Verlag: Mare Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Der Duft des Regens E-Book

Frances Greenslade  

4.45714285714286 (70)
Bestseller

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 462

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Der Duft des Regens - Frances Greenslade

In den Wäldern im Westen Kanadas ist die Welt noch in Ordnung - zumindest für die Schwestern Maggie und Jenny. Sie lieben ihre Ausflüge zu den Seen, sammeln Pilze und Beeren, die Eltern spielen abends Karten. Doch Maggie ist eine geborene "Sorgenmacherin", sie kann nicht anders, sie fürchtet um das Wohl ihrer Liebsten. Als der Vater bei einem Unfall ums Leben kommt, fühlt sie sich in ihren tiefsten Ängsten bestätigt, schlimmer noch: Es scheint sich die im Dorf vorherrschende Überzeugung zu bewahrheiten, dass ein Unglück selten allein kommt. Auf der Suche nach einem Lebensunterhalt lässt die Mutter die Mädchen bei einer fremden Familie zurück, vorübergehend, sagt sie. Doch Tage werden zu Wochen, Wochen zu Monaten und dann zu Jahren - Irene bleibt verschwunden. Schließlich macht Maggie sich auf, die Mutter zu finden. Ihre Reise führt sie in Irenes Vergangenheit, bis an die Küste, zu einem alten Boot namens "Elsa"... Einfühlsam hinterfragt Frances Greenslade unsere Erwartungen an die Menschen, die unsere Eltern sind. Dass Maggie ihre Mutter nicht nur finden, sondern vor allem verstehen will, wie sie und ihre Schwester dem Leben trotzen und zu starken jungen Frauen heranwachsen, davon erzählt dieser Roman in anrührender und mitreißender Weise. Die mystische Welt der kanadischen Wildnis wird so intensiv beschrieben, dass man zwischen den Seiten den Duft von Regen, Zedern und Meer in der Nase hat.

Meinungen über das E-Book Der Duft des Regens - Frances Greenslade

E-Book-Leseprobe Der Duft des Regens - Frances Greenslade

Frances Greenslade

Der Duft des Regens

Roman

Aus dem kanadischen Englischvon Claudia Feldmann

Die Übersetzung wurde gefördert vom

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnetdiese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetunter http://dnb.ddb.de abrufbar.

Die Originalausgabe erschien 2011unter dem Titel Shelter bei Random House Canada.Copyright © 2011 by Frances Greenslade

© 2013 by mareverlag, Hamburg

Covergestaltung mareverlag, HamburgAbbildung [M]: mare, Foto: © Kimberley Ross / Trigger Image

Typografie (Hardcover) Farnschläder & Mahlstedt, HamburgDatenkonvertierung eBook bookwire

ISBN eBook: 978-3-86648-302-6ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-176-3

www.mare.de

Für David,der mir Geschichten erzählt hat

Inhalt

Nahrung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Wasser

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Feuer

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Danksagung

Über das Buch

Weitere eBooks aus dem mareverlag

Nahrung

1

Jenny hat mich gebeten, das Ganze aufzuschreiben. Sie wollte, dass ich es für sie sortiere, auffädele, Perle um Perle, eine Geschichte daraus mache, wie einen Rosenkranz, den sie abzählen und immer wieder aufsagen kann. Aber ich habe es auch für sie geschrieben. Für Mom, oder Irene, wie die anderen sie nannten, denn den Teil von sich, der »Mom« war, hatte sie schon vor langer Zeit hinter sich gelassen. Selbst jetzt steigen immer noch Schuldgefühle in uns auf, wenn wir an sie denken. Wir haben nicht versucht, unsere Mutter zu finden. Sie war fort, wie eine Katze, die eines Abends durch die Hintertür verschwindet und nicht mehr wiederkommt, und du weißt nicht, ob ein Kojote sie sich geschnappt hat oder ein Raubvogel oder ob sie krank geworden ist und es nicht mehr nach Hause geschafft hat. Wir ließen die Zeit vergehen, wir warteten voll Vertrauen, denn sie war immer eine wunderbare Mutter gewesen. Sie ist die Mutter, sagten wir uns wieder und wieder, zumindest in der ersten Zeit. Ich weiß nicht mehr, wer damit angefangen hat.

Nein, das stimmt nicht. Ich war es. Jenny sagte: »Wir sollten sie suchen.« Und ich sagte: »Sie ist die Mutter.« Als ich das sagte, ahnte ich nicht, welche Macht diese paar Worte in unserem Leben bekommen würden. Sie hatten den bedeutungsvollen, unantastbaren Klang der Wahrheit, aber sie wurden zu einem Anker, der uns von unseren ureigensten Impulsen zurückzerrte. Wir warteten darauf, dass sie kam und uns holte, aber sie tat es nicht.

Es gab keine Anzeichen dafür, dass dies passieren würde. Ich weiß, die Leute suchen immer nach Anzeichen, weil sie dann sagen können, Wir gehören nicht zu den Leuten, denen so etwas passiert – als würden wir dazugehören, als hätten wir es wissen müssen. Aber es gab keine Anzeichen. Nichts außer meiner ständigen Sorge, mit der ich wahrscheinlich schon auf die Welt gekommen bin, falls man als Sorgenmacherin geboren werden kann. Jenny glaubt, man kann.

Sorgen waren in jede Nische rund um mein Herz gestopft wie Zeitungspapier in die Ritzen einer Hüttenwand, und sie erdrückten die Leichtigkeit, die dort hätte sein sollen. Ich bin jetzt alt genug, um zu wissen, dass es Menschen gibt, die sich nicht ständig vom Schatten der Katastrophe bedroht fühlen, die überzeugt sind, dass ihr Leben immer eine wohlgeordnete, offene Ebene ohne Hindernisse sein wird, mit blauem Himmel und klar erkennbarem Weg. Meine Besorgnis führte dazu, dass ich mich zurückzog. Ich konnte nicht wie Jenny sein, die so offen war wie ein sonniger Tag, an dem es nichts anderes zu tun gab, als auf der Wiese zu liegen, den warmen Boden und den leichten Wind zu spüren und dem Summen der Insekten zu lauschen. Bald, demnächst, nie – diese Wörter existierten für sie nicht. Jenny war immer und ja.

Wie ich schon sagte, es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass an den kleinen, vertrauten Orten, aus denen unsere Welt bestand, irgendetwas schiefgehen könnte. Das Zimmer, in dem Jenny und ich schliefen, war türkisblau gestrichen, und wenn die Morgensonne hereinschien, kam man sich vor wie im Innern eines Vogeleis. Ich sah zu, wie das Licht wanderte, und nach einer Weile bildeten sich auf der gemaserten Oberfläche der Holzwand winzige Hügel und Täler. Der Morgen in diesem Land kam langsam, durchzogen von dunstigem Licht, das sich nur allmählich in den hellen Schein des Tages verwandelte.

Unser Haus in Duchess Creek hatte einen ganz eigenen Geruch, der mich schon an der Haustür begrüßte, eine Mischung aus gekochten Rüben, Tomatensuppe und gebratenem Hackfleisch, die in den Vorhängen hing, in den dünnen Wänden und Decken oder im Zeitungspapier, das als Isolierung diente. Es war ein warmes Haus, sagte Mom, aber von Leuten gebaut, die nicht vorhatten zu bleiben. Die Küchenschränke hatten keine Türen, und das Bad war nur durch einen schweren, geblümten Vorhang vom Hauptraum abgetrennt. Die Elektrizität hielt 1967 Einzug in Duchess Creek, in dem Jahr, als ich sieben wurde und Jenny acht. Ein paar Monate später wurde ein schlaffes Kabel durch die Bäume auch zu unserem Haus verlegt. Doch wir hatten nur ab und zu Strom, und nur für die Lampen.

Wir hatten einen kleinen elektrischen Herd, den einer von Dads Freunden auf der Müllhalde in Williams Lake gefunden und uns mitgebracht hatte, aber er wurde nie angeschlossen. Mom störte das nicht, obwohl ihre Freundin Glenna sie alle paar Tage fragte, wann sie endlich den Herd in Betrieb nehmen würde. Glenna sagte: »Bist du denn nicht froh, dass wir endlich im zwanzigsten Jahrhundert angekommen sind?« Darauf meinte Mom, wenn sie im zwanzigsten Jahrhundert leben wollte, würde sie nach Vancouver ziehen. Glenna schüttelte lachend den Kopf und sagte: »Tja, du bist anscheinend nicht die Einzige, die so denkt. Es gibt Leute, die finden es toll, dass Williams Lake weit und breit die größte Stadt ist.«

Im Chilcotin, wo wir lebten, gab es Indianer, die Chilcotin und die Carrier, die schon lange vor den Weißen dort gewesen waren. Ihre Wege und Handelsrouten zogen sich immer noch kreuz und quer durch das Land. Dann gab es die weißen Siedler, deren Geschichte aus Erkunden und Niederlassen und Straßenbauen bestand. Und dann gab es die Nachzügler wie unsere Familie, die Dillons.

Dad hatte 1949 Irland verlassen mit dem Ziel Amerika, war in Oregon gelandet und dann weiter nach Norden gekommen. Andere kamen, um nicht an Kriegen teilnehmen zu müssen, an die sie nicht glaubten, oder einer Lebensweise zu entgehen, die ihnen widerstrebte. Manche kamen aus Städten, ihren gesamten Besitz im Auto, und suchten einen Ort in der Wildnis, der ihnen Zuflucht bieten würde. Sie waren eine neue Art von Pionieren, die ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten wollten. Dad hatte einen Freund namens Teepee Fred und einen anderen namens Panbread. Als ich ihn fragte, wie die beiden mit Nachnamen hießen, sagte er, er hätte sie nie danach gefragt.

Mom legte keinen großen Wert auf den Elektroherd, weil sie gelernt hatte, auf dem Holzofen zu kochen. Sie kochte aus Notwendigkeit, nicht weil es ihr Spaß machte, und hielt sich meist an Eintopfgerichte, bei denen sie nichts backen oder braten musste. Wir hatten auch keinen elektrischen Kühlschrank, sondern nur eine zerkratzte alte Eiskiste, in der eine einsame Milchflasche und ein Pfund Butter residierten.

Hinter dem Haus war eine Pumpe, aus der wir unser Wasser holten. Einer unserer Vorgänger hatte offenbar einmal vorgehabt, einen Wasseranschluss ins Haus zu legen. Im Bad gab es eine Dusche und ein Waschbecken und ein mit Lumpen zugestopftes Loch im Fußboden, wo man eine Toilette anschließen konnte, aber nichts davon funktionierte. Wir pumpten unser Wasser in einen Zwanziglitereimer, den wir auf die Arbeitsfläche in der Küche stellten. Wir hatten ein Plumpsklo, aber nachts legten wir einen Klodeckel über einen Blecheimer, den Dad dann morgens leerte.

Direkt am Waldrand hinter dem Haus hatte Dad extra für Mom eine schwere alte Badewanne mit Füßen aufgestellt. Darunter hatte er ein Loch ausgehoben, in dem er ein kleines Feuer machte. Dann füllte er die Wanne mit einem Schlauch, den er an die Pumpe anschloss. Wenn das Wasser schön warm war, setzte Mom sich hinein, und zwar auf einen Einsatz aus Zedernholz, den er gezimmert hatte, damit sie sich nicht verbrannte. An manchen Abenden hörten wir sie da draußen singen. Ihre Stimme schwebte durch die Dunkelheit, getragen vom Dampf, der hinter dem von Dad gebastelten Sichtschutz aus Tannenzweigen aufstieg. Manchmal saß ich neben ihr auf einem Baumstumpf und ließ den Arm im warmen Wasser treiben. Fledermäuse schwirrten um uns herum, lautlose Schatten, nur eine Bewegung im Augenwinkel. Die Sterne wurden immer heller und so dicht wie eine Mückenwolke, während das Wasser abkühlte. Und ich dachte, falls sie einen Beweis brauchte, dass Dad sie liebte, dann war es die Badewanne.

Es muss eine Zeit gegeben haben, als ich singend aus dem Schlaf erwachte, fröhlich vor mich hin trällerte, während ein Käfer über das Fliegengitter am Fenster krabbelte und einen winzigen Schatten an die Wand warf. Aber ich erinnere mich nicht daran. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der ich in die Welt hinausblickte, ohne dass eine ungute Vorahnung an den Rändern dieser Aussicht knabberte. Um Mom habe ich mir allerdings nie Sorgen gemacht. Ich schätzte mich glücklich, eine Mutter zu haben, die mit uns zelten fuhr, keine Angst vor Bären hatte und es liebte, die Holzfällerstraßen und die »Siedlerpfade«, wie sie sie nannte, entlangzufahren, die vom Highway 20 abgingen und in den Busch führten. Wir entdeckten Seen und halb verfallene Holzhütten und verborgene kleine Täler, und es kam uns so vor, als wären wir die ersten Menschen dort. Unser Maßstab für einen guten Lagerplatz bestand darin, wie weit er von anderen Menschen entfernt war. »Meilenweit niemand um uns herum«, sagte Mom dann zufrieden, wenn das Feuer brannte. Sie war die Konstante in unserem Leben, die Sicherheit und der Trost. Wenn ich mir Sorgen machte, dann um Dad.

Wenn man sich ihm näherte, musste man vorsichtig sein, wie bei einem verletzten Vogel. Zu viel Aufmerksamkeit, und er flog davon. Wenn er im Haus war, wurde er rastlos. Er reckte sich, schaute sich um, als wäre er ein Fremder, und dann spürte ich jedes Mal den Stich der Enttäuschung, wenn er seine Jacke vom Haken bei der Tür nahm.

Manchmal pfiff er dabei und tat ganz beiläufig, während er die Flanellärmel überstreifte. Dann ging er nach draußen, hackte wie zur Buße ein paar Minuten lang Holz und verschwand im Wald. Oft blieb er stundenlang weg. An schlimmeren Tagen ging er ins Schlafzimmer und machte die Tür zu.

Ich drückte das Ohr an die Wand meines Zimmers und lauschte. Wenn ich lange genug dort stehen blieb, hörte ich das Quietschen der Bettfedern, wenn er sich umdrehte. Ich weiß nicht, was er dadrinnen tat. Er hatte keine Bücher und kein Radio. Ich glaube, er tat überhaupt nichts.

Wenn er nach der Arbeit aus dem Wald zurückkam, hielt er gerne ein Schläfchen in seinem grünen Sessel neben dem Ölfass, der uns als Ofen diente. Ich wünschte mir, er würde immer dort schlafen. Wenn er schlief, war er bei uns.

Aber manchmal zog er den Sessel zu nah an den Ofen. Eines Nachmittags versuchte ich ihn dazu zu bringen, ein Stück wegzurücken. »Keine Sorge, Maggie«, sagte er. »Ich schmelze schon nicht.« Und dann schlief er mit offenem Mund ein. Ab und zu holte er tief Luft, fing an zu husten und wachte kurz auf.

Ich hatte keine Angst, dass er schmelzen könnte. Ich hatte Angst, dass der Sessel plötzlich in Flammen aufging, wie das Schuppendach der Lutzens, als Helmer das Feuer in der Mülltonne zu kräftig gefüttert hatte.

Meine Mutter stand an der Arbeitsfläche und schnitt Hirschfleisch für den Eintopf klein. Ich beobachtete Dad, wartete darauf, dass seine Lider schwer wurden, zuckten und wieder zufielen. Mom schälte eine Zwiebel und fing an, sie klein zu hacken. Jenny und ich saßen auf dem sonnengelben Linoleum und spielten mit unseren Barbies. Jennys Barbie wollte heiraten, und da wir keinen Ken hatten, musste meine Barbie der Mann sein. Ich stopfte ihr blondes Haar unter eine Bikinihose, die ich ihr über den Kopf zog. Mom drehte sich zu uns um. Ihr liefen die Tränen nur so übers Gesicht. Aus irgendeinem Grund fanden wir ihre Nummer mit den Zwiebeln und den Tränen sehr komisch. Wir hielten uns den Mund zu, um Dad nicht durch unser Lachen zu wecken. Mom weinte nie. Vielleicht fanden wir es deshalb so unglaublich, dass etwas so Gewöhnliches wie eine Zwiebel solche Macht über sie hatte.

Sie trat an den Ofen. Der süße Duft von in Öl gebratenen Zwiebeln stieg auf, dann gab Mom das klein geschnittene Hirschfleisch in den Topf, und ein stechender, wilder Blutgeruch, den ich nicht mochte, erfüllte das Haus. Aber es dauerte nur eine Minute, dann mischten sich das Fleisch und die Zwiebeln zu einem üppigen, köstlichen Duft, und Mom streute Pfeffer darüber und griff nach einem Glas Tomaten. Sie bekam den Deckel nicht auf und wandte den Kopf, um zu sehen, ob Dad wach war. Doch sie weckte ihn nicht. Sie wollte nicht den Zauber unseres Zusammenseins zerstören, indem sie ihn bat, ihr mit dem Glas zu helfen. Stattdessen holte sie ein Schälmesser heraus, schob die Klinge unter den Deckel und hebelte ihn auf.

Würzige, rauchige Herbstluft kam durch das Küchenfenster herein, das immer einen Spalt offen stand, wenn der Ofen an war. Das gelbe Linoleum wärmte mir den Bauch, als ich mich auf dem Boden ausstreckte, und Mom stand unerschütterlich an der Arbeitsfläche, das rotbraune Haar wie ein glänzendes Fragezeichen auf dem Rücken ihres marineblauen Lieblingspullovers. Sie trug ihre karierte Caprihose, obwohl es dafür schon zu kalt war, und abgetragene Mokassins an den nackten Füßen. Ihre Waden waren muskulös und wohlgeformt. Irgendetwas an dem Messer und dem Glas ließ die Leichtigkeit, die mich gerade erfüllt hatte, plötzlich schwinden. Mom hatte unter der Spüle ein Stück Stoff mit einem Muster aus braunen Teekannen angebracht, um das Abflussrohr und den Mülleimer zu verbergen. Das Provisorische der Konstruktion wurde Teil meiner Sorge. Vielleicht bedeutete es ja, dass wir auch nicht lange bleiben würden.

Neben dem Ofen war der gelbe Boden mit schwarzen, verkohlten Flecken gesprenkelt. Jenny zog mich jedes Mal auf, wenn ich hinüberlief, um die Funken auszutreten, die bei geöffneter Tür herausflogen. Doch Dad ermahnte sie, das zu lassen. »Mag ist wie ich«, sagte er. »Sicherheit geht vor.«

Dad arbeitete mit Roddy Schwartz zusammen an einer Blockbandsäge in der Nähe von Roddys Hütte. Roddy hatte die Säge auf einem Hänger von Prince George hergefahren. Sie hatte einen Volkswagen-Motor, arbeitete mit zwei Sägeblättern und konnte fast jeden Baum zerteilen, den sie aus dem Wald holten. Meistens verbrachten sie ein paar Tage damit, Bäume zu fällen und zu entasten, dann schleppten sie sie zu der Stelle, wo die Säge aufgebaut war. Dad mochte das Schleppen nicht, weil sie sich keinen richtigen Holzschlepper leisten konnten. Stattdessen nahmen sie einen alten Traktor, wickelten eine Kette um die Stämme und zogen sie damit aus dem Wald. Dad hatte Angst, dass die Stämme irgendwo hängen blieben und der Traktor dann ins Schleudern geriet.

Eines Abends, als sie draußen auf der Veranda saßen, hörte ich, wie er mit Mom über die Arbeit sprach.

»Ich traue Roddy nicht, wenn er am Abend vorher gesoffen hat«, sagte er. »Er passt dann nicht richtig auf. Beschwert sich, ich würde rumnörgeln. Wie ein altes Weib, sagt er. Behauptet, er kennt die Säge in- und auswendig, könnte die Arbeit sogar mit geschlossenen Augen machen. Ich sage ihm immer wieder, es ist ganz egal, wie oft du es schon gemacht hast. Wenn du ein Mal nicht aufpasst, säbelt dir das Ding die Finger ab, und zwar so schnell, dass du gar nicht weißt, was los ist.«

»Oh, Patrick!« Mom erschauerte. »Sag so was nicht.«

»Ich weiß, aber er macht einfach, was er will, und hat obendrein noch ’ne große Klappe. Dabei arbeiten wir da mit Zehnmeterstämmen.«

»Erinnere mich bloß nicht daran.«

»Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen.« Dad hob die Stimme ein wenig, als er mich hinter der Fliegengittertür stehen sah. »Ich bin Mister Sicherheit«, sagte er und zwinkerte mir zu.

Das war Dads Spitzname. Nicht nur wir nannten ihn so, sondern auch seine Freunde, weil er seine Gewehre und seine Ausrüstung immer drei Mal überprüfte und jedes Mal gründlich die Bremsen testete, bevor er den Courage Hill nach Bella Coola hinunterfuhr. Dieser Straßenabschnitt hatte ein Gefälle von achtzehn Prozent und den Ruf, die Beine jedes Fahrers in Gummi zu verwandeln. Hier in der Gegend tranken sich die meisten Mut an, bevor sie es versuchten, aber Dad fand das unmöglich.

»Mister Sicherheit braucht seine Zeit«, zogen ihn seine Freunde auf und zündeten sich noch eine Zigarette an, während er den Luftdruck seiner Reifen prüfte.

Als er jetzt in seinem Sessel neben dem Ofen schlief, ging ich hinüber und legte meine Hand auf das grüne Kunstleder. Es war so heiß, dass man es fast nicht anfassen konnte. Ich wusste nicht, was ich mehr wollte: dass er weiterschlief und bei uns blieb oder dass er aufwachte und sich in Sicherheit brachte. Ich stand hinter dem Sessel und sah zu, wie sein roter Lockenschopf im Rhythmus seines Atems bebte. Oben auf dem Hinterkopf lugte ein kleiner Fleck rötlicher Kopfhaut durch.

Ich zog einen Küchenstuhl an die Arbeitsfläche und holte das größte Glas aus dem Schrank, das ich finden konnte. Ich füllte es mit Wasser aus dem Eimer und trank einen kleinen Schluck davon, als Mom zu mir herübersah. Dann ging ich mit dem großen Wasserglas zu Dads Sessel und bezog Wache.

Ein paar Minuten passierte gar nichts, während ich dastand und so tat, als interessierte ich mich für die kahle Stelle an Dads Kopf. Dann machte er plötzlich einen seiner tiefen, röchelnden Atemzüge, sein ganzer Körper versteifte sich einen Moment, dann fing er an zu zucken und mit den Händen durch die Luft zu rudern, und aus seiner Kehle kamen erstickte Laute.

»Mom!«, rief ich, und sie ließ ihr Messer fallen und wirbelte herum.

»Patrick, wach auf«, sagte sie. Sie kniete sich vor ihn und ergriff seine Hände. Da stieß er einen Schrei aus, das merkwürdigste und unväterlichste Geräusch, das ich je von ihm gehört hatte. Wie ein Baby. Wie ein in die Enge getriebenes Tier.

»Patrick!«, sagte Mom noch einmal, dann: »Gib mir dein Wasser, Maggie.«

Ich reichte ihr das Glas, und sie hielt es an Dads Lippen. »Hier, trink einen Schluck, Patrick. Es ist schön kühl. Ja, so ist gut.«

Er schlug die Augen auf und verschluckte sich.

Mom sagte: »Schon gut, Mädchen, er hatte nur einen Schrecken.«

»Ja, einen Schrecken«, sagte Dad. So nannten sie diese Anfälle, die Dad manchmal hatte. Anscheinend hatte sein Vater die auch gehabt – Angstanfälle, die seinen ganzen Körper ergriffen, wenn er kurz vorm Einschlafen oder Aufwachen war. Er leerte das ganze Glas und schüttelte sich, um wach zu werden. Seine zerzausten roten Locken waren ganz verschwitzt.

»Schau nicht so besorgt, Mag«, sagte er und zog mich auf seinen Schoß. »Mir passiert nichts, ich bin doch Mister Sicherheit.«

Dad roch nach Tabak und Holzrauch und dem modrigen Geruch des Herbstlaubs. Ich begann, die Sommersprossen auf seinen Armen zu zählen.

»Was meinst du, habe ich genauso viele Sommersprossen auf meinen Armen, wie es Sterne am Himmel gibt?«, fragte er.

»Vielleicht sogar mehr«, sagte ich. Das sagte ich immer, und das fragte er mich immer. Solange ich seine Sommersprossen zählte, war er mein Gefangener.

Nichts Schlimmes war passiert. Er hatte nur einen Schrecken gehabt. Trotzdem machte ich mir Sorgen.

Morgens, wenn ich zum Schulbus ging, mit den Stiefeln eine Spur durch den frischen Schnee zog und Jenny schon wie ein hellblauer Leuchtturm neben dem Strommast am Highway wartete, machte ich mir Sorgen, weil Mom allein zu Hause war und weil sie die Axt so wild durch die Luft schwang, wenn sie Feuerholz spaltete, obwohl Dad sie immer ermahnte, vorsichtig zu sein. Eines Tages würde sie sich noch den Fuß abhacken, sagte er. Und wenn wir abends wieder aus dem Bus stiegen und auf die letzte Biegung bei der windschiefen Fichte zugingen, hatte ich jedes Mal Angst, dass unser kleines Haus lichterloh brannte oder nur noch ein Haufen Asche war. Und jedes Mal, wenn es unversehrt dort stand, mit seiner abgeblätterten, verblichenen Farbe und der Rauchfahne, die aus dem Schornstein stieg, spürte ich, wie die Anspannung aus meinen Muskeln wich, und ich rannte darauf zu.

Wir waren eine normale Familie; das ist unsere Geschichte. Unsere Tage bestanden aus Flussufern und Schotterstraßen, Fahrrädern und Grashüpfern. Aber sobald du Gedanken spinnst, öffnest du eine Tür. Du lockst die Tragödie an. Das hat meine Sorge mich gelehrt.

2

In Duchess Creek gab es Familien, denen war Kummer so vertraut wie ihre eigene Haut. Diese Familien hatten einfach immer Pech, und sie waren oft das Thema von Gesprächen am Küchentisch, während Kaffee eingeschenkt und Kekse hineingetunkt wurden. Die Lutzens waren so eine Familie. Sie lebten ein paar Kilometer von uns entfernt in einem halb fertigen Haus, mit Plastikfolien statt Fensterscheiben und Zeltplanen auf dem Dach, damit es nicht hineinregnete.

»Das Unglück kommt immer im Dreierpack.« Glenna saß mit meiner Mutter am Küchentisch und trank Kaffee. Ihr Löffel klirrte wie zur Bekräftigung gegen die Tasse. Sie ließ den Satz wirken. Glenna arbeitete in der Krankenstation in Duchess Creek, daher kannte sie die Hintergründe der meisten Tragödien in der Gegend. »Erst die Zwillinge, dann Peggys Krebsbehandlung und jetzt das.«

»Die arme Mickey«, sagte Mom.

Mickey Lutz war meine beste Freundin in Duchess Creek. Mom ließ mich nur dort übernachten, wenn Helmer mit seinen Kumpels bei einem seiner Jagdausflüge war. »Auf Männertour«, wie Mom es nannte. Das Haus roch nach Babypisse und saurer Milch. Überall im Wohnzimmer lagen dreckige, zu Klumpen erstarrte Geschirrtücher, einzelne Socken, abgekautes Babyspielzeug und Büschel von Hundehaaren herum. Die Lutzens hatten einen kleinen weiß-braunen Hund namens Trixie. Trixie wurde allmählich grau um die Schnauze, wie ein alter Mann, aber sie war so eine treue Seele, dass sie immer neben uns herlief, wenn Mickey und ich mit dem Fahrrad fuhren, obwohl sie kaum noch mitkam. Wenn wir anhielten, legte sie sich erschöpft auf den Schotter am Straßenrand, aber sobald wir wieder losfuhren, erhob sie sich aufihre wackeligen alten Beine und fing an zu laufen.

Das Bett, in dem Mickey und ich schliefen, war immer mit weißen Hundehaaren bedeckt, und ich versuchte unauffällig, sie wegzuwischen, bevor ich hineinkletterte. Einmal gab Peggy mir vor dem Schlafengehen eine Orange, die wie eine schmutzige Socke roch. Als ich die Schale abpulte, war das Innere vertrocknet. Ich aß sie trotzdem, weil Mickey ihre auch aß, und es schien sie nicht zu stören. Zum Frühstück gab es Cracker und Orangenlimonade.

»Die Lutzens sind alle zusammen zur Krankenstation gekommen«, fuhr Glenna fort. »Wie ein Rudel Wölfe mit ihrem Verletzten. Helmer hing an Peggys Schulter, die Ärmste konnte ihn kaum halten, und er zog seinen blutigen Fuß hinter sich her. Die kleine Mickey trug das Baby.«

Wenn Glenna zum Kaffee vorbeikam, brachte sie sich immer selbst Süßstoff mit. Sie kaufte das Zeug in Großpackungen im Lebensmittelladen von Williams Lake. So konnte sie Kalorien zählen, sagte sie. Das schien allerdings ihr einziger Schritt in Richtung Abnehmen zu sein. Sie riss die Tütchen auf, während Mom ihr nachschenkte, und kippte zwei auf einmal in ihren Kaffee. Sie rührte um und starrte in ihre Tasse, um Mom Gelegenheit zu geben, die Fragen zu stellen, auf die sie die Antworten wusste.

»Arme Peggy«, sagte Mom. »Wie ist es denn passiert?«

»Beim Jagen.«

Darauf fingen beide an zu lachen. Und zwar deshalb, weil Helmers Art zu jagen darin bestand, auf der Ladefläche seines Pick-ups in der Sonne zu sitzen, Bier zu trinken und daraufzu warten, dass das Wild vorbeikam. »Du kennst doch Helmer«, sagte Glenna. »Der zieht das Pech an wie ein Magnet. Vielleicht hatte er vergessen, dass das Gewehr geladen war? Jedenfalls hat es ihm den großen Zeh und Teile von den nächsten beiden weggeschossen.«

Sie schüttelten beide den Kopf, langsam und wie in einer Bewegung. Es war aufrichtiges Mitgefühl, doch nicht ohne eine Prise Selbstzufriedenheit. Trotzdem wäre es, glaube ich, nicht fair, ihr Gespräch als Tratsch zu bezeichnen. Wenn es ihnen möglich gewesen wäre, hätten sie Helmer gern eine feste Arbeit besorgt. Lkw-Fahrer wäre etwas für ihn, meinte Mom, Warenlieferungen zwischen den Städten entlang des Highways 20, etwas, das nicht zu kompliziert war, aber dafür sorgte, dass er nicht zu Hause herumsaß und dass Peggy und die Kinder genug zu essen hatten.

Doch unter alldem lag immer die unausgesprochene Gewissheit, dass uns so etwas nicht passieren konnte. Glenna und Mom hatten Männer, die nicht so dumm waren, mit entsicherten Gewehren herumzulaufen. Und sie selbst waren auch nicht so dumm, mit Zwillingen im Bauch weit über den Geburtstermin hinaus zu Hause zu bleiben, wie Peggy es getan hatte.

»Ich verstehe nicht, warum sie nicht darauf bestanden hat, dass er sie nach Williams Lake fährt«, sagte Glenna immer noch jedes Mal, wenn sie zu Besuch kam, obwohl es mittlerweile Monate her war und sie Helmers Ausreden zur Genüge kannte. Einmal hörte ich Mom sagen, Glenna würde immer wieder davon anfangen, weil das eine Baby während ihrer Schicht gestorben und Peggy bei der Geburt fast verblutet war und im Eiltempo nach Williams Lake ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Was den Krebs anging, so hieß es, Peggy hätte nie genug auf sich achtgegeben. Sie hockte zu viel im Haus und bekam nicht genug frische Luft. Und vernünftiges Essen gab es bei ihnen auch nicht. Alle wussten, dass Peggy, sobald Helmer seine Sozialhilfe ausgezahlt bekam, haufenweise Fertiggerichte kaufte. Ich hatte sie selbst im Laden gesehen, wie sie mit zugleich herausfordernder und beschämter Miene die flachen Schachteln an der Kasse aufstapelte. Und wenn das Geld aufgebraucht war, lebten die Lutzens von Toastbrot und Marmelade.

»Er ist für Peggy nur eine Last«, sagte Glenna und rührte in ihrer Tasse. »Ohne ihn wäre sie besser dran. Das Beste, was der Familie passieren kann, ist, dass Helmer nicht aufpasst und in den Canyon rauscht.«

»Der Kerl hat mehr Glück als Verstand«, sagte Mom. »Eigentlich müsste er längst tot sein.«

»Der müsste schon mindestens dreimal tot sein. Meine Güte, hör dir uns an. Ich nehm’s zurück, Gott«, rief Glenna zur Zimmerdecke.

»Wie dem auch sei«, murmelte Mom. »Noch Kaffee?« Sie sah zu mir und Jenny herüber. Wir saßen in dem Fleck Sonnenschein neben dem Ofen und spielten Dame. Wahrscheinlich dachte Mom, ihre Gespräche mit Glenna wären Teil unserer Erziehung.

Mickey blieb bei uns in der Nacht, als ihre Mom einen der Zwillinge verlor. Sie blieb auch bei uns, als ihre Mom erfuhr, dass sie Krebs hatte, und zur Behandlung nach Vancouver fliegen musste. Und sie blieb bei uns, nachdem ihr Dad sich mit seinem Jagdgewehr den halben Fuß weggeschossen hatte. Mom hatte die neue McCall’s gekauft, und Mickey und ich saßen im Schneidersitz auf dem Bett und schnitten die Betsy-Papierpuppen aus. Ich hörte Mom in der Küche Töpfe aus dem Schrank holen und dann ein lautes Geschepper, als sie alle zu Boden fielen.

»’tschuldigung!«, rief sie, dann begann sie, Sweet Caroline zu summen. Wieder krachte etwas zu Boden.

Sie machte Hackbraten nach einem Rezept, bei dem sie das Ganze in einer Pfanne auf dem Ofen zubereiten konnte. Mickey und ich hatten lauter Brotkrümel an den Füßen, weil wir auf der Suche nach Schere und Klebeband durch die Küche gelaufen waren. Mom rief, ich solle ihr ein Stück Klopapier bringen – sie hatte beim Möhrenraspeln ihren Finger mitgeraspelt.

»Komm, lass uns ss-pielen, ich bin der Vater«, sagte Mickey, als ich zurückkam. Sie lispelte wie ein Baby. »Ich hab gerade ein neues Auto gekauft. Gefällt’s dir?« Sie fuhr mit ihrer Papierpuppe am Rand meiner Tagesdecke entlang.

»Was hat es für eine Farbe?«, fragte ich.

»Rot«, sagte sie.

Ich fand ihre Spiele langweilig, aber ich machte trotzdem mit, weil ich wusste, dass jetzt die Lutz’sche Familienversion der Geschichte kam, warum der eine Zwilling gestorben war. Helmer war in der Nacht nicht nach Williams Lake gefahren, weil er fürchtete, dass sein Auto die Strecke nicht schaffen würde. Er hatte immer ein paar Flaschen Hydrauliköl dabei, damit er es alle paar Kilometer nachfüllen konnte, und ständig maulte er, dass er dringend ein neues Auto brauche.

Mom war tagelang stocksauer gewesen, als sie das gehört hatte.

»Schleicht überall mit seiner Armesündermiene herum«, hatte sie gesagt. »Arme Sünder« war der Ausdruck, den Mom für die Sorte Männer verwendete, die ihre Familien in den eigenen vier Wänden so schlecht behandelte, dass sie in der Welt draußen niemandem ins Gesicht sehen konnte. Erst recht nicht anderen Frauen. Die Armesündermiene kam vom schlechten Gewissen.

»Dieser faule Mistkerl«, schimpfte Mom. »Feiger, fauler Mistkerl. Jetzt ist also das Auto schuld.«

Dad lachte.

»Was ist daran so komisch?«, fragte sie.

»Oh, nichts, nichts«, erwiderte er schmunzelnd.

»Dann sag mir, warum du lachst. Glaubst du vielleicht, es ist komisch, ein Baby zu verlieren und dabei noch fast selbst zu sterben?« Sie war wirklich wütend. »Ohne ihn wäre sie besser dran. Dann könnte sie wenigstens die Sozialhilfe für sich und die Kinder nehmen. Er ist zu nichts zu gebrauchen. Wie ein Baby, nur größer, und er isst mehr.«

»Komm, wir ss-pielen, du bist die Mutter, und du kriegst ein Baby«, sagte Mickey.

Mickey wollte dauernd diese Wie-in-der-Wirklichkeit-nur-besser-Spiele spielen. Obwohl ich das langweilig fand, sagte ich dann meistens: »Einverstanden, und mein Baby ist der nächste König des Reiches, und wir müssen ihn vor den Entführern beschützen, die sich draußen im Wald versteckt haben.« Und auf die Art waren wir beide zufrieden. Aber nicht dieses Mal. Dieses Mal ließ ich meine Betsy-Puppe sagen: »Mir geht’s nicht gut. Ich glaube, ich bekomme mein Baby.«

»Ich fahre dich ins Krankenhaus«, sagte Mickeys Puppe.

»Nein, danke. Ich habe mein eigenes Auto«, erwiderte ich. Ich konnte einfach nicht anders.

Mickey starrte mich einen Moment ratlos an.

»Mein Auto ist nicht neu, aber es fährt gut.«

»Lass uns rausgehen und da ss-pielen«, sagte Mickey.

In der Nacht, als ich mit Mickeys Füßen neben meinem Kopf im Bett lag und Jenny im anderen Bett pfeifend vor sich hin schnarchte, hörte ich, wie die Kojoten anfingen zu heulen. Einer fing an, ein kraftvolles, melancholisches Heulen, hoch und lang gezogen. Dann stimmten die anderen ein, und die Hunde aus dem nahe gelegenen Indianerreservat fielen ebenfalls ein, bis ihr Klagegesang die Nacht erfüllte.

Am anderen Ende meines Bettes weinte Mickey. Ich konnte sie hören, obwohl sie versuchte, es zu unterdrücken.

Sie tat mir leid. Aber vor allem war ich froh, dass ich nicht sie war.

3

Abends, wenn ich nicht einschlafen konnte, wenn ich mir Sorgen machte wegen des Feuers im Ofen, weil es zu heiß werden und das Dach in Brand setzen könnte und wir dann alles verlieren würden wie die Familien, deren Kinder in den abgelegten, zu kleinen oder zu großen Kleidern ihrer Nachbarn zur Schule kamen, dann schlich ich auf Zehenspitzen zur Tür unseres Zimmers und spähte hinaus.

»Ich hab Durst«, sagte ich. Und wenn Mom oder Dad nickten, tapste ich über den warmen Fußboden am Ofen vorbei, wobei ich mit der Hand über die Lehne von Dads Sessel strich. Ich durfte mir kein Glas mit Wasser auf den Nachttisch stellen. Mom hatte sich gründlichst mit den Gewohnheiten von Mäusen beschäftigt, und so wusste sie beispielsweise, dass diese zwar nur sehr wenig Wasser zum Überleben brauchten, aber sie brauchten eben welches, und deshalb vergewisserte sie sich jeden Abend, dass alle Tassen und Gläser mit der offenen Seite nach unten standen und der Wassereimer mit einem Brett abgedeckt war. Einmal war sie von einem Rascheln im Papierkorb aufgewacht und hatte darin eine Maus entdeckt, die hinter dem hart gewordenen Salzteig her war, den Jenny und ich in der Duschwanne zu Kuchen geformt und dann weggeworfen hatten. Sie knallte ein Stück Pappe auf den Eimer und weckte die ganze Familie auf, als sie damit nach draußen marschierte, ihn ausleerte und mit einer Schaufel auf die Maus einschlug, wobei ihr Nachthemd im Mondlicht nur so flatterte. Dad stand in seiner Pyjamahose in der Tür und lachte verschlafen. »Lass sie doch einfach laufen«, rief er.

Ihr Mäusefimmel war für mich von Vorteil, denn dadurch konnte ich am Küchentresen stehen bleiben, ein ganzes Glas Wasser trinken, das Glas abtrocknen und, mit der offenen Seite nach unten, wieder in den Schrank stellen. Dadurch genoss ich für eine Weile das Gefühl der Sicherheit, das von Dad ausging, der in seinem Sessel leise vor sich hin schnarchte, und von Mom, die am Tisch saß und Solitär spielte.

Manchmal spielten Mom und Dad auch zusammen Karten, wofür sie den Tisch neben den Ofen schoben und die Petroleumlampe zwischen sich stellten. Während ich mein Wasser trank, sah ich ihnen zu, wie sie konzentriert in ihr Blatt schauten, Karten umsteckten und einander neckten. An diesen seltenen Abenden ging ich zufrieden wieder ins Bett und lauschte ihrem gedämpften Spiel und den gelegentlichen Siegesrufen meiner Mutter, gefolgt von Dads leisem Lachen.

Doch meistens, wenn ich auch nach dem Glas Wasser nicht einschlafen konnte, schloss ich noch einen Gang zu dem Zinkeimer im Bad an. Ich zitterte immer in meinem dünnen Nachthemd, weil das Bad nie richtig warm wurde. Manchmal bemerkte Dad mich und fragte: »Na, kannst du nicht schlafen?«, und dann stand er aus seinem Sessel auf, setzte sich zu mir ans Bett und deckte mich sorgfältig zu. »Stell dir vor, wir sind draußen im Wald und bauen uns einen Unterschlupf«, sagte er. »Wir suchen uns zwei Stämme dicht beieinander, befestigen dazwischen einen Ast als Querbalken und lehnen dann lange Stöcke und Tannenzweige dagegen. Über uns ballen sich die Wolken zusammen, und das Gewitter kann jeden Moment losgehen, aber wir müssen ruhig bleiben und vernünftig vorgehen. Wir wollen vor dem Unterschlupf ein Feuer machen können, das vor dem Wind geschützt ist. Einen Zweig nach dem anderen, sorgfältig ineinander verwoben, damit das Ganze hält. Eine schöne, dichte Matte gegen den Wind. Du flichtst weiter die Zweige ein, Maggie, und ich mache das Feuer. Dann sammelst du ein bisschen Laub, damit wir es drinnen schön warm und weich haben. Ah, jetzt fängt es an zu regnen. Wir sind gerade rechtzeitig fertig.«

Da war ich immer froh, im Bett zu sein, und ich spürte, wie ich in die Sicherheit des Schlafs hinüberglitt.

Im Spätsommer und Herbst ging Dad fast jedes Wochenende mit mir in den Wald. Jenny kam bei diesen Ausflügen nicht mit, und ich habe mich nie gefragt, warum. Sie traf sich mit ihren Freundinnen, spielte mit ihnen Barbie oder radelte zum Fluss hinunter, wo sie ein Picknick machten und sich Höhlen bauten. Ich nahm an, dass sie keine Lust hatte mitzukommen. Dad und ich gingen nie sehr weit, von zu Hause aus höchstens eine Stunde entfernt. Manchmal angelten wir in einem der kleinen Seen. Wenn am Ufer ein verlassenes Kanu oder Ruderboot lag – und das war oft der Fall –, fuhren wir damit hinaus, glitten in das weiche grüne Licht des frühen Morgens, wo der Nebel über dem Wasser hing und nur ab und zu das flüchtige Platschen eines Fisches zu hören war, der nach einer Fliege schnappte. Einmal bauten wir selbst ein Floß, verbrachten fast den ganzen Tag damit, Äste zurechtzuschneiden und sie an den beiden Trägerstämmen zu befestigen. Dann paddelten wir damit über den See zu einer Insel, wo wir ein Feuer machten und blieben, bis der Mond aufging. Manchmal suchten wir Pilze oder Beeren und brachten Mom und Jenny einen Teil unserer Ausbeute mit. Aber am schönsten fand ich es, wenn Dad mir zeigte, wie man tatsächlich einen Unterschlupf baute. Er wusste, wie man einen in Pultform oder in Tipiform baute oder wie man einen natürlichen Schutz nutzte, zum Beispiel einen überhängenden Felsen, der eine Art Höhle bildete und nur etwas Laub als Isolierung brauchte.

»Ich möchte dir eine Stelle zeigen, die ich gefunden habe, Maggie«, sagte er eines Sonntags, als ich neun war.

Das Land rund um Duchess Creek war von kleinen Seen durchzogen, und zu vielen von ihnen führten Straßen. Einige davon waren Holzfällerstraßen, andere waren von Siedlern angelegt worden, die im Wald ihre Hütten gebaut, eine Weile dort gelebt und sich mit Holzfällen oder anderen Arbeiten über Wasser gehalten hatten und irgendwann weitergezogen waren. Die Hütten hatten sie den Waschbären und Mäusen überlassen, nur mehr leere Gehäuse aus handgespaltenen Stämmen und eingesunkenen Dächern, schimmeligen Zeitungen, staubigen Regalen und Einmachgläsern. Ich stellte mir gerne vor, wie es wohl nachts in diesen Hütten sein mochte, wenn der Wind durch die Fensterhöhlen pfiff und dort, wo die Tür gewesen war, Staubwolken aufstoben und das Mondlicht auf rostige Bettfedern fiel.

Es war Herbst. Dad ließ das Seitenfenster einen Spalt offen; eine herbe, würzige Brise wehte ins Auto. Je tiefer die zerfurchte Straße in den Wald hineinführte, desto langsamer fuhren wir, und die Sonne, die durch die Windschutzscheibe fiel, wärmte mein Gesicht. Der Pick-up holperte über Steine und Baumwurzeln, und das Geschaukel machte mich schläfrig.

»Warm hier drinnen, was?«, sagte Dad. Er trug seine blaue Flanelljacke, und sein rotes Haar ringelte sich über den Kragen. »Hältst du mal das Steuer für mich?«

Ich rutschte hinüber und hielt fest, während er seine Jacke auszog. Das Steuer ruckelte in meinen Händen, als wäre es lebendig.

»Willst du mal fahren?«

»Oh ja, bitte.«

Dad übernahm wieder das Steuer und hielt an, damit ich unter seinem Arm hindurchklettern und mich auf das kleine Dreieck zwischen seinen Beinen setzen konnte. Er legte seine Hand über meine, die auf dem Schalthebel lag, und half mir, den ersten Gang zu finden. Wir machten einen Satz nach vorn, dann ging der Motor aus.

»Macht nichts«, sagte er. »Versuch’s noch mal, Maggie.«

Als wir erst mal im zweiten Gang vorwärtsrollten, entspannte ich mich ein wenig und lehnte mich gegen Dads warme Brust. Seine sommersprossigen Arme und sein Geruch nach Schweiß und Tabak bildeten einen schützenden Ring um mich.

Ich fuhr, bis der Weg in Gras überging, dann übernahm Dad wieder. Der Wald schloss sich um uns, ein erleuchteter Tunnel aus Gelb, Orange und Rot. Espenblätter peitschten gegen die Fensterscheiben und blieben an den Außenspiegeln hängen; Bäume schabten an den Seiten entlang; ein Zweig mit leuchtend gelben Blättern verfing sich in den Scheibenwischern und flatterte dort vor sich hin wie ein gefangener Schmetterling. Dann öffnete sich das Blätterdach zu einer Lichtung an einem kleinen türkisblauen See, und Dad parkte den Wagen. Ein altes Ruderboot lag mit dem Kiel nach oben halb verdeckt im Schilf.

»Da sind wir.«

Wir stiegen aus. Ein frischer Wind wehte über den See und ließ die Gräser und das Schilf leise singen.

»Siehst du den Baum dort?«, fragte Dad. Es war eine große, knorrige alte Tanne mit einem dicken Ast, der in etwa zwei Meter Höhe in einem Bogen herabhing. »An dem zeige ich dir, wie man einen A-förmigen Unterschlupf baut. Sieh mal zu, ob du einen langen, kräftigen Ast findest, der ungefähr von der Gabelung bis hier reicht.«

Ich machte mich auf die Suche. Blätter fielen von oben herab wie große Schneeflocken und landeten sanft auf dem weichen Waldboden. Ich blieb stehen und sah zu, wie der ganze Wald sterbende Blätter herabregnen ließ. Der Boden unter meinen Füßen fühlte sich hohl an, eine dünne Erdschicht, bedeckt mit Laub und duftenden, orangebraunen Kiefernnadeln. Darunter die Tunnelbehausungen von Insekten, Ameisen und Käfern, darunter wiederum etliche Schichten ausgehöhlter Tierknochen, dann Fels, dann Kohle.

Ich hob einen Ast auf. Er fühlte sich sehr leicht an, und als ich ihn gegen einen Baumstamm schlug, zerbrach er in viele Teile. Ein Stück weiter entdeckte ich einen Haufen Sturmholz. Ich griff nach einem Espenast, der mir dick genug schien, und zog ihn aus dem Gewirr. Er war etwa drei Meter lang und fast noch grün, nicht brüchig. Eine Windbö fuhr raschelnd durch die Bäume. Ich drehte mich um und blickte zum See. Durch das Laub sah ich Sonnenlicht auf dem Wasser funkeln.

Als ich zurückkam, saß Dad auf der Motorhaube und rauchte. Seine roten Locken tanzten im Wind wie die Herbstblätter.

»Gut gemacht, Maggie«, sagte er. »Der ist genau richtig.« Er sprang vom Wagen, drückte seine Zigarette aus und tat den Stummel wieder ins Päckchen.

»Ein pultförmiger Unterschlupfist einfach zu bauen. Aber der hier hat zwei Wände«, sagte Dad. »Er muss nicht sehr groß sein, deshalb legen wir die Firststange ungefähr hier an. Worauf achtest du als Nächstes?«

»Die Sonne. Der Eingang gehört nach Osten, wegen der Morgensonne.«

»Genau. Du willst ja so früh wie möglich Wärme haben.« Dad legte die Firststange fest in die Astgabel der Fichte. »Aber wir drehen ihn ein klein wenig mehr nach Süden, damit wir auf den See hinausschauen können. Und was weiter?«

»Überprüfen, ob irgendwelche toten Äste über uns hängen und ob in der Nähe Erdrutschgefahr besteht.«

»Und, irgendwas davon zu sehen?«

»Nein.«

»Genau. Das hier ist der perfekte Platz. Der Wald hinter uns, der See vor uns, aber nicht zu nah. Wir wollen ja nicht, dass die Tiere auf dem Weg zum Wasser über uns stolpern.«

Dad lehnte einen der Äste, die er gesammelt hatte, gegen die Firststange. »Es macht nichts, wenn sie überstehen«, sagte er. »Das macht das Ganze sogar stabiler.« Wir arbeiteten schweigend in der Herbstsonne, legten Äste aneinander, um die Wände des Unterschlupfs zu bauen. Nach einer Weile kam ein kalter Wind auf, der uns schneidend an Händen und Gesicht traf. Als ich mich auf die Suche nach weiteren Ästen machte, hockte ich mich für einen kurzen Moment in den Windschatten hinter einer Kiefer, genoss die Sonne auf meinem Gesicht und den warmen, würzigen Duft nach Rinde und Wald, der mich umgab.

Ich konnte es kaum erwarten, dass der Unterschlupf fertig war und wir hineinkriechen konnten, fort von dem kalten Wind. Doch Dad war systematisch, und obwohl wir den Unterschlupf nur für diesen Nachmittag bauten, sorgte er dafür, dass er nahezu perfekt war.

»Weißt du, warum ich in dieses Land gekommen bin?«, fragte er, während wir arbeiteten.

»Du hattest genug von Irland.«

»Ja, aber ich hätte auch in den Staaten bleiben können. Ich hatte einen Job als Holzfäller in Oregon und habe nicht schlecht verdient. Über Weihnachten fuhr ich nach Portland, um einen Teil des Geldes auszugeben. In einer kleinen Bar hörte ich einen Musiker namens Pete Seeger, der ein Lied über die Einberufung sang. Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass sie fünfzigtausend junge Männer für die Armee brauchten. Es ging um den Korea-Konflikt. Ich war nicht aus Irland weggegangen, um in einem fremden Krieg zu kämpfen.

Als ich nach den Feiertagen wieder zur Arbeit ging, traf ich einen Mann, der mir erzählte, sein Großvater wäre der Häuptling von einem der großen Indianerstämme in der Nähe von Bella Coola gewesen. Damals waren sie so was wie die Könige des Landes. Und so reich – sie haben alles verschenkt, nur um zu zeigen, wie reich sie waren. Aber dann kam die Regierung und verbot das alles, ihre Sprache, ihre Religion, ihre alten Tänze und Gesänge. Ich sagte ihm, genau so war es in Irland.

Seine Mutter hatte in den Stamm der Ulkatcho eingeheiratet. Er sagte, wenn ich von da, wo wir in Oregon waren, fast genau nach Norden ginge und dann immer weiter, würde ich an seinem Geburtsort ankommen. Dort oben gab es ein Netz von Wegen, das die Indianer über Hunderte von Jahren hinweg angelegt hatten, von Bella Coola bis Williams Lake, und sie folgten der Nahrung und den Jahreszeiten entlang dieser Wege. Man brauchte niemals Hunger zu leiden, solange man wusste, was man tat. Solange man frei war, konnte man Wild, Beeren und Fisch finden. Es war ein Land der Fülle. Geh rauf zur Küste, sagte er, und du findest den Supermarkt der Natur: Herzmuscheln, Miesmuscheln, Lachs, alles für umsonst. Also bin ich hergekommen. Ich hörte zu und beobachtete. So lernst du alles, was du wissen musst.«

Als er überzeugt war, dass die Wände aus Kiefernzweigen einen leichten Regen und starken Tau abhalten würden, wenn auch keinen richtigen Wolkenbruch, sagte er: »Komm, wir probieren ihn mal aus.« Wir schoben uns rückwärts durch die Öffnung, jeder an einer Seite des stützenden Baumstamms, bis nur noch unsere Köpfe herausschauten.

»Falls du dich mal verlaufen solltest, ist dies das Wichtigste: Als Erstes baust du dir einen kleinen Unterschlupf. Vergiss das nicht.«

Da bestand allerdings keine Gefahr. Das sagte er mir jedes Mal, wenn wir in den Wald gingen.

»Ach, fast hätte ich’s vergessen.« Er zog eine Flasche Orangenlimonade aus der Innentasche seiner Jacke, gab sie mir und holte für sich selbst ein Bier heraus. Dann kramte er noch mal in der Tasche und hielt mir ein kleines Päckchen hin, das in ein Geschirrtuch gewickelt war. »Und dann isst du deine Schokoladenkekse.«

Manche Leute glauben, dass man es vorher weiß, wenn man stirbt. Selbst wenn man nicht krank ist, wenn der Tod ganz plötzlich aus dem Nichts kommt, wie ein Reh, das auf den Highway springt. Ich bin mir da nicht so sicher. Aber manchmal will mir das nicht aus dem Kopf, wenn ich an diesen Nachmittag mit meinem Vater zurückdenke.

Die Limonade ließ mich frösteln, aber ich trank sie zitternd, weil er sie für mich mitgenommen hatte. Dad machte seine Bierflasche auf und trank langsam daraus, während wir zusahen, wie der Wind die Wasseroberfläche kräuselte. Er sagte: »Du weißt ja, Maggie, ich rede nicht gern. Nichts von dem, was mir durch den Kopf geht, erscheint mir unterm Strich wichtig genug, um es auszusprechen. Aber deine Mutter versteht das nicht.«

Er trank einen Schluck Bier und lächelte mir zu. Welcher Köder für welchen Fisch der richtige war, von welchem Vogel eine ungewöhnliche Melodie stammte – das waren die Dinge, über die Dad sonst immer mit mir sprach. Ich wusste nicht, ob ich etwas dazu sagen sollte oder nicht.

»Weißt du, wenn wir manchmal an einem schönen Nachmittag draußen vor dem Haus sitzen, und die Sonne wärmt uns, dann sehe ich sie an, und es ist, als würde sie von innen her leuchten. Ihre Haut, ihre Haare, alles. Und dann fühle ich es. Ein Zappeln in meinem Bauch, wie ein kleiner Fisch auf dem Trockenen. Dann würde ich am liebsten feiern. Mir ein kaltes Bier holen und den Rest des Tages vergessen. Auf sie anstoßen.

Wenn ich’s doch bloß über die Lippen kriegen würde, was in so einem Moment in mir vorgeht. Aber ich schaff’s nicht. Worte erscheinen mir dafür einfach nicht gut genug. Und wenn ich dann aufstehe und mir ein Bier hole, mache ich alles kaputt. Kennst du diesen Gesichtsausdruck, den sie manchmal hat?«

Er nahm einen kräftigen Schluck.

»Immerhin sagt sie nie was. Ich merke, dass sie sich bemüht, weiter zu lächeln. Und ich weiß, dass ich alles kaputt mache, aber ich kann einfach nicht anders. Warum ist das so?«

Wollte er eine Antwort von mir? Ich trank einen Schluck Limonade und beobachtete, wie der Rest schäumend in die Flasche zurückschwappte.

»Mein Vater – dein Großvater – war genauso. Nein, er war noch schlimmer. Ich habe mir geschworen, nie so ein Säufer zu werden wie er. Und das bin ich auch nicht geworden. Ich bin anders, wenn ich trinke.«

Er hielt mir seine Bierflasche hin und sagte: »Prost«, und ich stieß mit meiner Limonade dagegen. Das war unser Ritual.

Ich hatte Dad noch nie so betrunken gesehen wie Helmer, der erst laut über Witze lachte, die gar nicht komisch waren, dann weinerlich wurde und dann plötzlich lospolterte, sodass die anderen Männer ihn beruhigen mussten. Meine Mutter hasste diese winselnde Schwäche bei Männern, und ich nehme an, wenn Dad so gewesen wäre, hätte sie ihn nicht geheiratet. »Das geht sehr schnell – erst sind sie witzig, dann heulen sie, und dann werden sie böse«, sagte sie.

Aber es gab Abende, da ging Mom ohne ihn zu Bett. Wir hörten durch die Wand unseres Zimmers ihre leise, bittende Stimme und dann seine, mit Nachdruck: »Ich entspanne mich hier nur ein bisschen, Irene.« Moms Zorn äußerte sich dann im Knallen der Kommodenschublade und im Klappern der Kleiderbügel in ihrem Schrank. Ich fragte mich, warum er unbedingt alleine dort neben dem Ofen sitzen wollte. Manchmal sang er leise Goodnight, Irene. Beim Klang seiner leisen, unsicheren Stimme musste ich lächeln, aber Mom ging das offenbar nicht so.

Wenn er eins von seinen irischen Liedern sang, fing Mom an zu weinen. Einmal hörte ich, wie sie zu ihm sagte: »Du erinnerst mich an meinen Vater.« Ich verstand nicht, warum sie weinte, wenn er sang. Und ich nahm es ihr übel, dass sie ihn allein ließ und wütend auf ihn war. Warum wollte sie nicht bei ihm sein und mit ihm singen, wie er es sich wünschte?

Und dann war da der Tag, als Dad, sein Freund Panbread und Mom draußen an der Hauswand Darts spielten. Ich hörte, wie Dad Mom mit irgendwas aufzog, und bevor ich wusste, wie mir geschah, befahl sie Jenny und mir, unsere Schuhe anzuziehen; wir würden einen Spaziergang machen. Sie ging ins Haus, um ein paar Äpfel für unterwegs zu holen und Baseballkappen als Schutz gegen die Sonne.

Dad rief ihr nach: »Ach, komm schon, Irene. Spiel wenigstens noch zu Ende.«

Ich hörte, wie Panbread sagte: »Lass sie, Pat. So sind die Frauen.« Dann lachten sie beide, zu laut und zu lange, und ich war froh, dass Mom im Haus war und nichts davon mitbekam.

Mom marschierte in einem Mordstempo durch den Wald und wurde erst langsamer, als wir ein ausgetrocknetes Flussbett hinaufwanderten. Ich blieb so oft stehen, um glatt gewaschene Steine aufzuheben, dass Jenny bald weit vor mir war, außer Sichtweite, und Mom noch ein gutes Stück davor. Die Sonne brannte auf das Flussbett nieder. Ich entdeckte Kolibris, die über den Blüten eines orangeroten Indianerpinsels schwebten. Ein Specht klopfte gegen einen Baumstamm. Die Sonne, das hohl klingende Trommeln, das zwischen den Tannen widerhallte, und das leise Knirschen der Steine unter meinen Turnschuhen hüllten mich in eine Art Kokon. Ein Teil von mir blickte auf mich selbst hinunter, wie ich über das Flussbett ging. Ein schmales Rinnsal wand sich zwischen den Steinen hindurch. Als meine Schuhspitzen vom Wasser dunkel wurden, hob ich den Blick, und da waren wehende Saskatoonsträucher, leuchtend weiße Margeriten und türkisblauer Himmel. Es kam mir vor, als wäre ich aus einem Traum aufgewacht.

Dann hörte ich Mom nach mir rufen. »Ma-ggie!« Ein Zweiklang, wie der Ruf einer Meise. »Ma-ggie! Jetzt komm schon. Wir sind hier.«

Ich folgte einem schmalen Wildpfad durch das Unterholz und einen kleinen Hang hinauf. Da war Mom, bis zum Hals in einem klaren, blaugrünen See. Jenny hüpfte begeistert am Ufer auf und ab, nackt bis auf die Baseballkappe, unter der ihr langes rotes Haar herausschaute.

»Weißt du, was?«, rief Mom.

»Nein, was denn?«

»Es ist gar nicht tief!« Und sie warf die Arme in die Luft und sprang hoch wie ein übermütiger Fisch. Das Wasser ging ihr nur bis zur Taille, und sie war ebenfalls nackt; ihre Kleider lagen neben Jenny im Gras.

»Beeil dich!«, rief Jenny mir zu und rannte lachend ins Wasser, die Baseballkappe noch auf dem Kopf.

Ich erinnere mich noch an das wunderbare Gefühl völliger Erschöpfung, nachdem wir stundenlang im Wasser gespielt hatten. Wir mussten immer wieder untertauchen, um uns vor den Bremsen zu retten. Wir hielten alle möglichen Wettkämpfe ab: wer im flachen Wasser am schnellsten vorwärtskam, bäuchlings, mit den Händen in den Schlamm gestemmt; wer am längsten auf einem treibenden Baumstamm sitzen konnte, ohne umzukippen; wer am längsten den Atem anhalten konnte; wer aus dem Wasser am höchsten in die Luft springen konnte. Wir legten uns zum Trocknen auf einen großen Felsen in die Sonne, den warmen Stein an der Wange, dann sprangen wir wieder ins Wasser, um uns abzukühlen, und buhlten um Moms Aufmerksamkeit, während sie auf unseren Kleidern im Gras lag, der weiche Schwung von Hüfte und Taille wie eine Hügellandschaft, eine braunspitzige Brust an die andere geschmiegt.

Als wir uns an dem Abend auf unser Haus zuschleppten, färbte sich der Sommerhimmel bereits violett. Unsere Beine fühlten sich nach dem langen Marsch wie Gummi an, und wir konnten nicht aufhören zu kichern, weil wir übermüdet waren und uns ständig kratzen mussten. Neben den Mückenstichen hatte das Wasser des Sees einen Juckreiz auf unserer Haut hinterlassen.

»Wir müssen jetzt alle baden«, sagte Mom, »und dann reiben wir uns mit Zinklotion ein, damit das Jucken aufhört.«

Jenny ging als Erste die Stufen hinauf. »Dad«, sagte sie und blieb stehen. Sie wäre fast auf ihn getreten. Er lag zusammengerollt vor den Stufen im Gras, neben ihm ein umgekippter Küchenstuhl.

»Geht ins Haus«, sagte Mom.

»Was ist mit ihm?«, fragte Jenny.

»Geh ins Haus, Jenny. Und du auch, Maggie. Los!«

Jenny und ich gingen hinein, blieben aber neben der Tür stehen und sahen zu.

Mom hatte ihn halb vom Boden hochgezogen und versuchte ihn auf die Beine zu kriegen. Doch er entglitt ihr und fiel wieder zurück ins Gras.

»Herrgott noch mal, Patrick! Komm ins Haus.«

Es war eines der seltenen Male, die ich meine Mutter fluchen hörte, und es machte mir Angst. Obwohl wir nur Ostern und Weihnachten in die Kirche gingen, betrachtete sie sich als gute Katholikin, und in unserem Haus waren Flüche, die mit Gott zu tun hatten, strengstens verboten.

»Was ist denn los, Irene?«, sagte mein Dad, der plötzlich aufgewacht war.

»Geh ins Haus. Und ins Bett.«

»Jetzt reg dich nicht auf. Ich habe nur ein bisschen frische Luft geschnappt.« Er schüttelte sie ab, schwankte die Stufen hinauf und zwinkerte Jenny und mir im Vorbeigehen zu.

»Es juckt so«, sagte Jenny nach ein paar Minuten.

Mom erhob sich müde und fing an, Wasser für unser Bad zu pumpen.

4

Eines Morgens im Juni – ich war zehn – rief Mom Jenny und mich zur Haustür. Draußen zogen die Indianer aus dem Reservat in Duchess Creek vorbei, auf dem Weg zum Potato Mountain, wo sie ihr Lager aufschlagen und wilde Kartoffeln sammeln wollten.

»Früher waren es viel mehr«, sagte Mom, während sie am Türrahmen lehnte und zusah. »Große Karawanen, wie in der Wüste. Als ich klein war, haben sie immer den Pfad hinter unserer Hütte genommen. Wenn mein Dad sah, wie sie zum Potato Mountain wanderten, wurde er ganz kribbelig. Er wollte auch da rauf. Damals zogen die Indianer noch viel mehr umher, um zu fischen und zu jagen.«

Für mich waren es trotzdem noch eine Menge Leute, mehr, als ich je zu sehen bekam, wenn wir mit dem Rad durch das Reservat fuhren. Woher kamen die alle? Sie hatten ihre Pferde mit Taschen und Werkzeug und Decken beladen. Einige Pferde trugen große Eimer auf ihrem Rücken, in denen später die Kartoffeln transportiert werden sollten. Hinter ihnen her trottete eine lange Reihe Hunde. Zwei Pferde zogen eine »Kutsche« aus dem Rahmen eines alten Autos, in der alte Leute und Kinder saßen, einige von ihnen mit Säuglingen auf dem Arm.

Als Mom ihnen zuwinkte, löste sich eine Frau aus der Gruppe und kam die Einfahrt hinauf. Sie war ungefähr so alt wie Mom, mit langem schwarzem Haar, glänzend wie Krähenflügel, und einem lila geblümten Kleid über der langen Hose. Trotz der Hose konnte ich sehen, dass ihre Beine dünn und ein wenig krumm waren. Aber sie bewegte sich so anmutig, wie ich es mir bei einer Ballerina vorstellte, mit den Zehen zuerst und leicht wie eine Feder.

»Agnes«, sagte Mom.

»Ich habe dir die Mokassins mitgebracht«, sagte die Frau. Sie hatte eine leise, flüsternde Stimme und hielt den Kopf zur Seite geneigt, als ob sie schüchtern wäre. Jenny, die neben mir saß, zwickte mich warnend in den Arm. Als ich den Blick hob und Agnes’ Gesicht sah, schnappte ich erschrocken nach Luft. In ihrer Oberlippe war ein wulstiger Riss, der bis zur Nase hinaufreichte; es sah aus wie eine offene Wunde. Sie lächelte Jenny und mich freundlich an, und ich spürte, wie ich vor Scham über meine Reaktion rot anlief.