Der Duft von Hibiskus - Julie Leuze - E-Book

Der Duft von Hibiskus E-Book

Julie Leuze

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8,99 €

Beschreibung

Kann man für seine Zukunft kämpfen, wenn man seine Vergangenheit nicht kennt?

1858: Die junge Emma Röslin aus Süddeutschland verschlägt es ans andere Ende der Welt: in die australische Wildnis. Sie schließt sich den Botanikern Oskar Crusius und Carl Scheerer an, für die sie als Pflanzenzeichnerin arbeitet. Im australischen Busch beginnt die behütete Apothekertochter ein aufregendes und gefährliches Leben. Und für den Forschungsleiter Carl empfindet sie bald mehr als nur Bewunderung. Doch Emma wird immer wieder von bösen Träumen heimgesucht, die von dunklen Geheimnissen in ihrer Vergangenheit herrühren. Nur der Aborigine Yileen kann Emma helfen …

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Buch

Australien, 1858: Die 22-jährige Emma Röslin soll für den Botaniker Oskar Crusius die exotischen Pflanzen zeichnen, die er für seinen Auftraggeber sammelt. Da Emma ihrem Vater, einem Apotheker und leidenschaftlichen Pflanzensammler, schon oft geholfen hat, fürchtet sie sich nicht allzu sehr vor ihrer verantwortungsvollen Aufgabe – wohl aber vor ihrer Erinnerung. Denn zu Hause in Süddeutschland muss vor wenigen Monaten etwas geschehen sein, das so schrecklich war, dass Emma einen Gedächtnisverlust erlitten hat. Aus Verzweiflung hatte sie in das Angebot von Oskar Crusius eingewilligt, sie mit nach Australien zu nehmen. Jetzt, da dieser Plan Wirklichkeit wird, überfluten sie jedoch Angst und Zweifel. Zu Recht, wie sie bald merkt, denn das Forscherteam um den attraktiven Expeditionsleiter Carl Scheerer begegnet ihr mit befremdeter Ablehnung. Vor allem Carl sträubt sich dagegen, eine Frau in den gefährlichen Busch mitzunehmen. Doch durch ihre Klugheit und ihren Mut macht Emma sich im Team bald unentbehrlich, und Carl, der immer wieder in brenzlige Situationen gerät, profitiert mehr als einmal von ihrer beherzten Hilfe. Sein Bild von Emma wandelt sich grundlegend. Auch Emma empfindet längst mehr für den Expeditionsleiter, ist er doch der erste Mann in ihrem Leben, der mehr in ihr sieht als ein hübsches Fräulein. Während langer Abende am offenen Feuer wird er ihr immer vertrauter. Die Zukunft könnte so verheißungsvoll sein – wären da nicht der besitzergreifende Oskar und die dunklen Geheimnisse aus der Vergangenheit. Wie viel Schuld hat Emma auf sich geladen, von der sie nichts mehr weiß? Sie ist entschlossen, die Tür zur Vergangenheit endlich aufzustoßen. Nur der Aborigine Birwain kann Emma dabei helfen …

Autorin

Julie Leuze, geboren 1974, studierte Politikwissenschaften und Neuere Geschichte in Konstanz und Tübingen, bevor sie sich dem Journalismus zuwandte. Mittlerweile widmet sie sich ganz dem Schreiben von Auswanderersagas und Frauenromanen. Julie Leuze lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Stuttgart.

Weitere Romane der Autorin sind bei Goldmann in Vorbereitung.

Julie Leuze

Der Duft

von Hibiskus

Roman

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1. Auflage

Originalausgabe April 2013

Copyright © 2012 by Wilhelm GoldmannVerlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Gestaltung des Umschlags und der Umschlaginnenseiten:

UNO Werbeagentur München

Umschlagfoto: © FinePic®, München

Umschlaginnenseiten: © FinePic®, München

Redaktion: Karin Ballauff

BH · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-08670-1V003

www.goldmann-verlag.de

Für Oli

1

Pazifischer Ozean, Oktober 1858

Emma Röslin stand an der Reling des Klippers Helene und starrte auf die glänzende Fläche der spiegelglatten See. Wohl zum tausendsten Mal seit ihrer Abreise stellte sie sich die Frage, die sie bis in ihre Träume hinein verfolgte: Was, in Gottes Namen, hatte sie getan, dass sie Oskar Crusius’ verrücktes Angebot hatte annehmen müssen?

Wie immer fand sie nicht die Spur einer Antwort.

Emma seufzte, wandte sich ab und schritt langsam das Hinterdeck entlang.

Es ist unsinnig, dachte sie, über etwas zu grübeln, was ich nie erfahren werde, es sei denn, meine Erinnerung kehrt zurück.

Doch das war wenig wahrscheinlich. Sie war bereits mehr als vier Monate auf See, und die Gedanken, die in ihrem Kopf kreisten wie ein hungriger Vogelschwarm, hatten sie noch keinen Schritt weitergebracht. Nein, es hatte keinen Sinn. Sie würde sich wohl einfach damit abfinden müssen, dass es in ihrer Erinnerung eine Lücke von drei Tagen gab und dass das, was in dieser Zeit geschehen war, ihr altes Leben unwiderruflich zerstört hatte.

Emma hatte das Beiboot am Ende des Hinterdecks erreicht; hier hörte der Teil der Helene auf, der den Passagieren der ersten Klasse vorbehalten war. Also mir, dachte sie mit einem Anflug von schlechtem Gewissen, war sie doch die einzige Reisende, die den Luxus einer Kajüte genießen durfte. Die anderen Passagiere – es mussten Hunderte sein – drängten sich im schwülwarmen Bauch des Schiffes, dem Zwischendeck.

Emma hatte bald erfahren, dass es sich ausnahmslos um Auswanderer handelte, Bauern meist, die der wirtschaftlichen Not daheim entkommen und in Australien ihr Glück suchen wollten. Fast alle stammten aus Württemberg wie sie selbst, doch damit endeten die Gemeinsamkeiten auch schon: Weder hatte Emma ihr altes Leben freiwillig aufgegeben, noch hatte sie vor, auf dem fremden Kontinent als Bäuerin zu arbeiten.

Statt Pflanzen anzubauen, zeichne ich sie lieber, dachte sie und ging langsam über das Deck zurück. Dass ich dafür einmal in den australischen Busch gehen würde, hätte ich mir zwar niemals träumen lassen. Doch schlimmer als die Hölle zu Hause kann es dort wohl auch nicht sein.

Sie strich sich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn. An daheim wollte sie jetzt nicht denken.

Die brennende Sonne trieb Emma hinunter in ihre Kajüte. Je länger die Reise sich hinzog, desto weniger konnte sie ihren kurzen, einsamen Spaziergängen an Deck abgewinnen. Ihre Lust auf Neues, die ihre Eltern immer belächelt und so manches Mal getadelt hatten, wurde auf diesem Klipper kaum befriedigt. Seit Wochen bekam sie nichts zu sehen als das endlose Ultramarinblau des Ozeans. Kaum ein Mensch sprach mit ihr, und es gab keinerlei Abwechslung.

Nun ja, fast keine, verbesserte sie sich, während sie die hölzernen Stufen hinabstieg. In den ersten Tagen hatte sie geglaubt, vor Übelkeit zu sterben, das immerhin hatte sie in Stuttgart nie erlebt. Mehrmals hatte das Schiff bei Stürmen so geschwankt, dass sie vom Stuhl gerutscht war; auch das kam auf dem Festland eher selten vor. Und dann das Klima! Diese subtropische Hitze war ärger als alles, was die Hundstage daheim einem antun konnten. Wenn das keine Abwechslung war … Sie lächelte schief.

Nun, es war ja bald vorbei. Wenn nur endlich ein ordentlicher Wind aufkäme! Die anhaltende Flaute machte Passagiere wie Matrosen reizbar, weil sie seit Tagen dafür sorgte, dass die Helene nicht vom Fleck kam. Dabei war Australien – das hatte der Kapitän ihr gestern anvertraut – zum Greifen nah.

Ihr neues Leben – zum Greifen nah. Trotz der Hitze lief ihr ein Schauer über den Rücken; ob vor Aufregung oder Furcht, das wusste sie nicht zu sagen.

Emma ging in ihre Kajüte, setzte sich an den kleinen Waschtisch und holte tief Luft. Sie spritzte sich lauwarmes Wasser ins Gesicht und betrachtete sich im Spiegel.

»Bin das wirklich ich?«, murmelte sie mit leiser Verwunderung. Eine ernste Frau mit salzgegerbter brauner Haut und ausgebleichtem Haar sah ihr aus blauen Augen nachdenklich entgegen.

Sie dachte daran, wer sie in Württemberg gewesen war, noch im zeitigen Februar, vor den drei schwarzen Tagen: Emma Röslin, einundzwanzig Jahre alt, Apothekertochter aus Stuttgart, frei von materiellen Sorgen, hübsch und immer gut gekleidet.

Und jetzt?

Jetzt war sie Emma Röslin, zweiundzwanzig Jahre alt, die ihren Geburtstag mutterseelenallein auf hoher See gefeiert hatte. Sie, die Tochter aus gutem Hause, würde sich für ein paar Pfund als Assistentin eines deutschen Botanikers in Australien verdingen; sie war nun eine in sich gekehrte Frau, die gezwungen war, für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen.

Sie hatte sich sehr verändert. Nicht einmal, dass sie jemals so etwas wie Modebewusstsein besessen hatte, sah man ihr noch an: Ihre Krinoline trug sie schon längst nicht mehr, und an besonders heißen Tagen spielte sie ernsthaft mit dem Gedanken, ihr scheußlich enges Korsett über Bord zu werfen. Seit die subtropische Sonne Tag für Tag auf das Schiff niederbrannte, verzichtete Emma sogar auf die züchtigen Unterärmel ihrer Kleider. Die Strafe für all das waren braune Arme und eine formlose Silhouette, sodass Emma sich, wie sie fand, kaum mehr von den armen Auswandererfrauen unterschied.

Doch was machte das schon? Alle Kajüten außer ihrer standen leer, im Salon hielt nur sie sich auf, und auch das Hinterdeck war ihr allein vorbehalten. Sah man von Kapitän Karnshagen und seiner Gattin ab, so war schlicht niemand da, vor dem sie sich blamieren konnte. Folglich, fand Emma, konnte sie sich anziehen, wie es ihr gefiel.

»Viel bedenklicher als mein Aussehen ist doch die Tatsache, dass ich neuerdings Selbstgespräche führe. Ich werde schon langsam wunderlich«, sagte sie vorwurfsvoll zu der neuen Emma im Spiegel. Es wurde wirklich Zeit, dass die Monate auf See ein Ende fanden! Wenn sie erst in Australien war, würde sie endlich wieder eine Beschäftigung haben, unter Menschen sein und abgelenkt werden. Vielleicht würde sie sogar aufhören, Nacht für Nacht von zu Hause zu träumen.

Energisch stand sie auf, um aus der Kiste neben ihrer Schlafstatt Papier und Bleistift zu holen. Sie würde zeichnen. Ja, sie musste einfach etwas tun, statt sich dem Müßiggang hinzugeben, dann würde es ihr sofort besser gehen. Hatte ihr das Studium der englischen Sprache in den vergangenen Monaten nicht aus so manch trauriger Stimmung herausgeholfen? Gottlob hatte sie ein entsprechendes Lehrwerk mitgenommen! Denn die Sprache ihrer neuen Heimat – das hatte sie sich noch vor der Abreise fest vorgenommen – wollte sie beherrschen, wenn sie in Australien ankam. Es machte sie bereits nervös, dass sie so gut wie nichts über den fernen Kontinent wusste; wenigstens wollte sie sich mit den dort lebenden Menschen verständigen können.

Nun aber war eine botanische Übung an der Reihe. Emma beschloss, eine der Heilpflanzen aus ihrem Lieblingsbuch abzuzeichnen, einem Werk von Friedrich Gottlob Hayne, »Getreue Darstellung und Beschreibung der in der Arzneykunde gebräuchlichen Gewächse, wie auch solcher, welche mit ihnen verwechselt werden können«. Das Buch mit dem sperrigen Titel war neben der Bibel die wichtigste Schrift im Hause Röslin gewesen, und Emma hatte vor ihrer Abreise nichts unversucht gelassen, um sich ein Exemplar zu verschaffen. Zwar hatte der Vater sich standhaft geweigert, Emma Geld dafür zu geben, doch schließlich hatte er ihr sein eigenes Buch geschenkt. Bei dieser Gelegenheit hatte er sogar ein paar Worte mit ihr gesprochen; barsch hatte er gesagt: »Das abgegriffene Ding ist gerade im rechten Zustand für Australien. Ich wollte es schon lange ersetzen.«

Auch wenn es ein Geschenk wider Willen gewesen war, hielt Emma das Buch nun hoch in Ehren. Schon in Stuttgart hatte sie oft hineingeschaut, namentlich dann, wenn sie eine Pflanze nicht erkannte, die ihr Vater gesammelt hatte und die sie abzeichnen sollte. Doch erst an Bord der Helene hatte sie gelernt, dieses und ihre anderen Bücher wahrhaft zu lieben. Ebenso wie das Zeichnen. Denn wenn sie zeichnete, hatte die Grübelei für ein, zwei Stunden ein Ende. Dann war sie vollkommen konzentriert und dachte an nichts anderes als an das Objekt, das sie möglichst naturgetreu zu Papier bringen wollte.

»Herr Crusius kann sich also nicht beschweren«, murmelte sie, als sie ihre Utensilien unter den Arm klemmte und sich auf den Weg zum Salon machte, wo ein schwerer Eichenholztisch ihr als Zeichenplatz dienen würde. »Wenn ich in Brisbane ankomme, werde ich nicht nur Englisch sprechen, sondern auch so viel Übung im Zeichnen haben wie nie zuvor!«

Zeichenstunde und Abendessen waren vorüber, und wieder stand Emma an der Reling. Doch jetzt war ihre Stimmung deutlich besser als am Nachmittag. Sie fühlte sogar ein wenig Stolz, denn Haynes Werk hatte ihr gute Dienste geleistet, und sie hatte eine sehr genaue Zeichnung zustande gebracht. Das Ergebnis – Gesamtpflanze, Blüte, Frucht – war nicht nur hübsch anzusehen, sondern würde jedem kritischen wissenschaftlichen Blick standhalten, da war Emma sich sicher. Natürlich war es einfacher, aus einem Buch abzumalen, als nach der Natur zu zeichnen, aber Letzteres würde sie in Australien noch oft genug tun.

Australien …

Unwillkürlich schweifte ihr Blick über den Horizont. Zu gerne hätte sie ihre neue Heimat endlich gesehen! In ihrem Kopf spukten die wildesten Vorstellungen herum, und sie brannte darauf, sie alle mit der Wirklichkeit zu vergleichen.

Zwar durchfuhr Emma auch jetzt noch, nach so vielen Wochen, ein heftiger Schmerz, wenn sie an daheim dachte; an ihre überstürzte Abreise, die eher einer Flucht geglichen hatte denn einem würdevollen Abschiednehmen. Doch es gab auch Momente, in denen ihre natürliche Wissbegierde über den Schmerz siegte, und dann malte sie sich Australien in den buntesten Farben aus. Würde sie die vielen verschiedenen Arten der Eukalyptusbäume sehen mit ihren wachsüberzogenen Blättern und der seltsamen Schälrinde? Würden Lianen sie umschlingen? Würden Flughunde über sie hinwegflattern, Riesenkängurus ihren Weg kreuzen, würde sie gar die gefährlichen Krokodile zu Gesicht bekommen? Ach, und die farbenprächtigen Papageien, die wollte sie allzu gerne sehen!

Vorerst sah sie allerdings nichts als Wasser. Und aus den Augenwinkeln … War da nicht ein kleines Mädchen?

Emma wandte den Kopf und erkannte die fünfjährige Wilhelmine Schreiber, Tochter verarmter Bauern aus der Nähe von Tübingen. Emma hatte Wilhelmine in den letzten Wochen des Öfteren eine Leckerei zugesteckt. Als Passagierin des Zwischendecks war es der Kleinen zwar verboten, zu Emma aufs Hinterdeck zu kommen, doch da sich niemand sonst hier aufhielt, wagte die Kleine es von Zeit zu Zeit, sich über dieses Verbot hinwegzusetzen. Freundlich winkte Emma dem Mädchen näher zu kommen.

»Na, langweilst du dich?«, fragte sie Wilhelmine. Die schüttelte den Kopf, trat dicht an Emma heran und deutete auf den Becher in Emmas Hand. Emma stieg der Geruch von Urin und Erbrochenem in die Nase, und sie musste sich beherrschen, nicht vor dem Kind in seinen schmutzstarrenden Kleidern zurückzuweichen. Grundgütiger, jedes Mal, wenn sie sich trafen, roch Wilhelmine strenger!

Wie würdest du selbst riechen, wenn du im Zwischendeck hausen müsstest?, wies Emma sich im Stillen zurecht. Wenn regelmäßig der Eimer für die Notdurft umkippen und sein Inhalt sich über meine sämtlichen Habseligkeiten ergießen würde? Wenn ich meine Kleider monatelang nur mit Salzwasser waschen könnte, weil das Süßwasser kaum reicht, um nicht zu verdursten?

»Du möchtest trinken, hm?«, sagte sie und zwang sich zu lächeln. »Hier, nimm.«

Gierig griff die Kleine nach dem Becher. Es hatte lange nicht mehr geregnet, und der Frischwasservorrat auf der Helene ging zur Neige. Sicher wurde das faulige Wasser in den Fässern unter Deck noch stärker rationiert als sonst. Wilhelmine hatte wahrscheinlich trotz der Hitze kaum etwas zu trinken bekommen.

Emma schluckte, plötzlich spürte sie den Durst des Kindes wie ihren eigenen. Dass sie selbst eben nach Herzenslust hatte essen und trinken dürfen, kam ihr wie ein königliches Privileg vor, und sie wusste genau, dass sie dieses Privileg nur Herrn Crusius zu verdanken hatte.

An jenem entscheidenden Abend in Stuttgart, als sie sich dazu entschieden hatte, ihm nach Australien zu folgen, hatte Herr Crusius ihr feierlich versprochen, dass er sich gut um sie kümmern würde.

»Ich selbst«, hatte er bedauernd gesagt, »schiffe mich leider schon in den kommenden Tagen ein, sodass ich Ihre Reisevorbereitungen nicht abwarten kann. Doch ich werde dafür sorgen, dass Sie auch ohne mich eine angenehme Reise haben werden, Fräulein Röslin.«

Herr Crusius hatte Wort gehalten: Als Passagierin der ersten Klasse erfuhr Emma alle nur erdenklichen Vergünstigungen. So durfte sie allabendlich am Tisch des Kapitäns und seiner Gattin speisen und kam auf diese Weise in den Genuss frisch gefangenen Fisches, gebratener Hühner oder feiner Terrinen. Sie musste zugeben, dass die Verköstigung an Bord gar nicht übel war. »Unser Smutje ist ein wahrer Zauberer«, sagte Kapitän Karnshagen gerne und strich sich jedes Mal zufrieden seinen Bart.

In der Holzklasse allerdings – das wusste Emma von der kleinen Wilhelmine – versagte die Zauberkraft des Smutjes: Seit das Sauerkraut ausgegangen, das letzte Obst verfault und der Speck madig geworden war, mussten die Menschen sich mit dünner Suppe, Graupen und Kartoffeln begnügen. Ab und zu gab es Salzheringe oder einige Brocken Pökelfleisch, das mangels Süßwassers in Meerwasser gelegt und zu zähen Klumpen »gefrischt« wurde. Einmal hatte Emma den Smutje dabei beobachtet, wie er angeschimmelten Schiffszwieback nicht etwa über Bord geworfen hatte, sondern unter Deck hatte schaffen lassen, damit er als Abendessen an die Auswanderer verteilt wurde.

»Das rohe Gesindel da unten braucht nichts anderes«, hatte die Gattin des Kapitäns gesagt, als Emma sie auf die Missstände in der Holzklasse angesprochen hatte. »Gibst du denen einen Finger, wollen sie die ganze Hand. Wenn die Weiber für ihre kranken Angehörigen Wein oder Bier verlangen und mein lieber Mann sich erweichen lässt, beschweren sie sich auch noch! Und warum? Bloß weil er den dreifachen Preis dafür nimmt.«

»Finden Sie das denn gerecht?«, wagte Emma einzuwerfen.

»Aber natürlich. Würde mein lieber Mann anders handeln, so hätten wir bald keinen Tropfen Wein mehr in den Fässern, weil das Pack sich darüber hermachen würde. Also müssen derlei Köstlichkeiten so teuer sein, dass niemand auch nur auf die Idee kommt, uns darum anzugehen – außer in Krankheitsfällen. Da ist dem Gesindel das Geld plötzlich egal.«

Frau Karnshagen lachte verächtlich. Doch als sie Emmas befremdeten Gesichtsausdruck sah, setzte sie rasch hinzu: »Warum haben die Leute auch ihre Landwirtschaft daheim aufgegeben? Gieriges Bauernvolk, das von Goldbergen und unendlichen Viehherden in Australien träumt! Die Wirklichkeit wird sie bald eines Besseren belehren.« Sie legte Emma eine blasse Hand auf den Arm. »Aber lassen Sie uns doch von netteren Dingen plaudern, Fräulein Röslin. Erzählen Sie mir, welche Blumen Sie heute gezeichnet haben. Sie sind ja so begabt!«

Emma hatte ihr Entsetzen über das mitleidslose Kapitänspaar verborgen, so gut sie konnte, und war der Aufforderung höflich nachgekommen. Doch im Stillen hatte sie sich vorgenommen, der kleinen Wilhelmine am nächsten Tag noch mehr Leckerbissen als sonst zuzustecken. Dabei hatte sie gewusst, dass das Stück Schokolade hier und die Scheibe frisch gebackenen Brotes dort lediglich Tropfen auf den heißen Stein waren.

Auf diesem Schiff weiß ich wenigstens, wofür ich mich schäme, war es ihr durch den Kopf gegangen. Zu schlemmen, während andere hungern, das ist wahrlich nichts, worauf man stolz sein kann.

Wilhelmines Stimmchen brachte Emma zurück ins Hier und Jetzt. Die Kleine reichte ihr den leeren Becher und sagte dankbar: »Das war gut. Zum Abendessen gab’s fast nichts, wissen Sie. Aber Mutter hat uns versprochen, dass wir jeden Tag Wasser bekommen, so viel wir wollen, wenn wir erst in Australien sind. Und Milch!«

»Dann freu dich schon mal.« Emma lächelte. »Es ist bald soweit, sagt der Kapitän.« Sie kramte in ihrem Beutel nach dem Dörrobst, das sie vorsorglich für Wilhelmine eingepackt hatte. Hungrig machte das Kind sich darüber her, dann verabschiedete es sich und rannte über das leere Hinterdeck zurück zu ihren Eltern und Geschwistern.

Emma schaute der Kleinen nach, und plötzlich überfiel sie absurder, heißer Neid. Wilhelmine hatte zwar nicht genug zu trinken und zu essen, löcherige Kleider und mit Sicherheit Läuse auf dem Kopf, aber sie hatte ihren Platz und wusste unverbrüchlich, zu wem sie gehörte. Sie war nicht allein.

Tränen schossen Emma in die Augen.

Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich streng, bevor der Schatten, der stets in einem Winkel ihres Herzens auf einen Augenblick der Schwäche lauerte, Macht über sie bekommen konnte. Selbstmitleid hatte noch niemandem genützt. Ärgerlich tupfte sie die Tränen mit ihrem Taschentuch ab.

Die Dämmerung verdichtete sich, es wurde rasch dunkel, und Emma warf einen letzten Blick auf den Ozean. Er war nicht mehr so ruhig wie noch am Tag; weiße Schaumkronen glänzten im Sternenlicht und hoben sich von der grundlosen Tiefe des schwarzen Wassers ab. Der Wind hatte deutlich aufgefrischt. Vielleicht würden sie ja tatsächlich an Fahrt gewinnen, so dass sie endlich, endlich die Moreton Bay erreichten.

Emma warf sich in ihrem schmalen Bett hin und her, ohne Schlaf zu finden. Die bevorstehende Ankunft beschäftigte sie, und sie spürte, wie sich Angst in ihr ausbreitete. Was erwartete sie in ihrem neuen Leben? War es wirklich richtig gewesen, alles so weit zurückzulassen?

Ihre Gedanken wanderten zurück nach Stuttgart, zu der Verzweiflung, die ihrem Erwachen aus der Bewusstlosigkeit gefolgt war. In ihrer Erinnerung hatte eine drei Tage lange Lücke geklafft wie eine blutige Wunde, und niemand hatte ihr helfen wollen, sie zu schließen. Mehr noch: Niemand hatte auch nur mit ihr gesprochen.

Emma hatte sich bis zur Erschöpfung bemüht, ihr Gedächtnis wiederzufinden, doch es war vergebens. Sie kam zu dem Schluss, dass das, was geschehen war, so schrecklich gewesen sein musste, dass etwas in ihr die Erinnerung daran unwiderruflich gelöscht hatte. Geblieben war nur das diffuse Gefühl ungeheurer Schuld, und gerade weil es so wenig greifbar war, machte es sie in ihren schlaflosen Nächten fast verrückt. Doch so sehr sie sich auch den Kopf zermarterte – der Anlass für das Schuldgefühl blieb in den Tiefen ihrer Seele verborgen. Sie wusste nur noch, dass sie sich auf den Klavierunterricht bei Ludwig vorbereitet hatte, und dann – nichts mehr.

Emmas Gedächtnisverlust war das eine; die rätselhafte Veränderung, die sie an ihrem Vater wahrgenommen hatte, das andere. Er, zu dem sie ein solch herzliches Verhältnis gehabt hatte, wechselte seit ihrem Erwachen kein Wort mehr mit ihr. Auch die Dienstmädchen hatte Herr Röslin angewiesen zu schweigen, und auf Emmas wiederholte Frage, was denn um Himmels willen geschehen sei, bekam sie nur stumme Verachtung zur Antwort. Sie wurde behandelt wie eine Gefangene: Der Vater verbot ihr auszugehen, Briefe zu schreiben, Freundinnen zu empfangen, ihren Klavierunterricht fortzusetzen. Ludwig kam nicht mehr ins Haus und machte auch sonst keinerlei Anstalten, mit Emma in Kontakt zu treten. Und da sie nicht allein hinausdurfte – wenn überhaupt –, war es ihr unmöglich, mit ihm zu sprechen.

Anfangs war sie zu schwach, um sich darüber zu grämen, doch als ihre Kräfte zurückkehrten, empfand sie die Situation als unerträglich. Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihrem Gefängnis entkommen konnte. Doch jeder Ausweg, den sie in Gedanken durchspielte, endete in derselben Sackgasse: Wenn sie tatsächlich fliehen wollte, würde sie heimat- und mittellos auf der Straße landen. Ohne Referenzen und ohne geordnete Familienverhältnisse würde niemand sie einstellen, weder als Kindermädchen noch als Hausmädchen, wahrscheinlich nicht einmal als Küchenhilfe. Nein, so ging es nicht.

Aber wie dann?

Sie litt sehr darunter, dass sie sich mit niemandem austauschen konnte. Allein in ihrem Zimmer, drehten Emmas Gedanken sich unaufhörlich im Kreis, doch sie kam einer Lösung ihrer Probleme keinen Schritt näher. Auch von ihrer Mutter konnte sie keine Hilfe erwarten: Frau Röslin war ohne Abschied abgereist, Gott allein wusste, wohin, und Emma erfuhr weder, wo sie sich aufhielt, noch, wann sie zurückzukommen gedachte. Sie schien Emma also noch mehr zu grollen als der Vater. Emma vermisste ihre Mutter fast ebenso stark, wie sie Ludwig vermisste. Nach mir hingegen, dachte sie oft verzweifelt, sehnt sich offensichtlich niemand.

Erst als eines Abends im Frühling der ehrgeizige Forscher und Botaniker Oskar Crusius zu Gast war, dessen Besuch eine hohe Ehre für Herrn Röslin bedeutete, wendete sich das Blatt. Herr Crusius bemerkte nichts von der frostigen Stimmung, die im Hause Röslin herrschte, und fing an, charmant mit Emma zu plaudern. Er fragte Emma nach ihrer liebsten Beschäftigung, lobte sie für ihr botanisches Interesse und ließ sich ihre Pflanzenzeichnungen zeigen. Scherzhaft schlug er vor, das »hübsche und begabte Fräulein Röslin« statt seines erkrankten Assistenten mit nach Australien zu nehmen. Er, Crusius, sollte dort im Auftrag des Hamburger Reeders und Überseekaufmanns Cesar Godeffroy unbekannte Pflanzen sammeln. Er musste sie zeichnen, konservieren und nach Deutschland verschicken. Godeffroy wolle seine naturkundliche Sammlung nämlich zu einem Museum erweitern, ferner wolle er die Dubletten der konservierten Pflanzen verkaufen.

»Ich bin«, sagte Herr Crusius, »schon einige Jahre lang für Godeffroy in der Welt unterwegs, und das höchst erfolgreich. Doch leider«, er zwinkerte Emma zu, »mangelt es mir an Zeichentalent, sodass ich stets auf die Hilfe eines kundigen Assistenten angewiesen bin. Na, Fräulein Röslin, wie wäre es? Hegen Sie keine romantischen Sehnsüchte nach fernen Ländern?«

Emma spürte den Blick ihres Vaters und wagte es zum ersten Mal seit Wochen, ihn offen zu erwidern. Doch was sie in seinen Augen sah, erschreckte sie. Denn sie fand keine Liebe, sondern Hass.

Er würde mich nur allzu gerne am anderen Ende der Welt wissen, fuhr es ihr durch den Kopf. Und in genau diesem Augenblick traf sie ihre Entscheidung.

Spontan sagte sie: »Einverstanden. Ich komme mit Ihnen, Herr Crusius. Ich zeichne schon lange Heilkräuter für meinen Vater, und ich werde mir alle Mühe geben, Sie nicht zu enttäuschen.«

Herr Crusius hatte die Augenbrauen hochgezogen und sie erstaunt gemustert. Doch da von Herrn Röslins Seite kein Wort des Protests gekommen war und Emma ihre Zustimmung offensichtlich ernst gemeint hatte, war es eine Sache von nicht einmal einer Stunde gewesen, den Handel perfekt zu machen. Die Herren hatten sich zurückgezogen, und als es Emma erlaubt worden war, wieder zu ihnen zu stoßen, hatte sich alles geändert: Sie war nicht länger die Gefangene ihrer eigenen Eltern, sondern bezahlte Assistentin des Herrn Oskar Crusius.

Und damit vollkommen allein verantwortlich für ihr zukünftiges Leben.

Die unverhoffte Befreiung aus ihrer Gefangenschaft war ihr wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen. Nun jedoch, da sie Herrn Crusius in einem fremden Lande wiedersehen sollte, stieg Panik in Emma hoch. Sie lag auf ihrem schmalen Bett und starrte an die dunkle Decke ihrer Kajüte. Hatte sie ihre botanischen Kenntnisse überschätzt? Würde sie Herrn Crusius’ hohen Erwartungen an ihr zeichnerisches Können genügen? Hätte er nicht doch lieber einen Wissenschaftler wählen sollen? Vielleicht würde er sie nach den ersten Wochen zornig und enttäuscht entlassen, um sich einen fähigeren Assistenten zu suchen – und wohin sollte sie dann gehen, an wen sich wenden, wovon leben?

Der Vogelschwarm in Emmas Kopf flatterte aufgeregter denn je umher, an Schlaf war nicht zu denken. In der Schwärze der Nacht wünschte sie sich nichts sehnlicher, als ihr Verbrechen, worin auch immer es bestand, ungeschehen machen und wieder in ihr altes Leben schlüpfen zu können – wie in ein Kleid, das alt, gemütlich und vertraut war.

Die Erinnerung an Stuttgart und die Eltern, denen sie vor so kurzer Zeit noch in gegenseitiger Liebe verbunden gewesen war, legte sich über Emma wie ein grauer Schleier. Der lang unterdrückte Jammer brach sich Bahn, und sie schluchzte heiser auf. Sie hatte sich nicht von ihrer Mutter verabschieden können, sie hatte keine guten Reisewünsche ihres Vaters erhalten, und sie würde ihre Eltern höchstwahrscheinlich niemals wiedersehen.

Und das Schlimmste von allem: Ihre Mutter und ihr Vater waren offensichtlich froh darüber.

2

Moreton Bay, November 1858

Land in Sicht!«

Der triumphierende Schrei gellte über das ganze Schiff und wurde augenblicklich aus Hunderten von Kehlen beantwortet. Die zerlumpten Männer, Frauen und Kinder des Zwischendecks stimmten ein Jubelgeheul an, das nach der gedrückten Stille der letzten Tage noch stürmischer klang.

»Land in Sicht!«

Drei unscheinbare Worte trugen die Hoffnung von Monaten in sich. Jeder der Auswanderer musste sie gehört haben, und doch rief einer es dem anderen zu, ungläubig, glücklich, wie erwacht aus der dumpfen Furcht, niemals in Australien anzukommen, doch noch einem Schiffsunglück, einem Überfall oder einem Sturm zum Opfer zu fallen.

Emma stand allein auf dem Hinterdeck, als sie es hörte, und obwohl sie nach einer weiteren schlaflosen Nacht Kopfschmerzen gehabt hatte, waren diese nun wie weggeblasen. Eine fiebrige Aufregung ergriff sie, und sie starrte in den Horizont. Da, in der Ferne – war da nicht ein grünlicher Küstenstreifen? Nein, nicht grün, eher graublau, in sanften Dunst gehüllt.

»Fräulein Röslin!«

Wilhelmine stand am Ende des Hinterdecks und winkte Emma wild zu.

»Fräulein Röslin, wir sind da, wir sind in Australien!«

Emma vergaß ihre gute Erziehung und rannte quer über das Deck zu Wilhelmine. Sie hob das Kind empor und wirbelte es durch die Luft. »Ja, meine Kleine, wir haben es endlich geschafft!«

Wilhelmine quietschte und zappelte, und Emma setzte sie wieder auf den Planken ab. Dass sie nach diesem engen Körperkontakt selbst sicherlich ebenso streng roch wie das Kind, war ihr egal. Hauptsache, die Fahrt war zu Ende, und sie alle würden bald wieder festen Boden unter den Füßen haben!

»Ich kann’s gar nicht mehr erwarten«, sagte Wilhelmine aufgeregt. »Meinen Sie, wir können schon heute an Land?«

»Mit Sicherheit nicht«, keifte eine weibliche Stimme hinter Emma. »Erstens ist das noch gar nicht das Festland, du dummes Gör, sondern eine Insel, und zweitens«, die Stimme klang nun schrill, »hast du auf diesem Deck nichts zu suchen!«

Wilhelmine duckte sich wie in Erwartung eines derben Schlages, dann rannte sie davon, so schnell ihre Füßchen sie trugen.

»Dass ich dich nie mehr hier erwische!«, rief die Gattin des Kapitäns ihr ungnädig nach.

»Dazu werden Sie kaum mehr Gelegenheit haben, die Fahrt ist ja bald vorüber«, sagte Emma verstimmt. »Mussten Sie dem Kind unbedingt die Freude verderben?«

»Na, na, na, mein liebes Fräulein«, sagte Frau Karnshagen und drohte ihr scherzhaft mit dem Finger. »Wer wird sich denn mit dem Gesindel verbünden? Kommen Sie, ich weiß etwas Besseres. Nehmen Sie mein Fernglas und schauen Sie sich die Insel an.«

Obwohl sie verärgert war, konnte Emma dem verlockenden Angebot nicht widerstehen; zu lange hatte sie auf diesen Augenblick gewartet. Mit einem ebenso knappen wie nervösen »Danke« griff sie nach dem Fernglas und hielt es sich vor die Augen.

Zuerst sah sie gar nichts. Enttäuscht bewegte sie das Fernglas hin und her, doch dann …

»Da! Da ist was! Ich sehe … oh, ich sehe Bäume!«, jubelte sie.

Sogleich biss sie sich auf die Lippen. Wollte sie sich vor Frau Karnshagen etwa die Blöße geben zu jauchzen wie ein Kind? Aber ach, es war einfach zu schön: Sanfte Hügel wurden von undurchdringlichen Wäldern bedeckt, das satte Grün der Bäume reichte bis zum Strand hinab. Goldgelber Sand und türkisfarbenes Wasser leuchteten unter einem wolkenlosen Himmel, und schäumende Wellen umspielten vereinzelte Felsen. Alles erschien Emma unberührt und rein.

Sie ließ das Fernglas sinken. »Das Paradies«, flüsterte sie ergriffen.

Die Kapitänsgattin lachte abfällig. »Keineswegs, Fräulein Röslin. Oder haben Sie schon einmal gehört, dass es im Paradies Menschenfresser gibt?«

Mit einem Ruck wandte Emma ihr den Kopf zu. »Was reden Sie denn da?«

»Ich hole Sie in die Wirklichkeit zurück, meine Liebe. Australien ist eher die Hölle als das Paradies. Nicht, dass ich Sie verunsichern will, aber die Wilden dort verhindern sehr gekonnt, dass man sich fühlt wie im Garten Eden. Die Trockenheit übrigens auch. Und der Staub. Und die langweilige Vegetation.« Frau Karnshagen nahm ihr das Fernglas aus der Hand und setzte es selbst an die Augen. »Ich sag’s ja: Nichts als Gummibäume überall! Diese Inseln sehen doch eine wie die andere aus. Und glauben Sie mir: Auf dem Festland ist es noch schlimmer.«

Emma schwieg verunsichert. Wenn sie nun Recht hat?, flüsterte eine furchtsame Stimme in ihrem Kopf. Wird es dir gefallen, unter Menschenfresser zu fallen, Staub zu schlucken und dich auf das Zeichnen von Gummibäumen zu beschränken?

Aber nein, beruhigte sie sich, zumindest im letzten Punkt musste Frau Karnshagen sich irren. Hatte Herr Crusius ihr nicht erzählt, dass die deutschen Botaniker von jeder noch so kurzen Forschungsreise mit grünen Schätzen beladen zurückkehrten? Unzählige Pflanzen warteten darauf, entdeckt, systematisiert und der Welt gezeigt zu werden!

Sie beschloss, sich ihre Vorfreude nicht von einer Frau verderben zu lassen, die nicht nur ein Kinderschreck war, sondern offensichtlich auch eine Australienhasserin.

Entschlossen reckte Emma das Kinn vor. Wenn ihre neue Heimat tatsächlich die Hölle war, dann wollte sie das zumindest selbst herausfinden!

Der launische Wind ließ die Helene im Stich, und es dauerte noch quälende zehn Tage, bis sie die Moreton Bay erreichten. Als es endlich soweit war, wagte Emma es kaum mehr, sich zu freuen. Welche Verzögerungen würden wohl noch auf sie warten?

Doch just in diesem Moment erblickte sie ein kleines Boot, das geradewegs auf die Helene zusteuerte.

»Ah, der Lotse«, sagte Frau Karnshagen, die ihr wieder einmal ihre Gesellschaft aufgedrängt hatte, mit Kennermiene. »Nun werden wir gleich in die Bay einfahren können.«

»Können wir das denn nicht alleine?«, fragte Emma. »Bis hierher haben wir es doch auch ohne Lotsen geschafft.«

Frau Karnshagen schüttelte den Kopf. »Wie wenig Sie wissen, meine Liebe! Hier ist doch alles voller Untiefen und Sandbänke. Dazu die Brandung … ts, ts, ts, wenn Sie der Kapitän wären, würde unsere Reise wohl in einem nassen Grab enden.«

Wenn ich der Kapitän wäre, würde ich Sie auf der nächsten unbewohnten Insel aussetzen, dachte Emma gereizt. Zu Frau Karnshagen sagte sie: »Dann lassen Sie mich doch an Ihrem reichen Wissen teilhaben und erzählen Sie mir, wie es nun weitergeht.«

»Gerne.« Frau Karnshagen lächelte geschmeichelt. »Wir werden dem Lotsen in die Bay folgen und dann auf Reede ankern. Dort werden Sie noch nicht viel vom Festland sehen, meine Liebe, die Bay ist nämlich riesig. Es gibt Hunderte von Inselchen dort, schrecklich unübersichtlich. Irgendwann kommen dann der Health Officer und der Customs Officer an Bord …«

Also der Arzt, übersetzte Emma in Gedanken, und ein Zolloffiziant. Endlich profitierte sie von den langen Stunden mit ihrem Englischlehrwerk.

»… und erst wenn das alles erledigt ist, dürfen die Passagiere an Land«, schloss Frau Karnshagen. »Sofern sie keine Seuchen einschleppen, natürlich.«

»Natürlich«, echote Emma abwesend. In Gedanken setzte sie bereits ihren Fuß auf die rote australische Erde, und sie musste sich beherrschen, um nicht wie ein wildes Tier auf und ab zu laufen. Jetzt, wo das Ziel ihrer Reise so nahe war, konnte sie ihre Ungeduld, endlich von Bord zu gehen, kaum mehr bezähmen.

Zwar lag die Helene noch eine ganze Nacht auf Reede, bevor der Health Officer und der Customs Officer endlich vom Lotsen abgeholt und an Bord gebracht wurden. Doch dann überschlugen sich für Emma die Ereignisse.

Der Customs Officer persönlich ließ sie rufen, um ihr eine wichtige Mitteilung zu machen. Emma fragte sich verwundert, was der Engländer von ihr wollte. Da er ihr hatte ausrichten lassen, er wünsche sie unverzüglich zu sehen, blieb ihr kaum Zeit, die lange verschmähte Krinoline anzulegen, geschweige denn ihre Fingernägel zu säubern. Nervös nestelte sie an ihrer Frisur herum, die kaum mehr diesen Namen verdiente, und kniff sich aus alter Gewohnheit in die Wangen – völlig sinnlos, wie ihr sogleich aufging, denn ihr Gesicht war so braun, dass rote Wangen darin überhaupt nicht auffielen.

Mit klopfendem Herzen trat sie dem Customs Officer schließlich entgegen und begrüßte ihn in seiner Landessprache.

»Das nenne ich einen viel versprechenden Anfang in unserer schönen Kolonie, Miss Röslin«, lächelte der Mann, der sich als Mr. Flinner vorstellte.

Emma lächelte sittsam zurück, musterte ihn dabei aber verstohlen. Mr. Flinner war gedrungen und ältlich, doch er war sehr elegant gekleidet: Ein leichter, blütenweißer Rock spannte sich über seinem Bauch, auch die Hosen waren aus dünnem, weißem Stoff, und hätte Mr. Flinner nicht diesen beeindruckenden Helm auf dem Kopf gehabt, so hätte man in ihm niemals eine Amtsperson vermutet. Wie anders alles hier war als in Württemberg!

»Darf ich erfahren, weshalb Sie mich rufen ließen?«, fragte sie höflich.

»Aber natürlich. Ich wollte Sie ersuchen, rasch zu packen, sofern Sie das nicht schon getan haben, und mir dann auf das Lotsenboot zu folgen.«

Eisiger Schrecken durchzuckte Emma, und ihr war, als hole das Geheimnis ihrer Vergangenheit sie mit einem Paukenschlag ein. Wusste man auch hier schon von ihrem Verbrechen, woraus auch immer es bestand? Wollte man sie verhören?

Doch dann atmete sie tief durch und ermahnte sich, nicht albern zu sein. Bestimmt war alles ganz harmlos und leicht zu erklären. Vielleicht hatte Herr Crusius sich mit Mr. Flinner in Verbindung gesetzt und ihn gebeten, Emma möglichst rasch vom Schiff zu bringen. Bis jetzt hatte Herr Crusius doch auch sehr gut für sie gesorgt. Und hatte er ihr nicht in Stuttgart angekündigt, dass sie in der Moreton Bay abgeholt würde? Ihr Ziel war das Städtchen Brisbane, das fünfundzwanzig englische Meilen von der Bay entfernt am Brisbane River lag. Dorthin würde sie ein Dampfschiff bringen.

Jetzt ärgerte Emma sich über sich selbst, dass sie nicht nachgefragt hatte, wer sie wo genau in Empfang nehmen würde. Doch sie erinnerte sich, dass die unbekannten Namen von Orten, Flüssen und Buchten sie verwirrt hatten. Ich werde schon irgendwie ankommen, hatte sie damals gedacht, Hauptsache, ich bin weg von daheim.

Tja, das hatte sie nun davon.

Um sich keine Blöße zu geben und sich weder ihre Unwissenheit noch ihre Angst anmerken zu lassen, beschied sie ihm mit gesenktem Blick, dass sie sich beeilen würde, und hastete zurück zu ihrer Kajüte, um fertig zu packen.

Nun ging alles sehr schnell.

Während sie noch das letzte Buch verstaute, trugen die Matrosen bereits ihr Gepäck hinaus und verluden es vom Segelschiff aufs Boot des Lotsen.

Frau Karnshagen rief ihr allerlei Warnungen bezüglich giftiger Tiere und mörderischer Eingeborener nach. Emma blickte sich einige Male suchend nach Wilhelmine um, doch natürlich ließ die Kleine sich angesichts der Respekt einflößenden englischen Herren nirgends blicken. Mr. Flinner mahnte währenddessen fortgesetzt zur Eile. Er verwies auf das Dampfschiff in Richtung Brisbane, dessen Abfahrt unmittelbar bevorstehe, woraus Emma schloss, dass sie gar nicht erst an Land gehen würde. Offensichtlich wurde sie an Bord des Dampfschiffes bereits erwartet.

Aber von wem?

Wer auch immer es war: Er war offenbar ziemlich ungeduldig. Nachdem die Helene Wochen später als erwartet eingetroffen war, schien es ihm nun nicht schnell genug gehen zu können, so dass er alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, damit Emma in Windeseile das Schiff wechseln konnte.

Viel Zeit, über all das nachzusinnen, blieb Emma allerdings nicht. Ehe sie sich versah, hatte sie die Helene verlassen und stand schwankend neben den Engländern auf dem Lotsenboot. In rascher Fahrt durchpflügten sie die Bay, immer näher kamen sie dem Festland.

Emma drehte sich um und blickte zurück. Der Klipper war bereits so weit entfernt, dass sie die Menschen an Bord nicht mehr erkennen konnte, und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie ohne Abschied gegangen war. Vor allem um Wilhelmine tat es ihr leid, ihr hätte sie gerne alles Gute gewünscht.

Noch eine endgültige Trennung ohne Lebewohl, dachte Emma bitter.

Unwillkürlich kam ihr Ludwig in den Sinn.

3

Brisbane River

Da ist ja die Nachzüglerin! Hurtig, hurtig, liebes Fräulein, wir haben schon lange genug gewartet!«

Diese missbilligenden Worte, mit denen Emma auf dem Dampfschiff begrüßt wurde, sagte ein Mann, bei dessen Anblick sie in jeder anderen Situation innerlich gelacht hätte. Er mochte in seinen späten Zwanzigern sein, sah aber streng wie ein alter Patriarch auf sie herab. Sein imposanter blonder Schnurrbart ragte rechts und links über die Konturen des Gesichts hinaus, das strohige Haupthaar hatte er wie einen Helm nach hinten gebürstet und die buschigen Augenbrauen missbilligend zusammengezogen. Er trug einen cremeweißen Flanellanzug – jeder in diesem Land schien Weiß zu tragen, bemerkte Emma –, doch während die helle Farbe bei Mr. Flinner elegant gewirkt hatte, sah sie an diesem jungen Mann entschieden seltsam aus. Vielleicht weil sie nicht zu seinen derben schwarzen Stiefeln und dem zerknitterten Hut passte, an dessen hinterem Rand ein Schleier flatterte.

Ein Mann mit Schleier?!

Er sagte knapp: »Nackenschutz. Braucht man hier in Australien. Es ist heiß, wie Sie bemerkt haben dürften.«

Emma senkte rasch den Blick und stammelte: »In der Tat.« Sie war peinlich berührt, dass er ihr Befremden über seinen Aufzug sofort gespürt hatte. Sie hatten sich einander ja noch nicht einmal vorgestellt!

»Pagel«, sagte der Mann nun, als errate er jeden ihrer Gedanken. »Georg Pagel, Arzt, Botaniker und Zoologe. Mit einer Passion«, er stützte sich lässig auf das Gewehr in seiner rechten Hand, »für die Jagd.«

»Sehr erfreut, Herr Pagel. Wer ich bin, scheinen Sie ja zu wissen.« Emma schenkte ihm ein freundliches Lächeln.

»Selbstredend weiß ich das«, schnarrte er. »Sie sind die Pflanzenzeichnerin. Crusius hat uns eine Nachricht zukommen lassen und uns angewiesen, Sie mitzubringen. Scheerer wird nicht begeistert sein, dass Sie sich so verspätet haben.« Vorwurfsvoll runzelte er die Stirn.

»Scheerer? Wer ist denn das?«, fragte Emma verwirrt.

»Unser Leiter. Wird Crusius Ihnen doch gesagt haben!«

Nein, hatte er nicht. Doch das würde sie diesem zackigen Menschen nicht auf die Nase binden, denn er würde sie, vermutete Emma, umgehend in die Schublade »kleines Dummerchen« stecken.

Sie verlegte sich darauf, vage zu sagen: »Selbstverständlich hat Herr Crusius mir alles mitgeteilt, was vonnöten war. Mir war nur nicht klar, dass er und ich nicht alleine auf Pflanzenjagd gehen, sondern mit, ähm, Scheerer.«

»Der Forscher und das zarte Fräulein allein im Busch – das ist gut!« Pagel lachte dröhnend. »Noch mehr Jungmädchenträume auf Lager?«

Langsam fing Emma an, sich zu ärgern. Was dachte dieser Mensch sich eigentlich dabei, sich sofort nach ihrer Ankunft über sie lustig zu machen?

»Meine ›Jungmädchenträume‹ habe ich schon lange begraben, Herr Pagel, und als zart würde ich mich auch nicht mehr bezeichnen«, sagte sie scharf. »Ich möchte mir hier meinen Lebensunterhalt verdienen. Nur deshalb habe ich das großzügige Angebot des … Bekannten meines Vaters angenommen.«

Pagel hörte auf zu lachen. »Entschuldigen Sie. Wollte Sie nicht beleidigen.« Er kratzte sich unter seinem Schleier am Nacken. »Sind nicht viel mit Damen zusammen hier unten. Da vergisst man mit der Zeit seine Manieren.«

»Wie lange weilen Sie denn schon in Australien?«, fragte Emma.

»Paar Monate«, brummte er.

Da hat er seine Manieren aber schnell vergessen, dachte Emma, wider Willen belustigt.

Pagel fixierte nun schweigend einen Punkt irgendwo hinter Emmas linkem Ohr; er schien wenig geneigt, das Gespräch fortzusetzen. Emma brannten tausend Fragen auf der Zunge, doch sie wagte es nicht, den fremden Herrn allzu sehr zu bedrängen. Vielleicht sollte sie es mit einer kleinen Zusammenfassung versuchen. »Unsere Gruppe besteht also aus Ihnen, Herrn Crusius, Herrn Scheerer und mir«, sagte sie.

»Und Krüger.«

Emma hob fragend die Augenbrauen, doch Pagel schien nicht bereit, seine im Telegrammstil ausgestoßenen Informationen auszuweiten. Das wurde ja immer verwirrender! Wer war Krüger? Und wie hingen all diese Männer denn nun eigentlich zusammen?

Da trat ein weiterer junger Mann zu ihnen, der sich bisher abseits gehalten hatte.

»Guten Tag, Fräulein Röslin, und willkommen in Australien«, sagte er mit leiser, warmer Stimme. »Ich bin Hermann Krüger, Georgs Freund und Kollege. Und ich habe den Eindruck, wir sollten ein wenig Licht ins Dunkel unserer Forschergruppe bringen.«

»Das klingt gut«, lächelte Emma und setzte verlegen hinzu: »Ich muss gestehen, ich bin nicht ganz auf dem Laufenden. Ich weiß noch nicht einmal, wer Sie beide und Herr Scheerer eigentlich sind.«

»Wer ich bin? Sagte ich doch schon!«, polterte Pagel los. »Georg Pagel, Arzt, Botaniker und …«

»Georg, Fräulein Röslin hat eine monatelange Seereise hinter sich, und hier ist alles neu für sie«, unterbrach Hermann Krüger ihn sanft. »Ich schlage vor, wir besorgen ihr zunächst eine Tasse Tee, und dann erklären wir ihr in aller Ruhe, was es mit unserer Forschungsreise auf sich hat. Zeit genug haben wir ja.« Er zwinkerte Emma zu. »Wir brauchen nämlich gute vier Stunden bis Brisbane.«

Emma atmete auf. Dass dieser Fremde ihr alles erklären wollte und ihr zudem eine Tasse Tee anbot, ohne dass sie darum gebeten hatte – eine Geste der Fürsorglichkeit, die sie seit Monaten nicht mehr erfahren hatte –, trieb ihr vor Dankbarkeit fast die Tränen in die Augen. Ach ja, eine Tasse Tee, an der sie sich festhalten konnte! Mit einem Mal wurde ihr bewusst, wie erschöpft sie war. Die Anspannung der letzten Monate, die Aufregung des Vormittags, die Ungewissheit, wie es nun weitergehen würde: Alles, so kam es ihr in diesem Moment vor, würde sich besser ertragen lassen, wenn sie erst vor einem tröstlich dampfenden Tee saß.

Kaum bin ich in einer englischen Kolonie, benehme ich mich wie eine Engländerin, dachte sie mit müdem Spott, während sie Krüger und dem leise murrenden Pagel in den Salon folgte. War das nun gut oder schlecht? Was hätte Ludwig wohl dazu gesagt?

Die Klavierstunde im letzten Herbst fiel ihr ein, in der sie Ludwig gebeten hatte, ihr ein Stück des englischen Komponisten Henry Purcell beizubringen. Ludwig hatte gelacht und sich einen Kuss gestohlen, und dann hatte er ihr ins Ohr geflüstert: »Bleib mir mit den Engländern vom Leib, Liebchen. Es reicht mir schon, dass Auguste mir ständig mit einer Reise auf die Insel in den Ohren liegt! Aber die Reise wird sie nicht bekommen, denn das würde ja bedeuten, dass ich dich«, noch ein gestohlener Kuss, »allein lassen müsste.« Die Erwähnung Augustes hatte Emma wie immer einen Stich versetzt, den sie, ebenfalls wie immer, mit einem Lächeln überspielt hatte.

Sie schüttelte die Erinnerung ab und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Eine Tasse Tee und genügend Informationen, um Crusius und – wie hieß er noch? Scheerer? – nicht völlig unwissend gegenüberzutreten: Das war es, was sie jetzt brauchte.

Denn es gab wohl nichts, was in Australien unnötiger war als die Sehnsucht nach gestohlenen Küssen.

Eine halbe Stunde später fühlte Emma sich nicht mehr ganz so verloren. Dank Hermann Krügers geduldigen Erklärungen wusste sie nun, dass Carl Scheerer der Leiter der kleinen Forschungsgruppe war, der sie zukünftig angehören würde. Scheerer war vor Jahren aus Deutschland eingewandert und stand seitdem in Diensten der Kolonialregierung New South Wales, die ihn in den Busch schickte, um Flora und Fauna zu erforschen. Mittlerweile hatte er sich einen exzellenten Ruf als Forscher erworben, was auch seinen Expeditionen zugutekam: Sie wurden von der Regierung sehr gut ausgestattet, was, wie Krüger anmerkte, in Australien keineswegs der Normalfall war.

Was Krüger und Pagel betraf, so waren sie unmittelbar nach ihrem Medizinstudium nach Australien gekommen. »Abenteuer, Sie verstehen«, mischte Pagel sich ein und strich fast zärtlich über sein Gewehr.

Krüger sah weniger glücklich drein. »In zwei Jahren wollen wir aber wieder daheim sein«, sagte er.

Pagel klopfte ihm auf die Schulter. »Sehnsucht nach deinem Liebchen, was? Die ist noch nicht reif für die Ehe, Hermann, die gehört noch für eine Weile auf die Weide. Ich dachte, darüber seien wir uns einig.«

Krügers Gesicht wurde bei diesen Worten so rot wie sein Vollbart, doch er wehrte sich nicht gegen den wenig schmeichelhaften Vergleich seiner Liebsten mit einem Stück Vieh.

Als er schwieg, fügte Pagel streng hinzu: »Durchhalten, Kamerad.«

Emma fragte sich unwillkürlich, was diese ungleichen Freunde wohl zusammenhielt.

Jedenfalls hatten Pagel und Krüger sich nach ihrer Ankunft sofort darum beworben, für die Kolonialregierung an Forschungsreisen teilzunehmen. Dass sie mit diesem Ansinnen Erfolg hatten und überdies dem renommierten Forscher Carl Scheerer zugeteilt wurden, war, wie Emma heraushörte, vor allem Georg Pagels großbürgerlicher Herkunft zu verdanken: Er stammte aus einer reichen Hamburger Kaufmannsfamilie, die ihr Geld im Überseehandel verdiente, und sein Vater verfügte über gute Kontakte nach Australien.

»Mit dem richtigen Schreiben an die richtige Person«, sagte Pagel selbstgefällig, »öffnen sich die richtigen Türen ganz von selbst.«

»Das richtige Selbstbewusstsein haben Sie ja schon«, rutschte es Emma heraus. Im gleichen Moment hätte sie sich für ihre vorlaute Art ohrfeigen können. Was musste er von ihr denken!

Pagel musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Haare auf den Zähnen, was?«, sagte er schneidend. Doch dann grinste er. »Umso besser. Werden Sie brauchen, wenn Sie Scheerer kennen lernen. Der hält nichts von Weibern im Busch. Wundert mich, dass er überhaupt zugestimmt hat, Sie mitzunehmen.«

»Na, na, mach unserem Fräulein keine Angst«, sagte Krüger besänftigend. Er wandte sich an Emma: »Wir sind seit mehreren Monaten mit Herrn Scheerer unterwegs, und ich meine behaupten zu dürfen, dass er ein sehr verantwortungsbewusster Mann ist. Nur deshalb möchte er keine Frauen mitnehmen. Er ist der Meinung, sie seien den Strapazen im Busch nicht gewachsen.«

Emma runzelte die Stirn. »Aber ich stehe doch gar nicht in Herrn Scheerers, sondern in Herrn Crusius’ Diensten! Er wird wohl selbst entscheiden dürfen, wer ihn begleitet, oder nicht?«

»Irrtum«, sagte Pagel barsch. »Alles, was die Forschungsreisen betrifft, entscheidet Scheerer, und auch Crusius muss sich seinen Anweisungen beugen. Soll froh sein, dass er mitkommen darf!«

»Wir kennen Herrn Crusius noch gar nicht, er begleitet uns zum ersten Mal«, erklärte Krüger. »Als Scheerer, Georg und ich in der Moreton Bay unterwegs waren, um die Fauna dort zu untersuchen, erreichte uns die Nachricht der Kolonialregierung, zukünftig würden uns ein deutscher Forscher und sein Assistent begleiten. Der Auftraggeber der beiden, Cesar Godeffroy, wolle sich dafür großzügig an den Kosten für Lohn, Ausrüstung und Verpflegung der ganzen Gruppe beteiligen. Diesem Angebot konnten die Herren der Regierung offenbar nicht widerstehen …«

»… und drückten uns Crusius aufs Auge«, knurrte Pagel. »Und jetzt auch noch eine Frau.«

Unbehaglich fragte Emma: »Godeffroy bezahlt Sie also dafür, dass Sie Crusius und mich mitnehmen?«

Krüger nickte. »Genau. So müssen Sie beide sich nicht alleine durch den Busch schlagen, sondern können auf unsere Hilfe und unser Wissen zurückgreifen.«

»Höhere Überlebenschance«, sagte Pagel. »Tote Forscher können nichts mehr sammeln. Das weiß auch Godeffroy.«

»Georg will damit sagen, dass es nicht ganz ungefährlich im Busch ist, vor allem dann nicht, wenn man zum ersten Mal hier ist. Da ist es von Vorteil, erfahrene Männer an seiner Seite zu wissen.«

»Deshalb hält Scheerer auch nichts von Weibern im Busch«, wiederholte Pagel. »Reicht schon, sich ums Überleben zu kümmern. Für Ohnmachten und anderen Weiberkram ist da kein Platz.«

»Dann ist es ja gut, dass ich kein Weib bin«, sagte Emma und schaute ihm fest in die Augen. »Sondern eine junge Dame, die über genügend Selbstdisziplin verfügt, um sich unter widrigen Umständen zu behaupten.«

Pagel brummte etwas Unverständliches.

Krüger lachte. »Chapeau«, sagte er und neigte seinen Kopf mit den rotblonden Locken.

Obwohl Emma sich keineswegs so stark und zuversichtlich fühlte, wie ihre Bemerkung es vermuten lassen sollte, kam sie nicht umhin, sich über Krügers Anerkennung zu freuen.

Gleichzeitig schlich sich zum ersten Mal eine Ahnung in ihr Bewusstsein, dass sie es als Frau unter all diesen Forschern nicht leicht haben würde. Sie hatte geglaubt, mit Crusius allein zu sein; dass sie sich aber vor drei weiteren studierten Herren würde beweisen müssen, die Crusius und sie nur widerwillig in ihrer Gruppe duldeten, machte sie nun doch nervös. Wenn dieser Scheerer wirklich solch ein Frauenfeind war, würde er sie dann überhaupt mitnehmen? Viel zu sagen hatte Crusius anscheinend nicht. Würde er sich mit seinem Wunsch, eine Frau als Pflanzenzeichnerin dabei zu haben, durchsetzen können?

Emma spürte ein flaues Gefühl im Magen. Jetzt nur keine Panik bekommen! In wenigen Stunden würde sie Crusius und Scheerer begegnen, und dann würde sie wissen, wie es weiterging. Völlig unnötig, sich bis dahin den Kopf zu zerbrechen.

Einen Punkt allerdings gab es noch, den sie klären wollte.

»Warum haben eigentlich Sie beide mich abgeholt?«, fragte sie. »Wenn Herr Crusius und ich gar nicht richtig zur Gruppe gehören, sondern nur«, sie schluckte, »aufgrund von Godeffroys Zahlungen geduldet werden, dann wäre es doch Herrn Crusius’ Aufgabe gewesen, mich abzuholen, oder?«

»Meine Rede«, sagte Pagel.

»Eigentlich schon. Aber wir waren von unserer letzten Forschungsreise her ja sowieso noch in der Gegend«, erklärte Krüger. »Während Georg und ich die Sammlung abgeschlossen und verpackt haben, damit sie nach Sydney geschickt werden kann, ist Scheerer schon nach Brisbane gereist. Er wollte Crusius kennen lernen und in Ruhe die nächste Expedition vorbereiten. Sie soll in den Busch um Brisbane herum gehen und ein bis zwei Monate lang dauern. Das erfordert gute Planung.«

Emma nickte, als sei ihr das selbstverständlich klar, und Krüger fuhr fort: »Wir wurden also angewiesen, Scheerer später zu folgen. Tja, und dann erreichte uns dieser Brief von Crusius. Er schrieb, dass Scheerer und er sich kennen gelernt hätten und Scheerer ihm vorgeschlagen habe, Georg und ich könnten die Assistentin in Empfang nehmen. Dann müsse Crusius die Fahrt zur Moreton Bay nicht extra auf sich nehmen. Dass das Schiff so viel später als erwartet einlaufen würde, konnte ja niemand ahnen.«

»Verdammte Zeitverschwendung«, ließ Pagel sich vernehmen. »Und das für einen Mann, den ich noch nicht einmal kenne.«

Emma ließ sich von seiner Unfreundlichkeit nicht beeindrucken, denn ihr war gerade ein sehr erleichternder Gedanke gekommen: »Aber dann muss Herr Scheerer ja damit einverstanden sein, mich mitzunehmen, obwohl ich eine Frau bin! Sonst hätte er Herrn Crusius wohl kaum dieses großzügige Angebot gemacht.«

Krüger wiegte den Kopf. »Das klingt logisch. Dennoch wundert es mich … Es passt so gar nicht zu Scheerer, eine Frau den Gefahren einer Expedition auszusetzen.«

»Na, Sie machen mir ja Mut«, sagte Emma mit einem schiefen Lächeln. »Wobei ich Ihre Sorge nicht ganz nachvollziehen kann. Ich soll nur Pflanzen zeichnen, meine Herren – so gefährlich kann das doch nicht sein, oder?«

Krüger zuckte hilflos die Achseln; er war wohl von zu ehrlicher Natur, um sie zu beruhigen, wo es keine Beruhigung gab.

Doch Emma hatte sich inzwischen so weit erholt, dass mit ihren Lebensgeistern auch Mut und Zuversicht wieder erwacht waren. Hauptsache, Scheerer hatte nichts dagegen, dass sie als Frau die Expedition begleitete. Den Gefahren im Busch würde sie schon trotzen! Schließlich war sie nicht allein.

Sie trank den letzten Schluck des mittlerweile lauwarmen Tees und fragte sich, ob es wohl unschicklich sei, Pagel und Krüger zu bitten, sie aufs Deck zu begleiten. Als sie vorhin aufs Schiff gekommen war und die Bekanntschaft der Forscher gemacht hatte, war sie viel zu aufgeregt gewesen, um viel von ihrer Umgebung mitzubekommen. Doch jetzt wollte sie endlich einen Blick auf ihre neue Heimat werfen. Herrgott, sie war in Australien! Sie fuhr einen australischen Fluss entlang, durch australische Wildnis, und sie sah nichts als die Wände des Salons um sich herum!

Nun ja, auch Menschen, räumte sie in Gedanken ein. Sehr vornehme Menschen, gegen die sie sich recht schäbig vorkam. Obwohl sie so gepflegt aussah wie seit Wochen nicht mehr, fiel sie gegen die Damen und Herren auf diesem Boot doch sehr ab. Emma kaute auf ihrer Unterlippe und blickte sich um. Wohin sie auch sah, überall leuchteten ihr weiße, cremefarbene und vor allem vollkommen saubere Kleider und Anzüge entgegen. In ihrem dunkelblauen, zerknitterten Reisekleid fühlte Emma sich wie eine Schmeißfliege unter weißen Schmetterlingen, und sie konnte ihr Erstaunen darüber, in diesem unzivilisierten Land auf so große Eleganz zu stoßen, kaum verbergen.

Krüger hatte ihren Blick wohl richtig gedeutet, denn er lachte leise.

»Sie hatten damit gerechnet, nur Viehtreibern zu begegnen, Fräulein Röslin?« Als sie verlegen nickte, sagte er: »Keine Sorge, so ging es uns allen, als wir hier ankamen. Aber man wird schnell eines Besseren belehrt. Viehtreiber gibt es natürlich, aber auch hübsche Häuser und Kaufläden, in denen die feinsten Waren angeboten werden. Sie werden sehen, Brisbane ist ein guter Ort zum Leben.«

»Schön für die, die dort bleiben dürfen«, sagte Emma trocken. »Wir hingegen machen uns doch gleich in den Busch auf, oder habe ich Sie da falsch verstanden?«

»Keineswegs. Schließlich haben wir schon genug Verspätung. Aber ich hoffe doch, dass die Zeit für einen Spaziergang durch die Stadt reichen wird.«

»Wie wäre es vorerst mit einem Spaziergang an Deck?«, wagte Emma zu fragen.

Pagel wischte ihren Vorschlag mit einem geknurrten »Werde in der nächsten Zeit noch genug in der Sonne sein« vom Tisch.

Rasch stand sie auf. »Ich würde mich gerne ein wenig bewegen«, sagte sie. »Bleiben Sie ruhig sitzen, meine Herren, ich kann auch alleine an Deck gehen.«

Feuchte, heiße Luft. Novemberluft.

Emma schüttelte leicht den Kopf. Immer noch kam es ihr seltsam vor, dass nicht Kälte und Graupelschauer sie umfingen, wenn sie ins Freie trat, sondern Sonnenglut. Die Vorstellung, dass hier der November ein Spätfrühlingsmonat war und dass das Weihnachtsfest im Sommer stattfinden würde, fand sie nach wie vor gewöhnungsbedürftig.

Zu Hause schneit es vielleicht schon, dachte sie träumerisch.

Sie lehnte sich an die Reling und schaute auf das grüne, schäumende Wasser des Flusses unter sich. Dann hob sie den Kopf und kostete bewusst den Augenblick aus, auf den sie so lange gewartet hatte. Sie fühlte sich fast feierlich: Zum ersten Mal sah sie in aller Ruhe australisches Festland.

Es war dicht bewaldet. Nichts wies auf die Existenz von Menschen hin. Grün in allen Schattierungen, ein undurchdringliches Gewirr starker Stämme mit sattgrün glänzenden Blättern, darüber der tiefblaue, vor Hitze flirrende Himmel. Erstaunt registrierte Emma, dass manche der Bäume bis ins Wasser hineinwuchsen; ihre Wurzeln ragten aus dem Fluss wie dürre Knochen. Konnten das Mangroven sein? Von ihnen hatte Herr Crusius an jenem Abend in Stuttgart erzählt.

Wie merkwürdig, dachte Emma, einen ganzen Wald zu sehen, ohne auch nur einen einzigen Baum sicher benennen zu können!

Das war sie nicht gewöhnt, hatte sie Bäume, Blumen und Gräser daheim doch stets mit geübtem Blick einzuordnen gewusst. Würden ihr diese Kenntnisse hier überhaupt nichts nützen?

Spontan wandte sie sich an die vornehme junge Dame neben ihr, die, von einem zierlichen Sonnenschirm geschützt, ebenfalls das Ufer betrachtete. In unsicherem Englisch brachte sie hervor: »Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, ob es sich bei den Bäumen im Wasser um Mangroven handelt?« Zumindest hoffte Emma, dass sie das gesagt hatte.

Offensichtlich hatte die junge Dame sie verstanden, denn sie antwortete sogleich. »Das weiß ich leider nicht«, sagte sie gelangweilt.

Oh.

»Und die Bäume mit den hellen Stämmen, sind das Eukalypten?«, wagte Emma einen zweiten Anlauf.

»Mag sein«, sagte die Dame gleichgültig. »Vielleicht aber auch nicht. Möglicherweise haben sie noch gar keinen Namen.«

»Es gibt Abertausende namenloser Pflanzen hier, und viele sind höchstens einigen Forschern bekannt«, mischte sich ein älterer Herr ein. »Wenn Sie sicher sein wollen, müssen Sie sich an den Botanischen Garten in Sydney wenden.«

Emma verschlug es die Sprache. Sie sollte sich an einen endlose Meilen entfernten Botanischen Garten wenden, um zu erfahren, wie eine Baumart hieß, deren Vertreter zu Hunderten am Ufer dieses Flusses wuchsen? Waren den Menschen hier denn nicht einmal die häufigsten Pflanzenarten bekannt?! Das war absurd, fand sie; als würde sie zu Hause in Stuttgart einen gebildeten Menschen nach einem Veilchen fragen und als Antwort auf den Botanischen Garten in Hamburg verwiesen.

»Danke«, murmelte sie und wandte sich ab. Sie schaute wieder auf die Bäume mit den seltsamen Wurzeln. Offensichtlich würde ihr das Wissen, das ihr Vater ihr vermittelt und an das sie anzuknüpfen gehofft hatte, hier tatsächlich nichts nützen. Nun, es blieb immer noch ihr Zeichentalent – der Bleistift, das geschulte Auge und die geübte Hand.

Wie es schien, würde das genügen müssen.

4

Brisbane

Dann stand Emma endlich auf australischem Boden.

Er war nicht rot, wie sie es sich ausgemalt hatte, und auch nicht grau gepflastert wie die Straßen in Stuttgart, sondern grün.

Brisbane, dachte sie, als sie neben Krüger und Pagel die Anlegestelle verließ – ihre Seekiste schleppten die beiden Forscher gemeinsam, Krüger stumm, Pagel vor sich hin schimpfend –, Brisbane ist wahrlich keine Stadt, wie ich sie kenne. Die Bezeichnung Stadt schien ihr überhaupt sehr hochgegriffen …

Mit großen Augen blickte sie sich um. Der Ort kam ihr vor wie aus dem Spiel eines kleinen Mädchens: ein Stück Wiese am Fluss, auf das ohne jede erkennbare Ordnung einzelne Häuschen gestellt worden waren, Kirchen, Kaufläden, Gasthöfe. Straßen gab es nur sehr vereinzelt, die Menschen – vornehme Damen und Herren ebenso wie die derb gekleideten Männer, in denen Emma Viehzüchter vermutete – nahmen mit grasigen Wegen vorlieb. Auch Straßennamen und Hausnummern entdeckte Emma nirgends. Dennoch herrschte ein geschäftiges Leben, ganz wie in einer normalen Kleinstadt, und das Stimmengewirr wäre Emma fast vertraut vorgekommen, hätte es sich nicht um Englisch gehandelt und hätte nicht das Gekreische fremdartiger Vögel die Luft erfüllt.

Die einstöckigen Häuser duckten sich unter niedrigen Dächern. Manche Gebäude waren aus Holz, andere aus Backstein, fast alle unverputzt, aber mit hübschen Veranden versehen. Schutzlos lagen sie in der Sonne, denn Schattenspender gab es kaum. Nur hier und dort stand eine Gruppe von Gewächsen mit riesigen, saftiggrünen Blättern.

»Bananen«, sagte Krüger, als er Emmas fragenden Blick bemerkte. »Hübsch, nicht?«

Emma nickte, froh, dass zumindest er die auffälligsten Gewächse hier zu kennen schien. Nach ihrem Erlebnis mit den Mangroven, wenn es denn welche gewesen waren, erschien ihr das nicht mehr selbstverständlich.

Sie kamen nur langsam vorwärts, da die Forscher sich nicht nur mit ihrem eigenen Gepäck abmühten, sondern zusätzlich mit Emmas Seekiste. Das verursachte ihr einerseits Gewissensbisse, kam ihr andererseits aber sehr zupass, denn in der lähmenden, schattenlosen Hitze war jede Bewegung anstrengend, obwohl Emma nur ihre Botanisiertrommel umgeschnallt hatte. Ihre Hände waren klebrig, die Haut unter Korsett und Hemd schweißnass. Ihr dunkles Kleid, so kam es ihr vor, speicherte die Sonnenstrahlen und verstärkte sie noch, und nun wurde ihr auch klar, weshalb alle Welt hier Weiß trug.

Verstohlen wischte sie sich mit ihrem Taschentuch über Stirn und Hals. Eine Dame schwitzte nicht, allerhöchstens glühte sie – wie oft hatte ihr die Mutter das eingebläut!

Nun, sie ist nie in Australien gewesen, dachte Emma in einem Anflug späten Trotzes. Hier bleibt einem auch als Dame nichts anderes übrig, als zu schwitzen.

Ihr Gesicht war sicher schon ganz rot, und Emma roch selbst, dass ihr ein Bad mal wieder gutgetan hätte. Sehr ärgerlich, dass sie in diesem derangierten Zustand Herrn Crusius wiedersehen sollte.

Vor ihr ließen Krüger und Pagel schnaufend Emmas Seekiste auf den Boden poltern.

»Wir sind da«, sagte Krüger schwer atmend. Er wies auf das Gasthaus einige Schritte weiter. »Hier übernachten wir. Scheerer und Crusius treffen wir ebenfalls in diesem Gasthaus.«

»Sind sicher unterwegs«, keuchte Pagel und stützte sich auf sein Gewehr. »Donnerkiel, Fräulein Röslin, haben Sie Wackersteine im Gepäck?«

»Nein. Bücher«, sagte Emma kleinlaut. Dass die beiden Forscher schon jetzt Mühe mit ihr hatten, ließ sie in Pagels und Krügers Ansehen ganz sicher nicht steigen.