Verlag: epubli Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Der dicke Mann und das Meer - Eric Scherer

Charlie, ein zivilisationsmüder Anwalt, sucht das Abenteuer und begibt sich auf eine Seereise um Spitzbergen. Er folgt den Spuren eines Seefahrers des "Heroic Age", der vor 150 Jahren jenseits des 80. Breitengrades spurlos verschwand. Die Auseinandersetzung mit der Natur und ihren Elementen verlangt dem Mittvierziger jedoch weit weniger ab als die permanente Konfrontation mit seinen nervenden Mitreisenden. Die illustre Reisegesellschaft ist mit reichlich Konfliktpotenzial im Gepäck an Bord gekommen, das sich in der Enge des Zweimastschoners schon bald Bahn bricht. Während einer Sturmfahrt eskaliert die Situation. Es kommt zur Katastrophe - und Charlie muss auf einmal tatsächlich den Kampf auf Leben, Tod und möglicherweise sogar um seine große Liebe führen, den er sich in seinen Tagträumen immer zusammenphantasiert hatte. Eric Scherers Abenteuerroman erzählt von einer Spurensuche und einem Schiffsunglück in arktischen Gewässern - und macht auf eindrucksvolle Weise klar: Die spannendsten, aber auch die amüsantesten Reisen führen am Ende doch immer ins eigene Ich.

Meinungen über das E-Book Der dicke Mann und das Meer - Eric Scherer

E-Book-Leseprobe Der dicke Mann und das Meer - Eric Scherer

„Vielleicht werden spätere Jahrhunderte in die Arktis gehen, so wie Menschen in biblischen Zeiten in die Wüste zogen, um zur Wahrheit zurückzufinden.“

Christiane Ritter, Eine Frau erlebt die Polarnacht

ISBN: 978-3-8442-6127-1

Titel: Der dicke Mann und das Meer

Autor: Eric Scherer

Umschlaggestaltung: Karina Wilinski

Korrektorat: Gabriele Koske

© 2013 by Dr. Feelbook, Mainz

Alle Rechte vorbehalten

www.feelbook.de

Published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Inhaltsverzeichnis

I

II

III

IV

V

VI

I

„Der Mensch empfindet Zivilisation, Fortschritt und Sicherheit nicht als unbedingtes Ideal; es lebt ohne Zweifel unsterblich in ihm ein primitiv-heroisches Element, ein tiefes Verlangen nach dem Furchtbaren.”

Thomas Mann, Briefe aus dem Exil

Er war vollkommen allein in dieser Wildnis. Nicht einmal zwei Tage unterwegs, doch im Grunde schon am Ende.

Seine Fußgelenke schmerzten, die Außenbänder vermutlich. Genau wissen konnte er dies nicht, denn er war kein Arzt. Er war auch nie bei einem gewesen. Er hatte sogar immer damit geprahlt, seit über zwanzig Jahren keinen Mediziner aufgesucht zu haben, und dabei auch noch gescherzt, er sei überhaupt nur so lange gesund geblieben,weiler nie zu einem gegangen sei. Seine „wohlmeinenden“ – er wollte sich dieses Wort nur in Anführungsstrichen denken – Freunde und Bekannten, die Frauen natürlich vor allem, hatten ihn stets gewarnt, seine Gelenke würden sein Übergewicht nicht ewig tragen, spätestens ab vierzig fingen die überflüssigen Pfunde an, weh zu tun. Jetzt hatten sie recht behalten, und er war nicht einmal überrascht. Er haderte aber auch nicht mit sich, weil er es nicht hatte hören wollen. Er fand sogar, es machte seine Einsamkeit erträglicher, dass gerade niemand da war, der ihm den sorglosen Umgang mit seiner Gesundheit vorhalten konnte.

Die Fußgelenke schmerzten wirklich sehr. Der dicke Mann musste sich setzen. Stöhnend platzierte er seinen Hintern auf dem nächstmöglichen Felsen. Gestein, welches eine glatte Fläche bot, die breit genug war, dass sein Hintern darauf passte, und hoch genug, damit er sich nicht zu weit zu Boden lassen und später wieder mühselig in die Höhe quälen musste, gab es auf dieser Insel nicht sehr viel. Sie bestand zwar hauptsächlich aus Steinen, doch die waren fast alle nur so groß, dass man sie mit einer Hand umfassen konnte. Dicht an dicht bepflasterten sie alle Erde auf der Insel und türmten sich immer wieder zu Bergen auf, deren Gipfel mit Schnee und Eis bedeckt waren. Nirgends gab es Wege, nirgends Wälder, nicht einmal Sträucher, obwohl die Insel „im botanischen Sinne“ – auch das ließ sich nur in Anführungszeichen denken – stark bewaldet war. Die kaum fünf Zentimeter hohen Pflänzchen, die es überall zu sehen gab, wurden allen Ernstes als „Polarweiden“ bezeichnet, auch „Polarbirken“ existierten, wie der dicke Mann sich angelesen hatte. Ansonsten waren es Moose und Flechten, die in dieser steinernen Tristesse vereinzelt Farbtupfer setzten.

Wie erhaben hatte diese bergige Insel aus Stein und Eis doch gewirkt, von dem sicheren, gut beheizten Schiff aus, auf dem er die West-und Nordküste entlanggeglitten war, drei reichhaltiger Mahlzeiten am Tag gewiss. Die Unbarmherzigkeit der Natur auf diesem Eiland hatte sich bei den täglichen Landausflügen bislang nur erahnen lassen. Bislang. Jetzt spürte er sie bis in die kleinste Verästelung seiner Seele.

Wenigstens die Luft war noch die gleiche wie auf dem Schiff, sie war kühl und klar, nie war dem dicken Mann das Atmen angenehmer erschienen als in diesen Breiten. Auch die Sonne stand wieder hoch am Himmel. Das würde sie noch wochenlang tun, denn eine Nacht gab es um diese Jahreszeit nicht. Kein Wölkchen war zu sehen, sodass sich ein strahlendes Blau über der Küste erhob, und in der nur leicht aufgerauten See spiegelte es sich kräftig. Das Wasser selbst kräuselte sich kaum fünfhundert Meter unter ihm, und der Blick darauf beruhigte ihn etwas, so wie es ihn auch zu Hause immer beruhigt hatte, wenn er den großen Fluss entlangspaziert war und davon geträumt hatte, eines Tages ein Schiff zu besteigen und dem Strom zu folgen, den man auch den „deutschen Schicksalsstrom“ nannte.

Nun war er ihm tatsächlich gefolgt, freilich nicht im wörtlichen Sinne. Er hatte gewissermaßen eine Abkürzung genommen, war von Frankfurt aus mit dem Flugzeug nach Longyearbyen geflogen, der zentralen Siedlung in diesem Land aus Stein und Eis – Hauptstadt mochten wohl nicht einmal die sie nennen, die hier leben mussten. Fakt aber war, dass sich in das Nordmeer, auf das er gerade blickte, auch der deutsche Schicksalsstrom gemischt hatte, an der Flussmündung einige tausend Kilometer südlich, und dass der warme Golfstrom auch Rheinwasser bis in diese Breiten getragen hatte. Somit war auch ein Stück Heimat in seiner Nähe. Beruhigte ihn das denn? War er tatsächlich so gefühlsduselig geworden?

Jedenfalls stand er kein bisschen davor, panisch zu werden. Dabei hätte ihm das Herz bis zum Hals schlagen müssen. Denn nie war er dem Tod so nahe gewesen wie jetzt, mutterseelenallein inmitten dieser unbarmherzigen Natur, in der jede Kreatur, die in sie hineingeboren war, den lieben langen Tag mit nichts weiter beschäftigt war als zu töten oder darauf zu achten, nicht selbst getötet zu werden. Er hatte einen Weg hinter sich, von dem er wusste, dass er ihn nicht mehr zurückgehen konnte, und noch einen vor sich, von dem er nicht wusste, wie lang er noch war. Seine Gelenke schmerzten wie Hölle, und doch musste er nun laufen, laufen, laufen, um zu überleben. Das waren doch Gründe genug, irr vor Angst zu werden …

Doch der dicke Mann fand, als er in sich hineinhorchte, nur eine unerklärliche, heitere Gelassenheit. War dies am Ende eine perverse Ausformung von Verzweiflung, beginnenden Wahnsinns gar? Oder offenbarte sich in den Momenten dieser Grenzerfahrung eine Unerschrockenheit seines Wesens, die er bislang selbst nicht an sich gekannt hatte?

Die Idee gefiel dem dicken Mann natürlich sehr. Schließlich hatte er ja genau so immer sein, genau da hinkommen wollen. Seit diesem Morgen, an dem er entschieden hatte, dass es nun ein für allemal genug war.

Gut, es war nicht das erste Mal gewesen, dass er eine Zäsur in seinem Leben setzen wollte. Doch an diesem Morgen, an dem er erneut diesen Wasserflecken an der Wand in der Küche entdeckt und Corinna Uhl angerufen hatte, da war es endgültig so weit, das hatte er ganz deutlich gespürt. Von nun an hatte alles anders werden sollen.

Warum eigentlich musste es zwischen Frau und Mann mit den Jahren immer komplizierter werden, wo es doch immer einfacher hätte werden müssen? Er fand darauf einfach keine Antwort. Wie er überhaupt mit den Jahren immer weniger Antworten auf alle möglichen Fragen gefunden hatte, doch wenigstens dies vermochte er sich plausibel zu erklären: Früher hatte er sich nie so viele Fragen gestellt, daher hatte sich zwangsläufig auch die Zahl der Antworten, die er nicht fand, nicht erhöht.

Die Frau, die ihm gegenübersaß, war ungefähr so alt wie er, allenfalls fünf Jahre jünger. Vor zwanzig – oder, vielleicht doch besser: fünfundzwandzig – Jahren hätten sie und er sich sofort geduzt, und am Ende ihres Gesprächs hätte er gefragt, wo sie denn wohne und wo sie abends denn so hingehe, und ob man sich da nicht mal treffen könne. Und selbst das wäre noch der eher komplizierte Weg gewesen: Hätte man sich auf einer dieser Teenagerparties kennengelernt, hätte man womöglich noch am gleichen Abend, vom Apfelkorn enthemmt, zu knutschen begonnen.

Vor zehn – oder auch vor fünfzehn Jahren – hätten sie sich anfangs zwar gesiezt, wären aber wahrscheinlich schon bald zum Du gewechselt. Gegen Ende hätte er das Gespräch auf einen neuen Kinofilm oder ein anderes kulturelles Ereignis gelenkt, das in Kürze anstand, und falls sie sich daran interessiert gezeigt hätte, hätte er mit ihr einen gemeinsamen Besuch verabredet.

Jetzt aber war er über vierzig. Sie gefiel ihm, und er hatte das Gefühl, dass er ihr auch sympathisch war, und sie machte einen irgendwie ungebundenen oder zumindest nicht fest gebundenen Eindruck. Sodass eigentlich nichts dagegensprach, nach der Methode von vor zehn, fünfzehn Jahren zu verfahren, doch seine Eingeweide sträubten sich und er hatte keine Ahnung, weshalb. Einer dieser Küchenpsychologen, mit denen er auf den Wohnzimmerparties, bei denen auf dem Balkon geraucht werden musste, gelegentlich ins Gespräch kam, hätte ihm vermutlich erklärt, dass sein Übergewicht ihm das Selbstvertrauen raube, Frauen anzusprechen, respektive – das Wort wurde in seinem Jahrgang noch rege benutzt – „anzubaggern“. Doch das war Unsinn. Er hatte die Schüchternheit seiner Jugendjahre schon lange abgelegt, ja sogar von Berufs wegen ablegen müssen, er hatte sich sogar akademisch, wenn auch nur am Rande, mit Rhetorik und Körpersprache befassen müssen. Er verstand sich also darauf, ein Gespräch zu beginnen und weiterzuführen, und er verstand sich ebenso aufs geistreiche Erzählen und Scherzen, einigermaßen jedenfalls. Und an Mut fehlte es ihm schon gar nicht, nicht nach heute Morgen, wo er sich entschlossen hatte, dass es nun endgültig reichte, dass das Fass übergelaufen war. Er wollte, endlich, mit der Faust auf den Tisch hauen. Aufstehen, sich erheben. Jawohl.

Corinna Uhl hatte er schon vor ein paar Monaten kennengelernt, am Rande des Jockel-Prozesses. Jockel war ein Schäferhund, der der Vergewaltigung angeklagt war, und er, Charlie Diekmann, hatte ihn verteidigt.

Das heißt: Juristisch betrachtet, war es natürlich keine Vergewaltigung, da sämtliche handelnden Personen Vierbeiner waren. Jockel hatte sich eines Nachmittags von zu Hause weggestohlen und in der Nachbarschaft eine Golden-Retriever-Dame bestiegen. Eine Abtreibung wurde notwendig, und danach verlangte der Nachbar von Jockels Herrchen, die Tierarztrechnung zu begleichen. Dieser wandte sich an Charlie, und so kam es zu einem Aufsehen erregenden Zivilprozess, dem auch die lokale Presse in Person von Corinna Uhl beiwohnte. Charlie Diekmann überzeugte das Gericht, dass es alleinige Pflicht des Halters einer läufigen Hündin wäre, diese vor Schändern zu schützen. Denn Rüden seien im Prinzip unzurechnungsfähig, wenn sie die Duftstoffe von läufigen Hundedamen rochen, da diese biochemische Reaktionen auslösten, die selbst bestens erzogenene Männchen die Kontrolle verlieren ließen. Jockel wurde freigesprochen.

Danach hatte Corinna Uhl ihn angesprochen und sie waren ins Plaudern gekommen. Am Ende hatte sie ihm ihre Visitenkarte gereicht, mit der Bitte, sie doch künftig zu verständigen, wenn er derart merkwürdige Fälle behandelte. Leider hatten sich keine ergeben. Bis zu diesem Morgen.

„Ich bin ja eigentlich ein gutmütiger Mensch“, erklärte Charlie der Zeitungsredakteurin, „aber was zu viel ist, ist zu viel.“

„Das kann ich verstehen“, nickte Corinna Uhl. Sie standen in seiner Wohnung, betrachteten sich den großen Wasserflecken in der Küche, die jetzt aufgeräumt aussah. Den Berg aus schmutzigen Tellern, Gläsern und Besteck, der sich in der Spüle aufgetürmt hatte, hatte er kurz vor ihrem Eintreffen noch schnell in der Geschirrspülmaschine verstaut.

„Und woher kommt das Wasser?“, fragte Corinna Uhl.

„Vom Dach“, erklärte Charlie. „Und das seit Jahren. Immer wieder.“

„Ja, aber weshalb? Ist das Dach nicht richtig abgedichtet oder was?“

„Fehlkonstruktion“, analysierte Charlie in scharfem Ton, als kenne er sich mit der Materie aus. „Handwerkerpfusch, schon beim Bau. Beziehungsweise: Schlimmer Konstruktionsfehler des Architekten. Hat ein Flachdach draufsetzen lassen, auf dem das Wasser nicht richtig abfließt. Ungeheuerlich.“

„Und warum verklagt die RheinHeim das Architekturbüro nicht auf Schadenersatz?“

„Weil die RheinHeim sich schon vor Jahren mit dem Architekten verglichen hat. Das ist doch der Witz. Für die rund hundert Mieter in dem Gebäudekomplex mag das ja in Ordnung gewesen sein, aber die etwa zwanzig Wohnungseigentümer, zu denen ich auch gehöre, hat natürlich niemand gefragt. Dafür können wir jetzt immer mitblechen, wenn es was zu reparieren gibt – und das ist in schöner Regelmäßigkeit der Fall.”

Corinna Uhl schüttelte den Kopf und lächelte dieses schiefe Journalistenlächeln, halb amüsiert über die Geschichte und halb triumphierend, weil sie Beute gemacht hatte. Die geschäftsführenden Herrschaften stadtnaher Wohnungsbaugesellschaften als unfähig hinzustellen, machte sich immer gut im Lokalteil ihrer Zeitung.

Und er, Charlie Diekmann, hatte ihr die Beute in die Fänge getrieben. Darauf musste sich doch aufbauen lassen. Irgendwie musste er einen Dreh finden, weg von diesem für sie beruflichen Thema zu einem privaten zu kommen, und sich anschließend vorarbeiten zu einer abendlichen Verabredung. Aber wie? Er konnte doch nicht im Ernst das Gespräch auf einen neu angelaufenen Film bringen, er wusste doch gar nicht, was gespielt wurde, er ging doch schon seit Jahren nicht mehr ins Kino, und er hatte auch keine Ahnung, was es im Kabarett oder im Theater gab. Nicht einmal ein Lokal, das gerade neu eröffnet hatte und für das er sie hätte interessieren können, fiel ihm ein.

Also erzählte er weiter von den Wasserflecken und deren Hintergründen: Dass diese in den zwölf Jahren, die er inzwischen in dem Gebäudekomplex wohnte, nun schon das dritte Mal aufgetreten waren. Auch die Tiefgaragen unter der Wohnung standen immer wieder unter Wasser, an manchen Tagen könne er „zu seinem Auto paddeln“, witzelte er. Er sah, dass Corinna Uhl diese Formulierung gefiel und freute sich darauf, sie morgen in ihrem Zeitungsartikel zu lesen.

Im Wehklagen über seine Auseinandersetzung mit der RheinHeim bot er ihr einen Espresso an, und tatsächlich, sie mochte einen, was ihm Gelegenheit gab, ihr seinen teuren Kaffee-Vollautomaten vorzuführen und ihr einen kleinen Vortrag zu halten, weshalb er an einem guten Kaffee, respektive Espresso, niemals sparen wollte. Und siehe da, auch Corinna Uhl mochte keinen Billigkaffee, sie besaß ebenfalls einen Vollautomaten, das war doch schon einmal eine Gemeinsamkeit, immerhin, jubelte er innerlich – doch wie ließ sich dieser Faden weiterspinnen? Sollte er ein Kaffee-Vergleichstrinken anregen?

„Zu schade nur, dass ich auf meiner nächsten Reise auf frisch gebrühten Kaffee verzichten muss“, erzählte Corinna Uhl dann. „An Bord wird es nur eine ganz dünne, massenkompatible Miege geben, vielleicht sogar nur Muckefuck.“

„An Bord? Sie gehen auf eine Kreuzfahrt?“, hakte der dicke Mann nach. Urlaub, das war doch immer ein gutes Thema.

„Nein, keine Kreuzfahrt, jedenfalls nicht auf so einem Kreuzfahrtsschiff, wie man es vom Fernsehen kennt“, klärte ihn die Journalistin auf. „Ich werde auf einem Segelschiff die Westküste Spitzbergens hinauffahren. Nach Norden, über den 80. Breitengrad.“

„Spitzbergen? Mein Gott, das muss doch fürchterlich kalt sein …“

„Gar nicht mal so. Wir segeln ja mitten im Sommer. Da ist es allenfalls kühl, aber nie richtig kalt. Vor allem wird während dieser zehn Tage die Sonne niemals untergehen. Ich bin mal gespannt, wie ich das vertrage …“

„Was für ein Abenteuer“, murmelte Charlie Diekmann mit großen Augen, und dies war nicht einmal gespielt. Auf einem Segelschiff Richtung Norden zu fahren, überhaupt, einmal übers offene Meer zu segeln, das weckte Erinnerungen an die Bücher und Filme, die er in seinen schlanken Jahren verschlungen hatte. An den verzweifelten Kampf mit und um den großen Schwertfisch, an die Suche nach dem weißen Wal, an die Meuterei auf der Bounty.

„Und wie kommt man auf eine solche Urlaubsidee?“, fragte er.

„Eigentlich ist es gar kein richtiger Urlaub“, antwortete Corinna Uhl. „Ich begleite eine Leserreise unserer Zeitung. Wir begeben uns auf die Spuren eines großen Sohnes unserer Stadt, eines Seefahrers aus dem 19. Jahrhundert. Er verschwand vor 150 Jahren spurlos am 80. Breitengrad. Er war ein Vorfahre unseres Verlegers, der diese Reise initiiert hat. Daher wird auch er mit an Bord sein. Womit ich unter ständiger Beobachtung meines Brötchengebers stehe. Urlaub kann man das also wirklich nicht nennen.”

„Auf jeden Fall aber ist es ein Erlebnis“, fand Charlie. „Ich beneide Sie.“

In seinem Kopf rumorte es. Natürlich kam ihm spontan die Idee, sie zu fragen, ob denn nicht auch noch für ihn ein Plätzchen frei sei. Doch wie hätte das wohl ausgesehen?

Dabei lockte ihn sogar nicht einmal die Aussicht auf ein amouröses Abenteuer, jedenfalls nicht ausschließlich. Über den 80. Breitengrad zu segeln – je länger er darüber nachdachte, desto reizvoller, verwegener schien ihm dieser Gedanke: Zum 80. Breitengrad waren in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Seefahrer aufgebrochen, um die legendäre Nordwest-Passage zu finden, von der damals niemand genau wusste, ob es sie überhaupt gab. Das war doch genau die richtige Reise für ihn, der sich heute Morgen entschlossen hatte, künftig anders zu leben. Entschiedener. Wagemutiger.

Aber, es war wirklich zum Heulen: Er mochte Corinna Uhl einfach nicht fragen. Es erschien ihm schlichtweg als zu durchsichtiges Manöver. Die Gefahr, dass er aufdringlich wirkte, war zu groß. Er musste es eleganter, geistreicher anstellen, irgendwie, aber es wollte ihm einfach nichts einfallen. Vielleicht war ja genau dies sein Problem: Dass er mit seinen 43 Jahren meinte, er müsse alles reifer, ausgefeilter, geschliffener machen als vor zehn Jahren. Und eben dies bekam er nicht hin.

Also schwärmte er Corinna Uhl noch ein wenig von den Seefahrerfilmen und Romanen vor, die er so liebte, in der vagen Hoffnung, dass vielleicht von ihr der Anstoß käme, wenn ihm so sehr der Sinn nach Abenteuern auf hoher See stünde, solle er sich doch anschließen. Aber natürlich geschah nichts dergleichen. Bald hatte sie ihren Espresso ausgetrunken und erklärt, gehen zu müssen, es warte noch Arbeit auf sie.

„Haben Sie eigentlich noch mal was von Jockel gehört?“, fragte sie ihn, als sie schon in der Tür stand.

Er lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, sagte er, anscheinend hält er sich bei den Damen nun etwas zurück. Jedenfalls braucht er keinen Anwalt mehr.“

„Nun ja, er ist ja auch nicht mehr der Jüngste“, zwinkerte sie Charlie zu und ließ ihn versonnen lächelnd zurück.

Die Zeitung lag vor ihm auf dem Schreibtisch. Charlie hatte sie sich besorgt, um sich über die Leserreise zu informieren, von der Corinna Uhl ihm erzählt hatte. Sie fand zu Ehren eines Herren namens Jean Gutswiller statt, der sich um 1860 herum aufgemacht hatte, um in Holland eine Schiffsexpedition auf die Beine zu stellen, die den Nordpol ansteuern, diesen kreuzen und auf der anderen Seite der Erdkugel in den Pazifischen Ozean schippern sollte.

Der Plan mochte aus heutiger Sicht unsinnig anmuten, tatsächlich aber waren noch bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Gelehrte davon überzeugt gewesen, dass ein solcher Wasserweg zwischen den Eismassen hindurch existierte: Dies, glaubten sie, bewirke der warme Golfstrom, von dem damals bereits bekannt war, dass er bis weit in den Norden floss. Natürlich kehrte Gutswiller von dieser Reise nicht zurück, womit er das Schicksal vieler Arktisreisender seiner Zeit teilte. Anlass, an ihn zu erinnern, war sein nun anstehender 200. Geburtstag. Einer seiner Nachfahren, der Verleger Horst Hallgarten, wollte Gutswiller im Rahmen einer Leserreise gedenken. Dazu war das holländische Segelschiff „Snooper“ gechartert worden. Insgesamt waren 20 Plätze zu vergeben.

„Da bin ich auch dabei!“

Bernd Primm pollerte mit dem wurstigen Zeigefinger seiner Rechten auf dem aufgeschlagenen Zeitungsartikel herum, noch bevor er sich gesetzt hatte. „Gerade vorhin habe ich meine Reservierungsbestätigung abgeholt.“

Charlie hatte gar nicht bemerkt, dass Primm sein Büro betreten hatte. Er erschrak kurz, dann seufzte er leicht. Er hatte gerade davon geträumt, an Deck der „Snooper“ zu stehen, die hart am Wind dem 80. Breitengrad entgegenjagte; sein Blick war gegen den Horizont gerichtet und sein rechter Arm umschloss die Schultern Corinna Uhls. Doch nun hatte ihn der Alltag wieder eingeholt.

„Ich wusste gar nicht, dass du so ein Abenteurer bist“, lächelte Charlie mit verhaltener Distanz.

„Ich bin noch viel mehr als das“, kläffte Primm heiter. Er war Busfahrer bei den Stadtwerken und darüber hinaus während der Fastnachtszeit als Wanderredner aktiv, als solcher allerdings eher berüchtigt als berühmt.

„Und dein Gazellchen kommt auch mit?“, fragte Charlie. „Gazellchen“ nannte Primm seine etwa drei Zentner schwere Geliebte.

„Bist du verrückt? Mein Gazellschen bleibt schön daheim. Was meinst du, was da für Weiber auf diesem Kahn herumlaufen – ich bin doch nicht blöd.“

Ganz schön selbstbewusst, dachte Charlie. Primm war ein untersetztes, zusammengetrunkenes Kerlchen von Anfang fünfzig. Doch mit seinem aufgequollenen Gesicht und seinen tränensackbeschwerten Augen ging er glatt als Siebzigjähriger durch. Auch sonst war er nicht gerade die Sorte Begleiter, die sich alleinreisende Damen auf Kreuzfahrten herbeisehnten.

Charlie zog die Akte heran, die er sich zu seiner Rechten bereitgelegt hatte.

„Also, was liegt an, Maitre?“, fragte Primm.

„Nichts Gutes, Bernd, nichts Gutes.“ Charlie zog eine Grimasse.

„Ja, wie?“

„Nach Ansicht des Gerichts hast du gegen das Urheberrecht verstoßen. Du darfst diese Büttenrede nicht mehr öffentlich halten, bei Zuwiderhandlung droht dir ein Ordnungsgeld in Höhe von 150 000 Euro. Außerdem musst du angeben, wann und wo du den Vortrag in den vergangenen Jahren gehalten hast, und eventuell empfangene Honorare herausgeben. Und du musst die Kosten des Verfahrens tragen.“

„Aber das ist eine Frechheit, Maitre“, echauffierte sich Primm, dessen Heiterkeit schlagartig einer tiefen Leidensmiene gewichen war. „Mein Vortrag ist doch ganz anderes als der vom Metz, viel besser vor allem, das muss man doch sehen …“

Natürlich hatte Primm unrecht. Sein Vortrag stimmte zu achtzig Prozent mit dem eines anderen Büttenredners überein, der diesen schon vor Jahren gehalten hatte. Charlie erklärte dies Primm so gelassen er konnte, wohl wissend, dass Primm es nicht verstand, beziehungsweise: dass Primm aus Prinzip beharrlich leugnen würde, dies zu verstehen.

„Und was sollen wir jetzt machen?“, fragte Primm irgendwann.

„Was wohl? Du wirst bezahlen müssen.“ Charlie sah die wachsende Sorge in Primms Gesicht.

„Aber, was ist denn mit Berufung und so …“

„Bernd, das macht doch alles nur noch teurer. Was willst du eigentlich bestreiten? Eine Berufung verursacht doch nur weitere Kosten. Mein Honorar solltest du übrigens auch nicht vergessen.“

„Aber wir sind doch Freunde …“

„Unsere Kanzlei ist sozusagen von alters her mit deinem Verein eng verbunden“, dozierte Charlie. „Natürlich vertreten wir gerne dessen Mitglieder. Das heißt aber nicht, dass wir dies auf ewig und umsonst tun. Und bei dir hat sich schon einiges angehäuft. Erst vergangenes Jahr haben wir uns um deine Führerschein-Angelegenheit gekümmert …“

„Und was hat es gebracht? Meinen Lappen bin ich trotzdem los …“

„… weil man als Anwalt nun mal nicht viel vor Gericht vorzubringen hat, wenn dem Mandanten 1,84 Promille Alkohol im Blut nachgewiesen worden sind. Jedenfalls stehen seither bereits über 2000 Euro an Honorar offen. Wir hätten schon längst ein Mahnverfahren gegen dich einleiten können, und demnächst werden wir dies wohl auch tun.“

„Wenn ich von Dr. Kayser vertreten worden wäre, wäre bestimmt alles anders ausgegangen“, murmelte Primm wie ein motziges Kind.

Damit hatte er es sich bei Charlie endgültig verscherzt. Bislang hatte er noch ein wenig Mitleid empfunden für diese laute, aber doch trotz ihrer fünfzig Jahre noch kindliche Kreatur, der man irgendwie nicht böse sein konnte. Diese letzte Äußerung aber war unverzeihlich. Dr. Kayser war Charlies Sozius und der eigentliche Grund dafür, dass er sich überhaupt mit versoffenen, zahlungsunfähigen Mandanten abgeben musste. Denn Dr. Kayser war ein hoher Funktionär in Primms Karnevalsverein, daher nahm sich die Kanzlei generöserweise auch dessen Fußvolk an, wenn dieses nach einem Rechtsbeistand verlangte. Allerdings bearbeitete Dr. Kayser diese Fälle nicht selbst, sondern delegierte sie an Charlie, während Dr. Kayser nur die Angelegenheiten der gesellschaftlich höher stehenden Vereinskameraden betreute. Charlie nahm dies klaglos hin, schließlich empfand er sich gerne als so etwas wie der „Anwalt des kleines Mannes“.

Zumindest hatte er sich dies lange Jahre eingeredet. Doch zu hören, Dr. Kayser könne es besser als er, war der Gipfel. Nicht mit ihm, nicht mehr.

„Ich sag dir was, Bernd“, intonierte er mit bedrohlicher Entschlossenheit. „Wir werden umgehend ein Mahnverfahren gegen dich einleiten, damit wir noch schnell an unser Geld kommen, bevor dich die anderen schröpfen. Denn viel zu holen dürfte bei dir eh nicht sein.“

Primm, dieser geschwätzige, vorlaute, stets anmaßende Saufaus und Krakeeler, sank schlagartig in sich zusammen und verstummte. Als er plötzlich in seiner Jacke zu kramen begann, erschrak Charlie, denn für einen Moment glaubte er, sein Mandant zöge nun eine Schusswaffe, um erst ihn und dann sich selbst zu töten – von derartigen Verzweiflungstaten las man doch öfter.

Doch Primm zog nur ein Kuvert hervor, legte es auf den Schreibtisch und schob es zu ihm hin.

„Hör mal, Maitre“, wimmerte er. „Wie wär’s, wenn ich dir meine Seereise abtrete? Das wär doch was für dich, oder? Die ist rund 3000 Euro wert. Dafür sind meine Schulden bei dir erledigt und du regelst für mich den Kram mit dem Metz so gut du kannst, okay?“

Charlie sah das Kuvert auf sich zugleiten, und vor seinem inneren Auge öffneten sich erneut das Meer und der weite Horizont, und er stand wieder an Deck der „Snooper“ und hielt Corinna Uhl im Arm.

Dr. Kayser kokettierte gelegentlich damit, dass er „eigentlich“ zur Generation der „68er“ gehöre. Charlie versuchte sich dann stets, diesen kleinen, nicht mehr ganz schlanken, aber immer noch sehr flinken Glatzkopf als langmähnigen Demonstranten vorzustellen, Backsteine werfend, Wasserwerfern trotzend, Marihuana rauchend und Gruppensex praktizierend – doch nichts davon mochte recht Gestalt annehmen, und tatsächlich wollte Dr. Kayser ja auch gar nicht so sehr und in allen Einzelheiten mit den Klischees konfrontiert werden, die den „68ern“ so anhafteten. Er wollte sich lediglich als Angehöriger eines Jahrgangs verstanden wissen, der noch Ideen und Ideale hatte und sich dafür auch engagiert hatte; welche und wofür genau, definierte er nicht, vermutlich wusste er es selbst nicht mehr, doch vergaß er nie zu betonen, dass sich seine Generation dadurch deutlich von der nachfolgenden unterscheide. Diese nämlich war seiner Meinung „gesichts- und konturlos“. Zwar war sie zahlenmäßig die stärkste der Nachkriegsgeschichte, doch hätte sie nicht eine einzige große Persönlichkeit hervorgebracht. Das Nachrichtenmagazin, das Dr. Kayser auch nur für seriös erachtete, wenn es ihm gerade in die Argumentation passte, habe diese „Trantüten“ bezeichnenderweise mal als die „Generation Guido“ bezeichnet, nach dem Politiker, der deswegen so typisch für sie sei, weil er nur dynamischen Dampf abließe, das passe schon irgendwie …

Wahrscheinlich wollte Dr. Kayser damit nur ausdrücken, dass Charlie die Verachtung, die er für ihn empfand, nicht persönlich zu nehmen brauche. Daher ärgerte sich Charlie auch nicht weiter darüber, zur gesichts- und konturlosen „Generation Guido“ gezählt zu werden. Er wusste allerdings auch, dass es Dr. Kayser gewesen war, der damit angefangen hatte, ihn hinter seinem Rücken „den dicken Mann“ zu nennen. Charlie hatte es längst mitbekommen, weil er gute Ohren hatte und sich die wichtigtuerische Frau Schmieder im Vorzimmer einbildete, leiser zu reden als sie es tatsächlich tat. Doch auch den „dicken Mann“ sah er Dr. Kayser nach. Denn es ließ sich nun einmal nicht leugnen, dass Charlie in den vergangenen Jahren ein wenig füllig geworden war, wenngleich auch nicht unförmig dick, eher kräftig, oder, wie er im Scherz oft sagte, „vollschlank“. Außerdem hieß er Diekmann mit Nachnamen, da bot sich so ein dummes Wortspiel halt an. In seiner Kindheit hatten sie ihn sogar „Dicki“ gerufen und das, obwohl er damals noch kein bisschen dick gewesen war.

Aber dass Dr. Kayser einfach nicht aufhören wollte, Zeitung zu lesen, selbst nachdem Charlie bereits in sein Büro getreten war, vor dem Schreibtisch Platz genommen, ihn angesehen und sich sogar schon geräuspert hatte – nein, das war nun doch zu herablassend. Auch das sollte, musste sich ändern. Noch nicht jetzt, aber bald.

Nein, in Kürze.

Vielleicht sogar schon, wenn er gleich den Urlaubswunsch äußerte, den er äußern wollte, um das Primmsche Ticket zu nutzen und mit Corinna Uhl gen Norden aufzubrechen.

„Sagen Sie mal“, begann Dr. Kayser endlich, ohne freilich von der Zeitung aufzublicken, „sind Sie sich des Mistes eigentlich bewusst, den Sie da verzapft haben?“

Charlie schluckte. „Des Mistes“, hatte Dr. Kayser gesagt. Dr. Kayser war ein Mensch, der den Genetiv noch pflegte. Aber was für einen Mist Dr. Kayser meinte, war Charlie nicht ganz klar. Noch nicht. Wenigstens erkannte er jetzt, dass sein Sozius sich gerade mit Corinna Uhls Zeitungsartikel beschäftigte, zu dem er die Hintergrundinformationen geliefert hatte.

„Mist?“, fragte er daher.

„Sie ziehen die RheinHeim in den Dreck, was ja an und für sich nicht so schlimm wäre. Aber Sie lassen sich dabei auch noch namentlich nennen, und das ist ja wohl unter aller Kanone.“

„Es geht um meine Wohnung und die unmöglichen Zustände, die dort herrschen und die die RheinHeim zu verantworten hat. Das ist meine Privatsache. Was zum Teufel kümmert die RheinHeim unsere Kanzlei? Die lassen sich doch von Duisberg vertreten.“ Charlie fand, dass es sich gar nicht einmal schlecht anhörte, wie er gerade auftrat. „Und ich habe überhaupt kein Problem, mit meinem Namen dafür einzustehen, wenn ich berechtigte Kritik hervorzubringen habe“, schickte er fast schon übermütig hinterher. Damit dieser Alt-68er mal sah, dass auch die „Generation Guido“ über Rückgrat verfügte.

Dr. Kayser seufzte. Noch beleidigender war, wie er sich anschließend in seinem Sessel vorbeugte, Charlie mit einem treudoofen Augenaufschlag bedachte und ihn dann mit sanft mitleidigem Schmelz in der Stimme ansprach, als rede er mit einem Schwachsinnigen: „Wie lange sind Sie nun schon bei uns?“

„Fast fünfzehn Jahre“, sagte Charlie.

„Und wessen Sohn sind Sie?“

„Der meines Vaters“, raunte Charlie, denn es war ihm zu blöd, den Namen seines Vaters zu nennen. Dr. Kayser ließ ihn immer mal spüren, dass er ihn auch deswegen verachtete, weil Charlie nur seines Vaters wegen ein Platz in dieser Kanzlei zuteilgeworden war.

„Und wer war bis in die siebziger Jahre der Sozius Ihres Vaters?“

Charlie stockte der Atem. Eine unangenehme Ahnung beschlich ihn. „Duisberg?“, fragte er vorsichtig.

Dr. Kayser nickte sanft.

„Aber das ist doch eine Ewigkeit her“, wehrte sich Charlie.

„Nicht ganz. Wissen Sie, wer die RheinHeimvor dieser Ewigkeit vertreten hat, als Duisberg noch Sozius Ihres Vaters war?“

Charlie schluckte erneut, abermals ahnte er Schlimmes. „W…Wir?“

Wieder nickte Dr. Kayser sanft. „Duisburg hat den Mandanten mitgenommen, als er ausstieg.“

„Aber, da sehe ich immer noch keinen Grund …“, beharrte Charlie tapfer.

„Moment noch“, flüsterte Dr. Kayser fast zärtlich. „Wissen Sie, wer den Architekten vertrat, mit dem die RheinHeim den Vergleich schloss, welchen diese Frau Uhl als ‚undurchsichtig‘ bezeichnet und welcher die angebliche Ursache dafür ist, dass Sie bedauernswerte Kreatur wiederholt von Wasserflecken an Ihrer Küchenwand heimgesucht werden?“

Charlies Nase begann zu jucken. Hastig zupfte er zwei, drei Mal daran. „D…Duisberg?“, stotterte er.

Dr. Kayser schüttelte den Kopf, lächelte aber gütig. „Ihr Vater.“

Charlie sehnte sich nach einer Falltür, die sich gerne unter ihm hätte auftun dürfen.

„Wissen Sie, wer mir heute Morgen deswegen schon die Hölle heiß gemacht hat?“, fragte Dr. Kayser weiter.

„D ... Duisberg?“

„Thiel“, korrigierte Dr. Kayser.

„Thiel“, fauchte der dicke Mann verzweifelt, „Thiel ist doch ein Idiot.“ Thiel war der Geschäftsführer der RheinHeim.

„Menschen wie Hans-Günther Thiel sind die Grundpfeiler unserer Demokratie“, widersprach Dr. Kayser, abermals ganz sanft.

Charlie kicherte verächtlich.

Dr. Kayser hob belehrend den rechten Zeigefinger. „Denn sie sehen scheiße aus, sind blöd und haben nichts Gescheites gelernt. Dennoch können Menschen wie Hans-Günther Thiel in unserem Gemeinwesen zu Position und Ansehen kommen: Weil sie das richtige Parteibuch haben. Damit hängen sie jahrzehntelang im Stadtrat sowie in Stadtrats- und Parteiausschusssitzungen herum, klatschen wie wild auf Wahlkundgebungen, kleben Plakate, sammeln Parteispenden, chauffieren ihre betrunkenen Spitzenkandidaten nach Hause und helfen deren Fehltritte vertuschen, bis die Parteispitze eines Tages auf sie zukommt und sagt, jetzt ist es so weit, wir machen dich zum Geschäftsführer einer stadtnahen Gesellschaft, du hast es verdient. Unser Land braucht politische Parteien, und die brauchen solche willfährigen Geister. Was soll aus unserer Demokratie werden ohne Menschen wie Hans-Günter Thiel, die allen scheiße aussehenden Parteisoldaten dieses Landes unentwegt im Geiste zurufen, auch ihr könnt es schaffen?“

Charlie kicherte demonstrativ und beifällig, hoffte, Dr. Kayser dadurch zu beschwichtigen. Denn bei aller Geringschätzung, die Dr. Kayser für ihn emfand: Er gehörte zu den wenigen, denen gegenüber Dr. Kayser auch mal zynisch werden durfte. Denn im Karnevalsverein verstand man sich auf einen solch bösartigen Humor nicht, im Rotary-Club nur bedingt, den Mandanten gegenüber war er ebenfalls so gut wie nie angebracht und bei der Familie daheim erst recht nicht.

Doch auch das demonstrativ-beifällige Kichern half nicht. Dr. Kaysers Miene blieb unbewegt. So lange, bis jede aufgesetzte Heiterkeit aus Charlies Gesicht verschwunden war.

„Und jetzt?“, fragte Charlie schließlich.

„Was halten Sie davon“ – Dr. Kayser atmete noch einmal tief durch – „wenn Sie erst einmal ein paar Wochen Urlaub machen?“

II

„Er dachte an die See immer als an la mar, so nennt man sie auf spanisch, wenn man sie liebt. Manchmal sagt einer, der sie liebt, böse Dinge über sie, aber er sagt es immer, als ob es sich um eine Frau handele.“

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Der größere Eisbär legte die tote Ringelrobbe vor seinem kleineren Artgenossen ab. Dieser nahm sie mit dem Maul auf und trug sie ein paar Meter weiter nach hinten, wo, von Felsen geschützt, zwei junge Eisbären lagen. Natürlich war der dicke Mann, wie alle naiven Naturbeobachter, versucht, menschliche Gemütszustände in die Körpersprache dieser Tiere zu interpretieren. Er – der größere musste ja wohl das Männchen sein – wirkte zögerlich, ein wenig widerwillig sogar, als er seine Beute vor ihr – dem Weibchen – ablegte. Offenbar hatte sein Pflichtgefühl gerade noch so über den egoistischen Trieb gesiegt, die Robbe selbst zu verputzen. Die Eisbärendame indes würdigte den Ernährer ihrer Familie keines Blickes. Sie dachte nur an ihre Brut.

Szenen einer Ehe, live und exklusiv im Eispalast zu Spitzbergen.

Der dicke Mann rändelte an Hohls Fernglas herum, um ein schärferes Bild von dem Schauspiel zu bekommen. Dabei schmunzelte er, und einmal mehr hätte es ihn eigentlich erschrecken müssen, dass er schmunzelte. Er war noch immer mutterseelenallein in dieser Wildnis, seine Lage war nach wie vor trost- und hoffnungslos, er hatte immer noch keine Ahnung, wie viele Kilometer er bereits hinter sich hatte und wie viele noch vor sich. Seine Knie schmerzten, seine Füße schmerzten, sein Mund war trocken, seine Lippen sahen aus wie aufgeplatzte Würste, und er folgte nichts anderem als der kindisch einfachen Idee, dass, wenn er lange genug die Küste entlang Richtung Süden lief, er irgendwann an eine bewohnte Siedlung gelangen musste. Mehr sah sein Überlebensplan nicht vor.

Er hatte also nichts zu schmunzeln.

Doch er beobachtete Eisbären mit dem Fernglas und fühlte sich gut dabei. Eisbären waren die gefährlichsten Raubtiere der Welt, bis zu sechzig Kilometer pro Stunde schnell. Der da drüben konnte also innerhalb weniger Sekunden bei ihm sein und ihm den Garaus machen. Auch sonst wirkten diese Viecher in natura nicht annähernd so putzig wie in Kinderbüchern. Eine zweieinhalb Zentner schwere Bartrobbe erledigte der weiße Riese mit einem einzigen Prankenhieb. So ein dickes Menschenwesen, das nur unwesentlich weniger wog, würde ihm kaum mehr Arbeit machen. Dennoch lag der dicke Mann ungerührt im Moos und fand dies alles total faszinierend. Wollte er einfach nicht begreifen, dass er hier nicht zu Hause in seinem Fernsehsessel hing und den Discovery Channel glotzte? Musste ihm dieses Ungeheuer erst seine Krallen durchs Gesicht ziehen, bis er begriff? Die Viecher fraßen doch am liebsten Fett, und wenn er etwas im Überfluss hatte, dann das.

Trotzdem mochte er die Augen nicht von der Eisbärenfamilie nehmen. Möglicherweise wurde er ja gerade Zeuge einer tierkundlichen Sensation. Eisbärenmännchen galten nämlich als Einzelgänger. Nur zwischen März und April lebten sie in Zweierbeziehungen, und diese Zeit nutzten sie logischerweise, um ihre Nachkommen zu zeugen. Das war äußerst unromantisch, hatte aber was für sich, fand der dicke Mann mit seiner Lebenserfahrung von nunmehr über vierzig Jahren.

Dieser Eisbär jedoch versuchte sich als Ernährer einer vierköpfigen Familie, wenn auch, so hatte es den Anschein, nicht gerade mit Begeisterung. Die beiden Jungen schätzte der dicke Mann auf etwa anderthalb Jahre, da konnte er sogar einigermaßen sicher sein, denn kleine Eisbären kamen, das hatte er gelesen, fast immer im Januar zur Welt. Diese hier waren schon zu groß, als dass es ihr erster Sommer sein konnte, und da Eisbärenweibchen mit ihrem Nachwuchs nie öfter als zwei Mal überwinterten, hatte seine Schätzung Hand und Fuß.

Männchen aber machten nie so lange in Familie. Normalerweise.

Andererseits hieß es, dass über Eisbären längst noch nicht alles erforscht sei. Was eigentlich ein Wunder war in dieser allumfassend aufgeklärten Gegenwart. Auch dass dieses Weibchen mit seinem Nachwuchs in der nordwestlichen Ecke Spitzbergens lebte, entsprach nicht unbedingt allgemeingültigen Erkenntnissen. Steve hatte erzählt, dass Eisbären meist auf King Karls Land oder im Nordosten ihre Jungen zur Welt brachten, weil es dort mehr Eis gab, denn mehr Eis bedeutete mehr Robben und Robben bedeuteten Frischfleisch. Außerdem bot das Eis den Weibchen die Möglichkeit, Höhlen zu graben, in denen sie den Winter bis zu ihrer Niederkunft verbrachten und anschließend ihre Brut stillten.

Nun – dass sie von King Karls Land kamen, war ja nicht auszuschließen. Womöglich war die kleine Familie in der kurzen Zeit ihres Bestehens schon sehr weit gewandert. War sie vielleicht deswegen hier, weil es in diesem Jahr mehr Eis als sonst in dieser Region gab? Die Crew der „Snooper“ hatte davon erzählt.

Das Eisbärenweibchen weilte weiter bei seinen Jungen und hatte für seinen Ernährer keinen Blick übrig. Der glotzte eher lethargisch vor sich hin, reckte ab und zu mal die Schnauze in die Luft, und eigentlich hätte sich der dicke Mann Sorgen machen müssen, dass das Tier gerade seine Witterung aufnahm. Aber er betrachtete sich den wilden Gesellen ungerührt weiter und mit unverhohlenem Amüsement. Er glaubte, ihn nur zu gut verstehen zu können, diesen geplagten Familienvater, für dessen Bedürfnisse sich niemand interessierte. War es ihm nicht auch so ergangen, als das Kind plötzlich da war? Und hatten die Gelehrten des Mittelalters nicht geglaubt, dass der Bär der nächste Verwandte des Menschen sei, damals, als sie noch keine Affen kannten?

Der dicke Mann musste an den Loriot-Cartoon denken, in dem im Vordergrund dieses knollnasige Männchen auf einem Sessel kauerte, das, wie es ständig betonte, „einfach nur hier sitzen“ wollte, während seine unentwegt plappernde Gemahlin im Hintergrund ihn fortwährend mit Ideen terrorisierte, was er alles unternehmen könne: „Möchtest du etwas lesen?“ – „Möchtest du spazieren gehen?“ – „Soll ich dir Hut und Mantel holen?“ Dabei wollte die arme Kreatur nur in ihrem Sessel sitzen. Der kleine Sketch schloss mit der klagenden, fast schon gequält klingenden Ankündigung des Mannes: „Ich bringe sie um. Morgen bringe ich sie um.“

Seit seiner Jugend hatte der dicke Mann diesen Cartoon immer wieder gesehen. Vor allem in den dritten Programmen wurde er öfter wiederholt, und jedes Mal amüsierte er sich köstlich über die liebevoll gezeichneten, knollnasigen Figuren. Vor ein, zwei Jahren aber hatte er eine der ungezählten Wiederholungen betrachtet – und plötzlich fand er sie gar nicht mehr lustig. Entsetzt erkannte er, dass das knollnasige Männchen, über das er sich sein halbes Leben so amüsiert hatte, wie es da in seinem Sessel saß, so sinnleer vor sich hin glotzend, so hilflos dem alltäglichen Terror seiner Lebensgefährtin ausgesetzt, so einfältig klagend, so unfähig, sich zu wehren und so lächerlich – dass diese jämmerliche Kreatur im Grunde doch er selbst war!

Lange schon, viel zu lange schon war sein Leben an Maggies Seite genau so abgelaufen, und er war zu eben dieser knollnasigen Karikatur geworden. Er begann, darüber zu grübeln, wie er das ändern konnte, aber er fand keinen Ansatz.

Seine Beziehung mit Maggie endete dennoch. Immerhin hatte er den Anstoß zur Trennung gegeben, doch, doch, die Initiative war von ihm ausgegangen, das konnte, das durfte er sich zugutehalten.

Wie nahe dieser Eisbär freilich am Ende seiner eheähnlichen Beziehung stand, war schwer zu sagen. Es war, wie gesagt, für seine Art schon merkwürdig genug, dass er, wenn auch unlustig, überhaupt einem Weibchen zwei Mäuler von anderthalb Jahren stopfen half.

Erneut hob das Tier die Schnauze in die Luft.

„Du solltest jetzt wirklich mal langsam sehen, dass du hier wegkommst“, hörte der dicke Mann plötzlich eine Stimme sagen.

Er fuhr zusammen. Fast fiel ihm das Fernglas aus den Händen. Er blickte auf, blinzelte in die Sonne. Dabei stand ihm der Mund offen, was ihn ziemlich blöd aussehen ließ.

Charlie hielt einen Moment inne, um in Ruhe das Bild dieses Mannes aufzunehmen, der sich vor ihm erhob. Breitbeinig stand er auf dem Achterdeck der „Snooper“, ein wenig versetzt hinter dem riesigen Steuerrad. Er blickte himmelwärts die Takelage empor, die Hände in die Seiten gestemmt, die Zähne gebleckt, um die Seeluft genussvoll und wie prüfend einzusaugen. Ein dichter, aber gepflegter Oberlippenbart unterstrich die männlich scharf geschnittenen Züge seines Gesichts, das nicht ganz ebenmäßig war: Ein Auge schien ein wenig größer als das andere, und sein Mund war etwas schief geraten. Unter seinen Augen deuteten sich bereits Tränensäcke an, doch ansonsten barst der Mann vor Kraft und Tatendrang.

Ein ganzer Kerl, dachte Charlie. Den hätte nicht einmal die lächerliche, rotweiß gestreifte Bux verunstaltet, die Burt Lancaster in „Der rote Korsar“ getragen hatte. Dieses Mannsbild war jedoch – selbstverständlich – mit Outdoor-Designerware bekleidet, wie sie in hochglänzenden Spezialmagazinen angeboten wurde.

„Sie sind bestimmt der Käpt’n“, rief Charlie, als er auf ihn zuging. Er ging zwar davon aus, dass er es mit einem Holländer zu tun hatte, denn wie er gelesen hatte, stammten Schiff und Crew aus den Niederlanden. Doch des Holländischen war er nun mal nicht mächtig, aber fast alle Holländer sprachen ja, soweit er wusste, Deutsch.

„Käpt’n?“ Durch die gebleckten Zähne hindurch erschallte ein Lachen. „Nein, ich bin kein Käpt’n, ich bin Hauptmann“, antwortete das imposante Mannsbild in absolut akzentfreiem Deutsch. „Also dasselbe eigentlich, aber zu Land. Im Moment aber habe ich Urlaub.“ Er hielt Charlie seine kraftstrotzende Rechte hin. „Hohl.“

Charlie schaute zunächst irritiert, dann dämmerte ihm, dass dies wohl der Name des urlaubenden Hauptmannes war. Er ergriff die Hand und stellte sich vor.

„Ist das nicht phantastisch hier?“, lachte der Soldat. „Die Reise hat mir ein Kamerad vermittelt, der mit seiner Frau ebenfalls an Bord ist. Ich weiß gar nicht, wie ich ihm dafür danken soll.“

Da auch Hauptmann Hohl das Gespräch nicht weiter vertiefen wollte, wandte Charlie sich ab, um seine ersten Schritte an Bord dieses Segelschiffes zu tun und alles auf sich wirken zu lassen. Es schaukelte weit weniger, als er gedacht hatte, was daran liegen mochte, dass man ja noch vor Anker lag, im Hafen von Longyearbyen, im Adventfjorden, wo bestimmt nicht so viel Seegang war wie auf dem offenen Meer. Seine Seefestigkeit würde er also noch beweisen müssen.

Das Deck mochte etwa vierzig Meter lang sein. Im Moment mutete es noch sehr geräumig an, doch bei dem Gedanken, dass sich zwanzig Passagiere und eine fünfköpfige Crew darauf nun zehn Tage lang bewegen sollten, relativierte sich seine Größe schnell. Das Steuerrad auf dem Achterdeck, das sich hinter dem Deckshaus erhob, sah nicht ganz so aus wie in den Seeräuberfilmen, aus denen Charlie bislang sein Wissen über die christliche Seefahrt geschöpft hatte. Es war größer und aus Metall, und am Rad befanden sich nicht diese hölzernen Griffe, die die Steuerleute in den Abenteuerstreifen auch schon mal aus ihren Halterungen zogen, um damit Schläge zu verteilen. Ebenso barg das Deck eine kleine Enttäuschung: Charlie wandelte nicht über Holzplanken, wie Käpt’n Ahab mit seiner aus Walfischknochen gefertigten Beinprothese, sondern über Stahl.

Dafür bot der Blick das Tauwerk und die Masten hinauf vollen romantischen Charme. Fast dreißig Meter war der hintere Mast hoch, und daran, dass er etwas höher war als der vordere, erkannte Charlie, dass es sich um einen Zweimastschoner handelte.

Wie ein solcher aussieht, hatte er sich im Flugzeug angelesen.

Kaum sieben Stunden war Charlie in der Luft gewesen, in drei Etappen allerdings. Auf der Strecke Tromsø–Longyearbyen war das Flugzeug nicht mal zu einem Drittel voll, und das mitten in der Hochsaison. Ein Zeichen dafür, dass er im Begriff war, die menschliche Zivilisation mit ihren übervollen Urlaubsfliegern zu verlassen, und diese Vorstellung hatte ihm ein wohliges Kribbeln im Magen verschafft. Beherrscht wurde der Passagierraum von einer Gruppe wohltrainierter, sehr „outdoor“-lüstern wirkender junger Menschen, die lautstark eine Runde überteuertes Bier nach der anderen orderten. Anscheinend stießen sie auf die bevorstehende Trekking-Tour an.

Nun also war er angekommen, befand sich an Bord der „Snooper“, in Longyearbyen, gerade mal elfhundert Kilometer vom Nordpol entfernt.

Umso verblüffender war es, wie wenig Eis zu sehen war. Nur die Bergspitzen in der Ferne waren mit Eis bedeckt, die Siedlung selbst wurde hauptsächlich von roten Schutthängen umrahmt. Charlie hatte den kargen Ort mit seinen Holzhäusern und wenigen Straßen in den vergangenen Stunden nahezu komplett abgeschritten, und er war froh, ihn bald wieder verlassen zu dürfen. Die Nacht, in der es um diese Jahreszeit keine Dunkelheit gab, hatte er in einem „Gjestehus“ verbracht, das früher mal ein Quartier für Bergarbeiter gewesen war.

In dieser ersten Nacht seines Lebens, in der es keine Dunkelheit gab, hatte er natürlich nicht schlafen können. Verwunderlicherweise verfügten die Zimmer des „Gjestehus“ über keine Rolläden, nur über ockergelbe Vorhänge, mit denen sie sich kaum verdunkeln ließen. Doch war Charlie sich nicht einmal sicher, ob es wirklich daran lag, dass er keinen Schlaf fand. Es war diese Unruhe, die er immer deutlicher spürte: Etwas geschah mit ihm, etwas änderte sich gerade in seinem Leben. Oder sollte sich ändern. Oder musste sich ändern.

Denn wie sonst waren die ganzen Zufälle zu erklären, die sich in den vergangenen Wochen aneinandergereiht hatten, um ihn hierherzuführen: Erst erzählte ihm Corinna Uhl von dieser Segelreise, dann nötigte ihm der Wanderredner Primm förmlich die Tickets dafür auf, und schließlich beurlaubte ihn Dr. Kayser, bevor er selbst nach freien Tagen ersucht hatte. Natürlich konnte es nichts Menschliches, nichts mit dem Verstand Erklärbares sein, was diese merkwürdige Kette von Zufällen zusammengefügt hatte.

Doch was war es dann? Gott? Der Teufel? Das Schicksal? Sein Schicksal?