Der Eintritt Spartas in den Peloponnesischen Krieg - Raphael Dlugajczyk - E-Book

Der Eintritt Spartas in den Peloponnesischen Krieg E-Book

Raphael Dlugajczyk

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Beschreibung

Magisterarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike, Note: 1,0, Freie Universität Berlin (Friedrich-Meinecke-Institut), Sprache: Deutsch, Abstract: Die Arbeit befaßt sich mit einer vieldiskutierten Kernfrage der Alten Geschichte: Wie kam es zum Ausbruch des Peloponnesischen Krieges zwischen den Machtblöcken Athen und Sparta? Im Zentrum der Untersuchung steht die tiefgehende Analyse des ersten Buches des Thukydides, allem voran seine scharfsinnige Unterscheidung zwischen „der wahrsten Ursache“ und den „Anlässen“, die zum Krieg geführt haben. Bisherige Forschungen konzentrierten sich auf die Ermittlung des Kriegsschuldigen, den Thukydides selbst beim genauen Hinsehen gerade nicht bezeichnet. Während die eine Seite die imperiale Machtpolitik der Athener als Kriegsgrund definierte, sah die andere Seite diesen in der aggressiven Kriegspolitik der Spartaner. Die Magisterarbeit zeigt aber, daß die bisherige Forschung nicht das wesentliche erkannt hat – und das liegt am Mangel bei der Auseinandersetzung mit den strukturellen Momenten des Thukydides, insbesondere an einem modernen, aber nicht angemessenen Machtbegriff. Das Thema ist auf Sparta ausgerichtet. Daher befaßt sich der erste Teil der Arbeit mit der Untersuchung des Charakters und der Triebkräfte der spartanischen Außenpolitik. Es wird deutlich, daß Furcht und Sicherheit als wesentliche strukturelle Faktoren die Politik Spartas bestimmten. Im Blickfeld des zweiten Kapitels steht sodann das erste Buch des Thukydides. Die Analyse der „Anlässe“ des Krieges zeigt, daß bestimmte feststehende strukturelle Faktoren die Spartaner in den Krieg führten. Im Anschluß folgt eine ausführliche Untersuchung der „wahrsten Ursache“. Erst eine interdisziplinäre Betrachtungsweise (d.h. althistorische, altphilologische, philosophische und politologische) ermöglicht eine widerspruchsfreie Interpretation des Thukydides. Es wird deutlich, daß die bisherigen Forschungen die Kriegsursache auf der „systemischen Analyseebene“ untersuchten. Da sie auf Widersprüche stießen, interpretierten sie diese als eine Schwäche des thukydideischen Werkes. Betrachtet man den Vorgang jedoch auf „subsystemischer Ebene“ ist die Analyse des Historikers stimmig und enthüllt eine erschreckend modern anmutende Tiefe. Im dritten Kapitel schließlich werden alle strukturellen Faktoren nebeneinadergestellt. Schnell wird dabei deutlich, warum Thukydides den Krieg für „unausweichlich“ hielt, und selbst eine einseitige Schuldzuweisung vermied.

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Veröffentlichungsjahr: 2010

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2.3. Die ἀληθεστάτη πρόφασις    ....................................................... 102 

2.4. Die unterschiedlichen Charaktere der beiden Poleis  

β) Die Aspekte des athenisch‐spartanischen Dualismus ........................ 127 

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Einleitung 

„Es  war  bei  weitem  die  gewaltigste  Erschütterung  für  die  Hellenen  und  einen  Teil  der  Barbaren,  ja  sozusagen  unter  den  Menschen  überhaupt.“1Diese  Erschütterung,  von  der  Thukydides  sprach,  trägt  in  der  modernen  Geschichtswissenschaft  den  Namen  der  „Peloponnesische  Krieg.“  Sie  zog  in  der  Tat  eine  folgenreiche  Entwicklung  nach  sich:  Neben  der  menschlichen  Tragik,  die  Thukydides  eindrucksvoll  schildert,  leitete  sie  einerseits  den  Untergang  der  griechischen  Poliswelt  ein,  andererseits  gebar  sie  aber  die  griechische  Klassik  und  ließ  sie  aufblühen.  Der  Krieg  an  sich  ist  aufgrund  der  komplizierten  Machtkonstellationen  sicherlich  der  erste  Krieg,  „der  nach  Ursprung  und  Verlauf alle Wesenszüge eines politischen Krieges zeigt.“2 Der Historiker Thukydides ist aber  sein  würdiger  Darsteller,  der  „zufolge  seiner  einzigartigen  geistigen  Überlegenheit  Wesen und Unwesen des Politischen durchdacht und zu Ende gedacht hat.“3 Den Grund für sein Anliegen, dieses Ereignis aufzuzeichnen, gab er in einem berühmtgeworden Satz  wie folgt an: „Wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige,  das  wieder  einmal,  nach  der  menschlichen  Natur,  gleich  oder  so  ähnlich  sein  wird,  der  mag  sie  [die  Darstellung]  für  nützlich  halten,  und  das  soll  mir  genug  sein:  zum  dauernden  Besitz,  nicht  als  Prunkstück  für  einmaliges  Hören  ist  sie  verfaßt.“4Sein  Wunsch sollte sich bewahrheiten. Denn nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern  auch  in  der  Philosophie  und  insbesondere  in  den  Politikwissenschaften5widerfährt  den  Erkenntnissen dieses Werkes größte Wertschätzung. Für all diese Disziplinen und ebenso  für  die  vorliegende  Magisterarbeit  ist  vor  allem  die  Frage  nach  der  Entstehung  des  Krieges,  dieser  folgenreichen  Erschütterung,  im  Blickfeld  des  Interesses.  Thukydides  selbst  enttäuscht  uns  diesbezüglich  nicht,  denn  er  widmet  dieser  Frage  das  nahezu  gesamte erste Buch seines Werkes.  

Allerdings  unterscheidet  sich  die  Antwort  des  Historikers  grundlegend  von  den  Lösungsversuchen  antiker  und  moderner  Autoren.  Unsere  anderen  Quellen  wie  Philochoros,  Ephoros,  Aristophanes  und  Plutarch  sahen  die  Schuldigkeit  für  den  Krieg 

1 Thukydides I 1,2. 

2 Volkmann‐Schluck, K.‐H.: Politische Philosophie. Thukydides, Kant, Tocqueville. Frankfurt a. M. 1974, S. 17.   3 Ebd.  4 Thukydides I 22,4.  

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auf  athenischer  Seite.6Demnach  war  Perikles  der  entscheidende  Kriegstreiber,  der  die  Hellenen  ins  Unglück  stürzte.7Ebenso  entbrannte  in  der  neuen  Forschung  ein  Streit  darüber,  wer  die  Schuld  an  dieser  Katastrophe  trage.  Die  Mehrheit  der  modernen  Forschung tendiert dazu, Athen die Schuld zu geben. Dabei scheut sie trotz Widersprüche  nicht davor zurück, auch Thukydides in diese Richtung zu interpretieren. Die athenischen  Initiativen von dem Bau der Langen Mauern, den Bündnissen mit Argos und Megara in  den 60er Jahre bis hin zu den Anlässen, wie das Bündnis mit Kerkyra, das Ultimatum an  Poteidai  und  der  Beschluß  gegen  Megara,  werden  von  diesem  Teil  der  Forschung  durchwegs  als  Anzeichen  einer  rücksichtslosen  imperialen  Machtpolitik  der  Athener  betrachtet.  Die  andere  Seite  der  Forschung  hingegen  interpretiert  die  Aktionen  der  Athener  als  Präventivmaßnahmen gegen  einen drohenden  Angriff  der  Spartaner. Sparta  wird  demnach  eine  aggressive  Außenpolitik  unterstellt,  wofür  Ereignisse  wie  die  Kriegsplanungen  von  475/74,  das  Versprechen  an  die  Thasier,  sie  im  Falle  eines  Abfalls  von Athen zu unterstützen, die Invasion in Attika in den 40er Jahren, der Samos‐Konflikt  und  schließlich  die  Eröffnung  des  Krieges  als  Argumente  dienen.  Die  wichtigsten  Vertreter beider Position, die sich am ausführlichsten zur Aitiologie des Krieges geäußert  haben, sind D. Kagan8 auf der einen und G. E. M. de Ste. Croix9 auf der anderen Seite.10

6Vgl.  die  einzelnen  Passagen  und  die  Interpretation  bei  Brauer,  H.:  Die  Kriegsschuldfrage  in  der  geschichtlichen Überlieferung des Peloponnesischen Krieges. Emsdetten 1933.  

7Obwohl  Thukydides  andere  Faktoren  für  den  Ausbruch  des  Krieges  verantwortlich  macht,  konnte  er  sich  dieser scheinbar weit verbreiteten Meinung nicht gänzlich entziehen (Thukydides I 127,3).    

8Kagan,  D.:  The  Outbreak  of  the  Peloponnesian  War.  Ithaka/London  1963;  als  weiterer  wichtiger  Vertreter  wäre außerdem Meiggs, R.: The Athenian Empire. Oxford 1972, zu nennen.  

9De  Ste.  Croix,  G.E.M.:  The  Origins  of  the  Peloponnesian  War.  London  1972:  ihm  folgen  z.B.  auch  Salmon,  J.B.: Wealthy Korinth. A History of the City to 338 BC. Oxford 1984, und ansatzweise auch Powell, A.: Athens  and Sparta. Constructing Greek Political and Social History from 478 B.C.. London 1988, S. 118‐128, mit seiner  „theory of Spartan opportunism“ (ebd.), die jedoch nicht erklärt, warum Thukydides vom Machtzuwachs der  Athener spricht, wenn Sparta nur bei Schwächephasen der Athener eingreift.          

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Das Problem beider Positionen liegt aber darin, daß sie davon abhängen, wie die Autoren  sowohl die Ursache und Wirkung, als auch die zeitliche Abfolge bestimmter historischer  Ereignisse bestimmen. Das schwerwiegendste Problem beider Positionen entsteht jedoch,  weil  sie  den  strukturellen  Momenten  in  der  thukydideischen  Ursachenanalyse  nicht  bis  zur letzten Konsequenz Folge leisten.  

In der für die Aitiologie zentralen Passage I 23,6 gibt der Historiker weder bei den  Anlässen  noch  bei  der  Ursache  des  Krieges  -  diese  wichtige  Unterscheidung  wird  von  Thukydides  zum  ersten  Mal  vorgenommen  -  einer  der  beiden  Parteien  die  Schuld.11Vielmehr  waren  es  zwei  strukturelle  Faktoren,  nämlich  der  Machtzuwachs  der  Athener  und  die  Furcht  der  Spartaner,  die  in  der  Kombination  den  Krieg  für  beide  Akteure  unvermeidlich  machten.  Allerdings  ruft  diese  These  auf  den  ersten  Blick  eine  Irritation  hervor,  sodaß  der  renommierte  Althistoriker  Eduard  Meyer  Thukydides  sogar  einen  groben Fehler unterstellt: „Aber er übersieht dabei, daß Athens Macht seit 455 nicht mehr  gewachsen  ist,  sondern  im  Frieden  von  446  beträchtlich  zurückgegangen  ist  und  dass  Athen sich seither aller Übergriffe enthalten hat.“12 Die Darstellung der Ereignisse in der Pentakontaëtie  wird  diesen  Einwand  zunächst  bestätigen.  Aber  sollte  der  Historiker,  an  dieser  entscheidenden  Stelle  dies  tatsächlich  übersehen  haben,  zumal  er  doch  unsere  Hauptquelle für diesen Zeitraum darstellt und sich auch sonst durch einen überragenden  Scharfsinn  auszeichnet? Wenn wir aber  von der  Richtigkeit  der These ausgehen, warum  fürchteten die Spartaner erst im Frühjahr 432 Athens Macht, deren Höhepunkt eigentlich 

für  diese  zu  vereinnahmen,  oder  seine  Vereinnahmung  einer  anderen  Denkrichtung  abzusprechen.  Sie  interpretieren aus einer Theorie heraus, und unterstellen diese auch Thukydides. Andererseits scheitert eine  genaue Analyse an fehlendem historischem Verständnis für die Eigenarten der griechischen Antike, sowie am  Fehlen  von  Griechischkenntnissen.  Eine  aktuelle  Untersuchung  zu  diesem  Thema,  die  vom  Umfang  an  die  Abhandlungen von D. Kagan und G.E.M. de Ste. Croix reicht, fehlt aus unverständlichen Gründen ‐ jedenfalls  soweit  ich  es  überblicken  kann.  Der  Zusammenbruch  des  Ost‐West‐Konflikts  hat  in  der  politikwissenschaftlichen  Kriegsursachenforschung  (Friedens‐  und  Konfliktforschung)  viele  traditionelle  Interpretationsmuster  des  Kalten  Krieges,  denen  auch  die  oben  genannten  beiden  Autoren  verfallen  waren,  überholt, und neuartige Denkweisen entwickelt, vor deren Hintergrund es lohnenswert wäre, das Werk des  Thukydides,  die  erste  Goldquelle  der  historisch‐politologischen  Kriegsursachenforschung,  noch  einmal  zu  Rate zu ziehen.                

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in die 60er und 50er Jahre des 5. Jahrhunderts datiert werden muß? Hantiert Thukydides  womöglich  mit  einem  Machtbegriff,  der  sich  von  der  gängigen  Definition  vieler  Interpreten unterscheidet? Was fürchteten die Lakedaimonier also tatsächlich? (Furcht ist  ja eigentlich das letzte, was man mit dem Bild eines spartanischen Kriegers assoziiert13).  Das  Bestreben  dieser  Magisterarbeit  liegt  in  der  Erkundung  der  Aspekte  der  spartanischen  Furcht,  wofür  notwendigerweise  die  Frage  nach  dem  Ursprung  des  Peloponnesischen Krieges neu behandelt werden muß. Der Furcht soll daher auf zweierlei  Weise auf den Grund gegangen werden: (1) Weil sie vermutlich aus dem Machtzuwachs  resultiert, kann man aus den Aspekten der athenischen Macht auf diejenigen der Furcht  folgern.  Dazu  müssen  wir  die  wesentlichsten  Fragen  der  Aitiologie,  wie  sie  Thukydides  uns präsentiert, diskutieren. (2) Wir enthüllen die spartanischen Furchtmomente aus den  Triebkräften,  bzw.  aus  den  Determinanten  des  außenpolitischen  Verhaltens  (diese  Möglichkeit  ist  vom  Urteil  des  Thukydides  weitgehend  unabhängig).  Durch  die  Gegenüberstellung  und  gegenseitige  Prüfung  der  beiden  Varianten  sollten  wir  am  Ende  ein  sicheres  Bild  der  spartanischen  Furcht  erhalten.  Die  Gliederung  der  Magisterarbeit  entspricht  dem  vorgestellten  Dreisatz  der  Herangehensweise.  Aus  chronologischen  Gründen  werde  ich  jedoch  mit  der  Untersuchung  der  Triebkräfte  der  spartanischen  Außenpolitik beginnen. Im Anschluß folgt die Diskussion der thukydideischen Aitiologie  des  Krieges.  Die  Aspekte  des φόβος  τῶν  Λακεδαιμονίων sollen  schließlich  im  dritten  Abschnitt präsentiert werden.                                 

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1. Der Charakter und die Triebkräfte der spartanischen Außenpolitik 

Die spartanische Außenpolitik wird von Thukydides folgendermaßen charakterisiert: [...] ὄντες μὲν καὶ πρὸ τοῦ μὴ ταχεῖς ἰέναι ἐς τοὺς πόλεμους, ἢν μὴ ἀναγκάζωνται, τότε δ᾽  ἔτὶ  καὶ  πολέμοις  οἰκείοις  ἐξειργόμενοι [...].14Thukydides  erwähnt  drei  wesentliche  außenpolitische  Momente,  denen  es  im  ersten  Abschnitt  nachzugehen  gilt  und  sie  womöglich  durch  weitere  zu  erweitern.  Einerseits  ist  es  also  die  Tatsache,  daß  Sparta  scheinbar nur sehr langsam, wahrscheinlich im Sinne von „nicht übereilt“ oder „nur sehr  selten“, in den Krieg zog. Wie ist dies aber zu erklären, bei einer Polis, die als Militärstaat  in  die  Geschichte  eingegangen  ist?  Zweitens:  daß  die  Lakedaimonier  nur  unter  Zwang  bereit  waren,  in  den  Krieg  zu  ziehen.  Außer  der  ersten  Frage,  die  sich  hier  wiederum  aufdrängt, wundert man sich, wer oder was das mächtige Sparta, den Prostates in Hellas  und  die  ruhmreichen, unbesiegbaren spartanischen  Hopliten  zu  irgend  etwas  zwingen  konnte?  Drittens:  Neben  dem  wie  auch  immer  gearteten  Zwang,  konnten  noch  innere  Kriege  die  Außenpolitik  Spartas  immens  beeinflussen.  Was  ist  wiederum  darunter  zu  verstehen? Alles in allem entsteht ein Eindruck, als ob Sparta nur sehr unfreiwillig in den  Krieg  eintrat,  und  daß  es  ferner  sehr  wenige  Freiheiten  hatte,  seine  Außenpolitik  zu  gestalten.  Wird  dieser  Eindruck  bestätigt,  so  resultieren  daraus  entscheidenden  Einsichten, die uns bei der Frage nach dem Eintritt Spartas in den Peloponnesischen Krieg  von großer Bedeutung sein werden.        

Der  erste  große  Abschnitt  untersucht  daher  die  wesentlichen  Antriebe  und  den  Charakter  der  spartanischen  Außenpolitik.  Als  erstes  werde  ich  die  geographische  Lage  der  Polis  betrachten  und  darstellen,  welche  Konsequenzen  diese  für  die  Entwicklung  Spartas hatte. Im zweiten Kapitel wird, wie noch gezeigt werden soll, das Fundament des  spartanischen  Kosmos  behandelt,  nämlich  die  Institution  der  Helotie.  Denn  sie  war  der  Grundstein  für  die  spartanische  Großmachtstellung.  In  den  folgenden  beiden  Kapiteln  werden  sodann  Stationen  der  spartanischen  Außenpolitik  nach  ihren  wesentlichen  Motivationen  beleuchtet,  wobei  Aspekte  wie  der  Peloponnesische  Bund,  der  Sonderweg  Spartas, die Folgen der Perserkriege, sowie die Spondai von 446/5 für die gesamte Arbeit  von wesentlicher Bedeutung sein werden.  

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1.1. Die geostrategischen Voraussetzungen15

Die  geographische  Lage  Spartas  erweist  sich  in  mehreren  Gesichtspunkten  als  prägend  für  den  spartanischen  Charakter  und  für  die  außenpolitische  Zielsetzung.  Zunächst  einmal ist die Polis von allen Seiten relativ weit vom Meer entfernt, weshalb sie auch als  Landmacht  in  die  Geschichte  einging.  Als  wichtigster  Hafen  der  Spartaner  galt  der  Periökenort Gytheion, der etwa 40 km vom Stadtkern entfernt liegt. Sparta gehört zu der  im  südöstlichen  Teil  der  Peloponnes  gelegenen  Landschaft  Lakonien.  Die  Stadt  ist  im  fruchtbaren  Eurotastal  gelegen.  Von  allen  Himmelsrichtungen  sorgen  Bergmassive  bzw.  das Meer  für  einen natürlichen Schutzwal: Im Westen erhebt sich das bis zu 2400 Meter  hohe  Taygetos‐Gebirge,  das  wie  eine  unüberwindliche  Mauer  Lakonien  von  Messenien  trennt.  Vom  Osten  her  liefert  das  etwa  1900  Meter  hohe  Parnonmassiv  einen  nahezu  lückenlosen  Schutz,  wo  hingegen  im  Norden  die  Bergzüge  der  Skiritis  Lakonien  von  Arkadien  trennen.  Im  Süden  schließlich  endet  das  Tal  am  Lakonischen  Golf.  Unter  sicherheitspolitischen Gesichtspunkten  begünstigte  die  geographische  Lage zwar Sparta,  indem es für Feinde von allen Seiten nur schwer zugänglich war - bis zur zweiten Hälfe  des  3.  Jahrhunderts  besaß  die  Stadt  daher  auch  keine  Stadtmauer.  Die  Lakedaimonier  gingen dadurch jedoch auf zweifache Weise die Gefahr ein, in eine bedrohliche Isolation  zu  geraten:  Einerseits  konnten  so  äußere  Einflüsse  nur  schwierig  in  die  Stadt  gelangen  (die spätere Politik Spartas verstärkte später auch noch die Mechanismen, welche solchen  Zuzug  von  fremden  Einflüssen  nahezu  gänzlich  unterbanden).  Andererseits  konnte  Sparta im Krieg bei einer ungünstigen Konstellation der Allianzen sehr einfach innerhalb  ihres  Gebiets  eingeschlossen  und  kontrolliert  werden.  Die  folgenden  Betrachtungen  zu  den  Antrieben  der  spartanischen  Außenpolitik  werden  ergeben,  daß  diese  Aspekte  das  außenpolitische Profil Spartas ganz entscheidend geprägt haben.16Etwa  um  550  eroberten  die  Lakedaimonier  die  im  Südosten  des  Golfes  vorgelagerte  und  geostrategisch  sowie  handelspolitisch  überaus  wichtige  Insel  Kythera.  Zur gleichen Zeit vereinnahmten sie die Landschaft Thyreatis, nordöstlich von Lakonien  und  gewannen  damit  eine  Pufferzone  zum  Erzfeind  Argos.  Als  die  folgenreichste 

15 Vgl. zur Geographie Spartas u. a.: RE Bd. III A,2. Stuttgart 1929, Sp.1294‐1373; Wüst, F.R.: Lakonica. In: Klio 37  (1959),  S.  53‐62;  Philippson,  A.:  Die  griechischen  Landschaften.  Frankfurt  a.  M.  1959,  S.  371‐  523;  Stibbe,  C.M.: Das andere Sparta. Mainz 1996, S.15‐40; Thommen, L.: Sparta. Verfassungs‐ und Sozialgeschichte einer  griechischen Polis. Stuttgart 2003, S. 15‐20.  

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Entwicklung  sollte  sich  jedoch  die  zeitlich  weiter  zurückliegende  Eroberung  Messeniens  erweisen. Die Größe der bebaubaren Fläche Messeniens war annähernd doppelt so groß,  wie  diejenige  Lakoniens.17Durch  die  Fruchtbarkeit  und  den  Ausmaß Messeniens waren  die  Spartaner  wirtschaftlich  reichlich  versorgt,  sodaß  sie  im  Gegensatz  zu  anderen  griechischen  Poleis  in  dieser  Zeit  nicht  darauf  angewiesen  waren,  durch  „expansive  Politik neue Quellen des gesellschaftlichen Reichtums zu erschließen.“18 Die Versklavung der  ansässigen,  ethnisch  homogenen  und  zahlenmäßig  weitaus  überlegenen  messenischen  Bevölkerung,  welche  überdies  jenseits  des  Taygetos‐Massivs  kontrolliert  werden  mußte,  zwang  den  Staat  der  Lakedaimonier  zu  Maßnahmen,  die  im  Laufe  der  folgenden Jahrzehnte ihren besonderen spartanischen Charakter maßgeblich prägten.              Von  großer  Bedeutung  für  die  Außenpolitik  Spartas  ist  schließlich  die  Tatsache,  daß  die  Peloponnes  eine  Halbinsel  war.  Der  Isthmos,  die  Landenge  zwischen  der  Peloponnes  und  Mittelgriechenland,  welcher  an  seiner  engsten  Stellen  lediglich  sechs  Kilometer  breit  ist,  war  unter  korinthischer  Kontrolle.  Jenseits  des  Isthmos  kontrollierte  die  Polis  Megara  das  schmale  und  an  vielen  Stellen  schwierig  zu  durchquerende  Gebiet  zwischen  dem  Golf  von  Korinth  und  dem  Saronischen  Golf.  Wollten  die  Spartaner  also  außerhalb  der  Peloponnes  außenpolitisch  aktiv  werden,  waren  sie  entweder  zumindest  vom Wohlwollen der Korinther abhängig, oder sie bedurften einer starken Flotte.    Insgesamt können wir also mit C. M. Stibbe resümieren: „Gefahren und Vorzüge  dieser  geographischen  Lage  hinterließen  ihre  unverwechselbaren  Spuren  in  der  Geschichte der Bewohner: Nur dort konnte das junge und dynamische Volk der dorischen  Spartaner  sich  ungestört  entwickeln  und  seine  alten  Stammestraditionen  bewahren;  gleichzeitig drohte ihm dort die Gefahr extremer Isolation, sobald es die Verbindung zur  Außenwelt nicht  mehr suchte. Und in der Tat läßt sich an der der Kultur der Spartiaten  zunächst  eine  Phase  urwüchsiger  vitaler  Blüte  und  später,  als  die  Kraft  erlahmte,  ein  Prozeß  bedrückender  Erstarrung  feststellen.“19Die  Eroberung  Messeniens  und  die  Versklavung der ansässigen Bevölkerung war allerdings zweifelsfrei das markanteste und  folgenreichste  Ereignis  der  spartanischen  Geschichte,  welches  die  Polis  in  mehrfacher 

17Das  bebaubare  Land  ist  im  Eurotastal  etwa  auf  50  000  ha  zu  schätzen,  in  Messenien  ca.  90.000  ha  (vgl.  Thommen 2003, S. 16).  

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Hinsicht zu einem Sonderfall unter den griechischen Poleis werden ließ. Wenden wir uns  daher nun diesen Sklaven zu, den sog. Heloten. 

1.2. Das Fundament des spartanischen Kosmos: Die Heloten 

Die Stellung der Heloten im spartanischen Kosmos und ihr Verhältnis zu den Spartiaten  stellt  ein  Unikum  in  der  Geschichte  des  antiken  Griechenland  dar.  Die  Relevanz  dieses  eigentlich  innenpolitischen  Phänomens  für  die  außenpolitischen  Handlungen  Spartas  (und  somit  zwangsläufig  auch  für  den  Eintritt  in  den  Peloponnesischen  Krieg)  betont  bereits  Thukydides  ausdrücklich: ἐπεὶ  καὶ  τὸ  τόδε  ἔπραξαν  φοβούμενοι  αὐτῶν  τὴν  σκαιότητα καὶ τὸ πλῆθος - αἰεὶ γὰρ τὰ πολλὰ Λακεδαιμονίοις πρὸς τοὺς Εἵλωτας τῆς  φυλακῆς  πέρι  μάλιστα  καθειστήκει.20Wenn  die  spartanische  Politik  also  tatsächlich  stets vor dem Hintergrund der Furcht und des Schutzes vor den Heloten zu verstehen ist,  muß dieses Phänomen auch den Ausgangspunkt dieser Untersuchung bilden. Ich werde  daher  zunächst  den  Status  und  die  Funktion  der  Heloten  in  der  spartanischen  Gesellschaft  behandeln  und  mich  anschließend  der  in  der  modernen  Forschung  kontrovers diskutierten Existenz der sog. ‚Helotengefahr’ zuwenden.  

α) Status und Funktion der Heloten 

Die  Heloten  bildeten  den  unfreien  Bevölkerungsanteil  der  spartanischen  Gesellschaft.  Anders  jedoch  als  die  Sklaven  der  anderen  griechischen  Poleis  wies  die  Institution  der  Helotie einige besondere Charakteristika  auf,  welche  die  Entwicklung  des  spartanischen  Staates  entscheidend  prägen  sollten.  Die  für  die  Außenpolitik  folgenreichsten  Besonderheiten dieser Form der Versklavung sollen im Folgenden vorgestellt werden.    Die Bezeichnung Heloten leitet sich nach moderner Etymologie von Ϝαλίσκομαι21ab und spiegelt den Umstand der gewaltsamen Eroberung und Unterjochung des Landes 

20 Thukydides IV 80,3. 

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und  der Bevölkerung wider.  Nach Theopomp22stammen die  Heloten von den  Achaiern  ab,  welche  Lakonien  vor  der  Einwanderung  der  Dorier  bewohnten.  Im  Verlaufe  der  Messenischen Kriege im 8. und 7. Jahrhundert, welche Sparta an den Rand seiner Existenz  brachten,  wurden  auch  die  Bewohner  Messeniens  helotisiert.  In  der  Regel  wird  deshalb  zwischen  lakonischen  und  messenischen  Heloten  unterschieden,23wobei  vor  allem  letztere  wegen  ihrer  Überzahl  und  ihres  gemeinsamen  ethnischen  Bewußtseins24für  die  Spartaner eine anhaltende Bedrohung darstellten. Denn im Gegensatz zu anderen Sklaven  waren die Heloten keine Fremden, „bought and sold on the market, outsiders wrenched  from  native  ties  of  kin  and  religion.  [...]  Rather,  they  were  Greeks,  enslaved  collectively  upon  und  tied  to  the  land  their  ancestors  had  once  tilled  as  free  men,  […].“25Die  Versklavung  einer  ethnisch  homogenen  und  zahlenmäßig  überlegenen  Bevölkerung  innerhalb des eigenen Landes bedeutete ohne Zweifel eine ernste und dauerhafte Gefahr  für  den  spartanischen  Staat.26Diese  Tatsache  allein  mußte  schon  zu  gravierenden  strukturellen  Konsequenzen  im  politischen  Handeln  der  Spartaner  führen.  Die  Helotie  wies jedoch noch weitere Ausnahmen auf.  

Rechtlich betrachtet waren die Heloten Sklaven (δοῦλοι).27 Gleichwohl unterschied sich ihr Status in mehrfacher Hinsicht von demjenigen der Sklaven in den anderen Poleis, 

22 Theopomp 115 F 122. Auch archäologische Funde sprechen für die Richtigkeit dieser Annahme, vgl. dazu: Welwei 2004, S. 39f.   

23Vgl.  zum  Ursprung  der  Helotie,  zur  Unterscheidung  zwischen  lakonischen  und  messenischen  Heloten,  sowie  zur  Datierung  der  Messenischen  Kriege  z.B.:  Schubert,  Ch.:  Athen  und  Sparta in klassischer Zeit. Ein  Studienbuch.  Stuttgart  2003,  S.  58ff;  Link,  S.:  Das  frühe  Sparta.  Untersuchungen  zur  spartanischen  Staatsbildung  im  7.  und  6.  Jahrhundert.  St.  Katharinen  2000,  S.  31ff;  Baltrusch,  E.:  Sparta.  Geschichte,  Gesellschaft,  Kultur.  München  1998,  S.  37ff;  Meier,  M.:  Aristokraten  und  Damoden.  Untersuchungen  zur  inneren  Entwicklung  Spartas  im  7.  Jahrhundert  v.  Chr.  und  zur  politischen  Funktion  der  Dichtung  des  Tyrtaios. Stuttgart 1998, S. 91ff; und Clauss, M.: Sparta. Eine Einführung in seine Geschichte und Zivilisation.  München 1983, S. 113; gänzlich andere Interpretationen zur Herkunft und Unterscheidung liefern: Bargalias,  N.:  Helotage  and  Spartan  Organization.  In:  A.  Powell/  St.  Hodkinson  (Hrsg.):  Sparta.  Beyond  the  Mirage.  London  2002,  S.  249‐266.  Luraghi,  N.:  Helotic  Slavery  Reconsidered.  In:  A.  Powell/  St.  Hodkinson  (Hrsg.):  Sparta. Beyond the Mirage. London 2002, S. 227‐248; und zur Datierung der Messenischen Kriege: Luther, A.:  Könige und Ephoren. Untersuchungen zur spartanischen Verfassungsgeschichte. Frankfurt am Main 2004, S.  59 ff. und Kiechle, F.: Messenische Studien. Untersuchungen zur Geschichte der Messenischen Kriege und der  Auswanderung der Messenier. Erlangen 1957, S. 82 ff.  24 Vgl. z.B.: Thukydides I 101,2 und IV 41,2; Pausanias IV 27,11.  25 Cartledge 2001, S. 147.  

26Bereits  antike  Autoren,  wie  Platon  und  Aristoteles,  warnten  vor  dem  Hintergrund  der  Helotie,  daß  eine  ethnisch  homogene  Sklavengruppe  innerhalb  eines  Staates  stets  zu  meiden  ist: Platon,  Nomoi  377b  und  Aristoteles, Pol. 1330a.   

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sodaß  ihre  eigentliche  Stellung  schon  in  der  Antike  äußerst  umstritten  war.28Hervorgehoben werden muß vor allem, daß sie als Sklaven nicht - wie etwa die Periöken  -  zum  Lakedaimonischen  Personenverband  gehörten.29Diese  formale  Ausgrenzung  bildete  die  Voraussetzung  dafür,  daß  sie  von  den  Spartanern  stets  als  Staatsfeinde  betrachtet und behandelt werden konnten. 

Gleichzeitig jedoch bildeten die Heloten die wirtschaftliche Grundlage Spartas, da  ein  angebliches  Gesetz  des  Lykurgs  den  Spartiaten  untersagte,  einem  „niederen  Gewerbe“,  ja  dem  Gelderwerb  überhaupt  nachzugehen.30Sie  bestellten  das  Land  der  Spartiaten  und  mußten  einen  festen  Anteil  bzw.  eine  feste  Quote  der  Erträge  an  sie  abführen.31Folgt  man  den  Angaben  des  Tyrtaios’,  wonach  die  Heloten  „die  Hälfte“  der  Ernte  entrichten  mußten,32so  verblieb  zumindest  die  andere  Hälfte  in  ihrem  eigenen  Besitz. Allerdings ist in dieser Tatsache weniger ein Recht der Heloten zu sehen, sondern  vielmehr  eine  Selbstbeschränkung  der  Spartiaten  selbst.33Indem  die  Hälfte  der  Erträge  außerdem  vermutlich  ausreichte,  um  das  Überleben  der  Heloten  zu  garantieren,  verhinderte  sie  zugleich  die  Gefahr  von  Hungerrevolten  und  trug  auf  diese  Weise  zur  Sicherheit des spartanischen Staates selbst bei.  

Anders als in den üblichen Formen der Sklaverei gehörten die Heloten auch nicht  ihren  Herren,  sondern  waren  an  das  Land  gebunden,  das  sie  bebauten.  Darüber  hinaus  durften  sie  nur  von  der  Polis  Sparta  freigelassen  werden  niemals  aber  von  einem  einzelnen Bürger, dem sie zugeordnet waren.34 Schließlich bezeugen auch die Umstände, daß sie nicht „über die Grenzen“ verkauft werden durften35, sowie bei Begräbnissen der 

28Platon,  Nom.  776c: σχεδὸν  γὰρ  πάντων  τῶν  Ἑλλήνων  ἡ  Λακεδαιμονίων  εἱλωτεία  πλείστην  ἀπορίαν  παράσχοιτ᾿  ἂν  καὶ  μὲν  ἔριν  τοῖς  μὲν  ὡς  εὖ,  τοῖς  δ᾿  ὡς  οὐκ  γεγονυῖά  ἐστιν [...];  Pollux  3,83: μεταξὺ  ἐλευθέρων καὶ δούλων. Theopomp; FGrHIst. 115 Frg. 122 b: [...] δουλεύντας τῶν ἐλευθέρων [...] καλεῖσθαι [...] παρὰ Λακεκεδαιμονίοις εἵλωτας.   

29Vgl.  z.B.  Thukydides  V  57,  1:  [...] αὐτοὶ (Λακεδαιμόνιοι) καὶ  οἱ  Εἵλωτες [...];  und  Herodot  IX  28: τὸ  μὲν  δεξιὸν  κέρας  εἶχον  Λακεδαιμονίων  μύριοι∙  τούτων  δὲ  τοὺς  πεντακισχιλίους  ἐόντας  Σπαρτιήτας  ἐφύλασσον ψιλοὶ τῶν εἱλωτέων πεντακισχίλιοι καὶ τρισμύριοι [...].   30 Plutarch, Lyk. 24, 2‐3; Xenophon, Lak. Pol. 7,2.  

31Aelian,  var.  6,1;  Myron,  FGrHist.  106  F  2;  Pausanias  4,  14,4;  Plutarch  Lyk.  24,3,  Mor.  239e;  Tyrtaios  Fr.  5;  Siehe zur Höhe der Abgaben außerdem: Ducat 1990, S. 58f.; Link, S.: Der Kosmos Sparta. Recht und Sitte in  klassischer Zeit. Darmstadt 1992, S. 1ff;  Link 2000, S. 49ff; Welwei 2004 S.42f.  32 Tyrtaios, Frgm. 5 (Snell/Franyó):  ὥσπερ ὄνοι μεγάλοισ᾽ ἄχθεσι τειρόμενοι,             δεσποσύνοισι φέροντες ἀναγκαίης ὑπὸ λυγρῆς  ἥμισυ πᾶν ὅσσων καπρὸν ἄρουσα φέρει.  33 Plurtarch, Mor. 239e; vgl. Link 1994, S. 4f..   

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Könige teilnehmen mußten36, von ihrer engen Bindung an den spartanischen Staat. Daher  bezeichnen sie bereits antike Autoren vermutlich nicht zu unrecht als δοῦλοι τού κοινού  oder δημοσίοι  δοῦλοι.37

Den scheinbar paradoxen Status der Heloten - nämlich zugleich Staatssklaven als  auch Staatsfeinde zu sein -, sowie die besonders schweren Umstände, unter denen sie zu  leiden hatten,  veranschaulichen zwei  weitere  Institutionen: Die  Kriegserklärung  und die  sog. Krypteia. Die Kriegserklärung an die Heloten, welche jedes Jahr aufs Neue erfolgte,  war  die  erste  Handlung  der  neugewählten  Ephoren.  Die  Gründe  dafür  sind  nicht  ganz  eindeutig. Aristoteles liefert einen glaubhaften sakralen Aspekt. Demnach verhinderte sie,  daß der Spartiate bei der Ermordung eines Heloten gegen ein göttliches Recht verstieß.38Obendrein hatte diese Institution jedoch auch eine bedeutende politische Dimension. Sie  diente  nämlich  der  Aufrechterhaltung  des  spartanischen  Bündnissystems.  Weil  die  Verbündeten vertraglich versprachen, „dieselben Freunde und Feinde“ wie die Spartaner  zu haben, und die Entente auf die Dauer des jeweiligen Krieges begrenzt war, garantierte  der  immerwährende  Kriegszustand  das  dauerhafte  Bestehen  der  Beistandspflicht.39Der  Peloponnesiche Bund soll aber erst im nächsten Kapitel genauer betrachtet werden.        Daß die aristotelische Interpretation jedoch nicht ganz von der Hand zu weisen ist,  zeigt  der  enge  Zusammenhang  der  Kriegserklärung  mit  der  sog.  Krypteia.  Die  Krypteia  war  eine  Einrichtung,  bei  welcher  junge  Spartiaten  mit  dem  notwendigsten  ausgestattet  aufs  Land  geschickt  wurden,  wo  sie  nachts  Heloten  auflauerten  und  jeden,  den  sie  zu  fassen bekamen, umbrachten.40 Ihre Tötungen erhielten neben der göttlichen Legitimation 36 Herodot 6,58.  

37Pausanias  III  20,6,  und  Strabon  VIII  5,4 ‐ allerdings  eingeschränkt  durch τρόπον  γάρ  τινα  δημοσίους  δούλους; und  erneut  Pollux  3,83: μεταξὺ  ἐλευθέρων  καὶ  δούλων. Vgl.  zur  Forschungskontroverse  die  Interpretationen bei Ducat 1990, S. 62f.; Link 1994, S. 4ff.; Clauss 1983, S. 110; Lotze 1959, S. 40 u. 77; Kulesza,  R.: Starożytna Sparta. Poznań 2003, S. 47.     

38 […] ὅπως εὐαγὲς ᾖ τὸ ἀνελεῖν (Aristoteles nach Plutarch, Lyk. 28,7). Die moderne Forschung liefert noch weitere  Deutungsmöglichkeiten  der  jährlichen  Kriegserklärung,  welche  jedoch  a)  der  aristotelischen  These  nicht  widersprechen  und  sie  teilweise  sogar  voraussetzen,  sowie  b)  den  Gang  der  Argumentation  nur  peripher beeinflussen: So dient sie nach Ducat zum Beispiel (Ducat, J.: Le Mépris des Hilotes. In: Annales ESC  29 (1974), Sp. 1463) der psychologischen Identitätsstiftung und Abgrenzung der Spartiaten von den Heloten.  Oliva (Oliva, P.: Die Helotenfrage in der Geschichte Spartas. In: K. Christ (Hrsg.): Sparta. Wege der Forschung  622.  Darmstadt  1986,  S.  319)  sieht  in  der  Maßnahme  eine  Erinnerung  an  die  militärische  Unterwerfung  der  Heloten. Nach Link (Link 1992, S. 9) verweigerten die Spartaner den Heloten durch die Kriegserklärung von  vornherein alle Rechte. In einem späteren Buch schließlich (Link 2000, S. 56ff) stellt er sie in Zusammenhang  mit  der  Tributpflicht  der  Heloten:  Die  Kriegserklärung  liefert  so  nämlich  die  sakrale  Legitimation  für  das  wiederholende Eintreiben der Abgabe.        39 Vgl. Baltrusch 1998, S. 99.   

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durch  die  Kriegserklärung  auch  eine  politische  Rechtfertigung.  Die  gegen  die  Heloten  gerichtete Krypteia ist demnach ebenso als Umsetzung des dauerhaften Kriegszustandes  zu  verstehen.  Darüber  hinaus  diente  diese  Maßnahme  mutmaßlich  zu  militärischen  Übungszwecken  für  angehende  Hopliten.  Schließlich  aber  eignete  sie  sich  geradezu  als  „ein  Terrorinstrument  zur  Unterdrückung  und  permanenten  Einschüchterung  der  Heloten.“41

In welchem Umfang auch die lakonischen Heloten unter den ‚Terroraktionen’ der  Helotie  zu  leiden  hatten,  wissen  wir  nicht.  Vieles  spricht  jedoch  dafür,  daß  sich  die  besonders  harten  Unterdrückungsmaßnahmen  hauptsächlich  gegen  die  messenischen  Heloten richteten42, weil, wie noch weiter unten auszuführen sein wird, die Spartaner in  erster  Linie  von  ihnen  Aufstände  befürchteten.  Die  lakonischen  Heloten  standen  wohl  nicht zuletzt wegen der geographischen Nähe Lakoniens weitgehend loyal zu Sparta und  wurden deshalb möglicherweise rücksichtsvoller als die messenischen Heloten behandelt.  Vereinzelt arbeiten sie in den Privathaushalten der Spartiaten. So entstanden nicht selten  enge  persönliche  Beziehungen  zwischen  Spartiaten  und  Heloten,  aus  welchen  bisweilen  auch  Kinder,  die  sog. μόθακες, hervorgegangen  waren.43Ebenso  dienten  Heloten  -  wahrscheinlich  wiederum  größtenteils  nur  die  lakonischen44-  als  Waffenträger  und  Leichbewaffnete  auf  Feldzügen  der  Spartaner.45Infolge  des  Mangels  an  wehrfähigen  Spartiaten  wuchs  seit  dem  Peloponnesischen  Krieg  die  Zahl  der  Heloten,  welche  im  spartanischen  Heer  dienten,  erheblich  an.  Nicht  verwunderlich  ist  daher,  daß  gerade  in  dieser  Zeit  auch  die  erste  Erwähnung  der  sog. νεοδαμώδεις fällt,  einer  neuen 

41Welwei  2004,  S.  41; Weitere  erniedrigende  und  der  Unterdrückung  dienende  Maßnahmen  überliefern  Plutarch, Lyk. 28,4 und Myron, FGrHist 106 F 2.   

42Inwieweit  womöglich  auch  „die  Abgaben  der  lakonischen  Heloten  anders  geregelt“  waren  (Dreher,  M.:  Athen und Sparta. München 2001, S. 41), kann nicht endgültig geklärt werden.    

43Zum  ersten  Mal  erwähnt  bei  Phylarchos  FGrHist  81  F  43.  Siehe  zur  Debatte  über  Herkunft  und  Stellung:  Cancick,  H./  Schneider,  H.:  Der  Neue  Pauly.  Enzyklopädie  der  Antike  (Bd.  8),  s.  v.  ‚Mothakes’,  Stuttgart/Weimar  2000,  Sp.  421;  Link  1994,  S.  25ff,  und  Bruni,  G.B.:  Mothakes,  neodamodeis,  Brasideioi.  In:  Pubblicazoni dell ’instituto di storia antica. Univ. di Padova 1979, 13, S. 21‐31.     

44Vgl.  Thommen  2003,  S.113f.;  Clauss  1983,  S.  113;  Kulesza  2003,  S.  48:  „Potajemne  zabijanie  helotów  w  ramach kryptei i coroczne wypowiadanie im wojny z jednei strony, a z drugiej wprowadzanie ich do domów  prywatnych  i  władanie  broni  do  ręki  zakrawałoby  wręcz  na  rodzaj  schizofrenii,  gdyby  odnosiło  się  do  tej  samej grupy.“ Aufgrund einerseits der größeren Gefahr, die von den messenischen Heloten ausging, und der  vermeintlichen Loyalität der meisten lakonischen Heloten andererseits, gehe ich aus logischen Gründen auch  davon  aus,  daß  die  Spartaner  in  erster  Linie  vornehmlich  die  letzteren  zum  Kriegsdienst  rekrutierten.  Die  Quellen hingegen lassen keine vollständige Sicherheit diesbezüglich zu.  

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Sondergruppe  der  spartanischen Gesellschaft,  welche  sich  aus  Heloten  zusammensetzte,  die vermutlich für ihre militärischen Dienste mit der Freiheit belohnt wurden.46        Das  Verhältnis  zwischen  den  Spartiaten  und  Heloten  (allen  voran  den  messenischen) war jedoch in der Regel von „fear and hatred on both sides“47 geprägt. Die Helotie wurde daher  schon  in  der  Antike  (zum  Teil  auch  von  Sparta  freundlichen  Autoren,  wie  Kritias)  als  besonders  grauenhafte  Form  der  Sklaverei  angesehen.48 Man  kann vermuten, daß nach der Niederschlagung des schweren Messenieraufstandes Mitte  der  460er  Jahre  die  Unterdrückungsmaßnahmen  verschärft  und  womöglich  auch  noch  weiter  institutionalisiert  wurden.49 Wie  noch  auszuführen  sein  wird,  konnten  die  Freiheitsbestrebungen der Messenier nichtsdestoweniger erstickt werden. Vielmehr sahen  sie sich in der Verzweiflung ihrer Lage allenfalls noch mehr dazu bewegt, sich von ihren  Peinigern  zu  befreien.  Wir  müssen  daher  annehmen,  daß  zumindest  für  den  Zeitraum  von  460  bis  zur  Befreiung  der  messenischen  Heloten  370  v.  Chr.,  in  dessen  Mitte  der  Peloponnesische  Krieg  fällt,  die  Helotenfrage  bei  den  politischen  Entscheidungen  der  Spartaner  tatsächlich  stets  präsent  war.  Das  anschließende  Unterkapitel  ist  daher  dem  Versuch  gewidmet,  die  wesentlichen  Aspekte  der  sog.  ‚Helotenfurcht’  bzw.  ‚Helotengefahr’  systematisch  herauszuarbeiten  und  sie  auf  die  Plausibilität  hin  zu  überprüfen.     

β) Die Helotengefahr und die Helotenfurcht 

Obwohl die Helotengefahr oder zumindest die Helotenfurcht der Spartaner von mehreren  glaubwürdigen Quellen in vielfacher Weise bezeugt ist, tauchen in der modernen Sparta  Forschung  auch  Stimmen  auf,  welche  diese  Phänomene  zu  relativieren  oder  zum  Teil  sogar  gänzlich  zu  verneinen  versuchen.50 Die  Einwände  der Relativierer und  ihre