Der Duft von Safran - Linda Holeman - E-Book
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Beschreibung

Wie weit gehst du für die große Liebe? Albany, eine amerikanische Kleinstadt, Anfang der Dreißigerjahre: Nach vielen Schicksalsschlägen genießt Sidonie O‘Shea endlich ihr Glück mit ihrem Verlobten, dem charismatischen Arzt Etienne Duverger. Doch dieser verschwindet eines Tages ohne ein Wort. In seinem Apartment findet Sidonie den verstörenden Brief einer Frau aus Marokko, Etiennes Heimatland. Hat er sie wirklich verlassen? Und wer ist die Unbekannte? Sidonie muss sich Gewissheit verschaffen und reist Etienne nach ins ferne Marrakesch. Sie ahnt nicht, welche gefährlichen Geheimnisse sie dort unter dem heißen arabischen Himmel entdecken wird – über den Mann, den sie zu lieben glaubt, und über die fremde, magische, betörende Welt, aus der er stammt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:775


Linda Holeman

Der Duft von

Safran

Roman

Aus dem Englischen

von Monika Köpfer

Page&Turner

Die Originalausgabe erschien 2009

unter dem Titel »The Saffron Gate« bei Headline Review,

an imprint of Headline Publishing Group, London.

Page & Turner Bücher erscheinen im

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe

Random House GmbH.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2009 by Linda Holeman

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010

by Page &Turner/Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Frauke Brodd / www.writeandread.lu

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-06133-3

www.pageundturner-verlag.de

Für meine Schwester Shannon,

die Freude in mein Leben bringt.

Liebe Leserinnen und Leser,

ich möchte mich bei allen herzlich bedanken, die meine RomaneSmaragdvogel,Das Mondamulett und Der Lotusgarten gelesen haben.

Für meinen neuesten Roman Der Duft von Safran habe ich mich zur Recherche ins geheimnisvolle Marokko begeben.

Meine ersten Eindrücke waren überwältigend: die Sonne ein roter Feuerball am Abendhimmel, die Gebete von den Minaretten, der Duft von Orangen und exotischen Blumen in der warmen Luft. All das hat mich darin bestärkt, dass Marokko genau der richtige Ort für meine Heldin Sidonie O’Shea sein würde. Auch wenn meine Geschichte 1930 spielt, so steht Sidonie stellvertretend für viele Frauen, unabhängig davon, aus welcher Kultur und Zeit sie stammen, die auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt sind.

Die junge Sidonie lebt zurückgezogen in einer amerikanischen Kleinstadt und glaubt, ihr Leben würde ewig so weitergehen. Doch dann geschieht eine Tragödie, die sie völlig aus dem Gleichgewicht bringt und durch die sie dem charismatischen Arzt Dr. Etienne Duverger begegnet. Er ist der erste Mann, der Sidonie jemals Liebe geschenkt hat. Als er plötzlich spurlos verschwindet, macht sich Sidonie allein und voller Verzweiflung auf die lange Reise ins ferne Marokko, wo sie ihren Geliebten vermutet. Und als sie endlich in Marrakesch ankommt, erfährt sie Dinge, die sie zutiefst erschüttern und sie zwingen, alles, woran sie glaubte, in Frage zu stellen.

Marokko und seine reiche Kultur üben eine große Faszination auf mich aus. Ich wollte das Land mit all meinen Sinnen aufnehmen und durch Sidonie lebendig werden lassen: nicht nur das Leben in der vibrierenden, antiken Stadt Marrakesch, sondern auch Eindrücke der abenteuerlichen und beschwerlichen Reise durch das Land. Frauen, die am Flussufer farbenfrohe Kleider waschen; fröhlich winkende, verstaubte Kinder; Männer, die ihre Esel mit bloßen Fersen antreiben; die atemberaubende Kulisse grüner Täler zwischen kargen Bergen; der wirbelnde Tanz der Berber in ihren blauen Kaftanen, die sich zu Trommeln und Händeklatschen bewegen; Nomadenfrauen mit Hennatattoos an Händen, Füßen und in den Gesichtern; wilde Kamele und in den kalten Nächten eine so tiefe Stille, dass man sie wie eine Melodie wahrnimmt. Sidonie sollte wie ich in einem Nomadenzelt mitten in der Sahara liegen, unter Decken aus Ziegenfell, die Einsamkeit des weiten Landes erfahren, aber auch die Geschäftigkeit einer Stadt.

Wie würde sie mit diesen fremden Erfahrungen zurechtkommen? Sie ist eine zerbrechliche Heldin, als sie in Marokko ankommt. Doch sie nimmt die Herausforderungen dieses exotischen Landes an und verändert sich. Sie beginnt statt zarter Aquarelle farbkräftige Ölbilder zu malen, und sie lernt, voller Hingabe zu lieben.

Es ist eine Geschichte um dunkle Geheimnisse und Lügen, um Zauberkraft und wilde Leidenschaft und darüber, wie eine Frau ihre eigenen ungeahnten Stärken entdeckt und ihr Glück findet.

Ich hoffe, Sie werden Sidonie in Ihr Herz schließen, sie voller Spannung auf ihrer Reise begleiten und in Der Duft von Safran die Magie und Schönheit Marokkos entdecken.

Mit herzlichen Grüßen

Die Nacht bringt Sterne hervor, so wie die Sorge

uns die Wahrheit offenbart.

Philip James Bailey

EINS

Straße von Gibraltar

April 1930

Wir waren in den Levante geraten. Dieses Wort hörte ich zum ersten Mal, als ein Grüppchen von Spaniern an Deck kam, die aufs Meer hinausdeuteten und die Köpfe schüttelten.

Viento de Levante, sagte einer von ihnen laut, spuckte aus und fügte etwas hinzu, was ich nicht verstand, doch an seinem missmutigen Gesichtsausdruck konnte ich unschwer erkennen, dass es sich um einen Fluch handelte. Dann küsste er das Kreuz, das er um den Hals trug.

Die Spanier begaben sich zum Deckaufbau der Fähre, wo sie sich mit dem Rücken zur Wand auf die Fersen hockten. Die Hand schützend vor die Flamme gehalten, versuchten sie, sich ihre kleinen, selbst gedrehten Zigaretten anzuzünden. Plötzlich zog ein feuchter, immer dichter werdender Nebel auf. Dies wie auch die Tatsache, dass die Spanier ihre Kreuze geküsst hatten, schien mir ein eher beunruhigendes Vorzeichen.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich zu dem Mann in mittleren Jahren, der neben mir an der Reling stand. Als wir an Bord gegangen waren, hatte ich ihn mit einem Gepäckträger Englisch reden hören, daher wusste ich, dass er, wie ich, Amerikaner war. Seine aufgedunsenen, rot geäderten Wangen und die Tränensäcke unter den Augen zeugten von einem ausschweifenden Leben. Wir waren die einzigen zwei amerikanischen Passagiere an Bord. »Was haben die Männer gesagt? Was bedeutet ›Levante‹?«

»Levante«, sagte er und knöpfte seinen Mantel zu. »Levante ist das spanische Wort für ›Osten‹. Und ›levantar‹ heißt ›aufziehen‹. Es handelt sich um einen heftigen Wind aus dem Osten.«

Ich kannte den Scirocco und den Mistral, die Winde, die den Mittelmeerbewohnern häufig zusetzten. Doch vom Levante hatte ich noch nie gehört.

»Verdammter Mist«, sagte der Mann, um dann rasch hinzuzufügen: »Verzeihung, aber so ein Wind kann einen jede Menge Zeit kosten. Wenn es uns nicht gelingt, ihm vorauszueilen, könnte es sein, dass wir wieder kehrtmachen müssen.«

Trotz des Windes nahm ich sein Parfüm wahr, das zu blumig und schwer war. »Vorauseilen? Wird der Wind nicht einfach über uns hinwegwehen?«

»Schwer zu sagen. Hier, am westlichen Rand der Straße von Gibraltar, wird er seine größte Stärke erreichen.« Mit einem Mal hob sich sein Hut wie von unsichtbarer Hand gelüpft, und obwohl er rasch nach seiner Kopfbedeckung zu greifen versuchte, die sich in geringer Entfernung vor uns in der Luft drehte, stieg der Hut in die Lüfte empor und entschwand. »Verdammter Mist!«, rief er und legte den Kopf in den Nacken, um den tief hängenden schweren Himmel nach ihm abzusuchen, ehe er sich wieder mir zuwandte. »Bitte verzeihen Sie, Mrs…?«

»O’Shea. Miss O’Shea«, sagte ich. Mein Cape bauschte sich im Wind und wirbelte um mich herum wie bei einem sich drehenden Derwisch. Mit einer Hand presste ich den Stoff an die Brust, während ich mit der anderen meinen Hut festhielt. Auch wenn er mit mehreren Nadeln an meinem Haar befestigt war, spürte ich, wie der Wind an ihm zerrte, und hatte das beunruhigende Gefühl, er könnte sich jeden Moment von meinem Kopf lösen. Ich bekam kaum mehr Atem, teils wegen des Windes, teils weil mir die Angst die Luft abschnürte.

»Könnte… könnte das Schiff… womöglich kentern?« Das Wort »untergehen« brachte ich nicht über die Lippen.

»Ich muss mich abermals wegen meiner mangelnden Manieren entschuldigen, Miss O’Shea. Kentern?« Er blickte über meine Schulter hinweg zum Schiffsheck. »Es passiert nicht mehr allzu oft, dass ein Schiff in der Straße von Gibraltar untergeht. Nicht bei den leistungsstarken Motoren, mit denen diese Fähren heutzutage ausgestattet sind.«

Ich nickte, obwohl mich seine Worte nicht besonders beruhigten. Vor kurzem war ich mit dem Schiff von New York nach Marseille gereist und von dort aus weiter bis zur äußersten Südspitze Spaniens und hatte abgesehen von ein, zwei Tagen rauen Seegangs auf dem Atlantik keine schlimmen Erfahrungen gemacht. Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet dieser schmale Seeweg mit bösen Überraschungen aufwarten könnte.

»Dieses Klima ist so unvorhersehbar«, fuhr der Mann fort, »und manchmal kann es recht garstig sein. Der Levante dauert in der Regel drei Tage, und falls der Kapitän beschließen sollte, die Reise nicht fortzusetzen, werden wir gezwungen sein, zu einem dieser schrecklichen kleinen Häfen an der spanischen Küste zurückzukehren, um dort bis mindestens Samstag festzusitzen.«

Samstag. Es war Mittwoch. Ich hatte in Marseille schon viel zu lange warten müssen. Jeder Tag, der verging, verstärkte die Panik, die ich in mir verspürte, seit ich ihn, Etienne, zuletzt gesehen hatte.

Der Wind blies mir salzige Gischt ins Gesicht, und ich rieb mir mit den behandschuhten Fingern die Augen, teils um meinen getrübten Blick zu klären, aber auch um das Bild meines Verlobten vor meinem geistigen Auge zu vertreiben. Wo er jetzt wohl sein mochte?

Der Mann nahm den Faden wieder auf: »Sie sollten besser nach drinnen gehen. Dieser Sprühnebel… Nicht lange, und Sie werden von Gischt und Nebel durchtränkt sein. Sie wollen doch sicher nicht krank in Tanger ankommen. Nordafrika ist kein Ort, an dem man krank sein sollte.« Er musterte mich eingehender. »Nordafrika ist ein Ort, an dem man stets seine fünf Sinne beisammenhaben sollte.«

Seine Worte trugen nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Ich rief mir in Erinnerung, wie ich vor nicht einmal zehn Tagen von Fieber geschwächt in dem schmalen Bett in Marseille gelegen hatte. Mutterseelenallein.

Der Mann musterte mich noch immer. »Miss O’Shea? Begleitet Sie jemand auf Ihrer Reise?«

»Nein«, rief ich gegen den pfeifenden Wind an. »Nein, ich reise allein.« Allein. Hatte ich das Wort lauter ausgesprochen als beabsichtigt? »Kennen Sie Tanger?« Mir wurde bewusst, welch groteskes Bild wir für die Spanier abgeben mussten, wie wir da an Deck standen und uns gegen den Wind anschreiend unterhielten. Halbwegs von dem überhängenden Schiffsaufbau geschützt, war es ihnen gelungen, ihre Zigaretten anzuzünden, und nun betrachteten sie rauchend und mit zusammengekniffenen Augen den Himmel. Offensichtlich war der Levante keine neue Erfahrung für sie.

»Ja«, schrie der Mann, »ja, ich war schon einige Male dort. Kommen Sie, lassen Sie uns hineingehen!« Er legte mir eine Hand an den Rücken und schob mich sanft zur Tür. Als wir den schmalen Gang betraten, der zum Aufenthaltsraum führte, fiel die Tür krachend hinter uns ins Schloss, und mit einem Mal spürte ich eine große Erleichterung, dem Wind entronnen zu sein. Ich strich mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, die mir an den Wangen klebten, und rückte mein Cape zurecht.

»Können Sie mir ein Hotel in Tanger empfehlen? Nur für ein, zwei Nächte; ich muss nämlich weiter nach Marrakesch. Ich bin mir nicht sicher, welche Route die beste ist… Ich habe einige Reiseberichte gelesen über die Strecke Tanger – Marrakesch, aber in jedem stand etwas anderes, sodass ich jetzt genauso schlau bin wie zuvor.«

Er musterte mein Gesicht. »Ich würde Ihnen raten, im Hotel Continental in Tanger abzusteigen, Miss O’Shea«, sagte er gedehnt. »Es ist zurzeit das schickste, und man trifft dort immer einige Amerikaner und Briten. Auch die wohlhabenden Europäer quartieren sich dort ein. Es befindet sich innerhalb der alten Stadtmauer und ist ein sicherer Hafen.«

»Ein sicherer Hafen?«, wiederholte ich.

»Sie sollten sich in Tanger ein wenig vorsehen. Sie wissen schon: diese engen, gewundenen Straßen und Gassen. Dort verliert man schnell die Orientierung. Und die Menschen…« Er unterbrach sich, ehe er fortfuhr: »Doch im Continental herrscht die koloniale Atmosphäre vergangener Zeiten. Ja, ich kann Ihnen dieses Hotel nur empfehlen. Oh…«, sagte er, als wäre ihm gerade etwas Wichtiges eingefallen, »und es gibt dort keine Franzosen. Die übernachten entweder bei Verwandten oder sie logieren im Cap de Cherbourg oder dem Val Fleuri.«

Ohne meine Antwort abzuwarten, sprach er weiter. »Abends herrscht in der Lounge des Continental reger Betrieb. Cocktails und Barmusik, Sie wissen schon, wenn man diese Dinge mag«, sagte er und sah mich aufmerksam an. »Für mich ist das nichts, aber für eine Dame wie Sie, könnte ich mir denken, ist es das Richtige.«

Ich nickte.

»Aber Sie sagten, Sie wollen nach Marrakesch weiterreisen?«, fragte er. »Quer durch das Land also?«

Wieder nickte ich.

Er hob die Augenbrauen. »Aber doch gewiss nicht allein. Treffen Sie Freunde in Marrakesch?«

»Ich hatte eigentlich vor, mit dem Zug zu fahren«, sagte ich ausweichend, beeilte mich angesichts seines fragenden Ausdrucks jedoch hinzuzufügen: »Es gibt doch eine Zugverbindung nach Marrakesch, nicht wahr? Ich habe gelesen…«

»Ich sehe schon, Sie kennen Nordafrika nicht, Miss O’Shea.«

Das stimmte, ich kannte Nordafrika nicht.

Ebenso wie ich Etienne kaum kannte, wie mir in diesem Moment wieder allzu klar wurde.

Da ich schwieg, ergriff der Fremde wieder das Wort. »Es ist keine Reise für Zartbesaitete. Und gewiss keine Reise, die ich einer jungen Dame ohne Begleitung ans Herz legen würde. Überhaupt, eine Ausländerin in Nordafrika…« Er hielt inne. »Ich würde Ihnen unbedingt davon abraten. Bis nach Marrakesch ist es ein weiter Weg. Und es ist ein verfluchtes Land, man weiß nie, was einen erwartet. In jeder Beziehung.«

Ich schluckte. Mit einem Mal war mir zu heiß, und das schummrige Licht in dem Korridor tauchte alles in ein blendendes, nebliges Weiß, während das Tosen des Windes und das monotone Stampfen der Motoren abebbten.

Ich hoffte, nicht in Ohnmacht zu fallen. Nicht hier.

»Sie fühlen sich nicht wohl«, sagte der Mann, und seine Stimme klang in meinen Ohren wie durch Watte gedämpft. Mir war schwindelig. »Kommen Sie und setzen Sie sich.«

Ich spürte seine Hand an meinem Ellbogen, die mich weiterdrängte, und wie sich meine Füße ohne mein Zutun bewegten. Mit meinem wehen Bein hatte ich schon bei ruhiger See meine Mühe, mich an Deck fortzubewegen, umso schwieriger war es unter diesen Umständen. Ich stützte mich mit der Hand an der Wand ab, und als ich ins Straucheln geriet, lehnte ich mich an den Arm des Mannes, um nicht zu stürzen. Dann fühlte ich einen resoluten Druck an den Schultern, und schon saß ich auf einem harten Stuhl. Die Arme vor dem Bauch gekreuzt, beugte ich mich vor und atmete mit geschlossenen Augen tief ein, bis ich spürte, wie das Blut wieder in den Kopf zurückfloss. Als ich den Oberkörper wieder aufrichtete und die Augen öffnete, sah ich, dass wir in dem engen, rauchgeschwängerten Aufenthaltsraum saßen, der gesäumt war von Reihen im Boden verankerter Metallstühle. Er war etwa halb gefüllt mit Passagieren, in denen ich aufgrund ihrer Gesichtszüge und Kleidung Spanier oder Nordafrikaner erkannte, aber auch mit Reisenden, deren physische Merkmale mir keinen Aufschluss über ihre Nationalität gaben. Mein Helfer saß neben mir.

»Danke, es geht mir schon besser.«

»Sie sind nicht die Einzige, der der Seegang schwer zusetzt«, sagte er.

Ich bemerkte, dass um mich herum einige stöhnten, Kinder schrien– offensichtlich waren andere Passagiere ebenfalls seekrank.

»Also, was den Zug nach Marrakesch betrifft…«, sagte er. »Sie haben recht: Es gibt eine Zugverbindung. Doch sie verläuft nicht von Tanger aus. Sie müssen zuerst nach Fes oder Rabat gelangen und von einer dieser Städte den Zug nehmen. Fes würde ich Ihnen jedoch nicht empfehlen, die Stadt liegt ziemlich abgelegen im Landesinneren. Mit Rabat wären Sie auf der sichereren Seite, obwohl Sie, um dorthin zu gelangen, einen Wagen und Fahrer mieten müssen. Überhaupt, warum beenden Sie Ihre Reise nicht in Rabat, wenn Sie schon nicht in Tanger bleiben und dennoch ein wenig von Marokko sehen wollen?«

»Nein, das geht nicht, ich muss nach Marrakesch. Ja, nach Marrakesch«, wiederholte ich und befeuchtete meine Lippen, die furchtbar trocken waren. Mit einem Mal hatte ich schrecklichen Durst.

»Um ehrlich zu sein, würde ich nicht auf den Zug von Rabat nach Marrakesch vertrauen, Miss O’Shea. Wie gesagt, die Verbindung ist alles andere als zuverlässig: Die Gleise verschieben sich ständig oder werden von Kamelen oder diesen grässlichen Nomaden blockiert. Am besten wäre es, Sie nehmen sich für die gesamte Strecke einen Wagen mit Fahrer. Andererseits– diese lausigen Sandpfade, die als Straßen gelten–, na ja, die Franzosen sind stolz auf sie, doch sie führen oft durch abgelegenes Gebiet, und man wird ganz schön durchgerüttelt, bestimmt nicht das, was Sie gewohnt sind.«

Ich blinzelte und setzte mich gerade hin, bemüht, all diese Einzelheiten zu verarbeiten– allesamt ernüchternd, wie mir dämmerte.

»Und auch auf den Straßen sind Sie nicht vor Unbill gefeit, bestimmt werden Sie auf die alten Routen ausweichen müssen, im Grunde nichts weiter als Karawanenpisten aus Sand, die für Kamele und Esel gemacht sind, aber gewiss nicht für Automobile. Wie ich sagte, gibt es Städte, die näher an Tanger liegen. Außerdem sollten Sie besser an der Küste bleiben, wegen der kühlen Winde. Der Hochsommer ist im Anzug, und der bedeutet in Marokko unerträgliche Hitze. Wenn Sie also unbedingt Tanger verlassen müssen, würde ich Ihnen raten, in Rabat Station zu machen. Oder meinetwegen auch nach Casablanca weiterzureisen. Die Stadt ist weitaus zivilisierter als…«

»Vielen Dank für Ihre Informationen«, sagte ich. Er wollte mir ja nur helfen, schließlich hatte er keine Ahnung, warum ich so dringend nach Marrakesch musste.

»Nichts für ungut, aber wirklich, Miss O’Shea, Marrakesch. Ich nehme an, Sie haben Familie dort. Oder wenigstens Freunde. Niemand reist nach Marrakesch, ohne eine Anlaufstelle zu haben. Außerdem gibt es nur Franzosen dort, müssen Sie wissen. Haben Sie jemanden in Marrakesch?«

»Ja«, sagte ich und hoffte, überzeugend zu klingen, obwohl ich mir selbst nicht sicher war. Die Antwort würde ich erst bekommen, wenn ich in Marrakesch ankam. Mit einem Mal wollte ich nichts mehr davon hören und auch keine weiteren Fragen beantworten. Statt mich in meinem Vorhaben zu bestärken, auf eigene Faust das westliche Nordafrika zu durchqueren, ließ diese Unterhaltung meine Unsicherheit und Ängste nur noch größer werden.

»Bitte fühlen Sie sich nicht gezwungen, mir länger Gesellschaft zu leisten. Es geht mir schon wesentlich besser, wirklich. Und nochmals vielen Dank«, sagte ich und versuchte zu lächeln.

»Na gut«, sagte er und stand auf.

War das Erleichterung, was ich in seinen Augen sah?, fragte ich mich. Wie musste ich wohl auf ihn wirken– so allein, gänzlich unvorbereitet, so… verzweifelt? Wirkte ich verzweifelt auf ihn?

Als er den Aufenthaltsraum verließ, fiel mein Blick auf die spanische Familie mit drei kleinen Kindern, die mir gegenübersaß. Das kleinste Kind, ein Mädchen, hielt eine winzige Puppe hoch, wie um sie mir zu zeigen.

Unvermittelt durchfuhr mich ein unbestimmter Schmerz, und ich schrieb es meinem Durst und meinen Ängsten zu.

Der Levante wurde noch grimmiger. Aufgrund des rauen Seegangs war es schwer zu sagen, ob wir wieder kehrtgemacht hatten– eine Möglichkeit, die der Amerikaner angedeutet hatte– oder unsere Reise fortsetzten. Die Fähre bahnte sich einen Weg durch die sturmgepeitschten Wellen, und der monotone Rhythmus, in dem unser Schiff die hohen Wogen erklomm und wieder hinabstürzte, verstärkte meine Seekrankheit noch. Anderen erging es nicht besser; einige eilten an Deck, um sich dort, wie ich vermutete, an die Reling geklammert, zu übergeben. Plötzlich beugte sich das kleine spanische Mädchen nach vorn und erbrach sich. Ihre Mutter wischte mit der Hand ihren Mund sauber, um sie dann auf ihren Schoß zu ziehen und ihr übers Haar zu streichen. Der säuerliche Gestank in dem Raum wurde zusehends schlimmer, es war unerträglich heiß und stickig. Ich fuhr mir mit dem Ärmel übers Gesicht, froh, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Wenn ich doch nur, wie die meisten anderen Passagiere, eine Flasche Wasser mitgenommen hätte, schalt ich mich. Alle saßen reglos da, während sich ihre Körper im Rhythmus des Schiffes hoben und senkten, und schwiegen, während zuvor beim Auslaufen aus dem spanischen Hafen noch ein aufgeregtes Stimmengewirr geherrscht hatte. Sogar die kleinen Kinder waren nun still, nur das Mädchen wimmerte leise in den Armen seiner Mutter.

Wieder dachte ich daran, dass das Schiff kentern könnte. Und wieder wurde mir klar, in welch missliche Lage ich mich gebracht hatte, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie gefährlich eine solche Reise war.

Erneut wurde unser Schiff von einer Welle ergriffen, einer besonders hohen diesmal, und ich wurde auf den Sitz neben mir geschleudert. Dabei stieß ich mit dem Ellbogen an die harte Sitzfläche, und ein heftiger Schmerz fuhr mir durch die Hüfte, sodass ich unwillkürlich aufschrie, wie andere ringsumher auch. Und noch immer sprach niemand ein Wort; alle setzten sich lediglich aufrecht hin und schwiegen. Ich schlug die Hand vor den Mund und schluckte immer wieder die Magensäure hinunter, die mir, indem sie die Bewegungen des Schiffes nachahmte, die Kehle hinauf- und hinabfloss. Ich schloss die Augen und versuchte, tief einzuatmen und nicht auf den Wind zu achten, der um die Fenster des Decks heulte, versuchte, nicht den Geruch einzuatmen, der von den ekelhaften Pfützen auf dem Boden aufstieg.

Und dann, so langsam, dass ich es kaum bemerkte, ließ das Schwanken des Schiffes nach. Ich setzte mich gerade hin und bemerkte, dass ich durch die Fenster nicht mehr das Steigen und Fallen der Meeresoberfläche sehen konnte. Der Boden unter meinen Füßen fühlte sich wieder fester und vertrauter an, und mein Magen beruhigte sich.

Als einer der Spanier die Tür öffnete und rief: »Tanger, Ya llegamos!«, atmete ich erleichtert auf, und beifälliges Gemurmel erhob sich. Den Worten des Spaniers meinte ich zu entnehmen, dass er die Stadt erspäht hatte oder dass wir uns ihr näherten. Also waren wir dem Levante vorausgeeilt, hatten den Sturm in der Mitte der Straße von Gibraltar hinter uns gelassen, wo er sich austobte. Dankbar schloss ich die Augen, und als ich sie wieder aufschlug, waren einige der Kinder zu den Fenstern gerannt. Endlich erhob sich ein immer lauter werdendes Stimmen- und Sprachengewirr, während der Raum von einer allgemeinen Euphorie ergriffen wurde. Und dann standen alle auf, streckten die Glieder und verschafften sich Bewegung, sammelten plaudernd Kinder und Gepäckstücke ein. Die Familie, die mir gegenübergesessen hatte, ging hinaus, das kleine Mädchen noch immer auf dem Arm seiner Mutter, die Puppe an sich gepresst. Auch ich erhob mich, spürte jedoch sofort wieder Schwindel und Übelkeit, ob aufgrund des noch immer schwankenden Schiffs, als Folge meines Dursts und der Tatsache, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, oder meiner kurz zurückliegenden Erkrankung, konnte ich nicht sagen.

Ich setzte mich wieder.

»Miss O’Shea? Wie schade, dass Sie nicht an Deck gekommen sind, um unser Einlaufen zu beobachten. Ein grandioser Anblick in diesem Sonnenlicht… Oh, aber Sie leiden noch immer unter dem Wetter, wie ich sehe«, sagte der Amerikaner stirnrunzelnd, und mir wurde bewusst, dass ich noch immer blass im Gesicht sein musste. »Kann ich Ihnen helfen, jemanden…?«

Ich schüttelte den Kopf und unterbrach ihn. »Nein, nein.« Auch wenn sein Hilfsangebot verlockend klang, so war mir mein noch immer andauernder Schwächeanfall peinlich. »Ich ruhe mich noch ein wenig aus, dann wird es bestimmt besser. Nochmals vielen Dank, Sie waren äußerst freundlich. Aber nun lassen Sie sich bitte nicht länger aufhalten, gehen Sie ruhig, ich bitte Sie.«

»Wie Sie wollen«, sagte er. »Aber hüten Sie sich vor den Schwarzhändlern, die überall im Hafen herumhängen. Nehmen Sie ein petit taxi oder, falls es keines gibt, einen Karren. Und bezahlen Sie nur die Hälfte des verlangten Preises. Nur die Hälfte. Sie werden Ihnen zwar die Geschichte von ihren zehn hungrigen Kindern und von ihrer kranken Mutter erzählen, aber bleiben Sie standhaft. Nur die Hälfte, keinesfalls mehr.«

Ich nickte abermals und hoffte inständig, er möge jetzt gehen, damit ich die Augen zumachen konnte, um mein Schwindelgefühl zu bekämpfen.

»Dann auf Wiedersehen, Miss O’Shea, ich wünsche Ihnen viel Glück. Das werden Sie brauchen, wenn Sie tatsächlich auf eigene Faust nach Marrakesch reisen wollen.« Ich hörte, wie er sich langsamen, schweren Schrittes entfernte.

Nach wenigen Momenten, als nur noch gedämpfte Rufe von draußen hereindrangen, stand ich allein in dem Raum. Ich streifte mir die Handschuhe über und begab mich an Deck, ins warme Sonnenlicht. Sobald ich durch die Tür trat, war das Schwindelgefühl verschwunden; die Luft war frisch, barg den Geruch des Meeres und ein anderes, scharfes Aroma, Zitrusduft vermutlich. Es war ein frischer, sauberer Duft. Ich atmete tief ein, und mit jedem Atemzug fühlte ich mich stärker. Währenddessen warf ich einen neugierigen Blick auf Tanger, soweit es von der Fähre aus zu sehen war.

Der Amerikaner hatte nicht zu viel versprochen, es war eine wahrlich grandiose Aussicht. Ein Amphitheater war zu erahnen, und vom Hafen zogen sich in einem Meer aus Palmen weiße Häuser den Hang hinauf. Minarette, deren Spitzen in der Sonne glänzten, ragten weit in den Himmel. Die Stadt strahlte eine fremdländische Schönheit aus, ganz anders als die Betriebsamkeit in den industriellen Hafenanlagen von New York oder Marseille. Wie angewurzelt stand ich da und betrachtete die Palmen, die sich sanft in der Brise wiegten. Schließlich löste ich den Blick von der Stadt und wandte ihn dem Hafen zu. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Da waren nur Männer – wo waren die Frauen? Einen kurzen Augenblick lang kam mir der absurde Gedanke, dass es sich bei all den Männern um Mönche handelte … aber wie konnte das sein? War Tanger nicht eine muslimische Stadt? In der nächsten Sekunde gewahrte ich meinen Irrtum: Die Kapuzenmäntel, die die Männer trugen, hatten mich in die Irre geführt. Wie hießen die Gewänder noch mal? Der Name wollte mir nicht mehr einfallen. Bestimmt erfüllten die Kapuzen den Zweck, ihre Träger vor der heißen Sonne zu schützen, oder es war eben ein Brauch. Weite Kapuzen, die sich seitlich über die Gesichter wölbten.

Und aus einem unerfindlichen Grund flößten mir diese Kapuzengewänder, die ihre Träger gesichtslos machten, eine unheilvolle Vorahnung ein.

Mit einem Mal wurde mir klar: Ich war vollkommen fremd hier, und niemand war da, um mich zu begrüßen.

Während ich mich mit der Hand an dem dicken, rauen Seil entlangtastete, schritt ich über die Landungsbrücke.

Es gab keine Wachen, keine Grenzkontrollen. Ich wusste, dass Tanger ein Freihafen war– die genaue Bezeichnung lautete »Internationale Zone von Tanger«– und dass Ankommende oder Abreisende keinerlei Beschränkungen unterlagen.

Als ich das Ende der Gangway erreichte, erspähte ich mein Gepäck, das an Deck nass geworden war, sodass die Kreidebeschriftung verschmiert und kaum mehr zu lesen war. Meine zwei schweren Koffer standen verwaist da, denn ich verließ als letzter Passagier das Fährschiff. Als ich auf die Gepäckstücke zuschritt und mir den Kopf zerbrach, ob ich genügend Kraft haben würde, sie zu tragen, kam ein kleiner dunkler Mann auf mich zu. Der schmutzige weiße Turban saß wie ein verschlungenes Nest auf seinem Kopf, und er führte einen struppigen, grauen Esel am Zügel, der einen Karren zog. Er sprach mich an, doch ich bedeutete ihm mit einem Kopfschütteln, dass ich ihn nicht verstand. Dann fragte er mich auf Französisch, wohin ich wolle.

»Ins Hotel Continental, s’il vous plaît«, erwiderte ich, denn ein anderes Hotel hätte ich ihm ohnehin nicht nennen können.

Er nickte und streckte die Hand mit dem Handteller nach oben aus und nannte mir auf Französisch einen Preis in Sous.

Ich rief mir die Worte des korpulenten Amerikaners ins Gedächtnis: Nordafrika ist ein Ort, an dem man stets seine fünf Sinne beisammenhaben sollte. Was, wenn dieser Mann, der so eifrig nickte, keinerlei Absicht hatte, mich ins Hotel zu fahren? Was, wenn er mich an einen verborgenen Ort brachte und mich dort zurückließ, nachdem er mich meines Geldes und Gepäcks beraubt hatte?

Wenn er nicht noch Schlimmeres im Schilde führte.

Die Tragweite meines Tuns– allein hierherzureisen, ohne irgendeine Anlaufstelle zu haben, jemanden, der mir in der Not hätte helfen können– fiel mir wie Schuppen von den Augen.

Ich sah den Mann an, dann die anderen Männer, von denen es hier wimmelte. Einige starrten mich unverhohlen an, während andere mit gesenktem Kopf vorbeieilten, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Hatte ich eine andere Wahl?

Ich befeuchtete die Lippen und sagte, ich würde die Hälfte des Preises zahlen, den er genannt hatte. Er runzelte die Stirn, schlug sich gegen die Brust und schüttelte heftig den Kopf, während er sich erneut seiner mir fremden Sprache bediente. Schließlich nannte er auf Französisch einen anderen Preis, einen, der in der Mitte zwischen seinem ersten Angebot und meinem lag. Er wich meinem Blick aus, und ich fragte mich, ob aus Scheu oder aus Verschlagenheit. Wieder überlegte ich, ob ich mein Schicksal in seine Hände legen konnte, und haderte abermals mit mir. Schon jetzt war ich von der Hitze benommen und wusste, dass ich mein Gepäck höchstens ein paar Meter würde tragen können, bevor ich es wieder absetzen müsste. Ich öffnete meine Handtasche und nahm ein paar Münzen heraus. Als ich sie in die Hand des Mannes legte, bemerkte ich erschrocken einen Trauerrand unter meinen Fingernägeln.

Es war, als ob dieser schwarze Kontinent bereits ein Teil von mir geworden wäre, obwohl ich erst wenige Schritte auf ihm getan hatte.

Mit erstaunlicher Leichtigkeit hob der Mann meine beiden Gepäckstücke auf den offenen Eselskarren. Er deutete auf den Platz neben sich, und ich stieg hinauf. Nachdem er die Zügel leicht auf den Rücken des Esels hatte schnalzen lassen, atmete ich erneut tief ein.

»Hotel Continental«, sagte der Mann wie zur Bekräftigung meines Fahrtziels.

»Oui. Merci«, antwortete ich und betrachtete verstohlen sein Profil, ehe ich den Blick geradeaus richtete.

Hier war ich also in Nordafrika. Unzählige Meilen lagen noch vor mir, aber immerhin hatte ich es schon mal bis hierher geschafft– dem Ausgangspunkt meiner langen Reise auf dem unbekannten Kontinent.

Alles in Tanger war fremd für mich– die Architektur, die Gesichter, Sprache und Kleidung der Menschen, die Bäume, Gerüche, ja sogar die Luft. Nichts erinnerte mich an zu Hause– mein ruhiges Heim in Albany im nördlichen Teil des Bundesstaates New York.

Und als ich zurückblickte, in Richtung der Fähre, wurde mir bewusst, dass mir in Amerika nichts mehr geblieben war, nichts und niemand.

ZWEI

Mein Geburtstag war am 1. Januar 1900, dem ersten Tag des neuen Jahrhunderts, und meine Mutter nannte mich Sidonie, nach ihrer Großmutter in Quebec. Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, hätte ich Siobhan geheißen, in Gedenken an seine Mutter, die seit langem schon in irischer Erde ruhte, aber er hatte dem Wunsch meiner Mutter nachgegeben. Abgesehen von der Religion, die sie teilten, waren sie ein ungleiches Paar, mein schlaksiger irischer Vater und meine französisch-kanadische Mutter. Erst spät in ihrem Leben kam ich auf die Welt, nachdem sie achtzehn Jahre verheiratet waren – meine Mutter achtunddreißig und mein Vater vierzig Jahre alt. Längst hatten sie die Hoffnung auf ein Kind aufgegeben. Jeden Tag hörte ich meine Mutter Dankgebete sprechen, in denen sie mich ein Wunder nannte.

Wenn wir beide unter uns waren, sprachen wir Französisch; sobald mein Vater das Zimmer betrat, wechselten wir zu Englisch. Ich liebte es, Französisch zu reden. Als Kind konnte ich nicht erklären, was den Unterschied zwischen dieser Sprache und Englisch ausmachte, doch als ich etwas älter war, so erzählte mir meine Mutter später, hätte ich das Wort »lockig« gebraucht, um zu beschreiben, wie sich die französischen Worte auf meiner Zunge anfühlten.

Und als junges Mädchen hielt ich mich tatsächlich für ein Wunder. Meine Eltern nährten meinen Irrglauben: dass ich nie etwas Falsches tun könnte und dass alles, was ich wünschte, eines Tages in Erfüllung gehen würde. In materieller Hinsicht hatten sie mir nicht viel zu bieten, aber ich fühlte mich geliebt.

Und als etwas Besonderes.

Den ganzen Frühling des Jahres 1916 über, es war ein ungewöhnlich warmer, bildete ich mir ein, in Luke McCallister verliebt zu sein, den Jungen, der in dem Futtermittelladen in der Larkspur Street arbeitete. Seit er einige Monate zuvor in unser Viertel gezogen war, kannten sämtliche Mädchen in meiner Klasse in der Holy-Jesus-and-Mary-Schule kein anderes Gesprächsthema mehr als ihn.

Wir schlossen Wetten ab, wer wohl die Erste wäre, mit der er sich unterhalten, einen Spaziergang machen oder ein Eis essen gehen würde.

»Ich werde es sein«, sagte ich zu Margaret und Alice Ann, meinen beiden besten Freundinnen. Immer wieder malte ich mir die Szene im Geiste aus. Gewiss würde es nicht mehr lange dauern, ehe er mich bemerkte. »Ich werde ihn auf mich aufmerksam machen. Ihr werdet schon sehen.«

»Auch wenn du immer die meisten Tanzpartner hast, heißt das noch lange nicht, dass jeder x-beliebige Junge sich für dich interessiert, nur weil du es dir in den Kopf gesetzt hast, Sidonie«, sagte Margaret mit erhobenem Kinn.

Ich lächelte sie an. »Vielleicht hast du ja recht. Aber…« Mit den Fingern strich ich mein Haar zurück, rannte ein Stück voraus, drehte mich wieder um und ging, die Hände auf den Hüften, rückwärts weiter, sodass ich ihnen das Gesicht zuwandte. »Aber wir werden sehen«, beendete ich meinen Satz. »Wisst ihr noch, wie es mit Rodney war? Ihr habt mir nicht geglaubt, als ich letztes Jahr auf der Kirmes sagte, ich würde ihn dazu bringen, dass er mich aufs Riesenrad einlädt. Aber er hat mich eingeladen, oder etwa nicht? Er hat kein anderes Mädchen gefragt, nur mich. Und wir sind zweimal mit dem Riesenrad gefahren.«

Alice Ann zuckte die Schultern. »Weil deine Mutter mit seiner Mutter befreundet ist. Ich wette mit dir, dass sich Luke mit Margaret unterhalten wird. Vor allem wenn sie ihr rosafarbenes Kleid trägt. Rosa steht dir so gut, Margaret«, fügte sie hinzu.

»Nein, eher wird er dich ansprechen, Alice Ann«, sagte Margaret, die sich von Alice Anns Kompliment geschmeichelt fühlte.

»Ihr könnt ja denken, was ihr wollt«, sagte ich lachend. »Aber am Ende wird er mir gehören.«

Sie lachten ebenfalls. »Oh, Sidonie«, sagte Alice Ann. »Du bist mir eine.« Die beiden holten mich ein, und wir verschränkten die Arme ineinander und gingen im Gleichschritt, Hüfte an Hüfte und Schulter an Schulter, weiter die schmale Straße entlang.

Ich fand zahlreiche Gründe, die Larkspur Street stets aufs Neue entlangzuspazieren, in der Hoffnung, dass Luke zu mir herüberschauen würde, während er mit erstaunlicher Leichtigkeit schwere Getreidesäcke auf einen Wagen hievte. Ich studierte die Worte ein, die ich zu ihm sagen wollte, etwa eine Bemerkung darüber, wie stark er sein müsse, da es bei ihm so aussehe, als seien die Säcke federleicht. Ich warf ihm verstohlene Blicke zu und stellte mir vor, wie sich seine glänzenden Muskeln unter meinen Händen und auf meinem Körper anfühlten.

Aus dem Unterricht bei den Nonnen wusste ich, dass fleischliche Lüste eine Sünde waren, dass man sie bekämpfen musste, und doch schien ich ihnen ebenso machtlos ausgeliefert zu sein wie dem Wechsel der Jahreszeiten.

Eines dunstigen Sonntags Anfang Juni betete ich mit solcher Inbrunst zur Heiligen Jungfrau Maria darum, Luke möge sich in mich verlieben, dass ich plötzlich das seltsame Gefühl hatte, aus meinem Körper auszutreten. Bereits am Morgen war ich mit einem steifen Nacken und so starken Kopfschmerzen aufgewacht, dass mir schlecht davon gewesen war. Ich bat meine Mutter, zu Hause bleiben zu dürfen, doch sie ließ sich nicht erweichen.

Ich war dafür bekannt, mir einen Vorwand auszudenken, um den Kirchgang zu vermeiden.

Während wir die zwei Kilometer bis zur Kirche Unserer Heiligen Frau gingen, fühlte ich mich, als bewegte ich mich in Wasser und müsste gegen die Strömung ankämpfen.

In der dämmrigen Kirche erzeugte das Licht, das durch die Buntglasfenster hereinfiel, einen merkwürdigen, aber wunderschönen Wirbel, wann immer ich die Augen bewegte. Mein Körper, normalerweise leicht und geschmeidig, fühlte sich mit einem Mal schwerfällig an, als ich mich neben meine Mutter niederkniete. Und in diesem Moment, da ich die Finger ineinander verschränkte, begann sich alles ringsumher zu vermischen: Der Rosenkranz, der leise klirrend zwischen den geschwollenen Fingern meiner Mutter hindurchglitt, erschien mir wie winzige Kreaturen, die sich bewegten, der Weihrauchgeruch war so überwältigend, dass er meine Übelkeit noch verstärkte, und die Beschwörungen von Pater Cecil waren so wirr, als redete er in einer Fremdsprache. Mein Nacken schmerzte, als ich den Kopf zum Gebet senkte, also ließ ich den Blick zu den Heiligenstatuen wandern, die so fromm und gepeinigt in ihren Nischen an den Wänden standen. Der Marmor, aus dem sie gehauen waren, glühte, wie von innen erleuchtet, und als ich die Mutter Gottes betrachtete, sah ich Tränen auf ihren Wangen, die aussahen wie aus Glas. Die Jungfrau Maria öffnete die Lippen, und ich beugte mich vor, legte das Kinn auf meine Arme, die ich auf der Kirchenbank verschränkt hatte. Meine Knie fühlten sich auf dem Steinboden taub an.

Ja, Heilige Maria, ja, betete ich, bitte sag mir, was ich tun soll. Sag mir, wie ich Luke dazu bringe, sich in mich zu verlieben. Was kann ich tun, damit er mich begehrt? Ich flehe dich an, Heilige Jungfrau Maria, sag mir, was ich tun soll.

Das Licht in der Kirche blendete mich mit einem Mal so sehr, dass ich die Augen schließen musste, doch auf der Innenseite meiner Lider erblickte ich die Heilige Jungfrau Maria, die die Arme nach mir ausstreckte. Und ich flog mühelos auf sie zu. Ich segelte durch das Kirchenschiff, über den Beichtstuhl, die Bankreihen, die Ministranten, die Kerzen hinweg. Unter mir auf der Kanzel stand mit gebeugtem Rücken Pater Cecil in seinem Messgewand, und in den Bänken kniete die Gemeinde. Und plötzlich sah ich mich selbst, mit merkwürdig verdrehtem Körper. Die Kirche erstrahlte in seligem Weiß. Da wusste ich, dass die Muttergottes meine Gebete erhört hatte, dass sie mir meine Bitte gewährte, mich würdig befunden hatte für die Erfüllung meines innigsten Wunsches.

Sie ließ mich Lukes Gesicht erblicken, dann plötzlich flog ich nicht mehr, sondern fiel, doch ich hatte keine Angst, weil mein Körper so frei und unbeschwert war wie die Blätter der Wildrosen, die im Abendwind herabregnen. Ich fiel so langsam wie ein Diamant in stillem Wasser, so leicht wie ein Stern, der durch das dunkle, glänzende Firmament segelt. Ich fiel auf Luke zu, der die Arme ausbreitete, um mich aufzufangen, ein sanftes Lächeln auf dem schönen Mund.

Ich erwiderte sein Lächeln, und meine Lippen öffneten sich ein wenig, um seine zu berühren. Die Farben und das Licht und die Hitze wurden eins, und eine ungekannte Glückseligkeit überwältigte mich.

Als ich erwachte, lag ich in meinem kleinen Zimmer. Noch immer blendete mich das Licht, und meine Augen schmerzten, als ich dagegen anblinzelte, um etwas zu erkennen.

Eine Frau in weißem Kleid stand in der Nähe des Fensters und summte mein liebstes Wiegenlied. Es war lange her, dass ich es zuletzt gehört hatte. Dodo, l’enfant, do. Schlaf, Kindchen, schlaf.

Zunächst hielt ich die Erscheinung für eine weitere Vision der Jungfrau Maria, die das Wiegenlied sang, mit dem meine Mutter mich als kleines Kind immer in den Schlaf gesungen hatte, doch dann löste sich die Frau vom Fenster, kam an mein Bett und beugte sich über mich. Verwundert bemerkte ich, dass es nur meine Mutter war. Aber mit ihrem Gesicht stimmte irgendetwas nicht; sie sah anders aus als sonst, viel älter. Einen Moment lang kam es mir vor, als hätte ich Monate, wenn nicht gar Jahre geschlafen.

»Ah. Ma petite Sido«, sagte sie, und ihre Stimme war mir so fremd wie ihr Gesicht. Sie hörte sich hohl an, wie durch Watte gedämpft.

Ich wollte die Lippen öffnen, aber sie klebten zusammen. Meine Mutter befeuchtete sie sanft mit einem nassen Tuch, ehe sie einen Strohhalm an meinen Mund führte. »Bois«, sagte sie, und ich trank. Das Wasser fühlte sich kalt an und war so wohlschmeckend, als hätte ich nie zuvor davon gekostet.

Ich musste erneut eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder blinzelnd aufschlug, hatte sich das Licht im Zimmer verändert, war weicher und voller Schatten, und ich konnte wieder klarer sehen. Meine Mutter stand noch immer– oder wieder– an meinem Bett. Seltsamerweise sah mein Vater durch das offene Fenster zu mir herein.

»Papa?«, flüsterte ich. »Warum bist du draußen?«

Sein Gesicht zog sich in Falten, und sein Kinn bebte merkwürdig. Plötzlich wurde mir bewusst, dass er weinte. Er legte die Hand an die Stirn, und die Geste kam mir vor, als fügte er sich in eine Niederlage.

»Was ist los?«, fragte ich und blickte aufmerksam zwischen ihm und meiner Mutter hin und her.

»Du hast Kinderlähmung, mein Mädchen«, sagte er.

In jenem Sommer des Jahres 1916 wütete eine Polioepidemie im Bundesstaat New York. Die Ärzte konnten die Krankheit zwar diagnostizieren, kannten aber offensichtlich weder ein Mittel zur Vorbeugung noch Heilung. Der Großteil der Infizierten waren Kinder unter zehn Jahren, doch ein paar, darunter auch ich, waren älter. Niemand wusste, wo die Epidemie begonnen hatte, doch mit der Zeit wurde gemunkelt, dass Immigranten sie ins Land geschleppt hätten.

Zahlreiche Kinder starben. Und meine Eltern sagten mir, ich hätte noch Glück im Unglück. »Ein weiteres Wunder«, hatte mir meine Mutter ins Ohr geflüstert, als ich endlich wieder bei mir war und begriff, was mit mir passiert war. »Ein weiteres Wunder, so wie deine Geburt, Sidonie. Wir müssen dem Himmel dafür danken.«

Die Krankheit war ansteckend, das war bekannt; ich war unter Quarantäne gestellt. Da meine Mutter von Anfang an mit mir Kontakt gehabt hatte, blieb sie im Haus und hielt sich die meiste Zeit in meinem Zimmer auf. Doch mein Vater durfte unser Haus einige Wochen lang nicht mehr betreten; er war auf seine Stelle als Chauffeur bei einer dieser wohlhabenden Familien angewiesen, von denen es in unserem Landkreis einige gab.

Margaret und Alice Ann und andere Schulfreundinnen legten kleine Geschenke– gestreifte Zuckerstangen, eine Haarschleife– auf die Veranda vor die Tür, an der ein Aushang der Gesundheitsbehörde befestigt war, der verkündete, dass dieses Haus unter Quarantäne stand. In den ersten Wochen wurde meine Mutter nicht müde zu betonen, dass es mir bald besser gehen, die Kraft wieder in meine Beine zurückkehren würde. Sie befolgte die Anweisungen, die sie von der Krankenschwester des staatlichen Gesundheitsdienstes erhielt, die sich wiederum mit dem Arzt absprach, der mich behandelte. Täglich bestäubte sie meine Beine mit Mandelmehl. Sie machte unzählige heiße Umschläge mit Kamille, Ulmenrinde, Senf und weiteren widerlich riechenden Ölen und umwickelte damit meine Beine. Sie massierte meine Schenkel und Waden.

»Wann werde ich wieder stehen können?«, hörte ich nicht auf zu fragen, in der Hoffnung, eines Morgens aufzuwachen, die Bettdecke zurückzuwerfen und dann, wie früher, flink mein Zimmer zu durchqueren.

Meine Mutter murmelte: »Bald, Sido, bald. Erinnerst du dich, wie du als kleines Mädchen durch den Hinterhof liefst und eine kleine Prinzessin spieltest, wie die in deinen Büchern? Wie du herumwirbeltest und sich dein Kleid um dich herum bauschte wie eine wunderschöne Blume? Eines Tages wirst du das wieder sein, Sidonie. Eine Prinzessin. Eine wunderschöne Blume. Meine ganz besondere Blume, mein kleines Wunder.«

Die Tatsache, dass ihre Augen feucht wurden, als sie dies sagte, ließ mir ihre Worte nur noch überzeugender erscheinen, statt mich stutzig zu machen.

Während der ersten Monate weinte ich häufig– aus Ungeduld, Enttäuschung, Selbstmitleid. Meine Eltern waren voller Mitgefühl und bemühten sich sowohl mit Worten als auch mit Taten, mir mein Schicksal erträglicher zu machen. Nach einiger Zeit war ich meiner geröteten Augen und des Kopfwehs in Folge des häufigen Weinens überdrüssig und beschloss, keine Tränen mehr zu vergießen, und das tat ich dann auch.

Nachdem die Quarantäne aufgehoben war und sobald ich mich in der Lage fühlte, Besuch zu empfangen, kamen meine Freundinnen zu mir– das neue Schuljahr hatte gerade angefangen. Während dieser ersten Besuche lauschte ich ihren Geschichten, und mein eigenes Leben fühlte sich an wie ein seltsamer, beunruhigender Dämmerschlaf, aus dem ich nicht zu erwachen vermochte. Immer wieder nickte ich zu ihren Erzählungen und stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich wieder mit ihnen in die Schule ginge.

Jeden Freitag holte meine Mutter die Hausaufgaben in der Schule ab und übergab die erledigten Aufgaben der vergangenen Woche meiner Lehrerin: Mithilfe der Schulbücher war ich in der Lage, die Hausaufgaben zu machen und die wöchentlichen Klassenarbeiten zu bestehen.

Eines Freitags reichte mir meine Mutter zusammen mit den neuen Aufgaben einen versiegelten Brief von einer der Ordensschwestern, die mich früher unterrichtet hatte. Als ich den Brief auseinanderfaltete, fiel eine kleine, goldumrandete Gebetskarte auf meine Bettdecke.

Die winzige, enge Handschrift der Schwester sah aus, als wäre jeder einzelne Buchstabe durch die Federhalterspitze herausgepresst worden, und ich hatte Mühe, sie zu entziffern.

Meine liebe Sidonie, las ich, verzweifle nicht. Es ist Gottes Wille. Du wurdest auserkoren, um diese Prüfung zu bestehen. Es ist nur eine Prüfung deines Fleisches; Gott hat dich für unzulänglich befunden und dich deswegen auserwählt. Andere sind gestorben, aber du hast überlebt. Dies ist der Beweis dafür, dass Gott dich aus irgendeinem Grund beschützt und dir gleichzeitig diese Last auferlegt hat, die du für den Rest deines Lebens wirst tragen müssen. Auf diese Weise hat er dir gezeigt, dass du etwas ganz Besonderes für ihn bist.

Als ein Krüppel wirst du nun von Gott getragen werden und Ihn mit einer Intensität erleben, wie es andere mit unversehrtem Körper nicht vermögen.

Du musst beten, und Gott wird dir antworten. Ich werde ebenfalls für dich beten, Sidonie.

Schwester Marie-Gregory

Meine Hände zitterten, als ich den Brief zusammenfaltete und ihn gemeinsam mit der Gebetskarte in den Umschlag zurücksteckte.

»Was ist los, Sidonie? Du bist ja ganz blass geworden«, sagte meine Mutter.

Ich schüttelte den Kopf und legte den Brief zwischen die Seiten meines Schulbuchs. Als ein Krüppel– so hatte sich die Schwester ausgedrückt. Für den Rest deines Lebens.

Zwar hatte Schwester Marie-Gregory auch geschrieben, dass ich etwas Besonderes für Gott sei, doch nun wurde mir schlagartig und mit aufsteigender Übelkeit klar, dies bedeutete keineswegs, dass er mir mein Gehvermögen zurückgeben würde, wie meine Mutter nicht aufhörte zu beteuern. Aber ebenso klar war mir auch, dass meine Polioerkrankung keine mir von Gott auferlegte Prüfung war, wie die Schwester meinte. Ich allein wusste, warum ich mir die Infektion zugezogen hatte. Es war die Strafe für meine sündhaften Gedanken.

Seit Luke McCallisters Auftauchen in der Larkspur Street hatte ich aufgehört, um Vergebung für meine Verfehlungen zu beten. In meinen Fürbitten gedachte ich nicht mehr den Kranken und im Sterben liegenden Gemeindemitgliedern. Ich betete nicht mehr für unsere jungen Männer, die in dem schrecklichen Krieg kämpften, ebenso wenig wie für ein baldiges Ende des Krieges. Und auch nicht mehr für die hungernden schwarzen Kinder in fernen Ländern. Ich flehte Gott nicht länger wegen meiner Mutter an, damit sie von den Schmerzen in ihren arthritisgeplagten Händen erlöst werden möge, und auch nicht wegen meines Vaters, damit er nicht länger von den wiederkehrenden Albträumen heimgesucht wurde und endlich wieder Schlaf fand.

Stattdessen hatte ich dafür gebetet, von einem Jungen in die Arme geschlossen, von ihm geküsst zu werden. Ich hatte dafür gebetet, die Geheimnisse der körperlichen Liebe kennenzulernen, zu erfahren, wie es sich anfühlte, wenn sich ein männlicher Körper gegen meinen presste. Mit den Händen hatte ich meinen Körper erkundet, in dem ein unerklärliches Verlangen loderte, und mir vorgestellt, es wären Luke McCallisters Hände. Ich hatte eine der sieben Todsünden begangen– Wollust– und war dafür bestraft worden.

Eine Woche nach Erhalt des Briefes bekam ich erneut Besuch vom Arzt des staatlichen Gesundheitsdienstes. Dieses Mal war ich, anders als bei seiner ersten Visite, wachsam und beobachtete aufmerksam seine Miene. Darin las ich, dass er schon allzu viele Opfer der Kinderlähmung in zu kurzer Zeit gesehen hatte. Nachdem er meine Beine gebeugt, die Reflexe überprüft und mich aufgefordert hatte, nach seinen Anleitungen ein paar wenige Übungen auszuführen, stimmte er seufzend und ohne seine Resignation verhehlen zu wollen, der Prognose Schwester Marys zu, die sie schriftlich niedergelegt hatte. Ich solle froh sein, so fuhr er fort, dass die Krankheit nur meine unteren Gliedmaßen befallen habe, und ich sei besser dran als viele der Kinder, die die Krankheit zwar ebenfalls überlebt hätten, aber vollständig gelähmt seien.

Nach dem Besuch des Arztes nahm ich meine Gebete wieder auf. Doch Luke McCallister fand diesmal keine Erwähnung mehr.

Himmlischer Vater, gnädige Muttergottes, betete ich Woche um Woche, Monat um Monat, wenn ihr mir erlaubt, wieder zu gehen, werde ich nur noch reine Gedanken haben. Niemals werde ich mehr dem Verlangen meines Fleisches nachgeben.

Während dieses nicht enden wollenden ersten Jahres war ich ans Bett gefesselt. Von Kissen gestützt lag ich die meiste Zeit, denn sobald ich länger als einige wenige Minuten aufrecht saß, schmerzte mein Rücken. Margaret und Alice Ann kamen mich noch immer besuchen, aber es war nicht mehr wie früher. Ich erkannte, dass diese Mädchen, mit denen ich einst gelacht und meine Geheimnisse und Träume geteilt hatte, in wenigen Monaten sichtlich gewachsen waren und vor Lebenslust strotzten, während ich geschrumpft und farblos geworden war. Noch immer hörte ich ihnen zu, doch statt mich aufzuheitern, führten mir ihre Erzählungen nun vor Augen, welches Leben ich verpasste. Auch sie mussten dies gespürt haben, denn im Laufe der Zeit wurden ihre Berichte immer stockender. Es entstanden unbehagliche Pausen, in denen sie sich vielsagende Blicke zuwarfen und ich in ihren Augen gewisse Regungen wahrnahm– mal Hoffnungslosigkeit, dann wieder Ungeduld oder schlicht Langeweile. Nach einiger Zeit graute mir vor dem Klopfen an der Tür, und ich wünschte, meine Mutter würde weniger Aufhebens um die Besuche machen. Sie redete mehr mit den Gästen als ich; im Grunde hatte ich ihnen nur noch wenig zu sagen. Mein Leben spielte sich von nun an innerhalb der vier Wände meines Schlafzimmers ab.

Im Gegensatz zu meiner Mutter, die, wie ich wusste, das Ausbleiben der Gäste bedauerte, war ich erleichtert, nachdem ein Monat vergangen war, ohne dass jemand an unsere Haustür geklopft hätte.

Einmal in der Woche, nachdem sie meine Hausaufgaben abgeholt hatte, begab sich meine Mutter in die Bücherei in der Weatherstone Street, acht Häuserblocks weiter. Sie lieh vier Bücher für mich aus– genau die Zahl, die man auf einmal mitnehmen durfte. Es war mir gleich, welche Bücher sie mir brachte; ich verschlang alles. Mein Vater kaufte mir einen Kasten mit Wasserfarben und Pinseln und cremefarbenes Papier sowie ein Buch mit Fotografien von den Blumen, die im Staat New York beheimatet waren, und ermunterte mich zu malen. Er sagte, dass ich als Kind so vielversprechend gemalt hätte und dass eine Lehrerin meiner Mutter und ihm versichert habe, ich hätte ein untrügliches Auge für Farben, Formen und Perspektive. Diese Einschätzung der Lehrerin überraschte mich, denn ich war immer zu ungeduldig gewesen, um zu Hause länger an einer Arbeit zu sitzen, und hatte es vorgezogen, nach draußen zu gehen.

Meine Eltern schenkten mir auch ein kupferfarbenes Kätzchen. Ich taufte es Zinnober und merkte bald, dass sie taub war, denn egal wie laut ich nach ihr rief, zeigte sie keinerlei Reaktion. Aber das spielte keine Rolle, im Gegenteil, vielleicht hatte ich das Kätzchen wegen seines Gebrechens noch lieber. Ihr wohliges Schnurren und weiches Fell unter meinen Fingern trösteten mich beim Lesen oder wenn ich einfach dalag und zu dem kleinen Fenster an der Wand gegenüber meinem Bett blickte und mich daran zu erinnern versuchte, wie es war, als ich noch gehen und herumspringen konnte.

Auch einen Phonographen sowie zwei Wachszylinder mit Edward Griegs bekannten viersätzigen Peer-Gynt-Suiten brachten mir meine Eltern. Jeden Morgen, ehe mein Vater zur Arbeit ging, spielte er einen der Zylinder ab, und so erwachte ich zu den Klängen von »Anitras Tanz«, zu »In der Halle des Bergkönigs« oder zu »Solvejgs Lied«.

Eines Tages bat meine Mutter meinen Vater, die alte Liege von der Veranda in die Küche zu schaffen, sodass wir tagsüber zusammen sein konnten, während sie an ihrer alten Nähmaschine am Küchentisch saß.

Bevor mein Vater von nun an zur Arbeit ging, trug er mich zu meinem behelfsmäßigen Bett. Meine Mutter rückte den kleinen Tisch mit dem Phonographen und den Wachszylindern daneben, sodass ich das Gerät selbst bedienen konnte. Auch meine Bücher und Malutensilien legte sie auf den Tisch und setzte Zinnober auf mein Bett. Dann zog sie einen Holzstuhl mit gerader Lehne zum Tisch, um auf der handgetriebenen Nähmaschine Taschen oder Ärmel an irgendwelche Kleidungsstücke zu nähen oder den Saum eines Herrenjacketts einzufassen– Heimarbeit für eine kleine Bekleidungsfirma. Inzwischen las ich oder malte, oder spielte mit Zinnober. Nach einer Weile zeigte sie mir, wie man Heftnähte anbrachte, sodass ich diese Vorarbeit für sie übernehmen konnte, und wenn sie einen Fehler gemacht hatte, zog ich die Naht wieder auf. Auf diese Weise schaffte sie mehr Jacketts als sonst.

Wenn nicht gerade der Phonograph lief, sang meine Mutter bei der Arbeit französische Lieder, die sie als Kind in Quebec gelernt hatte. Ab und zu bat sie mich auch, laut zu lesen. Erst nach einer Weile, als dies zu einem Ritual geworden war, wurde mir klar, dass sie jene Bücher aus der Bibliothek mitbrachte, die sie, hätte sie die Zeit dafür gehabt, selbst gern gelesen hätte. Manche waren auf Französisch. Ich musste mit lauter Stimme lesen, um das rhythmische Rattern der Nähmaschine zu übertönen, und weil es mir mehr Spaß bereitete, gewöhnte ich mir eine akzentuierte Aussprache an, um den jeweiligen Ton einer Romanfigur herauszuarbeiten. Manchmal, wenn ich eine besonders bewegende, aufregende oder witzige Passage las, hielten die Hände meiner Mutter inne, und sie sah mich an, den Kopf zur Seite geneigt, je nach Roman mal mit einem erstaunten, dann wieder besorgten oder aber zufriedenen Gesichtsausdruck.

»Du hast eine wunderbare Sprecherstimme, Sidonie«, sagte sie eines Tages. »Ausdrucksstark und melodisch. Du hättest…« Sie unterbrach sich jäh.

»Was hätte ich?«, fragte ich und legte das Buch behutsam in meinen Schoß.

»Nichts. Lies bitte weiter.«

Doch das konnte ich nicht mehr. Die Worte Du hättest… hatten mich mit voller Wucht getroffen.

Du hättest… Erinnerte sie sich an meine Ankündigung – ich war damals ungefähr zehn Jahre alt –, dass ich eine berühmte Schauspielerin werden würde und sie meine Vorstellungen auf einer Broadway-Bühne besuchen kämen? Ich rief mir die Pläne ins Gedächtnis, die ich gemeinsam mit Margaret und Alice Ann vor langer Zeit geschmiedet hatte: dass wir eines Tages nach New York City ziehen und uns eine Wohnung in einem dieser mehrstöckigen Häuser ohne Aufzug teilen würden. Wir würden eine Stelle bei Saks in der 5th Avenue haben, wo wir Lederhandschuhe oder schwere Parfüme an die elegant gekleideten Damen verkauften, die zwischen den weitläufigen Gängen des Kaufhauses herumschlenderten. Margaret fuhr regelmäßig mit ihrer Mutter nach New York, und sie hatte mir von den Broadway-Theatern und den großen Kaufhäusern vorgeschwärmt.

Aber natürlich würde jetzt keiner dieser Träume wahr werden. Nicht für ein Mädchen, das ans Bett gefesselt war. Selbst wenn dieses Mädchen eines Tages in einem Rollstuhl sitzen würde. Nie würde ich in einem mehrstöckigen Gebäude ohne Aufzug wohnen können. Nie würde ich hinter einer Ladentheke stehen und Handschuhe oder Parfüm verkaufen.

Was würde aber dann aus mir werden? Was würde ich später einmal tun? Eine leise, kalte Stimme in meinem Kopf verschaffte sich Gehör; sie erinnerte mich an die schwarzen, in enger Schrift gesetzten Worte von Schwester Marie-Gregory, mit denen sie mich als Krüppel bezeichnete.

Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass sich mein Leben möglicherweise nie mehr außerhalb dieser Liege abspielen würde, jenseits dieser Küche, dieses Hauses und dieses Hinterhofgartens.

In der folgenden Woche klagte ich gegenüber meiner Mutter über Kopfschmerzen und sagte, dass ich lieber in meinem Zimmer bleiben wolle. Ich ließ sie den Vorhang zuziehen, da mich das Licht blendete, und behauptete, dass ich auch die Musik aus den Wachszylindern nicht ertragen könne, da sie mir schmerzhaft in den Ohren gellte.

Und was war der wahre Grund meines Unwohlseins? Die Tatsache, dass ich gesehen hatte, wie die Tür zu meiner Zukunft vor meiner Nase zuschlug.

Mit einem Mal gab ich ihr insgeheim die Schuld, dass sie mir die Augen dafür geöffnet hatte, indem sie diese einfachen zwei Worte sprach: Du hättest… Die kalte, gefühllose Stimme in meinem Kopf redete mir nun ein, dass alles sinnlos sei, also hörte ich mit allem auf: mit dem Malen, unter dem Vorwand, dass ich das Interesse daran verloren hätte. Ich hörte auf, meiner Mutter beim Nähen zu helfen, da die winzigen Stiche mich zu sehr anstrengten. Und auch das Vorlesen ließ ich bleiben, ich sagte, dass mein Hals dabei schmerze.

Wenn sie zweimal am Tag mein Deckbett zurückschlug, um meine nutzlosen Beine zu massieren und die Beugeübungen zu machen, die ihr die Schwester vom Gesundheitsdienst gezeigt hatte, starrte ich an die Decke.

Wenn ich sie dann um die metallene Bettpfanne bat, die sich unter meinem Bett befand, und es mir mit aller Kraft und ihrer tatkräftigen Hilfe gelang, meine Beine mit ihrem nutzlosen Gewicht anzuheben, konnte ich sie nicht dabei ansehen. Und ich stellte mir vor, dass sie dies alles für den Rest ihres Lebens tun müsste.

Irgendwann nahm ich meinen Platz auf der Liege in der Küche wieder ein, nachdem ich die Langeweile in meinem Zimmer nicht mehr aushielt und sie am liebsten hinausgeschrien hätte. Ich sagte, ich fühlte mich wieder gut, und nahm die alte Routine wieder auf– half meiner Mutter beim Nähen, las ihr vor–, denn alles war besser, als allein in meinem Zimmer zu liegen.

Ich weiß nicht, ob meine Eltern bemerkt hatten, dass sich etwas verändert hatte, etwas in mir zerbrochen war. Sie taten, als wäre nichts geschehen.

Wenn mein Vater nach der Arbeit nach Hause kam, räumte meine Mutter die Nähmaschine und die Stapel mit Jacketts und Ärmeln vom Küchentisch, um das Abendessen aufzutischen. Währenddessen blieb ich wie immer auf der Liege und aß von einem Tablett in meinem Schoß. Doch statt Zinnober kleine Bissen von meinem Essen abzugeben oder an der Unterhaltung meiner Eltern teilzunehmen, wie früher immer, beobachtete ich sie schweigend.

Meine Mutter hielt Messer und Gabel verkrampft in ihren Händen mit den geschwollenen, knotigen Fingergelenken. Wie früher unterhielten sie sich über die kleinen Alltagsbegebenheiten, tauschten den örtlichen Klatsch aus, beklagten sich über den derzeitigen Preis von Schweinefleisch oder Tee. Sie sprachen auch über den noch immer andauernden Albtraum des Krieges. Doch wenn sie versuchten, mich in ihre Unterhaltung einzubeziehen, kam von mir nur eine einsilbige Antwort.

Sie redeten so, als sei die Welt dieselbe wie vor der Polioinfektion. Vor meiner Polioinfektion.

Begreift ihr denn nicht?, hätte ich sie am liebsten angeschrien. Wie könnt ihr so tun, als wäre alles beim Alten? Wie könnt ihr einfach so dasitzen und essen, als wäre es ein ganz normaler Tag?

Mein Leben würde nie wieder so sein wie zuvor. Nie würde ich mehr unsere ruhige Straße hinunterlaufen und mir das Haar vom Wind zerzausen lassen. Nie würde ich mehr auf meiner alten Kinderschaukel im Hinterhofgarten sitzen, mich hoch in die Lüfte schwingen und den köstlichen Schwindel spüren, wenn ich die Augen schloss und den Kopf in den Nacken legte. Nie wieder würde ich in einem Paar hochhackiger Schuhe vor dem Spiegel posieren und eine Pirouette drehen. Ich würde nicht mehr zusammen mit meinen Freundinnen Schaufenster betrachten, während wir Pläne für unser zukünftiges Leben schmiedeten. Nie wieder würde ich im Arm eines Jungen tanzen.

Ich würde nie wieder ein normales Leben führen, und doch taten meine Mutter und mein Vater, als wäre ihnen das nicht ebenso klar wie mir. Gewiss, sie liebten mich und wollten mir das Leben so angenehm wie möglich machen. Aber ich hatte niemand anders, auf den ich wütend sein konnte. Mit Gott konnte ich nicht hadern, seine Gunst brauchte ich noch. Also war ich im Stillen wütend auf meine Eltern, wann immer sie lachten, zu mir herübersahen, lächelten. Jedes Mal, wenn meine Mutter mir ein Muster zeigte und mich fragte, ob sie ein neues Kleid für mich nähen solle. Jedes Mal, wenn mein Vater ein von mir gemaltes Bild am Fenster betrachtete, den Kopf schüttelte und sagte, es sei ihm schleierhaft, woher ich mein Talent hätte.

Aber auch das Malenbereitete mir keine Freude mehr. Nunmehr war mein einziges Vergnügen, Zinnober zu streicheln, ihr sanfte Worte zuzuflüstern und sie an die Brust zu drücken wie eine Mutter ihr Baby. Noch so ein Du hättest… Nie würde ich mein eigenes Kind in den Armen wiegen.

Im Laufe dieses ersten Jahres verwandelte ich mich in die neue Sidonie, die all ihre Hoffnungen und Träume begrub. Ich stellte sie mir als blendende, pulsierende Lichter vor, die in einer Holzkiste verschwanden und mit dem Schließen des Deckels erloschen. Der Deckel war schwer und ließ sich nicht mehr bewegen.

DREI

Das zweite Jahr ging vorüber und brachte ganz langsam ein paar Fortschritte mit sich. Irgendwann konnte ich selbstständig aufrecht sitzen, und ich tauschte das Bett gegen den Rollstuhl – ein kleines Stückchen Freiheit. Nach unzähligen Versuchen und Fehlschlägen gelang es mir, mich ohne fremde Hilfe vom Bett in den Rollstuhl zu hieven. Ich musste nicht mehr warten, bis meine Mutter kam und mir die Bettpfanne reichte oder mich wusch; jetzt konnte ich mich im Rollstuhl ins Badezimmer und in die Küche begeben. Ich konnte gemeinsam mit meinen Eltern am Tisch essen. Und wenn meine Mutter oder mein Vater den Rollstuhl über die hohe Türschwelle schob, konnte ich bei schönem Wetter auf der Veranda sitzen.

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