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Todesangst im Paradies 22 Jahre lang segeln Henrike Dielen und ihr Lebensgefährte um die Welt, doch die Idylle wird im April 2014 jäh gestört: Als sie mit ihrer Yacht vor einer philippinischen Insel ankern, kommen plötzlich Männer an Bord, fesseln beide, werfen sie brutal in ein kleines Boot und rasen mit ihnen 30 Stunden lang übers Meer. In einem Urwald-Camp werden sie gefangen gehalten – ständig bewacht von islamistischen Kämpfern. Gewalt und Angst bestimmen sechs Monate lang ihr Leben. Und doch gelingt es ihnen, Momente des Glücks zu finden. Henrike Dielen erzählt von der Zeit im Dschungel, vom Alltag in Gefangenschaft und von der Erleichterung, als sich eine Freilassung abzeichnet. Und sie erinnert sich an die Jahre davor: an ein paradiesisches Leben vor exotischer Kulisse – mit der Liebe ihres Lebens.
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Seitenzahl: 332
Veröffentlichungsjahr: 2016
Henrike Dielen
In der Gewalt islamistischer Terroristen
Todesangst im Paradies
22 Jahre lang segeln Henrike Dielen und ihr Lebensgefährte um die Welt, doch die Idylle wird im April 2014 jäh gestört: Als sie mit ihrer Yacht vor einer philippinischen Insel ankern, kommen plötzlich Männer an Bord, fesseln beide, werfen sie brutal in ein kleines Boot und rasen mit ihnen 30 Stunden lang übers Meer. In einem Urwald-Camp werden sie gefangen gehalten – ständig bewacht von islamistischen Kämpfern. Gewalt und Angst bestimmen sechs Monate lang ihr Leben. Und doch gelingt es ihnen, Momente des Glücks zu finden. Henrike Dielen erzählt von der Zeit im Dschungel, vom Alltag in Gefangenschaft und von der Erleichterung, als sich eine Freilassung abzeichnet. Und sie erinnert sich an die Jahre davor: an ein paradiesisches Leben vor exotischer Kulisse – mit der Liebe ihres Lebens.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2016
Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Redaktion Ulrike Gallwitz
Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München
Umschlagabbildung Jens Boldt
Karten © Peter Palm
ISBN 978-3-644-56691-0
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Stefan – falls du dich doch einmal erinnern möchtest
Vorsichtig klopfe ich an die Hüttenwand.
«Hallo, ich bin’s.»
Keine Antwort.
Dann krabbele ich hinein.
«Stefan!»
Warum reagiert er nicht? Warum nimmt er mich nicht in die Arme?
«Haben sie dir weh getan?»
Wieder keine Antwort. Stefan kniet in der Hütte. Blass, mager, ausgezehrt. Er wirkt abwesend. Ich gehe ebenfalls in die Knie, versuche, ihn vorsichtig an mich zu drücken. Aber er erwidert meine Umarmung nicht, räumt stattdessen etwas beiseite. Ich kann nicht erkennen, was es ist. Ein Stück Plastik? Papier? Ich kämpfe gegen meine Tränen an.
«Sprich doch mit mir! Was hat man mit dir gemacht?»
Die Entführer hatten uns getrennt. Als sie mich von Stefan wegführten, hatte ich das Schlimmste vermutet. Und das nicht von ungefähr. Sie hatten zu mir gesagt: «Wir wollen nicht, dass du siehst, was wir ihm antun werden – we don’t want you to see what we do to him.» Das konnte nur eines bedeuten: Sie wollten Stefan umbringen. Und ich sollte nicht Zeuge ihrer grausamen Tat werden. Ich war mit dem Gefühl gegangen, Stefan niemals wiederzusehen.
Doch sie haben ihn nicht getötet. Aber sicher haben sie ihn wieder gefoltert. So geistesabwesend, wie er wirkt, so verwahrlost. Was wollen sie erreichen? Sicher, es geht um Lösegeld. Das jemand bezahlen muss – wir können es nicht. Und wenn kein Lösegeld bezahlt wird, dann sind wir so nutzlos wie der entsetzliche Dreck auf diesem Boden. Doch anscheinend gibt es noch Verhandlungen, von denen wir nichts wissen. Sonst hätten sie Stefan umgebracht. Ganz sicher. Und danach wohl auch mich. Noch aber sind wir am Leben. Doch das kann sich schnell ändern.
Ich weiß, dass er Angst hat, und er weiß, dass ich Angst habe. Das wissen wir schon seit dem Tag, an dem wir auf unserem Boot in Gefangenschaft gerieten. Deshalb frage ich jetzt nicht: «Hattest du Angst?» Diese Frage ist sinnlos, so dramatisch die Situation auch ist.
«Erst muss ich das hier aufräumen.» Endlich sagt Stefan etwas.
Ich lege meine Hand auf seine, um seine sinnlose Tätigkeit zu unterbrechen.
«Das ist doch jetzt egal. Haben sie dich wieder geschlagen?»
«Nein. Zum Glück nicht.» Seine Stimme klingt gebrochen.
«Haben sie dir denn deine Tabletten gegeben?»
«Nein.» Stefan braucht seine Medikamente, Betablocker gegen eine Herzschwäche. Kein Wunder, dass er apathisch wirkt, kaum reagiert. «Keiner hat sich darum gekümmert», murmelt er. Entführer sind nicht fürsorglich.
Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Bin ich erleichtert, dass Stefan noch lebt? Ja, natürlich bin ich das. Unendlich. Doch zugleich ist jedes Gefühl wie weggewischt. In den endlosen Stunden, in denen ich nicht bei ihm war, habe ich immer wieder ein Szenario gedanklich durchgespielt, ein Szenario, das keineswegs fern unserer Realität war. Ich stellte mir vor, mir würde jemand ein Gewehr an die Brust halten. Und dieser Jemand, mein potenzieller Mörder, würde abdrücken. Doch dann würde sich herausstellen, dass keine Kugel im Lauf war. Wie würde ich angesichts der Scheinhinrichtung reagieren? Welche Empfindungen würden mich anschließend begleiten? Ich vermochte es nicht zu sagen. Stefan hatte solche Scheinhinrichtungen schon erlebt. Mehrmals.
«Und Rami, kam er oft zu dir?», will ich wissen.
«Selten.»
«Hast du mit jemandem telefoniert?»
«Ich denke schon, dass ich einmal mit jemandem gesprochen habe …», sagt er zögerlich. Ich begreife, dass er sich kaum erinnern kann.
«Weißt du etwas über den Stand der Verhandlungen?»
Stefan nickt. «Rami will kein Geld mehr. Er will, dass Touristen nicht mehr an den Strand dürfen.»
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Rami so etwas Bescheidenes fordert. Stefan scheint es zu glauben, ich nicht. Aber das sage ich ihm lieber nicht. Seine Verfassung hat sich in dem Monat, in dem wir getrennt voneinander waren, deutlich verschlechtert. Er hat abgeschaltet, um dieses Elend nicht mehr wahrnehmen zu müssen. Und es ist ein einziges Elend. Doch wir können unsere Situation nicht ändern, wir sind ihr ausgeliefert. Das Einzige, was zählt, ist, dass wir wieder zusammen sind. Mit beiden Händen umfasse ich das Gesicht, das so vertraut und fremd zugleich ist. Die Berührung hilft, uns unseres Zusammenhalts zu versichern. Wir sind nicht allein.
«Hallo, hallo!» Wir winkten den Einheimischen auf ihrem rostigen, wild aussehenden Fährboot fröhlich zu. Sie hatten den Tag über auf den umliegenden Inseln Bugsuk, Mantagule und Pandanan zugebracht, jetzt wollten sie nur noch eins – zurück in ihre Dörfer. Einige der Passagiere grüßten mit einem breiten Lächeln zurück. Vielleicht erkannten uns manche sogar; schon viele Jahre segelten wir in dieser Gegend, und häufig waren abends Fischer an unsere Yacht herangefahren, um uns ihren Fang anzubieten.
Die Catherine glitt durchs Wasser, bald war das Fährboot nur noch ein dunkler Fleck in der glasklaren Coral Bay im Süden der philippinischen Insel Palawan. Unter Seglern war Palawan fast noch ein Geheimtipp. Seit wir nicht mehr im Indischen Ozean waren, hatten wir uns nirgendwo mehr so wohlgefühlt. Auf Phuket, in Thailand, hatte es uns auch sehr gefallen, aber dort war viel zu viel los gewesen, zu viele Menschen und erst recht zu viele Touristen, die die Rotlichtbezirke überschwemmten und alles etwas schmuddelig vorkommen ließen. Palawan war nur dünn besiedelt, vierhundert Kilometer lang, ein einziger, dichtbewaldeter Bergrücken. Eine sensationelle Kulisse! Im Süden schlossen sich kleinere Koralleninseln an, und im Norden hatten wir sehr beeindruckende Kalksteinfelsen entdeckt. Das Wasser war unglaublich klar, nur gab es leider kaum noch Fische.
Zwei Wochen zuvor hatten wir Puerto Princesa verlassen, die Hauptstadt von Palawan, in der es sogar einen Delikatessladen mit Schweizer Käse gab. Der kleine Yachtclub in diesem taifunsicheren Hafen war genau nach unserem Geschmack gewesen, eher eine Kneipe mit Anleger für das Beiboot. Die Einheimischen ließen uns meistens in Ruhe. Manchmal boten sie uns Fisch, Kürbisse oder auch Kokosnüsse an. Die Fischer hatten uns anfangs Furcht eingeflößt, so gesetzlos wirkten sie, mit der Zeit hatten wir uns aber an sie gewöhnt, nie hatte es eine unangenehme Begegnung mit ihnen gegeben, es waren alles rechtschaffene Leute. Insgesamt hatten wir uns ein ganzes Jahr Zeit genommen, Palawan zu umrunden, und nun waren wir einfach losgesegelt. Raus aus dem Hafen – und raus aus den Klamotten. Na ja, viel hatten wir sowieso nicht an, aber morgens ohne Badeanzug im Meer zu schwimmen, war nicht zu toppen.
Wie schon in den Jahren zuvor waren wir Anfang April gestartet. Der Nord-Ost-Monsun schwächte sich dann ab, und dennoch reichte der Wind aus, um uns nach Süd-Westen zu schieben. Hundertzwanzig Seemeilen hatten wir bislang geschafft, in kleinen Tagesetappen, und ganz, ohne den Motor anzuwerfen. Ziel unseres Törns war die Stadt Kudat, die zum malaysischen Bundesstaat Sabah gehört, der wiederum an der Nordspitze der Insel Borneo liegt. Kudat stand für mehrere Jahrzehnte unter britischer Herrschaft, Chinesen siedelten sich dort an, und während des Zweiten Weltkriegs wurde es von den Japanern besetzt. Zwangsarbeiter aus Java und Indonesien wurden dorthin verfrachtet, um einen Flugplatz an diesem strategisch wichtigen Punkt zu errichten. Immer wieder hatten Piraten die Stadt überfallen und verwüstet. Wie überall in dieser Region war die Geschichte eine wechselvolle.
Doch nichts trübte unsere Stimmung; eine leichte Brise und viel Sonnenschein begleiteten uns seit dem Morgen. Der Südzipfel der Inselprovinz Palawan hatte es uns angetan, friedlich säumten ein paar Hütten und kleine Fischerboote manche Strände. Die letzte nennenswerte Siedlung, Rio Tuba, hatten wir am Nachmittag passiert, sie lag nun, an diesem 17. April 2014, zehn Seemeilen nördlich von uns entfernt. Obwohl hier eigentlich jeden Abend die Sonne glutrot im Meer untergeht, bestaunten wir auch diesmal das Schauspiel, als hätte es ein Popart-Künstler extra für uns inszeniert. Mit dem Verschwinden des feurigen Balls würde es augenblicklich zappenduster sein, die Finsternis nur noch durch funkelnde Sterne aufgehellt. Wir mussten schnellstmöglich einen Ankerplatz finden.
Perfektes Timing: Mit den letzten Sonnenstrahlen schafften wir es bis Cabugan Island, einer Palawan vorgelagerten Insel. Kaum waren wir vor Anker gegangen, umhüllte uns schwärzeste Nacht.
«Wie lange wollen wir hierbleiben?», fragte ich. «Der Platz ist so herrlich einsam.»
«Zwei Tage mindestens.» Stefan zog mich an sich. «Jetzt lass uns aber mit einem Sundowner aufs Vorschiff gehen.»
Der Drink zum Sonnenuntergang war ein alltägliches Ritual geworden, nicht untypisch unter Seglern, dennoch immer wieder schön. Schweigend diese schönste Stunde des Tages zu genießen, bei einem kühlen Getränk den eigenen Gedanken nachzuhängen, manchmal auch den einen oder anderen auszutauschen oder die tagsüber aufgenommenen Fotos anzuschauen, darauf wollten wir bis an unser Lebensende nicht verzichten.
Es war ein so großes Glück, mit Stefan um die Welt zu segeln. Nie vergesse ich den Moment, als ich zum ersten Mal sein Boot bestieg. Seit gut zwei Jahren war er zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Catherine unterwegs, um sich langsam aus seinem alten Leben zu lösen, das er zwar liebte, aber deswegen nicht für unverzichtbar hielt. Er praktizierte als Arzt, hatte eine gut gehende kardiologische Praxis, doch mit dem Älterwerden fing er zu träumen an, davon, dass man noch einmal etwas ganz anderes machen könnte. Segeln hatte in diesen Träumen zunächst keine große Rolle gespielt, eigentlich überhaupt keine, von einer großen Leidenschaft, wie es bei mir schon immer der Fall gewesen war, konnte keine Rede sein. Er hatte es auch nie versucht, sondern war stattdessen lieber mit seiner Frau und seinen Kindern zum Zelten ins Grüne gefahren. Doch eines Tages hatte er, der Campertyp, auf einem Felsen in Griechenland gestanden, unter ihm das tiefblaue Meer, an dem er sich nicht sattsehen konnte. Und mitten in diesem grandiosen Blau schwamm etwas, das nicht minder sensationell war: ein weißes Schiff, das auf den leichten Wellen in der einsamen Bucht hin und her schaukelte, es war ein heiteres, unbeschwertes Bild, das eine immense Sehnsucht in ihm weckte, genauso entspannt von sanften Wellen getragen zu werden, umgeben von einer Natur, die mit so viel Farben und Kontrasten aufwartete, dass man vor Glück ganz taumelig wurde.
Als Kardiologe dachte er in Prozessen, so, wie es von Wissenschaftlern gefordert ist, bei seinen Analysen zerlegte er zunächst alles in kleinere Bestandteile, um dann aus diesen Einzelmomenten ein Gesamtbild zu erstellen. Ihm war klar, dass er nur mit einem Boot unterwegs sein konnte, wenn er auch einen entsprechenden Führerschein besaß. Also beschloss er, einen solchen zu machen, und da er am Rhein lebte, lag es für ihn nahe, dieses Projekt auch auf dem Fluss in die Tat umzusetzen. Und so schaffte er, ganz stolz, einen Sportbootführerschein.
Schritt eins war damit erledigt, jetzt fehlte definitiv ein Boot. Ein Segelboot sollte es natürlich sein – die sechzehn Meter lange Catherine. Was er dabei nicht beachtete, war die Tatsache, dass der Erwerb eines Sportbootführerscheins noch lange nicht bedeutete, dass er in der Lage war, mit dieser Yacht auf den Weltmeeren segeln zu können. Denn das war sein Ziel, er hatte nicht vor, die nächsten Jahre auf dem Rhein stromab- und stromaufwärts zu schippern. Dieser Denkfehler wäre ihm als Kardiologe nicht passiert. Aber Träumen ist eben letztlich doch nicht mit wissenschaftlicher Analyse beizukommen.
Das Schiff hatte Stefan in Spanien gekauft und übernommen, ohne weitere Überlegungen oder gar Bedenken startete er nach dem Erwerb seine erste Fahrt übers Mittelmeer, von der spanischen Küste ging es anschließend nach Tunesien, von dort segelte er nach Malta. Wobei er sich überwiegend auf den Motor verließ – was ich nie als Segeln bezeichnen würde. Eine Seekarte hatte er nicht dabei, dachte, es würde reichen, sich die Rückseite eines Reiseführers neben das Steuer zu legen, auf dem das Mittelmeer abgebildet war. Um den Kurs zu berechnen, legte er ein Geodreieck auf dieser nicht gerade großen Karte an. Von Strömungen schien er nie etwas gehört zu haben. Was ich aber erstaunlich fand: Seine erste Tour im launigen Mittelmeer hatte geklappt, er erlitt keinen Schiffbruch, am Ende hatte er eine Menge Erfahrungen gewonnen. Gute Erfahrungen, sie waren sogar so sensationell, dass Stefan überlegte, die Praxis an seinen Partner zu verkaufen, um sein Leben ganz auf dem Wasser zu verbringen. Eigentlich musste er das gar nicht lange bedenken, er schmiedete vielmehr schon aus der Ferne Pläne, die auf diesen Verkauf hinausliefen. Es fehlte ihm nur eine Partnerin, die mit ihm das Seglerleben teilte. So ganz allein konnte sich Stefan dann doch nicht vorstellen, eine solche Herausforderung anzunehmen. Und da kam ich ins Spiel.
Auf Malta wurde die Catherine für das große Abenteuer auf einer Werft generalüberholt, drei Monate sollten die Reparaturen in Anspruch nehmen. In dieser Zeit hielt sich Stefan in Deutschland auf, und es war auch die Zeit, kurz vor Weihnachten 1991, in der wir uns kennenlernten. Online-Portale, über die man nach dem richtigen Partner suchen konnte, gab es noch nicht, dafür aber andere Möglichkeiten. Er schaltete eine Anzeige in einer renommierten Yachtzeitschrift, in der es hieß, dass er eine Partnerin zum Mitsegeln und Tauchen suchen würde. Das klang sehr seriös, und so war es auch gemeint. Ich las das Inserat – und meldete mich.
Ich war damals fünfundzwanzig, hatte gerade auf einer großen Yacht als Crewköchin gejobbt. Meine Ausbildung als Hotelkauffrau hatte ich abgeschlossen, und ich war auf der Suche nach einer neuen Beschäftigung. Und zwar einer, bei der ich meinen Beruf mit meinem Hobby verbinden konnte. Nichts gefiel mir besser, als auf dem Meer zu fahren, schon als kleines Kind träumte ich davon, einmal um die Welt zu segeln. Mit dem Job als Köchin auf der Yacht hatte ich einen ersten Schritt gewagt, Ausbildung und Segeln miteinander zu verbinden. Ich arbeitete auf dem Schiff aber nicht nur in der Kombüse, ich war dort auch Mädchen für alles – die Segel musste ich zwar nicht hochziehen, dafür gab es Maschinen, aber alle möglichen Hafenmanöver hatte ich auszuführen. Und wenn ich sie noch nicht kannte, dann lernte ich sie eben. Dadurch sammelte ich eine Menge Erfahrungen, und ich konnte mir kaum noch etwas anderes vorstellen, als auf einem Boot zu leben. Der Eigner der Mega-Yacht hatte Pottwale filmen wollen. Einen ganzen Sommer lang fuhren wir den Pottwalen hinterher, bis zu den Azoren. Jemand aus der Crew brachte mir das Tauchen bei, und ich durfte mit unter Wasser die Wale verfolgen. Kein Wunder, dass ich auf Stefans Anzeige antwortete.
Wir trafen uns am Mainzer Bahnhof, nicht gerade ein romantischer Ort, aber bei der Partnerschaft, die uns beiden vorschwebte, standen sachdienlichere Entscheidungen im Vordergrund: So hatte Stefan auch keine Blume für mich – Erkennungszeichen war vielmehr die Seglerzeitschrift –, dennoch war er nicht mit leeren Händen erschienen: Er hatte mir ein apartes Blättergebinde mitgebracht, was mich sofort für ihn einnahm, denn ich fand dieses Gebilde recht ungewöhnlich. Er sagte später über dieses Treffen: «Du hast da diesen grünen Mantel getragen, als ich dich in dem sah, da wusste ich, die ist es.» Der Mantel war allerdings nichts Besonderes, weder hatte er einen besonderen Schnitt, noch war er – außer vielleicht durch seine grüne Farbe – irgendwie auffällig. An dem Mantel konnte es also nur bedingt gelegen haben, dass es sofort zwischen uns funkte. Und zwar heftig, da war eine Spannung zwischen uns, die man fast mit Händen greifen konnte. Dass wir nicht gleich am ersten Tag übereinander herfielen, war sicher einzig unserer Erziehung geschuldet.
«Wie bist du zum Segeln gekommen?», fragte Stefan in dem Café, das wir in der Nähe des Mainzer Bahnhofs aufgesucht hatten.
«Mein Vater hat die komplette Familie mit dem Segler-Virus infiziert», erzählte ich. «Er ist der typische Seebär mit Vollbart, groß und stark. Wir alle, also meine sechs Geschwister und ich, lieben durch ihn das Meer. Jedes Wochenende und die ganzen Sommerferien verbrachten wir in Holland auf unserem Schiff, genauer gesagt war es eine Bol, ein traditionelles holländisches Plattbodenschiff, neun Meter lang und ohne Kiel, damit man das flache Wattenmeer befahren konnte. So lernte ich von Kindesbeinen an segeln.»
«Und wie habe ich mir das genau vorzustellen? Also die allerersten Schritte?» Stefan wollte alles genau wissen.
«Angefangen habe ich mit dem Segeln in unserem Beiboot, einem Opti, da war ich vielleicht fünf oder sechs. Ich war ungemein stolz, wenn ich es quer durch den Baggersee schaffte. Mit fünfzehn unternahm ich mit einer Freundin meinen ersten selbständigen Segelurlaub auf einer BM, einer sechs Meter langen hölzernen Segeljolle, zwei Wochen lang, später durfte ich die Bol auch allein segeln. Oft saß ich vorne auf dem Vorschiff und dachte: Ich muss jetzt nur hier an Ameland vorbeifahren, dann gelange ich in die Nordsee, dann durch den Ärmelkanal, und schon bin ich im Atlantik und kann um die ganze Welt segeln. Da ist keine Brücke oder Schleuse oder sonst etwas, das mich aufhält. Wenn meine Mutter sich beklagt hat, dass ich ihr davongesegelt bin, habe ich gesagt: ‹Das ist alles Papas Schuld. Er hat mich doch so erzogen.›»
Es war aufregend, mit Stefan zu reden, zu spüren, dass er sich für mein Leben interessierte. Ihm ging es nicht anders, und so war von Anfang an klar, dass ich mit ihm auf die Catherine gehen würde. Gut vier Monate später, im April 1992, war es dann so weit. In der Zwischenzeit hatten wir uns nur ab und an mal sehen können, höchstens jedes zweite Wochenende. Das hatte damit zu tun gehabt, dass wir so weit entfernt voneinander lebten. Hinzu kam, dass Stefan mit der Aufgabe seiner Praxis einiges zu organisieren hatte. Ständiger Begleiter war sein Taschenrechner, mit dem er immer wieder ausrechnete, ob sein «kleiner Segelfonds», wie er es nannte, für uns beide reichen könnte. Und obwohl die Überlegung berechtigt war, dass unsere Segel-Partnerschaft schon nach wenigen Monaten, ja sogar schon nach ein paar Wochen scheitern könnte, wurde diese Möglichkeit schlichtweg ausgeklammert. Gerechnet wurde für die Ewigkeit. Doch das, was die Zahlen so hergaben, schien annehmbar zu sein, um das Risiko zu wagen und unser beider Leben umzuschmeißen.
Ich bewunderte Stefans Mut. Die meisten Menschen, die lange für Geld und gesellschaftliche Anerkennung gearbeitet haben, können dies kaum loslassen, wollen eigentlich nur noch mehr davon. Deshalb war es bemerkenswert, dass Stefan bereit war, sich von einem angenehmen und sicheren Leben zu verabschieden und in die Ungewissheit zu segeln. Loszuziehen, um einfach nur mal etwas anderes zu erleben, so, wie das bei mir der Fall war, das war kein Kunststück. Ich hatte bisher nichts aufgebaut, was aufgrund meines Alters auch nicht weiter überraschend war. Ich musste also kaum etwas aufgeben, einzig denken: Mal sehen, was da auf mich zukommt.
Mein Bruder Martin hatte meine Entscheidung, Stefan auf der Yacht zu begleiten, toll gefunden, meine Schwester Barbara sagte dagegen: «Du spinnst wohl, leben, ohne zu arbeiten, das kannst du dir abschminken.» Eine dritte Stimme aus dem Reigen meiner Geschwister lautete: «Mach, was du für richtig hältst, aber sei vorsichtig. Der verkauft dich sonst in Ägypten für zehn Kamele.»
Von Anfang an wünschte ich mir, dass das Leben von Stefan mein Leben werden könnte. Anders gesagt: dass ich nie mehr von Bord gehen musste. Doch dieser Gedanke war gewagt, so viel Glück konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Stefan war ein attraktiver Mann, hatte diese unglaublich starke Anziehungskraft. Sicher, er war um einiges älter, insgesamt 25 Jahre, aber vom ersten Moment an hatte ich diesen doch recht großen Unterschied nicht wahrgenommen. Wenn überhaupt, so fand ich seine Lebenserfahrung anregend, es reizte mich, von ihm etwas lernen zu können. Er war fit, voller Elan und Ideen, war bereit, sich auf Neues einzulassen. Die Männer, die ich vorher kennengelernt hatte, konnten da nicht mithalten. Und dann gab es auch noch das Schiff, die Catherine, dazu Zeit und genügend finanzielle Sicherheit.
Weiter als Hotelkauffrau zu arbeiten, konnte ich mir plötzlich nicht mehr vorstellen – auch wenn ich den Beruf gewählt hatte, damit ich in anderen Städten und Ländern tätig sein könnte, um mein Fernweh zu stillen. Ich hatte wohl ein Fernweh-Gen in mir. Es war nicht so, dass ich keinen Spaß an meinem Job hatte, ich stieg auch schnell auf, aber dieses Vorankommen musste ich mit einem hohen Preis bezahlen. Ich hatte kaum ein Privatleben, weshalb Beziehungen nie lange hielten, den meisten Männern war mein Beruf, wie sie sagten, zu hochtourig.
Aber jetzt klang alles so perfekt, bestimmt gab es da einen Haken. Es musste einen geben. Egal. Nichts konnte mich noch von meiner Entscheidung abhalten, eventuelle Probleme existierten einfach nicht. Ich schwebte auf Wolken, als wir losfuhren, und war vor Verliebtsein geblendet. Denn woher sollte ich wissen, ob Stefan und ich im Alltag harmonierten? Und nicht eine Minute hatte ich darüber nachgedacht, was er unter Segeln verstand. Schon als das Boot die Werft verließ und wir unsere gemeinsame Zukunft auf dem Wasser starteten, dachte ich: Mein Gott, das kann doch nicht wahr sein. Der hat von Tuten und Blasen keine Ahnung.
Zu Beginn gab es viele Reibereien, denn nach dem ersten Liebestaumel stellte sich das ein, was zur allgemeinen Lebenserkenntnis unweigerlich dazugehört: Menschen sind verschieden, und manchmal können sie sehr verschieden sein. So war es bei uns. Stefan war der Vorsichtige, der sich bei Problemen zurückzog und sie theoretisch in den Griff bekommen wollte – was manchmal lange dauern konnte. Ich war das Gegenteil, draufgängerisch, extrovertiert, schnell mit einer Lösung zur Hand. Da flogen dann manchmal die Fetzen, wenn wir nicht einer Meinung waren. Kompromisse einzugehen, das war gar nicht mein Ding, insbesondere wenn es ums Segeln ging. Eindeutig war ich der bessere Segler von uns beiden, Stefan aber der Kapitän. So ist das auf Schiffen. Paragraph eins der Seeschifffahrtsstraßenordnung: Der Kapitän hat immer recht. Paragraph zwei: Sollte der Kapitän mal nicht recht haben, tritt Paragraph eins in Kraft.
Dennoch: Ich war ein richtiger Segler, Stefan eher ein Motorbootfahrer auf einem Segelschiff. Ich war es gewohnt, hatte man den Hafen verlassen, sofort die Segel zu setzen und die laute, stinkende Maschine abzustellen. Unter den weißen Segeln stellte und stellt sich bei mir augenblicklich eine Harmonie mit dem Meer ein. Beim Motoren bolzt man hart gegen die Wellen an, was mich immer maßlos störte. Stefan hingegen beruhigte das monotone Motorengeräusch. Deswegen ließ er die Maschine, selbst wenn die Segel schon standen, noch eine halbe Stunde mitlaufen. Mir sträubten sich dabei die Haare, als waschechte Seglerin war das ein Ding der Unmöglichkeit. Aber ich konnte nichts dagegen unternehmen. Es war jedes Mal ein Kampf, ihn dazu zu bringen, den Motor endlich abzustellen. Nach und nach sah Stefan aber ein, dass er zwar der Kapitän war, er aber nicht immer alles besser wissen musste.
Wir rauften uns zusammen, waren wir beide doch davon überzeugt, dass unser Leben durch unsere Differenzen bunter wurde. Es war ein großer Vorteil. Und wir sagten uns: «Wir ergänzen uns und können voneinander lernen. Wenn beide Partner sehr ähnlich sind, mag das für ein Leben auf einem Schiff einfacher sein, man hat bei dem wenigen Platz kaum Ausweichmöglichkeiten, aber man entwickelt sich nicht weiter.» Und wir wollten uns weiterentwickeln.
«Geht es dir gut?», fragte Stefan. «Du bist heute sehr still.»
«Alles ist gut», sagte ich. «Mir könnte es gar nicht bessergehen. Ich habe nur an damals gedacht, als wir häufiger mal anderer Meinung waren, was das Segeln betraf.»
Stefan schmunzelte. «Na, die Zeiten haben wir hinter uns.»
«Zum Glück.»
«Hörst du das auch?», fragte Stefan plötzlich.
«Ja, ein Boot, das näher kommt. Und zwar ziemlich schnell.» Ich horchte angespannt in die Dunkelheit hinein, die uns inzwischen umgab.
«Es hält direkt auf uns zu», stellte Stefan fest.
Im nächsten Moment blendeten uns Scheinwerfer. Der Motor des Boots wurde ausgeschaltet.
«Keine Angst, wir sind von der Polizei – don’t worry, we are the police», rief jemand in die augenblicklich eingetretene Stille hinein.
«Komm, ins Cockpit», flüsterte Stefan. «Sicher ist sicher. So sind wir in der Nähe des Steuerstands. Irgendwie habe ich ein merkwürdiges Gefühl.»
«Geht mir nicht anders.» Ich flüsterte ebenfalls. «Kann aber nicht sagen, woran es liegt.»
«Vielleicht, weil wir mit Polizisten auf hoher See bislang nichts zu tun hatten», mutmaßte Stefan.
Im Cockpit schaffte ich es nicht einmal, mir etwas anderes anzuziehen, da waren die Polizisten schon an Deck der Catherine gesprungen. Das Wickeltuch, das ich mir schnell um die Hüften geschlungen hatte, und das ärmellose T-Shirt, das ich beim Sundowner getragen hatte, mussten nun für den amtlichen Besuch reichen. Stefan hatte um seine Hüften ebenfalls nur ein Tuch gebunden.
Stefan und ich sahen uns an, uns beiden kamen die Männer unheimlich vor. In ihren Händen hielten sie automatische Gewehre. Schussbereit. Ich wurde immer unruhiger. Doch welche Gefahr sollte von ihnen ausgehen? Sie trugen hellblaue T-Shirts mit der uns vertrauten gelben Aufschrift «PULIS» – «POLIZEI». In Puerto Princesa hatte ich öfter Polizisten in diesen Shirts herumlaufen sehen. Was aber wollten die Männer von uns? Wir hatten doch nichts verbrochen. Dennoch beschlich mich eine Ahnung, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Niemals würden Polizeibeamte auf diese Weise an Bord kommen; sie hätten vorher höflich gefragt, jedenfalls solche Menschen, die sie nicht für Verbrecher hielten. Waren wir in ihren Augen etwa Kriminelle? Hielt man uns für Schmuggler?
«Wir müssen das Boot durchsuchen», sagte einer der Männer, wieder auf Englisch, ohne sich vorher vorzustellen oder sonstige erklärende Hinweise abzugeben.
«No, no», wehrte Stefan ab. «Das können Sie nicht so einfach machen, das erlaube ich nicht. Wir sind Touristen und besitzen ordnungsgemäß alle notwendigen Papiere.»
«Wenn wir wollen, können wir alles.»
Ich konnte beobachten, wie nun ein anderer den restlichen Männern ein Zeichen gab, wie sie sich auf unserem Boot zu verteilen hatten.
Langsam wurde die Sache richtig unheimlich. Ich warf einen Blick zu Stefan und sah das Misstrauen in seinen Augen. Doch weil wir nichts zu verbergen hatten, erschien Widerrede zwecklos. Widerstand sowieso, denn was konnten wir gegen zehn Männer mit Gewehren ausrichten?
Nach kurzer Zeit standen die «Polizisten» wieder an Deck und umringten uns mit grimmigen Mienen. Plötzlich boxte mir einer auf den Oberarm – mit dieser Geste war offensichtlich, dass hier wirklich etwas gewaltig nicht stimmte. Und das innere Gefühl hatte mich nicht betrogen. Zwei der T-Shirt-Träger griffen meine Hände, ein dritter wickelte eine dünne Plastikschnur um die Gelenke. Ich versuchte, mich aus der Fessel herauszuwinden, doch ich hatte keine Chance. Zwei weitere Männer packten brutal meine Oberschenkel, hoben mich über die Reling und ließen mich in ihr Boot fallen. Es war ihnen völlig egal, ob ich mir dabei sämtliche Knochen brach. Es schien ihnen nur wichtig zu sein, dass ich am Leben blieb, denn schließlich hätten sie mich sonst mit ihren Gewehren auf der Stelle töten können. Ein höllischer Schmerz durchfuhr mein rechtes Knie.
«Stefan!», schrie ich. Aus den Augenwinkeln hatte ich gesehen, dass sie ihn hochhoben, um mit ihm ähnlich wie bei mir zu verfahren. Ich schwitzte vor Angst, denn ich war mir nicht sicher, ob er einen Sturz aus solcher Höhe ohne schlimme innere Verletzungen überhaupt überstand.
Ich hörte ihn rufen: «Vorsicht! Ich bin nicht mehr der Jüngste. Sie haben es mit einem Mann zu tun, der 72 ist! Ein bisschen Rücksicht wäre angebracht.»
Sie nahmen keine Rücksicht. Mit einem fürchterlichen Krachen fiel Stefan neben mir ins Schnellboot. Ich zuckte zusammen. Es hatte in meinen Ohren geklungen, als hätte er sich sämtliche Knochen gebrochen; er atmete schwer.
Ich kämpfte mich hoch, richtete mich auf, um besser einschätzen zu können, wie es Stefan ging. Bevor ich mir aber ein Bild von seinem Zustand machen konnte, zerrte man mich zu einer nahen Sitzbank und fesselte mich daran. Einer der falschen Polizisten drückte meinen Kopf und den Oberkörper nach unten, tastete grob Arme und Hände ab, um sicher zu sein, dass die Fesseln auch hielten. Dabei konnte ich beobachten, dass die fremden Männer hin und her über unser Schiff liefen. Warum? Was zum Teufel suchten sie? Wertsachen? Geld? Es sah alles so unkoordiniert aus. Vollkommen planlos. Etwas, das auch nicht zu meiner Beruhigung beitrug. Schließlich stiegen die herumirrenden «Polizisten» zurück in ihr Boot. Langsam dämmerte mir, dass es tatsächlich keine Polizisten waren, es waren Kidnapper. Ihr Plan war es, uns zu entführen. Was sie sonst noch von der Catherine mitnehmen wollten, das hatten sie sich nicht so genau überlegt.
«Ist da noch jemand an Bord?» Einer der Kidnapper fragte das mit harscher Stimme in brüchigem Englisch.
«Nein, niemand», antwortete ich wahrheitsgemäß.
Anscheinend glaubte man mir, denn kurz darauf wurde der Motor gestartet. Die Frage von eben ging mir nicht aus dem Kopf. So wie es aussah, hatten sie nicht sicher gewusst, dass nur Stefan und ich auf dem Boot waren. Und das wiederum konnte nur bedeuten, dass sie uns nicht schon seit langem im Visier hatten. Wir waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Für die Männer war es genau anders herum, wir kamen ihnen wunderbar gelegen.
Die beiden Ankerlichter der Catherine wurden kleiner und blasser. Ich hätte heulen können. Doch bevor ich weiter mit dem Schicksal hadern konnte, stülpte man uns beiden eine schwere, schmutzige Plane über. Erneut drückte dazu einer der Entführer meinen Kopf nach unten auf die Planken des Boots, bei Stefan war das nicht notwendig, er lag flach auf dem Boden.
Stefan. Ich konnte ihn sehen. Er befand sich in Rückenlage, die Hände gefesselt vor der Brust. Seine Augen waren verbunden. Er rührte sich nicht.
«Stefan, Liebster, lebst du noch?»
Ich hörte ein schwaches Ja. Seine Stimme klang schrecklich. Er litt, das war nicht zu verkennen. Ich wollte etwas Aufmunterndes sagen, uns Hoffnung machen, alles würde sich am Ende als Irrtum herausstellen, doch in meiner Verwirrtheit und Erschöpfung fiel mir nichts ein. Auch glaubte ich letztlich selbst nicht daran.
Der Motorenlärm war unerträglich. Wie hasste ich ihn, das hatte sich in den vergangenen Jahren nicht geändert. Aber nicht nur der Motor war laut, unüberhörbar war, dass die «Cops» sich stritten, ein heftiger Wortwechsel löste den nächsten ab. Außer pulis verstand ich nur wenige andere Worte. Ihre Auseinandersetzung führten sie in einer mir fremden Sprache, es war nicht Tagalog, jene Sprache, die auf den Philippinen weit verbreitet ist. Was war hier los? Um was ging es? Was sollte mit uns geschehen? Im Moment sollten wir still auf dem Boden liegen.
Die Plane war nicht nur ungemein dreckig, sondern auch klebrig vom Meersalz. In unserem Versteck, eigentlich ein Gefängnis, stank es muffig und nach Benzin. Die Gischt, die während der Fahrt ins Innere des Boots gespült wurde, vermischte sich mit dem Öl zu einer üblen Brühe. Immer wieder hörte ich, wie jemand mit einem Becher oder Eimer entlang der Planken schabte, um Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Ich verlor das Gefühl in meinen Händen, viel zu eng waren die Fesseln geschnürt.
«Ich kann meine Hände nicht mehr spüren!», rief ich, so laut ich konnte. Niemand reagierte. Niemand wollte mich hören.
Damit das Taubheitsgefühl nicht stärker wurde, wand ich meine Hände, hoffte auf diese Weise, dass sich die Fessel lockerte. Irgendwann überprüfte sie einer der Männer, nicht einen Millimeter hatte sich die Schnur gelöst.
Der Fahrtwind schob die Plane ein wenig beiseite, sodass ich durch den kleinen Spalt das dunkle Meer erkennen konnte, auch ein Stück Küste, an der vereinzelt Feuer oder Laternen brannten. Nur die Ankerlichter der Catherine konnte ich nicht mehr ausmachen, stattdessen zwei Frachter auf Reede, wohl jene beiden, die ich noch am Nachmittag hatte vorbeifahren sehen. Einen Augenblick lang überlegte ich, ins Wasser zu springen und an Land zu schwimmen. Als gute Schwimmerin – bei einem zügigen Durchschwimmen würde ich zwei Kilometer in der Stunde schaffen – konnte ich mir Chancen ausrechnen, zumal in der uns umgebenden Finsternis. So schnell würde man mich in der Schwärze der Nacht nicht ausfindig machen.
Schon mehrmals war uns nachts etwas über Bord gegangen, darunter ein Fender – alles war sofort von der Dunkelheit verschluckt worden. Ich könnte den Männern entwischen, überlegte ich, und die Polizei alarmieren, die reale. Aber ein Blick auf meine gefesselten Hände sagte mir, dass das schwierig werden könnte (wenn auch nicht unmöglich). Dann fiel mein Blick auf Stefan – nie hätte ich ihn allein bei diesen Männern zurückgelassen. Und ich hätte die Flucht allein unternehmen müssen. Er konnte nicht sehr weit schwimmen, im Meer ist man ziemlich schnell mit seinen Kräften am Ende. Da ich jedoch jeden Tag im Wasser schwamm, war ich bestens trainiert. Aber wie die Männer Stefan trotz seines Alters behandelten, ließ bei mir keine Zweifel bestehen. Ich begrub diese Idee; wäre ich allein gewesen, ja, aber ohne Stefan ging nichts.
Später, nach unserer Freilassung, hörte ich die Geschichte eines Schweizers und eines Niederländers; fast drei Jahre hatten sie sich auf den Philippinen in den Händen der Terrorgruppe Abu Sayyaf befunden, man hatte sie im Februar 2012 verschleppt. Als es dann im Dezember 2014 zwischen Geiselnehmern und Soldaten zu einem Feuergefecht kam, konnte der Schweizer, ein Tierfotograf, fliehen. Er hatte einen der Rebellen mit einer Machete getötet. Seinen Freund, den Holländer, hatte er bei seiner Flucht zurückgelassen. Er war angeblich zu schwach gewesen, um den Separatisten entkommen zu können. Diese beiden Männer waren wahrscheinlich nur beruflich miteinander verbunden, aber auch in einem solchen Fall hätte ich niemanden zurücklassen können. Bis heute ist nichts über den Verbleib des Niederländers bekannt.
Und hätte Stefan gesagt: «Versuche zu fliehen, ich bin dafür nicht stark genug», was dann? Was hätte ich dann getan? Auch in diesem Fall hätte ich verneint.
Eine Flucht ohne Stefan kam also nicht in Frage. Weiter rotierte es in meinem Kopf, meine Gedanken fuhren Achterbahn, während Stefan immer noch dalag, als hätte er sich in ein Schneckenhaus zurückgezogen, allerdings in eins, das keinen Schutz bot. Die Plane war nicht geeignet, Schutz zu geben, höchstens vor den Blicken der Männer. Aber immerhin drang kein Stöhnen aus seinem Mund, was mich erleichterte, denn es verringerte die Möglichkeit, dass er sich bei dem Sturz lebensgefährliche Verletzungen zugezogen hatte.
Ich versuchte, unsere Notlage weniger schlimm zu bewerten – wider besseren Wissens. Vielleicht sind die Männer doch echte Polizisten und halten uns fälschlicherweise für Schmuggler, dachte ich. Vielleicht bringen sie uns in die nächstgrößere Stadt, nach Bataraza, etwas weiter nördlich, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Wir hatten, wie ich durch den Spalt in der Plane erkennen konnte, die Landzunge erreicht, die das Ende der Coral Bay markiert. Dass wir uns nicht mehr in der Bucht befanden, konnte ich auch am Seegang spüren, er war deutlich stärker geworden. Das Boot krachte nun mit Vollgas in jede Welle; Stefan und ich mussten uns festhalten, um nicht samt Sitzbank durch die Gegend geschleudert zu werden. Reichlich Wasser schwappte über den Bootsrand, sodass wir trotz der Plane nach kurzer Zeit vollkommen durchnässt waren. Bald würden wir in der Nähe von Pirate Island sein. Sollten die Männer Bataraza ansteuern wollen, müssten sie hier scharf nach Westen abbiegen.
Nach ungefähr einer Stunde verlangsamte sich die Fahrt, schließlich wurde der Motor ganz abgestellt. Einer der Männer riss die Plane weg, sodass wir uns ein wenig aufrichten und umsehen konnten. Stefan nahm man die Augenbinde ab. Es war zwei Tage nach Vollmond, prall und hell stand er im Osten am Himmel. Ein Benzinkanister wurde weitergereicht, anscheinend war der Sprit ausgegangen, und jemand telefonierte mit einem Handy.
«I have to pee», sagte ich in die Runde; diese Gelegenheit musste ich nutzen, um mich zu erleichtern.
Keine Reaktion.
«Peeeee», wiederholte ich und kniff zur Erklärung meine Beine zusammen.
Immer noch keine Reaktion.
Krampfhaft überlegte ich, wie ich mein Bedürfnis zum Ausdruck bringen konnte. Endlich fiel mir ein, dass Filipinos «CR» sagen, wenn sie die Toilette meinen, CR wie Comfort Room.
«I have to go to CR.»
Jetzt war alles klar. Jemand löste die Schnur von der Sitzbank, und ich durfte zum Vorschiff krabbeln. Meine Beine schmerzten, doch ich wollte möglichst weit weg von dieser wilden Bande, die sich hauptsächlich im hinteren Teil des Schiffs aufhielt. Ich lehnte mich außenbords, und die Männer schauten zu. Buchstäblich ging meine gesamte Würde über Bord. Wir waren eben doch Gefangene, bei denen so etwas wie Rücksicht nicht nötig war. Keinem fiel ein, dass mir ihre Blicke peinlich sein könnten, ich mich womöglich erniedrigt fühlte.
«Hinsetzen», hieß es, als ich zur Bank zurückkehrte. Ein kleines Luftkissen wurde uns in den Rücken geschoben. Danach deckte man erneut die stinkende Plane über uns, und die Fahrt ging weiter.
Oh nein, nein, nein! Das war die falsche Richtung! Der Bug zeigte gen Osten, die Küste konnten wir vergessen, ebenso Bataraza. Entsetzen breitete sich in mir aus. Die nächsten dreihundert Seemeilen würde kein Land in Sicht kommen, ich kannte die Karten genau. Stefan sagte nichts, aber ich konnte von seinem Gesicht ablesen, was in seinem Inneren vorging. Seit zweiundzwanzig Jahren waren wir ein Paar, da bedurfte es keiner Worte, um zu wissen, was der andere dachte. Und Stefan hatte ähnlich wie ich erkannt, dass unsere Fahrt ins Ungewisse ging. Mir war nach Weinen zumute, aber die Anspannung war zu groß, es flossen keine Tränen. Gleichzeitig wollte ich den Entführern nicht zeigen, wie schlimm es um mich stand. Seltsamerweise fiel mir ein Satz meiner Mutter ein, die immer zu uns Kindern gesagt hatte: «Heulen bringt nichts.»
Sollte dies das Ende unserer Reise sein? War’s das jetzt mit unserer Glückssträhne?
Meine Gedanken wanderten zurück an den Anfang unseres Segelabenteuers. Nachdem wir von Malta aus die Leinen losgeworfen hatten, war es Stefans Idee gewesen, schöne Tauchgebiete zu erkunden. Ihn hatte fasziniert, was ich ihm von meinen Taucherfahrungen erzählt hatte, und jetzt sollte ich ihm das Tauchen beibringen, entsprechende Ausrüstungen hatten wir uns schon auf Malta besorgt. Das vielversprechendste Tauchgebiet, das für uns, die wir ja auf dem Mittelmeer segelten, am nächsten lag, befand sich gleich jenseits des Suezkanals: das Rote Meer. Da wollte Stefan unbedingt hin und ich sowieso. Wir hatten alle Bücher von Hans Hass verschlungen, dem berühmten österreichischen Zoologen und Taucher, auch sämtliche Unterwasserschilderungen seines französischen Kollegen Jacques-Yves Cousteau. Beide Meeresforscher waren vom Roten Meer begeistert gewesen. Das hatte bestimmt einen Grund.
Nach einem kurzen Stopp in Griechenland passierten wir den Suezkanal, und in Hurghada versuchten wir unser erstes Taucherglück. Ein gutes Revier für Anfänger, jedenfalls waren wir schon von den allerkleinsten Korallenstöckchen begeistert. Richtig toll wurde das Tauchen aber dann im Sudan, in der Hafenstadt Port Sudan sprachen wir mit Profi-Tauchern, die uns die besten Plätze verrieten.
Einer davon war Shaab Rumi, nur eine halbe Tagesetappe von Port Sudan entfernt, und dort erreichten wir ein kleines Atoll, in dessen Mitte wir sicher ankern konnten. Hier machten wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit Riffhaien. Dass sie relativ harmlos waren, musste ich erst lernen, denn als ich ihnen begegnete, verschanzte ich mich vor lauter Furcht hinter einem Korallenblock. In Shaab Rumi sahen wir noch eine Konstruktion, die Cousteau zurückgelassen hatte, er hatte sich dort eine «Wohnung» unter Wasser einrichten wollen.
