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Magisterarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike, Note: 1,0, Freie Universität Berlin (Friedrich-Meinecke-Institut), Sprache: Deutsch, Abstract: Die Arbeit befaßt sich mit einer vieldiskutierten Kernfrage der Alten Geschichte: Wie kam es zum Ausbruch des Peloponnesischen Krieges zwischen den Machtblöcken Athen und Sparta? Im Zentrum der Untersuchung steht die tiefgehende Analyse des ersten Buches des Thukydides, allem voran seine scharfsinnige Unterscheidung zwischen „der wahrsten Ursache“ und den „Anlässen“, die zum Krieg geführt haben. Bisherige Forschungen konzentrierten sich auf die Ermittlung des Kriegsschuldigen, den Thukydides selbst beim genauen Hinsehen gerade nicht bezeichnet. Während die eine Seite die imperiale Machtpolitik der Athener als Kriegsgrund definierte, sah die andere Seite diesen in der aggressiven Kriegspolitik der Spartaner. Die Magisterarbeit zeigt aber, daß die bisherige Forschung nicht das wesentliche erkannt hat – und das liegt am Mangel bei der Auseinandersetzung mit den strukturellen Momenten des Thukydides, insbesondere an einem modernen, aber nicht angemessenen Machtbegriff. Das Thema ist auf Sparta ausgerichtet. Daher befaßt sich der erste Teil der Arbeit mit der Untersuchung des Charakters und der Triebkräfte der spartanischen Außenpolitik. Es wird deutlich, daß Furcht und Sicherheit als wesentliche strukturelle Faktoren die Politik Spartas bestimmten. Im Blickfeld des zweiten Kapitels steht sodann das erste Buch des Thukydides. Die Analyse der „Anlässe“ des Krieges zeigt, daß bestimmte feststehende strukturelle Faktoren die Spartaner in den Krieg führten. Im Anschluß folgt eine ausführliche Untersuchung der „wahrsten Ursache“. Erst eine interdisziplinäre Betrachtungsweise (d.h. althistorische, altphilologische, philosophische und politologische) ermöglicht eine widerspruchsfreie Interpretation des Thukydides. Es wird deutlich, daß die bisherigen Forschungen die Kriegsursache auf der „systemischen Analyseebene“ untersuchten. Da sie auf Widersprüche stießen, interpretierten sie diese als eine Schwäche des thukydideischen Werkes. Betrachtet man den Vorgang jedoch auf „subsystemischer Ebene“ ist die Analyse des Historikers stimmig und enthüllt eine erschreckend modern anmutende Tiefe. Im dritten Kapitel schließlich werden alle strukturellen Faktoren nebeneinadergestellt. Schnell wird dabei deutlich, warum Thukydides den Krieg für „unausweichlich“ hielt, und selbst eine einseitige Schuldzuweisung vermied.
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Veröffentlichungsjahr: 2010
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2.3. Die ἀληθεστάτη πρόφασις ....................................................... 102
2.4. Die unterschiedlichen Charaktere der beiden Poleis
β) Die Aspekte des athenisch‐spartanischen Dualismus ........................ 127
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Einleitung
„Es war bei weitem die gewaltigste Erschütterung für die Hellenen und einen Teil der Barbaren, ja sozusagen unter den Menschen überhaupt.“1Diese Erschütterung, von der Thukydides sprach, trägt in der modernen Geschichtswissenschaft den Namen der „Peloponnesische Krieg.“ Sie zog in der Tat eine folgenreiche Entwicklung nach sich: Neben der menschlichen Tragik, die Thukydides eindrucksvoll schildert, leitete sie einerseits den Untergang der griechischen Poliswelt ein, andererseits gebar sie aber die griechische Klassik und ließ sie aufblühen. Der Krieg an sich ist aufgrund der komplizierten Machtkonstellationen sicherlich der erste Krieg, „der nach Ursprung und Verlauf alle Wesenszüge eines politischen Krieges zeigt.“2 Der Historiker Thukydides ist aber sein würdiger Darsteller, der „zufolge seiner einzigartigen geistigen Überlegenheit Wesen und Unwesen des Politischen durchdacht und zu Ende gedacht hat.“3 Den Grund für sein Anliegen, dieses Ereignis aufzuzeichnen, gab er in einem berühmtgeworden Satz wie folgt an: „Wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder so ähnlich sein wird, der mag sie [die Darstellung] für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück für einmaliges Hören ist sie verfaßt.“4Sein Wunsch sollte sich bewahrheiten. Denn nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern auch in der Philosophie und insbesondere in den Politikwissenschaften5widerfährt den Erkenntnissen dieses Werkes größte Wertschätzung. Für all diese Disziplinen und ebenso für die vorliegende Magisterarbeit ist vor allem die Frage nach der Entstehung des Krieges, dieser folgenreichen Erschütterung, im Blickfeld des Interesses. Thukydides selbst enttäuscht uns diesbezüglich nicht, denn er widmet dieser Frage das nahezu gesamte erste Buch seines Werkes.
Allerdings unterscheidet sich die Antwort des Historikers grundlegend von den Lösungsversuchen antiker und moderner Autoren. Unsere anderen Quellen wie Philochoros, Ephoros, Aristophanes und Plutarch sahen die Schuldigkeit für den Krieg
1 Thukydides I 1,2.
2 Volkmann‐Schluck, K.‐H.: Politische Philosophie. Thukydides, Kant, Tocqueville. Frankfurt a. M. 1974, S. 17. 3 Ebd. 4 Thukydides I 22,4.
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auf athenischer Seite.6Demnach war Perikles der entscheidende Kriegstreiber, der die Hellenen ins Unglück stürzte.7Ebenso entbrannte in der neuen Forschung ein Streit darüber, wer die Schuld an dieser Katastrophe trage. Die Mehrheit der modernen Forschung tendiert dazu, Athen die Schuld zu geben. Dabei scheut sie trotz Widersprüche nicht davor zurück, auch Thukydides in diese Richtung zu interpretieren. Die athenischen Initiativen von dem Bau der Langen Mauern, den Bündnissen mit Argos und Megara in den 60er Jahre bis hin zu den Anlässen, wie das Bündnis mit Kerkyra, das Ultimatum an Poteidai und der Beschluß gegen Megara, werden von diesem Teil der Forschung durchwegs als Anzeichen einer rücksichtslosen imperialen Machtpolitik der Athener betrachtet. Die andere Seite der Forschung hingegen interpretiert die Aktionen der Athener als Präventivmaßnahmen gegen einen drohenden Angriff der Spartaner. Sparta wird demnach eine aggressive Außenpolitik unterstellt, wofür Ereignisse wie die Kriegsplanungen von 475/74, das Versprechen an die Thasier, sie im Falle eines Abfalls von Athen zu unterstützen, die Invasion in Attika in den 40er Jahren, der Samos‐Konflikt und schließlich die Eröffnung des Krieges als Argumente dienen. Die wichtigsten Vertreter beider Position, die sich am ausführlichsten zur Aitiologie des Krieges geäußert haben, sind D. Kagan8 auf der einen und G. E. M. de Ste. Croix9 auf der anderen Seite.10
6Vgl. die einzelnen Passagen und die Interpretation bei Brauer, H.: Die Kriegsschuldfrage in der geschichtlichen Überlieferung des Peloponnesischen Krieges. Emsdetten 1933.
7Obwohl Thukydides andere Faktoren für den Ausbruch des Krieges verantwortlich macht, konnte er sich dieser scheinbar weit verbreiteten Meinung nicht gänzlich entziehen (Thukydides I 127,3).
8Kagan, D.: The Outbreak of the Peloponnesian War. Ithaka/London 1963; als weiterer wichtiger Vertreter wäre außerdem Meiggs, R.: The Athenian Empire. Oxford 1972, zu nennen.
9De Ste. Croix, G.E.M.: The Origins of the Peloponnesian War. London 1972: ihm folgen z.B. auch Salmon, J.B.: Wealthy Korinth. A History of the City to 338 BC. Oxford 1984, und ansatzweise auch Powell, A.: Athens and Sparta. Constructing Greek Political and Social History from 478 B.C.. London 1988, S. 118‐128, mit seiner „theory of Spartan opportunism“ (ebd.), die jedoch nicht erklärt, warum Thukydides vom Machtzuwachs der Athener spricht, wenn Sparta nur bei Schwächephasen der Athener eingreift.
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Das Problem beider Positionen liegt aber darin, daß sie davon abhängen, wie die Autoren sowohl die Ursache und Wirkung, als auch die zeitliche Abfolge bestimmter historischer Ereignisse bestimmen. Das schwerwiegendste Problem beider Positionen entsteht jedoch, weil sie den strukturellen Momenten in der thukydideischen Ursachenanalyse nicht bis zur letzten Konsequenz Folge leisten.
In der für die Aitiologie zentralen Passage I 23,6 gibt der Historiker weder bei den Anlässen noch bei der Ursache des Krieges - diese wichtige Unterscheidung wird von Thukydides zum ersten Mal vorgenommen - einer der beiden Parteien die Schuld.11Vielmehr waren es zwei strukturelle Faktoren, nämlich der Machtzuwachs der Athener und die Furcht der Spartaner, die in der Kombination den Krieg für beide Akteure unvermeidlich machten. Allerdings ruft diese These auf den ersten Blick eine Irritation hervor, sodaß der renommierte Althistoriker Eduard Meyer Thukydides sogar einen groben Fehler unterstellt: „Aber er übersieht dabei, daß Athens Macht seit 455 nicht mehr gewachsen ist, sondern im Frieden von 446 beträchtlich zurückgegangen ist und dass Athen sich seither aller Übergriffe enthalten hat.“12 Die Darstellung der Ereignisse in der Pentakontaëtie wird diesen Einwand zunächst bestätigen. Aber sollte der Historiker, an dieser entscheidenden Stelle dies tatsächlich übersehen haben, zumal er doch unsere Hauptquelle für diesen Zeitraum darstellt und sich auch sonst durch einen überragenden Scharfsinn auszeichnet? Wenn wir aber von der Richtigkeit der These ausgehen, warum fürchteten die Spartaner erst im Frühjahr 432 Athens Macht, deren Höhepunkt eigentlich
für diese zu vereinnahmen, oder seine Vereinnahmung einer anderen Denkrichtung abzusprechen. Sie interpretieren aus einer Theorie heraus, und unterstellen diese auch Thukydides. Andererseits scheitert eine genaue Analyse an fehlendem historischem Verständnis für die Eigenarten der griechischen Antike, sowie am Fehlen von Griechischkenntnissen. Eine aktuelle Untersuchung zu diesem Thema, die vom Umfang an die Abhandlungen von D. Kagan und G.E.M. de Ste. Croix reicht, fehlt aus unverständlichen Gründen ‐ jedenfalls soweit ich es überblicken kann. Der Zusammenbruch des Ost‐West‐Konflikts hat in der politikwissenschaftlichen Kriegsursachenforschung (Friedens‐ und Konfliktforschung) viele traditionelle Interpretationsmuster des Kalten Krieges, denen auch die oben genannten beiden Autoren verfallen waren, überholt, und neuartige Denkweisen entwickelt, vor deren Hintergrund es lohnenswert wäre, das Werk des Thukydides, die erste Goldquelle der historisch‐politologischen Kriegsursachenforschung, noch einmal zu Rate zu ziehen.
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in die 60er und 50er Jahre des 5. Jahrhunderts datiert werden muß? Hantiert Thukydides womöglich mit einem Machtbegriff, der sich von der gängigen Definition vieler Interpreten unterscheidet? Was fürchteten die Lakedaimonier also tatsächlich? (Furcht ist ja eigentlich das letzte, was man mit dem Bild eines spartanischen Kriegers assoziiert13). Das Bestreben dieser Magisterarbeit liegt in der Erkundung der Aspekte der spartanischen Furcht, wofür notwendigerweise die Frage nach dem Ursprung des Peloponnesischen Krieges neu behandelt werden muß. Der Furcht soll daher auf zweierlei Weise auf den Grund gegangen werden: (1) Weil sie vermutlich aus dem Machtzuwachs resultiert, kann man aus den Aspekten der athenischen Macht auf diejenigen der Furcht folgern. Dazu müssen wir die wesentlichsten Fragen der Aitiologie, wie sie Thukydides uns präsentiert, diskutieren. (2) Wir enthüllen die spartanischen Furchtmomente aus den Triebkräften, bzw. aus den Determinanten des außenpolitischen Verhaltens (diese Möglichkeit ist vom Urteil des Thukydides weitgehend unabhängig). Durch die Gegenüberstellung und gegenseitige Prüfung der beiden Varianten sollten wir am Ende ein sicheres Bild der spartanischen Furcht erhalten. Die Gliederung der Magisterarbeit entspricht dem vorgestellten Dreisatz der Herangehensweise. Aus chronologischen Gründen werde ich jedoch mit der Untersuchung der Triebkräfte der spartanischen Außenpolitik beginnen. Im Anschluß folgt die Diskussion der thukydideischen Aitiologie des Krieges. Die Aspekte des φόβος τῶν Λακεδαιμονίων sollen schließlich im dritten Abschnitt präsentiert werden.
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1. Der Charakter und die Triebkräfte der spartanischen Außenpolitik
Die spartanische Außenpolitik wird von Thukydides folgendermaßen charakterisiert: [...] ὄντες μὲν καὶ πρὸ τοῦ μὴ ταχεῖς ἰέναι ἐς τοὺς πόλεμους, ἢν μὴ ἀναγκάζωνται, τότε δ᾽ ἔτὶ καὶ πολέμοις οἰκείοις ἐξειργόμενοι [...].14Thukydides erwähnt drei wesentliche außenpolitische Momente, denen es im ersten Abschnitt nachzugehen gilt und sie womöglich durch weitere zu erweitern. Einerseits ist es also die Tatsache, daß Sparta scheinbar nur sehr langsam, wahrscheinlich im Sinne von „nicht übereilt“ oder „nur sehr selten“, in den Krieg zog. Wie ist dies aber zu erklären, bei einer Polis, die als Militärstaat in die Geschichte eingegangen ist? Zweitens: daß die Lakedaimonier nur unter Zwang bereit waren, in den Krieg zu ziehen. Außer der ersten Frage, die sich hier wiederum aufdrängt, wundert man sich, wer oder was das mächtige Sparta, den Prostates in Hellas und die ruhmreichen, unbesiegbaren spartanischen Hopliten zu irgend etwas zwingen konnte? Drittens: Neben dem wie auch immer gearteten Zwang, konnten noch innere Kriege die Außenpolitik Spartas immens beeinflussen. Was ist wiederum darunter zu verstehen? Alles in allem entsteht ein Eindruck, als ob Sparta nur sehr unfreiwillig in den Krieg eintrat, und daß es ferner sehr wenige Freiheiten hatte, seine Außenpolitik zu gestalten. Wird dieser Eindruck bestätigt, so resultieren daraus entscheidenden Einsichten, die uns bei der Frage nach dem Eintritt Spartas in den Peloponnesischen Krieg von großer Bedeutung sein werden.
Der erste große Abschnitt untersucht daher die wesentlichen Antriebe und den Charakter der spartanischen Außenpolitik. Als erstes werde ich die geographische Lage der Polis betrachten und darstellen, welche Konsequenzen diese für die Entwicklung Spartas hatte. Im zweiten Kapitel wird, wie noch gezeigt werden soll, das Fundament des spartanischen Kosmos behandelt, nämlich die Institution der Helotie. Denn sie war der Grundstein für die spartanische Großmachtstellung. In den folgenden beiden Kapiteln werden sodann Stationen der spartanischen Außenpolitik nach ihren wesentlichen Motivationen beleuchtet, wobei Aspekte wie der Peloponnesische Bund, der Sonderweg Spartas, die Folgen der Perserkriege, sowie die Spondai von 446/5 für die gesamte Arbeit von wesentlicher Bedeutung sein werden.
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1.1. Die geostrategischen Voraussetzungen15
Die geographische Lage Spartas erweist sich in mehreren Gesichtspunkten als prägend für den spartanischen Charakter und für die außenpolitische Zielsetzung. Zunächst einmal ist die Polis von allen Seiten relativ weit vom Meer entfernt, weshalb sie auch als Landmacht in die Geschichte einging. Als wichtigster Hafen der Spartaner galt der Periökenort Gytheion, der etwa 40 km vom Stadtkern entfernt liegt. Sparta gehört zu der im südöstlichen Teil der Peloponnes gelegenen Landschaft Lakonien. Die Stadt ist im fruchtbaren Eurotastal gelegen. Von allen Himmelsrichtungen sorgen Bergmassive bzw. das Meer für einen natürlichen Schutzwal: Im Westen erhebt sich das bis zu 2400 Meter hohe Taygetos‐Gebirge, das wie eine unüberwindliche Mauer Lakonien von Messenien trennt. Vom Osten her liefert das etwa 1900 Meter hohe Parnonmassiv einen nahezu lückenlosen Schutz, wo hingegen im Norden die Bergzüge der Skiritis Lakonien von Arkadien trennen. Im Süden schließlich endet das Tal am Lakonischen Golf. Unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten begünstigte die geographische Lage zwar Sparta, indem es für Feinde von allen Seiten nur schwer zugänglich war - bis zur zweiten Hälfe des 3. Jahrhunderts besaß die Stadt daher auch keine Stadtmauer. Die Lakedaimonier gingen dadurch jedoch auf zweifache Weise die Gefahr ein, in eine bedrohliche Isolation zu geraten: Einerseits konnten so äußere Einflüsse nur schwierig in die Stadt gelangen (die spätere Politik Spartas verstärkte später auch noch die Mechanismen, welche solchen Zuzug von fremden Einflüssen nahezu gänzlich unterbanden). Andererseits konnte Sparta im Krieg bei einer ungünstigen Konstellation der Allianzen sehr einfach innerhalb ihres Gebiets eingeschlossen und kontrolliert werden. Die folgenden Betrachtungen zu den Antrieben der spartanischen Außenpolitik werden ergeben, daß diese Aspekte das außenpolitische Profil Spartas ganz entscheidend geprägt haben.16Etwa um 550 eroberten die Lakedaimonier die im Südosten des Golfes vorgelagerte und geostrategisch sowie handelspolitisch überaus wichtige Insel Kythera. Zur gleichen Zeit vereinnahmten sie die Landschaft Thyreatis, nordöstlich von Lakonien und gewannen damit eine Pufferzone zum Erzfeind Argos. Als die folgenreichste
15 Vgl. zur Geographie Spartas u. a.: RE Bd. III A,2. Stuttgart 1929, Sp.1294‐1373; Wüst, F.R.: Lakonica. In: Klio 37 (1959), S. 53‐62; Philippson, A.: Die griechischen Landschaften. Frankfurt a. M. 1959, S. 371‐ 523; Stibbe, C.M.: Das andere Sparta. Mainz 1996, S.15‐40; Thommen, L.: Sparta. Verfassungs‐ und Sozialgeschichte einer griechischen Polis. Stuttgart 2003, S. 15‐20.
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Entwicklung sollte sich jedoch die zeitlich weiter zurückliegende Eroberung Messeniens erweisen. Die Größe der bebaubaren Fläche Messeniens war annähernd doppelt so groß, wie diejenige Lakoniens.17Durch die Fruchtbarkeit und den Ausmaß Messeniens waren die Spartaner wirtschaftlich reichlich versorgt, sodaß sie im Gegensatz zu anderen griechischen Poleis in dieser Zeit nicht darauf angewiesen waren, durch „expansive Politik neue Quellen des gesellschaftlichen Reichtums zu erschließen.“18 Die Versklavung der ansässigen, ethnisch homogenen und zahlenmäßig weitaus überlegenen messenischen Bevölkerung, welche überdies jenseits des Taygetos‐Massivs kontrolliert werden mußte, zwang den Staat der Lakedaimonier zu Maßnahmen, die im Laufe der folgenden Jahrzehnte ihren besonderen spartanischen Charakter maßgeblich prägten. Von großer Bedeutung für die Außenpolitik Spartas ist schließlich die Tatsache, daß die Peloponnes eine Halbinsel war. Der Isthmos, die Landenge zwischen der Peloponnes und Mittelgriechenland, welcher an seiner engsten Stellen lediglich sechs Kilometer breit ist, war unter korinthischer Kontrolle. Jenseits des Isthmos kontrollierte die Polis Megara das schmale und an vielen Stellen schwierig zu durchquerende Gebiet zwischen dem Golf von Korinth und dem Saronischen Golf. Wollten die Spartaner also außerhalb der Peloponnes außenpolitisch aktiv werden, waren sie entweder zumindest vom Wohlwollen der Korinther abhängig, oder sie bedurften einer starken Flotte. Insgesamt können wir also mit C. M. Stibbe resümieren: „Gefahren und Vorzüge dieser geographischen Lage hinterließen ihre unverwechselbaren Spuren in der Geschichte der Bewohner: Nur dort konnte das junge und dynamische Volk der dorischen Spartaner sich ungestört entwickeln und seine alten Stammestraditionen bewahren; gleichzeitig drohte ihm dort die Gefahr extremer Isolation, sobald es die Verbindung zur Außenwelt nicht mehr suchte. Und in der Tat läßt sich an der der Kultur der Spartiaten zunächst eine Phase urwüchsiger vitaler Blüte und später, als die Kraft erlahmte, ein Prozeß bedrückender Erstarrung feststellen.“19Die Eroberung Messeniens und die Versklavung der ansässigen Bevölkerung war allerdings zweifelsfrei das markanteste und folgenreichste Ereignis der spartanischen Geschichte, welches die Polis in mehrfacher
17Das bebaubare Land ist im Eurotastal etwa auf 50 000 ha zu schätzen, in Messenien ca. 90.000 ha (vgl. Thommen 2003, S. 16).
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Hinsicht zu einem Sonderfall unter den griechischen Poleis werden ließ. Wenden wir uns daher nun diesen Sklaven zu, den sog. Heloten.
1.2. Das Fundament des spartanischen Kosmos: Die Heloten
Die Stellung der Heloten im spartanischen Kosmos und ihr Verhältnis zu den Spartiaten stellt ein Unikum in der Geschichte des antiken Griechenland dar. Die Relevanz dieses eigentlich innenpolitischen Phänomens für die außenpolitischen Handlungen Spartas (und somit zwangsläufig auch für den Eintritt in den Peloponnesischen Krieg) betont bereits Thukydides ausdrücklich: ἐπεὶ καὶ τὸ τόδε ἔπραξαν φοβούμενοι αὐτῶν τὴν σκαιότητα καὶ τὸ πλῆθος - αἰεὶ γὰρ τὰ πολλὰ Λακεδαιμονίοις πρὸς τοὺς Εἵλωτας τῆς φυλακῆς πέρι μάλιστα καθειστήκει.20Wenn die spartanische Politik also tatsächlich stets vor dem Hintergrund der Furcht und des Schutzes vor den Heloten zu verstehen ist, muß dieses Phänomen auch den Ausgangspunkt dieser Untersuchung bilden. Ich werde daher zunächst den Status und die Funktion der Heloten in der spartanischen Gesellschaft behandeln und mich anschließend der in der modernen Forschung kontrovers diskutierten Existenz der sog. ‚Helotengefahr’ zuwenden.
α) Status und Funktion der Heloten
Die Heloten bildeten den unfreien Bevölkerungsanteil der spartanischen Gesellschaft. Anders jedoch als die Sklaven der anderen griechischen Poleis wies die Institution der Helotie einige besondere Charakteristika auf, welche die Entwicklung des spartanischen Staates entscheidend prägen sollten. Die für die Außenpolitik folgenreichsten Besonderheiten dieser Form der Versklavung sollen im Folgenden vorgestellt werden. Die Bezeichnung Heloten leitet sich nach moderner Etymologie von Ϝαλίσκομαι21ab und spiegelt den Umstand der gewaltsamen Eroberung und Unterjochung des Landes
20 Thukydides IV 80,3.
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und der Bevölkerung wider. Nach Theopomp22stammen die Heloten von den Achaiern ab, welche Lakonien vor der Einwanderung der Dorier bewohnten. Im Verlaufe der Messenischen Kriege im 8. und 7. Jahrhundert, welche Sparta an den Rand seiner Existenz brachten, wurden auch die Bewohner Messeniens helotisiert. In der Regel wird deshalb zwischen lakonischen und messenischen Heloten unterschieden,23wobei vor allem letztere wegen ihrer Überzahl und ihres gemeinsamen ethnischen Bewußtseins24für die Spartaner eine anhaltende Bedrohung darstellten. Denn im Gegensatz zu anderen Sklaven waren die Heloten keine Fremden, „bought and sold on the market, outsiders wrenched from native ties of kin and religion. [...] Rather, they were Greeks, enslaved collectively upon und tied to the land their ancestors had once tilled as free men, […].“25Die Versklavung einer ethnisch homogenen und zahlenmäßig überlegenen Bevölkerung innerhalb des eigenen Landes bedeutete ohne Zweifel eine ernste und dauerhafte Gefahr für den spartanischen Staat.26Diese Tatsache allein mußte schon zu gravierenden strukturellen Konsequenzen im politischen Handeln der Spartaner führen. Die Helotie wies jedoch noch weitere Ausnahmen auf.
Rechtlich betrachtet waren die Heloten Sklaven (δοῦλοι).27 Gleichwohl unterschied sich ihr Status in mehrfacher Hinsicht von demjenigen der Sklaven in den anderen Poleis,
22 Theopomp 115 F 122. Auch archäologische Funde sprechen für die Richtigkeit dieser Annahme, vgl. dazu: Welwei 2004, S. 39f.
23Vgl. zum Ursprung der Helotie, zur Unterscheidung zwischen lakonischen und messenischen Heloten, sowie zur Datierung der Messenischen Kriege z.B.: Schubert, Ch.: Athen und Sparta in klassischer Zeit. Ein Studienbuch. Stuttgart 2003, S. 58ff; Link, S.: Das frühe Sparta. Untersuchungen zur spartanischen Staatsbildung im 7. und 6. Jahrhundert. St. Katharinen 2000, S. 31ff; Baltrusch, E.: Sparta. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. München 1998, S. 37ff; Meier, M.: Aristokraten und Damoden. Untersuchungen zur inneren Entwicklung Spartas im 7. Jahrhundert v. Chr. und zur politischen Funktion der Dichtung des Tyrtaios. Stuttgart 1998, S. 91ff; und Clauss, M.: Sparta. Eine Einführung in seine Geschichte und Zivilisation. München 1983, S. 113; gänzlich andere Interpretationen zur Herkunft und Unterscheidung liefern: Bargalias, N.: Helotage and Spartan Organization. In: A. Powell/ St. Hodkinson (Hrsg.): Sparta. Beyond the Mirage. London 2002, S. 249‐266. Luraghi, N.: Helotic Slavery Reconsidered. In: A. Powell/ St. Hodkinson (Hrsg.): Sparta. Beyond the Mirage. London 2002, S. 227‐248; und zur Datierung der Messenischen Kriege: Luther, A.: Könige und Ephoren. Untersuchungen zur spartanischen Verfassungsgeschichte. Frankfurt am Main 2004, S. 59 ff. und Kiechle, F.: Messenische Studien. Untersuchungen zur Geschichte der Messenischen Kriege und der Auswanderung der Messenier. Erlangen 1957, S. 82 ff. 24 Vgl. z.B.: Thukydides I 101,2 und IV 41,2; Pausanias IV 27,11. 25 Cartledge 2001, S. 147.
26Bereits antike Autoren, wie Platon und Aristoteles, warnten vor dem Hintergrund der Helotie, daß eine ethnisch homogene Sklavengruppe innerhalb eines Staates stets zu meiden ist: Platon, Nomoi 377b und Aristoteles, Pol. 1330a.
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sodaß ihre eigentliche Stellung schon in der Antike äußerst umstritten war.28Hervorgehoben werden muß vor allem, daß sie als Sklaven nicht - wie etwa die Periöken - zum Lakedaimonischen Personenverband gehörten.29Diese formale Ausgrenzung bildete die Voraussetzung dafür, daß sie von den Spartanern stets als Staatsfeinde betrachtet und behandelt werden konnten.
Gleichzeitig jedoch bildeten die Heloten die wirtschaftliche Grundlage Spartas, da ein angebliches Gesetz des Lykurgs den Spartiaten untersagte, einem „niederen Gewerbe“, ja dem Gelderwerb überhaupt nachzugehen.30Sie bestellten das Land der Spartiaten und mußten einen festen Anteil bzw. eine feste Quote der Erträge an sie abführen.31Folgt man den Angaben des Tyrtaios’, wonach die Heloten „die Hälfte“ der Ernte entrichten mußten,32so verblieb zumindest die andere Hälfte in ihrem eigenen Besitz. Allerdings ist in dieser Tatsache weniger ein Recht der Heloten zu sehen, sondern vielmehr eine Selbstbeschränkung der Spartiaten selbst.33Indem die Hälfte der Erträge außerdem vermutlich ausreichte, um das Überleben der Heloten zu garantieren, verhinderte sie zugleich die Gefahr von Hungerrevolten und trug auf diese Weise zur Sicherheit des spartanischen Staates selbst bei.
Anders als in den üblichen Formen der Sklaverei gehörten die Heloten auch nicht ihren Herren, sondern waren an das Land gebunden, das sie bebauten. Darüber hinaus durften sie nur von der Polis Sparta freigelassen werden niemals aber von einem einzelnen Bürger, dem sie zugeordnet waren.34 Schließlich bezeugen auch die Umstände, daß sie nicht „über die Grenzen“ verkauft werden durften35, sowie bei Begräbnissen der
28Platon, Nom. 776c: σχεδὸν γὰρ πάντων τῶν Ἑλλήνων ἡ Λακεδαιμονίων εἱλωτεία πλείστην ἀπορίαν παράσχοιτ᾿ ἂν καὶ μὲν ἔριν τοῖς μὲν ὡς εὖ, τοῖς δ᾿ ὡς οὐκ γεγονυῖά ἐστιν [...]; Pollux 3,83: μεταξὺ ἐλευθέρων καὶ δούλων. Theopomp; FGrHIst. 115 Frg. 122 b: [...] δουλεύντας τῶν ἐλευθέρων [...] καλεῖσθαι [...] παρὰ Λακεκεδαιμονίοις εἵλωτας.
29Vgl. z.B. Thukydides V 57, 1: [...] αὐτοὶ (Λακεδαιμόνιοι) καὶ οἱ Εἵλωτες [...]; und Herodot IX 28: τὸ μὲν δεξιὸν κέρας εἶχον Λακεδαιμονίων μύριοι∙ τούτων δὲ τοὺς πεντακισχιλίους ἐόντας Σπαρτιήτας ἐφύλασσον ψιλοὶ τῶν εἱλωτέων πεντακισχίλιοι καὶ τρισμύριοι [...]. 30 Plutarch, Lyk. 24, 2‐3; Xenophon, Lak. Pol. 7,2.
31Aelian, var. 6,1; Myron, FGrHist. 106 F 2; Pausanias 4, 14,4; Plutarch Lyk. 24,3, Mor. 239e; Tyrtaios Fr. 5; Siehe zur Höhe der Abgaben außerdem: Ducat 1990, S. 58f.; Link, S.: Der Kosmos Sparta. Recht und Sitte in klassischer Zeit. Darmstadt 1992, S. 1ff; Link 2000, S. 49ff; Welwei 2004 S.42f. 32 Tyrtaios, Frgm. 5 (Snell/Franyó): ὥσπερ ὄνοι μεγάλοισ᾽ ἄχθεσι τειρόμενοι, δεσποσύνοισι φέροντες ἀναγκαίης ὑπὸ λυγρῆς ἥμισυ πᾶν ὅσσων καπρὸν ἄρουσα φέρει. 33 Plurtarch, Mor. 239e; vgl. Link 1994, S. 4f..
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Könige teilnehmen mußten36, von ihrer engen Bindung an den spartanischen Staat. Daher bezeichnen sie bereits antike Autoren vermutlich nicht zu unrecht als δοῦλοι τού κοινού oder δημοσίοι δοῦλοι.37
Den scheinbar paradoxen Status der Heloten - nämlich zugleich Staatssklaven als auch Staatsfeinde zu sein -, sowie die besonders schweren Umstände, unter denen sie zu leiden hatten, veranschaulichen zwei weitere Institutionen: Die Kriegserklärung und die sog. Krypteia. Die Kriegserklärung an die Heloten, welche jedes Jahr aufs Neue erfolgte, war die erste Handlung der neugewählten Ephoren. Die Gründe dafür sind nicht ganz eindeutig. Aristoteles liefert einen glaubhaften sakralen Aspekt. Demnach verhinderte sie, daß der Spartiate bei der Ermordung eines Heloten gegen ein göttliches Recht verstieß.38Obendrein hatte diese Institution jedoch auch eine bedeutende politische Dimension. Sie diente nämlich der Aufrechterhaltung des spartanischen Bündnissystems. Weil die Verbündeten vertraglich versprachen, „dieselben Freunde und Feinde“ wie die Spartaner zu haben, und die Entente auf die Dauer des jeweiligen Krieges begrenzt war, garantierte der immerwährende Kriegszustand das dauerhafte Bestehen der Beistandspflicht.39Der Peloponnesiche Bund soll aber erst im nächsten Kapitel genauer betrachtet werden. Daß die aristotelische Interpretation jedoch nicht ganz von der Hand zu weisen ist, zeigt der enge Zusammenhang der Kriegserklärung mit der sog. Krypteia. Die Krypteia war eine Einrichtung, bei welcher junge Spartiaten mit dem notwendigsten ausgestattet aufs Land geschickt wurden, wo sie nachts Heloten auflauerten und jeden, den sie zu fassen bekamen, umbrachten.40 Ihre Tötungen erhielten neben der göttlichen Legitimation 36 Herodot 6,58.
37Pausanias III 20,6, und Strabon VIII 5,4 ‐ allerdings eingeschränkt durch τρόπον γάρ τινα δημοσίους δούλους; und erneut Pollux 3,83: μεταξὺ ἐλευθέρων καὶ δούλων. Vgl. zur Forschungskontroverse die Interpretationen bei Ducat 1990, S. 62f.; Link 1994, S. 4ff.; Clauss 1983, S. 110; Lotze 1959, S. 40 u. 77; Kulesza, R.: Starożytna Sparta. Poznań 2003, S. 47.
38 […] ὅπως εὐαγὲς ᾖ τὸ ἀνελεῖν (Aristoteles nach Plutarch, Lyk. 28,7). Die moderne Forschung liefert noch weitere Deutungsmöglichkeiten der jährlichen Kriegserklärung, welche jedoch a) der aristotelischen These nicht widersprechen und sie teilweise sogar voraussetzen, sowie b) den Gang der Argumentation nur peripher beeinflussen: So dient sie nach Ducat zum Beispiel (Ducat, J.: Le Mépris des Hilotes. In: Annales ESC 29 (1974), Sp. 1463) der psychologischen Identitätsstiftung und Abgrenzung der Spartiaten von den Heloten. Oliva (Oliva, P.: Die Helotenfrage in der Geschichte Spartas. In: K. Christ (Hrsg.): Sparta. Wege der Forschung 622. Darmstadt 1986, S. 319) sieht in der Maßnahme eine Erinnerung an die militärische Unterwerfung der Heloten. Nach Link (Link 1992, S. 9) verweigerten die Spartaner den Heloten durch die Kriegserklärung von vornherein alle Rechte. In einem späteren Buch schließlich (Link 2000, S. 56ff) stellt er sie in Zusammenhang mit der Tributpflicht der Heloten: Die Kriegserklärung liefert so nämlich die sakrale Legitimation für das wiederholende Eintreiben der Abgabe. 39 Vgl. Baltrusch 1998, S. 99.
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durch die Kriegserklärung auch eine politische Rechtfertigung. Die gegen die Heloten gerichtete Krypteia ist demnach ebenso als Umsetzung des dauerhaften Kriegszustandes zu verstehen. Darüber hinaus diente diese Maßnahme mutmaßlich zu militärischen Übungszwecken für angehende Hopliten. Schließlich aber eignete sie sich geradezu als „ein Terrorinstrument zur Unterdrückung und permanenten Einschüchterung der Heloten.“41
In welchem Umfang auch die lakonischen Heloten unter den ‚Terroraktionen’ der Helotie zu leiden hatten, wissen wir nicht. Vieles spricht jedoch dafür, daß sich die besonders harten Unterdrückungsmaßnahmen hauptsächlich gegen die messenischen Heloten richteten42, weil, wie noch weiter unten auszuführen sein wird, die Spartaner in erster Linie von ihnen Aufstände befürchteten. Die lakonischen Heloten standen wohl nicht zuletzt wegen der geographischen Nähe Lakoniens weitgehend loyal zu Sparta und wurden deshalb möglicherweise rücksichtsvoller als die messenischen Heloten behandelt. Vereinzelt arbeiten sie in den Privathaushalten der Spartiaten. So entstanden nicht selten enge persönliche Beziehungen zwischen Spartiaten und Heloten, aus welchen bisweilen auch Kinder, die sog. μόθακες, hervorgegangen waren.43Ebenso dienten Heloten - wahrscheinlich wiederum größtenteils nur die lakonischen44- als Waffenträger und Leichbewaffnete auf Feldzügen der Spartaner.45Infolge des Mangels an wehrfähigen Spartiaten wuchs seit dem Peloponnesischen Krieg die Zahl der Heloten, welche im spartanischen Heer dienten, erheblich an. Nicht verwunderlich ist daher, daß gerade in dieser Zeit auch die erste Erwähnung der sog. νεοδαμώδεις fällt, einer neuen
41Welwei 2004, S. 41; Weitere erniedrigende und der Unterdrückung dienende Maßnahmen überliefern Plutarch, Lyk. 28,4 und Myron, FGrHist 106 F 2.
42Inwieweit womöglich auch „die Abgaben der lakonischen Heloten anders geregelt“ waren (Dreher, M.: Athen und Sparta. München 2001, S. 41), kann nicht endgültig geklärt werden.
43Zum ersten Mal erwähnt bei Phylarchos FGrHist 81 F 43. Siehe zur Debatte über Herkunft und Stellung: Cancick, H./ Schneider, H.: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike (Bd. 8), s. v. ‚Mothakes’, Stuttgart/Weimar 2000, Sp. 421; Link 1994, S. 25ff, und Bruni, G.B.: Mothakes, neodamodeis, Brasideioi. In: Pubblicazoni dell ’instituto di storia antica. Univ. di Padova 1979, 13, S. 21‐31.
44Vgl. Thommen 2003, S.113f.; Clauss 1983, S. 113; Kulesza 2003, S. 48: „Potajemne zabijanie helotów w ramach kryptei i coroczne wypowiadanie im wojny z jednei strony, a z drugiej wprowadzanie ich do domów prywatnych i władanie broni do ręki zakrawałoby wręcz na rodzaj schizofrenii, gdyby odnosiło się do tej samej grupy.“ Aufgrund einerseits der größeren Gefahr, die von den messenischen Heloten ausging, und der vermeintlichen Loyalität der meisten lakonischen Heloten andererseits, gehe ich aus logischen Gründen auch davon aus, daß die Spartaner in erster Linie vornehmlich die letzteren zum Kriegsdienst rekrutierten. Die Quellen hingegen lassen keine vollständige Sicherheit diesbezüglich zu.
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Sondergruppe der spartanischen Gesellschaft, welche sich aus Heloten zusammensetzte, die vermutlich für ihre militärischen Dienste mit der Freiheit belohnt wurden.46 Das Verhältnis zwischen den Spartiaten und Heloten (allen voran den messenischen) war jedoch in der Regel von „fear and hatred on both sides“47 geprägt. Die Helotie wurde daher schon in der Antike (zum Teil auch von Sparta freundlichen Autoren, wie Kritias) als besonders grauenhafte Form der Sklaverei angesehen.48 Man kann vermuten, daß nach der Niederschlagung des schweren Messenieraufstandes Mitte der 460er Jahre die Unterdrückungsmaßnahmen verschärft und womöglich auch noch weiter institutionalisiert wurden.49 Wie noch auszuführen sein wird, konnten die Freiheitsbestrebungen der Messenier nichtsdestoweniger erstickt werden. Vielmehr sahen sie sich in der Verzweiflung ihrer Lage allenfalls noch mehr dazu bewegt, sich von ihren Peinigern zu befreien. Wir müssen daher annehmen, daß zumindest für den Zeitraum von 460 bis zur Befreiung der messenischen Heloten 370 v. Chr., in dessen Mitte der Peloponnesische Krieg fällt, die Helotenfrage bei den politischen Entscheidungen der Spartaner tatsächlich stets präsent war. Das anschließende Unterkapitel ist daher dem Versuch gewidmet, die wesentlichen Aspekte der sog. ‚Helotenfurcht’ bzw. ‚Helotengefahr’ systematisch herauszuarbeiten und sie auf die Plausibilität hin zu überprüfen.
β) Die Helotengefahr und die Helotenfurcht
Obwohl die Helotengefahr oder zumindest die Helotenfurcht der Spartaner von mehreren glaubwürdigen Quellen in vielfacher Weise bezeugt ist, tauchen in der modernen Sparta Forschung auch Stimmen auf, welche diese Phänomene zu relativieren oder zum Teil sogar gänzlich zu verneinen versuchen.50 Die Einwände der Relativierer und ihre
