Verlag: Psalm 96:3 Press Kategorie: Religion und Spiritualität Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Der Duft Der Hingabe - April Geremia

„Die Reise der Hauptfigur ist beschwerlich und von intensiven Gefühlen geprägt. Ich empfehle dieses Buch Lesern, die bewegende Worte lieben. Allerdings muss ich eine Warnung aussprechen: Wenn man einmal angefangen hat, zu lesen, möchte man dieses Buch womöglich bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen, so gut ist es.“ Marlene Bertrand„Wir alle müssen uns im Leben Herausforderungen stellen und manchmal können diese uns übermächtig erscheinen. Das kann dazu führen, dass wir alles um uns herum in Frage stellen, auch unseren Glauben an Gott. Wenn das geschieht, wissen wir nicht, an wen wir uns wenden oder was wir tun sollen. April Geremia spricht all diese Probleme und mehr in ihrem wunderschönen Buch an, das sowohl interessant als auch inspirierend ist. Die Figuren lassen uns über unser eigenes Leben nachdenken und darüber, was wir tun würden, wenn wir eine Glaubenskrise hätten. Der Stil ist schön und so anschaulich, dass ich am liebsten immer weitergelesen hätte. Es kam mir so vor, als hätte sich die Geschichte tatsächlich zugetragen, und die Auflösung schenkte mir ein Gefühl des Friedens. Es ist ein gut geschriebener christlicher Roman mit interessanten Figuren. Ich kann nur sagen, dass die Lektüre mich dazu gebracht hat, über mich und mein Leben neu nachzudenken.“ Jean, Amazon„April Geremia hat eine wunderbare Geschichte voll anschaulicher Details ersonnen, die einen mit jeder Zeile tiefer in die Handlung hineinzieht. Die Autorin schafft Bilder vor dem geistigen Auge des Lesers, die es ihm erlauben, alle Gefühle der Figuren zu erkennen und nachzuempfinden.“ Reader’s Favorite?Ein tragisches Leben. Die Suche nach dem Glauben. Und ein lebenslanges Geheimnis.Gabriellas Leben ist erfüllt von tragischen Ereignissen. Dazu gehört auch das Geheimnis, warum ihre Eltern eines Nachts verschwanden und ihre kleine Tochter allein zurückließen. Nach dem Tod ihres Ehemannes zieht sie mit ihrem

Meinungen über das E-Book Der Duft Der Hingabe - April Geremia

E-Book-Leseprobe Der Duft Der Hingabe - April Geremia

Weitere Bücher von

April Geremia:

(demnächst auch auf Deutsch erhältlich)

––––––––

„The Leap of Forgiveness“

(Arbeitstitel: „Der Sprung der Vergebung“)

Souls of the Sea: Book 2

(„Seelen der See“, Band 2)

––––––––

„The Irrationality of Poetry“

(Arbeitstitel: „Die Unvernunft der Poesie“)

Souls of the Sea: Book 3

(„Seelen der See“, Band 3)

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Der Duft der Hingabe

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Teil zwei:

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Epilog

Über die Autorin

Widmung

Für meine Familie – für diejenigen, die uns verlassen haben, um bei unserem Herrn zu sein, für diejenigen, die uns nahe bleiben, und für jene, die das Schicksal in die Ferne geführt hat. Ich liebe euch alle und kann mir mein Leben ohne euch nicht vorstellen.

Prolog

––––––––

Gabriella verstand selbst kaum, was sie nun tun würde. Schließlich war sie nicht gläubig. Sie konnte nicht wissen, dass die himmlischen Heerscharen zugegen waren und sie leise mahnten, das Gebet zu sprechen, das jenen Plan in Gang setzen würde, der schon vor Anbeginn der Zeiten festgelegt worden war. Es gab für sie keine Möglichkeit, zu ermessen, was es bedeutete, das Leben des eigenen Kindes Gott und Seinem Plan anzuvertrauen. Sie konnte die quälende Pein der Ungewissheit nicht vorhersehen, die schmerzliche Aufgabe des eigenen Willens, die unvorstellbare Lockerung ihrer Umarmung. Dieses schreckliche, unerbittliche Loslassenmüssen.

Nein, das Einzige, woran Gabriella in diesem Moment denken konnte, war das Leben ihres einzigen Sohnes. Der Regen traf ihre Haut so hart, als wollte er sie bestrafen, und sie fühlte das Drängen unsichtbarer Kräfte. Ein Windstoß zwang sie mit Nachdruck auf die Knie. Ihre Seele begriff und Tränen strömten über ihre Wangen.

„Gott, wenn Du wirklich da bist“, wisperte sie, „bitte, nimm mir nicht meinen Sohn.“

Sie hielt inne und versuchte, die Panik zu bezwingen, die sie zu überwältigen drohte. Der Wind drückte sie weiterhin zu Boden. Sie schluckte schwer und hob die Augen zum Himmel. In ihrer Verzweiflung würde sie alles tun, wenn Sammy nur leben könnte. Sogar diesen Gott anflehen, den sie zu hassen gelernt hatte. „Wenn Du meinen Sammy verschonst, verspreche ich, seine Zukunft in Deine Hände zu legen. Ich gelobe Dir: Wenn Du ihn am Leben lässt, werde ich ihn Dir zurückgeben.“

Und so geschah es.

Kapitel 1

––––––––

Drei Monate zuvor

Gabriella stellte sich so nah an den Rand der Klippe, wie es nur möglich war, ohne in den hundert Meter tiefen Abgrund zu stürzen. Dann blickte sie auf die zerklüfteten Felsen, die nach unten hin abfielen, bis sie jäh in die wogende, blau-grüne See eintauchten.

Sie atmete ein, fand ihr Gleichgewicht und hob den Blick zum Himmel mit all seinen scheinbar unergründlichen Geheimnissen. Sie reckte die Arme nach oben, die Fäuste fest geballt, und atmete aus. In solchen Momenten – wenn sie die See, die Welt, sogar den allmächtigen Gott herausforderte, sie zu vernichten – fühlte sie sich am lebendigsten. Nur hier, einen winzigen Schritt vom Tod entfernt, spürte sie, wie sich das Leben in ihr regte.

Es war nicht immer so gewesen.

Vor fünf Jahren war Gabriella noch glücklich. Sie war mit Nicolas verheiratet und Mutter eines kleinen Sohnes, der Licht in ihr Dasein und das ihres Mannes brachte. Sie führte ein angenehmes Leben, das sie zwar nicht ganz, jedoch beinahe ausfüllte, zumindest in dem Maße, wie man es auf dieser Welt erwarten konnte.

Gabriella lernte Nicolas in dem Jahr nach ihrem Collegeabschluss kennen. Sie war die Adoptivtochter einer armen Einwanderin – ihrer Tante –, er der geliebte Sohn eines älteren Ehepaares, das noch in späten Jahren einen Sohn bekommen hatte. Sie beide, der lässige, durch und durch amerikanische junge Mann und die feurige lateinamerikanische Immigrantin, waren ein Musterbeispiel für Gegensätze. Er sah ungewöhnlich und dabei attraktiv aus: Er war gut gebaut, hatte lockiges blondes Haar, wie man es sonst hauptsächlich bei Kindern sieht, und sanfte grüne Augen, bei deren Blick man überrascht feststellte, dass man sich wohlfühlte. Gabriella dagegen war zierlich. Ihre feinen Gesichtszüge hoben sich gegen die blauschwarze Haarmähne ab, die ihr bis weit über den Rücken fiel. Das Gesicht war nicht schön, noch nicht einmal hübsch, aber es ließ eine Unergründlichkeit erahnen, die in den Menschen den Wunsch erweckte, sie zu durchdringen und herauszufinden, wer Gabriella war.

Die folgenden Jahre waren angefüllt mit frischgebackenem Apple Pie und Tamales, lateinamerikanischen Quinceñeras und amerikanischen Sweet-Sixteen-Feiern, mit Festen, auf denen Kinder nach Äpfeln angelten und Piñatas mit bunt umwickelten Besenstielen zertrümmerten. Das multikulturelle Familienleben war geprägt von Liebe, Wärme und einer Leichtigkeit, in deren Genuss nur wenige Menschen kommen.

Doch das war vor über drei Jahren, bevor sie und ihr Sohn nach Rendición zogen, einem kleinen Dorf auf einer abgelegenen Insel in Lateinamerika, an der die Zeit scheinbar spurlos vorübergegangen war. Danach wurde alles anders, und an mehr Tagen, als sie zugeben wollte, hing sie buchstäblich am Rand der Klippe und suchte nach einem Grund, sich nicht fallen zu lassen. Sie starrte auf die endlose Weite des blaugrünen Wassers und fühlte, wie die altbekannte Sehnsucht in ihrem Innern anschwoll und sich Gehör zu verschaffen suchte. Gabriella wollte so gern an den Ort und in die Zeit zurückkehren, bevor alles so schrecklich schiefgelaufen war. Doch es war unmöglich. Sie würde nie wieder dort sein, wo sie gelebt hatte, ohne zu ahnen, wie grausam das Leben sein konnte.

Diese Wahl zwischen Leben und Tod, zwischen dem Sturz von der Klippe und dem Versuch, innezuhalten und in ihrem verpfuschten Leben einen Sinn zu sehen, gab ihr Halt. Ihr war es überlassen, was als Nächstes geschehen würde, ihr und nicht dem Zufall. Und weil sie so lange keine Kontrolle mehr über ihr Leben gehabt hatte, war sie berauscht von dem Gedanken, dass sie selbst entscheiden konnte. Aber Sammy, ihr zehnjähriger Sohn, verkomplizierte die Sache.

Der einfachste Ausweg würde darin bestehen, ins Nichts zu fallen, nach dem sie sich so sehr sehnte. Doch das würde sie Sammy niemals antun. Er brauchte sie, liebte sie immer noch, obwohl sie sich schon vor so langer Zeit gefühlsmäßig von ihm entfernt hatte. Und wer, wenn nicht sie, wüsste besser, wie wichtig die Familie für ein Kind war!

Bevor Gabriella Nicolas heiratete, hatte sie keine Familie gehabt, keine richtige, so wie sie es sich immer erträumt hatte. Als sie noch sehr klein war, hatten ihre Eltern sie von einem auf den anderen Tag verlassen. Sie hatte ihren Weg durchs Leben allein finden müssen, nur geführt von einer genervten und gefühlsarmen Tante, die quälende Jahre lang immer wieder unwillig gemurmelt hatte, dass sie keine andere Wahl gehabt hätte, als das Kind ihrer Schwester aufzunehmen, denn schließlich wäre sie ja die einzige noch lebende Verwandte.

Und so hatte sich Gabriella zeit ihres Lebens an die wenigen frühen Erinnerungen geklammert, die sie an ihre Eltern und an das Leben in dem blassgelben Haus auf der Klippe hatte, als ihr Dasein noch hell gewesen war und nicht dunkel, angefüllt mit Lachen und nicht mit Weinen, mit Liebe und nicht mit Verlassenheit.

Und nun, während sie sich der Erinnerung hingab, schmeckte sie die salzige Luft, die der Wind landeinwärts trieb, hörte das Toben der Wellen, fühlte das Prickeln der Gischt, die die schalkhafte See sorglos ausspie. Sie dachte daran zurück, wie es gewesen war, von Wärme und grenzenloser Liebe eingehüllt zu sein und das sichere Gefühl zu haben, dass die Welt in Ordnung war. Sie wünschte, die Zeit wäre damals stehen geblieben, an jenem Ort, wo sie hingehörte, wo sie sich nichts verzweifelt wünschte und es ihr an nichts fehlte.

Doch die Zeit war nicht stehen geblieben.

Diese flüchtigen Erinnerungen, Bruchstücke ihrer Vergangenheit, stammten aus dem Lebensabschnitt, bevor ihre Eltern auf mysteriöse Weise in die Nacht hinausgingen, um niemals zurückzukehren. Oft dachte sie, es wäre einfacher, wenn sie diese glücklichen Zeiten vergessen könnte, weil sie ein klaffendes Loch in ihrem bereits gebrochenen Herzen hinterließen. Mit diesem Nicht-Wissen, dem Sich-Fragen, warum ihre Eltern ohne sie fortgegangen waren, hatte sich Gabriella immer auseinandersetzen müssen. Es war eine treibende Kraft in ihrem Leben, die mit ihr wuchs, größer wurde, höher und breiter, die immer an ihrer Seite blieb wie ein tyrannischer Schatten, der ihr unerbittlich folgte, wohin sie auch ging.

Ihre Tante hatte sich über dieses Thema ausgeschwiegen, sogar noch, als sie im Sterben lag und Gabriella sie angefleht hatte, ihr Geheimnis nicht mit ins Grab zu nehmen. Sie war dennoch hinübergeglitten und hatte das Wissen, das Gabriellas Herz zum Teil die Freiheit wiedergegeben hätte, mit sich genommen.

Das war der Grund, warum sie so sehr an Nicolas und seinen Eltern hing. Als sie ihn heiratete, bekam sie nicht nur einen Ehemann geschenkt, sondern gleichzeitig auch eine liebevolle Familie.

Sie sahen sie so, wie sie war: als jemand, der eins geliebt und angenommen wurde. Nicolas’ Eltern spürten auf irgendeine Weise, dass sie Erinnerungen an die Vergangenheit mit sich trug, die sie jedoch nicht wirklich verinnerlicht hatte, weil sie sich zu sehr davor fürchtete, sie als ihre eigenen zu betrachten. Deshalb nahmen sie sie so auf, dass sie sich nicht verweigern konnte. Langsam, nach und nach, erlaubte sie es sich, in diese andere Familie hineinzuwachsen, und bald war sie so tief mit ihr verwurzelt, dass sie vergaß, das Ende zu bedenken – diesen unausweichlichen Moment, in dem alles, wofür man lebt und was man liebt, zu einem plötzlichen Ende kommt.

Er kam an einem unglaublich nassen Morgen. Regen trieb über das Land, die Wolken hingen tief, Scheibenwischer gingen hektisch hin und her. Als die Polizeibeamten in tropfnassen Regenjacken an ihrer Tür standen, um die Nachricht zu überbringen, dass Nicolas’ Eltern tot waren – dass sie den Lastwagen, der auf der falschen Seite der rutschigen Straße auf sie zugerast war, noch nicht einmal gesehen hatten –, schalt sie sich sofort selbst, weil sie auf eine Illusion hereingefallen war. Es endete immer so, sagte sie sich. Mit dem Verlassenwerden.

Doch anstatt die Menschen loszulassen, die sie liebte, indem sie Abstand suchte, um dem unvermeidlichen Schmerz zu entgehen, klammerte sie sich noch stärker an sie und versuchte verzweifelt, das zu ändern, was das Schicksal bestimmt hatte.

Nun umwehte eine mitfühlende Brise die Klippe und bewegte den Saum ihres Bauernrocks. Gabriella wurde sich bewusst, dass sie den Atem anhielt. Immer waren es diese Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit ihres Lebens, die sie an den Rand der Klippe führten. Doch der Gedanke an den nächsten Schritt, den Sturz in vollkommene Dunkelheit, trieb sie jedes Mal wieder zurück ins Leben. Hier, der Ewigkeit so nahe, konnte sie das schwache Wispern des Windes kaum wahrnehmen, der ihr sagte, dass da noch mehr war.

Aber was?

Sie wollte – musste – unbedingt wissen, wo sie landen würde, wenn sie sich fallen ließe. In den Händen des sogenannten liebenden Gottes, wie Nicolas behauptet hatte, oder in einem alles verschlingenden schwarzen Abgrund?

Ach ja, Nicolas.

Sie schloss ihre Augen gegen das gleißende Sonnenlicht und versuchte, nichts zu fühlen. Der Verlust war noch zu frisch, der Schmerz zu scharf, um ihn zu ertragen. Erst zehn Jahre war es her, dass sie und Nicolas das unbeschreibliche Glück miteinander geteilt hatten, ein Kind der Liebe in diese Welt drängen zu sehen. Sammy hatte bei seiner Ankunft geschrien. Er war ein Kämpfer, von Anfang an eine starke Persönlichkeit. Mit seinen fantasievollen Eskapaden, seinem großen Herzen und seiner unstillbaren Neugier hatte er seine Eltern entzückt, in Erstaunen versetzt und auch beunruhigt.

Als Sammy älter wurde, waren Vater und Sohn unzertrennlich. Sie ähnelten einander wie ein Ei dem anderen. Beide waren hellhäutig, hatten Sommersprossen und widerspenstige blonde Locken, die ihnen in die Stirn fielen. Nicolas war ein kräftiger Mann, seine Erscheinung ließ Ehre, Würde und alte Werte erahnen. Sammy hatte den Körperbau seines Vaters geerbt sowie seine Augen, die grün und sanft waren wie Moos, das sich in eine seichte Stelle am Teich schmiegt.

Gabriella liebte es, wenn ihr kleiner Junge Nicolas nachahmte. Wenn der ein rotes Shirt trug, zog Sammy sich schnell auch eins an. Wenn Nicolas sich mit einer Hand am Türrahmen abstützte und sich in die Türöffnung hineinlehnte, war Sammy auch da und machte seine Bewegungen genau nach.

Es waren ein paar unbeschwerte Jahre, in der die Zeit angenehm dahinschmolz wie der letzte Rest Butter auf einer warmen Arbeitsplatte in der Küche. Gabriella ließ ihre Angst vor Unglück hinter sich, das ständige Gefühl drohenden Unheils, und obwohl sie sich selbst gelobt hatte, sich nie wieder in der falschen Hoffnung auf Sicherheit zu wiegen, wappnete sie sich nicht gegen das Verhängnis, das bereits vor der Tür stand. Und so schlich es sich von hinten an sie heran. Heimtückisch. Hinterhältig. Grausam.

Auf der Klippe atmete Gabriella die schwere, salzige Luft ein und dachte an die Nacht, in der ihre Welt unwiderruflich zerbrach.

Es begann, als Nicolas von einem Kollegen zu einer Männerfreizeit in Südtexas eingeladen wurde. Er entschloss sich mitzufahren, weil der Mann einer seiner Vorgesetzten war und er ihn nicht vor den Kopf stoßen wollte.

„Wer weiß, mi amor?“, neckte Gabriella ihn. „Vielleicht hast du dort Spaß.“

Nicolas seufzte. „Ich wünschte nur, der Zeitpunkt wäre besser. Ich bin so erschöpft, dass ich glaube, ich könnte tagelang schlafen.“

Sie senkte ihren Kopf, sodass die langen Locken ihre Besorgnis verbargen. Zwar stimmte es, dass Nicolas viele Überstunden machte, doch das konnte das Ausmaß seiner Erschöpfung in den letzten Monaten kaum erklären. Sie hatte ihn gebeten, einen Arzt aufzusuchen, doch er glaubte, wenn er nur ein wenig Schlaf nachholen könnte, würde es ihm wieder gutgehen. Dabei verschlief er schon jetzt fast alle Wochenenden und schien trotzdem immer müder zu werden. „Nicolas“, begann sie.

Er legte einen Stapel Hemden in seinen geöffneten Koffer, kam zu ihr herüber und umfasste ihr kleines Gesicht sanft mit beiden Händen. „Ich weiß, was du sagen willst, und du hast recht. Morgen  früh mache ich als Erstes einen Termin beim Arzt.“

Sie lächelte erleichtert. „Ich danke dir! Ich bin sicher, es ist nichts, aber ich werde mich danach besser fühlen.“

Er zog sie eng an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Mach dir keine Sorgen, Gabby. Ich bin davon überzeugt, dass alles in Ordnung ist.“

Sie nickte und kämpfte gegen die wohlbekannte Unruhe an.

Ein Geräusch an der Tür unterbrach sie. Sie drehten sich gleichzeitig um und sahen Sammy, der sich mit seinem Kinderkoffer abmühte.

„Daddy? Ich bin fertig mit Packen. Wann geht es los?“

Nicolas und Gabriella schauten sich an und versuchten, in den Augen des anderen zu erkennen, wie es zu diesem Missverständnis gekommen war. Nicolas kniete sich neben Sammy. „Ich fürchte, mein Junge, ich muss dieses Mal allein fahren.“

„Was?“, fragte Sammy und stellte den Koffer, dessen Deckel Spiderman zierte, geräuschvoll ab. Er strich seine wuscheligen Locken aus der Stirn. „Du hast doch gesagt, es wäre eine Männerzeit.“

„Na ja ...“

„Und ich bin ein Mann. Warum kann ich nicht mitkommen?“

Während Gabriella die Szene beobachtete, fiel ihr auf, dass Sammy wieder einmal dieselbe Kleidung wie Nicolas angezogen hatte. Diesmal trugen sie blaue Jeans und einen gelben Pullover. Nicolas legte seine Hände auf Sammys Schultern, die vor Empörung darüber, dass er zurückbleiben sollte, zuckten. „Mein Junge, manchmal muss ein Mann die Bedürfnisse anderer vor seine eigenen stellen. Ich meine, wenn wir beide wegführen, wer sollte sich dann um deine Mom kümmern?“

„Wir könnten einen Babysitter nehmen.“

Nicolas lächelte und schüttelte den Kopf. „Sie braucht keinen Babysitter, sondern einen Mann im Haus. Du musst dieser Mann sein, während ich weg bin.“

Gabriella sah zu, wie Sammy diese Aussagen verarbeitete. Zunächst war er kurz davor, in Tränen auszubrechen, doch dann richtete er sich mit einem neuen, entschlossenen Ausdruck im Gesicht auf. „Ich mache es, Daddy. Ich will der Mann im Haus sein, während du nicht da bist.“

Nicolas hatte ihn umarmt. „Ich wusste, mein Junge, dass du mich nicht im Stich lassen würdest. Ich zähle auf dich.“

Die Sonne verschwand hinter einer Wolke und das veränderte Licht riss Gabriella aus ihren Gedanken. Sie seufzte, fühlte, wie sie ein wenig schwankte und von einem bösartigen Nordwind nach vorn gedrückt wurde. Ihre Erinnerungen reichten, um sie den kleinen Schritt über den Rand der Klippe erwägen zu lassen, aber dann tauchten Bilder von Sammy vor ihrem geistigen Auge auf. Ihr kleiner Junge hatte so viel durchgemacht, sie würde ihm nicht noch mehr wehtun. Doch der Schmerz, den sie im Herzen fühlte, war erbarmungslos und sie glaubte nicht, dass sie mit ihm als ständigem Begleiter weiterleben konnte.

Sie ließ es zu, dass die Erinnerungen sie wieder zurück in die Vergangenheit führten. Sie war geschockt gewesen, als Nicolas nach der Reise zur Tür hereingekommen war. Er sah erschöpft aus, als wäre er in der kurzen Zeit, die er weg gewesen war, gealtert. Aber sie hatte ihren Blick nicht von seinen Augen abwenden können. Sie schienen alles Licht der Welt in sich aufgenommen zu haben.

„Nicolas!“, rief sie und eilte auf ihn zu.

Er lehnte ihr Angebot, seinen Koffer zu tragen, nicht ab, und als er tief in das Sofa sank, schloss er für einen Moment die Augen, um Kraft zu schöpfen. Als er sie wieder öffnete, war das Licht immer noch da.

Sie hatte Mühe, seinen Worten Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie sich solche Sorgen um seine Gesundheit machte. Es stellte sich heraus, dass es eine christliche Freizeit gewesen war, und Nicolas sprach begeistert über alles, was er gehört hatte.

„Ich habe Ihn gefunden, Schatz“, sagte er mit stiller Ehrfurcht in seiner Stimme. „Den, der uns ein Leben geben kann, das niemals endet.“

„Wir müssen dich ins Krankenhaus bringen“, entgegnete sie. „Ich habe dich noch nie so krank gesehen.“

„Wir haben für die falschen Dinge gelebt“, fuhr er fort. „Für etwas, was vergänglich ist, statt für das Ewige.“

Sie legte ihr Handgelenk auf seine Stirn. „Amor, du hast Fieber. Wann ist dein Termin beim Arzt?“

„Oh, Gabby“, seufzte er und sank noch tiefer in das Sofa. „Er liebt uns so sehr. Das habe ich nicht gewusst. Das habe ich einfach nicht gewusst.“

„Vámonos“, sagte sie, und in dem Wort schwang Gereiztheit mit. Sie stand auf und zog an seinem Arm, doch sie war nicht stark genug, um Nicolas zu bewegen. „Sehen wir zu, dass du ins Bett kommst, und ich rufe gleich morgen früh den Doktor an.“

Widerstrebend und mit viel Mühe stemmte sich Nicolas vom Sofa hoch. „Gabby“, sagte er, fasste sie an der Schulter und drehte sie behutsam zu sich um. „Ich möchte nur, dass du weißt, was ich weiß. Dass du siehst, was ich entdeckt habe. Es ändert alles, Schatz.“

Sie atmete tief aus und versuchte, geduldig zu bleiben. „Im Augenblick“, erwiderte sie, „ist die einzige Änderung, die mich interessiert, dein Gesundheitszustand. Wirklich, Nicolas, lass uns zusehen, dass wir dich ins Bett bekommen, bevor du noch umfällst.“

Die salzige Luft brannte in ihren Augen und Gabriella befreite sich für einen Augenblick von ihren Erinnerungen. Noch nicht einmal ein Jahr danach starb Nicolas an einer besonders bösartigen und aggressiven Krebserkrankung.

Auch er hatte sie letztlich verlassen.

„Ein schöner Gott bist Du“, zischte sie voll Verbitterung. Sie ballte ihre Fäuste fester und achtete nicht auf den unbarmherzigen Wind, der ihr das Haar hart ins Gesicht schlug. Gegen ihren Willen richteten sich ihre Gedanken auf die Zeit, als sich ihre und Sammys Welt für immer veränderte.

Nach Nicolas’ Tod versank Gabriella in tiefer Schwermut. Sie verspürte den Wunsch, mit dem Hintergrund zu verschmelzen und nie wieder hervorzutreten. Während der darauffolgenden Jahre zog sie sich von ihren Freunden zurück, erwiderte keine Telefonanrufe und begann, in ihrem Heim jede Erwähnung von Gott zu verbieten. Es machte sie zornig, dass Nicolas all sein Vertrauen in diesen Gott gesetzt hatte, der ihn im Stich ließ, als er krank war.

Sie machte nun alles anders als zu der Zeit, als sie noch eine vollständige Familie gewesen waren. Sie kochte nicht mehr dasselbe Essen, änderte ihren bisherigen Tagesablauf, beseitigte vertraute Dinge im Haus und ersetzte sie durch funktionale, zweckmäßige Gegenstände. Sonst wäre jede Mahlzeit eine Erinnerung an das gewesen, was sie verloren hatte, und alles, woran sie gewöhnt war, hätte sie den Schmerz wieder neu fühlen lassen. Sie konnte es nicht ertragen, auf dem Sofa zu sitzen, auf dem auch Nicolas gesessen hatte. Von denselben Tellern zu essen. Im selben Bett zu schlafen.

Sie war eine Frau, die dem Leid verzweifelt zu entkommen suchte, und sie glaubte, dass sie nur damit fertigwerden konnte, wenn sie alle Erinnerungen an Nicolas und ihr gemeinsames Leben mit der Wurzel ausriss. Doch im Grunde wusste sie, dass es falsch war. Nicolas war die Liebe ihres Lebens und Sammys Held. Und doch – ganz gleich, wie oft ihr der Verstand sagte, dass für Sammy alles normal und in vertrauten Bahnen weiterlaufen musste – fand ihr Herz keinen Weg, um dafür zu sorgen. Die Schuld, die sie verfolgte, erdrückte sie. Sie wusste, sie beraubte Sammy seiner Möglichkeit zu trauern, und er würde so nicht auf natürliche Weise über den Verlust hinwegkommen können. Ihr Herz schrie, dass sie tun musste, was das Richtige für Sammy war, doch sosehr sie es auch versuchte, sie konnte es nicht. Nicolas’ Tod hatte sie zerstört. Er hatte aus ihr eine Frau gemacht, deren Handlungsweise allein von ihrem Schmerz bestimmt war, und obwohl sie den Schaden sah, den sie dadurch anrichtete, konnte sie das nicht abstellen.

Je weiter sie sich von ihrem alten Leben entfernte, desto deutlicher trat etwas anderes in ihren Gedanken hervor: das gelbe Haus auf der Klippe, wo sie diese wenigen kostbaren Jahre mit ihren Eltern verbracht hatte. Als sie den Ruf in das von Feuchtigkeit durchzogene, verloren hoch oben auf einem Kliff gelegene Küstendorf zum ersten Mal vernahm, versuchte sie, dies zu ignorieren. Denn warum sollte sie sich so viel Mühe geben, ihr altes Leben hinter sich zurückzulassen, nur um auf die Suche nach einer anderen fernen und schmerzlichen Vergangenheit zu gehen?

Doch sie verlangte nach diesem Ort. Ihr Vater war in seinen Kinderjahren in diesen Hügeln herumgestreift und hatte in dem kleinen Orangenhain geholfen, von dem die Familie lebte. Als ihre Eltern heirateten, erbten sie das Gelände, genauso wie sie, als ihre Tante starb.

Die Gedanken an das alte Haus machten sie wehmütig. Sie sehnte sich nach dem, was sie vor so langer Zeit verloren hatte. Sie erinnerte sich, wie sie als Kind den ganzen Tag mit ihrer Mutter in der Küche gebacken hatte und in ihrem Spiel im Orangenhain aufgegangen war, wo sie Stunden in ihrer Fantasiewelt zubrachte. Diese Erinnerungen waren hauchdünn und verwehten schnell, aber sie ließen ein angenehmes Gefühl von Behaglichkeit in ihr zurück. Der ständige Drang, zu diesem Haus zurückzukehren, war schließlich so stark geworden, dass sie ihm nachgab, nur um Ruhe zu finden.

Und so hatte sie in einem Versuch, den Schaden zu begrenzen, Sammys und ihr eigenes Leben in Texas eingepackt und alles und jeden hinter sich gelassen, um zu diesem verlassenen Fleckchen Erde zu kommen. Das Dasein war zu unvorhersehbar, entschied sie, zu unkontrollierbar. Sorgfältig und mit Bedacht schränkte sie deshalb ihr einstmals ausladendes Leben ein, sodass es übersichtlicher und leichter zu bewältigen war. Kleiner bedeutete sicherer, redete sie sich ein. Es bestand weniger die Gefahr, dass etwas Undenkbares geschah. Bestimmt würden Tod und Verderben ihnen nicht bis ans Ende der Welt folgen.

Doch so weit sie auch lief, sie konnte der Furcht, dem Zorn und dem Gefühl, dass alles, was angeblich gut war, sie verraten hatte, nicht entfliehen.

Und so, statt den ersehnten Frieden zu erlangen, fand sie sich an den meisten Tagen am Rand der Klippe wieder, einen Schritt vom Abgrund entfernt, wo sie aufmerksam auf die flüchtigen Stimmen im Wind lauschte und auf eine Erklärung hoffte, warum alles in ihrem Leben so schrecklich schiefgelaufen war.

Nun schloss sie die Augen, hob ihre Fäuste erneut gen Himmel und schüttelte sie. „Wo bist Du, großer und schrecklich Gott von Nicolas?“, schrie sie gegen die brandende See an. „Und warum hast Du mich zu Deiner Feindin gemacht?“

Kapitel 2

––––––––

Sammy stieg aus dem klapprigen Schulbus aus und traf auf das, was er am meisten auf der ganzen weiten Welt verabscheute: ein leeres Haus. Wieder einmal. Er blickte nervös zur Klippe hinüber, ließ seinen Rucksack über seine dünnen Arme gleiten und schleuderte ihn auf die Veranda. Er lief in seinen abgestoßenen grünen Keds und den blauen Jeans mit dem abgewetzten Saum den unbefestigten Weg zum Orangenhain hinunter.

Endlich waren die Sommerferien da – und das gefiel ihm außerordentlich. Er und seine Mutter waren vor drei Jahren hierhergezogen, als er gerade die Hälfte der zweiten Klasse hinter sich hatte. Obwohl er am Anfang nicht allzu begeistert gewesen war, hatte er das Leben in dem gelben Haus doch schätzen gelernt.

Aber in Rendición, dem Dorf am Fuße des Berges, war es anders. Während er sich zu Hause wohlfühlte – solange seine Mutter gut gelaunt war –, empfand er die Atmosphäre im Dorf immer als angespannt. Dort gärte die Uneinigkeit darüber, wie alles zu sein hatte. Diese merkwürdige Vermischung von Altem und Neuem bildete ständig Anlass für Streitigkeiten in der Gemeinschaft: zwischen mürrischen, alten Fischern mit ihren Handys und deren verbitterten Ehefrauen, die ihre Wäsche immer noch in großen Holzbütten hinter dem Haus wuschen. Zwischen den jüngeren Dorfbewohnern, die es ablehnten, in ihrer Kleidung Karos und Streifen miteinander zu kombinieren, und den älteren Leuten, die sie wegen ihrer Eitelkeit verspotteten. Es gab moderne Straßenschilder in leuchtenden Farben, die über Nacht auf mysteriöse Weise verschwanden, um am nächsten Tag als exotische, farbenfrohe Freudenfeuer wieder aufzutauchen, mit dem die alten Männer wieder einmal lautstark die Verhinderung des Fortschritts feierten.

Manchmal schien es, als ob der Konflikt zwischen den Menschen mit ihren höchst unterschiedlichen Bestrebungen überkochen und sich entladen würde, aber bis jetzt war es den Dorfbewohnern noch gelungen, ihn unter der Oberfläche zu halten. Sammy spürte ihn jedoch jedes Mal, wenn er in den Ort ging. Die Leute lächelten gezwungen und schüttelten einander die Hand, aber auf einer tieferen Ebene schwelte der Konflikt: alt gegen neu, Fortschritt gegen unveränderliche Tradition.

Und die Gerüche. Während Sammy sie zunächst als abstoßend empfunden hatte, waren sie ihm nun nicht mehr so unangenehm. Der Gestank der Fische, die gefangen und auf Grund ihrer zu geringen Größe entsorgt worden waren und in der Sonne verfaulten, mischte sich mit dem Wohlgeruch reifender Orangen, der über dem ganzen Dorf hing.

Aber meistens blieb Sammy zu Hause. Er liebte den langsamen Lebensrhythmus, der ihm das Gefühl gab, zum ersten Mal seit dem Tod seines Vaters wieder richtig durchatmen zu können. Es wäre ein vollkommenes Leben gewesen, wenn seine Mutter sich nicht so verändert hätte.

Sammy betrat den Hain, ging zu seinem Glücksbaum und begann mit seiner täglichen Suche nach einer makellosen Orange. Entlang der Zweige betastete er jede einzelne Frucht, so wie er es jeden Tag nach der Schule tat. Diese war noch nicht reif genug, bei jener stimmte die Farbe nicht ganz, auf dieser saßen Insekten, und dann ... Oh ja, er hatte die perfekte Orange entdeckt. Sammy pflückte sie vorsichtig und glitt mit dem Rücken den Stamm hinab, bis er auf dem Boden unter den Zweigen saß, die voller Orangen hingen. Er grub seinen Daumennagel oben in die Frucht und löste die weiche Schale ab. Er hatte eine gute erwischt. Der Saft lief ihm über das Kinn, als er hineinbiss. Er seufzte tief auf und kaute zufrieden.

Der Sommer war da und er hatte eine gewaltige Aufgabe vor sich.

Vor ein paar Wochen hörte er zum ersten Mal die Gerüchte über die Klippe. Zuerst glaubte er sie nicht – seine Mom würde niemals so etwas Dummes tun. Aber dann sah er es selbst. An diesem Tag war der Schulbus einen Umweg gefahren, weil starker Regen die Straße, die er gewöhnlich nahm, unpassierbar gemacht hatte.

Es hatte ausgesehen, als ob sie fliegen würde. Sie reckte die Arme nach oben und stand so nah am Rand, dass er den Boden unter ihren Füßen nicht sehen konnte. Als der Bus an diesem grauen und nebligen Tag vorbeifuhr, schien sich alles nur mühsam in Zeitlupe zu bewegen.

Sammy hatte in hilflosem Entsetzen durch das verschmierte Fenster geschaut, während seine Mutter sich offenbar gerade entschied, ob sie leben wollte oder sterben. In diesem Augenblick wurde ihm seine Sommermission klar. Er würde etwas über diesen Gott erfahren, von dem sein Vater ihm zu erzählen versucht hatte, bevor er starb. Vielleicht würde er dann begreifen, wie das Leben so in Unordnung geraten konnte.

Aber da gab es ein Problem. Seine Mom erlaubte ihm nicht, über Gott zu sprechen. Deshalb konnte er ihr keine Fragen über Ihn stellen. Aber irgendetwas in Sammy drängte ihn, nach diesem schwer fassbaren Gott zu suchen. Teilweise, weil sein Dad in seinem Bett so friedlich ausgesehen hatte, als er im Sterben lag, aber auch, weil seine Sehnsucht nach dem Guten, nach Freude und Reinheit so stark war, dass er fast alles tun würde, um sie zu erfüllen. Das und die Tatsache, dass sein Dad sich seiner Sache offenbar so sicher gewesen war.

„Sammy“, hatte er gesagt und die Suppe beiseitegeschoben, die er ihm einige Augenblicke zuvor gebracht hatte. Er hatte seit Tagen nichts gegessen. „Dieses Leben, mein Junge, ist nicht alles. Es gibt mehr als das. Wenn ich sterbe, gehe ich in den Himmel, um bei Gott zu sein.“

„Kann ich mitkommen?“, fragte Sammy schnell.

Sein Dad schüttelte den Kopf. „Es ist noch nicht deine Zeit. Aber wenn du dein Vertrauen in Gott setzt, werden wir uns eines Tages dort wiedersehen.“

Sammy gab sich Mühe, ihm aufmerksam zuzuhören, aber es fiel ihm schwer. Sein Dad – noch vor wenigen Monaten so stark – war nun ganz dünn geworden und musste zwischen den Sätzen immer wieder nach Luft ringen. Sammy würde ihn am liebsten aus dem Bett ziehen und mit ihm in den Garten hinter dem Haus gehen, um Bälle zu werfen. Stattdessen starrte er auf die blauschwarzen Halbmonde unter seinen Augen und versuchte zu begreifen. Er hatte Angst. Als ob hier etwas wirklich Schlimmes geschähe, was er nicht aufhalten konnte.

„Kommen nur Männer in den Himmel?“

Sein Dad grinste und zuckte dann vor Schmerz zusammen. „Nein, mein Junge, jeder, der Jesus kennt, kommt dorthin.“

„Aha.“ Sammy senkte den Blick. Er fand es unfair, dass sein Dad ohne sie in den Himmel ging und dass sie nicht mitkonnten, bevor sie diesem Jesus-Typen begegnet waren. Er wollte sich beschweren, doch als er hochschaute, hatte sein Dad die Augen geschlossen. Vielleicht war er wieder eingeschlafen.

Sammy wartete einige Zeit darauf, weitersprechen zu können, aber er öffnete die Augen nicht. Schließlich hielt er es nicht länger aus. „Und?“, fragte er ungeduldig. „Wo ist Er?“

„Wer?“, fragte sein Dad erschöpft.

„Jesus. Wo ist Er?“

Sein Dad öffnete die Augen nicht, doch es gelang ihm, seine einst so starke Hand über seine zu schieben. „Er ist überall, mein Junge. Du musst Ihn nur suchen, und Gott hat versprochen, dass du Ihn finden wirst.“

Na ja, so einfach war es nicht. Sammy hatte im Wohnzimmer angefangen. Er drehte jedes Kissen um und schaute hinter und unter alle Stühle, das Sofa und den Tisch. Als Nächstes durchkämmte er die Küche, das Esszimmer, die Bade- und die Schlafzimmer, einen Raum nach dem anderen. Danach ging er hinaus in den Garten, wo er über seine Baseballhandschuhe und die seines Vaters stolperte, was ihn noch missmutiger machte. Er durchforstete jeden Zentimeter des Gartens, einschließlich des Geräteschuppens, den er eigentlich nicht betreten durfte.

Nachdem Sammy so lange gesucht hatte, fühlte er sich entmutigt. Verärgert kehrte er ins Zimmer seines Vaters zurück, um ihm zu erzählen, dass dieser Jesus-Typ überall sein mochte, jedoch definitiv nicht in ihrem Haus.

In seiner Eile bemerkte er das Chaos nicht, bis er mittendrin stand. Im Schlafzimmer rannten Fremde hin und her, die alle dieselben blauen Hemden mit Abzeichen vorne trugen, und sie machten sehr ernste Gesichter. Eine Art Wagen mit Rädern stand in der Mitte des Elternschlafzimmers, aber er wusste nicht, was darauf lag, weil ein weißes Tuch darüber gebreitet war. Und erst jetzt fiel es ihm auf: Sein Daddy war nicht mehr da.

Sammy stand ganz still, während die blau gekleideten Leute mit seiner Mutter flüsterten, die auf dem Bett saß, genau da, wo sein Dad gelegen hatte, als er ihn zuletzt sah.

„Mom?“

Niemand hörte ihn, oder zumindest beachtete ihn niemand.

„Mom?“, sagte er wieder. Seine Stimme klang brüchig von der Anstrengung. „Wo ist Daddy?“

Das brachte ihm ein paar Blicke von den Leuten in Blau ein, doch als er ihnen forschend in die Augen sah, schauten sie schnell weg. Zwei der Fremden rollten den Wagen mit dem weißen Tuch eilig an ihm vorbei.

Seine Mom saß bewegungslos auf dem Bett und starrte auf den Wagen, während er hinausgeschoben wurde.

„Mom?“

Diesmal sah sie ihn an, doch sie schien nicht zu wissen, wer er war. Er trat einen Schritt näher. „Ich bin es, Mom. Sammy. Was ist los?“

„Dein Vater“, wisperte sie.

Der einzige Mann, der noch im Raum war, ging zu seiner Mom hin, sagte leise ein paar Worte zu ihr, die Sammy nicht verstehen konnte, und gab ihr etwas. Danach lief er zur Tür, doch auf halbem Wege drehte er sich noch einmal um und kam zurück zu Sammy. Der Mann wuschelte ihm liebevoll durchs Haar und verließ dann still den Raum.

Sammy hob die Hände, um sein Haar wieder in Ordnung zu bringen. Dabei ließ er seine Mom nicht aus den Augen. Er setzte sich neben sie. Er sagte nichts und sie auch nicht, nur die Uhr an der Wand machte allerlei Geräusche.

Sammy schaute auf den Nachttisch. „Er hat seine Uhr vergessen.“

„Was?“

„Daddy hat seine Uhr vergessen. Siehst du? Da liegt sie.“

Mit einem Schluchzen zog seine Mom ihn endlich an sich. „Er ist gegangen, Sammy. Dein Vater ist gegangen.“

„Wohin? Schon in den Himmel?“

Sie saß so lange da, dass Sammy dachte, sie hätte ihn vielleicht nicht gehört. Schließlich antwortete sie doch. „Ja, Sammy. Dein Vater ist im Himmel.“

So, wie sie es sagte, hatte er den Eindruck, dass es im Himmel vielleicht doch nicht so schön war.

Doch an jenem Tag im Bus, als Sammy sich an die Worte seines Vaters erinnerte, gab er ihm ein Versprechen. Er würde wieder nach Jesus suchen, und diesmal würde er Ihn finden, sodass sie alle wieder zusammen sein konnten.

Und während er sich anstrengte, um die kleiner werdende Gestalt seiner Mutter auf der Klippe erkennen zu können, versprach er seinem Dad noch etwas: Er würde sie nicht allein zurücklassen.

Im Orangenhain stopfte sich Sammy den letzten Rest der Orange in den Mund, wischte die Hände an seinen Jeans ab und griff dann in die Tasche, um ein zerknittertes Blatt herauszuholen. Während er es betrachtete, hatte er das Gefühl, dieses Papier würde alles verändern. Der Sommer war da, sagte er sich. Es wurde Zeit, der Mann im Haus zu sein.

Kapitel 3

––––––––

Als Sammy ins Haus zurückkam, war Gabriella in der Küche mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt. Sammy ließ sich auf einen Stuhl an dem abgenutzten Holztisch fallen.

„Was gibt’s zum Abendessen?“

„Dir auch Hallo.“

„Tut mir leid, Mom. Hallo. Und was gibt’s zum Abendessen?“

Gabriella schüttelte den Kopf. Wie immer amüsierte es sie, wie schalkhaft ihr Sohn sein konnte. „Nun, ich dachte, wir könnten das Ende des Schuljahres mit deinem Lieblingsgericht feiern.“

„Pizza?“

Gabriella nickte. „Pizza.“

„Mit Schinken und Ananas?“

„Gibt es eine andere?“

Sammy lächelte sein schiefes Lächeln und schob eine widerspenstige Locke zur Seite. „Danke, Mom. Ich freue mich ziemlich auf die Sommerferien.“

„Du weißt, dass es diesen Sommer viel Arbeit im Orangenhain gibt. Raúl fühlt sich seit einiger Zeit nicht wohl, und ich zähle auf dich, dass du ihm hilfst.“

Raúl war der Vorarbeiter, und seine Mom erzählte, dass er schon in dem Hain gearbeitet hatte, als sie selbst noch ein kleines Mädchen war und dort gelebt hatte. Zur Zeit ihrer Ankunft trugen die Bäume zunächst kaum Früchte. Seine Mom meinte, dass sie nur nicht abgestorben waren, weil Raúl sich die ganze Zeit, während das Haus leer stand, um den Hain gekümmert hatte. Er konnte es nicht ertragen, die Bäume sterben zu sehen. Aber sie alle hatten in den letzten drei Jahren hart gearbeitet, um sie wieder aufzupäppeln, und nun würden sie endlich eine Ernte einbringen können.

Sammy fand, dass Raúl steinalt aussah und sowieso nicht mehr arbeiten sollte, doch seine Mom behauptete, Raúl würde die Bäume ebenso sehr brauchen wie die Bäume ihn brauchten. Abgesehen davon mochte er Raúl und hörte gern seine Geschichten über die gute alte Zeit.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Sammy. „Ich habe Raúl lange genug zugesehen, sodass ich weiß, was getan werden muss. Bin ich der Boss?“

Sie schaute weg und lächelte. „Nein, Raúl hat immer noch das Sagen, aber du bist seine rechte Hand.“

Sammy nickte. Gleichzeitig berührte er vorsichtig mit den Fingern das Stück Papier in seiner Hosentasche. Seine Mom war gut gestimmt – dies könnte der perfekte Zeitpunkt sein. Er nahm all seinen Mut zusammen, zog das Blatt heraus und glättete es auf dem Tisch.

Die Bewegung erregte Gabriellas Aufmerksamkeit. „Was ist das?“

„Ähm ... Also ...“

Sie hörte auf, den Teig zu kneten, und drehte sich um. Als sie den Handzettel sah, wischte sie sich die Hände an ihrer Schürze ab und kam zum Tisch herüber.

Schnell bedeckte Sammy das Papier mit seinen Händen.

Sie setzte sich. „Was ist das, Sammy?“

„Du musst mir versprechen, dich nicht aufzuregen.“

„Oh, oh“, sagte sie. „Das klingt nach Ärger.“

„Mom, es ist nur, dass mir das wirklich wichtig ist, aber du wirst es nicht gut finden.“

„Aha.“

„Aber ich bin jetzt fast erwachsen –“

„Du bist zehn!“

„Und ich denke, es ist Zeit, dass ich einige Entscheidungen selbst treffe.“

Gabriella seufzte. „Sammy, nimm deine Hand da weg und lass mich sehen, was darunter liegt.“

Sammy lehnte sich langsam zurück und gab das Blatt zaghaft frei.

Gabriellas Gesicht wurde hart. Sie kehrte zur Arbeitsplatte zurück und begann, den Teig darauf zu klatschen. „Du weißt, wie ich über dieses Thema denke, mein Sohn.“

„Ja, Mutter. Aber ich sehe das anders.“

Sie erstarrte. Langsam und mit unbewegter Miene drehte sie sich um. „Tut mir leid, Sammy, aber dieses Thema steht nicht zur Debatte.“

Sammy wollte protestieren, doch sie hob die Hand. „Ich kann verstehen, dass diese Geschichte mit Gott dich neugierig macht, und ich habe von der Zeltmission gehört. Bei solchen Veranstaltungen heizen sie den Leuten mit vorgetäuschten Heilungen und erfundenen Geschichten ein und dann wollen sie alles Geld von ihnen, das sie haben. Ich werde nicht zulassen, dass man dich benutzt.“

„Aber Mom, Dad –“

„Dad hat sich geirrt.“

Sammy starrte seine Mutter mit offenem Mund an. Ihre Aussage hing schwer in der Luft. Sein Dad sollte sich geirrt haben? Aber er schien so überzeugt, so glücklich über das, was er über Gott erfahren hatte. Wie konnte er sich darin geirrt haben, wo es ihm doch so viel Freude geschenkt hatte? Er schaute seine Mutter an. Ihr Gesichtsausdruck war angespannt und unnachgiebig. Er dachte daran zurück, wie das Gesicht seines Vaters ausgesehen hatte, bevor er starb. So friedvoll und froh. Er hatte so sicher gewirkt.

Und da begriff er die schockierende Wahrheit. Die Erkenntnis ging ihm durch und durch und ließ ihn erzittern: Seine Mom war es, die unrecht hatte. Seine Mom. Sie hatte unrecht.

„Hast du verstanden, Sammy?“

Er schloss den Mund und setzte sich aufrechter hin. „Ja, Mutter“, sagte er, während er den Handzettel faltete und zurück in seine Tasche steckte. Er fühlte sich schrecklich wegen dem, was er vorhatte. Er hatte sich seiner Mom noch nie absichtlich widersetzt, aber es war das Einzige, was er tun konnte. Schließlich handelte es sich um ein Versprechen, und er hatte die Absicht, es zu halten.

Die Stimmung bei dem Essen zur Feier der Ferien war verkrampft und steif. Sammy aß sowieso kaum etwas von der Pizza. Seine Mutter versuchte, alles wiedergutzumachen, indem sie über den Sommer redete und die schönen Dinge, die sie unternehmen könnten. Aber Sammy wusste, dass es nur das war – Gerede. Sie hatten nichts Schönes gemacht, seit sein Dad gestorben war.

„Was hältst du davon, wenn wir einen ganzen Tag am Strand verbringen und Muscheln suchen?“

„Klar, Mom.“

„Oder wir könnten ein Lunchpaket mitnehmen und bei den Klippen ein Picknick machen.“

„Bei den Klippen?“

Gabriella schaute schnell weg.

„Hör mal zu, Mom. Es ist schon in Ordnung – du brauchst nicht mehr dafür zu sorgen, dass ich Spaß habe. Hast du vergessen? Ich bin schon zehn.“