Der Duft von Hibiskusblüten - Patricia Matthews - E-Book

Der Duft von Hibiskusblüten E-Book

Patricia Matthews

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Beschreibung

In der kalten Fremde träumt sie von ihrer Heimat: Der Schicksalsroman »Der Duft von Hibiskusblüten« von Patricia Matthews als eBook bei dotbooks. Das blühende Hawaii zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Voller Unschuld ist Liliha, Tochter eines Engländers und einer hawaiianischen Prinzessin, in der Schönheit der Natur aufgewachsen, zwischen exotischen Wäldern und der tosenden Brandung. Nun ist die Zeit gekommen, um sich der Verantwortung zu stellen, die sie für ihr Volk hat – doch dann geschieht das Unfassbare: Liliha wird von brutalen Häschern nach England verschleppt, wo man sie wie einen exotischen Vogel bestaunt … und für immer in einen Käfig aus Sittenstrenge und kalter Verachtung sperren will. Voller Sehnsucht hofft Liliha, entkommen zu können und nach Maui zurückzukehren. Wird der rebellische Adelssohn David ihr dabei helfen können? Ein bewegendes Schicksal wie das der berühmten Pocahontas, einfühlsam und leidenschaftlich erzählt! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der historische Liebesroman »Der Duft von Hibiskusblüten« von Patricia Matthews. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 391

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Über dieses Buch:

Das blühende Hawaii zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Voller Unschuld ist Liliha, Tochter eines Engländers und einer hawaiianischen Prinzessin, in der Schönheit der Natur aufgewachsen, zwischen exotischen Wäldern und der tosenden Brandung. Nun ist die Zeit gekommen, um sich der Verantwortung zu stellen, die sie für ihr Volk hat – doch dann geschieht das Unfassbare: Liliha wird von brutalen Häschern nach England verschleppt, wo man sie wie einen exotischen Vogel bestaunt … und für immer in einen Käfig aus Sittenstrenge und kalter Verachtung sperren will. Voller Sehnsucht hofft Liliha, entkommen zu können und nach Maui zurückzukehren. Wird der rebellische Adelssohn David ihr dabei helfen können?

Über die Autorin:

Patricia Matthews (1927–2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen – so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet.

Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen« und die »Virginia Love«-Saga mit den Einzelbänden »Der Traum von Malvern Hall« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«.

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eBook-Neuausgabe Oktober 2021

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1978 unter dem Originaltitel »Love’s Pagan Heart« bei Pyewacket, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1980 unter dem Titel »Unschuld und Leidenschaft« bei Heyne.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1978 by Pyewacket Corporation, New York

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1980 Wilhelm Heyne Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Pinder Lane & Garon-Brooke Associates, Kontakt: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/soft_light, Thai Breeze, Mikela Bond, Saskia

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ah)

ISBN 978-3-96655-601-9

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Liebe Leserin, lieber Leser, in diesem eBook begegnen Sie möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. Diese Fiktion spiegelt nicht unbedingt die Überzeugungen des Verlags wider.

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Patricia Matthews

Der Duft von Hibiskusblüten

Roman

Aus dem Amerikanischen von Hans-Erich Stroehmer

dotbooks.

Als Kapitän James Cook die Inseln 1778 entdeckte, gab er ihnen den Namen Sandwich-Inseln nach dem Grafen von Sandwich. Erst viele Jahre später nannte man sie die Hawaii-Inseln.

LILIHAS LIED

Du nahmst mich und pflücktest mich gedankenlos wie eine Blüte vom Busen meiner geliebten Insel Maui.

Nun trauert mir meine Mutter nach.

Sie steht am Ufer und schreit meinen Namen in den Wind, aber sie erhält keine Antwort.

Und auch meine Seele weint um meine Liebe Koa, dessen Knochen jetzt im geheiligten Heiau liegen.

Er kommt nicht mehr zu mir.

Meine Arme und mein Herz sind leer.

Ich bin eine Gefangene in diesem fremden kalten Land, aber immer noch bin ich die Tochter der Könige.

Meinen Körper magst du besitzen, das Herz in meiner Brust bleibt frei.

Wie ein gefangener Vogel sitze ich hier und warte darauf, daß sich die Tür des Käfigs öffnet.

Dann kehre ich zurück zu meinem Volk, zu meiner Insel auf das geliebte Maui …

Kapitel 1

Den ganzen langen Nachmittag erklangen die Trommeln der Zeremonie wie der Pulsschlag eines gewaltigen Herzens. Liliha saß im Halbdunkel der Bambushütte, und bei den Trommelschlägen pulsierte ihr Blut schneller.

Ihr Haar und ihr Körper waren mit duftendem Öl eingerieben, um sie auf die bevorstehende Ehre vorzubereiten. Sie trug das neue Kapa-Gewand, von ihrer Mutter Akaki für diese besondere Gelegenheit angefertigt.

Dank der Hilfe ihrer Mutter und der anderen Frauen fühlte sich Liliha schön und so lebensfroh wie noch nie. Versonnen wiegte sie ihren Kopf hin und her und genoß das Gefühl, wie ihr hüftlanges Haar seidenweich über die bloße, goldbraune Haut glitt.

Genußvoll schnupperte sie, als von draußen die Düfte eines am Spieß grillenden Schweines in die Hütte drangen. Aber als Frau durfte Liliha nicht an dem üppigen Mahl teilnehmen. Auch das Haifischfleisch und die Bananen waren für Frauen kapu – verboten.

Dabei mußte Liliha still vor sich hinlächeln, wenn sie an die heimlich genossenen Kostproben dachte. Damit durchbrach sie zwar ein Tabu, denn die Bestrafung eines solchen Wagnisses konnte den Tod bedeuten, aber sie selbst und andere Mädchen und Frauen hintergingen häufig dieses Gesetz – ein von Männern gemachtes Gesetz, das den Frauen viele Schwierigkeiten bereitete.

Und dann wandten sich ihre Gedanken einem Mann zu – Koa – dessen Frau sie in wenigen Stunden sein würde. Koa war ein schöner und kräftiger Mann mit breiten Schultern. Seine starken Arme konnten Feinde bekämpfen und sie ganz fest an sich ziehen. Heute nacht würden sie im Hochzeitshaus zusammen sein – dem Haus, dessen Betreten allen anderen verboten war.

Der Blumenschmuck in ihrem Haar duftete süß, und das Blut rann Liliha heiß durch die Adern, wenn sie an Koa dachte. Glücklich mußte sie sein, daß ein Häuptling sie zur Frau wählte. Ganz zufällig war das natürlich nicht geschehen, denn auch Liliha war mütterlicherseits königlichen Geblüts. Auch von ihrem Vater erzählte man, er sei eine Art von Prinz in seinem Land gewesen. Wenn sich Liliha nun mit Koa vereinigte, war die Gewißheit gegeben, daß gesunde, kräftige Kinder den Stammbaum erweitern würden.

Der Lichtschimmer am Eingang der Hütte verdunkelte sich, als Lilihas Mutter Akaki ihre wuchtige Gestalt hereinschob.

Liliha blickte auf und lächelte ihrer Mutter entgegen. Die große Frau strahlte sie an. »Bist du bereit, mein Kleines?«

Liliha nickte.

»Hier sind frische Blumen.« Akaki kniete sich neben ihre Tochter, nahm ihr die Blumen aus dem Haar und ersetzte sie durch frische. Dann legte sie einen Blütenkranz um den schlanken Nacken des Mädchens.

Liliha erhob sich, und ihre Mutter schlang den Umhang um die Hüften ihrer Tochter. Schließlich öffnete Akaki ihre Hand und zeigte Liliha, was sie darin verborgen hielt. Es handelte sich um eine holzgeschnitzte weibliche Figur, die an einem Stoffaden hing.

»Das ist Pele«, erklärte Akaki leise. »Sie wird dich schützen, so wie sie es mit mir und meiner Mutter bereits tat.«

Tränen traten Liliha in die Augen, und sie umarmte ihre Mutter. »Ich möchte eine solch gute Frau und Mutter werden, wie du es gewesen bist.«

Dann traten Akaki und ihre Tochter in den warmen Sonnenschein hinaus, der über der Insel lag, und gingen zu Lilihas Hochzeitsboot.

Ein unendliches Gefühl des Glücks überkam Liliha, als das Boot in der Dünung leicht schwankte und von Männern davongerudert wurde. Sie glitt in ihre Zukunft als Braut von Koa und Königin von Hana …

Im Schatten der aufkommenden Dämmerung standen zwei Männer verborgen. Es waren die einzigen Weißen auf der Insel Maui, und sie beobachteten die Ankunft Lilihas in dem blumengeschmückten Boot. Akaki und Liliha saßen unter einem breiten Schirm.

»Diese heidnische Braut hat eine ganz schöne Ausstrahlungskraft, so ein Weibchen, was, Euer Ehrwürden?« meinte der schmächtigere der beiden Männer.

»Einer solchen Ausdrucksweise würde ich mich nicht bedienen, Mr. Rudd«, entgegnete Isaak Jaggar.

»Wenn Sie diese Frau für so groß und mächtig halten, Ehrwürden«, meinte Asa Rudd höhnisch, »warum waren Sie ihr dann behilflich, von hier wegzugehen?«

»Es spielt keine Rolle, was ich von Liliha Montjoys Moral und ihrem Fehlen an Glauben an den Allmächtigen halte. Sie ist eine Frau, und damit ein Geschöpf Gottes. Man darf nicht herabwürdigend von ihr sprechen.«

Asa Rudd lachte. »Jetzt übertreiben Sie aber, Ehrwürden!«

Isaac Jaggar stöhnte leise, aber er unterdrückte jede Antwort. Nach seiner Meinung war dieser Asa Rudd ein vulgärer und gottloser Mensch. Aber Jaggar brauchte ihn bei seinen Bemühungen, die Seelen der Insulaner zu retten und mußte deshalb seine Art ertragen. Neben Rudds unflätigem Benehmen regte Jaggar noch mehr dessen an einen Clown erinnerndes, schrilles Lachen auf.

Die beiden Männer hatten zwar ein gemeinsames Ziel, aber ansonsten konnte man sich keine größeren Gegensätze vorstellen. Rudd war klein, dunkel und wirkte ständig wie eine Küchenschabe, die bei flackerndem Kerzenlicht davonläuft – eine typische Gestalt aus den finsteren Gassen Londons. Isaac Jaggar hingegen war groß, sah eindrucksvoll aus und wirkte vertrauenerweckend. Im Gegensatz zu Rudds Gassenjargon sprach er ein gepflegtes Englisch.

Ungeduldig meinte Rudd jetzt: »Wo steckt denn Lopaka? Ohne ihn können wir nicht weiter. Er sagte doch, er würde hier sein.«

»Hier bin ich ja«, erklang eine gutturale Stimme hinter ihnen.

Aufgeregt fuhren beide Männer herum. Lopakas Gestalt stand drohend in der Dunkelheit. Er war ein großer wuchtiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren.

Lopaka erinnerte Jaggar mit seiner kupferfarbenen Haut und den brennend schwarzen Augen stets an die amerikanischen Indianer, die er auf seinen Missionsreisen in den Prärien der Vereinigten Staaten getroffen hatte. Grausam, wild und ohne Skrupel.

Rudd fragte begierig: »Können wir los, Lopaka?«

»Ich bin bereit«, erwiderte Lopaka mit seiner tiefen Stimme. Er war fast nackt und trug nur ein Hüfttuch. Dennoch wirkte der Insulaner majestätisch. »Bevor die Zeremonie beginnt, stoße ich einen Kriegsschrei aus. Er ist das Signal. Seid darauf vorbereitet.«

Dann schritt er mit gemessenen Schritten davon. Augenblicke später hatte ihn die Dunkelheit bereits verschluckt.

»Wie ‘n Gespenst wirkt der«, meinte Rudd.

»Lopaka ist ein mächtiger Mann, der sich zum Allmächtigen bekennt«, belehrte Jaggar ihn.

»Der? Zum Teufel dürfte er sich bekennen. Das paßt besser zu ihm«, stellte Rudd fest …

Nun war es soweit.

Liliha trat aus der Hütte auf den vom Fackellicht erhellten Platz der Hochzeit. Sie sah, wie Koa aus einer anderen Hütte hervortrat. Federn schmückten sein Haupt und flimmerten wie Juwelen im Schein der Feuer. Schweigen setzte ein; selbst die Trommeln verstummten. Die beiden Liebenden bewegten sich aufeinander zu.

Als sie sich immer näher kamen, begann eine hohe klare Stimme mit dem Hochzeitslied. Liebe gab das Versprechen, daß ihr beide euch vereint. Ein Platz im Himmel erwartet euch.

In diesem Augenblick unterbrach ein gellender Schrei das ehrfurchtsvolle Schweigen. Liliha erkannte in ihm sofort einen Kriegsruf, den man seit dem Frieden auf den Inseln fast vergessen hatte.

Kurz vor Koa blieb sie stehen; ihr Aufschrei erstickte in der Kehle. Eine federgeschmückte Lanze flog aus der Dunkelheit heran. Jetzt endlich schrie Liliha auf, aber es war viel zu spät. Koa bog sich zurück. Seine Hände umklammerten den Speer, der ihn vom Rücken bis zur Brust durchbohrt hatte.

Aufgeregte Schreie erschollen aus der Menge. Menschen sprangen auf Koa zu, der bereits zu Boden stürzte. Schluchzend bahnte sich Liliha den Weg zu der Stelle, an der er lag.

Es gelang ihr, noch einen Blick auf Koas Gesicht zu werfen. Dann packten Hände ihre Arme und zogen sie aus der Menge in die Dunkelheit. Bevor sie noch aufschreien konnte, wurde sie hochgehoben, als sei sie so leicht wie eine Kokosnuß. Dann hing sie über den breiten Schultern eines Mannes.

Ihr Widerstand war so nutzlos wie der eines Fisches im Netz. Ihr Entführer lief mit ihr über den Sand davon. Als Liliha verzweifelt zurückblickte, verschwanden bereits der Hochzeitsplatz und Koa in der Nacht.

Der Mann rannte mit ihr so schnell, daß ihr Körper nach jeder Seite flog und sie kaum noch atmen konnte. Und in ihr war ein grausamer Schmerz, da sie immer noch Koas Gesicht vor sich sah. Wohin der Mann mit ihr rannte, konnte sie nicht erkennen.

Plötzlich hielt er an, und Liliha spürte, wie er sie von der Schulter warf. Ihr Kopf schlug hart auf, und sie verlor das Bewußtsein …

Als Liliha wieder zu sich kam, schmerzte ihr Kopf immer noch. Erkennen konnte sie nichts von ihrer Umgebung, denn es herrschte völlige Finsternis. Dann jedoch verspürte sie eine schwache Bewegung der Holzplanken, auf denen sie lag. Liliha war seit ihrer Kindheit mit dem Meer vertraut und wußte sofort, daß es sich nur um die Dünung des Ozeans handeln konnte. An Bord eines Kanus konnte sie sich jedoch nicht befinden, davon war sie überzeugt. Die großen Segelschiffe der Weißen kannte sie; sie mußte sich auf einem solchen Schiff, in einer abgeschlossenen nachtschwarzen Kabine, befinden.

Vorsichtig tastete sie um sich und stellte fest, daß sie in einer Holzkoje lag. Dann stand sie auf und versuchte, die Größe der Kabine festzustellen. Sie war wesentlich kleiner als die Hütte, in der sie zusammen mit ihrer Mutter Akaki gewohnt hatte.

Bei dem Gedanken an ihre Mutter fielen Liliha wieder alle Ereignisse der Nacht ein. Würde sie ihre Mutter jemals wiedersehen? Und Koa – Koa war auf sie zugekommen, und dann hatte ihn der Speer seines Mörders getroffen.

Lilihas englischer Vater, William Montjoy, hatte einstmals zu ihr gesagt: »Wenn du ein Leben frei von Schande führst und anderen nur Gutes antust, meine Liebe, wird die ganze Erde dir gehören. Aber merke dir, das ist eine Theorie. Sollte sie sich als nicht wahr herausstellen, denke nicht zu hart von mir.«

Liliha hatte seinen Worten ebenso geglaubt wie auch dem Ratschlag ihrer Mutter: »Tu nichts, was dir Schande bereitet und auch nichts, was andere Kreaturen verletzt.«

Siebzehn Jahre lang folgte so Liliha den Richtlinien von Vater und Mutter. Und wie sie wußte, hatte auch Koa nicht anders gelebt. Der schöne sanftmütige Koa – jetzt war er tot, und sie hatte man entführt.

Liliha sank auf die feuchten Planken des Bodens und barg ihr Gesicht in den Händen. Plötzlich bewegte sich ein Schlüssel im Schloß, und die Kabinentür flog auf. Liliha zuckte zusammen und richtete sich auf.

Ein Mann stand in der Tür und hielt eine Schiffslaterne hoch. Dabei wippte er auf seinen Zehen hin und her. Als Liliha im gelben Kerzenlicht sein Gesicht erkannte, hielt sie den Atem an. Es war Asa Rudd, der Weiße, der sich ihr zweimal in den vergangenen Wochen genähert hatte. Sein Benehmen war unangenehm und aggressiv; sie lehnte es ab, mit ihm überhaupt zu sprechen.

Asa Rudd lachte schrill. »Du erkennst mich wohl, Prinzessin? Ich sagte dir ja, so leicht gebe ich nicht auf. Verdammt, gewiß nicht! Da du nicht mit mir sprechen wolltest, beschloß ich, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.«

»Warum brachtest du mich nach hier, Asa Rudd?«

Anstatt zu antworten, hob Rudd die Laterne höher. Sein Blick glitt über ihren Körper. Das Kapa-Tuch bedeckte Liliha lediglich von der Hüfte an nach unten. Sie wußte, daß sie nach Ansicht der meisten Weißen unziemlich bekleidet war. Aber hier auf den Inseln herrschten andere Sitten. Ohne Eitelkeit wußte Liliha, daß sie einen formvollendeten Körper besaß, dessen sie sich nicht zu schämen brauchte. Ihre Haut war untadelig; ihre Schenkel schlank und dennoch stark. Und ihre vollen Brüste versprachen zukünftigen Kindern gute Nahrung. Ihr Haar war so schwarz wie das ihrer Mutter und fiel in sanften Wellen bis auf die Hüften.

Nur das Gesicht zeigte Züge ihres weißen Vaters. Die Nase war gerade, und die Lippen waren nicht so voll wie bei den anderen Insulanerinnen. Ihre Augen schimmerten goldgelb wie Honig.

Rudds frechem Blick stand sie gelassen gegenüber. Nur in den Händen umklammerte sie krampfhaft die Schutzgöttin Pele. Zum erstenmal empfand Liliha Scham, als sie sich den Blicken dieses Mannes ausgeliefert fühlte.

Rudd wippte wieder auf den Füßen hin und her. »Verdammt, du bist ja ein Weibchen, in das man hineinbeißen möchte.« Seine Absicht war klar, als er nun auf sie zukam.

Liliha wich nicht zurück. Sie entgegnete voller Zorn: »Wenn du mich berührst, Asa Rudd, so wirst du es bereuen!«

Rudds Schritte verlangsamten sich. Diese Liliha war größer und wirkte wesentlicher kräftiger als er. Ihm fiel ein, wie stark sie sich beim Schwimmen in der Brandung gezeigt hatte und selbst Männer dabei überbot.

Mißmutig sagte er: »Bin Geschäftsmann und die Regeln des Handels sind mir wichtiger. Man darf eine Ware nicht verderben, das verringert den Preis.«

»Was soll denn das heißen?« fragte Liliha ängstlich. »Bist du Sklavenhändler? Soll ich verkauft werden?«

Rudd fuhr überrascht zusammen. Dann kicherte er. »Doch nicht sowas! In dem Geschäft bin ich nicht. Und du bedeutest für mich mehr Gewinn als eine Sklavin.«

»Warum? Weshalb bin ich wertvoller?«

Rudd wollte schon antworten, aber dann verzog er sein Gesicht zu einem listigen Lächeln. »Na, na!« Er drohte ihr mit dem Finger. »Das ist meine Überraschung. Ich möchte fast sagen, eine Art von Abschiedsgeschenk für dich.« Schon wollte er die Kabine verlassen.

»Bitte …« Liliha trat einen Schritt auf ihn zu. »Sag mir doch wenigstens, wie lange ich noch in diesem Käfig hocken muß.«

»Ein Käfig soll das sein?« Er lachte grausam hart. »Gewöhne dich lieber daran, denn du wirst eine sehr lange Zeit hier verbringen müssen.« Er verzog genußvoll die Lippen. »Könnte sogar sein, daß du meine Besuche sogar begrüßt. Dann langweilst du dich hier nicht. So schlecht bin ich gar nicht, das wirst du schon noch merken.« Dann ging er.

Draußen knarrten jetzt Rahen, Segel flatterten, Männerstimmen ertönten. Mit sanftem Schwung segelte das Schiff los.

Liliha trat an die Holzwand und hämmerte mit den Fäusten dagegen. Die Dämmerung mußte eingesetzt haben, denn nun drang der Schimmer einer Lampe durch die Ritzen an der Kabinentür. Niemand antwortete auf ihr Klopfen; das schwere Teakholz widerstand ihren Schlägen.

Bis jetzt hatte Liliha noch nicht geweint. Nun aber floß ein Strom von Tränen über ihre Wangen. Sie ließ sich zu Boden gleiten und lehnte sich gegen die Kabinentür.

»Aloha«, flüsterte sie leise vor sich hin, um sich von ihrer Mutter Akaki und von Koa, ihrem toten Geliebten, zu verabschieden. Und von der Insel Hana Maui – ihrer Heimat.

Der Schmerz überwältigte sie fast. Liliha dachte an ihren vor zwei Jahren verstorbenen Vater. Wie wunderbar mußte die Insel Hana Maui vor über siebzehn Jahren auf ihn gewirkt haben …

Nach den Erzählungen von Lilihas Mutter Akaki waren weiße Männer im Jahre 1802 sehr selten hier zu sehen. Aber die Insulaner mußten William Montjoy, der gerade von England kam, sofort begeistert haben. Und William war ein Mensch, der sich in jeder Gemeinschaft und mit allen Umständen zurecht fand.

Als Liliha alt genug war, erklärte der Vater ihr: »Ich wurde an einem falschen Ort und zur falschen Zeit geboren. Hier ist das Leben, das ich liebe. Kein Besitz zu verwalten, keine Arbeit verlangen – nur Freiheit, Essen, Trinken und Liebe. Hör auf mich, Liliha, so ist das richtige Leben. Wie lange benötigte ich dazu, um das zu entdecken!«

William Montjoy fand sich sehr schnell auf der verträumten Insel zurecht. Er wurde Akakis Geliebter, dann ihr Mann und Lilihas Vater. Da Akaki von einem Inselkönig abstammte, brauchte ihr Mann weder zu fischen noch zu jagen. Er verbrachte seine Zeit mit Schwimmen, lag in der Tropensonne, genoß das Inselgetränk Okolehu, liebte seine Frau und erzog seine Tochter.

Williams Charme war so überwältigend, daß ihn fast alle Insulaner anerkannten. Mit seiner Frau gab es nur einmal etwas Zwist, weil er Liliha englische Erziehung vermitteln wollte.

»Liliha benötigt nicht die Bildung eines weißen Mannes!« entgegnete Akaki.

»Darin irrst du dich, meine Inselblume. Hör auf mich. Der weiße Mann kommt. Wie eine Seuche wird er sich über deiner Insel ausbreiten. Wenn Liliha die Sprache dieser Menschen beherrscht, ist es nur zu ihrem Vorteil. Erziehe du sie auf anderen Gebieten. Das findet jederzeit meine Zustimmung. Aber es ist mein Wunsch, daß sie etwas von beiden Kulturen lernt.«

Und so geschah es dann auch. Wenigstens zwei Stunden am Tag erhielt Liliha Unterricht durch ihren Vater. Er besaß noch zwei alte, zerlesene, englische Bücher, die ihm als Grundlage für den Unterricht dienten. Ansonsten jedoch erzählte er von seiner Heimat, und Liliha lauschte begierig seinen Worten.

Eines jedoch erfuhr sie nie von ihm. Über sein früheres Leben in England hüllte sich William Montjoy in völliges Schweigen. Als Liliha älter wurde, erkannte sie, daß ihr Vater seine Vergangenheit wie ein Geheimnis in seiner Brust hütete. Nur einmal lauschte sie einem Gespräch zwischen ihrer Mutter und einem englischen Forscher, der die Insel Hana besuchte und William als einen Ausgestoßenen bezeichnete. Akaki bat um eine Erklärung.

Der Besucher lachte. »Bei einem solchen Mann handelt es sich um den Sohn reicher, angesehener Eltern, der in Mißgunst fiel. Der Vater schickte ihn als jungen Mann nach Indien oder auf eine Insel wie die Ihre. Jährlich erhält er eine bestimmte Summe, damit er im Exil verbleibt.«

Liliha kümmerte das wenig. Sie verehrte ihren Vater und nahm begierig alles Wissen auf, das er ihr vermittelte. Ansonsten lebte sie ihr eigenes Leben. Da sie königlichen Geblütes war, brauchte sie sich nicht den üblichen Aufgaben einer Frau auf der Insel zu widmen. Freude und Vergnügen gab sie sich hin, und sie suchte einen Geliebten, der später ihr Mann werden sollte.

Diesen Mann fand sie in Koa, dem Neffen ihrer Mutter. Mit sechzehn lernte sie ihn kennen, und seine Größe und Stärke beeindruckten sie tief. Vor einem Jahr war ihr Vater gestorben, und nach dem tiefen Schmerz lernte Liliha nun endlich wieder die Freuden des Lebens kennen. Sie vergaß alles – nur noch Koa existierte für sie. Und sie folgte ihm eines Tages willig, als er sie tief in den Dschungel führte.

Auf einer kleinen, von Kokosnuß-Palmen umstandenen Lichtung zog Koa sie sanft neben sich auf den Boden. Vögel jubilierten in den Bäumen. Der Wind trug den Duft von Blüten heran, und um sie standen flammend rot die Hibiskusbüsche.

Lachend und scherzend lag Liliha neben Koa. Dann erstarb ihr Lachen, als Koa sanft ihr Hüfttuch abstreifte. Seine zärtlichen Finger streichelten ihre Brüste und glitten dann bis zu ihren Schenkeln. Alles in Liliha zitterte vor Erwartung.

Obwohl die anderen Mädchen auf der Insel sie oft wegen ihrer Unberührtheit ausgelacht hatten, war Liliha nun froh, daß sie ihre Jungfernschaft keinem anderen geopfert hatte. Jetzt konnte sie sich freudig und mit ganzem Herzen Koa hingeben. Natürlich wußte sie um diese Art der Liebe, denn bei den Insulanern gab es über solch menschliche Dinge keine Tabus. Nun jedoch sollte sie das berauschende Gefühl zum erstenmal selbst erfahren. Beide wußten, als sie sich vereinigten, daß sie Mann und Frau wurden, sobald Koa der Häuptling der Insel Hana wurde. Die Tatsache, daß sie beide eigentlich Vetter und Kusine waren, spielte in der Geschichte der Insel keine Rolle. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß sich Blutsverwandte immer wieder in der Folge der Generationen vereinten. Und auch Lilihas Mutter Akaki war mit dieser Liebe vollkommen einverstanden.

Eine Woche vor ihrer offiziellen Hochzeit jedoch gab es einen Zwischenfall, den Liliha sowohl belustigend als auch traurig fand. Sie lagen in einer einsamen Bucht im Sand und liebten sich, während der Vollmond sein mildes Licht über ihnen erstrahlen ließ.

Plötzlich brüllte eine Stimme in englischer Sprache: »Welch ein abscheuliches Schauspiel! Gemeinheit vor den Augen des Allmächtigen! Und du willst die Frau eines Häuptlings werden, Liliha! Damit gibst du deinem Volk kein gutes Beispiel!«

Solche Worte schleuderte Reverend Isaac Jaggar den beiden Liebenden entgegen. Er befand sich seit sechs Monaten auf der Insel Maui und bemühte sich ohne großen Erfolg, die heidnischen Insulaner zum Christentum zu bekehren. Die Bewohner lachten ihn meist aus; Liliha verspürte ein gewisses Mitleid für diesen Mann. Für die Freuden des Lebens zeigte er niemals Verständnis; er erinnerte Liliha an einen lahmen Vogel, der am Strand entlanghumpelt und nach Nahrung sucht.

Liliha schämte sich keineswegs ihrer Nacktheit, sondern erhob sich würdevoll und hielt Koas Hand fest. »In einer Woche werden wir Mann und Frau, Reverend Jaggar.«

Jaggar vermied es, auf ihren nackten Körper zu starren. »Das ist keine Entschuldigung vor den Augen des Allmächtigen. Außerdem werdet ihr nicht vor Christus Mann und Frau. Auch eine heidnische Hochzeit gestattet es euch nicht, sich zuvor sinnlichen Gelüsten hinzugeben. Aber es steht in meiner Macht, euch dennoch den Segen zu eurer Verbindung zu erteilen. »Jaggars Stimme klang jetzt bittend. »Das wäre ein wirklich gutes Beispiel für euer Volk.«

»Nein.« Liliha schüttelte den Kopf. »Unsere Wege sind nicht die Ihren. Wir werden Mann und Frau, wie es unsere Eltern wurden, und deren Vorfahren auch.«

»Diese alten Sitten werden sich ändern«, erklärte Jaggar, »darum bin ich ja hier.«

»Und diese Änderungen erkenne ich nicht an«, entgegnete Liliha sehr bestimmt.

»Auch ich tue das nicht«, sagte jetzt Koa. »Ich werde König von Hana und Liliha meine Königin. Wir herrschen, und unser Volk wird tun, was wir sagen.«

»Warum verlassen Sie nicht die Insel, Reverend Jaggar?« fragte Liliha. »Willkommen sind Sie hier nicht. Die Insulaner lachen über Sie. In der vergangenen Woche überredeten Sie Moana, ein Kleid zu tragen. Die anderen Frauen verbargen sich hinter Palmen, lachten und verspotteten Sie!«

Jaggars Gesicht lief dunkelrot an. »Weib, wenn du mich verspotten willst, dann tust du es auch mit dem Allmächtigen! Ich bin nur sein Diener.«

»Wir verspotten nicht Ihren Gott, Reverend«, erwiderte Liliha. »Nur Sie selbst. Sie sollten uns in Frieden lassen.« Sie zog an Koas Hand. »Komm, Koa. Diesen mürrischen Mann wollen wir verlassen, bevor wir so werden wie er.«

Hand in Hand schlenderten sie fort, und Jaggar brüllte ihnen nach: »Die wirkliche Freude und Wahrheit findet nur der, der auf dem Weg des Allmächtigen wandelt. Fleischeslust, und all die anderen Freuden der Welt sind vergänglich. Man kann sie niemals mit der Befriedigung vergleichen, die man in der Ewigkeit findet. Hört auf mich, ihr Sünder, bevor es zu spät ist.«

Liliha und Koa gingen ungerührt weiter.

Kapitel 2

Als Isaac Jaggar beobachtete, wie Liliha von Asa Rudd in der Nacht davongeschleppt wurde, erinnerte er sich wieder an die Nacht am Strand, als er Liliha und Koa in Fleischeslust vereinigt überrascht hatte.

Die Erinnerung an diesen Vorfall bekräftigte nur seinen Entschluß, daß seine Absicht richtig war. Ohne Liliha und Koa mußte es ihm gelingen, die Insulaner zum wahren Glauben zu bekehren. Liliha würde nichts Böses geschehen, das hatte ihm Rudd versprochen. Aber dieser Rudd war ein gottloser Mann. Konnte man seinem Wort vertrauen?

Und der ermordete Koa?

Jaggar wehrte sich gegen irgendwelche Gewissensbisse. Zwar befürwortete er keinesfalls Gewalt und Mord. Aber in der Geschichte der Menschheit hatte bis jetzt der Allmächtige oft nur mit dem Schwert siegen können. Man brauchte nur an die Kreuzzüge zu denken. Wenn man jemals hoffen wollte, die heidnischen Insulaner zu bekehren, durfte man nicht solche Sinneslust zwischen Liliha und Koa dulden.

Dabei war Isaac Jaggar selbst ein Beispiel dafür. Sein eigenes Fleisch war schwach, und er wußte das ganz genau. Dennoch kämpfte er immer wieder dagegen an – wenn auch häufig vergeblich.

Sein erstes Vergehen geschah bereits in Neu-England, wo Jaggar eine eigene Kirchengemeinde leitete. Damals starb seine Gemahlin Ruth nach fast zehnjähriger Ehe. Nach ihrem Tod trat die Versuchung in Form einer vollbusigen Witwe an ihn heran, und Jaggar erlag der Fleischeslust.

Dann erfuhr er, daß man Vorbereitungen traf, auf die Sandwich-Inseln Missionare zu senden. Ohne Genehmigung seiner Kirche begab sich Jaggar nach dort und war entschlossen, auf der Insel Hana das Werk des Allmächtigen zu vollenden. Niemals wieder wollte er sich der Sinneslust hingeben.

Jedoch schon zwei Wochen nach der Ankunft erlag er der goldbraunen Jungfer Moana. So streng wie Jaggar dachte, waren nämlich die Sitten auf den Inseln unter der ewigen Sonne nicht.

Seinen Bemühungen als Missionar begegnete man auf der Insel nicht mit Feindseligkeit, sondern mit Desinteresse. Jaggar ließ sich jedoch nicht entmutigen; seine Entschlossenheit wuchs.

Dennoch konnte er sich nicht von der so verführerischen Moana befreien. Immer wenn er sich von ihr erhob, starrte er zum Himmel und flehte: »Vergib mir meine Sünden, Herr! Ich weiß ja nicht, was ich tue. Es ist wie eine Krankheit in mir. Aber ich schwöre es – nie wieder!«

Dennoch geschah es jedesmal, wenn Moana ihn besuchte. Da half kein Beten und kein Flehen. Moanas Verführungskünsten erlag er immer wieder.

Dann jedoch war Lopaka mit einer Handvoll Krieger auf der Insel erschienen. Dieser Mann war überzeugt, die Bewohner von Hana mit dem Tod Koas in völlige Verwirrung stürzen zu können. Eines Tages betrat Lopaka die Hütte des Missionars, weil er erkannt hatte, daß seine Bemühungen auf der Insel keine Früchte trugen.

Lopakas letzter Versuch, die Insel für sich zu erobern, gipfelte dann in dem Mord an Koa. Die Insulaner scharten sich sofort zusammen und nahmen seine Verfolgung auf. Obwohl ihm die Männer, angespornt von Akaki, dicht auf den Fersen waren, gelang es Lopaka, sich in das alte heidnische Heiligtum der Insel zu flüchten. Dort hatte, hoch auf Felsen, der Kahuna seine Hütte errichtet.

Ein großer Mann mit grauem Haar kam durch den Eingang, als Lopaka auf ihn zuschritt. Der Priester blieb mit über der Brust gekreuzten Armen stehen.

»Ich bin Lopaka.«

»Man sagte mir bereits, daß du kommen würdest.«

»Ich bekenne mich zu den Göttern und suche Schutz bei ihnen.«

»Das ist dein Recht«, erwiderte der Priester. »Es ist dein Recht und das Gesetz unseres Volkes. Möchtest du die Zeremonie der Reinsprechung?«

»Ja, das will ich.«

Wieder nickte der Priester. »Das ist auch dein Recht.«

Der Priester winkte mit der Hand, und Lopaka kniete sich mit gebeugtem Haupt nieder. Dann begann der Kahuna-Priester mit den wie ein unendlicher Sing-Sang klingenden Worten der Zeremonie. Lopaka hörte kaum auf die Worte. Aber als geschlagener Krieger ließ er alles über sich ergehen. Wichtig für ihn war nur, daß er zunächst an dieser heiligen Stätte bleiben konnte.

Unbemerkt lächelte Lopaka vor sich hin. Hier würde er sich aufhalten, bis sich der Zorn der Männer von Hana legte. Dann wollte er sich wieder unter sie mischen, die Aufständischen erneut zusammenführen und erneut die Eroberung der Insel versuchen. Wer auch immer dann König von Hana war, er würde ihn besiegen.

Es konnte ein oder auch zwei Jahre dauern, aber einen neuen Fehlschlag würde es für ihn nicht geben. Etwas sprach zu seinen Gunsten. Koa war tot, Liliha verschwunden. Der jetzige Herrscher von Hana würde sich nur schwer durchsetzen können …

Als Akaki sah, wie der Speer Koa durchbohrte, glaubte sie ihren Augen nicht trauen zu können. Erinnerungen an alte Stammesfehden überkamen sie.

Dann kniete sie sich neben Koas leblosen Körper. Hilfe gab es nicht mehr, er war tot. Und die Schuld daran trug dieser Lopaka mit seinen aufsässigen Gefolgsleuten. Mit anklagend erhobener Hand rief sie ihren Landsleuten zu: »Dort ist der Mörder von Koa! Er will an seine Stelle treten. Wollt ihr, daß eine solche Teufelsgestalt Hana beherrscht? Laßt es nicht zu! Tötet ihn. Das Leben hier hat keinen Wert mehr unter der Herrschaft von Lopaka!«

Und die Insulaner verfolgten diesen Mann, aber es war vergeblich. Trommelsignale dröhnten über die ganze Insel. Mehr konnte Akaki nicht tun. Sie fühlte sich völlig erschöpft, aber dann mußte sie wieder an Liliha denken und sie begann, nach ihr zu suchen. Keine Spur von ihr war zu entdecken. Dann traf Akaki eine Frau, die gesehen hatte, wie ein weißer Mann Liliha davontrug. Es war dieser Asa Rudd gewesen, der sie in die Sandbucht von Hana gegeschleppt hatte.

Böse Vorahnungen überkamen Akaki. Sie erinnerte sich an das Segelschiff, das vor zwei Tagen in der Bucht Anker geworfen hatte. Niemand verließ dieses Schiff, und das war Akaki seltsam erschienen. Aber sie war zu sehr mit den Hochzeitsvorbereitungen für ihre Tochter beschäftigt gewesen, um sich weiter Gedanken darüber zu machen.

Akaki erreichte die Bucht bei Sonnenaufgang. Das Segelschiff war verschwunden!

Sie kniete sich in den Sand und rief laut: »Warum nahm der weiße Mann dich, mein Kind? Warum nur?«

Akaki zweifelte nicht daran, daß Asa Rudd für diese Tat verantwortlich war. Seine Absicht konnte niemand ahnen, aber das Teuflische in seinem Wesen hatte Akaki wohl verspürt. Wäre sie mit den Hochzeitsvorbereitungen nicht so beschäftigt gewesen, hätte sie gewiß versucht zu ergründen, warum er sich auf der Insel aufhielt. Wie immer waren die Insulaner wieder zu vertrauensvoll gegenüber Fremden gewesen.

Vielleicht jedoch irrte sie sich, und Liliha verbarg sich voller Schmerz über Koas Tod. Denn es gab ja keinen Grund, weshalb man ihre Tochter von der Insel verschleppen sollte.

Voller Hoffnung eilte Akaki ins Dorf zurück, aber dort hörte sie nur weitere, schlimme Nachrichten. Die Trommeln verkündeten, daß sich Lopaka in der heiligen Stätte verborgen hielt. Nun durchsuchte die verzweifelte Mutter erfolglos jeden Winkel des Dorfes. Alle Bewohner waren verwirrt. Was sollte aus ihnen ohne den Häuptling Koa werden?

Es mußte ein neuer Häuptling für die Insel erwählt werden. Mit dem Tod Koas endete die königliche Familie von Hana. Es gab nur noch einen Mann namens Nahi, der die Herrschaft als Vetter von Akaki übernehmen konnte.

Aber Nahi war ein Krüppel. Beim Fischen war er vor einigen Jahren aus dem Kanu gefallen, und ein Haifisch hatte ihn schwer verletzt. Er humpelte vor sich hin, wenn auch sein Geist noch völlig klar war. Akaki hörte, wie die Männer im Dorf darüber sprachen, daß Nahi ihr Häuptling werden sollte. Wen gab es denn sonst auf Hana?

In Nahis Hütte sprach Akaki in dieser Nacht mit ihm darüber. Nahi schlief allein; er hatte weder eine Frau noch Kinder. Traurig erklärte er Akaki: »Ich hörte von den Reden der Männer auf Hana. Aber wie kann ich hier Häuptling sein? Ich bin doch kein vollwertiger Mann mehr.« Dabei streckte er ihr seinen durch den Haifischbiß verstümmelten Arm entgegen und blickte sie hilflos an.

Akaki nickte. »Nein, Nahi, du kannst nicht unser Häuptling werden. Du hast es selbst erkannt.«

»Aber wer dann? Du, Akaki, und ich sind die einzigen Überlebenden aus königlichem Geblüt in Hana.«

»Dann also werde ich der Anführer«, entgegnete Akaki einfach. Sie erhob sich, und das Licht der Fackel warf ihren großen Schatten gegen die Wand. »Hiermit ist es entschieden. Akaki ist euer neuer Häuptling. Und ich werde gerecht herrschen. Wer sollte mich ablehnen? Du etwa, Nahi?«

Er blickte sie lange an und schüttelte dann langsam den Kopf. »Nein, Akaki. Ich werde dich nicht ablehnen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die anderen der gleichen Meinung sind. Auch Lopaka erhebt Anspruch auf den Federschmuck des Häuptlings.«

»Lopaka ist unfähig, unsere Insel zu regieren, und auch seine Vergangenheit ist zweifelhaft. Solange ich lebe, wird er Hana niemals beherrschen.«

Und so geschah es dann auch – Akaki wurde die neue Königin von Hana. Im Herzen jedoch trauerte sie weiter um ihre verschwundene Tochter. Jeden Abend wanderte sie zur Bucht und starrte auf das unendliche Meer hinaus, wo ihre Tochter verschwunden war.

Kapitel 3

Ein Tag verging so eintönig wie der andere. Liliha erschien es so, als ob sie dazu verdammt sei, ihr ganzes Leben in der feuchten Schiffskabine zu verbringen. Noch niemals in ihrem Leben hatte man sie so von der Außenwelt abgesperrt. Sie konnte nicht in den Wellen des Ozeans schwimmen, sie sah nicht den blauen Himmel über den Palmen. Nur ihr ungebrochenes Selbstbewußtsein gab ihr die Kraft, diese entsetzliche Zeit durchzustehen.

Ihr Kummer um den Tod Koas hielt an, und sie schwor sich, eines Tages nach Hana zurückzukehren, um seinen Tod zu rächen.

Ab und zu erschien am späten Abend Rudd und ließ sie für eine Stunde an Deck. Das geschah nur in Nächten, wenn das Meer ruhig war. Außer dem Ausguck befand sich dann niemand von der Besatzung an Deck.

Als Rudd sie zum erstenmal hinaufführte, brummte er: »Meine Absicht ist das nicht, Prinzessin. Aber der Kapitän sagte mir, daß du den Verstand verlieren kannst, wenn du andauernd hier in der Kabine hocken mußt.«

Eigentlich war es eine Ironie des Schicksals. Ausgerechnet dieser Rudd half ihr beim Überleben. Er brachte ihr das Essen – einen äußerst armseligen Fraß, an den sie sich erst gewöhnen mußte – und er entleerte ihren Nachttopf. Manchmal brachte er ihr Wasser, und es war stets eiskalt. Aber Liliha konnte sich so wenigstens manchmal waschen.

Asa Rudd versuchte nie wieder, sich ihr aufdringlich zu nähern. Manchmal amüsierte Liliha das Zusammentreffen mit ihm. Rudd hielt sich für unwiderstehlich, während Liliha in ihm die abscheulichste Erscheinung sah, die ihr jemals begegnet war.

Manchmal jedoch benahm dieser Rudd sich so anstößig, daß sich Liliha nur mit äußerster Anstrengung zurückhalten konnte. Etwa vier Monate dauerte die Reise schon, da erschien Asa Rudd mit ihrem Abendessen in der Kabine. Es bestand aus matschigem schwarzem Brot und einer abscheulich riechenden grauen Mehlsuppe, in der Fleischbrocken schwammen. Liliha sah, wie sich etwas auf dem Fleisch bewegte.

Voller Abscheu schleuderte sie die Schüssel von sich. Sie prallte gegen die Wand und zerschellte am Boden. Liliha schrie Rudd an: »Auf Hana wagten wir es nicht, unsere Hunde mit solchem Fraß zu füttern!«

Rudd lachte nur. »Sei lieber nicht so eingebildet, Prinzessin. Wir befinden uns auf hoher See, und du mußt das essen, bis wir unser Ziel erreichen. Du kannst ja wohl nicht erwarten, so gut wie die Matrosen ernährt zu werden, nicht wahr? Die arbeiten für ihre Rationen und einen Pott voll Rum. Du hockst hier auf deinem Hintern herum und leistest nichts.« Verschlagen blickte er sie an. »Na, wenn du mal ein bißchen netter zu mir wärst, könnte ich dir auch besseres Essen besorgen. Eine Hand wäscht die andere. So ist es doch?« Und schon näherte er sich ihr.

Liliha wich zurück, bis sie mit dem Rücken an der Kabinenwand stand. »Halte dich fern von mir, Asa Rudd! Ich schreie sonst laut, und es kommt bestimmt jemand.«

»Niemand kommt, Prinzessin.« Er winkte lässig mit der Hand. »Schrei dir ruhig die Lunge aus dem Hals. Niemand wird erscheinen. Du stehst unter meiner Aufsicht, und ich habe die Passage für dich aus meiner Tasche gezahlt. Du hast das zu tun, was mir gefällt.« Seine Augen glitzerten, und er leckte sich genüßlich die Lippen. Seine Zunge erinnerte Liliha an die einer Eidechse, von denen es so viele auf ihrer Heimatinsel gab.

Liliha schauderte zusammen. Jetzt erst wurde ihr bewußt, daß sie sich völlig in der Gewalt dieses Mannes befand. Er kam immer näher. Sein Gesicht war gerötet, der Mund offen, und der Atem ging pfeifend. Dann war er so nahe, daß er sie fast berühren konnte. Liliha roch seinen faulig verschwitzten Körper und wußte, daß er sich seit der Abreise von Hana nicht mehr gewaschen hatte.

Er packte ihr Handgelenk und tastete mit der anderen Hand nach ihren bloßen Brüsten. Liliha wollte sich aus seinem Griff befreien, aber für einen so kleinen Mann besaß Asa Rudd erstaunliche Kräfte. Nun quetschte er ihre Brust grausam, so daß sie einen Schrei ausstieß.

»Warum machst du es dir denn nicht leichter?« Gerissen betrachtete er sie. »Gib dich doch nicht so zimperlich. Auf deiner Insel lernte ich, daß es den Mädchen nichts ausmacht, sich mit einem Mann hinzulegen.«

Liliha warf den Kopf in den Nacken. »Das tun wir nur mit einem Mann, der uns interessiert. Nicht mit einem Mann, den wir hassen.«

»Haß? Na, ich werde dir zeigen, was Haß bedeutet.« Wieder quetschte er ihre Brust zusammen, und der Schmerz schien unerträglich. Liliha taumelte und wäre fast in Ohnmacht gefallen.

Rudd lachte schadenfroh. Dann griff er nach ihrem Hüfttuch und riß es herunter. Ein Bein klemmte er unter ihre Kniegelenke und ließ sie so zu Boden fallen. Nun warf er sich auf sie und hielt ihre Arme fest.

»Na, jetzt wirst du es erleben, du feine Prinzessin!«

Liliha wehrte sich verzweifelt, aber es war zu spät. Hilflos lag sie unter ihm. Sein fauliger Atem strich über ihr Gesicht, seine Augen blitzten lüstern. Mit einer Hand griff er nach seiner Hose, um sie zu öffnen.

Liliha wand ihren Körper zur Seite, und es gelang ihr, ihn halb von sich abzuschütteln. Als Rudd sich wieder auf sie werfen wollte, rammte sie ihm ihr Knie zwischen die Beine.

Asa Rudd heulte vor Schmerz auf, und Liliha schob ihn mit Leichtigkeit zur Seite. Dann stand sie auf. Rudd hockte auf den Knien und schwankte hin und her.

Ganz ruhig sagte Liliha: »Ich warnte dich, Asa Rudd. Was du auch immer unternimmst – ich unterwerfe mich dir nicht.«

Rudd blickte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht an und keuchte: »Du Hurenstück! Dafür wirst du mir büßen. Ganz gewiß!«

Zwei Tage lang blieb die Kabinentür verschlossen, und Asa Rudd erschien nicht mehr. Die abgestandene Luft wurde schier unerträglich. Hunger und Wassermangel ließen Liliha immer schwächer werden.

Aber sie ertrug dieses Leid mit stoischer Ruhe, weil sie überzeugt war, einen kleinen Sieg errungen zu haben. Liliha war es durch diesen Zwischenfall klar geworden, daß sie für Rudd nur dann wertvoll war, wenn sie am Leben blieb. Rudd würde sie zwar leiden, aber nicht sterben lassen.

Am zweiten Abend ratterte das Türschloß. Schnell erhob sich Liliha. Zwar fühlte sie sich schwach und hatte an Gewicht verloren. Aber sie stand aufrecht da, als er die Kabine betrat, um Wasser und Essen zu bringen.

»Hier ist was für deinen Magen«, knurrte Rudd. »Puh!« Er verzog die Nase. »Hier stinkt es vielleicht! Säubere dich gefälligst!«

Liliha stürzte sich nicht auf das Essen, sondern sie entgegnete gelassen: »Besten Dank, Asa Rudd.«

»Bedanke dich nicht bei mir. Hätte ich kein Geld in dich investiert, wärst du hier verreckt. Dessen kannst du sicher sein. Lebend bedeutest du Geld für mich – aber nicht tot. Bedanke dich lieber bei deinen Göttern, du Hure!«

Er setzte das Essen auf den Boden, verließ die Kabine und schloß die Tür hinter sich ab. Liliha kniete sich neben dem Tablett nieder und trank vorsichtig in kleinen Schlukken von dem abgestandenen Wasser. Dann verschlang sie trotz des schlechten Geschmacks das Essen. Anschließend wusch sie sich mit dem restlichen Wasser.

Und der gleiche Vorgang wiederholte sich täglich. Auch die kurzen Spaziergänge an Deck wiederholten sich, allerdings nicht mehr so häufig wie zuvor.

Einen neuen Annäherungsversuch wagte Rudd jedoch nicht, und er sprach auch kaum noch mit ihr.

Dann kam jedoch ein Tag, wo er mit zwei Schüsseln voll ausgezeichnetem Essen erschien. Dazu brachte er eine Holzkanne Wasser, ein Stück Seife und ein rauhes Handtuch. Danach erschien er wieder mit einem Haufen weiblicher Kleidungsstücke über dem Arm. Er legte sie auf den Boden und blickte sie grinsend an.

»Morgen früh erreichen wir unseren Bestimmungsort, Prinzessin. Das ist nicht eine deiner heidnischen Inseln, und daher mußt du dich vernünftig anziehen.«

Voller Verachtung blickte Liliha auf die Kleider. »Kleider weißer Weiber werde ich nicht tragen.«

»Jede ordentliche Lady trägt das dort, wo wir an Land gehen.« Er grinste. »Du mußt dich bekleiden und kannst nicht so herumlaufen, sonst verursachst du eine Panik auf den Straßen. Jeder Konstabler steckt dich hinter Gitter, wenn er sieht, wie deine Titten in der Luft herumschwenken. Verdammt, darin habe ich einige Erfahrung!«

»Ich trage solche Kleidung nicht!«

»O ja, du wirst es tun. Sonst hole ich einige Matrosen herein, die dich festhalten, während ich dich ankleide.« Grinsend wippte er auf den Füßen hin und her. »Na, wie gefiele dir denn das? Einige der Matrosen haben lange Zeit kein Weibchen gesehen! Also, wenn wir morgen früh anlegen, und ich komme, bist du manierlich angezogen.« Er wollte die Kabine verlassen.

»Warte!« Liliha trat auf ihn zu. »Dieser Platz, wo wir landen werden – wie nennt er sich, Asa Rudd?«

»Na wie wohl? England, Prinzessin. Und zwar London. Ich nahm an, du wüßtest das. Es wird dir gefallen. Du wirst Dinge sehen, von denen du auf deiner Insel niemals zu träumen wagtest.«

Er verließ die Kabine und schloß die Tür hinter sich ab. Liliha starrte wütend auf die Kleider und stieß mit dem Fuß dagegen.

Aber eigentlich waren ihre Gedanken viel mehr mit der Information beschäftigt, die sie eben von Rudd erhalten hatte. England! Ironie des Schicksals! Asa Rudd brachte sie also in die Heimat ihres Vaters. Den Grund dafür wußte sie zwar nicht, dennoch packte sie eine gewisse Erregung und Neugier. Sicher war es interessant, das Land ihres Vaters kennenzulernen.

Liliha kniete sich auf den Boden und durchwühlte die Kleidungsstücke. Unterwäsche, lange Höschen, schmale Schuhe. Es bereitete ihr zwar körperliches Unbehagen, in solcher Kleidung herumzulaufen, aber es blieb ihr schließlich keine andere Wahl. Asa Rudd würde sie vom Schiff bringen, und sie mußte sich unter Menschen bewegen, die auch so gekleidet waren.

Die Unterwäsche bedeutete natürlich einige Schwierigkeiten für sie. Sie hatte keine Ahnung, wie man solche Dinge anzog, und natürlich wollte sie Rudd nicht um Rat bitten. Allein schon die Schuhe! Sie waren so zierlich und zerbrechlich. Wie sollten sie Füße bekleiden, die noch niemals Schuhe getragen hatten?

Am nächsten Morgen weckten Liliha aufgeregte Stimmen an Deck. Außerdem spürte sie, daß der Segler sich nicht mehr bewegte und offenbar angelegt hatte. Am Abend zuvor hatte sie sich Kleid und Unterwäsche angezogen und sich damit zum Schlafen hingelegt. Lediglich die Schuhe wagte sie nicht, über ihre Füße zu streifen. Noch nie zuvor hatte sie sich so unwohl gefühlt. Die Kleidung roch muffig; offenbar hatte sie bereits lange Zeit in irgendeiner Kiste gelegen.

Es bereitete Liliha große Schwierigkeiten, sich in einem solchen Kleid zu bewegen. Nun zog sie auch die Schuhe an; ihre Füße schmerzten und fühlten sich völlig eingeengt.

Schon wurde die Tür aufgeschlossen. Rudd kam herein und blieb mit vor Staunen offenem Mund stehen. »Also, Prinzessin! Du hast dich ja schon angezogen.« Den Kopf zur Seite geneigt, begann er zu lächeln. »Jetzt siehst du aber verdammt anders aus!«

Liliha antwortete nicht; sie blickte ihn nur an.

Rudd verbeugte sich scherzhaft. »Gehen Sie voran. Ich folge Ihnen, Prinzessin.«

Etwas unsicher verließ Liliha in den Schuhen die Kabine. An Deck war es kalt, und voller Enttäuschung sah sie dichten Nebel, der alles verhüllte. Er war so stark, daß man die Schiffsmasten kaum noch erkennen konnte. Neben dem Schiff lag ein Ruderboot. Liliha kletterte die Strickleiter hinab; Rudd folgte ihr. Sie waren offenbar die einzigen Passagiere. Zwei Matrosen ruderten das Boot. Ihre Blicke schienen Liliha förmlich zu durchbohren. Aber sie beachtete es nicht und starrte nur geradeaus.

Plötzlich kam Wind auf und vertrieb den Nebel. Liliha hielt den Atem an, als sie den ersten Blick auf eine Stadt warf, die von weißen Männern erbaut war. Große Gebäude aus grauen Steinen und mit schwarzen Ziegeldächern reckten sich gen Himmel. Der Nebel lichtete sich immer mehr, und Liliha sah, daß der Hafen von Schiffen nur so wimmelte. Überall fuhren kleine Ruderboote hin und her.

»Na, ist das nichts, Prinzessin?« flüsterte ihr Rudd zu.