Der Duft von Erde und Zitronen - Margherita Oggero - E-Book

Der Duft von Erde und Zitronen E-Book

Margherita Oggero

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Beschreibung

Ein fesselnder Sommerroman – kraftvoll und emotional

Wie eine Gefangene lebt Imma in der Wohnung einer Tante hoch im Norden Italiens, weit weg von ihrem Heimatdorf bei Neapel. Die Dreizehnjährige ist in großer Gefahr, denn als der Sohn des Clanchefs sie zu vergewaltigen versuchte, schlug sie mit einem Stein zu. Jetzt soll sie dafür bezahlen. In der Einsamkeit der endlos scheinenden Tage wird Immas Wunsch nach Freiheit immer größer, bis sie sich schließlich stundenweise hinausschleichen kann und den jungen Buchhändler Paolo kennenlernt. Seine Bücher eröffnen ihr eine neue Welt und geben ihr den Mut, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Einfühlsam, emotionsgeladen und voll Spannung ist „Der Duft von Erde und Zitronen”. Margherita Oggero entführt uns in die fast noch archaische Welt des italienischen Südens, in der ein Mädchen schließlich durch die Liebe zur Literatur den Mut findet, ihren eigenen Weg zu gehen.

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Seitenzahl: 303

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Inhaltsverzeichnis

WidmungCopyright

Für Alberto, der mir so fehlt. Ref 1

»Aber die Frage ist, was jeder mit den Karten, die man ihm ausgeteilt hat, anfängt.«

AMOS OZ, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Die Extante ist weder gut noch böse, sie ist vor allem unzufrieden, und manchmal regt sie sich auf.

Wie ich bin, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich nicht ich sein möchte, sondern eine andere, mit einem anderen Leben. Am besten ganz ohne Leben, denn vorher, bevor man geboren wird, kann es einem nicht schlecht gehen, man ist ja nicht da. Wenn ich über diese Dinge nachdenke, schnürt es mir die Kehle zu, und ich würde am liebsten heulen, aber ich heule nicht, weil das nichts nützt. Stattdessen setze ich mich ans Fenster und schaue hinunter auf die Straße. So vergeht die Zeit.

Die Straße ist recht breit, und aus dem dritten Stock kann ich mehr als die halbe Fahrbahn und den gegenüberliegenden Bürgersteig überblicken. Die Fassaden der vier Häuser auf der anderen Seite natürlich auch, mit Fenstern und Balkonen. Die Balkone haben verrostete Geländer und stehen voller Blumentöpfe. Künstliche Pflanzen vom Chinesen, oft mit abgebrochenen Zweigen und von schmierigem Staub bedeckt, und alle mit den gleichen großen, rotgeäderten Blättern. Dicht an dicht stehen sie am Geländer wie eine Hecke, aber abends gerät der ganze Wald in Bewegung, und zum Vorschein kommen lauter Satellitenschüsseln, mit denen die Wohnungsbesitzer die Programme ihrer Heimatländer empfangen können. In dieser Vorstadtstraße leben nämlich fast nur Einwanderer, vor allem aus Afrika, Schwarze und Araber, bis auf die Extante, aber die ist eigentlich auch Einwanderin, nur nicht von ganz so weit, und ich auch.

Meine Tante besitzt keine Satellitenschüssel. Früher schon, aus zweiter oder dritter Hand, mal hatte man Empfang und mal nicht, deshalb hat sie sie irgendwann in den Müllcontainer geworfen, und die Topfpflanzen vom Chinesen gleich hinterher.

Für einen guten Empfang müsste die Satellitenschüssel nämlich ganz ausgefahren werden, aber das ist verboten, und wenn die Polizei sie entdeckt, muss man eine Strafe zahlen und die Schüssel abmontieren. Auf der Hofseite hat es keinen Sinn, weil man dort gar keinen Empfang hat, auf dem Dach ginge es, aber das möchte der Hausbesitzer nicht, und außerdem müsste man noch einen Techniker bestellen, und das wäre teuer. Ich mache mir nicht viel aus fernsehen, und selbst wenn, würde es nichts ändern, denn abends bestimmt die Extante, welchen Sender wir sehen, und tagsüber, wenn sie arbeiten geht, nimmt sie die Fernbedienung mit, damit ich, wie sie sagt, keine Schweinereien gucke.

Bestimmt will sie nur das Geld für Strom sparen, im Wohnzimmer und der Kochecke ist auch jede zweite Glühbirne rausgedreht, und in der Kammer, in der ich schlafe, gibt es nur eine kleine Neonröhre, die ein eisiges Licht macht. Die Nachttischlampe im Schlafzimmer der Tante hat eine starke Birne, aber die knipst sie nie an, weil sie einfach den Rollladen nicht ganz runterlässt und ihr das Licht von der Straße zum Ausziehen genügt. Und wenn sie den Kopf aufs Kissen legt, schläft sie sofort ein, weil der Notar sie den ganzen Tag von einem Amt zum anderen schickt und sie abends vom Anstehen todmüde ist, sagt sie.

Müde mag sie ja sein, aber dass sie sofort einschläft, liegt bestimmt an den Tropfen, die sie nimmt. Vielleicht ist sie gar nicht so tüchtig. Und nimmt die Fernbedienung nur aus Bosheit mit, um sich dafür zu rächen, dass man mich bei ihr einquartiert hat.

Melina war hochgewachsen und blass mit riesigen schwarzen Augen. Eine Schönheit. Sie war das Produkt einer trügerischen vorzeitigen Menopause, kam vierzehn Jahre nach Salvatore und achtzehn nach Antonio zur Welt, nachdem Assunta und Saverio seit einiger Zeit wieder ohne Verhütungsmittel miteinander schliefen. Und endlich auch ohne die Sorge, die Kinder könnten sie hören, denn die gingen am Wochenende abends ins Kino oder zum Bolzen oder auf Spritztour mit Freunden, während die Eltern den neu gewonnenen Hauch von Jugend und Freiheit genossen.

»Savè, ich muss dir was sagen.«

»Was ist los?«

»Ich bin schwanger.«

»Nein! Wie kann das sein?«

»Ich weiß nicht. Die Ärztin hatte gesagt, ich könnte ganz sicher sein und ich müsste mich in Zukunft auf Beschwerden einstellen, weil irgendwelche Hormone fehlen … typische Frauenleiden, meinte sie, Hitzewallungen, Schwindel, Übelkeit …«

»Und, hattest du so was?«

»Überhaupt nicht. Mir ging’s prima, und jetzt geht’s mir immer noch prima, hervorragend, genau wie damals, als ich mit Antonio und Salvatore schwanger war.«

»Und woher weißt du dann…«

»Die Röcke spannen plötzlich, und bei der Jeans kriege ich den Reißverschluss nicht mehr zu. Obwohl ich nicht mehr esse als vorher.«

»Na, letzten Sonntag beim Gattò hast du aber ganz schön zugeschlagen…«

»Jedenfalls kam mir das komisch vor, und ich bin zu Zia Concetta gegangen, der Hebamme.«

»Und die meinte, du bist schwanger?«

»Ja, aber ich hab ihr nicht getraut, Zia Concetta ist ja schon ziemlich alt. Also bin ich zur Ärztin gegangen und habe eine Blutuntersuchung machen lassen, und … tja, ich bin tatsächlich schwanger.«

»Und in welcher Woche?«

»Elfte oder zwölfte. Was sollen wir jetzt tun?«

»Na, was wohl? Wir behalten den Jungen – oder das Mädchen.«

»Freust du dich denn?«

»Mhm, weiß nicht … eigentlich schon… vor allem, wenn es ein Mädchen wird, Jungs haben wir ja schon.«

»Weißt du was, Saverio? Ich freu mich riesig. Das bedeutet, dass ich noch jung bin. Und ich freu mich auch darauf, noch einmal ein eigenes Baby im Arm zu halten.«

Es wurde ein Mädchen: Carmelina, genannt Melina. Antonio war irritiert und ein bisschen genervt, weil seine Freunde ihn mit ziemlich groben Scherzen aufzogen; Salvatore hingegen war Feuer und Flamme für dieses Kind, das nur aus Augen und schwarzem Haar zu bestehen schien, eine Puppe, mit der man stundenlang spielen und über den Boden kriechen und die man kitzeln konnte. Und sie ihrerseits liebte Tore abgöttisch und empfing ihn mit kleinen Freudenschreien, wenn er aus der Schule kam, trabte hinter ihm her durch die Wohnung und ging mit ihm spazieren oder ließ sich mit dem Fahrrad herumkutschieren.

»Weißt du, Savè«, sagte Assunta manchmal und bekreuzigte sich rasch, »wir sind echte Glückspilze. Niemand belästigt uns, wir haben beide eine gute Stelle, schöne Kinder, ein eigenes Haus, uns fehlt es an nichts.«

»Das größte Glück ist, dass die uns nicht auspressen oder zu etwas zwingen können. Aber wenn du nicht Grundschullehrerin geworden wärst und ich nicht bei der Eisenbahn angefangen hätte, wären wir denen ausgeliefert gewesen wie alle anderen. Trotzdem, Antonio wird nach der Uni hier kaum eine Stelle finden, und Tore wird auch kämpfen müssen, wenn er mit der Schule fertig ist.«

»He, Savè, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Du hast Melina vergessen, kannst du für sie nicht auch noch ein bisschen schwarzmalen?«

»Sie ist noch klein, warten wir’s ab.«

Antonio war um den Militärdienst herumgekommen, weil der Arzt der Musterungskommission ein minimales Herzgeräusch bei ihm festgestellt und diesem deutlich mehr Gewicht als notwendig beigemessen hatte.

Dahinter steckte keineswegs der Boss, Don Raffaele – nein, es hatte schlicht mit Tischtennis zu tun. Weil nämlich im Jugendzentrum des Dorfs, aus dem Saverio stammte, er und der spätere Militärarzt die besten Tischtennisspieler gewesen waren und bei den Amateurturnieren immer das Doppel gewannen. Dem Sohn eines Kameraden aus Jugendtagen versagt man keinen Gefallen, selbst wenn man gar nicht um einen gebeten wurde, ja gerade dann, weil man sich so nämlich richtig großzügig und selbstlos fühlt. Und wenn der zweite Sohn an der Reihe ist, macht man es genauso, schließlich war die Dankbarkeit der Eltern rührend, und beim Klassentreffen in einem Restaurant im Hinterland hatte man sogar eine Partie Tischtennis gespielt, beziehungsweise drei, und das Entscheidungsspiel hatte der Arzt gewonnen, schließlich wusste Saverio, was sich gehört.

Nach seinem Chemiediplom ergatterte Antonio ein Stipendium in Belgien und bekam dort direkt danach auch eine Stelle in einer Farbenfabrik angeboten.

»Willst du die denn annehmen? So weit weg, im Ausland, ganz allein…«, fragte seine Mutter.

»Wieso nicht? Wo finde ich hier eine solche Stelle?«

»Aber Farben, das ist doch gefährlich…«

»Züge sind auch gefährlich. Da werden Bomben gelegt, dauernd entgleisen sie, und Papa arbeitet trotzdem da.«

»Das ist doch nicht dasselbe…«, widersprach sie zaghaft, doch im Grunde wusste sie, dass sie verloren hatte.

Antonio war das Dorf irgendwann zu eng geworden, echte Freunde hatte er keine, und die einzigen Mädchen, mit denen er etwas gehabt hatte, waren Kommilitoninnen in Neapel. Unbedeutende Geschichten, aus denen nie etwas geworden war und denen er nicht nachweinte. Nach Neapel und Brüssel kam ihm das Dorf wie ein Gefängnis vor, ohne Gitter zwar, aber auch ohne Ausweg. Das Kino geschlossen, die Bars schwarz von Rauch und Fliegen, die Diskothek voller Dumpfbacken und billiger Mädchen, ein Blick zu viel, schon setzte es Prügel, Mopeds, die wie irre durch die engen Gassen bretterten, Häuser, die nie fertig gebaut wurden, während die Spitzen der Moniereisen vor sich hin rosteten, und über allem der Atem vom Boss. Ein schwerer Atem, der dem Dorf und seinen Bewohnern die Luft nahm, selbst den wenigen, die nicht direkt davon betroffen waren.

Gewiss, ein paar Kilometer weiter lag die Küste mit einem Strand aus grobem schwarzem Sand, rechts und links begrenzt von Klippen, und die meiste Zeit herrschte ein mildes Klima, die Sonne schien, und außerdem lebten hier Mama, Papa, Tore und Melina. Trotzdem gab Antonio dem Regen und der Kälte Brüssels den Vorzug, wo die Straßen sauber waren und man nirgendwo Abfallhaufen oder umgekippte und angezündete Müllcontainer sah, wo die Bewohner zurückhaltend waren und sich fast immer an das Gesetz hielten und wo die Autofahrer Fußgängern am Zebrastreifen Vorrang gewährten.

Mit der Einsamkeit würde er schon fertigwerden.

Ich stehe hinter den geschlossenen Gardinen am Fenster und sehe alles, während die anderen, aus den Häusern gegenüber und von der Straße, mich nicht sehen können. Das ist gut, ich muss unsichtbar bleiben. Ich schaue hinunter und denke nach. Wer unglücklich ist, denkt viel nach.

Ich denke mir Sachen über die Leute aus, die vorbeikommen, die in die Bar mit den Spielautomaten gehen, in den chinesischen Friseurladen, ins Gewerkschaftsbüro, in die Grillbude. Nur während der steinernen Stunde ist niemand zu sehen. Die steinerne Stunde dauert gar keine Stunde, nur einen Augenblick, manchmal eine Minute, manchmal auch drei oder vier. Ich mag sie sehr, und ich nenne sie so, weil plötzlich alles stillsteht, wie versteinert. Nichts bewegt sich, keine Menschen, keine Autos, es ist, als wäre die Erde stehen geblieben, ohne dass man ein Bremsgeräusch gehört hätte.

Dann kommt es mir vor, als könnte gleich alles Mögliche passieren, ein Erdbeben oder eine Explosion, es ist wie die Ruhe vor dem Sturm, wie wenn man den Atem anhält, bevor man losschreit oder in Tränen ausbricht, oder wie wenn man vor Angst sogar das Atmen vergisst. Aber es passiert nie was Besonderes, die Autos fahren wieder vorbei, die Jugendlichen betreten und verlassen die Bar, die Kunden des chinesischen Friseurladens, die durchgehend geöffnet haben, kommen oder gehen, nur die Gewerkschaft und die Grillbude haben um die Zeit die Rollläden heruntergelassen, da kommt oder geht keiner mehr.

Bei der Gewerkschaft geben sich tagsüber die Alten die Klinke in die Hand, gegen Abend werden die Besucher immer jünger. Da müsste sie auch mal hingehen und sich über ihre Rechte informieren, hat die Extante gesagt, weil der Notar ihr viel zu wenig zahlt für die vielen Stunden. Aber vorher müsste sie sich einen neuen Job suchen, weil der Notar sie dann unter irgendeinem Vorwand entlassen würde, und ohne Arbeit würde sie nicht über die Runden kommen, weil ihr Mann, den sie immer noch so nennt, obwohl er nicht mehr ihr Mann ist, ihr nur wenig Unterhalt zahlt und ihre Ausgaben stetig steigen, denn das Leben in der Stadt ist teuer.

Aber sie sucht sich nie einen anderen Job.

Zum chinesischen Friseur gehen Männer wie Frauen, weil es dort so billig ist. Als ich in den Norden kam, bin ich auch bei einem gewesen, aber nicht bei dem hier, sondern in einem anderen Viertel, weit weg, und ich bekam einen Jungenschnitt verpasst, mit dem ich mich fast nicht wiedererkannt hätte.

Antonio kam immer über Weihnachten und für zehn Tage im August nach Hause. Dann überschüttete Assunta ihn mit Aufmerksamkeit und Fragen, bis er es bei aller Liebe kaum erwarten konnte, zurück nach Belgien zu fahren. Die Vertrautheit zum Bruder aber hatte sich gehalten wie zu Jugendzeiten, und abends vor dem Einschlafen unterhielten sie sich in der Dunkelheit des Zimmers.

»Warum wolltest du eigentlich nie studieren, Tore?«

»Ach… ein Akademiker in der Familie reicht doch.«

»Gefällt dir deine Arbeit denn?«

»Es ist das, was ich immer wollte. Ich hab Kraftfahrzeugmechaniker gelernt und arbeite als Kraftfahrzeugmechaniker. Und ohne dass der Boss sich eingemischt hätte, dem reicht es wahrscheinlich, dass mein Chef Schutzgeld zahlt, oder vielleicht weil Mama drei Jahre die Grundschullehrerin seines ältesten Sohns war. Ich mag Autos, die Werkstatt ist nur fünfzehn Kilometer entfernt, das Gehalt ist nicht übel, was willst du mehr?«

»Gar nichts, wenn es für dich okay ist…«

»Und du? Fühlst du dich da im Norden noch wohl?«

»Ja, das ist was ganz anderes. Du hättest mich längst mal besuchen können…«

»Ich krieg doch immer nur im August Ferien, und da bist du hier.«

»Ach, du willst einfach deinen Arsch nicht von hier wegbewegen, noch nicht mal für ein paar Tage.«

»Vielleicht will ich nicht in Versuchung geraten.«

»Also ist das Leben hier für dich auch eine Qual?«

»Für mich nicht so sehr. Aber wenn ich mich umschaue, erschrecke ich. Bloß, wenn wir alle weggehen, wer bleibt dann noch? Nur die. Die und die Alten. Aber jemand muss sich um Mama und Papa kümmern, wenn sie mal alt sind. Und um Melina, solange sie nicht untergekommen ist.«

»Du meinst, solange sie nicht geheiratet hat.«

»Heiraten, studieren, arbeiten, was sie will.«

»Und du, denkst du nicht ans Heiraten? Ein anständiges Mädchen von hier, ohne Flausen im Kopf, die dir viele Kinder schenkt, zur Freude von Mama und Papa?«

»Willst du mich verarschen, Antonio?«

»Ganz bestimmt nicht. Vielleicht bin ich bloß ein bisschen neidisch.«

»Ich denke, dir geht’s gut in Belgien?«

»Schon, aber irgendwas fehlt immer. Etwas, dem man hinterherweint, obwohl man es vielleicht hasst. Und wenn ich dann hier bin, bin ich gereizt, ganz kribbelig, nicht zuletzt weil Mama mich die ganze Zeit nervt: Isst du auch genug? Und wo? Hast du abgenommen? Hast du was am Magen? Und was machst du abends? Und mit wem triffst du dich? Und wer hält dir eigentlich die Wohnung sauber?…«

»Und hast du jetzt eine feste Freundin? … Apropos, hast du eine?«

»Ja, aber wir wollen nicht heiraten, beide nicht, und auch nicht zusammenleben. Vielleicht hält es ja, im Moment läuft es gut, ohne große Verpflichtungen.«

»Was macht sie?«

»Sie ist Dolmetscherin im Parlament und macht nebenher Fachübersetzungen.«

»Wie heißt sie?«

»Julie. Mann, jetzt nervst du aber auch!«

»’tschuldige. Ich kann auch aufhören.«

»Wieso? Willst du etwa noch mehr wissen?!«

»Na klar: Wie sieht sie aus? Blond oder braun, groß oder klein…«

»Oh Mann! Sie hat rotbraune Haare, ist groß, schlank, aber mit den richtigen Rundungen. Nicht direkt eine Schönheit, aber ihr Gesicht fällt auf. Ich weiß nicht, ob sie Mama gefallen würde: Sie kann nicht kochen, ist unordentlich, hat eine unaufgeräumte Wohnung, und wenn sie ein bisschen Zeit hat, liest sie lieber, anstatt Staub zu wischen oder aufzuräumen, und außerdem ist sie sieben Jahre älter als ich.«

»Auweia, die würde ihr bestimmt nicht gefallen.«

Zu allen Mädchen war Assunta nett und nachsichtig, außer zu denen, die sich für Salvatore zu interessieren schienen. Die Eifersucht einer süditalienischen Mamma, tief verwurzelt und unbewusst. Als Saverio sie darauf hinwies, schnaubte sie und leugnete alles, in Tores Liebesangelegenheiten mische sie sich bestimmt nicht ein, er könne tun, was er wolle, wie sein Bruder im Norden mit seiner Geheimniskrämerei. Bei dem wisse ja auch keiner, wer ihn in den Fängen habe, eine wahre Hexe müsse das sein, wo er doch nie darüber reden wolle, geschweige denn sie der Familie vorstellen. Vielleicht – Gott behüte – sei sie ja verheiratet, eins dieser Weiber, die dem Ehemann Hörner aufsetzen, die von einem Bett ins andere hüpfen, wie hier im Süden, wenn die Oliven geerntet werden…

»Seit wann ernten wir die Oliven im Bett, Assuntì?«

»Stell dich nicht dümmer als du bist, Savè. Findest du es etwa normal, dass er in seinem Alter noch keine Frau hat? Wenn er bloß nicht zu den Huren geht und sich was einfängt und Gesundheit und Leben ruiniert, anstatt eine Familie zu gründen, wie es an der Zeit wäre.«

»Hör schon auf, Assuntì, du regst dich umsonst auf. Antonio ist eben zurückhaltend, er behält seine Angelegenheiten lieber für sich.«

»Es sind auch unsere Angelegenheiten. Immerhin ist er unser Sohn, oder etwa nicht?«

»Sobald es uns etwas angeht, wird er es uns schon wissen lassen.«

»Das glaubst aber auch nur du …«

Die erste Zeit konnte ich gar nicht begreifen, dass ich hier war. Mir tat alles weh, ich hatte blaue Flecken auf Armen und Beinen, überall Kratzer und im Kopf einen Presslufthammer. Die Tage wollten nicht enden, nachts träumte ich schlecht, immer dasselbe. Oft wachte ich schreiend auf, und die Extante musste aufstehen und mir ein Glas Wasser bringen. Irgendwann habe ich herausgefunden, wie ich den Albtraum unterbrechen und auf Befehl aufwachen kann, schweißgebadet zwar, aber ohne zu schreien, und inzwischen kommt er nur noch in verwaschenen Farben und Umrissen wie ein Plakat, das noch vom Vorjahr hängen geblieben ist.

Das Eingesperrtsein macht mich verrückt. Nur zu dem chinesischen Friseurladen hat mich die Tante gleich geschleppt. Sie hat sich von Alfonso das Auto geliehen, ihm aber nicht gesagt, wofür sie es brauchte. Den Friseurinnen, die nur Chinesisch sprachen, hat sie mit den Händen wie mit einer Schere gezeigt, bis wohin sie schneiden sollten. Da haben sie spitze Schreie ausgestoßen und große Augen gemacht, die gar nicht mehr chinesisch aussahen, aber es war nicht klar, ob sie es nun gut fanden oder nicht. Vielleicht war es ihnen auch egal, ich war eine Kundin unter vielen, obwohl um diese Uhrzeit – halb zwei nachmittags – kein Mensch im Salon war, bis auf eine alte Frau, die mit ihren paar Fransen unter der Trockenhaube saß.

Meine Haare haben sie behalten, eine schnitt, die andere hielt die Hände darunter, fing die langen Strähnen auf und legte sie vorsichtig auf einem Rollwägelchen ab. Die machen bestimmt eine Perücke aus deinen Haaren, meinte die Tante hinterher, und tatsächlich mussten wir fürs Schneiden nichts bezahlen. Als ich hinausging, spürte ich nicht nur den Presslufthammer innen, sondern mir war auch kalt am Kopf. Jetzt hat jemand anders meine Haare auf dem Kopf und fragt sich nicht, wem sie vorher gehört haben.

Mir haben sie gehört, mir.

Salvatores Freundin hieß Graziella. Sie war bei dem Volkswagenhändler angestellt, in dessen Werkstatt er arbeitete. Ein paar Monate nahmen die beiden kaum Notiz voneinander, redeten nur Geschäftliches und grüßten höflich. Dann spielte ein plötzlicher Regenschauer nach Feierabend Schicksal: Salvatore bot Graziella an, sie nach Hause zu fahren, und als er sich ihr während der Fahrt durch die Sturzfluten einmal kurz zuwandte, sah er sie zum ersten Mal richtig an.

»Danke fürs Mitnehmen«, sagte Graziella vor ihrem Haus, die Hand schon am Türgriff.

»He, warte, wenn du jetzt aussteigst, wirst du doch klatschnass.«

»Aber das kann ja noch dauern, und du hast es vielleicht eilig …«

»Warum sollte ich. Ich hab ja keine Frau, die auf mich wartet.«

»Aber vielleicht eine Freundin, oder?«

»Auch nicht. Und du?«

»Was, ich?«, fragte sie unschuldig.

»Hast du keinen Freund?«

»Nein.«

»Nie einen gehabt?«

»Nur belanglose Freundschaften, auf dem Gymnasium, du weißt schon… aber nichts Ernstes.«

Es folgte ein langes Schweigen, während der Regen weiter auf das Autodach prasselte und die Scheiben beschlugen. Schließlich gab Salvatore sich einen Ruck:

»Hättest du Lust, mal mit mir auszugehen? Auf eine Pizza, zum Beispiel?«

»Gern. In deinem Dorf oder in meinem?«

»Wie du magst.«

»Lieber woanders. Dann fangen sie nicht gleich an zu tratschen.«

»Willst du nicht, dass deine Eltern davon erfahren?«

»Meinen Eltern erzähle ich es schon. Sie wissen auch, wer du bist. Nein, es ist wegen der Dorfbewohner, die mischen sich immer in die Angelegenheiten anderer, statt sich um ihren eigenen Kram zu kümmern.«

»Wie wär’s in Neapel?«

»Das ist aber ganz schön weit …«

»Na und. Eine gute halbe Stunde, dabei können wir uns ja unterhalten.«

»Einverstanden«, sagte sie lächelnd.

»Freitagabend?«

»Ja.«

Sie hat sofort »gern« gesagt, überlegte Tore auf dem Nachhauseweg. Sie hat sich nicht geziert, und als ich Freitag vorschlug, hat sie auch nicht so getan, als hätte sie weiß Gott was für Verpflichtungen. Ein anständiges Mädchen, das sieht man auch auf der Arbeit: immer freundlich, aber nie indiskret. Und wenn ihre Eltern wissen, wer ich bin, muss sie ihnen schon von mir erzählt haben. Komisch, dass sie mir nie aufgefallen ist. Ich bin ihr wohl schon aufgefallen!

»Du musst unsichtbar bleiben«, schärft die Extante mir immer wieder ein.

»Für wie lange?«, frage ich.

»Weiß nicht.«

»Das ist ja wie im Gefängnis«, beklage ich mich.

»Lieber im Gefängnis als tot«, erwidert sie schroff und wendet sich, damit sie die Unterhaltung nicht fortsetzen muss, anderen Dingen zu. Sinnlosen Dingen, wie eine Pfanne hochheben und gleich wieder hinstellen. Wenn sie das macht, frage ich besser nicht weiter.

Onkel Tore, Tante Graziella, Angela, Oma und Opa und Toto fehlen mir sehr. Wie gern würde ich wenigstens mit ihnen telefonieren, aber das geht nicht. Zu gefährlich.

»Bist du verrückt?«, fuhr die Extante mich an, als ich sie einmal bat, nur eine Minute übers Handy mit Zuhause sprechen zu dürfen. »Hast du vergessen, was passiert ist?«

Ich bin nicht verrückt, und ich vergesse auch nichts. Aber schön ist es nicht.

Assunta entging nicht, dass ihr Sohn plötzlich öfter duschte und mehr auf seine Kleidung achtete.

»Er hat eine feste Freundin«, sagte sie zu Saverio, »tut aber genauso geheimnisvoll wie der andere da im Norden.«

»Soll er dir vielleicht auch Bescheid sagen, wann er niest und sich die Nase putzt? Er ist ein Mann, wann begreifst du das endlich?«

»Er ist immer noch unser Sohn, schon vergessen?«

»Wie könnte ich, wo du mich dauernd daran erinnerst? Tore hat uns nie Grund zur Sorge gegeben, also lass ihn bitte in Ruhe.«

»Wer stört ihn denn? Er lebt hier wie ein Pascha, wird bedient und angehimmelt.«

»Aber ständig spürt er deinen Atem im Nacken.«

»Wie bitte?!«

»Ach, komm schon. Du hast die reinsten Röntgenaugen, kontrollierst heimlich seinen Kilometerzähler, umschleichst ihn mit deinen Fragen wie eine Raubkatze.«

»Was soll das heißen, wie eine Raubkatze?«

»Na, wie du ständig um das, was du wissen willst, herumkreist und ihn ganz irremachst.«

»Sonderlich irre scheint er mir nicht zu sein…«

»Gott sei Dank, sonst wäre er ja kein Mann!«

»Immer bist du auf seiner Seite, nie auf meiner.«

»Aber Assuntì, ich trage dich doch auf Händen … komm, lass uns ins Schlafzimmer gehen, wenn du dich wie eine Löwin aufführst, gefällst du mir noch besser.«

»Und wenn Melina hereinplatzt?«

»Sie ist doch im Katechismusunterricht, nun mach schon.«

Melina besaß weder das nachgiebige Wesen Salvatores noch die stille Entschlossenheit Antonios. Sie war impulsiv, voller Fantasie und Begeisterung und manchmal melancholisch. Ob zu Hause oder draußen, ständig redete oder sang sie vor sich hin, und in der Schule war es ein hartes Stück Arbeit für die Lehrerin, sie zum Stillsein zu bewegen. Und zwar ohne Strenge, schließlich war Assunta eine Kollegin.

»Und wenn ich ganz leise singe?«

»Nein.«

»Und dabei den Mund zumache?«

»Nein.«

»Wieso nicht?«

»Weil das stört. Schau dir deine Klassenkameraden an: Siehst du nicht, dass sie alle still sind?«

»Aber nur, weil sie keine Lieder kennen.«

»O doch, aber sie können auch still sein.«

»Ich mag die Stille nicht, sie ist hässlich wie die Dunkelheit.«

»Hast du Angst im Dunkeln?«

»Ja, im Dunkeln kommen die Monster.«

»Aber in der Stille nicht.«

»Doch, doch. Sie kommen ganz leise angeschlichen, wie Quallen im Meer, und wenn sie einen berühren, machen sie brennende rote Streifen.«

»Bist du denn schon mal von einem berührt worden?«

»Nein, ich singe doch. Meine Lieder machen den Monstern Angst. Die kriegen Ohrenschmerzen davon.«

»Ich weiß ein Lied, wenn die Monster das hören, haben sie mindestens einen halben Tag lang Angst. Wenn du willst, singen wir es alle zusammen, bevor der Unterricht beginnt. Sollen wir?«

»Morgen, heute vertreibe ich die Monster lieber allein.«

Und zu Hause plagte sie ihre Mutter, die sowieso schon erschöpft war, nachdem sie den Vormittag über mit knapp dreißig Schülern gekämpft hatte.

»Mama, machst du mir ein Schwesterchen?«

»Du hast doch schon zwei Brüder, genügen die dir nicht?«

»Die sind aber schon groß, ich will eine kleine Schwester zum Spielen. Machst du mir keine, weil du zu alt bist?«

»Weil ich zu alt bin, genau.«

»Und weil du keinen dicken Bauch mehr kriegst?«

»Genau.«

»Ich will aber, dass du wieder jung bist und mir eine Schwester machst.«

»Das Kräutlein Will…«

»Kräutlein wie?«

»Kräutlein Will.«

»Was ist das für ein Kräutlein?«

»Das kann ich dir nicht sagen, das hat noch keiner gefunden.«

»Wenn ich groß bin, finde ich es. Dann bringe ich es dir und du wirst wieder jung und machst mir eine Schwester.«

»Aber wenn du groß bist, hast du bestimmt keine Lust mehr zum Spielen.«

»Mit dem Kräutlein Will werde ich wieder klein, wenn ich möchte. Würde dich das freuen?«

Mitte Oktober war es bei uns im Süden noch schön, draußen genügte ein dünnes T-Shirt, die Sonne schien warm, der Himmel war strahlend blau. Als ich wegfuhr, trug ich deshalb nur ein Sweatshirt und Jeans, aber saubere, nicht die anderen, die zerrissen und verdreckt waren. Als ich hier aus dem Auto stieg, fing ich gleich an zu frieren, sogar im Haus, weil die Heizung klein gestellt war, und noch mehr, als wir zum chinesischen Friseur fuhren.

Die ersten zwei Wochen lief ich in der Wohnung hin und her und zählte die Schritte, von morgens bis abends, bis die Tante zurückkam. Die ersten Tage allerdings lag ich mit schmerzenden Gliedern stundenlang im Bett und starrte an die Decke der Kammer, in der die Extante eine Klappliege aufgestellt hatte; dann schaute ich auf die Straße hinunter, und als es nicht mehr so wehtat, begann ich Gymnastik zu machen und holte die Schulbücher aus dem Rucksack, an die ich zum Glück gedacht hatte, als Oma ein paar Klamotten und Schuhe in die Reisetasche stopfte. Auch die Sparbüchse mit dem Geld, das Papa mir zu früh zum Namenstag geschenkt hat, habe ich mitgenommen. Er vertut sich nämlich immer mit dem Datum und schenkt mir statt zum achten Dezember was zum zweiundzwanzigsten September, vielleicht weil sie in Deutschland einen anderen Heiligenkalender haben und die Immaculata früher begangen wird. Vielleicht macht er sich auch einfach keine Gedanken darüber, weil er anderes im Kopf hat. Jedenfalls hatte ich das Geld noch nicht ausgegeben, weil ja noch nicht mein Namenstag war und ich mit der neuen Jacke so lange warten wollte.

Meine Schulbücher bestellt Tante Graziella jedes Jahr im Schreibwarenladen, ich stecke sie dann in bunte Plastikeinbände, damit sie nicht schmutzig werden wie bei meinen Freundinnen, ich mag sie nämlich lieber sauber. Oma Assunta hat mir beigebracht, dass man gut darauf achtgeben muss.

Gott sei Dank habe ich sie dabei, sonst wäre ich verrückt geworden. Mit den Büchern sind die Tage kürzer geworden: Ich mache Grammatik- und Matheaufgaben, lerne Geschichte und Geografie und sage alles laut auf, obwohl ich allein bin, damit ich nicht noch einmal verstumme.

Die Extante und ich, wir unterhalten uns nicht viel.

Assunta hatte die Wohnung auf Hochglanz geputzt, eine Auberginen-Oliven-Soße für die Rigatoni sowie Fleischbällchen mit Minze und geschmorte Stangenbohnen vorbereitet.

»Vielleicht hätte ich doch besser noch das Zimt-Apfel-Dessert machen sollen … Was meinst du, Savè?«

»Aber nein. Eis genügt, da waren wir uns doch einig.«

»Das habe ich bei Tano gekauft, der macht das beste, aber das Essen erscheint mir trotzdem irgendwie kümmerlich.«

»Kümmerlich? Sie wird schon nicht so reinhauen, du hast sie doch gesehen, sie ist ganz schlank.«

»Vielleicht ist sie ja magersüchtig.«

»Das musst du Tore fragen, der weiß es bestimmt.«

»Tore ist ein anständiger Junge, der kann seine Hände bei sich behalten.«

»Aha, dann war ich wohl ein Halunke, so wie ich dich überall angefasst und wie einen Teig geknetet habe?«

»Fängst du jetzt wieder damit an? Wir waren junges Gemüse.«

»Und die beiden sind Tattergreise, oder was?«

»Nein, aber ich mag gar nicht daran denken, dass Tore … Obwohl, sie ist ein anständiges Mädchen, das sagen alle im Dorf, und außerdem hast du sie ja selbst gesehen, als wir in der Werkstatt waren, um angeblich den Schlüssel nachmachen zu lassen…«

Originaltitel: L’ora di pietra Originalverlag: Mondadori

Die vorliegende Übersetzung wurde gefördert durch ein Arbeitsstipendium des Deutschen Übersetzerfonds e.V.

Das Motto von Amos Oz auf Ref 1 wurde der Übersetzung von Ruth Achlama entnommen. Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Suhrkamp, Frankfurt 2004.

Das Gedicht Die Schnecke von Federico Garcia Lorca auf Ref 2 wurde übersetzt von Thomas Brovot.

1. Auflage Copyright © 2011Arnoldo Mondadori Editore S.p.A., Milano Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Alle Rechte vorbehalten Gestaltung und Satz: DVA / Brigitte Müller Gesetzt aus der Fabiol

eISBN 978-3-641-08226-0

www.dva.de

www.randomhouse.de

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