• Herausgeber: Goldmann
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Ein unpersönlicher Gebäudekomplex im Norden Edinburghs. Als Detective Inspector Anthony McLean den Tatort betritt, erwartet ihn ein schreckliches Bild: In einem tristen Apartment befindet sich, erhängt an einem Deckenbalken, die Leiche eines jungen Mannes. Da alles auf einen Selbstmord hindeutet, drängt McLeans Vorgesetzter auf eine schnelle Abwicklung des Falls. Zumal McLean längst in die Abteilung für Sittlichkeitsverbrechen strafversetzt wurde. Doch McLean ist misstrauisch – zu Recht. Denn kurz darauf werden zwei weitere Tote gefunden, beide erhängt wie das erste Opfer, und die grauenvolle Todesserie reißt nicht ab ...

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Seitenzahl: 690

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Buch

Ein unpersönlicher Gebäudekomplex im Norden Edinburghs. Als Detective Inspector Anthony McLean den Tatort betritt, erwartet ihn ein unheimliches Bild: In der Stille eines engen, tristen Appartements befindet sich, erhängt an einem Deckenbalken, die Leiche eines Studenten. Da alles auf einen Selbstmord hindeutet, drängt Charles Duguid, den man – für McLean absolut unverständlich – zum Dienststellenleiter befördert hat, auf eine schnelle Abwicklung des Falls. Zumal diesem McLeans unorthodoxe Ermittlungsmethoden gewaltig gegen den Strich gehen, und er den eigensinnigen Detective deshalb längst in die Abteilung für Sittlichkeitsverbrechen strafversetzt hat. Doch so leicht lässt sich McLean nicht aus dem Morddezernat verdrängen. Der Fall hat sein Misstrauen geweckt – zu Recht. Denn kurz darauf werden zwei weitere Tote gefunden, wieder junge Männer und erhängt wie das erste Opfer. Sehr zum Missfallen von Duguid ermittelt McLean weiter und kommt einer grauenvollen Wahrheit auf die Spur, die auch ihn und alle um ihn herum in den Abgrund zu ziehen droht …

Weitere Informationen zu James Oswald

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

JAMES OSWALD

Der dunkle Ort

der Seele

Thriller

Aus dem Englischen

von Sigrun Zühlke

Die englische Originalausgabe erschien 2014

unter dem Titel »The Hangman’s Song«

bei Penguin Books Ltd, London.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung September 2015

Copyright der Originalausgabe © James Oswald, 2014

All rights reserved.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe / Translation copyright 2015

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagmotiv: Getty Images/Harry Taylor; FinePic®, München

Redaktion: Eva Wagner

KS ∙ Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

isbn: 978-3-641-16084-5

www.goldmann-verlag.de

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Dies hier ist für Zos, Dregs, Fergus, Felix

und natürlich

für »Doktor« Eleanor Austin

1

Das Wichtigste ist, richtig zu fallen. Alles andere spielt eigentlich keine Rolle.«

Er steht auf Zehenspitzen, balanciert auf dem wackligen Stuhl, die Hände auf dem Rücken verschränkt wie ein guter Junge. Seine Finger zittern leicht, wie in Erwartung, aber er wehrt sich nicht. Ich wusste, dass er sich nicht wehren würde. Nicht jetzt. Schließlich will er das hier.

»Natürlich brauche ich Ihre Größe, Ihr Gewicht und Ihren Körperbau für die Berechnung.«

Ich ziehe am Seil. Guter, kräftiger Hanf, kein Kunststoffzeug für so etwas. Es über den Balken zu bekommen, war schwierig, aber jetzt ist alles sicher und bereit. Seine Augenlider flattern, als ich ihm die Schlinge über den Kopf ziehe, sie ihm sanft am Ohr vorbei um den Hals lege und die restliche Seillänge über seine nackte Schulter hängen lasse.

»Größe? Nein, die Größe ist einfach, solange Sie keine Plateauschuhe tragen. Kleidung kann allerdings täuschen, sie kann einen schlanken Mann dick erscheinen lassen. Und dann ist da noch der Körperbau.«

Er antwortet nicht, aber warum sollte er auch? Er ist nicht mehr hier. Ich kann sehen, wie sich seine Augen unter den geschlossenen Lidern bewegen, schnick, schnick, schnick, während er etwas ganz weit hinten in seinem Bewusstsein sieht. Ich strecke die Hand aus und streiche mit der Rückseite meiner Finger über seine Wange, an seinem Arm entlang, über die Muskeln seines festen Bauches. Er ist jung, so jung. Noch kaum ein Mann, und doch hat ihn die Welt schon so nach unten gezogen. Junge Haut ist so weich und rein, noch nicht von den Geschwüren und Flecken des Alters verdorben. Ein Jammer, dass man dasselbe nicht von jungen Gemütern sagen kann. Sie sind so zerbrechlich, so hoffnungslos.

»Muskeln sind viel dichter als Fett. Ein muskulöser Körper wiegt mehr als ein untrainierter. Es ist unerlässlich, das mit einzuberechnen.«

Der Geist zittert in mir, trinkt tief aus dem Brunnen der Verzweiflung, der diesen Raum erfüllt. Hier gibt es nichts zu retten, hier bleibt nur die Freude der Erlösung von einem Leben, das zu leben sich nicht lohnt.

»Ein Handschlag genügt normalerweise. Man kann so viel von der Hand eines Menschen lernen, von seinem Griff. Schon als wir uns das erste Mal getroffen haben, wusste ich, welche Seillänge wir brauchen würden.«

Ich lasse meine Hand etwas tiefer wandern und streichle ihn mit meinen Fingernägeln. Er richtet sich auf, ein klein wenig, und ein leises Stöhnen entringt sich seinen Lippen, als ich seine gerade erst herabgesenkten Hoden umfasse und sie mit meinen Fingerspitzen kitzle. Die Berührung ist ebenso erregend wie abstoßend, als könnte irgendein schäbiger Geschlechtsakt jemals so intim sein wie das, was wir hier zusammen erleben, dieser Kindmann und ich.

Er zittert, entweder vor Kälte oder vor Erregung. Ich werde es nie erfahren. Ich nehme meine Hand weg und trete einen Schritt zurück. Eine Sekunde, zwei, der Druck baut sich auf, als der Geist in mir aufsteigt. Ich sehe das Seil, den Knoten, den Stuhl, den Tisch. Ordentlich zusammengefaltete Kleider auf dem Bett ein paar Schritte entfernt.

Dann der Moment, in dem ich den Stuhl wegstoße. Alles ist möglich. Er hängt in der Luft wie eine Schwebfliege, im Augenblick gefangen. Und dann fällt er, fällt, fällt, die Schlaufen des Seils entringeln sich in trägen, zeitlupenartigen Rollen, bis nichts mehr übrig ist.

Und dann –

Knack.

2

Sind Sie sich in dieser Sache sicher, Tony?«

Detective Chief Inspector Jo Dexter saß auf dem Beifahrersitz des Transits und starrte durch die schmutzige Windschutzscheibe auf die Industriewüste um die Docks des Port O’ Leith hinaus. Straßenlaternen leuchteten in orangefarbenen Säulen, Straßen nach Nirgendwo. Der zarte Hauch der Morgendämmerung bemalte die Unterseiten der Wolken, die im Norden und Osten über den Forth nach Fife zogen. Die Hochhäuser, die an der nördlichen Küstenlinie emporgesprossen waren, waren dunkle Silhouetten, gesprenkelt mit dem gelegentlichen Licht aus der Wohnung eines nach Hause kommenden Schichtarbeiters. So früh am Morgen war nicht viel los, und am wenigsten auf dem mächtigen dunklen Frachter, den sie beobachteten. Er hatte zwei Tage zuvor angelegt, nach einer Routinefahrt von Rotterdam, um Betonzuschlagsstoffe für den Bau der neuen Brücke zu bringen. Als gäbe es in Schottland nicht genug Steine und Sand. Seitdem war – aufgrund von Informationen, die sie für verlässlich hielten – rund um die Uhr ein Team auf den Frachter angesetzt. Abgesehen vom Abladen einer großen Menge Kies war überhaupt nichts Interessantes geschehen.

»Forth Ports zufolge wird er mit der Flut auslaufen. In etwa zwei Stunden.« Detective Inspector Anthony McLean sah auf seine Armbanduhr, obwohl ihm die Uhr auf dem Armaturenbrett sagte, dass es fast fünf Uhr morgens war. »Wenn vorher nichts passiert, hat man uns zum Narren gehalten. Nicht zum ersten Mal, wenn ich das sagen darf.«

»Sie haben leicht reden. Sie sind es schließlich nicht, der die Überstunden rechtfertigen muss.«

McLean sah zu seiner Kollegin hinüber. Er kannte Jo Dexter schon lange. Sie war zur selben Zeit zur Polizei gekommen wie er, war allerdings bald die Karriereleiter hinaufgeklettert. McLean freute sich für sie, wobei er seiner eigenen Nische den Vorzug gab: Die Jagd nach Prostituierten und Pornografen hatte Jo Dexters früher hübsche Gesichtszüge hart gemacht, sodass sie viel älter aussah als ihre neununddreißig Jahre. Die Sitte machte das mit den Leuten, so hatte er gehört. Und jetzt erfuhr er es dank des verdammten Dagwood am eigenen Leib.

»Na ja, Sie meinten doch, der Tipp wäre gut.« Schlagartig fühlte es sich im Wagen um mehrere Grade kälter an. Sogar in der Dunkelheit konnte McLean sehen, dass er das Falsche gesagt hatte, gleichgültig, wie zutreffend es war. Der Brief war am ersten Tag seiner Versetzung zu Jo Dexters Team in der SCU, der Abteilung für Sexualdelikte, in seinen Eingangskorb geflattert. Es war keine Briefmarke darauf gewesen, und niemand wusste, wie er dorthin gekommen war. Allerdings verrieten die darin enthaltenen Informationen, dass derjenige, der ihn geschrieben hatte, eine Menge über die schmierige Schattenseite von Edinburghs Sexindustrie wusste, und das Sahnehäubchen war, dass darin die Rede von professionell organisiertem Menschenhandel und genau diesem Schiff war.

»Es ist nur, dass solche Operationen normalerweise in Containerhäfen über die Bühne gehen. Wie zum Teufel soll man von einem Schiff wie diesem Menschen herunterschmuggeln, ohne gesehen zu werden?«

»Das weiß ich genauso wenig wie Sie.« McLean wandte seine Aufmerksamkeit von seiner derzeitigen Vorgesetzten ab und über den leeren Hof dorthin, wo ein großer Lieferwagen am Sicherheitstor aufgetaucht war. Nach einer kurzen Pause ließ der Wächter ihn durchfahren. Er fuhr im Schritttempo in die Richtung des Schiffs, um die zufällig verteilt scheinenden Haufen aus Kies, Sand und anderen undefinierbaren Materialien herum, die die Handelswaren des Hafens darstellten.

McLean nahm das Funkgerät zur Hand und rief das Wachhaus an. »Wer war das?«

»Eine Cateringfirma. Vorräte für die Bordküche. Nehme an, die müssen auch essen, ne?« Der Wachmann klang gelangweilt. Nicht wirklich überraschend angesichts seiner Schicht.

»Alles in Ordnung?«, fragte McLean.

»Steht auf der Liste, aye.«

»Gut. Halten Sie die Augen offen, falls irgendetwas Ungewöhnliches passiert.« Er legte das Funkgerät auf das Armaturenbrett zurück, während der Lieferwagen an der Seite des Schiffes ankam. Im Halbdunkel, mit nichts anderem zum Vergleich als den entfernten Gebäuden, hatte das Schiff nicht allzu groß ausgesehen. Jetzt, mit dem Transporter daneben, erkannte McLean erst, wie groß es war und wie hoch es ohne seine steinerne Fracht aus dem Wasser ragte.

»Meinen Sie, die könnten jetzt was versuchen?« Jo Dexter streckte sich, so gut es in dem beengten Raum ging. Hinten hätte sie es bequemer gehabt, hätten da nicht schon ein halbes Dutzend leise schnarchender Officers gesessen.

McLean hob das Fernglas hoch, das er sich aus dem Lager geholt hatte, und stellte es auf den Lieferwagen ein, als der Fahrer ausstieg. Eine einsame Lampe erhellte die Treppe, die vom Kai zum Deck führte, aber sie warf eher Schatten als Licht.

»Selbst wenn wir sie hier nicht überwachen würden – aus diesem Teil des Hafens kommt nichts heraus, ohne dass die Jungs vom Zoll es überprüfen. Es ist nicht möglich, irgendjemanden hier rauszuschmuggeln, es sei denn, sie hätten jemanden bestochen.«

»Es sind schon merkwürdigere Dinge geschehen, Tony. Was können Sie sehen?«

Der Fahrer öffnete die Rückseite des Transporters und kletterte hinein. Einen Augenblick später sprang er wieder heraus, griff nach einem Karton und trug ihn die Treppe hinauf. Zumindest nahm McLean an, dass er das getan hatte. So wie der Wagen geparkt war, verdunkelte er den Fuß der Treppe, und der obere Teil lag sowieso im Schatten. Nur ein kleiner Teil in der Mitte war sichtbar, und als er das Fernglas scharf gestellt hatte, war der Fahrer verschwunden.

»Einen Mann, der Lebensmittel auslädt, wie es aussieht. Ja, da kommt er wieder.« Eine Bewegung hinten im Wagen, und der Fahrer griff wieder nach einem Karton und ging zur Treppe. McLean hielt das Fernglas etwas höher und fing einen flüchtigen Blick auf einen Menschen auf, bevor die Dunkelheit ihn verschluckte. Viel war es nicht, aber etwas stimmte da nicht. Er konnte es nicht genau sagen, vielleicht war es die Art, wie der Fahrer sich bewegte?

Einen Augenblick später durchquerte die Gestalt wieder sein Blickfeld, als sie mit einem Backblech in den Händen die Treppe hinaufstieg. Aber das konnte nicht sein, oder? Wie hatte er den Fahrer übersehen können, als er die Treppe herunterkam? Falls nicht zwei Leute im Lieferwagen gewesen waren. Das ergab sowieso mehr Sinn.

Eine weitere Gestalt ging durch den schmalen Lichtkegel, diesmal trug sie einen großen Karton, mit dessen Gewicht und Masse sie kämpfte. McLean blinzelte durch das Fernglas und wünschte sich, die Vergrößerung wäre besser. Diese Gestalt schien ihm anders auszusehen als die erste und die zweite. Es konnten doch nicht drei Leute an dem Lieferwagen arbeiten, oder? Und wie viele Vorräte brauchte ein Frachtschiff, um von Leigh nach Rotterdam überzusetzen?

McLean ließ das Fernglas wieder auf den Sitz fallen, startete den Motor, legte krachend den Gang des Ford Transit ein und schoss vorwärts. Neben ihm umklammerte Jo Dexter den Haltegriff über der Tür, zu überrascht, um etwas zu sagen.

»Die schmuggeln nichts rein, sondern raus. Aufgewacht! Zeit, an die Arbeit zu gehen!«, rief McLean dem Team hinten zu. Ein paar unterdrückte Grunzer und ein hoher Aufschrei waren alles, was er zur Antwort bekam, als er so stark wie möglich beschleunigte und so die Strecke zum Schiff in weniger als einer Minute zurücklegte. Die Hecktüren des Lieferwagens standen offen, und als er dahinter herumschwenkte, wischten die Scheinwerfer des Wagens die Schatten beiseite und enthüllten, was sich darin befand.

»Los! Los! Los!« Das Team brach aus dem hinteren Teil des Busses, fächerte aus und sicherte den Lieferwagen. Auf einen Tumult oben an Deck folgte der Ruf: »Polizei! Lassen Sie die Waffen fallen.« McLean und Dexter sahen vom Lieferwagen aus zu, wie ein großer Karton von oben herunterfiel, sich ein, zwei Mal um die eigene Achse drehte, bevor er auf dem Beton des Kais aufprallte und Orangen in alle Richtungen explodieren ließ.

In Sekundenschnelle war es vorüber. Der Sergeant, der den Befehl über das bewaffnete Einsatzkommando innehatte, ging zu dem Lieferwagen und gab Entwarnung. McLean brauchte es nicht zu hören, er konnte es mit eigenen Augen sehen. Aus dem Fond des Transporters begannen sie, ins Licht zu klettern. Bleich, beinahe leichenblass. Einige trotz der Kälte kaum bekleidet, und alle mit demselben entsetzten Ausdruck auf dem Gesicht. Ein Dutzend oder mehr junge Frauen, eigentlich eher noch Mädchen, obwohl ihre Gesichter zeigten, dass sie mehr gesehen hatten, als irgendein Mädchen ihres Alters jemals hätte sehen sollen.

»Hm, das war nicht ganz das, was ich erwartet hatte.«

McLean lehnte sich an die kühle Betonmauer draußen an der Rückseite des Polizeireviers und sah zu, wie die letzte der jungen Frauen hineingeführt wurde. Die Morgendämmerung hatte den Himmel bereits orange und lila gefärbt, was Regen versprach. Ein schneller Blick auf die Uhr zeigte, dass es beinahe Zeit für den Schichtwechsel war. Nicht, dass er noch im Schichtdienst arbeitete.

»Ich auch nicht.« Jo Dexter nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, hielt den Rauch gerade so lange, dass er sein Übelstes tun konnte, und ließ ihn dann nach oben hin entweichen, wobei sie den Kopf leicht an die Mauer stoßen ließ. »Wie war noch mal der Tipp?«

Der Brief. McLean griff in die Jackentasche und zog die Fotokopie hervor, die ihm das Team von der Kriminaltechnik gegeben hatte. Er wusste, dass sie am Original keine Spuren hatten sichern können, aber trotzdem hatten sie es ihm nicht zurückgeben wollen. Es spielte auch keine Rolle, die Worte waren sowieso dieselben. Datum, Zeit, Schiffsname, es war alles da. Er glaubte sogar zu wissen, wer der Absender war, aber das war ein Verdacht, den er lieber mit niemandem teilen wollte. Er schlug mit dem Rand des gefalteten Papiers leicht gegen seine Hand.

»Es stimmte alles. Das wissen Sie so gut wie ich, sonst hätten wir es nie geschafft, die Genehmigung für all diese Leute zu bekommen.« Er nickte in Richtung Lieferwagen, als der Letzte des bewaffneten Eingreifteams zurück ins Revier polterte, die Kevlar-Schutzkleidung offen herunterhängend.

»Sie haben recht. Ich dachte, es wäre alles sauber. Aber das hier? Prostituierte aus der Stadt hinausschaffen? Sie nach Rotterdam schmuggeln und von dort aus wer weiß wohin?« Dexter schüttelte den Kopf, zog ein weiteres Mal an der Zigarette, als läge die Antwort irgendwo darin. Der Rauch, der in den heller werdenden Himmel wallte, gab keine Antwort.

»Ich …«, begann McLean, wurde aber von seinem Handy unterbrochen, das in seiner Tasche summte. Während der Überwachung und der Festnahmen hatte er es auf lautlos gestellt. Ein schneller Blick auf das Display zeigte eine Nummer, die er sofort erkannte. Dexter musste etwas in seinem Gesicht gelesen haben und sagte nichts, als er den Anruf annahm. Der dauerte nicht lang, nicht einmal lange genug, damit sie ihre Zigarette zu Ende rauchen konnte.

»Schlechte Nachrichten?«, fragte sie durch den Qualm.

»Weiß ich noch nicht. Ich muss los.« Er sah den Unmut, der sich auf Dexters Gesicht zeigte. »Wird nicht lange dauern. Es ist nur … Ich muss los.«

Und er eilte davon, bevor sie ihn aufhalten konnte.

3

McLean wartete nicht einmal darauf, dass Dr. Wheeler ihn begrüßte, ging einfach den Flur entlang und erwartete, dass sie mit ihm Schritt hielt. Er kannte sie wie lange? Sechs Monate? Ruhig, kompetent und viel zu jung für jemanden mit so detailliertem Wissen über das menschliche Gehirn, hatte sie ihm Hoffnung gemacht, dass Emma sich schließlich doch noch erholen würde, und versprochen, ihm Bescheid zu geben, sobald irgendetwas geschähe.

Und jetzt war etwas geschehen.

Die Schuldgefühle waren immer da gewesen, seit der Entführung, als der arme, verrückte Sergeant Needham Emma den Schädel eingeschlagen hatte, und das nur, weil er, McLean, sie in seine Nähe gelassen hatte. Er hatte sie jeden Tag besucht, auch wenn es manchmal nur fünf Minuten waren. Er hatte sie angesehen, so wie er vorher schon seine Großmutter angesehen hatte, als sie Stück für Stück dahinsiechte, ihr Geist woanders, ihr Körper von Maschinen am Leben gehalten. Tag um Tag verging, und die Hoffnung wurde mehr und mehr abgetragen, so wie ein Berg unter dem Ansturm des Wetters erodierte. Langsam, aber unaufhaltsam. Er hatte sich gewappnet, hatte die alten Mauern wieder errichtet, die sie in zehn Jahren als Erste durchbrochen hatte. Er hatte sich für den Zeitpunkt gewappnet, an dem er noch jemanden würde begraben müssen.

Aber es war etwas geschehen.

»Sie haben am Telefon gesagt, es hätte sich etwas verändert?«

»Das stimmt, Inspector. Aber Sie dürfen sich keine großen Hoffnungen machen. Sie ist immer noch bewusstlos.«

Der Weg zur Station hatte sich in McLeans Gedächtnis eingebrannt, aber er musste immer noch den Hindernislauf um all die Patienten bewältigen, die da herumstanden, Infusionen an rollenden Ständern hinter sich herzogen oder in den dürftigen, rückenlosen Kitteln mehr Haut zeigten, als angenehm war. Obwohl es ihm vorkam, als hätte er die Hälfte seines Lebens hier verbracht, konnte er sich immer noch nicht an Krankenhäuser gewöhnen, an ihren Geruch nach Desinfektionsmitteln, Körperflüssigkeiten und Verzweiflung. Die beigefarbenen Wände machten es nicht besser, ebenso wenig wie die bizarre Sammlung von Kunstwerken, die in den Fluren hing. Sie waren zweifellos von einem Psychotherapeuten ausgesucht worden, der ein optimal heilsames Umfeld schaffen wollte. Oder von einem sechsjährigen Kind.

»Bewusstlos ist nicht dasselbe wie im Koma. Sie wird bald aufwachen.« War da verzweifelte Hoffnung in seiner Stimme oder nur traurige Resignation?

»Ich glaube, ja. Und ja, Sie haben recht, bewusstlos ist nicht dasselbe wie im Koma. Zunächst einmal sind die Muster der Hirnströme anders. Es passiert mehr. Sie ist auf dem Weg zu einem eher schlafähnlichen Zustand.«

Sie hatten die Tür zur Station erreicht, aber bevor McLean sich hindurchschieben konnte, streckte die Ärztin die Hand aus und hielt ihn auf.

»Inspector … Tony. Sie müssen sich der Tatsache bewusst werden, dass bleibende Schäden entstanden sein könnten. Das ist sogar beinahe sicher.«

»Ich weiß. Aber das ist wegen mir passiert. Ich werde sie jetzt nicht damit allein lassen.« McLean wollte gerade die Tür öffnen, als sie von selbst aufging. Eine überraschte Krankenschwester stand auf der anderen Seite.

»Oh, Doktor. Ich wollte Sie gerade suchen gehen. Die Patientin hat angefangen zu sprechen. Ich glaube, sie ist dabei aufzuwachen.«

Genauso wie McLeans Großmutter in den eineinhalb Jahren, die ihr Körper gebraucht hatte, um zu sterben, war Emma von Maschinen umgeben, die sie am Leben erhielten. Sie war aufgerichtet worden, ihre eingefallene Gestalt bleich sogar gegen die weißen Kissen des Krankenhausbettes, ihr widerspenstiger Schopf stacheligen schwarzen Haares von einer wohlmeinenden Krankenschwester gezähmt und viel länger, als sie ihn jemals getragen hätte. Als er näher kam, konnte McLean die Veränderung sofort erkennen. Ihre Augen flatterten unter den Lidern, das Zucken im Gesicht erinnerte ihn beinahe an ihr verschmitztes Lächeln, dann legte sie die Stirn in Falten. Und die ganze Zeit nuschelte sie, gab ein leises verschrecktes Wimmern von sich. Er wollte gerade ihre Hand nehmen, wie er es jeden Tag getan hatte, seit sie hierhergebracht worden war, da hielt Dr. Wheeler ihn ein weiteres Mal zurück.

»Am besten warten wir jetzt einfach. Eine Berührung könnte sie zu schnell zurückbringen. Lassen Sie ihr so viel Zeit, wie sie braucht.«

»Was ist los? Sie sieht so verängstigt aus.«

»Schwer einzuschätzen, aber sie durchlebt wahrscheinlich die letzten Augenblicke, bevor sie bewusstlos geschlagen wurde, noch einmal.« Dr. Wheeler konsultierte die Tafel am Fußende des Bettes, dann nahm sie ihren Pager aus der Tasche. McLean hatte ihn gar nicht gehört. »Ich muss weg. Ich komme wieder, so schnell ich kann.«

Es war eine spezielle Art von Höllenqual, hier zu sitzen und zuzusehen, wie Gefühle über Emmas Gesicht zogen, und sich zu fragen, was Needy ihr angetan hatte. War es nur der Schlag auf den Kopf, oder war da noch mehr gewesen? Es fiel McLean selbst schwer, sich klar an die Ereignisse zu erinnern. Er hatte zu viel Rauch eingeatmet und selbst Schläge auf den Kopf bekommen. Zu viel Beschäftigung mit der Vergangenheit, von der er gedacht hatte, dass er sie hinter sich gelassen hätte, die ihn aber nicht loslassen wollte.

»O mein Gott. Nein.«

Die Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber es war ihre. McLean sah sich um, um festzustellen, ob irgendeine der Krankenschwestern auf der Station es bemerkt hatte. Sie waren mit den anderen Patienten und deren Maschinen beschäftigt. Er streckte die Hand aus, um Emmas Hand von der Bettdecke zu nehmen, wo sie lag, mit Fingern, die sich ein klein wenig krümmten. Bevor er sie berührte, zog sie die Hand weg.

»Nein, nein, nein, nein, nein!« Lauter jetzt, und Emma fing an zu zittern. Ihr Herzmonitor gab einen Warnton von sich, aber die Krankenschwestern merkten noch immer nichts. McLean stand auf, wollte Hilfe holen, aber da packte ihn eine winzige Hand erstaunlich fest am Handgelenk. Er fuhr herum, und da saß Emma, aufrecht und mit weit aufgerissenen Augen.

»Es hat ihre Seelen genommen. Hat sie alle gefangen genommen. Sie waren verloren. Ich war verloren.«

Und dann löste sich der Griff. Ihre Augen verdrehten sich nach oben, und sie fiel in die Kissen zurück. McLean konnte nur zusehen, wie sich die Schwestern versammelten, alarmiert durch die Aktivitäten. Er konnte sich nicht rühren, konnte nur auf Emmas Gesicht starren, während sie um sie herumeilten, Monitore überprüften, Tröpfe einstellten und einander zuflüsterten. Passierte dies immer, wenn ein Patient aus dem Koma erwachte? Gab es irgendwelche vorgeschriebenen Abläufe, an die sie sich hielten?

Langsam beruhigte sich der Tumult. Alles, was überprüft werden konnte, war überprüft worden. Die Patientin schlief, ihr Herzschlag war regelmäßig. Es würde gut werden. Alles würde gut werden. Er saß immer noch da und beobachtete sie und merkte dabei nicht, wie die Zeit verging. Minuten, Stunden, es war ihm nicht wirklich wichtig. Letztlich war das alles seine Schuld. Er würde sich nicht vor dieser Verantwortung drücken. Nicht jetzt. Niemals.

Das zweite Mal wachte sie langsamer auf. Die Farbe kehrte in ihre Wangen zurück, als ihr ruhiger gleichmäßiger Atem plötzlich flach und schnell wurde. Ihre Augen öffneten sich langsam, sie griff sich mit einer Hand an den Kopf, als wollte sie nach der Verletzung tasten, die ihr zugefügt worden war. Dann bemerkte sie den Schlauch, der an ihrem Arm befestigt war, die Nadel.

»Das ist in Ordnung«, sagte McLean, in der Hoffnung, den Schrecken mit einem bekannten Gesicht und einer vertrauten Stimme vertreiben zu können. »Du bist im Krankenhaus. Du warst bewusstlos.«

Emma drehte sich langsam um, wobei ihr Kopf zu schwer war, als dass ihre verkümmerten Halsmuskeln ihn kontrollieren konnten. Sie blinzelte ins Licht, obwohl es hier gedämpft war, und sie brauchte eine Weile, bis sie ihn ansehen konnte. Noch länger brauchte sie, um zu sprechen. Er hatte auf ein Lächeln gehofft, bekam aber nur einen finsteren Blick. Als ihre Stimme schließlich kam, klang sie rissig und trocken. Die Worte so schrecklich wie unvermeidlich.

»Wer sind Sie?«

4

Wir haben sechzehn Mädchen, die alle zusammen ungefähr acht Worte Englisch sprechen, einen holländischen Kapitän, der Zeter und Mordio schreit, die Hafenbehörde, die mir das Ohr abkaut über einen Frachter, der im Morgengrauen ablegen sollte, und Sie machen sich wegen eines Anrufs aus dem Staub. Mein Gott, Tony – kein Wunder, dass Dagwood Sie loswerden wollte. Sie waren fünf Stunden weg. Wozu haben Sie so verdammt lange gebraucht?«

Jo Dexter stand mit vor der Brust verschränkten Armen mitten in dem Raum, in dem die Abteilung für Sexualdelikte hauste. Sie sah aus, als hätte sie gewartet, dass McLean nach Hause kam, so wie man auf ein verirrtes Kind wartet. Jeden Moment würde sie anfangen, ungeduldig mit der Fußspitze zu tippen.

»Es geht um Emma. Sie ist aufgewacht. Ich musste dort sein. Tut mir leid.«

»Mist. Schon wieder was mit Emma. Da kann ich Sie ja nicht mal richtig ausschimpfen, oder?« Die DCI lehnte sich an einen unbenutzten Schreibtisch und ließ die Hände seitlich herunterfallen. Der Raum war beinahe leer, nur ein paar Police Constables von der Büroschicht bedienten die Notfalltelefone und taten, als würden sie nicht auf den Spezialcomputern der SCU »Words with Friends« spielen, auf denen die schlimmsten Abscheulichkeiten des Internets nicht blockiert waren. »Wie geht es ihr?«

»Es ist … kompliziert.« McLean erinnerte sich an die Szene. Das Gesicht, das er jetzt beinahe sechs Monate lang angesehen hatte, erwachte plötzlich zum Leben, nur um von Verwirrung und Angst beherrscht zu werden. »Sie erinnert sich an nichts. Na ja, abgesehen von ihrem Namen.«

»Brauchen Sie Urlaub?« McLean konnte sehen, dass Dexter wirklich nicht wollte, dass er ja sagte. Genau wie alle anderen waren sie ständig unterbesetzt. Deshalb war er schließlich hier.

»Nein. Sie wird noch eine Weile im Krankenhaus bleiben. Ich glaube, ich stürze mich jetzt besser in die Arbeit. Sonst grüble ich nur die ganze Zeit.«

»Gut. Nun, Sie und DS Buchanan können dann damit anfangen, den Fall mit diesen Mädchen zu bearbeiten. Wir können sie nicht viel länger in den Zellen behalten. Die Einwanderungsbehörde wird bald hier sein, und ich möchte gern rausfinden, wer sie auf dieses Schiff verfrachtet hat, bevor die hier sind.«

»Warum hat man Sie auf das Schiff gebracht? Wo sollten Sie hinfahren?«

McLean saß am Tisch im Vernehmungsraum eins, dem hübschen, wo die Leute hingebracht wurden, die »die Polizei bei ihren Ermittlungen unterstützten«, nicht in einem der schmuddligen Löcher, in denen die Verbrecher verhört wurden. Die junge Frau ihm gegenüber starrte auf ihre Hände, die sie im Schoß gefaltet hielt. Ihr langes blondes Haar war von Natur aus gelockt, was man vor lauter Fett und Schmutz allerdings kaum noch sehen konnte. Ihr Gesicht war dünner als das eines Supermodels, scharfe Wangenknochen stachen durch eine Haut, die aussah wie saure Milch. Ihre Augen lagen tief eingesunken in den Höhlen, die von verblassten Blutergüssen gelblich verfärbt waren, wie nach einem seltsamen Versuch mit alternativem Make-up. Er war sich ziemlich sicher, dass sie alles verstand, was er sagte, aber genau wie all die anderen Mädchen aus dem Wagen gab sie sich stumm.

»Haben Sie versucht, nach Hause zu kommen, war es das?«

Sie sah zu ihm auf, fixierte ihn mit einem Starren aus den graublauen Augen, das keinen Zweifel daran ließ, für was für einen Idioten sie ihn hielt. Sie sagte noch immer nichts, kratzte sich mit den langen Nägeln ihrer rechten Hand an der mit Narben überzogenen Innenseite des linken Ellenbogens.

»Sehen Sie, ich weiß, dass Sie Englisch sprechen. Ich weiß, dass Sie irgendwo in der Stadt als Prostituierte gearbeitet haben. Ich weiß, dass das wahrscheinlich nicht Ihre Idee war. Sie dachten, Sie wären hergekommen, um eine Arbeit als Putzfrau zu finden oder vielleicht in einem Büro. Aber die Männer, die Sie hierhergebracht haben, hatten andere Vorstellungen, nicht wahr?«

Neben ihm räkelte sich Detective Sergeant Buchanan ungeduldig auf seinem Stuhl. McLean versuchte, eine Grimasse zu unterdrücken, aber etwas musste sich auf seinem Gesicht gezeigt haben. Das Mädchen sah ihn direkt an, ließ seine Augen zu dem anderen Detective hinüberschnellen und zurück und zog dann beide Augenbrauen hoch. Es war ein winzig kleiner Austausch, aber es war mehr, als er bisher aus einer von ihnen herausbekommen hatte. Acht geschafft, noch sieben zu vernehmen.

»Könnten Sie uns vielleicht einen Kaffee besorgen, Sergeant?« McLean hatte es als Frage formuliert, aber selbst der dümmste Beamte musste bemerkt haben, dass es sich um einen Befehl handelte. Buchanan machte den Mund auf, als wollte er etwas sagen, dann schloss er ihn wieder mit einem lautstarken Ploppen. Er schob quietschend den Stuhl zurück, als er aufstand, und das Geräusch bereitete McLean Zahnschmerzen. Dann ging er langsam zur Tür und blieb kurz stehen, bevor er sie öffnete.

»Schwarz und ohne Zucker für mich.« McLean versuchte, mit dem Kopf keine verabschiedende Bewegung zu machen, aber es gelang ihm wohl nicht ganz.

Buchanan ließ die Tür offen. Ob absichtlich oder weil es ihm an den grundlegenden motorischen Fähigkeiten dafür mangelte, wollte McLean lieber nicht erraten. Er stand auf, machte die Tür zu und setzte sich wieder an den Tisch. Die junge Frau sagte nichts, aber ihr Blick folgte ihm die ganze Zeit. Erst als er wieder auf seinem Stuhl saß, fing sie endlich an zu sprechen.

»Sie sind nicht wie die anderen. Sie habe ich noch nicht gesehen.«

Ihre Stimme überraschte ihn. Er hatte angenommen, sie stammte aus Osteuropa, aber sie sprach mit einem Akzent aus den Midlands.

»Ich bin hier eingesprungen. Versetzt, während sie entscheiden, wer befördert wird.«

»Um hierher versetzt zu werden, müssen Sie aber ganz schön Mist gebaut haben. Was haben Sie denn gemacht?«

Was ich gemacht habe? Meine Arbeit. Nur war es der verdammte Dagwood, der kommissarisch zum Superintendenten ernannt worden war, nachdem wir diese Cannabis-Operation aufgedeckt haben und er niemanden um sich haben wollte, der ihm in die Suppe spuckte. McLean schwieg, studierte einen Augenblick lang das Gesicht der jungen Frau, versuchte, hinter die slawischen Gesichtszüge zu blicken, die ihn vorhin zu einer so falschen Schlussfolgerung verleitet hatten.

»Die anderen Mädchen – sind die auch aus England?«

»Nee. Die meisten sind Polinnen, Rumäninnen, ich glaub, ich hab ein paar auch russisch sprechen gehört. Ich kenn die nicht wirklich. Wir sind erst vor ein paar Tagen abgeholt worden.«

»Abgeholt?«

»Gibt’s hier drin ein Echo?« Die junge Frau strich sich das fettige Haar aus dem Gesicht, kratzte sich an der Nase, zog die Nase hoch. Einen schrecklichen Moment lang dachte McLean, sie würde auf den Boden spucken, aber stattdessen schluckte sie. Er war sich nicht sicher, was schlimmer war.

»Sie waren sechzehn Frauen in dem Wagen und sollten auf ein Schiff nach Rotterdam verfrachtet werden. Normalerweise kümmern wir uns um Leute, die in die andere Richtung wollen. Ich wüsste zu gern, warum Sie aus dem Land geschmuggelt werden sollten.«

»Sie fragen mich nicht mal nach meinem Namen?«

»Würden Sie ihn mir denn sagen?«

»Ich heiße Magda. Und ja, ich weiß, das ist polnisch. Mein Großvater ist im Krieg rübergekommen und nie wieder zurückgegangen.«

»Also, was ist dann der Grund, Magda? Warum sollten Sie ins Ausland geschickt werden?«

»Weil ich polnisch spreche, wahrscheinlich. Wegen meinem Aussehen. Vielleicht dachten die, ich wäre wie all die anderen. Vielleicht hab ich versucht, es ihnen zu sagen, und hab dafür Prügel bezogen. Vielleicht war’s denen auch egal, wer ich bin. Solange sie die richtige Anzahl zusammenhatten.«

»Anzahl wofür? Wo wollten die Sie hinbringen?«

Magda warf ihm einen merkwürdig fragenden Blick zu, als könnte sie nicht ganz glauben, was sie hörte.

»Sie wissen, dass ich ’ne Nutte bin, oder? Sie wissen, was das bedeutet, mal abgesehen von dem ganzen Sex-gegen-Geld-Ding?«

McLean antwortete nicht. Er war sich nicht sicher, ob er es wusste.

»Es bedeutet, dass ich ein Stück Fleisch bin, verdammt. Dass ich jemandem gehöre und verkauft werden kann. Ich werde von einem Zuhälter an den nächsten weitergegeben und hab nichts dazu zu sagen. Wer bin ich, dass ich mich beklagen würde, ich, das Dreckstück? Ha, das wär ja zum Lachen. Und euch ist das entweder egal, oder ihr wollt’s gratis. Ich hab keine Rechte, keinen Schutz. Nur ’ne Sucht muss befriedigt werden, und es gibt nur eine Art, wie man das machen kann. Also, wenn Malky sagt, dass ich jetzt mit Ivan geh, dann stell ich keine Fragen. Wozu auch, he?«

»Sie wissen nicht, wo die Sie hinbringen wollten.«

»Note eins für den Inspector.« Magda applaudierte spöttisch. Einen Augenblick lang deutete sich auf ihrem Gesicht so etwas wie der Anflug eines Lächelns an, dann ging die Tür auf. DS Buchanan erschien, Hinterteil voran, und trug zwei Becher mit Kaffee. Als er sich umgedreht und die beiden Becher auf den Tisch gestellt hatte, war Magdas Gesicht wieder leer, die Augen niedergeschlagen, sie starrte auf ihre Hände, die gefaltet in ihrem Schoß lagen und deren Finger an den vernarbten Malen an den Innenseiten ihrer Arme nestelten. Es war beinahe, als wäre das ganze Gespräch nicht mehr gewesen als ein Traum.

»Danke. Sie wollten keinen?« McLean nahm den Becher mit dem schwarzen Kaffee und schob den anderen vorsichtig zu Magda hinüber. Buchanan machte den Mund auf, schaute auf die beiden Becher und schloss ihn dann wieder. Er zog seinen Stuhl heran und ließ sich schwer darauffallen.

»Sie wissen nicht, wohin die Sie bringen wollten«, versuchte McLean, den Faden wieder aufzunehmen, obwohl er wusste, dass es ein Kampf werden würde. »Aber Sie wissen, wer Sie abgeholt hat. Wer ist Malky, Magda? Wer ist Ivan?«

Buchanan sah McLean von der Seite an, als er den Namen der jungen Frau aussprach, und zog fragend eine Augenbraue hoch. McLean fragte sich, ob er noch einen anderen Vorwand finden konnte, um den Sergeant wegzuschicken. Seine Anwesenheit war eindeutig nicht hilfreich.

»Malky ist Malky Jennings. Typischer zwielichtiger Drecksack, der von Restalrig aus ein Dutzend Nutten auf den Strich schickt.«

Vielleicht half er ja doch ein bisschen. »Sprechen Sie weiter«, sagte McLean.

»Er ist ein kleiner Fisch. Normalerweise lassen wir ihn mit einer Verwarnung laufen, wenn er zu weit geht. Ein alter Bekannter, wenn Sie mich verstehen. Wenn wir ihn einbuchten, taucht nachher noch wer weiß wer auf, um seinen Platz einzunehmen. Er ist nützlich.« Was bedeutete, dass er jemandes Informant war. Oder Zulieferer.

»Und Ivan?« McLean richtete seine Frage an Buchanan, sah dabei aber Magda an. Er konnte ihren Blick aber nicht auffangen, sie fand ihren Schoß immer faszinierender, und diese Male an der Innenseite ihres Arms juckten mit jeder Minute mehr.

»Ivan – da hab ich keine Ahnung.«

»Magda, wer ist Ivan?« McLean ließ die Frage in der Stille hängen, die folgte, und sah die junge Frau nur über den Tisch hinweg an. Sie hielt den Blick lange Sekunden gesenkt, und das einzige Geräusch war das Ratschen ihrer Fingernägel auf der Haut an ihrem Arm. Bald würde sie sie aufgekratzt haben und den Narben, die dort bereits waren, neue hinzufügen. Vielleicht weil sie schließlich merkte, was sie da tat, hielt sie inne, hob den Kopf und starrte ihn durch ihre strähnigen blonden Locken hindurch an. In diesem Blick lag mehr als nur Wut und Trotz. Darin lag Angst. Ein schnelles Blinzeln zum Detective Sergeant hinüber und zurück. Dann senkte sie den Kopf und sagte nichts mehr.

»Erzählen Sie mir von Malky Jennings.«

McLean lehnte an der Wand neben dem Whiteboard im Hauptbüro der Abteilung für Sexualdelikte und sah auf einen Haufen leerer Schreibtische. Die Jalousien an den Fenstern am anderen Ende des Raums waren heruntergelassen, Sonnenlicht drang durch die Ritzen und malte Streifen auf die schmutzigen Teppichquadrate. Das hier war kein Ort, an dem Leute viel Zeit verbringen wollten. Man konnte nie wissen, welche neue Erniedrigung oder Grässlichkeit als Nächstes auftauchen würde.

»Da gibt’s eigentlich nicht viel zu erzählen. Drecksack fasst es so ziemlich zusammen.« DS Buchanan räkelte sich auf dem einzigen guten Stuhl im Büro, die Füße auf seinem Schreibtisch. McLean, der das kleine Team in den paar Tagen, seit er angekommen war, beobachtet hatte, erkannte das Alpha-Tier, oder vielleicht treffender das frustrierte Beta-Tier, das über die untergeordneten Ränge herrschte, aber nicht das Rückgrat hatte, um die Position des Rudelführers zu erobern. Er war ein Bulle alter Schule, was im Fall von Grumpy Bob etwas Gutes war, im Fall von Buchanan eher weniger. Wo DS Laird zwar faul erschien, die Arbeit aber erledigte, war Buchanan die Art Polizist, die immer beschäftigt aussah, aber eigentlich überhaupt nichts schaffte.

»Haben wir eine Akte über ihn?«

»Sollten wir.« Betont umständlich nahm Buchanan die Füße vom Tisch, zog die Tastatur zu sich heran und fing an zu tippen. McLean stieß sich von der Wand ab und trat dazu, um zu sehen, was auf dem Bildschirm auftauchen würde.

»Malcolm Jeffrey Jennings.« Buchanan tippte mit einem fettigen Finger auf das Glas. »Sechsunddreißig Jahre alt. Lebt in einem der Wohntürme in Richtung Lochend. Vorbestraft wegen Drogen, aber nur Kleinkriminalität. Hauptsächlich hat er Prostituierte in der Gegend laufen. Ekliger kleiner Scheißer. Gewalttätig, aber er ist schlau genug, sie nicht ins Gesicht zu schlagen. Nach allem, was ich gehört habe, zieht er einen Baseballschläger in die Rippen vor.«

McLean schaute auf das Gesicht am Bildschirm. Ein dünner, rattengesichtiger Mann. Schmale, lange Nase, irgendwann mal gebrochen. Haare, die ihm in langen, fettigen Strähnen bis auf die Schultern hingen. Augen, die gerade so dicht beieinanderstanden, dass sein Gesicht einen permanent bösen Blick bekam. Tiefe Ringe darunter, die auf eine Sucht schließen ließen, die er gerade so unter Kontrolle hatte.

»Und wir tolerieren das weshalb?«

Buchanan seufzte, klickte mit der Maus auf eine Reihe Vorschaubilder, die von einem Überwachungsteam aufgenommen worden waren. Das erste zeigte Malky Jennings, wie er neben einer Frau die Straße entlangging. McLean hatte es auf dem Polizeifoto nicht bemerkt, aber Jennings zog sich gern auffällig an. Nicht unbedingt mit irgendeiner Form von Stilsicherheit, aber das Smokingjacket aus lila Samt und das Rüschenhemd waren mit Sicherheit bemerkenswert.

»Malky ist ein alter Bekannter. Wir behalten ihn im Auge und nehmen ihn fest, wenn er zu sehr über die Stränge schlägt. Aber es hat keinen Sinn, ihn einzusperren. Er ist nicht das Problem.«

McLean sah sich die ersten Zeilen der Liste von Verurteilungen und Verwarnungen an. »Für mich sieht er nach einem großen Problem aus.«

Buchanan schnaubte. »Sie sind neu hier, Sie verstehen das nicht.«

»Nein. Tu ich nicht. Erklären Sie’s mir.«

»Okay.« Buchanan setzte seine beste Lehrerstimme auf. »Malky Jennings ist ein Drecksack, aber einer, dessen Verhalten wir voraussagen und möglicherweise sogar bis zu einem bestimmten Grad kontrollieren können. Wenn wir ihn wegsperren, dann kommt jemand anders in seine Gegend. Jemand, über den wir vielleicht gar nichts wissen. Jemand, der sich vielleicht einen Namen machen will, seinen Status sichern. Das bedeutet Gewalt und Unruhe, und so was macht den Chief Constable unglücklich. Deshalb lassen wir Malky Jennings in Frieden.«

»Das kleinere Übel.« McLean verstand das Konzept, aber das bedeutete nicht, dass es ihm auch gefallen musste.

»Jetzt verstehen Sie.«

»Sie scheinen da nur etwas zu übersehen. Dieser russische Kerl, Ivan oder so. Der ist ein neuer Spieler, richtig?«

Buchanan nickte. »Sieht so aus.«

»Und er hat eine ganze Ladung von Malkys Prostituierten genommen, hat sie auf ein Schiff verfrachtet, das zum Kontinent fahren sollte und dann Gott weiß wohin.«

Wieder ein Nicken. McLean konnte beinahe sehen, wie sich die Gedanken in Buchanans Kopf miteinander verbanden.

»Also sollten wir wenigstens mit Jennings sprechen und hören, was los ist, finden Sie nicht? Lassen Sie ihn holen, und wir lassen ihn ein bisschen schwitzen. Wenn wir ihm schon unser stillschweigendes Einverständnis geben, dann soll er uns verdammt noch mal auch was dafür zurückgeben.«

5

Ist das ein echtes Ouija-Brett? Mein Gott, ich dachte, die Dinger wären in den Siebzigern ausgestorben.«

Sie ist nicht das hübscheste Mädchen, das er jemals kennengelernt hat, aber sie hat etwas an sich, das er unglaublich attraktiv findet. Vielleicht ist es ihr Haar, so geschnitten, wie seine Mutter es getragen hätte, als sie in diesem Alter war. Vielleicht ist es aber auch ihr leichtes Lächeln. Nicht ein »Kommt her und holt mich, Jungs«-Zähnefletschen, sondern ein selbstloses Teilen reiner Freude. Sie ist immer fröhlich, und das gibt es so selten. Es ist beinahe ansteckend, obwohl es dieser Tage schon mehr bedürfte, um seine Laune aufzuhellen.

Natürlich hilft es, dass sie seltsam ist. Jeder mag das Seltsame.

Der Abend fing gut an. Nur ein paar von ihnen sind nach der Arbeit noch auf einen Drink weggegangen, haben sich am Ende einer weiteren Scheißwoche entspannt. Irgendein glücklicher Schweinehund feiert seinen Abschied, sonst wäre er gar nicht mitgekommen. Er ist kein großer Trinker – kann es sich nicht leisten –, aber es macht auf traurige Weise Spaß zuzusehen, wie die Mädchen die Kontrolle verlieren. Er ist nicht daran interessiert, ihre Trunkenheit für etwas so Schäbiges wie Sex auszunutzen, das ist überhaupt nicht sein Stil. Wozu auch? Er muss ja trotzdem jeden Tag mit ihnen arbeiten. Die meisten halten ihn für schwul, und er hat sich nie wirklich die Mühe gemacht, das richtigzustellen. Natürlich stimmt es nicht, aber Frauen scheinen sich in Gegenwart eines schwulen Mannes wesentlich wohler zu fühlen.

Und dann haben sie diese komische, verrückte, berauschende Frau getroffen. Er war sich nicht ganz sicher, wessen Freundin sie war oder ob sie sich einfach bei ihrer Gruppe angehängt hatte. Sie erinnerte ihn an jemanden, aber er kam nicht auf den Namen. Jedes Mal, wenn er dachte, er hätte ihn, erwischte sie ihn dabei, wie er sie ansah, und blitzte ihm ein wissendes Lächeln zu. Und jedes Mal, wenn er ihr in die Augen sah, war es, als würde sich sein Hirn abschalten, und er müsste es neu starten.

Jemand hatte vorgeschlagen, in einen Club zu gehen, aber keiner hatte Lust. Es gab Pubs, die so ziemlich die ganze Nacht lang offen hatten, aber sie hatten genug von Pubs. Genau wie er hielt auch sie sich an Softdrinks. Er hatte es bemerkt, und sie hatte bemerkt, dass er es bemerkt hatte. Sie hatten sich dabei angelächelt. Und sie hatte vorgeschlagen, sie sollten doch alle noch zu ihr gehen.

So gesagt, hörte es sich abgeschmackt an. Anmache, ohne Anmache zu sein. Nicht, solange sie nicht vorhatte, mit allen fünfen eine Orgie zu feiern. Da kam seine Nervosität durch, wenn er zu einem solchen Zeitpunkt an Sex dachte. Natürlich war Sex das Letzte, woran sie dachte, diese merkwürdige, berauschende Frau. Sie wollte etwas anderes von ihnen. Eine Séance.

»Automatisches Schreiben ist schon seit Tausenden von Jahren eine Lieblingsbeschäftigung von Medien.« Sie legt das Brett auf den Tisch und die Planchette in die Mitte. Er kann nicht umhin festzustellen, dass es sich um kein antikes Kunstwerk handelt. Das Holz glänzt vor Lack, nicht vor Alter, und die Buchstaben sind eindeutig maschinengeprägt. Das Firmenlogo »Hasbro« in winzigen Buchstaben in einer Ecke ist ein bisschen verräterisch.

»Es geht nicht um das Brett, du Dummkopf. Es geht darum, was in deinem Kopf vorgeht.« Sie lächelt wieder und versetzt ihm einen sanften Knuff auf den Arm. Das ist auch etwas, was ihm an ihr aufgefallen ist: Sie hat gern Körperkontakt. Ein leichtes Streichen mit den Fingern hier, eine feste Hand auf dem Arm dort. Es ist beinahe, als wüsste sie nicht, dass sie es tut. Er glaubt sowieso nicht, dass die anderen es bemerkt haben. Aber die sind sowieso alle angetrunken und machen sich jetzt über die Flasche Wein her, die sie im Regal unter der Spüle in ihrer Küche gefunden hat.

»Also, was sollen wir machen?«

»Zuerst müssen wir alle in einem Kreis sitzen und uns an den Händen nehmen. Hier.« Sie hält ihm ihre linke Hand hin, fixiert ihn mit einem Blick, der nicht zu leugnen ist. Bevor er sichs versieht, ist er in ihrem Griff, mit Mandy aus der Buchhaltung links neben ihm. Die anderen nehmen sich auch alle bei den Händen, ganz ohne Witzeln und Beschwerden, wie er eigentlich gedacht hätte. Erwartungsvolle Stille legt sich auf die Versammlung.

»Geister auf der anderen Seite, hört unseren Ruf. Wir haben Fragen und suchen eure Weisheit.«

Bildet er sich das nur ein, oder ist es tatsächlich etwas kälter geworden? Und waren die Zimmerecken immer schon so dunkel und schattig? Haben sie sich immer schon so bewegt?

»Kommt zu uns, Geister. Antwortet auf unseren Ruf. Ist da draußen jemand?«

Die Planchette, geformt wie ein winziges Herz aus Holz mit einem Loch, das aus der Mitte gestanzt wurde, bewegt sich langsam über das Brett. Holz schabt auf Holz, als sie sich langsam auf den Kreis zubewegt, der mit »Ja« markiert ist. Er starrt einen langen Moment darauf, bevor ihm aufgeht, dass niemand sie berührt. Er sieht sie von der Seite an, unfähig, das Band zu zerreißen, das sie alle hier in diesem Kreis verbindet. Zum ersten Mal, seit er ein kleiner Junge war, der in der Dunkelheit mitten in der Nacht aufwachte, spürt er wirkliche Angst. Sie sitzt vornübergebeugt, ihre Augen sind fest geschlossen, ihre Lippen bewegen sich, als spräche sie eine stumme Sprache. Es ist unmöglich, das Gefühl abzuschütteln, dass da noch etwas mit ihnen im Raum ist. Jemand.

Zu spät bemerkt er, dass es stimmt. Es zieht aus dem Schatten auf der anderen Seite des Kreises herauf. Nur ist da jetzt kein Kreis mehr, kein komisches, fröhliches, lächelndes Mädchen. Kein Quija-Brett. Nur er und ein Gesicht mit Augen aus Feuer. Ein teuflisches Grinsen macht sich breit, ganz Zähne und spitze, scharfe Zunge, Lippen so rot wie frisch vergossenes Blut. Es spricht in einer Stimme, die von weit her aus der Vergangenheit kommt. Eine Stimme, die die dunkelsten Tiefen seiner Seele öffnet, seine Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung offenlegt.

»Du gehörst mir.«

6

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit fand er ganz in der Nähe von Emmas Wohnung einen Parkplatz. McLean hatte sie eben aus dem Krankenhaus abgeholt. Da ihre Mutter in einem Pflegeheim in Aberdeen lebte, gab es niemanden, der es sonst hätte tun können, und er hatte den Gedanken nicht ertragen können, dass sie ein Taxi nehmen musste. Danach zu urteilen, wie sie den ganzen Weg durch die Stadt aus dem Fenster gesehen hatte, war es wahrscheinlich besser so. Sie erinnerte ihn an ein kleines Kind, das zum ersten Mal die große Stadt besuchte. Mit großen Augen jedes neue Wunder bestaunend, den Mund leicht geöffnet.

»Ist es hier?«, fragte sie, als er den Wagen parkte und den Motor abstellte. Nicht mal ein Funken von Erinnerung.

»Ja, hier ist es. Du hast die Wohnung gemietet, als du vor eineinhalb Jahren aus Aberdeen hergekommen bist, erinnerst du dich?«

Sie blickte die Straße entlang, und ihre Augen glitten über ihre eigene Haustür hinweg, als bedeutete sie ihr nicht mehr als jede andere. »Nein.«

»Na ja, lass uns reingehen. Mal sehen, ob du deine Sachen erkennst.«

Emma war schon vorher schlank gewesen, aber nach sechs Monaten am Tropf war sie ausgemergelt und schwach dazu. Im Krankenhaus hatten sie ihr Bestes getan, seit sie aufgewacht war, regelmäßige Physiotherapie und das kalorienreichste Essen, das McLean seit seiner Schulzeit zu Gesicht bekommen hatte, aber sie bewegte sich immer noch wie jemand, der doppelt so alt war. Er musste den Drang unterdrücken, den Arm auszustrecken und ihr zu helfen. Das allerdings, hatte er bereits gelernt, machte sie nur wütend. Und er freute sich festzustellen, dass manches an ihr sich nicht verändert hatte.

»Die hier.« Er zeigte auf die Tür, an der sie gerade vorbeiging.

Er zog die Schlüssel aus der Jackentasche und gab sie ihr. Der kleine Gummizwerg hing am Schlüsselring, sein Haar ein leuchtend rosa Schopf. Sie betrachtete ihn mit derselben intensiven Faszination, die sie unterwegs an den Tag gelegt hatte, zeigte aber kein Interesse an den Schlüsseln.

»Der gehört mir?«

McLean nickte.

»Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern. Hab ich ihn gekauft? Hat ihn mir jemand geschenkt? Hast du ihn mir geschenkt?« Bei dieser letzten Frage starrte Emma ihm ins Gesicht und studierte seine Züge auf eine Weise, die er sehr beunruhigend fand. Er kannte diesen Blick gut. Er hatte ihn selbst über die Jahre in vielen Verhören benutzt. Sie ließ sogar die Stille in der Luft hängen, wartete darauf, dass er sie füllte und sich mit der Antwort selbst beschuldigte.

»Nicht schuldig, Euer Ehren.« Er hielt in einer kapitulierenden Geste die Hände hoch. »Gehst du rein oder nicht?«

Emma zog einen Moment lang die Augenbrauen zusammen, erst dann schien sie die Schlüssel zu bemerken, die von dem faszinierenden Schlüsselring hingen. »Oh. Richtig.« Pause. »Ähm … Welcher ist es?«

So war das jetzt schon seit beinahe drei Wochen. Dr. Wheeler meinte, Emma würde die ganze Zeit Fortschritte machen, aber McLean konnte es nicht sehen. Ja, da waren gelegentlich Augenblicke der alten Em, aber meistens war da nur dieser unbehagliche, hilflose Mensch, der von nichts eine Ahnung zu haben schien. Sie hatte sich so intensiv an ihn gehängt, dass er zuerst dachte, es wäre etwas von ihrer Beziehung, das zurückkam. Aber während die Tage vergingen und er alles Mögliche getan hatte, um ihr bei ihrer Genesung zu helfen, beschlich ihn der Verdacht, dass sie sich an ihn klammerte, weil er das erste Gesicht gewesen war, das sie beim Aufwachen gesehen hatte. Sogar jetzt gab es noch Momente, in denen er sie dabei ertappte, wie sie ihn mit etwas ansah, das mehr Angst war als alles andere. Sie behandelte ihn nicht wie einen Gleichgestellten, benahm sich nicht wie eine Erwachsene. Es war fast, als hätte der Schlag auf den Kopf sie wieder zum Kind gemacht.

»Hier, lass mich.« Er griff nach den Schlüsseln. Sie wich vor ihm zurück, nur ein wenig, bemerkte es dann und riss sich zusammen. Beinahe widerwillig übergab sie ihm den Schlüsselbund, und ihre Finger hielten den kleinen Zwerg fest, als er ihn entgegennahm. Er suchte nach dem richtigen Schlüssel, ließ ihn ins Schloss gleiten und schloss die Tür auf.

Drinnen war es dunkel. Das bisschen Licht, das es durch das ungeputzte Fenster über der Treppe hineinschaffte, wurde von einer großen, toten Topfpflanze auf dem Fensterbrett geschluckt. McLean war zwei Mal die Woche hier gewesen, seit Emma ins Krankenhaus gekommen war, hatte ihre Post durchgesehen und sich vergewissert, dass in der Wohnung alles in Ordnung war. Die ganze Zeit hatte er nie gesehen, dass die Pflanze Wasser bekommen hatte, und erst jetzt ging ihm auf, dass sie vielleicht ihr gehörte. Sie war auf der Treppe stehen geblieben, als sie daran vorbeigingen, und hatte einen blättrigen Wedel mit knochigen Fingern betastet. Einen Augenblick lang dachte er, sie könnte sich an etwas erinnern, aber sie hatte den Kopf geschüttelt und war weitergegangen.

Sie erkannte ihre Wohnungstür nicht, und als er sie aufstieß, um sie einzulassen, zögerte sie auf der Schwelle und lugte hinein, als erwartete sie Ungeheuer darin. McLean trat ein, und Emma folgte ihm widerstrebend. Wenn dies dazu dienen sollte, den Prozess in Gang zu bringen, der ihre Erinnerungen zurückbrachte, wie die gute Ärztin nahegelegt hatte, dann schien es nicht zu funktionieren.

»Ich mach uns Tee.« Er ließ sie im Flur stehen. »Warum siehst du dich nicht um? Ich hab mich bemüht, die Wohnung sauber und ordentlich zu halten.«

»Du hast gesagt, ich hätte sie gemietet.« Emma folgte ihm in die winzige Küche und stand jetzt dicht neben ihm, als er den Wasserkessel füllte. »Wer hat die Miete bezahlt, solange ich … du weißt schon?«

»Mach dir keine Sorgen. Das ist alles in Ordnung.«

»Ich muss dir eine Menge Geld schulden.«

Die Annahme, dass er für alles gezahlt hatte, war richtig, aber trotzdem überraschte es ihn, dass sie es sich gedacht hatte. Im Prinzip bekam sie Krankengeld und würde auch eine Entschädigung dafür bekommen, dass sie im Dienst verletzt worden war. Die Kriminaltechnik oder die Polizei hätten dafür aufkommen müssen, aber am Ende hatte er es selbst getan. Das war viel einfacher, als darauf zu warten, dass die interne Bürokratie ihren Lauf nahm, und es war ja nicht so, als könnte er es sich nicht leisten.

»Kein Problem. Du musst dich erst mal erholen.« Das Kesselventil sprang hoch, und Dampf quoll in die kalte Luft hinaus. Die ganze Wohnung war kalt, fiel ihm jetzt erst auf. Sie lag versteckt in einer engen Straße, ohne Sonnenlicht. Vielleicht hätte er die Heizung anstellen sollen.

»Wusste ich’s doch, dass da was war, das ich hätte besorgen sollen. Milch.« McLean öffnete den Kühlschrank in der Hoffnung, dass magische Elfen vielleicht welche hineingestellt hätten, aber diese Woche schienen die Urlaub zu haben. »Hast du was gegen schwarzen Tee?«

»Eigentlich trinke ich nur selten Tee.« Emma ging zurück auf den Flur, zog die Badezimmertür auf und blickte hinein. »Hier wohne ich also.«

»Ja.«

»Und du?« Sie schloss die Tür und wandte sich mit einem Blick zu ihm um, der beinahe der alten Emma gehörte. Beinahe. »Wohnst du auch hier?«

McLean spürte, wie seine Ohren rot wurden, und wusste nicht genau, warum. »Nein. Ich wohne auf der anderen Seite der Stadt.«

»Aber du und ich. Waren wir …«

»Ja. Nicht lange, aber … Ja.«

»Das ist so merkwürdig.« Sie öffnete die Schlafzimmertür, hielt einen Moment lang inne und schoss dann hinein, nahm das Plüschtier vom Bett und umarmte es. »Potamus! Ich erinnere mich an ihn. Mama hat ihn mir gekauft, als ich acht war. Mein Gott, es kommt mir vor, als wäre das erst ein paar Jahre her.«

Sie nahm das Plüschnilpferd mit, als sie ins Wohnzimmer gingen. Es war das größte Zimmer in der Wohnung und gefüllt mit Erinnerungsstücken, Büchern, Fotografien. Soweit McLean wusste, waren sogar die Möbel mit ihr aus Aberdeen hierher gezogen, wenn also irgendetwas ihr Erinnerungsvermögen anschubsen konnte, sollte es dies sein.

Emma stand mitten im Zimmer und sah sich langsam um. Dann bemerkte sie das niedrige Bücherregal neben dem Fenster, dessen Oberfläche mit gerahmten Fotografien vollgestellt war. Sie nahm eines der Bilder hoch, auf dem sie selbst und eine Gruppe junger Frauen abgebildet waren, die McLean nicht kannte, sah es an, schüttelte den Kopf und stellte es wieder hin. Dasselbe geschah mit allen anderen, bis sie zu dem Foto ihrer Mutter kam.

Zusammengesunken und gebrechlich saß die alte, grauhaarige Dame in einem hochlehnigen Sessel, der zu groß für sie aussah. Sie lächelte nicht, blickte nicht einmal richtig in die Kamera. Etwas in ihren Augen war gestorben, schon lange bevor das Foto aufgenommen wurde. McLean erkannte sie nur, weil er nach Aberdeen hinaufgefahren war, um sich vorzustellen und Mrs Baird irgendwie zu erklären, was ihrer Tochter zugestoßen war, und um ihr zu versichern, dass er alles tun würde, was in seiner Macht stand, um ihre Genesung zu beschleunigen. Was er vorgefunden hatte, war ein fünfundsechzigjähriger Körper ohne Geist. Emma hatte ihm gesagt, dass ihre Mutter in einem Heim war; was sie nicht erwähnt hatte, war die Schwere ihrer Demenz.

»Sieht aus wie meine Großmutter, nur anders.« Emma stellte die Fotografie zurück auf das Bücherregal und streichelte das Glas mit einem Finger, während sie sich umdrehte. »Das ist meine Mutter, oder?«

»Sie hat seit sieben Jahren Alzheimer. Es wird so gut wie möglich für sie gesorgt.«

»Warum erinnere ich mich an nichts? Das Letzte, was ich weiß, ist, wie ich mit ihr darüber gesprochen habe, aufs College zu gehen. Ich war siebzehn. Ich weiß nicht mal, wie alt ich jetzt bin.«

»Soll ich dir das wirklich sagen?«

Emma ging zum Kaminsims und starrte sich im Spiegel an, der darüber hing. »Nein. Das würde mich nur deprimieren. Warum kann ich mich nicht erinnern?«

»Es wird schon zurückkommen. Lass dir Zeit. Dr. Wheeler hat gesagt …«

»Ich weiß, was Dr. Wheeler gesagt hat. Aber sie muss schließlich nicht damit leben, oder?« Emma schwenkte einen Arm in einem Bogen herum, der das gesamte Zimmer mit einschloss. »Sie muss nicht in einer Wohnung leben, die voller Zeug ist, bei dem sie sich nicht erinnern kann, es gekauft zu haben. Oder noch schlimmer, voll mit Fotos von Leuten, die zwanzig Jahre älter sind, als sie sie in Erinnerung hat.«

»Willst du woandershin? Ich habe ein Gästezimmer. Du bist herzlich willkommen.« Die Worte waren aus ihm herausgepurzelt, bevor er wirklich darüber nachgedacht hatte. Es hörte sich fast an, als bäte er sie, bei ihm einzuziehen. Der Gedanke erfüllte ihn mit gemischten Gefühlen, mit Hoffnung und Verzweiflung. Und Schuld. Schuldgefühle waren immer dabei.

Emma sah sich noch einmal langsam im Wohnzimmer um, dann blieb ihr Blick schließlich mit einem verzweifelten Ausdruck an ihm hängen. »Bitte.«

Sie brauchten fast eine Stunde, bis sie sich durch das Verkehrschaos in der Stadt gekämpft hatten, das durch die Bauarbeiten für die Straßenbahn verursacht wurde. Als der Wagen schließlich über den Kies vor seinem Haus knirschte und an der Hintertür zum Stehen kam, war der Nachmittag vorüber. McLean war dankbar, dass Jo Dexter ihm freigegeben hatte, aber früher oder später würde ihn jemand anrufen und ins Büro zurückbeordern.

»Nur ein einziges Gästezimmer?«, fragte Emma, als sie auf das Haus zugingen. Hier schien sie irgendwie entspannter. Vielleicht war es einfacher für sie, an einem Ort zu sein, wo nicht von ihr erwartet wurde, dass sie sich an etwas erinnerte. McLean suchte noch nach einer passenden Antwort, während er die Tür öffnete, als etwas Großes und Haariges heraustrottete, sich mit hochgerecktem Schwanz um Emmas Beine wand und schnurrte wie ein schlecht eingestellter Motor. Kurz verspürte er einen Moment von irrationaler Eifersucht. Diese Art von Zuneigung hatte Mrs McCutcheons Katze ihm nie bezeigt.