Verlag: BookRix Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Der Duft von Lilien - Karin Kaiser

Julia verbringt den Karneval in Venedig bei ihrer besten Freundin Gabriela. In einem Kostüm- und Maskenladen begegnet sie dem äußerst faszinierenden Marcello und verliebt sich bei einer VENEZIANISCHEN MASKERADE Hals über Kopf in ihn. Doch der junge Mann hütet ein düsteres Geheimnis ...                                                      ***Marisa, die die Gabe hat, magische Wesen unter den Menschen zu erkennen, lernt eines Abends den attraktiven Vampir Rafael kennen. Sofort fühlen die beiden sich zueinander hingezogen, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Sind sie EWIGE GEFÄHRTEN?                                                          ***Ria und Miriam wollen an Halloween ausgehen. Auf dem Weg zum Partyclub finden sie ein ABSINTHGRÜN leuchtendes Amulett, das die beiden unsanft in einer komplett anderen Welt landen lässt ...                                                            ***Die Studentin Fiona macht während ihrer Arbeit in der Kneipe Bekanntschaft mit dem geheimnisvollen Cameron und sehnt sich sehr bald nach seinen LOVE BITES ...

Meinungen über das E-Book Der Duft von Lilien - Karin Kaiser

E-Book-Leseprobe Der Duft von Lilien - Karin Kaiser

Karin Kaiser

Der Duft von Lilien

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

I

 

 

 

Fahles Morgenlicht zwängte sich durch den schmalen Spalt zwischen den schweren rot-goldenen Vorhangschals und kitzelte mich wach. Ich gähnte herzhaft und öffnete die Augen. Der ganze Raum war in ein surreales rötliches Licht getaucht. Ich blickte auf eine hohe, mit Stuck umrahmte Decke, in deren Mitte ein kleiner Lüster mit tulpenförmigen Leuchten hing. An den Wänden klebten scharlachrote Tapeten mit einer goldenen Bordüre am oberen Rand. Verwirrt richtete ich mich auf. Wo war ich? Da fiel es mir wieder ein: Venedig!

Schon eine Ewigkeit hatte ich davon geträumt, einmal in Venedig zu leben; jetzt war ich in der Serenissima und durfte in einem Palazzo nächtigen. Nun ja, es handelte sich um einen kleinen Palazzo, aber immerhin. Ich schlug die Bettdecke zurück und sprang aus dem Bett. Das Morgenlicht blendete mich, als ich die schweren Seidenvorhänge zur Seite zog. Dann drehte ich mich neugierig um. Ich war gestern sehr spät in Venedig angekommen und hatte dann noch lange mit Gabriela zusammen gesessen, so dass ich von meinem Zimmer nicht viel wahrgenommen hatte. Es war ein kleines Zimmer, aber deswegen nicht weniger edel. Neben dem alten Fenster, an dessen Rahmen die weiße Farbe schon abblätterte, stand eine Frisierkommode im barocken Stil, über der ein Spiegel in einem verschnörkelten, messingfarbenen Rahmen hing. An der nächsten Wand stand ein kleiner, dunkler Sekretär und neben ihm ein ebenso dunkler Kleiderschrank im Barockstil.

Ich streckte mich kurz und beschloss, den Schlafmief zu vertreiben. Schnell schlüpfte ich in meine Hausschuhe und zog mir meinen weißen Morgenmantel an. Die alte Balkontür sperrte sich erstmal heftig gegen meine Versuche sie zu öffnen, aber nach einer Weile gab sie ächzend nach. Die kühle Morgenluft legte sich um meinen schlafwarmen Körper, als ich mich an das kunstvoll verzierte, steinerne Geländer des kleinen Balkons lehnte. Fröstelnd legte ich die Arme um meinen Oberkörper und blickte hinab auf einen kleinen Hof. Die zwei Bäume dort unten streckten anklagend ihre nackten Äste in den Nebel. Auch die Statue des geflügelten Löwen auf dem Sockel zwischen den Bäumen blickte vorwurfsvoll gen Himmel. Die Wintersonne war nur ein Schimmer hinter dem Nebel – noch ein paar Stunden und sie würde den Kampf gegen die feuchte Nebelwand gewinnen. Aber noch krochen Nebelschwaden über das lichte Gras und die großen alten Steinplatten. Die Feuchtigkeit legte sich auf meine Wangen, und meine Haare fingen an, sich zu kräuseln.

Nachdenklich schweifte mein Blick über den Hof. Ich konnte es immer noch kaum glauben, dass ich tatsächlich hier stand und nach Karneval hier anfangen würde zu studieren. Das hatte ich Gabriela zu verdanken. Sie stammte aus Venedig und war vorletztes Jahr nach Deutschland gekommen, um ihre deutschen Sprachkenntnisse zu verfeinern und nebenbei noch ein bisschen Touristik und Betriebswirtschaft zu studieren. Ein Lächeln glitt über meine Lippen als ich mich daran erinnerte, wie wir uns in der Uni-Cafeteria kennen gelernt hatten. Wir waren beide in Eile und stießen in der frontal zusammen. Natürlich ging Gabrielas italienisches Temperament mit ihr durch und sie schimpfte wie ein Rohrspatz. Auf Italienisch! Als Halbitalienerin verstand ich natürlich alle ihre Beschimpfungen und konterte entsprechend. Das war damals das erste und letzte Mal, dass ich sie sprachlos erlebt hatte. Einen Lachanfall später waren wir die besten Freundinnen. Und sie war es, die mich überredet hatte, hier eine Weile zu studieren. Ich hatte mich gerne überreden lassen – zum einen, weil ich schon immer einmal ins Ausland wollte, zum anderen, weil mich Venedig magisch anzog. Langweilen würde ich mich auf jeden Fall nicht, denn Gabriela hatte ihrer Großmutter versprochen, dass wir ihr im Hotel unter die Arme greifen würden, sofern das Studium dies zuließ. Und im Gegenzug dazu durften wir im Palazzo wohnen. Auf einmal begann mein Herz heftig zu klopfen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich hier noch einiges erleben würde.

Das Knarzen der Tür riss mich aus meinen Gedanken, und ich fuhr erschrocken herum. In der Tür stand Gabriela. Wie immer sah sie aus wie aus dem Ei gepellt. Ihr langes dunkles Haar trug sie heute offen, ihre dunkelbraunen Augen blitzten schon unternehmungslustig, und auf ihren Lippen lag ein fröhliches Lächeln. Obwohl sie lediglich eine normale Jeans und ein langärmeliges rotes Shirt trug, wirkte sie anmutig und elegant. Sie kam auf mich zu und umarmte mich freundschaftlich.

»Wie hast du geschlafen?«

Ich streckte mich noch einmal genüsslich und antwortete: »Wie ein Baby.«

»Gut, dann bist du ja fit. Wir haben nach dem Frühstück noch einen schönen Fußmarsch vor uns« sagte sie trocken.

Unwillig runzelte ich die Stirn: »Wohin gehen wir?«

»Wird nicht verraten«, antwortete sie seelenruhig und sandte mir einen unschuldigen Blick zu. »Hat was mit deinem Geburtstag zu tun.«

Mein Geburtstag? Der war doch schon im November gewesen. Gabriela hatte mir lediglich einen Blumenstrauß geschenkt und mir erklärt, der Rest des Geschenkes käme an Karneval. Meine Gesichtszüge entspannten sich.

»Das hört sich vielversprechend an.«

»Gut, dann komm hinunter in den Frühstücksraum wenn du fertig bist.«

Gabriela verschwand so schnell wie sie erschienen war. Fröstelnd schloss ich die Balkontür. Auf der alten Recamiere, die sich an das Fußende meines Bettes lehnte, stand noch mein offener Koffer. Seufzend packte ich ihn aus und verstaute meine Klamotten im Schrank. Bewaffnet mit meinem Waschbeutel, meinen Jeans und dem meerblauen Rollkragenpullover machte ich mich auf den Weg ins Bad. Es war modern und zweckmäßig eingerichtet. Lediglich der mit einem verschnörkelten Goldrahmen verzierte Spiegel verriet, dass ich mich in einem Palazzo befand.

Ein blasses und noch verschlafenes Gesicht blickte mir im Spiegel entgegen. Ausnahmsweise war mein langes, dunkelbraunes Haar nicht völlig zerzaust und legte sich brav über meine Schultern. Meine blauen Augen unter den dunklen Augenbrauen blickten noch etwas kritisch. War es wirklich die richtige Entscheidung, nach Venedig zu kommen? Ich war noch nie so lange weg von meiner Familie gewesen und sie fehlten mir jetzt schon. Aber irgendwann musste ich mich ja abnabeln. Und hier würde ich Christoph endlich nicht mehr über den Weg laufen. Vier Jahre war ich mit ihm zusammen gewesen und erst vor kurzem hatte ich mit bekommen, dass er mich in diesen vier Jahren mit allem betrogen hatte, das weiblich war und zwei lange Beine hatte. Als wäre es nicht genug gewesen, dass er mich so kalt abserviert hatte, war ich ihm auch noch auf dem Weg zu meinem Zug nach Venedig über den Weg gelaufen. An seinem Arm hatte er eine rasant hübsche, blutjunge und langbeinige Südamerikanerin. Eine steile Ärgerfalte schlich sich zwischen meine Augen, als ich an sein bedeutungsvolles Grinsen dachte. Gegen diese Frau kam ich natürlich nicht an. Ich atmete tief ein und versuchte, meine Gesichtszüge zu glätten. Christoph war jetzt Geschichte, ich war jetzt hier in Venedig und ich würde hier bestimmt kein Kind von Traurigkeit bleiben. Schließlich gab es hier genügend hübsche Studenten. Meine Augen blitzten auf und ich war wieder mit mir selbst im Reinen. Ich spritzte mir eine große Ladung Wasser ins Gesicht und rubbelte es mit dem beigefarbenen Handtuch trocken, sodass es frisch und rosig aussah. Dann sprang ich in die Dusche.

Ungefähr eine Viertelstunde später sah ich zufrieden in den Spiegel. Die Falte zwischen meinen Augen war verschwunden und der blaue Pulli vertiefte den Blauton meiner Augen sehr vorteilhaft. Ich ging aus dem Bad, zog meine warmen Laufschuhe an und verließ das Zimmer. Der rot-goldene Teppich, der auf dem Flur lag, dämpfte angenehm meine Schritte. Die Marmortreppe war auch mit einem roten Teppich ausgelegt, und ich kam mir beinahe wie eine Königin vor als ich die Stufen hinab schritt. Am Fuß der Treppe bog ich nach links ab und ging durch die einladend geöffneten Flügeltüren in den größten Raum des Hauses, in dem auf altem Parkett dunkle Tische mit barock aussehenden Stühlen standen. Das reich gedeckte Frühstücksbuffet ließ keine Wünsche offen. Ich winkte zuerst Gabriela zu, die als einzige noch im Frühstücksraum an einem Tisch am Fenster saß, und deckte mich mit Kaffee, Croissant und ein wenig Obst ein.

»Du hast aber zugeschlagen!«, meinte Gabriela lachend, als ich an den Tisch kam.

»Wer weiß, wo du mich überall hinschleppst. Da muss ich gestärkt sein«, gab ich trocken zurück.

Gerade als wir mit dem Frühstück fertig waren, kam eine ältere Dame an den Tisch. Das musste Gabrielas Großmutter sein. Und sie war wirklich beeindruckend. Sie trug ein gelbes Kostüm und hatte ihre grauen Haare hochgesteckt. Ihre Augen waren schwarz wie Onyx und warm und lebensfroh, aber es stand auch ein geheimnisvolles Leuchten in ihnen. Ihre dezent rosenholz-rot gefärbten Lippen teilten sich zu einem herzlichen Lächeln, das einen Kranz Fältchen um ihre Augen zauberte.

»Buongiorno, Giulia!«, begrüßte sie mich mit einer dunklen, noch erstaunlich jung gebliebenen Stimme und reichte mir eine gepflegte, reich beringte Hand. Auch ihr Händedruck war erstaunlich fest für eine Frau in ihrem Alter. Sie war mir sofort sympathisch.

»Buongiorno«, antwortete ich heiser.

»Schön, dass du da bist, mein Kind. Gabriela hat mir schon viel über dich erzählt. Fühle dich hier wie zu Hause.«

»Das tue ich jetzt schon. Danke.«

Gabriela machte Anstalten aufzustehen, und ich tat es ihr nach.

»Wir gehen jetzt in die Stadt, Großmutter«, sagte sie und drückte ihrer Großmutter einen liebevollen Kuss auf die Wange. Diese lächelte und ging in Richtung Küche.

Der Nebel hatte sich noch nicht ganz gelichtet als Gabriela und ich auf die Straße traten. Nun ja, Straße konnte man nicht wirklich sagen, denn sie sah eher aus wie ein kleiner Kai, gegen den das Wasser des Kanals träge plätscherte. Leichte Nebelschwaden stiegen aus dem grünlichen Wasser auf und vermischten sich mit dem Nebel, der durch die Gassen schlich. Er ließ die Sonne noch nicht wirklich durch und verlieh der nächsten Umgebung ein märchenhaftes, fast surreales Aussehen.

Wir überquerten den Kanal über die kunstvoll gearbeitete kleine Brücke und bogen in eine breitere Gasse ab. Je näher wir dem Markusplatz kamen, desto mehr füllten sich die Gassen mit Menschen. Sämtliche Sprachen waren zu hören: deutsch, japanisch, englisch und zwischendurch ein wenig italienisch. Eine erwartungsvolle Stimmung lag auf der Stadt: Die Erwartung, endlich in den Karnevalstrubel einzutauchen, aus dem Alltag zu entkommen und eine völlig andere Rolle zu spielen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Venedig auch im Winter so voll von Menschen war. »Das bleibt nicht immer so«, unterbrach Gabriela meine Gedanken. »Wenn die ersten Karnevalstage vorbei sind kehrt hier wieder Ruhe ein, und wir können ein wenig aufatmen, bis der Sommer und die Touristen kommen.«

Der Markusplatz hatte sich für die Touristen fein gemacht, viele Menschen drängten sich vor dem Dogenpalast und zückten die Kameras, schimpften über rücksichtslose Drängler und über die gefühlten Millionen von Tauben, die sich auf jeden Brotkrümel stürzten, der ihnen zugeworfen wurden. Vor dem Dogenpalast stand eine große Menschenschlange die auf Einlass zur Führung wartete. Zwei Kinder spielten Fangen zwischen den wartenden Erwachsenen und ernteten böse Blicke von einem verkniffen aussehenden älteren Touristenpaar, andere Leute blickten nervös auf ihre Armbanduhren.

»Müssen wir noch weit laufen?«, fragte ich Gabriela missmutig.

Der Nebel hatte sich immer noch nicht gelichtet und es war empfindlich kalt. Fröstelnd zog ich die Schultern hoch.

»Wir müssen nur noch über die Rialto-Brücke«, antwortete Gabriela und fluchte heftig über eine Taube, die vor ihren Füßen aufflog.

Ich folgte ihrem Blick. Die Brücke war beruhigend nahe, aber weit genug um sie bewundern zu können. Ich konnte mich kaum satt sehen an dem kunstvollen Bauwerk, an dem barocken Geländer und der bogenförmige Ladenreihe in der Mitte der Brücke. Über den Canale Grande glitten die eleganten schwarzen Gondeln als würden sie darüber schweben. Die schwerfälligen, großen Motorboote, die gemütlich über das Wasser tuckerten, bildeten einen krassen Gegensatz zu den leichten Gondeln. Auch jetzt im Winter drängten sich jede Menge Leute in Richtung Rialto-Brücke.

Fliegende Händler hatten vor der Brücke ihre Stände aufgebaut; Einer pries lautstark seine kitschigen Marienfiguren an, der nächste verkaufte grell bemalte Tassen und Geschirr. Je näher wir in Richtung Brücke kamen, desto kitschiger wurde der Inhalt der Stände und desto mehr nervten die Händler. Die Brücke heil zu überqueren, ohne etwas angedreht zu bekommen oder bestohlen zu werden, grenzte für mich fast an ein Wunder. Gabriela atmete erleichtert auf, als wir die Brücke verließen.

»Das hätten wir erst mal geschafft«, sagte sie erleichtert. »Jetzt wird es gemütlicher.« Sie hakte mich unter und wir bogen in eine kleine Gasse ein. Hier sahen die Häuser schon ein wenig schäbiger aus, aber nicht weniger faszinierend. Und hier war endlich ein wenig Ruhe. Aber ein Maskengeschäft sah ich hier nicht.

»Hier sieht es aber nicht gerade nach Geschäftsviertel aus.«

»Dieser Laden ist nicht gerade in einem Nobelviertel, aber sie haben wunderbare Masken.«

»Und eine Überraschung für mich!?«

Gabriela lächelte fein. »Ich freue mich schon auf dein Gesicht.«

Eine Gasse später sah ich schon von weitem das einzige Schaufenster. Als wir dann davor standen, kam es mir vor, als würde ich in eine andere Welt blicken. Direkt in der Auslage stand eine Schaufensterpuppe, die ein sehr kostbar aussehendes goldenes Kleid im Rokoko-Stil trug, das über und über mit goldenen Spitzen verziert war. Die silberne Perücke auf ihrem Kopf bildete einen interessanten Gegensatz zu dem vielen Gold. Dazu trug sie noch einen eleganten Hut mit einem aufwendigen Federschmuck. Aber das Faszinierendste war ihre Maske: Ein kunstvolles, stilisiertes Blumenmuster zierte die goldene Maske, die nur die obere Hälfte des Gesichtes bedeckte und der Nase genug Freiheit ließ. Hinter der Puppe konnte man direkt in den Laden blicken, an dessen in einem sanften Rosenholz-Ton gefärbten Wänden Dutzende von Masken hingen. Goldene, silberne, farbige, einfache und sehr aufwendige Masken wechselten sich ab. Wo keine Masken hingen, waren Harlekin-Kostüme drapiert, Rokoko-Kleider wetteiferten mit Phantasie-Kostümen um die schönsten Farben.

»Na, hat es sich gelohnt?«, holte Gabrielas Stimme mich zurück in meine Welt.

»Es ist einfach phantastisch«, hauchte ich.

»Schade, dass er zu ist.«

»Das haben wir gleich. Marcello hat versprochen, dass er extra für uns aufmacht.«

Mein Kopf fuhr herum.

»Hast du mir da etwas verschwiegen?«, fragte ich scheinbar vorwurfsvoll und schickte ihr einen provozierenden Blick. Aber sie wurde weder rot noch verlegen.

»Marcello ist nett, aber nicht wirklich mein Typ«, antwortete sie würdevoll und betätigte die kleine Klingel vor der Ladentür.

Ein Schatten bewegte sich aus dem Inneren des Ladens zu Tür. Kurze Zeit später hörte ich, wie ein Schlüssel sich im Schloss drehte. Die Tür öffnete sich und dann blieb die Zeit stehen. Dieser Mann war so schön, dass ich nicht aufhören konnte ihn zu betrachten. Dichtes schwarzes Haar umrahmte sein fein geschnittenes Gesicht, dessen Haut so hell und durchscheinend war wie Alabaster. Seine Augen waren lang gezogen wie Katzenaugen und leuchteten so grün wie zwei Smaragde. Dichte, schön geschwungene Augenbrauen brachten seine Augen noch mehr zum Leuchten. Seine Lippen verzogen sich zu einem beinahe überirdisch schönen Lächeln, das goldene Funken in seinen Augen aufblitzen ließ. Ein feiner Duft nach Lilien stieg in meine Nase, ein schwerer, süßer Duft, der meine Sinne benebelte. Er wirkte, als sei er aus einer anderen Zeit in das heutige Venedig gefallen. Aufmerksam glitten seine Blicke über mein Gesicht und meinen Körper und machten mich äußerst verlegen. »Guten Morgen!«, begrüßte er uns. Seine dunkle, samtweiche Stimme ließ heftige Schauer über meinen Rücken laufen. »Guten Morgen. Wir kommen wegen dem Kleid«, antwortete Gabriela geschäftsmäßig. Wie konnte sie so ruhig bleiben?

»Dann wollen wir mal sehen, ob das Kleid dir auch passt«, sagte er und lächelte.

Neben mir stand Gabriela und grinste mich schelmisch an.

»Was für ein Kleid?«, fragte ich erstaunt. Marcellos Blick glitt zu Gabriela und dann wieder zu mir zurück.

»Du weißt noch nichts davon?«

»Nein. Gabriela schafft es immer wieder, mich zu überraschen«, antwortete ich und sandte ihr einen säuerlichen Blick zu.

»Ich bin mir sicher, dass es dir gefallen wird«, sagte Marcello und warf mir wieder einen so überaus interessierten Blick zu, dass ich verlegen errötete.

»Einen Augenblick.«

Er verschloss die Ladentür wieder sorgfältig und ging uns voran in den hinteren Teil des Ladens. Dort verschwand er kurz in einer Tür und kam mit einem Kleid über dem Arm wieder zurück. Rot-golden leuchtete es in seinem Arm. Dieses Kleid hatte ich zu Hause in Deutschland auf einem Flohmarkt entdeckt, es war in einem so erbärmlichen Zustand gewesen, dass ich es nicht gekauft hatte, weil ich mir einfach nicht zutraute, es selber wieder her zu richten. Deshalb also war Gabriela noch einmal zurück auf den Flohmarkt gegangen.

»Komm, probiere es an, Julia.« – Er lächelte: »Giulia.«

Ich nahm ihm das Kleid ab und sah mich suchend um.

»Du kannst dich im Nebenzimmer umziehen.«

Ich war so nervös, dass ich ewig brauchte um mich auszuziehen. Der Stoff des Kleides raschelte geheimnisvoll als ich hineinschlüpfte und es an meinem Körper hochzog. Erstaunt stellte ich fest, dass es wie angegossen passte.

»Brauchst du noch länger?«, schreckte Gabrielas Stimme mich auf.

»Ich komme!«

Zögernd trat ich aus dem Zimmer.

»Julia, dieses Kleid ist ein Traum!«, rief Gabriela begeistert aus.

»Als wäre es nur für dich gemacht worden«, fügte Marcello hinzu. »Sieh dich einmal im Spiegel an.«

Ich trat vor den Spiegel, der mitten im Raum stand, und blickte hinein: Ich erkannte mich selbst kaum noch. Dieses Kleid war tatsächlich traumhaft. Die eng geschnittene Korsage, die aufwendig mit goldenen und schwarzen Blütenmustern verziert war, schmiegte sich eng an meinen Oberkörper und die schwarze Spitze am Ausschnitt kitzelte meine Haut. Die schmal geschnittenen Ärmel weiteten sich ab Ellenbogengegend trompetenförmig und ließen meine Unterarme schlank und anmutig wirken. Das mit goldenen Ornamenten verzierte Schwarz rundete den scharlachroten Rest des Oberteils elegant ab. Jetzt erst sah ich, dass der Rock aus zwei Teilen bestand; einem scharlachroten, leicht ballonartigen oberen Rock mit dem gleichen Blumenmuster wie auf der Korsage, und einem in einfachem Schwarz gehaltenen Rock darunter.

»Warte, das Kleid ist hinten nicht richtig verschlossen«, holte Marcellos Samt-Stimme mich aus meinen Gedanken.

Bevor Gabriela oder ich etwas sagen konnten, trat er hinter mich und öffnete geschickt die gefühlten tausend Häkchen im Rückenteil des Kleides und schloss sie eben so flink wieder. Jetzt saß das Kleid schon besser.

»Es sieht fantastisch aus. Aber es fehlt noch eine Kleinigkeit«, warf Marcello ein.

Er ging in Richtung Schaufenster, drehte die Puppe um und nahm ihr die goldene Maske ab. Dann kam er wieder zurück und trat wieder hinter mich. Vorsichtig legte er die Maske über den oberen Teil meines Gesichtes und schob das Halteband über meinen Kopf. Seine Fingerspitzen berührten leicht meinen Nacken – das reichte auch schon, dass alle meine Nackenhaare sich wohlig aufrichteten. Wieder hüllte mich dieser starke Lilienduft ein und machte mich schwach und zittrig. Sein Atem streifte warm meinen Hals.

»Du bist schön, Giulietta«, klang seine Stimme in mein Ohr; dunkel und sinnlich.

Erstaunt blickte ich mich um, aber er stand nur dort und lächelte dieses überirdisch schöne Lächeln, das goldene Funken in seine katzengrünen Augen zauberte.

»Bitte?« fragte ich verwirrt.

»Ich habe dich gefragt, ob du zufrieden bist«, antwortete er harmlos, aber das Leuchten in seinen Augen sagte mir, dass ich zuvor richtig gehört hatte.

»Ja, es passt alles super zusammen. Ich… ich ziehe mich wieder um«, stotterte ich wie ein kleines Mädchen und flüchtete in das Nebenzimmer.

So schnell es ging, zog ich das Kleid aus und bald fühlte ich mich wieder sicher in meinen ganz normalen Kleidern.

»Na, ist das ein anständiges Geburtstagsgeschenk?«, fragte Gabriela mich.

»Gabriela, das ist bestimmt horrend teuer. Lass mich einen Teil davon bezahlen!«

»Kommt nicht in Frage. Außerdem habe ich schon bezahlt.«

Bevor ich etwas entgegnen konnte, trat Marcello wieder zu uns. Er hatte inzwischen mein Kleid und die Maske in einer Papiertasche verstaut und hielt sie mir hin. Als ich die Tasche nahm, berührten unsere Hände sich kurz. Seine Finger fühlten sich so kühl an, dass ich unwillkürlich erschauerte.

»Habt ihr heute Abend schon etwas vor?«, klang seine Stimme an mein Ohr und ich zuckte erschrocken zusammen.

Ich sah auf und versank sofort im intensiven Grün seiner Augen.

»Wir sind heute im… Club. Dort ist heute Abend ein Maskenfest. Vielleicht sehen wir uns ja«, antwortete Gabriela für mich und sah mich bedeutungsvoll an.

»Könnte sein«, sagte Marcello und warf mir wieder einen sehr aufmerksamen Blick zu. Meine Knie wurden sofort weich wie Butter und mein Herz dröhnte wie ein Vorschlaghammer gegen meine Rippen, aber dennoch schaffte ich es zu lächeln, bevor wir aus dem Laden traten.

»Ich glaube, meine Giulia hat heute ihren Romeo gefunden«, holte Gabrielas amüsierte Stimme mich aus meinen Träumen, und ich fand mich wieder kurz vor der Rialto-Brücke.

Ich wurde rot. »Glaubst du, er interessiert sich wirklich für mich?«, fragte ich zweifelnd.

Gabriela runzelte die Stirn. »Machst du Witze? Ich glaube, der hätte dich am liebsten sofort vernascht. Mal sehen, vielleicht laufen wir ihm heute Abend über den Weg.«

»Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir das auch tun werden«, antwortete ich und meine Wangen wurden noch röter.

»Es würde mich für dich freuen, wenn es mit euch beiden klappen würde, nach dem Desaster mit Christoph«, sagte Gabriela und hängte sich bei mir ein.

»Das kannst du laut sagen. Wird Zeit, dass sich mal ein Mann wirklich für mich interessiert und nicht nur eine billige Haushaltshilfe braucht.«

Gabriela zuckte zusammen, als sie den bitteren Ton in meiner Stimme hörte.

»Vergiss Christoph. Du bist hier in Venedig und fängst gerade ein neues Leben an.«

Gabrielas Großmutter stand gerade hinter der Rezeption und verabschiedete zwei Gäste, als wir den Palazzo betraten.

»Hallo, ihr beiden. Seid ihr schon fertig mit der Stadtbesichtigung?«, begrüßte sie uns, nickte den anderen Gästen freundlich zu und kam zu uns.

»Wir haben nur Julias Kostüm geholt«, antwortete Gabriela lachend.

»Die Stadt knöpfen wir uns nach Karneval vor. Und jetzt wird es Zeit, dass ich mir meine Sachen für Karneval zusammen suche.«

»Ich habe in einem der unteren Räume die Koffer mit den Masken und Kostümen. Dort findest du bestimmt etwas, Gabriela.«

Gabriela runzelte unwillig die Stirn.

»Wieso sind die Sachen jetzt unten?«

»Ich habe oben das Zimmer gegenüber von deinem ausräumen lassen, damit ihr dort oben ganz für euch seid. Das waren früher die Dienstbotenwohnungen. Das Zimmer ist zwar klein, aber von dort gibt es eine traumhafte Aussicht. Allerdings müsste es noch gestrichen und eingerichtet werden.«

»Ach, Großmutter, das ist eine wunderbare Idee! Wir werden uns darum kümmern, wenn der Trubel vorbei ist. So, ich gehe mal hinunter und suche mir etwas Schönes heraus. Kommst du mit, Julia?«

»Ich möchte mir nur noch einmal mein Kleid in Ruhe ansehen, dann helfe ich dir. Wohin genau soll ich dann kommen?«

»Einfach hier die Kellertreppe hinunter. Dort, wo die Tür offen steht, gehst rein.«

»Okay.«

Ich machte mich auf den Weg in mein Zimmer. Drinnen angekommen stellte ich die Papiertüte auf die Recamiere, zog erst einmal meine Jacke aus und legte sie über die Rückenlehne. Nun packte ich das Kleid vorsichtig aus.

Marcello hatte wirklich fantastische Arbeit geleistet. Ich griff mir die Maske und strich nachdenklich mit den Fingern über die kunstvollen stilisierten Blumenmuster. Ob Marcello sie selbst angefertigt hatte? So ein Kunstwerk konnte keine Maschine herstellen. Es lag noch ein intensiver Lilienduft auf ihr. Ich schloss die Augen und sofort tauchte sein fein geschnittenes Gesicht vor meinem inneren Auge auf. Ich spürte seine kühlen Finger im Nacken und hörte wieder seine samtweiche Stimme. Anscheinend war ich ihm wirklich schon verfallen, seinem smaragdgrünen Blick und seiner Ausstrahlung. Und ich wollte ihn unbedingt wiedersehen.

»Ah, ich glaube, du arbeitest schon eine Strategie aus, wie du Marcello am besten umgarnen kannst.«

Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Vor mir stand Gabriela mit einem blau-goldenen Bündel in den Armen und lächelte eindeutig zweideutig. Ich war so sehr in Gedanken versunken gewesen, dass ich gar nicht bemerkt hatte, dass sie ins Zimmer gekommen war. Auf einmal brannten meine Wangen wie Feuer.

»Ach, wer weiß ob er wirklich kommt. Vielleicht versprüht er seinen Charme bei jeder einigermaßen hübschen Frau«, wiegelte ich verlegen ab.

»Als ich das erste Mal im Laden war, war er ganz geschäftsmäßig. Es muss heute also an dir gelegen haben. Du solltest sein Interesse genießen.«

»Ich weiß nicht«, antwortete ich unsicher. »Irgendwie habe ich noch Angst, mich wieder zu verlieben. Das letzte Mal war ein Desaster.«

Gabriela legte ihr Kleid ab und legte den Arm um meine Schultern.

»Dann kann es nicht mehr schlimmer werden, sondern nur besser. Marcello fährt voll auf dich ab. Genieße es einfach. Schlimmstenfalls wird es ein kleines Liebesabenteuer. Deinem Selbstbewusstsein wird er bestimmt gut tun.«

Ich musste lächeln. »Du verstehst es immer wieder, einen aufzumuntern.«

»Das ist meine Julia!«

 

***

 

Zufrieden betrachtete ich mich im Spiegel. Das Kleid passte wie angegossen, und Gabriela hatte sogar noch einen passenden Hut und Umhang dafür gefunden.

»Du siehst fantastisch aus, Julia!«, rief Gabriela aus, die hinter mir stand.

Ich drehte mich um und sah einen Traum aus Gold und Royalblau. Gabrielas dunkles Haar stach apart vom Blauton ab und das Gold des Kleides ließ ihre Augen aufleuchten. Sie trug schon die blau-goldene Maske auf der Nase.

»Du siehst aber auch nicht übel aus. Ich glaube, du wirst heute noch so manches Männerherz brechen, Gabriela.« Sie lächelte. »Ich hoffe es doch«, antwortete sie scheinbar unberührt, aber ich spürte, wie geschmeichelt sie sich fühlte.

»Bei deinem Charme dürfte es schwierig für dich sein, keinen Mann abzubekommen. Aber jetzt hilf mir lieber mit der Maske.«

Als ich die Maske auf der Nase hatte, blickte ich wieder in den Spiegel und fühlte mich wie in einer anderen Zeit.

»Zwei Rokoko-Damen auf der Suche nach dem maskierten Geliebten«, meinte Gabriela trocken, und wir fingen an zu kichern wie zwei überdrehte Teenager.

Gabrielas Großmutter kam gerade aus dem Speisezimmer, als wir am Fuß der großen Treppe waren.

»Na, wie sehen wir aus?« fragte Gabriela und drehte sich schwungvoll im Kreis.

»Bellissime. Alle beide! Die Männer werden euch zu Füßen liegen.« antwortete ihre Großmutter lächelnd.

»Aber es fehlt noch etwas. Wartet kurz!«

Sie ging hinter die Rezeption und holte dort etwas aus einer Schublade. Dann kam sie wieder und als sie uns erreichte, sah ich zwei silberne Kreuze in ihrer Hand aufleuchten. Sie gab Gabriela das mit leuchtenden blauen Steinen besetzte Kreuz und mir dasjenige, dessen Steine in einem geheimnisvollen Rubinton schimmerten.

»Aber Großmutter, die sind doch viel zu wertvoll für Karneval«, hauchte Gabriela und sah ihre Großmutter zweifelnd an.

»Sie passen so gut zu euren Kleidern«, erwiderte diese etwas verlegen und sah zu, dass sie Land gewann.

»Wo sie Recht hat, hat sie Recht.«