etwas anderes als andere zu sa­gen, ohne dies als ihnen zu widersprechen zu begreifen. Im Dialog muss ich auf eine radikale Weise bei meinen Vorstellungen sein, weil ich nur so den Re­spekt gegenüber verschiedenen Vorstellungen nicht verletze, also nicht in Kom­pro­missen auflöse.

Die Dialogregeln lassen sich als eine Art Absicherung verstehen, als ein Be­hält­nis, innerhalb dessen ich ohne Vorsicht und ohne Rücksicht über meine Vor­stel­lungen sprechen kann. Was mir in einer Diskussion als Widerspruch er­scheint, verstehe ich im Dialog als komplementäre Auffassung, die Reichtum er­schliesst, weil von allem, was von Herzen gesagt wird, nichts ausgeschlossen wird. Da ich im Dialog auch mir selbst zuhöre, kann ich erkennen, wie oft mir un­klar ist, was ich sage. Ich kann meine eigenen Aussagen wie die Aussagen al­ler andern in der Mitte des Kreises schweben sehen und warten, bis sie mir pas­sen oder mich zu einer weiteren Formulierung bringen.

Man kann in der Dialogveranstaltung nach der Funktion der jeweils gewählten Re­geln fragen. Eine grundlegende Funktion der Regeln sehe ich darin, noch nicht entwickeltes oder gefährdetes Vertrauen zu überbrücken. Ich brauche bei­spiels­weise im Dialog eine Art Ver­trauen, welches mir das Aushalten von Aus­sa­gen ermöglicht, die ich nicht sofort verstehen kann. Ich muss auch Aussagen aus­halten, die mir falsch, abwegig oder politisch nicht korrekt erscheinen. Wenn ich genügend Vertrauen entwickelt habe, kann ich im Dialog Bewertungen zu­rück­stellen, so wie ich es unter meinen engsten Freunden kann. Ich kann ab­war­ten, wohin die Reise gehen wird, ich muss nicht sofort ins Steuer greifen. Die Regeln können - bewusst oder unbewusst - so gewählt werden, dass sie für mich Effekte haben wie dieses gegenüber fremden Menschen vorerst nur po­tentiell vorhandene Vertrauen. Man kann etwa als Regel wählen, auf rasche Be­wer­tungen zu verzichten, Aussagen in der Schwebe zu halten, auch wenn das Ver­trauen noch nicht durch Erfahrungen begründet ist. Eine entsprechende Re­gel würde etwa lauten, dass die Aussagen nicht kommentiert werden, dass ich auf explizite Zustimmung und auf explizite Zurückweisungen verzichte, oder dass beispielsweise nicht erklärt wird, wie eine Aussage zu verstehen sei. Im Dia­log wird sich zeigen, wie ein aktuelles Nichtverstehen, etwa das Staunen da­rü­ber, dass jemand etwas für mich ganz Undenkbares sagt, aufgehoben wird. Das Nichtverstehen ist im Dialog insofern ganz ungefährlich, als man keine Mit­tei­lung verpassen kann, sondern in jedem Nichtverstehen eine Chance für neues Kristallisieren des eigenen Wissens kriegt.

Die Dialogregeln sollen Wirkungen entfalten, die einen Dialog erkennbar ma­chen. Umgekehrt kann man die Dialogregeln dann auch als Beschreibung eines Dia­loges auffassen. Wenn man weder den Dialog noch die Dialog-Ver­an­stal­tung neu erfinden will, kann man praktischerweise mit ein paar Regeln be­gin­nen, die sich an anderen Orten bereits bewährt haben. Alle Regeln können je­der­zeit modifiziert oder ersetzt werden, wenn sie den Dialog behindern oder blockieren, weil keine dieser Regel für den Dialog selbst wichtig oder gar kon­sti­tu­tiv ist. In einer gewissen Hinsicht geht es ja in der Dialogveranstaltung darum, die Dialogregeln aufzuheben, also darum, in den Dialog zu kommen. Die Re­geln lenken nur meine Aufmerksamkeit. Wenn ich eine Dialogregel verletze, ha­be ich Anlass, über mein Verhältnis zum Dialog nachzudenken. Im Dialog den­ke ich aber nicht im Stillen und nicht einsam für mich, sondern gemeinsam, par­ti­zipierend, eben im Dialog. Die Regeln und deren Verletzungen können kol­la­bo­rative Anlässe schaffen. Dabei kann ich neue Sichten auf die Regeln und auf mög­liche Interpretationen der Regeln gewinnen. Regeln können sinnlos wer­den, weil sie gar nicht mehr gebrochen werden oder eben, weil sie noch zu wi­der­ständig sind und den Fluss des Dialoges verhindern. Regeln sollen sich so­gar auflösen, wo sie nur überbrückend eine noch nicht vorhandene Freund­schaft unterstützen, die sich im Dialog entwickelt und den Dialog überhaupt erst mög­lich macht.

Der Dialog ist an das Wort im Sinne des Logos, des Ausdruckes gebunden. Lo­gos bezeichnet dabei eine Differenz zwischen dem Begriff und dem damit Be­grif­fenen. Der Begriff als Ausdruck steht für eine bestimmte Auffassung, für eine De­finition, die bestimmt, wie das Begriffene begriffen wird. Im Dialog geht es des­halb um das im Begriff Begriffene. Begriffe werden im Dialog nicht an einer ge­gebenen Sache gemessen, sie können deshalb nicht richtig oder falsch sein. Be­griffe zeigen vielmehr, wie eine Sache gesehen werden kann. Es geht mithin um Erklärungen, aber nicht darum, anderen etwas zu erklären. Es geht darum, auf wie viele Arten wir uns etwas erklären können und darum, wer weshalb wel­che Erklärung verwendet.

Damit habe ich ein paar fundamentale Unterscheidungen angesprochen, die in mei­ner Wahrnehmung unserer Dialoge eine Rolle spielen. Natürlich können un­sere Dialoge auch ganz anders wahrgenommen werden. Soweit das Protokoll, das ich vorlege, unter diesen Gesichtspunkten steht, ist es fiktiv, eben unter einer Perspektive hergestellt, die den Dialog eben so erscheinen lässt. Also nicht einmal die Dialoge, von welchen ich berichte, waren so, wie ich es be­richte, geschweige denn, dass irgendwelche andere Dialoge auch nur an­nä­hernd so sein sollten. Der Dialog folgt keiner Logik, die man programmieren oder vorschreiben könnte.

* * *

Die vorgelegten Berichte sind auch in dem Sinne fiktiv, als ich Erinnerungen an Dia­loge aufschreibe. Ich schreibe die Erinnerungen als direkte Reden, weil ich so einen für mich wesentlichen Aspekt der Dialog-Veranstaltungen ver­an­schau­li­chen kann, nämlich wie einfach und voraussetzungslos Dialog-Ver­anstaltungen inszeniert werden können. Dialog-Veranstaltungen erläutern sich quasi selbst, das heisst, sie brauchen keinen Kommentar, was eine mög­liche Dia­logregel reflektiert, wonach im Dialog keine Kommentare gemacht werden.

2 Einladungen

Vor einigen Jahren wurde ich zu einer Dialogveranstaltung eingeladen. Ich stutz­te. Ich fragte mich unwillkürlich, was ein Dialog sein könnte, zu welchem man eingeladen wird. Ich dachte an eine Art Friedensangebot, an ein Angebot, ein festgefahrenes, abgebrochenes Gespräch wieder aufzunehmen. Ich hatte aber keinen mir bewussten Streit, zumal nicht mit Renate, die mich zum Dialog ein­geladen hatte. Also fragte ich: "Worüber wollen wir denn einen Dialog füh­ren? Renate antwortete: "Ich wurde vor einiger Zeit zu einer Dia­log­ver­an­stal­tung eingeladen. Ich bin einfach hingegangen und es hat mir dort so gut gefal­len, dass ich das jetzt auch machen will. Deshalb lade ich Dich jetzt zu einer Dial­ogveranstaltung ein." Ich erinnere mich, dass ich damals noch einige Fragen auf der Zunge hatte, aber ich sagte zu, weil ich Renate schon lange gut kann­te. Diese Dialogveranstaltungen haben mir dann so gut gefallen, dass ich spä­ter beschloss, auch zu solchen Dialogveranstaltungen einzuladen. Wenn ich nun Leute zu einer Dialogveranstaltung einlade, werde ich oft gefragt, worüber wir einen Dialog führen wollen. Das erinnert mich jedes Mal daran, wie ich mit die­ser Einladung zuerst umgegangen bin. Ich antworte dann: "Ich wurde vor ei­ni­ger Zeit selbst zu einer Dialogveranstaltung eingeladen. Ich bin einfach hin­ge­gan­gen und es hat mir dort so gut gefallen, dass ich das jetzt auch machen will. Des­halb lade ich Dich jetzt zu einer Dialogveranstaltung ein." Und weil ich mich auch daran erinnere, dass ich damals noch viele Fragen hätte stellen wollen, sa­ge ich: "Lass uns doch einfach gemeinsam schauen, was wir im Dialog über den Dialog erkennen."

3 Ein Anfang

 

In meiner ersten Dialogveranstaltung, zu welcher ich von Renate eingeladen wur­de, waren etwa zehn Personen, von welchen ich die meisten mehr oder we­ni­ger gut kannte. Wir sassen auf Stühlen, die im Kreis aufgestellt waren. Am Bo­den in der Mitte des Kreises waren eine Vase mit einigen Tulpen und einige an­dere Gegenstände auf einem farbigen Tuch. Nachdem sich alle gesetzt hat­ten, schob Renate die nichtbesetzten Stühle aus dem Kreis, setzte sich selbst wie­der und begrüsste uns. Sie schlug eine ganz kurze Vorstellungsrunde vor. Ich sagte, dass mir solche Runden immer etwas peinlich seien, weil ich nie recht wisse, was ich in solchen Runden sagen solle. Die meisten sagten ihren Na­men, was sie arbeiten und woher sie Renate so gut kanten, dass sie ein­ge­la­den wurden. Dann sagte Renate, wir sollen uns zuerst einige Gedanken über un­sere Erwartungen und über den Dialog machen, also gemeinsam zu­sam­men­zutragen, was wir als Dialog bezeichnen und was wir uns von einem Dialog er­hoffen. Sie sagte, wir sollten dabei nicht um Definitionen streiten, weil es nicht um richtig oder falsch gehe, sondern offenen Herzens aufzählen, was uns wich­tig scheine. Wir sollten nicht bewerten, was andere sagten, sondern zuhören und uns zu eigenen Vorstellungen inspirieren lassen, die wir dann wiederum in den Kreis eingeben sollen. Sie selbst habe damit bereits gesagt, was ihr im Dia­log sehr wichtig scheine, nämlich dass wir von Herzen sprechen und nicht so­fort bewerten, was andere sagen.

 

Re­nate verdichtete unsere Beiträge. In ihrer Zusammenfassung haben wir in un­serem Dialog zusammengetragen, dass wir uns gegenseitig respektieren, zu­hö­ren, vor allem von uns selbst und unseren Erfahrungen sprechen und dabei auf Annahmen und Bewertungen verzichten sollten. Wir umschrieben dies durch eine achtsam erkundende Haltung, wie sie ernsthaft Lernende aus­zeich­net. In dieser Haltung würden wir nicht nur beobachten, was gesagt wird, son­dern auch, wie wir in der Kommunikation aufgehoben sind, wie wir durch unsere Kom­munikation eine Kommune, eine Gemeinschaft werden.

 

Re­nate erzählte dann von einem Buch von David Bohm, in welchem die Grund­zü­ge des Dialoges, wie wir sie eben selbst ent­wickelt hätten, beschrieben sei­en. David Bohm habe realisiert, dass unsere Gespräche oft gar keine Ge­sprä­che seien, sondern hoffnungslose Diskussionen, in welchen es nur darum gin­ge, wer Recht habe. Er siedle den Dialog als offenes Gespräch am Ende der Dis­­kussionen an, also dort, wo die Einsicht gewonnen wurde, dass weitere Dis­kus­sionen zu nichts mehr führen. Der Dialog beruhe auf Fertigkeiten, die in un­se­rer Diskussionsgesellschaft verkümmert seien. David Bohm habe die Dia­logveranstaltungen entwick­elt, um diese Fertigkeiten, die wir früher einmal alle ge­habt hätten, zu reanimieren und zu neuer Blüte zu bringen. Respekt und Acht­samkeit, sagte Renate, seien Haltungen, diese Haltungen seien aber nicht nur eine innere Angelegenheit, sondern würden sich im Dialog zeigen, also da­rin, wie wir gegenseitig miteinander sprechen. Im Dialog würden diese Hal­tun­gen sichtbar und erfahrbar.

 

Unsere nächste Aufgabe war, gemeinsam zu überlegen, wie sich die dia­lo­gi­sche Haltung auf unsere Sprache und auf unser Sprech­verhalten auswirke. Re­na­te sagte, wir könnten uns dazu beispielsweise überlegen, wie sich Dialoge von hitzigen Diskussionen unterscheiden. Erneut verdichtete sie als Mo­de­ra­to­rin, was in dieser Runde gesagt wurde. In Diskussionen würden sich die Leute oft gegenseitig ins Wort fallen, andere diskreditieren und deren Argumente zer­pflücken. In Diskussionen wolle jeder Recht haben und die anderen mis­sio­narisch zu einer anderen, der je eigenen Meinung überzeugen. Renate machte uns auf einen Punkt speziell aufmerksam, indem sie uns anwies, auch noch et­was zu bedenken, dass in Diskussionen sehr oft Tatsachen behauptet werden. Wir fanden, dass viele dieser Tatsachen sich später als Fantasien entpuppen, dass es aber schwierig ist, etwas ge­gen ins Feld geführte Tatsachen zu sagen, weil man Tatsachen eigentlich nur mit anderen Tatsachen bestreiten könne, was mithin auch der Grund sei, warum bestimmte Diskussionen so hitzig wer­den. Den nach dieser Erkenntnis auf der Hand liegenden Vorschlag brachte Re­na­te selbst, indem sie sagte: "Also könnten wir im Dialog versuchen, auf alle Tat­sachen und Wahrheiten zu verzichten. Was haltet Ihr davon?" Wir spielten et­was mit dieser Vorstellung herum, dann sagte sie: "Ich meinte das nicht ganz so radikal. Mein Vorschlag wäre, dass wir nur über unsere eigenen Erfahrungen und über unsere eigenen Folgerungen sprechen." Das seien ja auch Tat­sa­chen, aber subjektive, die für andere Menschen nicht zwingend seien. Wenn je­mand sage, dass er etwas gesehen, erlebt oder gefühlt habe, spreche er über sei­ne Wahrnehmungen, nicht über die Wirklichkeit. Das erleichtere ihr das Zu­hö­ren sehr. Nur über eigene Wahrnehmungen zu sprechen sei ganz einfach. Wir müssten dazu nur Ich-Formulierungen verwenden, also nicht von "man" spre­chen und einfach nichts behaupten und nicht erzählen, wie die Welt wirklich sei.

 

 Dann erzählte Renate aus einem anderen Buch. Im Dialogverfahren, wie sie die Sache jetzt nannte, müssten sich die Teilnehmenden ohnehin an bestimmte Re­geln halten, wie wir sie ja auch formuliert hätten. So sei beispielsweise klar, dass man im Dialog niemanden unterbreche. Sie sagte: "Wenn ich aber acht­sam bin, unterbreche ich auch niemanden, der noch nicht spricht, sondern sich erst noch überlegt, was er sagen will. Ich meine damit, dass wir in der Dia­log­run­de darauf achten können, ob jemand etwas sagen will. Wenn ich merke, dass jemand zum Wort ansetzt, warte ich mit meinen Worten." Wir hatten einige skep­tische Teilnehmer im Kreis, oder etwas dialogischer gesagt, einige der Teil­neh­menden äusserten sich manchmal skeptisch. Peter, der sich als Physiker vor­gestellt und schon einige Male auf den naturwissenschaftlichen Dialog ver­wie­sen hatte, sagte: "Wenn ich warte und alle andern auch warten, weil ja nie­mand weiss, ob nicht gerade jemand anderer reden will, dann warten doch alle, dann ist der Dialog zu Ende, weil niemand mehr spricht." Renate lächelte und war­tete etwas, bevor sie antwortete: "Wenn ich achtsam bin, merke ich dann schon, dass niemand spricht, dann kann ich etwas sagen. Und in der Zwi­schen­zeit, also solange alle noch warten, kann ich noch etwas den Worten hinterher den­ken, nachdenken, die ich zuvor gehört habe."

 

Renate stand auf und ging in die Mitte des Kreises. Sie nahm einen kurzen Stab, der neben einer Schale lag, und schlug damit an den Rand der Schale, die wie ein heller Gong tönte. Der Klang verhallte ganz langsam und alle lausch­ten dem Klang nach. Renate sagte: "Mindestens am Anfang kommt es öf­ter vor, dass alle reden wollen als dass alle schweigen. Dann wird auch der Dia­log hitzig. Wenn jemand merkt, dass er nur noch zum Wort kommen könnte, wenn er die andern unterbricht, geht er in die Mitte und schlägt diese Klang­scha­le an. Dann schweigen alle, bis der Klang auch schweigt. Ihr werdet sehen, das wirkt Wunder. Aber wir wollen uns nicht nur auf dieses Wunder verlassen." Sie hob einen anderen Stab auf, einen gläsernen, der mit farbiger Flüssigkeit und glitzernden Partikel gefüllt war. "Das ist sozusagen unser Zauberstab. Nur wer ihn in den Händen hat, darf sprechen. Jetzt darf nur ich sprechen, weil ich den Stab habe. Wenn ich fertig gesprochen habe, lege ich den Stab hin und wer etwas sagen will, holt zuerst den Stab." Peter sagte: "Das ist ein lustiges Spiel, es erinnert mich an den Kindergarten ..." Renate unterbrach ihn: "Du soll­test jetzt eben nichts sagen, weil Du den Stab nicht hast. Es geht mir mit dem Stab um Folgendes: Er verlangsamt unser Gespräch. Wenn ich beispielsweise je­manden, der etwas sagt, an den Kindergarten erinnern möchte, oder ihn gar mit einem tollen Argument widerlegen will, muss ich etwas warten. Und in der Zeit, bis ich endlich zum Sprechstab gekommen bin, hat sich vielleicht mein Ge­müt beruhigt, und ich muss gar nicht mehr sagen, was mir vorher so dringend schien."

 

Renate legte den Stab in die Mitte und setzte sich. Alle schienen zu warten, nie­mand holte den Stab und niemand sagte etwas, ohne den Stab zu holen. Nach ei­ner ganzen Weile sagte Renate lachend: "Jetzt scheint der Dialog zu Ende zu sein!" Und Peter sagte sofort: "Du hast den Stab nicht geholt!" Alle lachten. Peter holte den Stab und sagte noch im Stehen: "Ich finde das immer noch wie im Kindergarten und ich frage mich, wozu wir neben dem Stab auch noch die Klang­schale haben. Das ist ja nicht nur doppelt genäht." Renate sagte: "Ich möch­te Euch bitten, jeweils erst zu sprechen, wenn Ihr wieder sitzt. Es geht ja um eine Verlangsamung und es wird natürlich viel langsamer, wenn wir auf un­se­re Stühle zurückgehen, als wenn wir in der Mitte stehen bleiben und einander den Zauberstab aus den Händen reissen. Die Klangschale ist einfach ein zu­sätz­liches Mittel. Vielleicht brauchen wir sie nie, aber auch dann sehen wir sie doch in der Mitte stehen und das hilft uns vielleicht, daran zu denken, nicht in ei­ne hitzige Diskussion zu verfallen." Peter stand immer noch mit dem Zau­ber­stab in der Mitte. Mir schien, er wollte etwas darüber sagen, dass der Zau­ber­stab offenbar nicht recht funktioniert, weil schon wieder Renate gesprochen hat­te, er liess es aber bleiben. Er legte den Stab wieder in die Mitte und setzte sich.

 

Nach einer Weile sagte Renate: "Ich möchte Euch noch ein ganz wichtiges Prin­zip erläutern. Wir sitzen hier in einem Kreis. Wenn ich spreche, spreche ich zu allen. Ihr wisst ja, dass es unanständig ist, mit seinem Nachbarn zu schwa­tzen, während jemand anderer spricht. Das kann hier nicht vorkommen, weil wir ja nur sprechen, wenn wir den Zauberstab in den Händen haben." Sie war wäh­rend des Redens aufgestanden und hatte den Stab aufgenommen. Sie fügte ein: "Ihr seht ja auch, dass es auch für mich manchmal schwie­rig ist, mich an die­se Kindergartenregel zu halten." Dann fuhr sie weiter: "Im Dialog spreche ich im­mer zu allen, ich spreche in die Mitte. Wir können uns vorstellen, dass die Wor­te dort wie in einer Wolke schweben und darauf warten, gehört zu werden. Nicht alle hören dieselben Worte. Es ist eher wie bei einem grossen Büfett. Je­der nimmt etwas davon. Das Büfett ist für alle das Gleiche, aber jeder isst etwas an­deres. Was ich beitrage, stelle ich auf dieses Büfett. Ich dränge es nie­man­dem auf. Ich spreche nicht zu einzelnen Personen, sondern eben in die Mitte des Kreises. Vielleicht passt das, was ich sage, jetzt gerade nicht zu dem, was je­mand jetzt gerade denkt. Aber schon kurze Zeit später kann das anders sein. Vom Büfett nehme ich pro Gang, was mir passt und was für mich zu­sam­men­passt. Ich komme aber später zum Büfett zurück und nehme Delikatessen, die ich zuvor habe liegenlassen. Im Dialog versuche ich das Gesagte in der Schwe­be zu halten. Ich warte, bis es passt."

 

Brigitte fragte: "Du hörst also nur, was Dir passt?" und fügte sofort an: "Oh, ich darf ja gar nichts sagen, weil ich den Stab nicht habe." Renate, die sich wieder ge­setzt hatte, stand auf, um den Stab in die Mitte zu legen, obwohl sie un­mit­tel­bar neben Brigitte sass. Brigitte war fast gleichzeitig mit Renate in der Mitte und woll­te ihr den Stab schon knapp über dem Boden aus der Hand nehmen. Aber Re­nate hielt den Stab fest umschlossen. Sie richtete sich nochmals auf und schau­te Brigitte an. Dann bückte sie sich wieder und legte den Stab hin. Brigitte pack­te den Stab augenblicklich. Renate legte ihre Hand auf die Hand von Brigitte und sah sie an. Sie sagte: "Wir haben Zeit, viel Zeit."

 

Brigitte setzte sich auf ihren Stuhl und wiederholte ihre Frage. Renate ant­wor­te­te nicht. Nach wirklich langer Zeit, in welcher ich das Knistern in der Luft hören konn­te, sagte Renate: "Es ist wichtig, den Stab wieder in die Mitte zu legen, wenn man nichts mehr sagen will. Man muss sich dabei nicht beeilen, wir ha­ben Zeit, viel Zeit." Brigitte legte den Stab zurück und sagte: "Dann kannst Du mir ja jetzt eine Antwort geben."

 

Renate ging langsam in die Mittel und schlug die Klangschale ziemlich kräftig an. Sie setzte sich wieder ohne den Zauberstab mitzunehmen. Nachdem der Klang schon eine Weile verklungen war, holte Brigitte den Stab, setzt sich lang­sam, sorgfältig und sagte dann: "Also, es tut mir leid, aber ich ... Ich meine, ich will die Frage nochmals ganz ruhig und ohne Hektik stellen. Also: Hörst Du im Dia­log nur was Dir passt, so wie Du bei einem Speisebüfett nur nimmst, was Dir passt. Ist das Dialog? Ich verstehe es einfach nicht." Während sie den Stab in die Mitte legte, fügte sie an, dass sie vielleicht deshalb etwas energisch ge­wor­den sei.

 

Renate schaute in die Runde, aber niemand sagte etwas. Dann holte sie den Stab und sagte: "Ich muss vielleicht den meines Erachtens wichtigsten Grund­satz noch etwas mehr verdeutlichen. Im Dialog spreche ich immer in die Mitte, ich lege etwas aufs Büfett, aber nie jemandem etwas in seinen Teller. Um­ge­kehrt beobachte ich sehr gut, was andere in die Mitte legen. Ich höre auf­merk­sam zu. Ich schaue immer das ganze Büfett an. Aber ich kann nie alles auf­neh­men, sowieso nicht alles zusammen und sofort. Ich versuche möglichst vieles in der Schwebe zu halten, bis es passt." Sie machte eine recht lange Pause. "Was heisst das, dass ich in die Mitte spreche? Das heisst, ich spreche keine ein­zelne Person an. Wen ich dann angesprochen habe, höre ich im Nachhinein, wenn ich Antworten bekomme. Das kann sofort der Fall sein, weil jemand etwas da­zu sagen will, also weil es bei jemandem gerade auf den Teller passt. Es kann aber auch später sein, einen Gang später sozusagen. Und vor allem kann es auch sein, dass ich eine Antwort unter der bewussten Ebene bekomme, eine Ant­wort zwischen den Zeilen." Sie stand von ihrem Stuhl auf. "Ich werde später noch mehr dazu sagen, jetzt will ich an der Oberfläche der Regel bleiben. Ich spre­che immer in die Mitte und nie zu einer einzelnen Person."

 

Renate hatte sich zunehmend mehr an Brigitte gewandt, während sie davon sprach, dass man in die Mitte spricht. Brigitte setzte zu einer Antwort an, doch Re­nate hielt ihr den Zauberstab vor die Nase und fuhr fort: "Diese Regel hat un­ter anderem den Sinn, dass sich keine Zweiergespräche entwickeln, bei wel­chen die andern im Kreis ausgeschlossen sind und dann logischerweise ihrer­seits mit ihren Nachbarn Zweiergespräche anfangen."

 

Peter, der etwas unruhig auf seinem Stuhl herumgerutscht war, sagte: "Ich weiss, dass ich jetzt ganz viele Regeln verletze, aber es muss doch eine Mög­lich­keit geben, dass ich etwas sagen kann, wenn ich etwas sagen will. Wir ken­nen jetzt ja noch nicht alle Regeln, ich könnte mir vorstellen, dass es so etwas wie einen zweiten Gong gibt, den man anschlagen kann, wenn man gerne den Sprech­stab hätte. Ist das nicht so?"