Der Engel von Paris - Christel Noir - E-Book
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Beschreibung

Marie hat sich bisher meist um andere gekümmert: um den Buchladen im Pariser Stadtteil Montmartre, den sie von ihrem Großvater geerbt hat, um den kauzigen Émile und die vorlaute Schülerin Noémie. Doch dann taucht plötzlich Éloïse auf, die behauptet, Maries Schutzengel zu sein. Und Éloïse hat eine Mission: Sie will Marie helfen, sich von der Vergangenheit zu lösen und eigene Träume zu verwirklichen - und am besten auch gleich den charmanten Josh anzurufen, den sie gerade erst kennengelernt hat. Der jungen Buchhändlerin bleibt nichts anderes übrig, als sich ihrem Schicksal zu fügen - doch dabei hat sie nicht mit dem himmlischen Ungeschick ihres Schutzengels gerechnet ...

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Übersetzung aus dem Französischen von Bernd Stratthaus

ISBN 978-3-492-97494-3

Oktober 2016

© Éditions Héloïse d’Ormesson 2015, published by arrangement with Literarische Agentur Michael Gaeb

Titel der französischen Originalausgabe: »La Porte du Secret«

© der deutschsprachigen Ausgabe: Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2016

Redaktion: Frauke Brodd/write and read

Covergestaltung: Mediabureau Di Stefano, Berlin unter Verwendung der Motive von Martin Castein/Arcangel Images und Katrin Auch/Arcangel Images

Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell

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Ob ihr mich nun Schutzengel, Doppelgänger, Ratgeber oder Intuition nennen wollt, bleibt ganz euch überlassen. Seid nur gewiss: Ich bin da.

1

Die altmodischen Fensterläden dämpften die ersten Strahlen der Morgensonne. Sie fielen auf den Wecker, der direkt neben dem Bett auf dem Boden stand: Viertel vor sieben am Morgen, und Paris machte sich bereit für einen neuen Tag.

Marie hatte sich tief in ihr Federbett eingekuschelt, sodass nur eine kastanienbraune Haarsträhne hervorlugte. Zusätzlich zu dem Schlafzimmer mit direktem Zugang zum Bad bestand ihre Wohnung aus zwei lichtdurchfluteten Wohnräumen und einer Küche mit gewachsten tomettes auf dem Boden. Die achteckigen roten Fliesen mit schiefergrauen Schmucksteinen schienen schon seit Urzeiten dort verlegt zu sein. Sie hatte das Apartment von ihrem Großvater Samuel geerbt und war vor einigen Jahren eingezogen. Trotz der Erdgeschosslage im 17. Arrondissement, in der Rue des Moines Nummer 21, hatte man von hier aus einen freien Blick über die Dächer von Paris.

Marie liebte es, inmitten der Habseligkeiten ihres Großvaters zu leben. Und dennoch befand sich in dem Teil des Wohnbereichs, den Marie als Arbeitsplatz nutzte, seit Samuels Tod eine stets verschlossene Tür. Trotz der unerschütterlichen Liebe zu ihrem Großvater fühlte sie sich außerstande, das Zimmer hinter dieser Tür zu betreten. In ihrer Vorstellung warteten dort zu viele Erinnerungen an ihre Familie auf sie. An ihre Herkunftsgeschichte, aber vor allem an Geheimnisse, von denen sie nichts wissen wollte.

Marie glaubte fest daran, dass sie beim Übertreten der Türschwelle in die Vergangenheit katapultiert werden würde. Und dann wäre es ihre Aufgabe, diese Vergangenheit zu bewahren, zu ehren oder gar zu verändern. Auf jeden Fall wäre sie gezwungen, irgendetwas mit dieser Vergangenheit anzufangen. Also blieb die Tür zu dem Erinnerungszimmer verschlossen und wurde von ihr nur ab und an kurz gestreichelt. Mit dieser Geste wollte Marie ihrem Großvater zeigen, dass sie ihn nicht vergaß, auch wenn sie noch nicht dazu bereit war, sein Vermächtnis in die Gegenwart zu bringen.

Die Nacht war kurz gewesen. Als leidenschaftliche Leserin und Erbin eines Buchladens hatte Marie eine Signierstunde mit einem Romanschriftsteller veranstaltet, der gerade sehr in Mode war. Ihr Buchladen mit seinem altmodischen Charme hatte sich gar nicht mehr leeren wollen, und die Bücher waren weggegangen wie warme Semmeln. Dieser Erfolg hatte beim anwesenden Verleger die fixe Idee erzeugt, dass sein Autor der Victor Hugo des 21. Jahrhunderts wäre. Marie hatte sich klammheimlich darüber amüsiert, denn heutzutage konnte es sich kein Autor mehr erlauben, wie Thomas Chatterton nur aus Liebe zu den Worten zu schreiben – und sich dann umzubringen.

Der Buchladen lag an der Place Goudeau Nummer 10 in Montmartre und schmorte dort in seinem eigenen Saft, eine Mixtur, die Samuel vor langer Zeit angerührt hatte: bis unter die Decke gestapelte Ausgaben seltener Bücher auf proppenvollen Regalen. Die einzigen beiden Zutaten, die Marie dem Ganzen hinzugefügt hatte, waren zeitgenössische Literatur und Bücherstapel auf Präsentiertischen oder direkt auf dem Boden, nach Wichtigkeit sortiert, aber nicht zu ordentlich.

Marie besaß ein fotografisches Gedächtnis, und damit beeindruckte sie jeden, der die Schwelle in ihren Laden überschritt. Sie hatte nicht nur sämtliche Informationen über ihr Lager im Kopf, sondern kannte auch den gesamten Inhalt aller Bücher, die sie jemals gelesen hatte.

Um alle Sinne ihrer Kunden anzusprechen, hatte Marie gleichzeitig mit der gestrigen Signierstunde eine Weinprobe abgehalten. Das Aroma der Trauben hatte natürlich auch Jacques, Raymond und Francis auf den Plan gerufen, drei Clochards von der Rue d’Orchampt. Sie hatten sich selbst eingeladen, doch nicht ohne Marie ihre letzten Fundstücke mitzubringen. Die tres amigos – so wurden sie von den Bewohnern und Gewerbetreibenden des Viertels genannt – hatten ein besseres Geschäftsmodell gefunden, als zu betteln oder Flaschen aufzusammeln. Sie durchstreiften die Straßen der Hauptstadt und nahmen alles mit, was mehr als fünfzig Seiten hatte und innen bedruckt war. Marie kaufte also manchmal kistenweise alte Bücher auf, deren einziger Zweck darin bestand, den drei alten Haudegen die nächste Mahlzeit zu ermöglichen.

Gegen 23 Uhr, nachdem sich auch sein letzter angeheiterter Leser davongemacht hatte, verfiel der angesagte Romanautor in die Art von Melancholie, die einen packt, wenn man allein in seine Höhle zurückmuss, wo man doch gerade noch so viele Menschen zum Träumen gebracht hat. Und da spontaner Beistand wirksamer ist als jedes wohlüberlegte Wort, schlug Marie vor, ihm noch bei einem letzten Absacker in ihrem Laden Gesellschaft zu leisten.

Gegen halb zwei Uhr morgens schob sie ihren Autor endlich in ein Taxi, schloss die Buchhandlung ab, schwang sich auf ihr Fahrrad und fuhr gemächlich durch die leeren Straßen nach Hause. »Die frische Nachtluft hilft dabei, wieder nüchtern zu werden«, murmelte sie immer und immer wieder wie ein magisches Mantra, mit dem sie gegen die Wirkung des Alkohols ankämpfte. Doch der Gedanke, vom Rad zu fallen und die Nacht in Gesellschaft der tres amigos zu verbringen, genügte, um einigermaßen aufrecht geradeaus zu fahren.

Angekommen in der Rue des Moines Nummer 21, tippte Marie den Code für ihre Eingangstür ein, ging durch den Hausflur bis zu ihrer Wohnung und lehnte das Fahrrad gegen die Wand. Die Bässe der Musik ihres Nachbarn Aymerick wummerten wieder einmal durchs ganze Haus. Er war ein verstoßener Spross aus gutem Hause, letzter Nachkomme seiner Familie und feierte in seiner Wohnung auf der fünften Etage gerne die Nacht durch.

Die alte Comtoise-Uhr im Flur ihrer Wohnung zeigte zwei Uhr an. In einem vielfach erprobten Ritual schlüpfte Marie auf dem Weg durchs Wohnzimmer aus den Schuhen, knöpfte den Rock auf, der zu Boden glitt, und stieg aus ihm heraus, während sie gleichzeitig den Pullover auszog und aufs Sofa warf. In Unterwäsche ging sie durch den Flur zurück in die Küche. Dort öffnete sie die Kühlschranktür, schnappte sich die Milchflasche und trank mit gierigen Zügen. Das Licht aus dem Kühlschrank blieb einen Augenblick lang auf den Gläsern mit Gewürzen im Regal gegenüber hängen – Gewürze, die sie für die in ihrem Gedächtnis abgespeicherten Gerichte brauchte. Als sie den Kühlschrank wieder schloss, verschwand der Lichtschein, und Marie begrüßte Phoenix, einen pflegebedürftigen Philodendron, der seinen Platz auf ihrer Fensterbank hatte.

Danach kuschelte sie sich unter ihre Decke. Sie wollte am Morgen früh aufstehen, um die beiden kommenden Tage voll auszunutzen. Margaux, ihre Freundin aus Kindertagen, hatte morgen Geburtstag und veranstaltete eine Party. Und laut Margaux würde dieser Abend Maries Singledasein mit absoluter Sicherheit beenden. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief Marie ein.

Marie stand gerne früh auf, denn Paris schenkte jedem, der es wollte, im Morgengrauen einen Moment, in dem man sich in völligem Einklang mit sich selbst fühlen konnte. Zugleich wurde man aber auch Zeuge des Erwachens einer Stadt, das an das einer Geliebten erinnerte. Darauf folgte das eher prosaische Erwachen der anderen Hausbewohner. Aymerick für seinen Teil ging zu dieser Zeit zu Bett, nachdem er die nachts geleerten Flaschen lärmend in die gelbe Tonne geworfen hatte. Crespin, der alte Widerling aus dem dritten Stock, öffnete sein Badezimmerfenster, damit alle Nachbarn von seinem ersten morgendlichen Wasserlassen etwas hatten. Die Eltern Noémies aus der vierten Etage begannen um diese Zeit mit ihren täglichen kriegerischen Auseinandersetzungen. Währenddessen flüchtete sich ihre Tochter Noémie mithilfe eines Ohrenschutzes, wie er von Bauarbeitern benutzt wird, in wortlose Stille. »Anfangs lieben Kinder ihre Eltern. Nach einiger Zeit urteilen sie über sie. Und selten, wenn überhaupt, vergeben sie ihnen«, schrieb Oscar Wilde. Noémie hatte ihrerseits vergessen, sie zu verurteilen. Sie begnügte sich damit, sie stumm zu ertragen.

Im Halbschlaf tastete Marie nach dem Knopf des Weckers. Sie streckte sich und ließ sich von dem einlullenden Hin und Her eines Staubsaugers in den Schlummer wiegen. Das Geräusch stammte von Rosa, ihrer Nachbarin aus dem Stock über ihr, die stets in den frühen Morgenstunden einen Putzfimmel bekam. Normalerweise ärgerte Marie sich darüber, doch an diesem Vormittag empfand sie den Haushaltslärm als erfrischend. Er passte zu ihrer Hochstimmung: Zwei freie Tage lagen vor ihr, ohne jegliche Verpflichtungen.

Sie strampelte sich die Decke von den Füßen, gähnte und streckte den Arm aus, um an der Schnur der Jalousie vor dem Fenster zu ziehen, die sich direkt über ihrem Kopf befand. Klirrend schnellten die Lamellen nach oben. Draußen war der Himmel klar, doch den beschlagenen Scheiben nach zu urteilen, schien es draußen kalt zu sein.

Sie räkelte sich noch einmal genüsslich, bevor sie aus dem Bett sprang. Ein Bücherstapel, der am Bett lehnte, schwankte und fiel prompt um, sodass sich die Bücher bis zur Schlafzimmertür hin verteilten. Marie zuckte mit den Schultern und stieg über sie hinweg: »Die sammle ich später wieder auf.« Sie zog sich eine Pyjamahose und ein weißes Baumwolltop an.

In der Küche holte sie Butter, Rhabarberkonfitüre, Toastbrot und Käse aus dem Kühlschrank und vergaß auch nicht, den Teller mit Wurstwaren und ein paar Joghurts mit Vanille- und Schokoladengeschmack für Noémie bereitzustellen. Nachdem sie sich eine Tasse Kaffee eingeschenkt hatte, ging sie wieder ins Wohnzimmer, wo sich weitere Bücherstapel wie eine schulterhohe Wandvertäfelung an die Wände schmiegten. Marie stellte das Tablett mit dem Frühstück auf das Sofa und setzte sich auf den Couchtisch, von wo aus sie Paris und seine Dächer betrachten konnte. Sie stand noch einmal auf, um das Panoramafenster weit zu öffnen. Die Stadt lag an diesem Sonntagmorgen noch ganz ruhig da; nur die Schreie der dänischen oder weißrussischen Lachmöwen, die zur Überwinterung kurzfristig Pariserinnen geworden waren, erklangen in der Stille. Es fehlte nur noch der salzige Geruch, und man hätte sich, wenn man die Augen schloss, am Meer gewähnt. Marie musste bei diesem Gedanken lächeln, bevor sie sich über ihr Frühstück hermachte.

Am Vorabend hatte sie fast nichts gegessen, sondern ihren angesagten Autor versorgt, die jovialen Bemerkungen des Verlegers ertragen und mit den Lesern geplaudert. Neuankömmlinge in ihrem Laden wunderten sich darüber, dass es heutzutage trotz der ganzen E-Books tatsächlich noch eine Buchhandlung gab, die »solide auf beiden Beinen« stand. Es tat ihnen gut, wieder mit Papier in Berührung zu kommen, die Druckerschwärze zu riechen und ihre Wurzeln wiederzufinden. Marie hatte ihnen lächelnd zugehört, und als sie gefragt worden war, warum sie ausgerechnet den Beruf der Buchhändlerin ausübte, hatte sie schlicht geantwortet: »Bücher sind meine Leidenschaft, und ich liebe es, dass mein Beruf mich daran erinnert, wo ich herkomme.«

Nachdem sie ihr Frühstück verschlungen hatte, brachte sie das Tablett in die Küche zurück und ging ins Bad. Marie genoss es, abwechselnd warm und kalt zu duschen und so ihre Lebensgeister zu wecken. Danach trocknete sie sich ab und wickelte sich ein Handtuch um die Hüften. Bevor sie das Badezimmer verließ, begrüßte sie noch die Orchideen, die dort zur Erholung aufgestellt waren. Vor dem offenen Kleiderschrank zögerte sie einen kurzen Augenblick und entschied sich schließlich für Jeans und einen weißen Rollkragenpullover. Mit ihren nachlässig zusammengebundenen Haaren sah sie aus wie Katharine Hepburn in dem Film Adam’s Rib von George Cukor.

Sie griff nach der Ledertasche, die sie von Samuel geerbt hatte, legte ein kleines Schwarzes hinein, das – wie sie es gern ausdrückte – für alle Geländetypen geeignet war, außerdem ein Paar Stiefeletten und ihre Kulturtasche. Dann schnappte sie sich noch ihren Pyjama und verstaute ihn ebenfalls.

Als sie sich umsah, freute sie sich darüber, dass sie ein kleines bisschen pingelig war. Die einzige sichtbare Unordnung waren die Bücherstapel und die herumliegenden Blätter mit Vermerken, was die Kunden ihrer Buchhandlung gerade lasen.

Sie ordnete die Bücher, die in ihrem Schlafzimmer umgefallen waren, wieder, dann ging sie an ihren Arbeitsplatz und sagte zu den dort aufgeschlagenen Büchern: »Ich habe jetzt noch zwei Stunden Zeit für euch, dann muss ich los!«

Da sie jedoch nicht in der Lage war, sich zu konzentrieren, machte Marie sich nur ein paar Notizen und schrieb dann eine kurze Nachricht für Noémie. Sie legte sie auf den Teller, den sie für sie wieder in den Kühlschrank gestellt hatte:

Meine Hübsche,

genieß die Ruhe. Ich habe die Erstausgabe der Mandarins von Paris von Simone de Beauvoir (1954 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet) neben Phoenix gelegt. Sie hat es ihrem Liebhaber Nelson Algren gewidmet, der Schriftsteller und Kommunist war. Es wird Dir gefallen!

Bis Montag! xx

Marie zog ihren Trenchcoat über, nahm ein Päckchen, das in dickes Papier eingewickelt und mit Hanfschnur zugebunden war, steckte es in die Ledertasche und verließ dann die Wohnung. Im Gang schnappte sie sich ihr Rad und schob es vor die Haustür. Auf der Straße stieg sie auf und tat so, als würde sie es tätscheln wie ein Pferd, indem sie ihm ein paar Klapse auf den Rahmen gab: »Vierundzwanzig Stunden auf dem Land, na los! Lass die Reifen qualmen!«

Während sie die Straßen zum Bahnhof Saint-Lazare hinauffuhr, dachte Marie bei sich, wie sehr sie das alles hier mochte. Es war ihr Alltag, und sie mochte ihn, genau so, wie er war. Sie genoss jeden Moment und lebte ganz im Hier und Jetzt. Ihr Leben bestand aus kleinen Glücksmomenten, die sie hier und da beim Lesen aus den Buchseiten klaubte – und manchmal sogar aus den Gesprächen der Menschen. So, wie es war, war es die absolute Freiheit für Marie.

Am Bahnhof angekommen, stieg sie in den TER Intercités in Richtung Caen. In zwei Stunden wäre sie bei Margaux. Dieser Tag wäre dann perfekt. Das Leben war schön, und wie ihr Großvater so oft gesagt hatte: »Die Liebe zum Leben ist ansteckend.«

2

Marie ließ ihr Fahrrad im Eingangsbereich des Wagons stehen und betrat ein Abteil, in dem bereits fünf weitere Personen saßen. Sie grüßte freundlich, als sie hereinkam. Einige starrten angestrengt auf ihre Schuhspitzen, die anderen beantworteten ihren Gruß mit einem knappen Kopfnicken.

Es war jetzt zwanzig nach zehn, und die Reise dauerte nur zwei Stunden. Nach wenigen Augenblicken machte eine Frau es sich auf ihrem Platz gemütlich und schlief sofort ein. Wahrscheinlich hatte auch sie eine kurze Nacht gehabt. Ein Vater und sein Sohn holten eine Plastiktüte mit belegten Broten hervor. Essen war offensichtlich eine ihrer bewährten Methoden, die Reisezeit totzuschlagen, aber Marie fand insgeheim, sie sollten trotzdem besser die Augen offen halten, so wie sie es tat. Denn die Landschaft, die auf die Menschenmenge am Bahnhof und auf die Hochhäuser der Vorstädte folgte, war wunderschön – die perfekte Kulisse für künftige Tagträumereien. Dann waren da noch eine junge Frau von etwa dreißig Jahren, die die Voici las, und ein älterer Herr im dreiteiligen Anzug, der die Artikel der Tageszeitung LesEchos geradezu verschlang.

Marie beobachtete gern lesende Menschen. Sie verstand es, ihre Stimmungen zu erraten. Ausgehend von dem, was sie lasen, vertrieb sich Marie die Zeit damit, ein Porträt der Beobachteten zu entwerfen. Manchmal begann sie anschließend ein Gespräch mit ihnen, riss sie aus ihrer Lektüre, um herauszufinden, ob sie ihre Launen gut eingeschätzt hatte. Sie gewann dieses Spiel fast immer.

Heute hatte sie darauf allerdings keine Lust, sondern genoss lieber das Gefühl von Leichtigkeit, das die beiden vor ihr liegenden Tage in ihr wachriefen. Sie überließ also die junge Frau ihrem Tête-à-tête mit irgendwelchen Stars und den älteren Herrn seinen Träumen über die Dividenden, die sein Rentenfonds abwerfen würde.

Zwei Stunden von Paris entfernt, eine halbe Stunde von Deauville und fünfundzwanzig Minuten von Caen, erstreckte sich das Pays d’Auge, in dem sich Margaux vor einigen Jahren niedergelassen hatte. Nachdem sie zehn Jahre für die Privatbank Quilvest gearbeitet hatte, schmiss sie alles hin, um im Dorf Beuvron-en-Auge zwischen Meer und Landleben ein Gästehaus zu eröffnen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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