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Herr Akeno und das Geheimnis des grünen Tees Im Berlin der 1870er Jahre setzt sich die 24-jährige Clara Winterfeld nach dem Tod des Vaters für das familiengeführte Teehaus ein. Für die finanzielle Absicherung des Unternehmens ist sie bereit, ihren reichen Freund Franz aus Kindertagen zu heiraten und vor die Tore Berlins zu ziehen. Doch ihre Liebe gehört dem japanischen Teehändler Akeno, der mit dem in Europa noch unbekannten grünen Tee handelt. Nach einer leidenschaftlichen Nacht reist Akeno zurück nach Japan. Clara bleiben nur heimliche Briefe und eine kostbare Teedose. Als sie schwanger wird, weiß sie nicht, wessen Kind sie in sich trägt. Verzweifelt und doch mutig will sie der Stimme ihres Herzens folgen und Franz verlassen. Doch wird sie Akeno jemals wiedersehen?
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Seitenzahl: 529
Veröffentlichungsjahr: 2022
Berlin 1871.
Als ihr Vater erkrankt, übernimmt die geschäftstüchtige Clara die Leitung des familiengeführten Teehauses Winterfeld. Aus wirtschaftlichen Gründen willigt sie in die Ehe mit ihrem reichen Jugendfreund Franz ein, was sie jedoch schnell bereut. Denn Franz kann ihre unkonventionelle Art nicht akzeptieren und verfolgt sie mit ständiger Eifersucht. Ahnt er, dass Claras wahre Liebe längst dem japanischen Teehändler Akeno gehört? Nach einer leidenschaftlichen gemeinsamen Nacht muss sich Clara entscheiden. Wird sie der Stimme ihres Herzens folgen und Franz und damit auch das Teehaus und ihre Familie verlassen? Und wird sie Akeno überhaupt jemals wiedersehen können?
Rosalie Schmidt
Roman
Das Stück Himmel über dem Hinterhof in der Invalidenstraße war von einem blässlichen Grau und der Rauch der Kohleöfen stach Clara in die Nase. Es war kalt für Anfang März und hatte schon wieder geschneit. Clara war die Erste, die mit gerafftem Rock durch den Neuschnee stapfte. An der Kellertür drehte sie sich um und betrachtete die Spuren, die sie hinterlassen hatte. Als hätte sie ein unentdecktes Land betreten, wie in den Geschichten der großen Weltentdecker. Sie stellte die leeren Kohlenschütten ab und blies sich auf die Hände. Selbst die Hühner waren heute lieber in ihrem Verschlag geblieben. Verhaltenes Gackern klang zwischen den Holzlatten hindurch und Clara überlegte, ob sie nach Eiern schauen sollte. Aber besser nicht. Sie wollte nicht trödeln, Netty und Mutter warteten auf die Kohlen. In einer Stunde würden sie das Ladengeschäft und den Teesalon öffnen, dann würden die ersten Kunden aus den Pferdebahnen steigen, sie würden auf das heimelig erleuchtete Schaufenster des Teehauses zusteuern, und wenn sie eintraten, würde die Glocke über der Ladentüre klingeln. Bis dahin musste es unten im Laden und oben im Salon mollig warm sein.
Clara stieg die Stufen zur Kellertür hinab und drehte den eisernen Schlüssel um. Im Gang roch es nach Erde, Kohlenstaub und den letzten runzligen Winteräpfeln, die Mieter aus dem Hinterhaus hier lagerten. Sobald Claras Augen sich ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten, wandte sie sich nach links. Sie öffnete ihren Verschlag und stieß die Schaufel in die Eierkohlen. In den letzten Wochen war der kleine Berg zusehends geschrumpft, der Winter war lang in diesem Jahr. Aber das schadete nichts, im Gegenteil. Berlin war wirklich ungemütlich bei schlechtem Wetter, und je ungemütlicher es war, desto dringender wollten die Leute sich bei einer Kanne Tee und einem guten Gespräch aufwärmen.
Clara trug die Kohlen in die Hofdurchfahrt, wo ihr bereits der Duft von schwarzem Tee entgegenströmte. Ein Treppenhaus ging von hier ins Vorderhaus hinauf. Sie trat nach rechts drei Stufen hoch in den Aufgang und öffnete die Seitentür zum Laden mit dem Ellenbogen, und Netty, ihre jüngere Schwester, eilte aus dem Verkaufsraum herbei, um ihr eine der Kohlenschütten abzunehmen. Sie war bereits auf das Sorgfältigste zurechtgemacht für die Arbeit im Geschäft: das honigblonde Haar hochgesteckt und mit einer frisch gewaschenen Haube fixiert, das gestreifte Popeline-Kleid mit einer von Olga geplätteten Schürze zusammengehalten. Netty warf einen Blick auf Claras Erscheinungsbild und runzelte die Stirn.
Unwillkürlich fasste Clara sich an die Frisur. »Ich weiß«, sagte sie. Ihre Haare waren noch zum Nachtzopf geflochten. Ein paar Strähnen hatten sich daraus gelöst. »Ich beeile mich.«
»Besser wäre es«, sagte Netty, hob die Brauen und kehrte mit den Kohlen in den Verkaufsraum zurück.
Clara hielt einen Moment inne, weil ihr plötzlich gewahr wurde, wie glücklich sie sich schätzen konnte. Der Laden, der Salon, ihre Familie, alles strahlte Wärme und Geborgenheit aus und war gleichzeitig mit dem Leben da draußen, mit all den Menschen, die zu ihnen kamen, verbunden. Sie hörte das Rumpeln der Kohlen, als ihre Schwester den Ofen fütterte, und folgte ihr in den Laden. Netty klopfte sich etwas Kohlenstaub von den Händen, bevor sie hinter den hölzernen Tresen trat, um die Teeschaufeln zu ordnen. Es sah hübsch aus, wie sie da vor dem Regal mit den schwarz-roten Blechdosen stand. Das dachte sicher auch die Kundschaft, weshalb meistens Netty diejenige war, die hier unten das Teehaus Winterfeld repräsentierte. Vor ihr standen zwei Waagen aus Messing, und in einer Vitrine im Schaufenster hatten sie das chinesische Porzellan ausgestellt.
Im hinteren Teil des Verkaufsraums führte neben dem Ofen eine Treppe hinauf in die Räumlichkeiten des Salons, und unter der Treppe war die Tür zum Lager, das sich bis in den Seitenflügel des Hauses zog. Im Hof hatten sie eine Rampe angebracht, damit sie die schweren Teekisten nicht mit der Sackkarre durch den Laden fahren mussten, sondern direkt ins Lager schaffen konnten.
»Clara! Wo bleibst du, Kind?« Die Stimme ihrer Mutter klang ungewohnt streng aus dem Salon zu ihr herab.
»Komme schon!«, rief Clara und ergriff die verbliebene Kohlenschütte.
Adele Winterfeld erwartete sie oben an der Treppe, die Fäuste in die Seiten gestemmt und etwas atemlos. Sie hielt einen Lappen in der Hand. »Wie siehst du denn aus?«, schimpfte sie. »Weißt du nicht, dass wir …«
»… heute Besuch vom alten Stargard bekommen.«
Adele schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Das heißt ›Herr Stargard senior‹.«
Clara stellte die Kohlen vor dem Kachelofen gleich neben der Treppe ab und lächelte ihre Mutter an. »Wie du möchtest. Und natürlich weiß ich, dass er heute kommt.«
Adele begann, mit dem Lappen über einen der Teetische im großen Salon zu wienern, und rückte mit fahrigen Bewegungen die Zuckerdosen zurecht.
Clara öffnete die Ofenklappe, füllte Kohlen auf die brennenden Scheite und erhöhte die Luftzufuhr, damit alles gut durchglühen konnte.
»Otto Stargard ist …«, setzte Adele an.
»… ein überaus wichtiger Mann für das Teehaus Winterfeld«, vollendete Clara auch diesen Satz. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und sah ihre Mutter prüfend an.
Adele Winterfeld war noch immer eine prachtvolle, üppige und lebhafte Frau. Von ihr hatte Netty das honigblonde Haar. Mutters braune Augen leuchteten für gewöhnlich warm und herzlich. Clara bedauerte manchmal, dass sie selbst mehr nach ihrem Vater kam, schmal und dunkelhaarig, mit dunkelblauen Augen, das Gesicht ein wenig eckig und im Charakter gelegentlich auffahrend, was allgemein an einer jungen Frau nicht gern gesehen wurde. Adele hingegen ruhte stets ganz in sich und ihrer Freundlichkeit. Heute jedoch wirkten ihre Nerven angegriffen.
»Wir werden Otto Stargard wie immer herzlichst empfangen«, sagte Clara. Sie gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und ging in den links angrenzenden kleinen Salon, um auch dort anzuheizen. »Er besucht uns, seit ich denken kann«, rief sie. »Er ist ein guter Geschäftspartner. Und er ist ein Freund. Warum bist du so nervös?«
Adele tauchte in der Doppelflügeltür zum kleinen Salon auf und seufzte. »Wenn ich das wüsste, Kind. Es ist nur ein Gefühl. Ich …« Sie horchte in sich hinein und schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.« Sie wendete sich mit dem Lappen den restlichen Tischen zu. »Und zieh dich ordentlich an, Herrgott nochmal!«
Clara zuckte zusammen, sagte aber nichts. Sie wollte keinen Streit vom Zaun brechen. Schnell ging sie durch den großen Salon zurück und über den Flur in die Salonküche. Im Kaminzimmer, das rechts vom großen Salon abging, hatte Olga bereits für ein prasselndes Holzfeuer gesorgt. Bestimmt wartete sie jetzt auf die Kohlen für den Herd, und sie würde Clara mit mildem Tadel daran erinnern, dass sie heißes Teewasser brauchten. Clara lächelte bei dem Gedanken. Olga war als Bedienstete in ihrer Familie, seit sie denken konnte, aber sie hatte ihren russischen Akzent niemals ganz abgelegt.
Gegen Mittag herrschte im Teehaus Winterfeld wie immer Hochbetrieb. Der große und der kleine Salon in der Beletage des Hauses waren von sanftem Stimmengemurmel erfüllt, und gelegentlich drang Nettys helles Gelächter von unten aus dem Laden herauf. Das Kaminzimmer hatten sie heute für das Publikum geschlossen; es war für Otto Stargards Besuch reserviert. Der Duft nach frisch gebrühtem Tee und Berliner Pfannkuchen erfüllte die Luft, die Wasserkessel in der Küche kochten um die Wette, und Clara beeilte sich, einem älteren Offizier aus Augusts Kaserne ein Tablett mit einer Kanne Ceylon-Tee zu servieren.
»Zitrone, Herr Oberst?«
»Ich bitte darum, Fräulein Winterfeld.«
Wenn man dem Tee in der Tasse nur ein wenig frischen Zitronensaft hinzufügte, verwandelte sich seine kräftig dunkle Farbe in ein leuchtendes Rotorange.
»Wie geht es meinem Bruder, Herr Oberst? Wie macht er sich?«
»Wie immer aufrecht und wacker. Er wird einmal ein guter Offizier, wenn Sie mich fragen.«
Clara nickte, hörte aber nur mit halbem Ohr zu. Das Geplänkel war eigentlich immer dasselbe und wenig interessant. Das Farbschauspiel in der Tasse jedoch begeisterte sie stets aufs Neue. Als würde an einem verhangenen Abend plötzlich ein letztes Mal die Sonne durch die Wolken brechen, bevor sie hinter dem Horizont verschwand.
Sie lächelte und wandte sich dem Tisch unter dem linken der drei hohen Fenster des Salons zu, wo soeben eine junge Dame Platz genommen hatte.
»Was darf ich Ihnen bringen?«, fragte sie.
Von unten drang Nettys Stimme herauf: »Sie kommen!«
Clara schaute nach unten auf die Straße. Der neue Schnee taute bereits wieder, und in der Mitte der Straße, wo die Schienen der Pferdebahn verliefen, war nur schmutziger Matsch geblieben.
»Ein Kännchen englischen Frühstückstee bitte. Und haben Sie heute Scones?«
Clara nickte. »Sicher, kommt sofort.«
Ein Pritschenwagen hielt vor dem Haus, der Atem der beiden Pferde stob dampfend in die Luft. Auf der Ladefläche zählte Clara vier große, hölzerne Teekisten und eine kleinere Kiste, die vielleicht zehn Kilogramm fassen mochte. Auf den Seiten der Kisten prangte der Stempel des Hamburger Teekontors Stargard – ein stilisierter Klipper, umrahmt von zwei Teezweigen.
Der Kutscher und ein Gehilfe stiegen vom Bock. Aus der Durchfahrt zum Hof trat Claras Vater auf die Straße. Er schob die Sackkarre vor sich her. Ein Lieferschein wurde übergeben, der Empfang quittiert. Nur die kleinere Kiste warf offenbar Fragen auf, Claras Vater wollte sie nicht annehmen. Es musste sich um einen Irrtum handeln, denn wenn sie bestellt worden wäre, hätte Clara davon gewusst. Es sei denn, ihr Vater hätte wieder vergessen, eine Bestellung auch für die eigenen Unterlagen zu notieren? Das kam in letzter Zeit leider häufiger vor. Vielleicht sollte sie gleich einmal runtergehen und fragen, was es mit der Kiste auf sich hatte.
»Fräulein? Wollen Sie hier Wurzeln schlagen?«
»Wie bitte?
»Meine Bestellung. Tee und Scones.«
»Natürlich, einen Moment, bitte.«
Die drei Männer begannen damit, die Teekisten auf die Sackkarre zu laden und in die Hofdurchfahrt zu bringen. Die kleine Kiste blieb zunächst auf der Straße stehen.
Hinter dem Pritschenwagen hielt ein Einspänner mit geschlossenem Wagen. Clara musste sich etwas recken, um ihn gut sehen zu können.
Die Tür ging auf und ein junger Mann stieg aus. Es war Hannes Stargard, der Enkel des alten Stargard. Sie kannte ihn als einen ambitionierten jungen Mann, der das Teekontor eines Tages weiterführen sollte. Seine Schultern verrieten, dass er körperlich arbeitete, der graue Filzzylinder hingegen deutete an, dass er von besserer Gesellschaft war. Sein haselnussbraunes Haar, ungewöhnlich lang für einen Mann, quoll unter dem Hut hervor. Er sah gut aus, kein Wunder, dass Netty ein wenig verliebt in ihn war.
Hannes Stargard drehte sich um und half seinem Großvater aus der Kutsche. Claras Herz machte einen Satz. Sie freute sich, ihn zu sehen. Otto Stargard war für sie immer so etwas wie ein wohlwollender Onkel gewesen. Als sie klein waren, hatte er ihrem älteren Bruder August, ihrer jüngeren Schwester Netty und ihr immer Spielzeug mitgebracht. Als sie größer wurden, ging er zu Büchern und kandierten Früchten über. Aber es war erschreckend, wie sehr er seit seinem letzten Besuch vor nicht einmal einem Jahr gealtert war. Er schien nicht mehr ganz trittsicher zu sein und musste am Arm seines Enkels gehen.
Zuletzt stieg ein dritter Mann aus der Kutsche. Er trug einen schwarzen, runden Hut und einen Anzug mit gestreifter Weste. Er ging in die Knie und hob die kleine Teekiste von der Straße auf. Seine Bewegungen wirkten elegant, beinahe fließend. Clara kannte ihn nicht. Kurz schaute er an der Fassade des Hauses herauf, und ihre Blicke begegneten sich. Seine Augen waren sehr dunkel, wie auch sein Haar. Etwas irritierte sie an seinem Blick, aber sie konnte nicht sagen, was es war. Sie beugte sich ein wenig vor, doch der Fremde hatte den Blick abgewandt und folgte Hannes und Otto Stargard zur Ladentür.
»Fräulein!«
Clara reagierte nicht, so sehr war sie von dem Anblick des Mannes eingenommen.
»Unerhört!« Die Dame schob ihren Stuhl zurück, stand auf und begann ihre Handschuhe anzuziehen.
Wilhelm Winterfeld trat aus der Hofdurchfahrt. Er ließ die Sackkarre stehen, begrüßte zuerst seinen langjährigen Geschäftspartner, danach reichte er Hannes die Hand. In diesem Moment trat auch Netty hinzu. Sie umarmte den alten Stargard umstandslos, und als Hannes Stargard einen Handkuss andeutete, glaubte Clara, eine leichte Röte auf ihren Wangen zu bemerken. Endlich konnte sie sich für einen Moment vom Fenster losreißen und wandte sich der Kundin zu. »Oh, bitte, bleiben Sie. Sie müssen entschuldigen, es ist nur, wir bekommen gerade sehr wichtigen Besuch.«
»Nun, dann werden Sie den Besuch ja gleich in aller Ruhe empfangen können.« Damit drehte die Kundin sich um und stolzierte die Treppe hinunter.
Clara seufzte. So etwas passierte zum Glück nur selten, die meisten Leute brachten etwas Zeit mit, wenn sie in den Salon kamen. Sie wandte sich wieder dem Fenster zu und hielt nach den Fremden Ausschau.
Dieser begegnete Wilhelm und Netty mit zurückhaltender Höflichkeit und verbeugte sich, die Teekiste in den Armen, nur leicht zur Begrüßung.
Clara neigte sich noch weiter vor, verlor die Gruppe aber aus den Augen, als sie durch die Ladentür ins Haus trat. Sie beeilte sich, die Schürze abzulegen und ein letztes Mal ihre störrischen Haare festzustecken, um für den Besuch gewappnet zu sein.
Das Kaminzimmer war gut durchgeheizt, und Netty hatte die Ladenaufsicht für eine Stunde an eine Aushilfe abgegeben, die sich gelegentlich ein paar Silbergroschen bei ihnen dazuverdiente. Fast die ganze Familie hatte um den großen Tisch Platz genommen; Adele und Netty an der Fensterseite, Wilhelm und Clara an den beiden Kopfseiten. Nur Claras Bruder fehlte. August war irgendwo auf einem Schlachtfeld im Kampf gegen Frankreich und Clara vermied es, allzu viel darüber nachzudenken.
Der alte Stargard saß mit dem Rücken zum Feuer neben seinem Enkel Hannes. Und an der Ecke, zwischen Hannes und Clara, saß Herr Akeno.
Hannes Stargard hatte ihn als Handlungsreisenden aus Japan vorgestellt. Da er bereits als Kind privat eine deutsche Lehrerin gehabt habe, sei er nun in der günstigen Lage, sich beinahe akzentfrei zu verständigen.
Clara gab sich größte Mühe, Herrn Akeno nicht fortwährend anzustarren. Zwar war er nach der neuesten europäischen Mode gekleidet, doch war es offensichtlich, dass er nicht aus Europa stammte. Sein glattes, tiefschwarzes Haar hatte er oben am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden. Doch was Claras Blick vor allem in seine Richtung zwang, waren die Augen.
Nachdem Herr Akeno die kleine Teekiste neben dem Kamin abgestellt hatte, hatte Clara ihm den Hut abgenommen, und sie hatten einen langen Blick getauscht. Das Weiß seiner mandelförmigen Augen war kaum sichtbar. Es waren ungewöhnliche und, wie Clara fand, überaus anziehende Augen.
Sie stand wie unter Schock. Ihre Wangen glühten und sie hatte Mühe, tief genug Atem zu holen. Herrn Akenos Hand lag auf dem Tisch nur Zentimeter von ihren zitternden Fingern entfernt. Sie hatte noch nie eine so ganz und gar haarlose Männerhand gesehen.
Olga kam und deckte den Tisch mit denselben Tassen, die sie auch für die zahlenden Gäste benutzten. Das Porzellan hatte ein zartes Blumendekor, war aber insgesamt hell gehalten, damit man die Farbe des Tees in der Tasse beurteilen konnte.
»Darf ich servieren?«
»Bitte, Olga«, sagte Hannes Stargard. »Aber nicht das Übliche.«
Olga sah ihn abwartend an.
»Bringen Sie heute bitte nur eine Kanne heißes Wasser«, sagte er. »Ohne den Tee.«
Olga ließ sich weder Überraschung noch Missbilligung anmerken. »Wie Sie wünschen.«
Hannes gab Herrn Akeno ein Zeichen, der daraufhin schweigend die Segeltuchtasche zu seinen Füßen öffnete. Er zog eine glänzende Holzdose sowie eine Rolle aus grob gewebter Seide hervor und legte beides vor sich auf den Tisch.
»Das«, setzte Hannes an und hob einen Zeigefinger, »ist das Allerneueste. Wir haben Ihnen gleich eine kleine Menge mitgebracht.« Er deutete auf die Kiste beim Kamin. »Exklusiv für das Teehaus Winterfeld.«
Olga kam mit dem Wasser zurück, und er wies sie an, die Kanne einfach auf den Tisch zu stellen.
Adele und Netty tauschten einen verwunderten Blick, Olga zog jetzt doch die Brauen hoch, tat aber wie geheißen.
Claras Nervosität steigerte sich zu gespannter Erwartung, als Herr Akeno den Deckel der Dose abhob und sie in die Mitte des Tisches schob, sodass sie alle einen Blick hineinwerfen konnten.
Die Teeblätter darin waren nicht schwarz und kraus wie der Bart eines Mannes, sondern flach und leuchtend grün. Sie rochen auch nicht wie gewohnt blumig oder malzig, sondern sie verströmten einen frischen Duft, der Clara an gemähtes Gras erinnerte. Sie musste an die warmen Sommerabende ihrer Kindheit denken, wenn sie in Zempernick in den Wiesen gelegen und in den Himmel geschaut hatte, und sie wurde kurz ein bisschen wehmütig. Der größte Teil dieser Wiesen waren inzwischen den Gleisen und Brennöfen der Ziegelei Casper gewichen.
»Wenn ich darf?«, sagte Herr Akeno und griff nach der Kanne mit dem heißen Wasser. Seine Stimme klang tief, sein Deutsch war tatsächlich fast akzentfrei, hatte jedoch seine eigene Melodie.
»Ich bitte darum«, sagte Wilhelm.
Herr Akeno goss in einem hohen, schlanken Bogen das dampfende Wasser in Hannes’ Tasse. Er prüfte von außen mit der Hand die Temperatur, dann wickelte er einen hölzernen Löffel aus der Seidenrolle, nahm ein paar Teeblätter aus dem Kästchen und gab sie direkt in das heiße Wasser. Hannes beobachtete den Vorgang mit sichtlicher Zufriedenheit.
»Man brüht diesen Tee nicht auf«, erklärte Herr Akeno. »Das Wasser muss zuvor ein wenig abgekühlt sein. So entfaltet der Tee sein Aroma, ohne bitter zu werden.«
Hannes fächelte sich den Dampf über der Tasse mit der Hand zu und sog ihn höchst zufrieden ein. »Großartig«, befand er, schob die Tasse weiter zu Wilhelm und forderte ihn auf, es ihm gleichzutun.
Der schnupperte an dem Tee und zog die Brauen hoch. »Seltsam. Was ist denn das für ein Tee, wenn ich fragen darf?«
»Nun, es ist offensichtlich ein japanischer Tee«, erwiderte Hannes.
Wilhelms Brauen wanderten noch ein wenig weiter in die Höhe. »Aber Japan ist seit Jahrhunderten isoliert.« Er wandte sich an Herrn Akeno. »Bitte entschuldigen Sie, aber soweit ich weiß, verweigert Japan sich doch dem Handel mit der zivilisierten Welt und lässt niemanden ins Land.«
»Sie haben recht, eine lange Zeit ist das so gewesen«, erwiderte Herr Akeno. »Doch Japan öffnet sich, seit unser Kaiser Meiji-tennō über das Land herrscht. In der Bucht von Nagasaki findet man jetzt Schiffe aus aller Herren Länder. Und ich«, er deutete wieder eine leichte Verbeugung an, »habe die ehrenvolle Aufgabe übernommen, unseren Tee in der ganzen Welt bekannt zu machen. Dieser hier trägt die Bezeichnung Ichibancha, das heißt, es handelt sich um die erste Pflückung im Jahr. Er wurde im Mai geerntet.«
»Herr Akeno und unser Teekontor werden fürderhin eng zusammenarbeiten«, erklärte Hannes. Er bedeutete Claras Vater, einen Schluck von dem japanischen Tee zu nehmen. »Bitte. Kosten Sie.«
Clara hätte selbst liebend gern gekostet. Aber es gehörte sich natürlich nicht, sich vorzudrängen.
Wilhelm hob die Tasse, spitzte die Lippen, schlürfte laut vernehmbar. Nach wenigen Schlückchen setzte er die Tasse wieder ab.
»Nun …«, er räusperte sich. »Ich will niemanden beleidigen. Aber wenn ich ehrlich bin, es schmeckt, wie es aussieht. Wie Gras. Mit Fisch.« Er lachte kurz. »Also, kurzum, ich weiß nicht, ob unsere Kundschaft damit etwas anzufangen weiß. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich damit etwas anzufangen weiß.« Er lachte noch einmal. »Schließlich bin ich keine Kuh, oder?«
Clara schnappte nach Luft. Wie überaus unhöflich!
Als niemand mit Wilhelm lachte, fügte er hinzu: »Es ist jedenfalls ganz etwas anderes als das, was wir hierzulande unter einem ordentlichen Tee verstehen.«
»Darf ich, Vater?«, fragte Clara und streckte die Hand nach Wilhelms Tasse aus.
Er zuckte mit den Achseln und schob die Tasse quer über den Tisch zu ihr. Der Tee darin war von einem blassen, doch leuchtenden Grün und verströmte einen zarten, fast süßen Duft.
»Schau, das sieht ja nicht einmal aus wie Tee«, sagte Wilhelm jetzt fast schon trotzig. »Es sieht mehr aus wie das Teichwasser im Tiergarten.«
»Vater, bitte«, zischte Netty.
Clara warf einen erschrockenen Seitenblick auf Herrn Akeno. Falls er gekränkt sein sollte, ließ er es sich nicht anmerken.
Hannes’ Freude beim Servieren des Tees war sehr sichtbar der Enttäuschung gewichen. Er zog das Kästchen mit dem Ichibancha zu sich heran und setzte etwas ruppig den Deckel wieder darauf. »Nun, dann nehmen wir unsere japanische Rarität eben wieder mit.« Er wandte sich an Herrn Akeno. »Sicherlich wird man seine Vorzüge in München mehr zu schätzen wissen.«
Clara nahm einen Schluck des schon nicht mehr ganz heißen Tees. Das Aroma breitete sich in ihrem Mund aus, und ein kurzes, intensives Glücksgefühl durchströmte sie. Das war wirklich anders.
Otto Stargard legte seinem Enkel eine altersfleckige Hand auf den Arm und wandte sich an Wilhelm. »Wir haben für das Teehaus Winterfeld wie bestellt einen Yunnan aus China mitgebracht, außerdem einen zart-malzigen Assam und einen leichten, blumigen Darjeeling aus Indien für die Damen. Und natürlich auch eine Kiste eines schönen, kräftigen Earl-Grey-Tees. Es spricht ja überhaupt nichts dagegen, beim Altbewährten zu bleiben.«
Wilhelm nickte zufrieden. »So soll es sein.«
»Aber Japan wird hierzulande bald der Inbegriff für Tee sein«, hob Hannes an. »Das wird noch richtig in Mode kommen!«
Clara nahm einen weiteren Schluck und versuchte vergeblich, Worte für seinen Geschmack zu finden. Herr Akeno wickelte derweil schweigend seinen hölzernen Teelöffel wieder ein.
»Mit Verlaub, was überzeugt Sie so sehr von diesem Tee?«, fragte Wilhelm an Hannes gewandt.
»Das ist doch offensichtlich, oder? Indien gehört den Briten, und der Handel mit China wird weitgehend von ihnen bestimmt, obwohl sie ihr Monopol längst aufgeben mussten. Wir hatten im Teehandel bisher einfach wenig Gelegenheit, uns zu beweisen.« Hannes warf sich in die Brust, als Netty ihm einen bewundernden Blick zuwarf. »Ich habe vor, unseren Einfluss im internationalen Teehandel auszuweiten«, fuhr Hannes fort. »Ich werde …«
»Lass es gut sein, Hannes«, sagte der alte Stargard und unterdrückte ein Husten. »Die Zeit für deinen geliebten Grüntee wird schon noch kommen.«
Hannes verstummte und der alte Stargard atmete durch. »Wilhelm, alter Freund, bevor wir für diesmal das Geschäftliche abschließen, gibt es noch eine andere Sache, über die wir reden müssen.« Er fischte seine Uhr aus der Weste, zog sie auf und steckte sie umständlich wieder ein. »Ich bin alt«, sagte er dann. »Ich unternehme diese Geschäftsreise mit Hannes, um ihn bei unseren Abnehmern einzuführen. Die vergangene Herbstsaison war die letzte für mich als Leiter der Geschäfte. Ich ziehe mich zurück. Das Frühjahrsgeschäft steht bereits unter Hannes’ Regie.«
Wilhelm blinzelte überrascht, sagte aber nichts.
Adele hingegen stieß einen entsetzten Laut aus. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.
»Mutter?«, fragte Clara leise und stellte die Teetasse ab. »Ist dir nicht gut? Soll ich dich hinausbegleiten?«
Adele hob abwehrend eine Hand und schüttelte leicht den Kopf.
»Liebe Adele, mein lieber Hannes wird die Geschäfte wie gewohnt weiterführen. Machen Sie sich bitte keine Sorgen«, sagte der alte Stargard.
Adele war offenbar nicht imstande, darauf zu reagieren, sie starrte die Wand an, als habe sie soeben eine Todesnachricht erhalten.
Wilhelm fasste sich als Erster wieder. »Nun, ich bedaure selbstredend ganz außerordentlich, das zu hören. Aber ich bin hocherfreut, dass das Teekontor seine Pforten nicht schließen wird.« Er stand auf und streckte Hannes die Hand hin. »Ich gratuliere, junger Mann.«
Auch Hannes erhob sich, ergriff die dargebotene Hand und nahm Haltung an. »Danke. Auf gute Zusammenarbeit.«
»Auf gute Zusammenarbeit.«
»So, und bevor jetzt alle wieder an ihre Arbeit gehen, die Geschenke für die Kinder!«, sagte der alte Stargard. »Hannes!«
Clara musste lächeln. Sie fragte sich, ob Otto Stargards Enkelsohn diese Tradition wohl aufrechterhalten würde. Aber vermutlich nicht. Er war ja kaum älter als sie selbst und kein älterer Herr, der den guten Onkel für sie und ihre Geschwister spielen würde.
Hannes hob einen abgegriffenen englischen Weekender vor sich auf den Tisch und förderte eine flache, blassblaue Schachtel, die mit einer Schleife verschlossen war, zutage. »Netty«, sagte er und schob das Päckchen über den Tisch.
Nettys Wangen röteten sich und sie löste die Schleife. In dem Päckchen war ein leuchtend grüner Schal, der mit zarten Kirschblüten bestickt war.
»Hannes hat von seiner letzten Reise nach Japan nicht nur Herrn Akeno mitgebracht«, sagte der alte Stargard und zwinkerte.
Vorsichtig hob Netty die glänzende Seide aus dem Karton. »Also, wenn ihr mich fragt … das hier könnte ein neuer Verkaufsschlager werden!«
Der alte Stargard lachte. »Das mag stimmen, liebe Netty. Ich hoffe, Sie haben Freude daran.«
Netty kam um den Tisch herum und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Das werde ich. Danke.«
Als Nächstes holte Hannes eine hölzerne Kiste hervor. »Die Zigarren sind für August. Wo ist der alte Tunichtgut überhaupt?«
Adele hielt den Kopf gesenkt, als sie antwortete: »Er war leider nicht abkömmlich. Seine Laufbahn zum Offizier erfordert einen gewissen Einsatz.«
»Geben Sie es ihm von mir, wenn Sie ihn sehen. Bestellen Sie Grüße.« Dann zwinkerte Otto Stargard Netty zu. »Wenn August abtrünnig wird, dann muss eines von euch Mädchen eben geschickt heiraten. Dann kann das Teehaus Winterfeld vielleicht auch den Abgang Ihres alten Herrn überleben, was?« Sein Lachen ging in ein gequältes Husten über.
Netty warf Hannes einen schnellen Blick zu und schlug die Augen nieder. Die Spannung zwischen den beiden war mit Händen zu greifen, und Clara fand, sie wären wirklich ein schönes Paar.
Als der alte Stargard mit Husten fertig war, zog er als Letztes ein in einfaches Papier geschlagenes Päckchen aus der Tasche. »Für Clara.«
Vorsichtig nahm sie es entgegen und schlug die Enden auseinander. Ein Buch mit blauem Leineneinband kam zum Vorschein. Auf dem Vorsatzblatt war der Stich einer fremdartigen Schönheit mit schwarzem Haar und in langen Gewändern zu sehen.
»Wundersames Nippon. Berichte von Reisenden aus Japan«, las Clara vor.
Otto Stargard wusste natürlich, dass er sie mit einem hübschen Schal nicht hinter dem Ofen hervorlocken würde. Er machte sich wirklich Gedanken über die, die er beschenkte. Oder vielleicht hoffte er auch, auf diesem Umweg doch noch ihren Ichibancha an das Teehaus Winterfeld zu verkaufen? Clara hätte nichts dagegen gehabt.
Das Buch jedenfalls versprach Abenteuer, und es würde ihre Sehnsucht nach der Ferne ebenso stillen wie nähren. »Es ist wundervoll«, flüsterte sie. »Danke.«
»Ich weiß doch, dass Sie gern lesen«, sagte der alte Stargard. »Erst recht, wenn es sich um eine Lektüre handelt, um die junge Damen sonst einen großen Bogen machen.«
»Danke«, sagte Clara noch einmal, lauter. Kurz glaubte sie, Tränen in den Augen des alten Stargard zu sehen.
Doch sofort klatschte er munter in die Hände. »So, Abschied! Hannes!«
Er ließ sich von seinem Enkel beim Aufstehen helfen.
Mit Bedauern beobachtete Clara, wie Herr Akeno die Teedose und den in Seide geschlagenen Löffel wieder in seiner Segeltuchtasche verstaute. Er warf ihr einen kurzen Blick zu und Clara erwiderte sein Lächeln.
Wilhelm drückte Otto Stargard lange und fest die Hand und kämpfte gegen die Rührung an. »Danke auch von mir. Für alles.«
Hannes hob die Teekiste neben dem Kamin auf und Netty hakte sich bei ihm unter. »Ich begleite Sie hinaus. Ich möchte schrecklich gern mehr über Ihre Reisen ins ferne Japan hören«, sagte sie im Rausgehen. »Was für Hüte trägt man wohl dort? Und was kochen die Frauen?«
Wilhelm räusperte sich. »Ich sollte mich dann mal um die anderen Teekisten kümmern«, sagte er. »Otto, ich erwarte, dass wir uns nach dem Abendessen noch im Clubhaus treffen, auf ein Getränk und ein, zwei Pfeifen. Ich lasse Sie nicht so einfach davonkommen.«
Der alte Stargard nickte. »Das werden wir, das werden wir.«
Wilhelm verließ etwas steifbeinig das Kaminzimmer. Er hatte vor Jahrzehnten in Hamburg als einfacher Lagergehilfe beim Teekontor angefangen und sich hochgearbeitet. Auch nachdem er mit seiner frisch angetrauten Frau Adele nach Berlin gezogen war, waren die beiden Männer einander verbunden geblieben. Adele wurde nie müde zu betonen, dass sie dem alten Stargard einfach alles verdankten. Vielleicht konnte sie deswegen nicht aufhören zu weinen. Sie saß noch immer am Tisch und knetete in stummer Verzweiflung ihr Taschentuch, unfähig, sich zu verabschieden.
»Herr Akeno, Clara, bitte lassen auch Sie uns für einen Moment allein«, sagte der alte Stargard freundlich.
Clara zuckte zusammen. »Natürlich, ich … wollte ohnehin den Tisch abräumen.« Eilig stellte sie die Kanne und die Tassen auf das Tablett.
Herr Akeno nahm es ihr ab und fragte: »Wohin?«
»Oh! Hier entlang, bitte!«
Clara griff nach ihrem neuen Buch und ging voraus durch den Flur zur Salonküche.
»Einfach auf den Tisch hier, bitte«, sagte sie.
Herr Akeno stellte das Tablett ab und machte eine eigenartige Verbeugung, bei der eine Hand nicht, wie Clara es kannte, Richtung Hutkrempe ging, sondern beide Arme eng an seine Seiten geschmiegt zu Boden zeigten.
»Auf Wiedersehen, Clara Winterfeld«, sagte er und wandte sich zum Gehen.
Claras Herz machte einen Satz. Wenn er jetzt die Küche verließ, würde sie ihn nie wiedersehen.
»Herr Akeno!«
Er sah sie erwartungsvoll aus seinen dunklen Augen an.
»Ich wollte nur sagen … es tut mir sehr leid, wie mein Vater über Ihren Tee gesprochen hat. Das war unhöflich von ihm. Mir hat er wunderbar geschmeckt und ich hätte Ihnen wirklich gern eine Kiste abgenommen.«
Herr Akeno lächelte, wollte etwas erwidern, hielt dann aber inne. »Einen Moment«, sagte er.
Er hob seine Segeltuchtasche neben das Tablett auf den Küchentisch, holte die Holzdose wieder hervor und hielt sie Clara mit beiden Händen und gesenktem Haupt entgegen. »Bitte nehmen Sie sie als mein persönliches Geschenk aus Japan.«
Clara wagte kaum zu atmen. »Wirklich?«, hauchte sie.
Herr Akeno nickte, und sein Blick war so eindringlich, dass Claras Herz schneller schlug.
Sie griff nach dem Behältnis. Kurz berührte sie dabei Herrn Akenos Hände, spürte ihre raue Wärme und den kühlen, glatten Lack der Dose.
»Danke«, flüsterte sie.
»Es ist mir ein Vergnügen.«
Clara räusperte sich. »Was werden Sie jetzt tun?«, fragte sie. »Haben Sie Pläne?«
»Sie meinen, weil ich meinen Tee nicht losgeworden bin?« Herr Akeno lächelte. »Während der nächsten Wochen, vielleicht auch Monate, werde ich reisen und versuchen, Beziehungen aufzubauen.«
»Das ist bestimmt sehr interessant. Jeden Tag etwas Neues.«
»Ja, das ist es. Europa ist anders als Japan.«
Sie standen einen Moment schweigend da, und Clara überlegte fieberhaft, wie sie Herrn Akeno noch ein wenig länger aufhalten konnte.
»Ich denke, ich sollte jetzt …«, sagte er.
Clara nickte. »Oh, natürlich!«
»Ich finde den Weg. Auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen«, sagte Clara.
»Sie können den Tee in der Tasse ruhig zwei bis drei Mal mit neuem Wasser aufgießen. Jeder Aufguss hat seine eigenen Vorzüge.«
»Das werde ich. Danke. Auf Wiedersehen.«
Er nickte ihr zu. Und dann war er fort.
Clara stand da, die Teedose ehrfürchtig mit beiden Händen umschlossen. Von so weit her hatte sie ihren Weg zu ihr gefunden. Und dabei war sie nicht bloß irgendeine anonyme Ware, die über weit verzweige Handelsströme gereist war. Es war ein Geschenk, von einem Menschen vom anderen Ende der Welt. Persönlich überreicht.
Vorsichtig öffnete sie die Dose und betrachtete die leuchtend grünen Teeblätter in ihrem Bett aus rötlichem Holz. Sie sahen wunderschön aus.
Sie würde sie ein Stockwerk höher in die Winterfeld'sche Wohnung bringen und in der Kiste unter ihrem Bett verstauen. Und sobald sie ein wenig Zeit fand, würde sie ganz in Ruhe und nur für sich allein eine Tasse dieses seltenen Tees trinken.
Als Clara die Salonküche verließ, vernahm sie aus dem Kaminzimmer die Stimme ihrer Mutter:
»Den ganzen Morgen hatte ich schon das Gefühl, dass heute etwas Schreckliches passieren würde«, klagte sie laut.
Clara hielt inne und trat näher. Die Tür stand einen Spalt offen. Clara legte das Buch und die Teedose auf die Kommode mit der Tischwäsche, stellte sich dicht neben die Tür und rührte sich nicht.
Natürlich hätte sie nicht lauschen sollen. Aber normalerweise war ihre Mutter auch nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, und Clara sorgte sich um sie.
Der alte Stargard schnalzte mit der Zunge. »Na, es ist aber doch gar nichts Schreckliches passiert, liebe Adele. Ich begebe mich in den wohlverdienten Ruhestand. Das ist alles. Hier, nehmen Sie mein Taschentuch.«
Adele schnäuzte sich lautstark. »Und wenn wir uns nie wiedersehen?«, fragte sie mit erstickter Stimme. »Sie sind wie ein Vater für mich, und Sie haben all die Jahre dafür Sorge getragen, dass …«
»Schhhh«, machte der alte Stargard. Dann räusperte er sich. »Ich muss gestehen, dass ich daran ebenfalls gedacht habe. Sie müssen sich keine Sorgen machen, ich werde Hannes instruieren. Und ich habe Ihnen …« Es entstand eine kleine Pause. »Ich habe Ihnen das hier mitgebracht.«
Etwas im Tonfall des alten Stargard ließ Clara aufhorchen. Überaus vorsichtig spähte sie durch den Türspalt.
Otto Stargard zog einen Umschlag aus seiner Rocktasche und reichte ihn Adele. »Ich glaube, dies hier wird Sie beruhigen und erfreuen. Ich hoffe es wenigstens.« Er lächelte. »Leben Sie wohl, Adele.«
Damit drehte er sich abrupt um, durchquerte, so schnell sein Alter es zuließ, den großen Salon, stieg die Treppe hinunter zum Ladengeschäft und verließ das Teehaus Winterfeld.
Adele öffnete indes mit zitternden Fingern den Umschlag, zog ein Stück Karton hervor und betrachtete es eine Weile stumm.
Dann hob sie eine Hand vor den Mund, wie um einen Laut zu unterdrücken, suchte Halt hinter sich und ließ sich in einen der Sessel vor dem Kamin fallen. Einen Moment lang sah es aus, als wolle sie das, was immer der alte Stargard ihr gegeben hatte, in die Flammen werfen.
Doch dann hielt sie inne, betrachtete es eingehend, steckte es schließlich zurück in den Umschlag und ließ ihn in ihrer Schürzentasche verschwinden.
Clara räusperte sich laut und trat ins Kaminzimmer.
Adele sah aus großen Augen durch Clara hindurch. Ihr Gesicht war weiß wie Milch.
»Mutter«, sagte sie. »Soll ich dir ein Glas Wasser holen?«
Adele lächelte Clara an. »Nein, Kind. Es ist alles in Ordnung. Ich … es ist nur der Abschied. Es ist nichts.« Damit stand sie energisch auf, ging an Clara vorbei und in die Küche.
Clara folgte ihr, doch Adele wich ihr aus und tat sehr beschäftigt. Das Tablett mit der Kanne und den Tassen stand noch immer auf dem Tisch, wo Herr Akeno es abgestellt hatte. Clara hob die Tasse und nahm das intensive Aroma wahr, das ihrem Vater so gar nicht gefallen hatte. Der Tee war jetzt kalt. Entschlossen leerte sie die Tasse in den Spülstein, wusch sie ab und stellte sie zurück in den Schrank für das Gästegeschirr.
Zwei Tage nach dem Besuch der Stargards am frühen Nachmittag schlüpfte Clara in die Küche, um einen Moment zu verschnaufen. Ihr schwirrte schon der Kopf von all den kleinen Plaudereien im Salon. Sie bemühte sich natürlich wie immer, angemessenes, aber nicht allzu deutliches Interesse am neuesten Klatsch zu zeigen. Sie erfuhr, wessen Geschäfte gut liefen und wer pleite war, wer in diesem schrecklichen, überflüssigen Krieg zwischen Preußen und Frankreich verwundet worden oder gefallen war, welche Hüte und Kleider den Weg von London nach Berlin gefunden hatten, wie die Aktien standen und wer von welcher Reise wiederkam oder dazu aufbrach. Aber eigentlich interessierte sie das nicht, weil sie seit vorgestern nur Augen für ihre Mutter hatte. Wann immer diese sich unbeobachtet wähnte, zog sie den geheimnisvollen Umschlag aus der Schürze, zog den Karton heraus und warf einen langen Blick darauf.
Jetzt jedoch kam sie in die Küche, legte die Schürze ab und hängte sie an den Haken neben der Speisekammer. Sie entschuldigte sich mit Kopfschmerzen und Unwohlsein und zog sich in die Privatwohnung der Winterfelds im Stockwerk darüber zurück. Clara konnte sie dort oben unruhig auf und ab laufen hören.
Als Olga ein Tablett mit Geschirr in die Küche trug, kam Clara eine Idee. »Olga, bitte geh doch in die Apotheke und hole ein Fläschchen Laudanum für meine Mutter, ja? Ich übernehme so lange den kleinen Salon für dich.«
Sie hatten eigentlich genug Laudanum im Haus, aber Clara brauchte einen ungestörten Moment, ohne dass jemand in die Küche kommen würde.
»Du willst beide Salons und das Kaminzimmer alleine machen? Ist eine Menge Betrieb gerade.«
»Das schaffe ich schon. Geh du nur.«
Olga zuckte die Achseln und machte sich auf den Weg.
Sobald sie gegangen war, nahm Clara Adeles Schürze vom Haken und steckte die Hand erst in die linke, dann in die rechte Tasche. Sie fand nur eines von Adeles allgegenwärtigen Taschentüchern. Clara seufzte.
Natürlich hatte ihre Mutter den Umschlag mit nach oben genommen. Und sicher würde sie ihn gut verstecken, sodass Clara nie erfuhr, was ihr Gemüt so sehr beschäftigte. Doch wie sollte sie ihr helfen, wenn sie nicht wusste, was für Sorgen ihre Mutter quälten?
»Klopf, klopf!«
Clara drehte sich um. »Franz! Was führt dich her?« Franz Casper stand lässig in den Türrahmen gelehnt. Clara lächelte, schüttelte die Schürze aus und hängte sie zurück an ihren Haken. »Komm rein, setz dich.«
Franz folgte der Einladung, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und sah Clara dabei zu, wie sie Tee aus einer Blechbüchse in ein Teesieb löffelte und ihn in eine Kanne hängte.
»Hast du kurz Zeit für mich?« Er wirkte mit einem Mal seltsam ernst.
»Na ja, so viel Zeit wie immer an einem geschäftigen Tag«, sagte sie. »Zumal ich gerade allein bin. Aber fühl dich einfach wie zu Hause.« Sie nahm einen Topflappen, legte ihn um den Griff des Wasserkessels, goss den Tee auf und drehte die kleine Sanduhr, die neben der Kanne auf dem Tisch stand. Drei Minuten.
Franz berührte Clara am Ellenbogen und sie hielt inne. »Genau das tue ich, Clara. Ich fühle mich mit dir – immer schon – wie zu Hause.«
Es war warm in der Küche und Clara wischte sich mit dem Ärmel eine Haarsträhne aus der Stirn. Was war denn mit Franz los? Er war doch sonst nicht so ernsthaft.
»Setz dich doch für einen Moment«, bat er. »Ich muss etwas mir dir besprechen.«
Clara bekam bei seinen Worten ein flaues Gefühl im Magen. Franz war der einzige Sohn und Erbe von Heinrich Casper, Gründer und Inhaber der Ziegelei Casper, und man konnte mit ihm wunderbar reden und sich amüsieren. Als Kinder hatten sie beide noch zu den weniger begüterten Menschen in der wachsenden Metropole Berlin gehört. In den letzten zwanzig Jahren aber war Franz’ Familie zu recht üppigem Wohlstand gekommen, was daran lag, dass in Berlin unablässig gebaut wurde.
Die Stadt war in rasendem Tempo auf eine Million Einwohner angewachsen, und all diese Menschen brauchten Häuser, um darin zu leben. Genau wie die Winterfelds hatten die Caspers sehr klein angefangen und sich hochgearbeitet. Manche Leute allerdings waren der Ansicht, sie hätten nicht den richtigen Hintergrund, um etwas auf sich halten zu dürfen. Adele war nur ein Dienstmädchen gewesen, Wilhelm hatte sich vom Laufburschen hochgearbeitet. Und Franz’ Vater hatte anfangs Ziegel verladen, die über die Spree geschifft wurden.
Dass sie ihr Los aus eigener Kraft verbessert hatten, das verband ihre beiden Familien seit jeher miteinander. Und dass sie immer wussten, wie man Spaß hatte. Warum also jetzt dieser Ernst?
»Zwei Minuten«, sagte Clara mit Blick auf die Sanduhr, und setzte sich. »Was gibt es denn?«
Franz nahm Claras Hand. »Wir kennen uns sehr lange und gut, wir mögen und verstehen einander, und ich denke, wir sollten langsam darüber nachdenken, die natürliche Konsequenz daraus zu ziehen. Vorausgesetzt, du kannst dir vorstellen, vor den Toren der Stadt zu leben.«
Clara hatte das Gefühl, sie sollte verstehen, wovon Franz redete. Aber irgendwie entglitt ihr der Sinn seiner Worte. »Ich bin lange nicht mehr draußen bei euch gewesen«, sagte sie und fragte sich selbst, was sie damit sagen wollte.
Vielleicht, dass sie sich in den letzten Jahren ein wenig auseinandergelebt hatten. Wenn Franz in der Stadt war, machte er fast immer einen Abstecher hierher. Doch früher war es andersherum gewesen. Da hatten sie so oft als möglich die Stadt Richtung Norden verlassen und waren die zwei Stunden mit Bahn und Kutsche raus nach Zempernick zu den Caspers gefahren.
»Die Arbeitersiedlung war immer eine Art Zuhause für mich. Weißt du noch, als wir eine ganze Lore voller Kirschen gepflückt und dann Ärger gekriegt haben, weil …«
»Ja, das weiß ich noch«, entgegnete Franz. »Aber du weichst mir aus.«
Clara blinzelte verwirrt. Der Sand war fast durchgelaufen und sie stand auf. »Franz, entschuldige. Der Tee …« Etwas hektisch nahm sie das Sieb aus der Kanne, setzte den Deckel auf und stellte sie neben zwei Tassen auf ein Tablett, um es in den Salon zu tragen.
»Clara!« Franz stellte sich ihr in den Weg. »Ich brauche erst eine Antwort.«
»Aber auf welche Frage denn?«
Als Franz sie nur anstarrte, fügte sie hinzu: »Beeile dich bitte, ja? Der Tee wird kalt.«
Franz verdrehte die Augen. »Muss ich wirklich?«, fragte er. »Na gut. Aber nur, weil du es bist.« Dann grinste er sein jungenhaftes Grinsen, und plötzlich ließ er sich ganz und gar theatralisch vor Clara auf die Knie sinken. »Clara, Herzgeliebte! Darf ich bei deinem Vater um deine Hand anhalten?«
Clara blinzelte erneut. »Wie bitte?«
Franz griff nach ihrer Hand, die das Teetablett hielt, und jetzt sprach er mit der ganzen Ernsthaftigkeit, zu der er in der Lage war: »Würdest du mich heiraten, Clara?«
Sie blickte Franz mit großen Augen an. Was sollte sie darauf antworten? Sie wusste ja nicht einmal, was sie denken sollte. Sie mochte Franz. Ja, wirklich. Sie passten sicher irgendwie auch zueinander. Aber sie wäre nie auf die Idee gekommen, ihn heiraten zu wollen. Er war manchmal wirklich ein ziemlicher Kindskopf. Und ein hitziger noch dazu.
Franz kniete noch immer, hielt ihre Hand und sah sie an, als könnte es nur eine Antwort geben. Mit einem Mal fühlte sich Clara ganz schwach. Die Kanne auf dem Tablett geriet ins Rutschen.
Als Franz es bemerkte, ließ er Claras Hand los und machte einen Satz rückwärts. Die Kanne fiel und zersprang, und der heiße Tee spritzte über den Boden, gegen die weiße Wand hinter Franz und über seine hellen Hosen.
»Ach, Clara!«, entfuhr es ihm. »Jetzt sieh nur, was du angerichtet hast!«
In diesem Moment kam Olga von ihrem Gang in die Apotheke zurück und blieb mit offenem Mund in der Küchentür stehen. »Oh!«, stieß sie hervor.
Franz zog das dampfende Hosenbein hoch und Clara beeilte sich, ein Küchentuch mit kaltem Wasser zu tränken. Er bedachte sie mit einem säuerlichen Blick, nahm das Tuch und kühlte das verbrühte Schienbein.
Er hatte es noch nie gut vertragen, wenn die Dinge nicht nach seiner Nase gingen. Wehe, wenn man ihn beim Spielen nicht gewinnen ließ. Wehe, wenn er nicht bekam, was er wollte. Als Junge hatte er seine Mutter, bevor sie gestorben war, immer auf seiner Seite gewusst. Die Gewohnheit, seinen Willen zu bekommen, war natürlich geblieben, und für einen Moment war Clara beinahe froh, dass sie den Tee verschüttet hatte. Vielleicht vergaß er darüber einfach wieder, was er von ihr gewollt hatte.
»Tee darf man nicht trocknen lassen, Flecken gehen sonst nicht mehr raus!«, rief Olga. Sie knallte einen Briefumschlag und das braune Glasfläschchen mit der Laudanum-Tinktur auf den Küchentisch und fing an, mit einem Lappen an Franz’ Hosenbein herumzuputzen. »Sie müssen Hose ausziehen, Herr Casper! Schnell!«
Clara spürte, wie ein hysterisches Glucksen in ihr aufstieg, und dann lachte sie lauthals los.
Franz fiel mit ein. Sie krümmten sich geradezu vor Lachen, und Clara konnte erst aufhören, als ihr schon der Bauch wehtat. Olga grunzte empört.
Clara wischte sich die Lachtränen aus den Augen und zeigte auf die Scherben der Teekanne. »Uns ist ein kleines Malheur passiert.«
Olga hob die Hände an die Wangen. »Ach, das schöne Porzellan!«
»Und die schöne Wand erst«, sagte Franz und deutete auf die Teespuren.
»Ach, herrje …«
»Ich kümmere mich natürlich um den neuen Anstrich«, sagte Franz. »Vielleicht sollte man bei der Gelegenheit die Küche gleich einmal richtig fliesen lassen? Was meint ihr? Dann kann man sie viel besser sauber halten.«
Clara nickte. »Eine gute Idee. Was hältst du von weißen Kacheln mit einem blauen Blumendekor? Olga?«
Olga nickte, winkte dann aber ab. »Kommen jetzt mit nach oben, Sie brauchen neue Hose.«
Franz sah Clara an und zuckte mit den Achseln. »Ja, das wäre wohl besser.«
Olga vergaß das Laudanum auf dem Küchentisch und lief mit Franz im Schlepptau los. Clara hörte sie im Treppenhaus die Stufen hinaufstapfen und dann über ihren Köpfen herumpoltern.
Sie griff nach dem Laudanum, um es in die Schublade mit der kleinen Notfallausrüstung für den Salon zu stellen, als ihr Blick auf den Briefumschlag fiel. Ihr Name stand darauf, geschrieben mit schwarzer Tinte und einer breiten Feder. Die Buchstaben kamen ihr wie kleine Kunstwerke vor. Sie kannte niemanden, der so schrieb.
Sie nahm den Umschlag, drehte ihn um.
Er war von Herrn Akeno. Ihre Beine wurden plötzlich ganz weich, und sie musste sich setzen, bevor sie den Umschlag zu öffnen imstande war. Heraus kam ein einzelnes Blatt.
Sehr verehrte Clara Winterfeld,
unsere Begegnung im Hause Ihrer Eltern war kurz, doch sie lässt mich nicht los. Ihr Urteilsvermögen, Ihre Freundlichkeit und Ihre Schönheit sind verehrungswürdig und haben mich tief beeindruckt.
Bitte missverstehen Sie dies nicht als plumpen Versuch, nach den ablehnenden Worten Ihres Vaters gewissermaßen durch die Hintertür doch noch mit dem Teehaus Winterfeld ins Geschäft zu kommen.
Vielmehr fühle, ja weiß ich, ihn Ihnen eine verwandte Seele gefunden zu haben. Es kommt mir wie ein Wunder vor, so weit entfernt von meiner Heimat, und der Gedanke, Sie nach unserem ersten, viel zu kurzen Treffen gleich wieder zu verlieren, erscheint mir über die Maßen traurig.
Es wäre mir eine große Ehre und Freude, weiter mit Ihnen korrespondieren zu dürfen, Ihnen vielleicht auch weitere Muster unserer besten Tees zukommen zu lassen und mich an Ihrer Freude darüber erfreuen zu dürfen.
Hochachtungsvoll, Akeno-san
Unter dem Brief stand die Adresse des Grand Hotel Budapest, in dem er als Nächstes weilen würde.
Clara ließ das Blatt sinken und atmete ein paar Mal tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Viel lieber hätte sie laut aufgeschrien vor Freude und wäre in der Küche auf und ab gehüpft wie ein kleines Mädchen. Aber das ging natürlich nicht, was würden die Gäste sagen.
Sie steckte den Brief in ihre Schürze, wischte endlich den verschütteten Tee vom Boden und kehrte die Scherben zusammen.
Als Franz wieder hereinkam und sich schweigend an den Küchentisch setzte, wusste sie, dass er seine Frage nicht vergessen hatte.
»Und? Was sagst du?«, fragte Franz nach einer gefühlten Ewigkeit.
Clara erhob sich, putzte energisch an der befleckten Wand herum und presste die Lippen aufeinander. Sie wusste natürlich, sie sollte Ja sagen. Ihre Familien würden dann noch enger miteinander verbunden sein. Es würde ihr an nichts fehlen, und Franz war ja immerhin ein Freund. Und musste eine nicht mehr ganz so junge Frau von vierundzwanzig Jahren wie sie nicht eigentlich glücklich sein, geheiratet zu werden? Was konnte sie auf Dauer schon sein ohne Mann? Eine Hausangestellte wie Olga? Die ging jetzt auf die fünfzig zu und hatte ihr ganzes Leben lang weder eine Chance auf Heirat noch eine eigene Familie gehabt, wie die meisten Frauen, die in Stellung waren. Es blieb Clara ja am Ende gar nichts anderes übrig, als zu heiraten.
Und da war es doch besser, man nahm jemanden, den man mochte, statt einen ganz und gar Fremden. Es sprach also absolut gar nichts dagegen und alles dafür, Franz’ Frau zu werden.
Clara ließ sich auf einen Stuhl sinken und hielt den Atem an. Unter den Händen spürte sie den Brief in ihrer Schürze. Und der Gedanke ans Heiraten fühlte sich grundfalsch und beklemmend an.
Sie seufzte. Vielleicht hatte sie einfach auf etwas mehr Romantik gehofft. Darauf, dass sie den Mann, den sie einst heiraten würde, auch liebte. Das war jetzt doch das neue Ideal, nicht wahr? Alle wollten heutzutage nur noch aus Liebe heiraten.
Aber liebte sie Franz denn nicht?
Er saß ihr gegenüber am Tisch und Clara sah, wie sein Kehlkopf sich auf und ab bewegte, als er schluckte.
Doch, natürlich liebte sie ihn. Wie einen Bruder.
Und Brüder heiratete man nicht.
»Franz? Meinst du das denn wirklich ernst?«
Er sah ihr in die Augen. »Clara, ich wusste schon immer, dass ich dich heiraten wollte. Ich meine es absolut ernst, und ich …«
Olga streckte den Kopf zur Tür herein. »Clara, im großen Salon warten Gäste.« Mit leicht näselnder Stimme fügte sie hinzu: »Frau von Stadler ist da, nebst Nichten.«
Claras Kehle war plötzlich eng. Was war nur mit ihr los? Warum machte es sie traurig zu hören, dass Franz sie so sehr zur Frau haben wollte?
Sie bemühte sich, zu lächeln. »Olga, bitte geh du und kümmere dich um sie. Halte einen Moment für mich die Stellung.« Dann wandte sie sich Franz zu. »Wir gehen besser hinauf. Ich kann hier nicht so zwischen Tür und Angel darüber sprechen.«
Im Treppenhaus wichen Franz und Clara einer Dame in voluminösem Rock aus, die soeben aus dem nagelneuen, höchst raffinierten Wasserklosett auf dem Treppenabsatz trat. Es war eben ein modernes Haus, in dem sie leben und arbeiten durften. Der Boden des Teesalons war mit glänzendem Parkett ausgelegt, die Decken waren mit Stuck verziert und die Fenster waren hoch und hatten einen Bogen. Die Geschosse weiter oben waren zwar etwas weniger luxuriös – einfache Holzdielen, niedrigere Decken und Fenster und natürlich auch kein Stuck –, aber Clara wusste, dass sie und ihre Familie mit der großen Wohnung samt Küche und Mädchenkammer höchst bevorzugt lebten, noch dazu mitten in der Stadt. Manche Familien mit fünf oder sechs Kindern hausten in nur einem Zimmer, und viele Familien hatten Schlafgänger, die schichtweise in ihren Betten schliefen. Wanzen und Flöhe inklusive.
Clara öffnete die Wohnungstür und horchte. Alles war still. Vater saß vermutlich in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch und schob Zahlen hin und her, und Mutter hatte sich offenbar endlich hingelegt. Clara bemühte sich, nicht auf die knarrende Diele vor der Wohnstube zu treten. Dennoch erklang hinter ihr das langgezogene Knarren in der Stille der Wohnung, als Franz achtlos über die Diele lief.
»Franz! Mutter ist unwohl«, zischte sie.
»Entschuldigung«, gab er zurück.
Clara schloss die Stubentür und Franz nahm auf dem weinroten Samtsofa mit den Troddeln Platz.
»Du weißt, dass ich dich liebe, Clara«, sagte er sofort und sah sie abwartend an. Es klang so seltsam nüchtern, wie er das sagte.
Clara setzte sich neben ihn. »Franz …«, hob sie an. »Ich fürchte, ich verdiene deine Liebe nicht.«
»Das entscheide wohl ich, wer meine Liebe verdient, oder nicht? Du …«
Clara hob eine Hand. »Lass mich bitte ausreden. Ich verdiene sie nicht, weil ich sie nicht erwidern kann, so wie du es verdienst.« Sie verschränkte die Hände im Schoß. »Ich bin nicht ein einziges Mal auf den Gedanken gekommen, dass wir … einander lieben könnten.«
»Siehst du, und auch darum liebe ich dich, Clara.« Franz lächelte jetzt. »Du bist eben ein anständiges Mädchen, und natürlich durftest du niemals andere als freundschaftliche Gefühle für mich hegen. Aber jetzt mag sich das ändern. Clara, du könntest frei sein, mich zu lieben!«
Clara schwieg einen Moment. »Frei?«, sagte sie dann. »Ich weiß nicht, Franz. Wirklich …«
»Clara, die Liebe kommt erst mit der Ehe. Das ist bei den Frauen so, es ist völlig normal. Sie fürchten sich vor dem Unbekannten, und das ist verständlich. Aber dann, wenn sie es kennenlernen …« Er lächelte verheißungsvoll, nahm Claras Hand und drückte einen etwas zu langen Kuss darauf.
Clara unterdrückte ein Schaudern, entzog Franz ihre Hand und stand auf. »Verzeih, Franz. Aber ich weiß schon, worauf wir Frauen uns einlassen mit einer Ehe. Und ich sage dir jetzt weder Ja noch Nein. Das ist mir alles viel zu plötzlich, und ich muss darüber erstmal gründlich nachdenken.«
Franz wollte etwas erwidern, doch sie kam ihm zuvor. »Geh jetzt. Ich lasse dich wissen, wie ich entscheide.« Damit ging sie zur Stubentür, öffnete sie und wartete demonstrativ.
Franz nickte, stand auf und ging an Clara vorbei.
Im Flur drehte er sich noch einmal um. »Wir sehen uns, Clara.«
»Wir sehen uns«, sagte sie und schloss die Tür hinter ihm.
Einen Moment später hörte sie auch die Wohnungstür zuklappen. Sie setzte sich in den Sessel neben dem Ofen und ließ den angehaltenen Atem entweichen.
Sie wusste nicht, wie lange sie so gesessen und vor sich hin gestarrt hatte, als sie erneut die Wohnungstür hörte.
Kurz darauf ging die Tür zur Stube auf. Wilhelm kam herein und wärmte die rot gefrorenen Hände am Ofen. »Hier steckst du also, Kind«, sagte er und warf ihr einen langen Blick zu. »Geht es dir nicht gut?«
Clara rang sich zu einem Lächeln durch. »Doch, Vater. Mir geht es gut. Ich bin nur etwas müde.« Sie stand auf. »Entschuldige, ich muss runter. Olga ist ganz allein mit dem Salon.« Sie wandte sich zum Gehen, als ihr noch etwas einfiel. »Warst du nicht eben im Arbeitszimmer, um die Abrechnung zu machen?«
»Nein. Ich war die ganze Zeit unten und habe die neue Kistenware in Blechdosen umgepackt. Es ist immer noch sehr kalt da unten. Und die Wachspapiertüten sind alle, wir müssen neue bestellen. Aber keine Sorge, ich mache die Abrechnung gleich als Nächstes.«
Clara gab ihm im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange. »Deswegen habe ich gar nicht gefragt, sondern wegen Mutter. Sie ist heraufgekommen, um sich hinzulegen. Hast du nach ihr gesehen?«
»Nein, ich wusste gar nicht … ich sehe gleich nach ihr.«
Kurz nach Feierabend fand Clara ihre Mutter in der Stube. Sie nähte Leinensäckchen zusammen, in denen sie Lavendelblüten für den Kleiderschrank verkauften, gegen die Motten. Sie wirkte ganz in sich versunken und Clara sprach sie nicht an.
Ihren Vater traf sie in seinem Arbeitszimmer an. Er saß zurückgelehnt in dem großen Lehnstuhl am Schreibtisch und schnarchte leise. Auf dem Tisch vor ihm lagen Listen mit langen Kolonnen fein säuberlich geschriebener Namen von Teegärten, Chargennummern sowie Einkaufs- und Verkaufspreisen. Darunter lag die Abrechnung. Sie war angefangen, aber nicht annähernd fertig.
Vorsichtig nahm Clara die Blätter an sich und setzte sich damit an den Damensekretär zu ihrer Mutter in die Stube. Adele seufzte, als sie sah, dass ihre Tochter sich nach Feierabend wieder einmal um die Zahlen kümmerte. Clara rechnete alle Ein- und Ausgänge sorgfältig durch und fand, dass sie wirklich zufrieden sein konnten. Schon das Weihnachtsgeschäft war üppig gewesen, doch auch der Januar und der Februar hatten den Winterfelds kräftige Umsätze beschert. Sie hatten sich etwas Spielraum erarbeitet.
Clara legte den Füllfederhalter beiseite und überlegte, wie sie ihren Vater vielleicht doch noch überreden konnte, es mit Herrn Akenos Ichibancha aus Japan zu versuchen. Niemand sonst in der Stadt würde so etwas anzubieten haben. Außerdem … würde sie ihm so gern etwas Erfreuliches antworten können. Heute Abend, wenn alle andern schon im Bett waren und sie in der Stille des Hauses Ruhe hätte, ihre Gedanken zu ordnen.
Die fertigen Bilanzen brachte sie zurück ins Arbeitszimmer. Ihr Vater schlief noch immer friedlich in seinem Stuhl, und sie legte die Blätter vorsichtig zurück auf den Tisch.
Sie würden beide kein Wort darüber verlieren, dass in letzter Zeit immer häufiger nicht Wilhelm, sondern Clara das Rechnen übernahm, dass sie ihn beim Einkauf beriet und ganz allgemein das Geld zusammenhielt und die Geschäfte überblickte. Es war eine stillschweigende Übereinkunft zwischen ihnen, die dafür sorgte, dass Wilhelm das Gesicht wahren und Clara ihrer unorthodoxen Neigung zum Geschäftlichen nachgehen konnte. Sie würde sich diese Aufgabe nicht selbst wegnehmen, indem sie ihre Tätigkeit an die große Glocke hängte. Dafür genoss sie es viel zu sehr, wenn die Zahlen alle zusammenpassten und die Abläufe sich reibungslos wie ein gut geprobter Tanz ineinanderfügten. Den Laden zu führen, wenn auch nur hinter den Kulissen, machte sie auf eine eigentümliche Weise sehr zufrieden.
Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. »Vater«, sagte Clara und rüttelte Wilhelm sanft an der Schulter.
Langsam öffnete er die Augen.
»Wir essen in einer halben Stunde.«
Wilhelm setzte sich kerzengerade auf, als wäre nichts gewesen. »Natürlich. Danke, mein Kind.«
Clara lag auf dem Rücken, die Hände über der kalten Leinenbettwäsche verschränkt. Sie lauschte Nettys sanften, regelmäßigen Atemzügen im Bett an der gegenüberliegenden Wand und sah in die Finsternis.
Der Brief an Herrn Akeno war ihr leicht von der Hand gegangen. Sie hatte ihm von ihrer lebenslangen Sehnsucht, in fremde Länder zu reisen, erzählt und dass sie ihn bewunderte, weil er diesen Traum umzusetzen vermochte. Sicher sei es nicht leicht gewesen, den Schritt in die Fremde zu wagen. Aber für sie als Frau gestalte sich ein solches Abenteuer noch komplizierter. Sie hatte ihn auch gefragt, aus welcher Präfektur in Japan er stamme und was für ein Leben er dort in seiner Heimat führe.
Morgen würde sie den Brief zur Post bringen, und sie konnte es schon jetzt kaum erwarten, seine Antwort zu lesen.
Doch es war nicht die Vorfreude, die sie vom Schlafen abhielt, sondern Franz. Wie sollte sie schlafen, wenn sie die ganze Zeit an die Worte denken musste, die er zu ihr gesagt hatte. Frei, ihn zu lieben … Freiheit … Was war das eigentlich?
Wenn es nach Clara ging, bedeutete es, auf eine abenteuerliche Reise zu gehen. Oder ein Geschäft zu führen. Und ja, vermutlich auch, lieben zu dürfen. Aber Freiheit müsste doch auch bedeuten, nicht lieben zu müssen, wenn man nicht wollte. Clara unterdrückte den Drang, sich hin und her zu wälzen. Sie wollte nachdenken, nicht herumzappeln.
Warum fiel es ihr so schwer, sich für oder gegen eine Ehe mit Franz zu entscheiden? Sie hatte doch die Freiheit dazu. Niemand würde versuchen, sie gegen ihren ausdrücklichen Willen in eine Ehe zu zwingen. Ihre Eltern waren ja keine herzlosen Tyrannen.
Clara gab dem Drang nach, drehte sich nun doch auf die Seite und schob eine eiskalte Hand unter das Kissen. Ja, sie wollte frei sein. Und dieser Mann, Franz, passte so gar nicht zu ihrer Vorstellung von Freiheit. Er war viel zu sehr … sie wusste nicht, was. Zu sehr auf Konventionen bedacht? Stimmte das?
Vielleicht würde ein anderer Mann passen. Jemand wie Herr Akeno vielleicht. Er war frei.
Was, wenn sie neulich einfach beschlossen hätte, ihm die Stadt zu zeigen, statt zu Hause zu bleiben? Sie hätte sicher einen interessanten und inspirierenden Nachmittag erlebt. Warum hatte sie sich diese Freiheit nicht einfach genommen? Clara drehte sich auf die andere Seite und schüttelte den Gedanken ab.
Natürlich wollte sie niemanden verletzen, weder Franz noch ihre Eltern, die sicherlich enttäuscht wären, wenn sie nicht einwilligte, seine Frau zu werden. Ein Fabrikantensohn, der einmal sehr reich erben würde, eine befreundete Familie. Wie konnte sie sich herausnehmen, eine solche Gelegenheit, die die Zukunft ihrer ganzen Familie sichern würde, auszuschlagen? Selbst wenn sie die Freiheit besaß, hatte sie darum auch das Recht dazu?
Ruckartig setzte Clara sich auf. Natürlich hatte sie das Recht! Es war immerhin ihr Glück, ihr ganzes weiteres Leben, das hier auf dem Spiel stand!
Das Leinenbettzeug auf der anderen Seite des Zimmers raschelte, als Netty sich ebenfalls im Bett aufsetzte. »Kannst du nicht schlafen?«, fragte sie.
Im Dunkeln war sie in ihrem weißen Nachthemd nur ein blasses Gespenst, das fröstelnd die Arme um die Knie schlang.
»Nein. Habe ich dich geweckt?«
Ein tiefes Seufzen erklang und Clara hörte das Lächeln in der Stimme ihrer Schwester. »Nein, ich kann auch nicht schlafen.«
»Ach so?«
»Hannes Stargard«, sagte Netty. »Seit dem Besuch muss ich sehr viel an ihn denken.«
»Hm«, machte Clara. »Verstehe.«
»Glaubst du, er findet mich ein bisschen interessant?«
»Interessant?« Clara lachte. »Sag, Netty, welcher Mann will schon eine interessante Frau? Frauen sollen anständig und zurückhaltend sein. Und hübsch anzusehen natürlich.«
»Ja, schon«, sagte Netty. Sie klang ein wenig enttäuscht.
»Und da das alles auf dich zutrifft, könntest du für Hannes Stargard wirklich die perfekte Kandidatin sein.«
»Meinst du?«
»Sicher, wenn ich es sage.« Netty war wirklich die perfekte Frau. Abgesehen von ihren weiblichen Tugenden war sie arbeitsam, hatte ein frohes Gemüt und war bescheiden.
Clara wusste, dass sie selbst solchen Ansprüchen niemals genügen konnte. Allein darum musste sie dankbar sein, dass Franz sie heiraten wollte.
»Und du?«, fragte Netty.
»Was meinst du?«
»Der Japaner?«
Claras Herz begann schneller zu schlagen. »Unsinn. Wie kommst du denn darauf?«
Das Gespenst auf der anderen Seite des Zimmers zuckte die Achseln. »Ich dachte, so wie du ihn angesehen hast …«
Clara schwieg kurz. »Na schön, du hast recht. Er ist faszinierend. Nicht wahr?«
Netty kicherte begeistert. »Zweifellos. Nicht für mich zwar, aber dir muss es ja beinahe vorkommen, als sei ein Held aus einem deiner Abenteuerbücher hier bei uns erschienen.«
»Ach, hör schon auf, Netty.« Irgendwie störte es Clara, dass Netty so über ihn redete. Er war keine Fantasiefigur, er war ein Mensch aus Fleisch und Blut.
Netty seufzte übertrieben und kuschelte sich wieder in ihr Bettzeug ein. »Gute Nacht«, sagte sie zufrieden.
