Der ehrgeizige Mr. Duckworth - Tim Parks - E-Book

Der ehrgeizige Mr. Duckworth E-Book

Tim Parks

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Beschreibung

Morris Duckworth ist von seiner eigenen Genialität und moralischen Untadeligkeit felsenfest überzeugt. Wenn er also ein Durchschnittsleben auf unterstem ökonomischen Niveau führen muss, sind andere schuld. Um reich zu werden und in die gute Gesellschaft Veronas aufzusteigen, schreckt er vor nichts zurück. Erpressung und Entführung, Mord und Totschlag sind manchmal einfach unvermeidlich. Morris Duckworth kann – in aller Unschuld – einfach nicht verstehen, warum andere Leute reich sind und er nicht. Massimina Trevisan, die reich ist, versteht – in aller Unschuld – nicht, warum sie Morris nicht auch noch haben kann. In einem heißen italienischen Sommer brechen die beiden zu einer Reise auf, bei der alle Unschuld auf der Strecke bleibt.

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Tim Parks

DER EHRGEIZIGE MISTER DUCKWORTH

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff

Verlag Antje Kunstmann

Inhalt

Cover

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Impressum

Leseprobe

1

MORRIS GING SCHNELLER ÜBER DEN PLATZ, als er eigentlich wollte. Die Abenddämmerung war merkwürdig flüssig. Es hatte geregnet am Nachmittag, die Luft war frisch, und der Schein der ersten Straßenlaternen mischte sich mit dem sterbenden Tageslicht. In einer solchen Stunde sollte man nicht mehr herumrennen, dachte Morris. Man sollte vor einer Bar sitzen, ein Glas Weißwein trinken und den Abstand zwischen den Dingen genießen, ihre Gegenwart, ihr Gewicht. Es war eine Stunde, in der man zusehen sollte, wie die Schatten tiefer wurden und auskühlten, wie das Tageslicht ausblutete und das Licht der Laternen aufblühte, wie die Farbanstriche der Häuserwände verblassten, wenn die grellen Neonreklamen darunter herausstachen. Eine magische Stunde.

Aber Morris hastete weiter, über den Platz und durch das Gewirr der Gassen dahinter. Er war schon ganz außer Atem. Jetzt war er innerhalb der letzten vier Stunden viermal von einem Ende der Stadt zum anderen gerannt. Heute habe ich meine Termine wirklich schlecht geplant, dachte er. Sich zwischen der Wohnung von Paola und der von Patrizia dermaßen nass regnen zu lassen. Sein rechter Schuh war völlig durchweicht, und seine nassen Hosenbeine schlabberten ihm um die Knöchel. Morris blieb einen Augenblick stehen, um wieder zu Atem zu kommen, dann drückte er auf die Klingel und ließ es ordentlich bimmeln. Gleichzeitig formten seine Lippen langsam und deutlich das Wort: »Scheißschinderei.« Dann wiederholte er es noch einmal laut und versuchte, das »r« tüchtig zu rollen, aber es gelang nicht so recht. Trotzdem ergänzte er bei der nächsten Wiederholung noch ein »bescheuert«. Das klappte schon beinahe perfekt. »Bescheuer-rrte Scheißschinder-rrei« kam richtig gut. Er lehnte sich noch einmal gegen die Klingel. Blödes Volk!

Morris stand vor einem hohen schwarzen Tor, und jetzt endlich begann auch der kleine Lautsprecher unter den Klingelknöpfen zu knattern. »Chi è?«

»Morris.«

Eine Pause.

»Chi?«

»Morris.« Er holte tief Luft, wie jemand, der vor einem Geständnis steht. »Der Englischlehrer.« Die Worte kamen wie Staub und Asche über seine Lippen.

»Ah, ich werde mal sehen, ob Gregorio da ist.«

Natürlich war Gregorio da, verdammt. Er hatte jetzt Nachhilfe! Sonst wäre ja der Englischlehrer nicht da, oder? Warum konnte die dumme Person nicht einfach aufmachen? Misstrauisches Volk! Morris sah ungeduldig auf seine Uhr. Zehn vor sechs. Nach dieser Stunde würde er schon wieder zu spät dran sein.

Ein kurzes Summen ertönte. Morris warf sich gegen das Tor und drang in den Hof ein. Für den Springbrunnen, der in köstlichem Schatten über nackte Faune dahinplätscherte, hatte er kaum einen Blick, sondern hastete, schneller als er eigentlich wollte, die Marmortreppen hinauf. Immer musste er alles in Eile erledigen. Was in diesem Falle bedeutete, dass er außer Atem und sein Italienisch keineswegs so perfekt war, wie es hätte sein können, als Signora Ferroni die Tür öffnete. Sie lächelte freundlich, was für Morris aber nur eine weitere Demütigung war. Sie trug ein weiches, graues Wollkleid von unauffälliger Eleganz, ihre Haltung war lässig und selbstbewusst, und ihre Manieren waren ebenso makellos wie ihr Make-up. Ob sie ihm etwas zu trinken anbieten könne? Tee vielleicht? Oder lieber Orangensaft? Morris lehnte ab. Er kam sich ihr gegenüber wie ein schmutziger kleiner Junge vor. Seine Haare waren sicher ein völliges Chaos.

Gregorio erschien, ganz junger Mann aus gutem Haus, verliebt in teures Aftershave und Pomade. Morris folgte ihm in den Salon, dessen hohe Stuckdecke mit einem Fresko geschmückt war, und setzte sich dem jungen Mann gegenüber an einen hypermodernen Glastisch. Als er seine Bücher herausholen wollte, stellte er fest, dass auch sein Aktenkoffer, das einzig schöne Stück, das er hatte, völlig durchnässt war. Verdammt, er musste sich Schuhcreme dafür besorgen oder sonst irgendwas. Sogar die Seiten des Englischbuchs waren feucht.

»Was hast du am Wochenende gemacht, Gregorio?« Die Frage war das Eröffnungsgambit aller Unterrichtsstunden am Montag. Er musste sie heute schon mindestens fünfhundertmal gestellt haben. Er war müde. Es war alles so schrecklich banal.

»Ich bin zum Berg gefahren.«

»In die Berge. Wir benutzen den Singular nur, wenn wir einen bestimmten Berg meinen.«

»Ich bin in die Berge gefahren.«

»Wie bist du dahin gekommen?«

»Mit wem warst du da?«

»Wo genau seid ihr gewesen?«

»Was habt ihr gemacht?«

»Was habt ihr gegessen?«

»Wie war das Wetter?«

»Was hat der Ausflug gekostet?«

»Hast du dich gut amüsiert?«

»Wann bist du zurückgekommen?«

Anscheinend war Gregorio Ski fahren gewesen. Er war im Alfa Romeo seines Vaters nach Val Gardena gefahren, wo die Familie ein zweites, drittes oder vielleicht sogar viertes Haus hatte. Er war auch nicht allein gewesen. »Me and my fr-riend«, sagte er grinsend. Wie alle Italiener konnte er sich diebisch darüber freuen, dass die englische Sprache keine Auskunft über das Geschlecht des Freundes gab. Als ob es Morris nicht absolut scheißegal gewesen wäre, ob Gregorio am Wochenende Sex hatte oder nicht. Trotzdem gönnte er seinem Schüler ein strahlendes Lächeln. Das Gelaber über das Wochenende brachte immer mindestens zehn Minuten, das waren 16,6 Prozent (periodisch) oder zweitausendfünfhundert von den insgesamt fünfzehntausend Lire, die er bei seinen wohlhabenderen Schülern für die Unterrichtsstunde verlangte.

Sie wandten sich Gregorios Schulbüchern zu. Die Abschlussexamen standen bevor, und Gregorios Zukunft hing am seidenen Faden. Er hatte schon einmal ein Jahr wiederholt, und diesmal musste er unbedingt durchkommen. Morris redete ihm gut zu. Zusammen würden sie es schon schaffen. Wo waren sie stehen geblieben? Ach, ja. Aus den Augenwinkeln schielte Morris auf das Fresko hinter der Bar, auf dem sich eine nackte Göttin um einen schlanken Eichenstamm wand. Rechts von ihm reckte sich eine kleine Waldnymphe aus Bronze mit erhobenen Armen und straffen Brüsten triumphierend auf ihrem Podest. Die Wohnung musste Millionen wert sein, dachte Morris, Milliarden von Lire, und dieser arme Kerl da schwitzte wegen seiner Examen. Als ob sie irgendwie relevant wären. Wenn er schlau genug sein sollte, sie zu bestehen, sollte er eigentlich auch schlau genug sein, um zu wissen, dass sie im Schatten all dieses Reichtums vollkommen unwichtig waren.

Sie lasen einen Abschnitt aus dem Old Curiosity Shop, in dem beschrieben wurde, wie die kleine Nell und ihr Großvater obdachlos und hungrig in einer Fabrik voller schrecklicher Maschinen Unterschlupf suchen und in den Aschenhaufen des Vortages schlafen, um nicht zu erfrieren. Wie nicht anders zu erwarten, stolperte Gregorios vornehme rosa Zunge über die schwierigen Wörter. Das senffarbene Hemd des Jungen stammte von Standa, stellte Morris fest, dem Billig-Kaufhaus der Norditaliener. Waren die Reichen eigentlich immer so geizig? Morris hielt einen Augenblick inne und sah ungeniert auf die Uhr. Noch fünf Minuten. Er versuchte etwas in seinen Eingeweiden zurückzuhalten, was mit Sicherheit ein donnernder Furz war.

Schluss. Morris klappte sein Buch zu und verstaute es in seinem Aktenkoffer. Das Leder brauchte wirklich Pflege. Das Köfferchen war das Einzige, was ihm einen professionellen Anstrich verlieh, wenn er von einem Schüler zum anderen flitzte. Morris setzte sich auf, vollkommen unbeweglich und gerade, legte auf dem Tisch eine Hand über die andere und lächelte mit hochgezogenen Brauen. Eine liebenswürdige Pose, soweit ihm bekannt war. Gregorio reagierte mit seiner üblichen gut rasierten Ahnungslosigkeit, die im scharfen Gegensatz zu der düsteren Grausamkeit stand, mit der hinter ihm irgendein unbekannter Maler des 14. Jahrhunderts einen Christus kruzifiziert hatte. Das Bild war das einzige im Raum, das von schlechtem Geschmack zeugte. Wahrscheinlich ein Erbstück. Innerlich begann er zu zählen, um zu sehen, wie lange der junge Mann wohl brauchen würde, um zu begreifen. »Zehn, elf, zwölf …« Jede Sekunde verstärkte den Druck in seinen Eingeweiden. Außerdem würde er umso schneller durch die Pfützen zu seinem nächsten Termin rennen müssen, und seine Schuhe waren schon nass. Aber dass er vorzeitig ging, kam nicht in Frage. Schlimmstenfalls musste er sich eben so weit herablassen, den Jungen zu fragen, welches Datum sie hatten. »Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig …« Vielleicht konnte er die Einunddreißig laut sagen?

»Ach ja. Ende des Monats. Höchste Zeit, dass Sie Ihr Geld kriegen«, schrie Gregorio und rannte zu seiner Mutter. Ein nicht mehr ganz junges Dienstmädchen durchquerte mit einem Besen den Raum, und Morris wurde misstrauisch gemustert. Wahrscheinlich hatte sie das Wort »Geld« gehört. Morris fiel es nicht schwer, ihr mit einem besonders freundlichen Lächeln zuzunicken. »Buona sera, Signora.« Sie standen doch auf derselben Seite, nicht wahr? Aber die Frau klapperte mit zusammengekniffenen Lippen Richtung Küche davon. Bestimmt pinkelte sie insgeheim in die Ecken, um zu zeigen, dass es ihr Territorium war. Blöde Kuh. Wahrscheinlich hatten sie ihr eingeredet, sie wäre Teil der Familie oder so was.

Gregorio kam zurück. Abgesehen von der Schule schien es ihm glänzend zu gehen. Seine Ungeduld ließ darauf schließen, dass er gleich eine Verabredung hatte. »My fr-riend«, höchstwahrscheinlich. Und was hielt er da in der Hand? Einen Scheck! Sechzigtausend Lire, und diese Leute bezahlen dich mit einem Scheck! Wollten sie ihn dazu zwingen, Steuern zu zahlen? Oder sollte er Skonto anbieten, damit sie mit Bargeld rausrückten? Banco Nazionale del lavoro, sehr witzig. Die brauchten mindestens fünf Tage, ehe sie den Scheck gutschrieben. Morris zeigte Gregorio mit einem wütenden Lächeln die Zähne, was den jungen Mann aber keineswegs zu beeindrucken schien. Dann war er auch schon an der Tür, und die Signora rief ihm ein schwaches Arrivederci nach, das vom lauten Heulen des Fernsehers fast übertönt wurde.

»Buona sera, Signora.«

»Ach übrigens«, sagte Gregorio, »diesen Freitag müssen wir ausfallen lassen. Ich fahr’ nach Cortina.«

Fünfzehntausend Lire im kalten Alpenschnee verloren!

»Okay. Bis Montag dann. Viel Spaß!« Blöder Schnösel. Und damit trottete Morris auch schon wieder die Treppen hinunter, wo der Springbrunnen jetzt von raffiniert installierten Spotlights beleuchtet wurde. Hier wurden die Flanken eines Fauns von einem Schauer silberner Tropfen besprüht, dort sein steinernes Gesicht angestrahlt, und einer der Scheinwerfer erfasste den glitzernden Wasserstrahl auf dem Höhepunkt seiner Parabel. Dem grinsenden Faun schenkte Morris den Furz. Am liebsten hätte er noch hinterhergespuckt. »Schinder-rrei.« Verdammt schwer, das »r« schön zu rollen. »Schinder-rrei tut niemand gut, führt am Schluss zu Gr-rroll und Wut!« Er bog in die Via Quattro Spade ein und ging über die Via Manzini und den Vicolo San Nicolò zur Schule zurück, wo er noch eine letzte Stunde geben musste. Was habt ihr am Wochenende gemacht, wie seid ihr hingekommen, was gab es zu essen, wie war das Wetter, was hat es alles gekostet, habt ihr euch gut amüsiert? Der Montag war mal wieder geschafft.

Morris stand an der Bushaltestelle in der Stradone San Fermo. Er biss die Zähne zusammen, als gelte es immer noch, Wind und Regen zu trotzen, aber der Abend war mild. Trotzdem war es nicht der richtige Zeitpunkt für eine Verabredung mit Massimina. Nicht mit nassen Hosen, aufgeweichten Schuhen und dem fleckenübersäten Aktenkoffer. Er hatte schließlich morgens schon Blumen geschickt, sie konnte sich also nicht gerade beschweren. Und wenn er bei sich zu Hause war, konnte er immer noch anrufen: ganz der leidenschaftliche Verehrer, der nach harter Tagesarbeit völlig erschöpft war, aber dennoch wie gebannt am Telefon hing, um den süßen Worten seiner fidanzata zu lauschen. Das konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Bei Massimina lag er gut im Rennen, dachte Morris. Vielleicht war sie ja tatsächlich das große Los.

»Hallo Morris, alter Kumpel! Was treibst du denn so?«

Eine englische Stimme. Eine amerikanische, genauer gesagt. Auf einem alten Fahrrad ohne Licht schwankte ein bärtiger junger Mann vorbei. Um die Füße auf den Pedalen halten zu können, musste er gefährlich breitbeinig fahren. Morris rümpfte die Nase.

»Wo wohnst du eigentlich? Irgendwo in den Außenbezirken?« Stan stammte aus Kalifornien. Er unterrichtete auch an der Schule.

»In Montorio.«

»Montorio?« Der grässliche Akzent des Amerikaners machte Hackfleisch aus dem Wort. Dabei war der Kerl schon zum zweiten Mal in Italien und mindestens dreimal so lange hier wie er selbst. Morris fühlte sich angenehm überlegen. Es gelang ihm jedenfalls, freundlich zu bleiben.

»Wo zum Teufel ist das denn?«, fragte der Amerikaner.

Am Ende der Buslinie, musste Morris zugeben, sieben Kilometer entfernt.

»Fühlst du dich da draußen nicht ein bisschen einsam? Ich würde bestimmt was in der Stadt für dich finden. Susie hat zum Beispiel ein leeres Bett bei sich in der Wohnung. Sie sucht jemanden, der bei ihr einzieht. Ganz billig. Knackiges Mädchen. Wäre bestimmt lustig.«

Stan gab sich Mühe, und Morris hätte dankbar sein sollen. Der Amerikaner grinste freundlich und bildete sich offenbar ein, Morris wäre bloß schüchtern. »Wir Gastarbeiter müssen zusammenhalten, nicht wahr?«, lachte er. »Sonst kriegen wir bei den Spaghettis keinen Fuß auf die Erde.«

Morris behielt die Nerven.

»’n paar von uns fahren Ostern nach Neapel runter. Wie wär’s? Kommst du mit?«

»Mit der Bahn?«, fragte Morris höflich.

»Nein, trampen. Immer in Paaren. Und treffen uns unten. Im Moment ist ein Mädchen zu viel. Also, wenn du dich anschließen willst …«

Die Ankunft des Busses ersparte es Morris, noch einmal ablehnen zu müssen. Er genoss die Leichtigkeit seines Körpers, als er die steilen Stufen hinaufsprang, stempelte seinen Fahrschein, setzte sich auf einen freien Platz und schloss die Augen.

Dass er draußen in Montorio wohnte, war kein Zufall. Er hatte sich absichtlich von der angelsächsischen Kolonie abgesetzt. Die Briten, Amerikaner, Kanadier und Australier wohnten zum größten Teil in einem grässlich heruntergekommenen Viertel in der Nähe des Stadtzentrums. Sie wollten immer ins historische Zentrum, wollten zum malerischen, alten Italien gehören, in der Nähe der großen Museen und der schicken kleinen Geschäfte wohnen. Außerdem waren alle Wohnungen in den besseren Vierteln unbezahlbar. Da gab man sich nur allzu gern mit schmuddeligen Zimmern und engen Wohnungen an der stinkigen Ponte Pietra zufrieden. Morris hätte auch gern im Stadtzentrum gewohnt, aber nur in einem der eleganteren Viertel, und mit Sicherheit nicht bei den anderen Ausländern. Die Wohnung in Montorio hatte er deshalb genommen, weil sie modern und praktisch und (nach italienischen Maßstäben) nicht allzu schrecklich möbliert war. Die preiswerten Madonnenbildchen und Kaufhaus-Kruzifixe hatte er gleich am ersten Tag abgenommen, und jetzt waren die Wände Gott sei Dank völlig kahl, abgesehen von ein, zwei geschmackvollen Drucken, die ihm einer seiner Privatschüler geschenkt hatte. In den Ecken hatte er überall Spotlights montiert, damit die Räume grellweiß wurden.

Morris setzte sich auf einen hohen Küchenhocker, um an seiner Frühstückstheke sein Abendessen zu sich zu nehmen: ein Stück Parmesan mit trockenem Brot und einem Glas Valpolicella. Er drehte ein bisschen an dem alten Radio herum, dessen Röhren erst warmlaufen mussten, und hörte sich eine Quiz-Sendung des BBC World Service an. Der Empfang war ziemlich gestört und die Sendung absolut grässlich. Morris ließ die Albernheiten über sich ergehen wie eine medizinische Behandlung. Es war immer gut, sich daran zu erinnern, warum man da abgehauen war.

Gegen Viertel vor zehn machte er schließlich seinen Anruf bei Massimina. In letzter Minute, denn man musste immer damit rechnen, dass sie um diese Zeit schon ins Bett ging. Nach dem Abendessen und einer kleinen Ruhepause hatte er Schuhe und Strümpfe gewechselt, und jetzt war sein Italienisch absolut perfekt. Er fühlte sich völlig gewappnet, falls Massiminas Mutter Schwierigkeiten machen sollte.

Massimina hatte er in der Schule kennengelernt. Sie war eine hoffnungslose Schülerin, obwohl sie sich große Mühe gab, eifrig und fleißig zu wirken, weil sie Angst vor dem Abitur hatte. Nach dem Unterricht musste sie an derselben Haltestelle auf den Bus warten wie Morris, und als er bemerkte, dass sie ihn offenbar mochte, wohlerzogen, schüchtern und angenehm war, hatte er sich angewöhnt, sie während der halben Stunde, die sie beide warten mussten, auf ein Glas Weißwein einzuladen. Massimina hatte ein breites, offenes Gesicht, sommersprossig und freundlich, und als Morris sie nach ihrer Familie gefragt hatte, hatte sie so unbefangen von allerlei Besitztümern in der Provinz berichtet, dass er sie anschließend mehrfach ins Kino ausgeführt hatte (wenn gerade ein Film lief, den er ohnehin sehen wollte). Beim Abschied hatte er dann jedes Mal ihre Hände gehalten und sie behutsam auf beide sommersprossigen, schüchternen Wangen geküsst. »Morriiees!«, sagte sie dann immer. »Morriiees, quanto sei dolce!« Sie war gerade erst siebzehneinhalb, in der Taille ebenso schlank wie ober- und unterhalb davon üppig gerundet, und beim Abitur im Liceo Classico würde sie in jedem Fach durchfallen.

Am letzten Freitagabend hatte Morris sie gebeten, sich mit ihm zu verloben, seine fidanzata zu werden.

Jetzt allerdings war ihre große Schwester am Telefon, Antonella.

»Haben Sie die Blumen geschickt?«, wollte sie wissen, ziemlich kühl, wie er fand. Wer denn sonst?

»Haben sie Massimina gefallen?«, fragte er, gerade im richtigen Ton, wie er fand. Eifrig, fast atemlos. Als wäre es ihm völlig gleichgültig, was andere darüber dachten.

Aber offensichtlich hatten die Blumen durchaus gefallen, denn jetzt entriss Massimina ihrer großen Schwester den Hörer.

»Morri!«

»Cara!«

»Ti ringrazio tantissimo, tantissimo, sono bellissimi, mai visto fiori così belli.«

Hatten ihn auch zwei volle Privatstunden gekostet, dachte Morris wehmütig. Nicht die optimale Zeit für Rosen, jetzt. Aber zumindest hatten sie Wirkung gezeigt. Morris war sich nicht unbedingt sicher, ob er Massimina tatsächlich heiraten würde, selbst wenn die Familie es zulassen sollte. Wahrscheinlich nicht. Er müsste ja verrückt sein. Und doch war es eine Versuchung. Es war mehr als eine Spielerei. Er wollte einfach mal probieren, ob so etwas möglich war, ob es vielleicht die Lösung für ihn sein konnte. Er hatte seit Neuestem das Gefühl, dass sich etwas änderte in seinem Leben, dass sich neue Wege eröffneten, von denen er in der Vergangenheit nicht mal geträumt hätte. Sogar diese alberne Geschichte mit dem Aktenkoffer gehörte dazu. Es schien, als wären bestimmte grundlegende Hemmungen endlich gefallen.

»Scusami cara?« Er hatte den roten Faden in Massiminas Geplapper verloren.

Ihre Mutter wollte ihn kennenlernen und mit ihm reden.

»Sehr schön, und wann?«

»Sie sagt, so bald wie möglich, Morriiees. Vielleicht morgen Abend. Sie möchte, dass du zum Abendessen zu uns kommst. Sie macht sich Sorgen, weil sie dich noch nicht kennt und so weiter.«

Morgen müsse er länger arbeiten, sagte Morris. Das war bestimmt nicht verkehrt. Man musste den Eindruck eines ernsthaften, vielbeschäftigten Mannes erzeugen.

»Dann übermorgen? Oder Freitag?«

Morris überlegte blitzschnell. Er musste den alten Drachen natürlich völlig bezaubern. Und das konnte er auch. Er war fest davon überzeugt. Entscheidend war nur, dass er den richtigen Zeitpunkt wählte. Er durfte nicht hingehen, wenn sie wollten, sondern wenn er das Gefühl hatte, in Bestform zu sein.

»Das Problem ist, dass ich so lange nicht mehr an deinem Kurs teilnehmen darf, bis Mama dich begutachtet hat«, jammerte Massimina. Sie war offensichtlich in höchster Aufregung. Allmählich fing Morris an, sie richtig zu mögen. Sie war überhaupt nicht wie diese eingebildeten, blass geschminkten, tweedgekleideten Oxbridge-Ziegen aus seiner Studentenzeit. Die hatten immer irgendwelche überspannten Meinungen zu allem und jedem von sich gegeben und nur darauf gelauert, einem zu widersprechen, wenn man auch mal was sagte. Er werde am Mittwoch, spätestens Donnerstag kommen, versprach Morris.

2

MORRIS’ GROSSER, IN BLAUES SAFFIANLEDER gebundener Kalender stammte zwar aus dem Jahr 1977, aber die Wochentage waren glücklicherweise identisch mit denen von 1983. Er hatte das gute Stück in seiner Wohnung gefunden, zusammen mit einem Haufen anderer Papiere, die der vorherige Mieter zurückgelassen hatte. Nachdem er seine Stunden abgehakt und das eingenommene Geld verbucht hatte, setzte sich Morris in die Badewanne und überlegte, was ihm morgen bevorstand. Wieder dieselbe hektische Jagd durch die Stadt. Erst zwei Stunden Schule, dann Alberto, dann wieder Schule, Matilde, dann wieder Schule. Außerdem musste er am Vormittag etwas unternehmen, um den Reißverschluss an seiner guten Hose reparieren zu lassen, Schuhcreme für seinen Aktenkoffer sowie Brot, Käse und Spülmittel einkaufen. Und dann musste er sich nach einem Mittel gegen Schuppen erkundigen (er, Morris, mit Schuppen!) und neue Busfahrscheine besorgen. Er seifte sich die rasierten Achselhöhlen ein und entwickelte dabei auf einem unsichtbaren Stadtplan in seinem Kopf neue, zeitsparende Routen.

Nein, es war wirklich beschissen. Er lebte von der Hand in den Mund. Von einem Tag zum anderen, von einer Woche zur nächsten. Hinsichtlich einer künftigen Karriere, finanzieller Erfolge oder eines gewissen gesellschaftlichen Aufstiegs waren die letzten zweieinhalb Jahre vollkommen verschwendet gewesen. Schlimmer noch, er war erschöpft und von all diesen Privatstunden völlig verblödet. So viel Mittelmäßigkeit und Langeweile. Hatte er auch nur einen einzigen intelligenten Schüler? Wusste auch nur einer von ihnen seine ungewöhnlichen Talente zu schätzen? Seine Fähigkeit, Sprachübungen aus dem Handgelenk zu improvisieren und die wildesten Geschichten zu erfinden? Hatte auch nur einer von ihnen die leiseste Ahnung von seinem wahren Format? Nein, das Einzige, was ihm die letzten zwei Jahre gebracht hatten, war die Fähigkeit, nahezu perfekt Italienisch zu sprechen. Was allerdings eine eigenartige neue Freiheit im Denken mit sich gebracht hatte. Als ob er gewissermaßen entgleist wäre. Seine Gedanken schienen jetzt alle Möglichkeiten ganz wertfrei zu prüfen. Er musste sich unbedingt darauf konzentrieren, italienisch zu denken. Vielleicht konnte er so endlich mehr aus sich herausgehen.

Während er seine Ohren reinigte, betrachtete sich Morris im Spiegel. Ja, vielleicht war es wirklich die neue Sprache, die ihm dieses neue Denken gebracht hatte. (Hatte er italienisch gedacht, als er den Aktenkoffer geklaut hatte?) Seine blauen Augen starrten sich im Spiegel selbst an, bis das Glas allmählich beschlug. »Schinder-rrei!«, sagte er, aber in seinen Mundwinkeln hockte ein Lächeln und seine langen Zähne wurden einen Augenblick sichtbar. Ein neues Lächeln, fand Morris. Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, dieses Lächeln schon jemals gesehen zu haben. Es gab so vieles in einem selbst, wovon man nichts ahnte. »Cara Massimina«, sagte er lautlos, »cara, cara, Massimina«, und war sehr zufrieden mit sich.

»Lieber Vater, erinnerst du dich noch, wie du mir immer gesagt hast, ich soll auf dem Teppich bleiben? Du hast mir die Faust in den Rücken gebohrt und das Kinn hochgehalten, um meine Haltung zu korrigieren. Das viele Lesen und Lernen würde mich zu einem Bücherwurm machen, hast du gesagt.«

Morris hielt inne, schaltete das Diktafon ab und kratzte sich damit hinterm Ohr. Worauf wollte er eigentlich damit hinaus?

»Beim Lesen sähe ich aus wie ein Fall von Spina bifida, hast du immer gesagt, mit dem Buckel, den ich dabei mache. Ein Adonis wärst du ja auch nicht gerade, hab’ ich dir mal geantwortet, und du wusstest zwar nicht, wer Adonis ist, hast mich aber erst mal verdroschen. Ich solle nicht fluchen, hast du gesagt. Dabei hast du selber dauernd geflucht.«

O Gott, war das langweilig. Frühkindliche Traumatisierung durch Fehlverhalten der Eltern. Das hatte ihn noch nie überzeugt. Und doch fand er es insgeheim aufregend. Sich selbst darzustellen und sein Innerstes zu erklären war immer irgendwie aufregend. Vor allem, wenn sich Hinweise auf neue Chancen abzeichneten.

Wie dieses neue Lächeln zum Beispiel, diese neue Idee.

»Und dann, als ich ungefähr fünfzehn war und mehr auf mich achtete und Rasierwasser benutzte (wie Gregorio jetzt!) und mich sorgfältig kämmte und versuchte, mich gerade zu halten (Brust raus, Schultern zurück), da hast du gesagt, ich wäre ein Bubi. (Warum hat mich gerade dieses Wort so verletzt?) Ich konnte machen, was ich wollte, nichts war dir recht.«

Letzten Endes war natürlich alles nur eine Identitätsfrage. Morris der brave Junge, das wohlerzogene Muttersöhnchen, der Streber, der Angepasste, der sich unbedingt aus den Niederungen der Reihenhäuser von Acton und der Gewerkschaftsmentalität seines Vaters befreien und zu den lichten Höhen der Gartenpartys in Cambridge mit Champagner und Krabben aufsteigen wollte – oder Morris der Verstoßene und Verachtete, der ungerecht Behandelte, dem alles danebenging, der jetzt für immer verprellt war und nur noch daran dachte, sich an der Gesellschaft zu rächen.

»Rache, Vater. Ich werde mich rächen, denn …«

Zwei Seelen in seiner Brust, der brave und der böse Morris. Nicht ganz einfach, beide Persönlichkeiten miteinander in Einklang zu bringen.

»… du hattest vollkommen recht, Vater. Mit dem Auf-dem-Teppich-Bleiben. Zumindest metaphorisch. (Ich glaube, meine Haltung ist de facto viel besser als deine.) Ich hatte mir wirklich einreden lassen, England wäre eine Leistungsgesellschaft. Ich lernte, um aufzusteigen. Ich wollte aus unserem billigen, mittelmäßigen Haus weg, ich wollte nach oben. Weg aus unserer hässlichen Straße. Weg von deinen biersaufenden, furzenden, dartsspielenden Freunden. Hätte ich mich stattdessen bloß einmal richtig umgeschaut, wäre mir schnell klar geworden, dass ich bis zum Jüngsten Tag hätte pauken können, ohne auch nur zwei Zentimeter aus der Scheiße zu kommen.«

Morris starrte vor sich hin. Die Bettlaken, in denen er schlafen würde, waren so schmutzig, dass sie wie Sandpapier kratzten, aber die Vorstellung, sie zu waschen, erschien ihm maßlos anstrengend und langweilig. Was er eigentlich brauchte, war eine Haushälterin. Oder doch eine Frau? Er lächelte schief und fragte sich, ob es wieder dieses neue Lächeln war, das vorhin im Bad zum Vorschein gekommen war.

»Erinnerst du dich noch? Als Mutter starb, hast du gesagt, ich solle arbeiten gehen und meine Zeit nicht mit Herumstudieren vertrödeln …«

Nein, so ging das nicht. Das war völlig daneben. Er hatte sich vom Thema abbringen lassen. Er wollte doch dieses Verachtungsmotiv entwickeln. Er hatte sich nicht recht konzentriert. Morris spulte das Tonband zurück und drehte sich um. In seinem grünen Baumwollschlafanzug auf dem Bauch zu liegen war so schön warm und behaglich.

»Ich habe mich deiner geschämt. Ich …«

Ach herrje!

»Mutter hat mich viel besser verstanden, Mutter …«

Nein, Mutter musste er da ganz rauslassen. Und verstanden hatte sie überhaupt nichts. Dazu war sie viel zu fromm. Mutter, das wurde ihm freilich erst jetzt klar, hatte sich in der Frage des Studiums nur deshalb auf seine Seite geschlagen, weil sie es für irgendwie tugendhaft hielt (vermutlich, weil es Askese und Bestrafung des sündigen Fleisches verlangte). Es zählte damit indirekt zum Bereich der Religion, die sie als Waffe gegen die Sauferei seines Vaters einsetzte. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich rasch, dass sich seine Eltern über seine Zukunft genauso gestritten hatten wie zum Beispiel über die Frage, in welcher Farbe sie die Klowände streichen sollten. Oder ob sie miteinander schlafen sollten oder nicht.

»Jedenfalls hat sich jetzt alles geändert. Ich werde das Pferd andersherum aufzäumen. Italien ist ein seltsames Land, und ich habe viel hier gelernt. Vor allem aber hat es mich dazu gebracht, die Reichen zu hassen. Von jetzt an schlage ich zurück! Sie haben es wirklich nicht besser verdient.«

Nein, das war verdammt schrill. So stimmte es überhaupt nicht. Und erklärte keineswegs, warum er den Aktenkoffer geklaut hatte oder Massimina auf so eigenartige Weise den Hof machte. In Wirklichkeit bewunderte er den Geschmack der italienischen Oberklasse durchaus. Das Problem war doch weniger, sie zu vernichten, als vielmehr, Einlass bei ihr zu finden. Während sein Vater die Reichen hasste, weil er nicht so sein wollte wie sie. Er hatte sich nicht klar ausgedrückt.

Also noch mal von vorn!

»Sicher ist dir bewusst, Vater, dass ich dich bewundere. Ich bewundere und hasse dich. Außerdem gibt es noch ein anderes faszinierendes Paradoxon in meiner Seele: Mein Wunsch, zu demütigen, mischt sich merkwürdigerweise mit dem Bedürfnis, im Recht zu sein. Ich weiß jetzt, dass …«

Damit hatte das Ganze nun endgültig jegliche Richtung verloren. Er hatte das Gleiche schon oft erlebt, wenn er versuchte, einen Leserbrief zu verfassen. Man fing mit einem sehr klaren Gedanken an – einem Sinneswandel, dem Aufschauen –, und nach der Hälfte wurde einem klar, dass keineswegs alles klar war. Sondern in Wirklichkeit ein einziges Chaos.

Um zwei fing der Hund an zu bellen. Morris erwachte und hörte ein langes, markerschütterndes Heulen, kaum einen oder zwei Meter vor seinem Fenster. Wie immer beim Aufwachen waren seine Kiefer verkrampft, außerdem war seine Zunge auf der linken Seite wund und geschwollen. Eine tiefschwarze Wut pochte in seinem Schädel, eine Wut, die ihm aus den verschlafenen Augen zu quellen schien. Reichte es denn nicht, dass einem die Mutter wegstarb, der einzige Mensch, der sich je um einen gekümmert und für einen gesorgt hatte? Reichte es nicht, dass man Kind armer Leute war und sich mit einem stinkenden, biersaufenden, Schweinefleisch fressenden Proleten von Vater abfinden musste? Dass man sein ganzes Leben lang gegen den Strom schwimmen musste, dass man von der Universität relegiert worden war und Absagen auf mehr Stellenangebote erhalten hatte, als der Guardian in einem Monat abdruckte? Nein, zu allem Überfluss musste man auch noch in einer Wohnung wohnen, wo jede Nacht so ein verdammter Köter direkt vor der Tür bellte und einen aufweckte, damit man glockenwach daliegen und alles noch einmal nacherleben konnte: die Frustration, das Versagen, das Gefühl, hereingelegt worden zu sein, ignoriert zu werden, die falschen Entscheidungen getroffen und keinerlei Zukunftsaussichten zu haben. Das Gefühl, alle Anstrengungen seien vollkommen sinnlos gewesen.

Das Bellen hallte dröhnend von den Mauern wider und fuhr wie ein Presslufthammer in sein müdes Gehirn. Morris lag auf dem Rücken und heulte jämmerliche Tränen des Selbstmitleids. Er war verflucht, das war alles. Verflucht, nicht mehr und nicht weniger. Das zeigte sich schon daran, dass sich offenbar niemand sonst an dem Hund störte. Die anderen waren alle immun. Die weckte das Bellen nicht auf. Aber er war mit irgendeiner schrecklichen Krankheit geschlagen, die all diese Plagen über ihn brachte. Und das hatte er nicht verdient. Das hatte er ganz bestimmt nicht verdient.

Am nächsten Morgen kaufte Morris auf der Piazza Erbe eine Postkarte und schrieb seinem Vater folgende höfliche Zeilen:

»Lieber Dad, ich hoffe, es geht Dir gut. Wahrscheinlich hast Du viel im Garten zu tun. Hier ist alles bestens. Kein Regen. Jeden Tag strahlende Sonne. Die Arbeit läuft prima. Wenn ich dazu komme, buche ich mal einen Flug für eine Woche im Sommer. Alles Gute, Dein Morris.«

Das klang doch hervorragend. (Wie kam es eigentlich, dass ihm sein Leben oft wie ein ständiger Dialog mit seinem Vater erschien?) Er kritzelte die Adresse: 68 Sunbeam Road, North Acton, London NW 10, Gran Bretagna, kaufte beim Tabakhändler Briefmarken und warf die Karte in den Briefkasten am anderen Ende des Platzes. Dann machte er sich auf den Weg, um ein neues Hemd und eine neue Hose zu kaufen.

Schick oder schlicht, das war die Frage. Modern oder klassisch? Was sie sehen wollten, war natürlich ein Anzug. Sie wollten einen ernsthaften jungen Mann, der einem Mädchen etwas Solides zu bieten hatte (auch wenn sie selbst Geld genug hatten, um sie beide bis in alle Ewigkeit zu versorgen). Es wäre natürlich schön, dachte Morris, wenn er sie überraschen und dazu zwingen könnte, ihn zu bewundern und auf der Stelle zu begreifen, dass er anders, aber sogar besser war als das, was sie sich gewünscht hatten. So würde ein richtiger Künstler es machen. Aber er war sich nicht sicher, ob er es derzeit schaffte, so aufzutreten. Vielleicht war es doch besser, die Kleidung ganz einfach zu halten und Gespräch, Mimik und Körpersprache ganz der Situation zu überlassen.

Am Ende gab er sich mit einem kleinkarierten, blassgrünen Hemd zufrieden, das gut zu seiner dunklen Tweedjacke und seiner Clubkrawatte passte (ein bisschen englisch auszusehen konnte nichts schaden, und die dunklen Farben brachten seine helle Haut schön zur Geltung). Dazu eine elegante italienische Kammgarnhose, die zu jeder Gelegenheit passte. Natürlich gab er wieder einmal zu viel Geld aus und fragte sich einen Moment lang, wie er die Gasrechnung zahlen sollte. Aber der Winter war ja so gut wie vorbei. Was machte es schon, wenn ihm das Gas abgestellt wurde. Überhaupt hatte Morris das seltsame Gefühl, dass er sich wegen ein paar Tausend Lire hier oder da bald keine großen Sorgen mehr machen müsste. Und die zwanzig Privatstunden pro Woche waren vielleicht auch bald passé. Er hatte jedenfalls genug, er hatte die Spielregeln der anderen lange genug befolgt, ohne etwas damit zu erreichen. Er war ernsthaft gewesen, und ehrlich, aber jetzt reichte es ihm. Er fühlte sich wie eine Ziege am Strick, die lange genug den Umkreis des Pflocks abgenagt hatte. Entweder würde er sich jetzt an seinem Halsband erwürgen oder der Strick riss.

Als er die hunderttausend Lire hinblätterte, hatte Morris das Gefühl, sich einer Währung zu entledigen, die ihm ohnehin bald nichts mehr nützen würde, und diese Metapher gefiel ihm so gut, dass er die dunkelhaarige junge Verkäuferin wohlwollend anlächelte.

Als Nächstes zu Standa, um eine Ledercreme für den Aktenkoffer zu suchen. Er liebte es, schöne Dinge zu pflegen, las alle Inhaltsangaben und Gebrauchsanweisungen auf den Tiegeln und Tuben und wählte sorgfältig das beste Produkt. Gewöhnliche Dinge interessierten ihn wenig, aber bei schönen Sachen war das anders (dies war auch letzten Endes das Wunder: dass er zwar in North Acton das Licht der Welt erblickt hatte, sich aber schon lange, noch bevor er wusste, dass es so etwas überhaupt gab, nach Stil und Klasse gesehnt hatte). Wenn er eines Tages viele schöne Dinge um sich versammelt hätte, dachte Morris, würde er viel Zeit damit zubringen, sie zu pflegen. Das würde den Genuss erhöhen. Vielleicht konnte er ja Massimina dazu abrichten, wenn es erst einmal so weit war. Sie schien ja durchaus gelehrig.

Das Besondere an seinem Aktenkoffer allerdings, dachte Morris, als er schließlich in der Schule saß und vor Unterrichtsbeginn den Pflegebalsam vorsichtig mit den Fingerspitzen auf dem Leder verteilte, war die Dreistigkeit, mit der er das gute Stück an sich gebracht hatte. So viel Selbstvertrauen hätte er sein ganzes Leben lang gerne gehabt, und genau dieses Selbstvertrauen ging ihm mit jedem Tag stärker verloren, den er damit verbrachte, auf den Straßen von einer Privatstunde zur anderen zu hetzen, um ein paar lausige Lire zusammenzukratzen.

Es war im Zug auf der Rückfahrt von Mailand gewesen, wo Morris seinen Pass verlängert hatte. Es war spät in der Nacht, und in seinem Abteil hatte nur ein einziger anderer Reisender gesessen. Nach seinem Aufenthalt in einer anderen Stadt und einem Tag ohne Arbeit war Morris bester Laune gewesen, und als der andere unbedingt ein Gespräch anfangen wollte, hatte er nicht die geringste Lust gehabt, sich als mickriger Sprachlehrer zu erkennen zu geben. Was war denn ein Sprachlehrer? Ein Niemand. Eine gescheiterte Existenz. Wer wurde schon freiwillig Sprachlehrer? Morris behauptete, er wäre Amerikaner (warum nicht?), sei im diplomatischen Dienst und gehöre zum Konsulat in Venedig. Seit sechs Monaten sei er jetzt in Italien, aber … Sein Italienisch sei ja ganz vorzüglich für eine so kurze Zeitspanne, hatte der andere ihn höflich unterbrochen, und Morris hatte geschmeichelt genickt und gelächelt.

Sein Mitreisender hatte sich als Vertreter von Gucci vorgestellt und dabei den weichen ledernen Aktenkoffer mit solch strahlender Selbstgefälligkeit auf seine fetten Knie gestellt und getätschelt, was Morris derartig wurmte, dass er fast gesagt hätte, mit solchen Schwindlern, die unter teuren Markenzeichen völlig überflüssige Luxusgegenstände herstellten und sie mit gigantischem Werbeaufwand für Irrsinnspreise an kulturlose Amerikaner verkauften, während Millionen von Menschen auf der Welt (nicht zuletzt auch er, Morris, selbst!) hungerten, wolle er nichts, absolut gar nichts zu tun haben. Aber das Köfferchen war wirklich sehr elegant, und so hatte er lieber die Klappe gehalten und ein paar freundliche Dinge über den Markt für Lederwaren und die Bewunderung seiner Landsleute für italienische Designer gesagt.

Das Gespräch hatte sich der Politik zugewandt, und der Gucci-Mann hatte beteuert, das italienische Volk sei den Amerikanern sehr dankbar dafür, dass sie nicht zugelassen hätten, dass die Kommunisten an die Regierung gelangten. Morris stimmte ihm begeistert zu und äußerte sich in starken Worten über die »rote Gefahr«, obwohl er selbst erst vor Kurzem noch mit dem Gedanken gespielt hatte, in den Ostblock auszuwandern. (Er hatte sich alles so schön ausgemalt: »Junger Londoner sucht besseres Leben in Moskau« hätte die Schlagzeile im Morning Star sein können. Er hätte für Radio Moskau gearbeitet und die Sendungen der BBC gestört, die ihm partout keinen Job geben wollte. Warum auch nicht, wer brauchte schon diese britische Gehirnwaschanlage, Radio Kotzbrocken?)

Nach ungefähr einer halben Stunde solchen Geplauders war der Gucci-Mann aufgestanden und auf die Toilette gegangen. Und zufällig traf seine Abwesenheit mit dem kurzen Halt in der kleinen Stadt Desenzano zusammen. Morris dachte nicht eine Sekunde nach. Und falls doch, dann hatte er in Italienisch gedacht und gar nicht gemerkt, dass er es war, der da nachdachte. Er hatte eine Hand auf den Türknopf gelegt und ruhig abgewartet, bis der Zug sich gerade wieder in Bewegung zu setzen begann. Dann hatte er kaltblütig den Aktenkoffer vom gegenüberliegenden Sitz genommen und war auf den Bahnsteig gesprungen. Noch nie im Leben hatte er sich weniger wie ein Arbeitssklave gefühlt.

Der Zug, den er verlassen hatte, war der letzte des Tages gewesen, und Morris musste die Nacht in einer billigen Pension in Bahnhofsnähe verbringen, aber das war ihm egal. Innerlich jubilierte er, weil er sich selbst so verblüfft hatte. Er hätte solche Dinge schon immer tun sollen!

Er saß auf dem schmalen Hotelbett und durchwühlte den Inhalt des Koffers, der allerdings weit weniger attraktiv war als dieser selbst: eine Mappe mit vierfarbigen Gucci-Prospekten, die neueste Ausgabe von Penthouse (der geile alte Bock interessierte sich also nicht bloß für brave christdemokratische Konversation), eine Tüte Pfefferminz, verschiedene Geschäftsbriefe und Aktennotizen, aus denen hervorging, dass der ehemalige Besitzer Amintore Cartuccio hieß und in Triest ansässig war, und schließlich ein dicker brauner Lederkalender mit Adressen und Terminen.

Morris lutschte die Pfefferminzbonbons und studierte über eine Stunde lang den Kalender. Er fand eine Fülle von Zahlen und Namen (das waren vermutlich die Läden) und gelegentlich den Vornamen »Luigina« – und dahinter immer ein Ausrufezeichen! Er stellte fest, dass dieser Name regelmäßig im Abstand von zehn bis zwanzig Tagen auftauchte, und zwar im Zusammenhang mit einem Geschäft in Bologna. Zwei Besuche in Mailand dagegen wurden von der Erwähnung einer gewissen »Monica« am Rand des Notizbuchs begleitet. Und in diesen Fällen stand sogar der genaue Termin der Verabredung dabei.

Seit jener Nacht hatte Morris schon gelegentlich daran gedacht, dass man aus Cartuccio vielleicht noch mehr herausholen konnte, wenn man ein bisschen Mut hatte. Er konnte sich zwar nicht daran erinnern, ob der Mann einen Ehering getragen hatte, aber er sah jedenfalls ganz wie der typische Ehemann aus. Es war schon tragisch, dass alle spießigen alten Lustmolche garantiert verheiratet waren, während ein Gentleman wie er selbst nur durch die pure Not gezwungen war, einen solchen Schritt in Erwägung zu ziehen.

»’allo, Miester Morriiess!«

Der erste Schüler kam in die Klasse, ein schmaler, nervöser Bursche mit dem unvermeidlichen, grauschwarzen, traurigen italienischen Schnauzbart. Morris fuhr erschrocken zusammen. Dass er auf diese Weise ertappt wurde, machte das Eincremen des Aktenköfferchens fast zu einem unanständigen Akt. Es war, als hätte man ihn mit der Hand in der Hose erwischt.

»Sie ’aben eine Gucci-Tasche«, sagte Armando und nahm seinen üblichen Platz ein.

»So ist es.«

»Iies sehr schöne Gucci-Tasche.«

Morris sagte, er habe die hohe Qualität der italienischen Lederwaren schon immer zu schätzen gewusst, und fletschte die Zähne, um mit dem Unterricht zu beginnen.

»Hatten Sie ein schönes Wochenende, Armando?«

»Ja, ’atte ich.«

3

MORRIS ERZÄHLTE GERADE eine zweifelhafte Geschichte über Stan. Die Mutter, die Großmutter, die beiden älteren Schwestern Massiminas (wie hatte er nur auf die Idee kommen können, es gäbe nur eine?) und ein gewisser Bobo saßen bei Tisch. Und natürlich Massimina selbst, die ihn mit großen schwarzen Augen ansah. Das Dienstmädchen hatte zunächst kleine Spinatbällchen mit Sauerrahm serviert (die köstlicherweise »Pfaffenwürger« genannt wurden). Dann folgten Lasagne und Schinken, dann der Hauptgang, der im Wesentlichen aus köstlich zarten Steaks bestand. Jetzt war man beim Nachtisch: Tiramisu. Morris hatte freundliche, aber keineswegs übertriebene Bemerkungen über das Essen gemacht und damit, wie er hoffte, den Eindruck erweckt, dass er alle Tage so speiste. Trotz eines wölfischen Hungers hatte er es nicht nur vermieden, sein Essen wie üblich herunterzuschlingen, sondern auch noch auf jedem Teller ein Restchen gelassen und alle Angebote höflich abgelehnt, sich den Teller ein zweites Mal füllen zu lassen. Sein Anzug und speziell die Clubkrawatte waren vielleicht eine Spur förmlicher als die Kleidung der anderen, aber bei einem ersten Besuch war das sicher kein Fehler. Sein Italienisch übertraf seine Erwartungen bei Weitem. Er war wirklich in Bestform.

»Und der Witz dabei ist«, fasste er seine Geschichte zusammen, »dass Stan in Wirklichkeit äußerst wohlhabend ist.« Seine blauen Augen funkelten vor Freude über ihre Verblüffung. Die Geschichte war fast auf ihrem Höhepunkt, und offenbar hatte sie ihnen bis dahin gefallen. Morris machte eine Kunstpause und lächelte siegesgewiss. (Er war immer der Amüsanteste, hatte er festgestellt. Die Langweiler lebten von jedem, der auch nur einen Fetzen Fantasie hatte.) »Ja, seiner Familie gehört eine ganze Motelkette in Kalifornien! Er hatte überhaupt keinen Grund, ein Abrisshaus zu besetzen. Er hätte jederzeit eine schicke Wohnung mieten können, gleich am ersten Tag nach der Hochzeit, wenn man ihnen nur erlaubt hätte zu heiraten. Sogar im Zentrum. Und wenn er vernünftig genug gewesen wäre, sich mit Marinas Eltern zusammenzusetzen, hätten die sich bestimmt keinerlei Sorgen gemacht. Denn trotz seiner ganzen Hippie-Ideen und Hippie-Klamotten, seiner Perlenketten, seiner Haare und seines Barts ist Stan wirklich ein netter Kerl. Sie kennen ja die Amerikaner. Aber so wie es aussah, was sollten sie machen? Sie mussten ja den Eindruck gewinnen, sie hätten einen Habenichts vor sich, der ihre Tochter unweigerlich mit sich in die Gosse ziehen würde. Also schickten sie die arme Marina in eine Klosterschule nach Paris, obwohl sie kein Wort Französisch sprach, und der arme Stan sitzt heute noch in seinem Abrisshaus mit seinen ganzen vegetarischen Kochbüchern, seinen Wohlfahrtsklamotten und seinem vielen Geld, das er nicht ausgeben will.«

Während seiner Erzählung hatte er Massimina ständig Blicke zugeworfen, die den anderen kaum entgangen sein konnten. Die Geschichte war unter den gegebenen Umständen schlechthin genial, fand er. Auf der einen Seite spiegelte sie genau seine Befürchtungen, oder besser: seine Reaktion auf ihre Befürchtungen – die ja durchaus legitim waren, wie er indirekt andeutete. Aber auf der anderen Seite ließ er durchblicken, dass er ganz zu ihnen gehörte und dass es bei ihm ohnehin kein Problem gab. Kein Bart, keine Perlenketten und kein Gandhi-Poster bei Morris. Einen Augenblick lang überlegte er, ob er der Geschichte noch den letzten Schliff geben sollte, indem er die arme Marina in den Selbstmord trieb (sie könnte sich vielleicht auf der Toilette im Gare du Nord aufhängen), lesbisch oder Pornomodell werden ließ. Aber das war vielleicht doch ein bisschen riskant. Er konnte sich ja bei anderer Gelegenheit mal was gönnen.

Massimina glühte. »Noch ein bisschen Tiramisu?« Sie hatte das Schüsselchen aus geschliffenem Glas bereits in der Hand, und diesmal akzeptierte Morris. »Aber bitte nur einen ganz kleinen Löffel.« Er betrachtete sie aufmerksam. Massimina hatte lange schwarze Haare, helle Sommersprossen auf einer kamelienzarten Haut und große, dunkelbraune Augen. Sie hatte ein fein geschnittenes Gesicht, und wenn sie lächelte, war sie durchaus attraktiv, wenn auch auf eher liebenswürdige Art als wirklich sexy.

Angesichts des offensichtlichen Reichtums ihrer Familie fand es Morris erstaunlich, dass er Massiminas erster Verehrer sein sollte, aber das war vielleicht eine Folge ihrer Jugend und ihrer quälenden Schüchternheit. Bei ihren langen Gesprächen in der Bar an der Bushaltestelle hatte Morris unter anderem erfahren, dass Massimina seit dem Tod ihres Vaters, also von ihrem zweiten Lebensjahr an, immer bei ihrer Mutter geschlafen hatte. Der Gedanke daran, wie diese beiden Frauen sich miteinander zu Bett legten, die eine alt und schwer und schal und die andere frisch, jung und jungfräulich, löste ein merkwürdiges Gefühl bei ihm aus. Es war nicht einfach Ekel oder Erregung, sondern eine eigenartige Verschärfung seines Interesses.

Morris war stolz auf sein Interesse am Leben.

Bobo, der, wie sich herausstellte, Antonellas Verlobter war, ließ sich ebenfalls eine zweite Portion Tiramisu geben. Er war mager und hatte ein fliehendes Kinn, außerdem aß er viel zu schnell, und sein Kopf hing dabei fast auf dem Teller. Morris fühlte sich ihm weit überlegen, besonders als er jetzt sogar daran dachte, der kränklichen Großmutter seinen Arm anzubieten, als sie vom Speisezimmer in den Salon gingen, um dort auf Kaffee und Cognac zu warten. Er war nun mal ein Gentleman, verdammt, auch wenn er aus einem anderen Milieu kam, und von welchem Angehörigen der sogenannten Oberklasse konnte man das heute schon sagen? Das Einzige, woran er unbedingt denken musste, war, nicht zu viel zu trinken. Auf gar keinen Fall. Dabei hatte er schon drei oder vier Gläser intus, Soave von den familieneigenen Weinbergen. Jetzt noch ein Schluck Cognac, und dann aber Schluss.

Der Salon war in vielerlei Hinsicht genau wie das Esszimmer: schwere Möbel, viel dunkles Holz, gerade Linien. Das waren bestimmt keine Neureichen. Der Marmorfußboden zeigte ein strenges Schachbrettmuster, die Mahagoni-Schränke waren aus bestem Holz und sahen ein bisschen aus wie senkrecht stehende Särge; auf ein Tigerfell (mit authentischem Einschussloch) ringelte sich tiefgrüner Efeu herunter. Zu seiner eigenen Überraschung hatte die altmodische Monstrosität des Salons eine beruhigende Wirkung auf Morris. Der Raum war so theatralisch! Wie konnte man auch nur ein einziges Wort ernst nehmen, das in solchen Räumen gesprochen wurde? Noch dazu auf Italienisch. Er setzte sich auf einen der schrecklich geraden Stühle, wobei er seinen Kopf nur behutsam bewegte, damit nicht womöglich Schuppen auf sein Jackett fielen.

Abgesehen von der hinfälligen Großmutter waren die Frauen alle einen Augenblick lang draußen beschäftigt. Sie kümmerten sich wohl um Kekse und Petits Fours. Diesen Augenblick nutzte der magere Bobo für sein Verhör.

»Sie sind Lehrer, soviel ich gehört habe?«

Es amüsierte Morris ungemein, wenn er nach Dingen gefragt wurde, die seine Gesprächspartner ohnehin genau wussten. Es war ja wohl in der Familie bekannt, dass er das Mädchen in der Schule kennengelernt hatte, oder? Aber bei Bobo musste er vorsichtig sein. Ein paar beiläufigen Bemerkungen beim Abendessen war zu entnehmen gewesen, dass der junge Mann immerhin der Sohn des größten Geflügelbarons in der Provinz Venetien war. Ein schöner Coup für die Mama, die sich vor Freude darüber bestimmt fast in die Hose gemacht hatte. Bobos Meinung über Massiminas Verehrer war daher sicher entscheidend. Morris setzte eine demütige Miene auf.

»Ja, das ist richtig. Ich unterrichte ein wenig.« Er zögerte, aus den Augenwinkeln sah er, dass Massiminas Mutter im Türrahmen stand. Ihr Gesicht zeigte die harten Linien, die fünfzehn Jahre höchst geschäftsmäßiger Witwenschaft ihm aufgeprägt hatten.

»Aber im Grunde ist das nur eine Nebenbeschäftigung, die ich mehr zu meinem Vergnügen betreibe, und natürlich dem Direktor der Schule zuliebe. Mein Hauptberuf ist Import-Export. Ich bin Vertreter der Industrie- und Handelskammern von London und Bristol, und wenn Firmen aus diesen Städten hier in der Gegend Kunden oder Lieferanten suchen, stelle ich den Kontakt für sie her.«

Beiläufig erwähnte Morris die Namen von drei Veroneser Firmen, mit denen er gegenwärtig gerade zusammenarbeite. Die Namen der Weinkellerei und der beiden Kleiderhersteller kannte er von Plakaten und Anzeigen. Es bestand natürlich die Gefahr, dass Bobo oder die Signora jemanden in diesen Firmen kannte; Verona war schließlich eine durchaus überschaubare Stadt und die Geschäftswelt eng miteinander verflochten. Aber gerade die Selbstverständlichkeit, mit der Morris dieses Risiko einging, konnte vielleicht auch der entscheidende Faktor für den Erfolg sein.

Dann wartete Morris. Er durfte sich auf keinen Fall in eine Verteidigungsposition drängen lassen. Es entstand eine Pause von fast einer Minute. Der Mund der Signora sah so eingesunken aus, dass man glaubte, durch die Lippen hindurch ihre falschen Zähne erkennen zu können.

»Und was hat Sie nach Italien geführt?«

»Ich hab’ mich einfach in das Land verliebt, wie alle anderen auch. Sie haben eine herrliche Heimat. Ich hab’ ein paarmal hier Ferien gemacht. Und dann, als mein Vater mir sagte, dass ein Kontaktmann für die Handelskammer gesucht würde, habe ich die Gunst der Stunde genutzt. Ich denke, ich werde auf Dauer hier bleiben.« Morris lächelte mit seinen, wie er wusste, wunderbar weißen Zähnen. Die Tatsache, dass er seinen angeblichen Job den Beziehungen seines Vaters verdankte, würde sie bestimmt überzeugen. So etwas hörten sie gern: einflussreiche Familie, gute Beziehungen. Und wenn es kritisch wurde, konnte man den alten Herrn immer noch rechtzeitig abkratzen lassen.

Beim Kaffee wollte Antonella dann partout über Massiminas bevorstehendes Abitur plaudern. Antonella und ihre ältere Schwester Paola saßen beide mit übergeschlagenen Beinen und kerzengerade auf den harten Stühlen und verbreiteten eine solche Aura nonnenhafter Selbstgerechtigkeit, dass Morris zum ersten Mal ehrliches Mitleid mit Massimina empfand, die in dieser Familie offensichtlich immer das Dummerchen spielen musste. Er sagte, dass Massimina wohl sehr unter Prüfungsangst leide, denn im Unterricht sei sie sehr fleißig und tüchtig. Er ließ sich ein Stückchen Marzipan in Form des Schiefen Turms von Pisa reichen, und Massimina lächelte dankbar. Dann erwähnte irgendjemand beiläufig das Wort »Fotos«, und Morris bestand darauf, sich drei dicke Fotoalben mit Familienbildern vorführen zu lassen, was alle außer Massimina und ihre Großmutter (die er völlig bezaubert hatte) grauenhaft langweilte. Hier ein Nachmittag auf dem Monte Baldo, dort das erste Foto von Antonella. Und das da war Massimina mit fünf! O che bella! Che carina! Und was für ein vornehmer Mann der Signore gewesen war! Wirklich sehr stattlich!

Morris brauchte nicht mal die Zähne zusammenzubeißen. Er fühlte sich prachtvoll. Der Geruch der Möbelpolitur, der sich mit dem weiblichen Duft von Parfüm mischte, war wie eine Droge, die ihn in immer höhere Regionen aufsteigen ließ. Dazu der Geschmack des hervorragenden Cognacs, Vecchia Romagna (wie hätte er ein zweites Glas ablehnen können?), und vor allem der exquisite, herrlich sittenstrenge Luxus des Ganzen … einfach vollkommen! An der Vordertür küsste er Massimina höchst schicklich auf beide sommersprossigen Wangen. »Coraggio!«, flüsterte er.

»Ich hab’ den Wagen unten auf der Piazza gelassen«, erklärte er den anderen – und überlegte dann auf dem gesamten Heimweg im Bus, ob er Massimina jemals gesagt hatte, dass er gar kein Auto besaß. Aber warum sollte er sonst jeden Abend mit ihr auf den Autobus warten?

Der Brief kam nur zwei Tage später, für italienische Verhältnisse eine herausragende postalische Leistung. Er war mit Schreibmaschine geschrieben.

Egregio Signor Duckworth – ach, wie Morris es hasste, seinen hässlichen Familiennamen zu lesen! Woher kannten sie den überhaupt? Hatte er ihn gegenüber Massimina erwähnt? Nein. Sie mussten Nachforschungen angestellt haben. Was für ein misstrauisches Volk! Und wieso denn eigentlich?

Egregio Signor Duckworth,

hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass Massimina an Ihrem Sprachunterricht nicht mehr teilnehmen wird. Sie haben gewiss Verständnis für diesen Schritt, den wir als Familie gemeinsam beschlossen haben, und werden keinen Versuch unternehmen, mit meiner Tochter Kontakt aufzunehmen. Massimina stimmt darin mit uns überein, dass Sie nicht der richtige Umgang für sie sind.

Distinti saluti, Luisa Trevisan