Der entschwundene Sommer - Rebecca Martin - E-Book

Der entschwundene Sommer E-Book

Rebecca Martin

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Beschreibung

Ein malerisches Hotel, eine tiefe Freundschaft, ein erschütterndes Unrecht

Mia erbt nach dem Tod ihrer Großmutter ein halb verfallenes, idyllisch an einem See gelegenes Hotel im Taunus. Als sie mehr über die Vergangenheit des einst glanzvollen Hauses erfahren will, begegnet sie dem Iren Séan, der dort ebenfalls nach Antworten sucht. Gemeinsam stoßen sie auf die Geschichte jenes dramatischen Sommers kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der das Schicksal von vier Menschen für immer veränderte …

Eine fesselnde Familiensaga aus Deutschland – der neue Roman von SPIEGEL-Bestsellerautorin Rebecca Martin

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Seitenzahl: 550

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Originalausgabe 04/2014

Copyright © 2014 by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Redaktion | Carola Fischer

Umschlaggestaltung | t.mutzenbach design, München

Umschlagmotiv | © plainpicture/wildcard;

Holger Leue / LOOK-foto; shutterstock

Satz | C. Schaber Datentechnik, Wels

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-11318-6

www.diana-verlag.de

1

Das Ende der Kindheit, 1912

Corinna setzte sich abrupt auf und brachte das Boot dadurch bedenklich zum Schaukeln. Für einen Augenblick stockte der Fünfzehnjährigen der Atem, und das nicht nur der schwankenden Nussschale wegen. Weiter hinten am Horizont, gen Westen, war es in kurzer Zeit noch dunkler geworden. Mächtige Wolken türmten sich drohend himmelhoch auf und kündeten von dem Gewitter, das schon den ganzen Tag über diesem Ort gelastet hatte. Corinna umklammerte mit beiden Händen den Bootsrand, so sehr, dass ihre Finger zu schmerzen begannen. Weiß zeichneten sich die Knöchel unter der Haut ab. Wind kam auf, streifte über die Oberfläche des Sees und ließ hier und da kleine Wellen entstehen. Wasser klatschte gegen die Bootswand. Etwas weiter entfernt ragte zu beiden Seiten des Sees hoch und dunkel und nunmehr ebenso bedrohlich anzusehen der Wald auf. In Reichweite von Corinna rauschte das Schilf am eigentlich nahen und für sie doch so fernen Ufer in den ersten heftigeren Windböen. Fast sah es aus, als würde sie danach greifen können, aber steif vor Angst getraute sie sich nicht, sich zu bewegen oder auch nur den Bootsrand loszulassen. Als sie die Augen schloss, zitterten Tränen an ihren Augenlidern.

Wie konnte das nur geschehen? Wie bin ich hierhergeraten?

Corinna öffnete die Augen. In diesem kurzen Zeitraum hatte der immer stärker auffrischende Wind das Boot noch weiter vom rettenden Ufer fortgetrieben, weg auch von der Seite des Sees, auf der sie vielleicht noch auf sich hätte aufmerksam machen können. In der kleinen Bucht, in die sie nun hineintrieb, würde sie vom Hotel zum Goldenen Schwan aus nicht mehr zu entdecken sein. Und das Ufer blieb ebenfalls unerreichbar: Corinna hatte nie schwimmen gelernt.

Sie bemühte sich, ruhiger zu atmen. In einiger Entfernung erkannte sie bald darauf, dunkel, länglich und irgendwie höhnend die im Wasser schaukelnden Ruder, die ihrer gleichaltrigen Freundin Beatrice – gerade eben noch, wie es Corinna schien – ungeschickt aus den Händen gerutscht waren. Es war auch Beatrices Idee gewesen, sich in diesem Boot zu verstecken.

»Da finden sie uns nie«, hatte sie gesagt und damit Johannes und Ludwig von Thalheim gemeint, die beiden Brüder, mit denen sie seit vielen Jahren die Sommer verbrachten. So sollte es auch dieses Jahr sein. »Wir müssen uns nur ganz flach auf den Rücken legen, dann bemerken sie uns nicht. Du wirst schon sehen. Die kommen nie auf unser Versteck.«

Corinna erinnerte sich, kurz gezögert zu haben, aber Beatrices entschlossene Stimme duldete keinen Widerspruch.

Also bin ich ihr gefolgt. Wie immer.

Beatrice war schließlich die Tochter von Hermann Kahlenberg, dem Besitzer des Hotels zum Goldenen Schwan und damit Mamas Arbeitgeber. Beatrice traf die Entscheidungen. Das hatte sie immer getan, und Corinna, die sich mit Entscheidungen schwertat, hatte sie dafür auch stets bewundert. Beatrice kannte kein Zögern und keine Furcht. Es war gut, ihre Freundin zu sein.

Corinna sah wieder nach Westen, in die Richtung, aus der sich das Gewitter anbahnte. In den letzten Minuten hatte sich der Himmel weiter verdunkelt. Der Wind türmte das Wasser zu immer höheren Wellen auf. Das Boot schaukelte unablässig.

Noch regnete es nicht. Corinna fröstelte in ihrem Unterkleid. Die restliche Kleidung und ihre guten Schuhe lagen neben ihr im Rumpf. Sie hatte sie abgelegt, als sie erstmals daran gedacht hatte, das Boot zu verlassen. Corinna biss sich auf die Unterlippe: Ich will nicht hier sein, ich will nicht alleine auf dem See sein, nicht bei Gewitter … Aber auch wenn sie die Augen schloss, um einfach nichts mehr zu sehen, erinnerte sie das stete Auf und Ab des Boots unerbittlich daran, wo sie sich befand.

Aber vielleicht würde sie der Wind dem Ufer ja doch noch nahe genug bringen, auch wenn es momentan eher danach aussah, als treibe sie direkt ins Schilf hinein, wo das Anlanden schwierig wurde.

Ob Mama rechtzeitig bemerkt, dass ich nicht da bin? Nein, wahrscheinlich fiel es Irene Mayer frühestens am nächsten Morgen auf. Die Arbeit in der Küche war schwer, und danach fiel sie meist nur noch erschöpft ins Bett, ohne sich zu versichern, ob die Tochter denn überhaupt in ihrem lag.

Corinna hatte auf diese Weise gelernt, früh auf sich selbst aufzupassen. Sie kannte es nicht anders. Schon als Vierjährige hatte sie allein gegessen und sich selbst fürs Bett fertig gemacht. Morgens war sie oft allein aufgestanden und hatte sich auch ohne fremde Hilfe angekleidet. Mittags hatte sie dann in der Hotelküche gegessen, wo sich häufig Beatrice zu ihr gesellt hatte, die das Essen in der Küche abenteuerlich fand.

Und wo blieb Beatrice jetzt? Würde sie Hilfe holen können, wie versprochen?

Corinna schauderte. Sie hatte gleich ein schlechtes Gefühl gehabt, bei der Wahl dieses Verstecks, und sich doch nicht dagegen ausgesprochen. Erstmals mischten sich in ihr Angst und Ärger über die Situation, in die ihre beste Freundin sie gebracht hatte. Noch einmal versuchte sie, den Abstand zum Ufer einzuschätzen. Aber nein, es war einfach zu weit weg.

Und wenn ich ins Wasser springe und mich außen am Boot festhalte? Vielleicht wird es mir so gelingen, an Land zu kommen? Unwillkürlich dachte Corinna an die Wasserpflanzen. Ein neuer Schauder überlief sie. Gewiss würden sich die langen, biegsamen Stängel des Tausendblatts um ihre Beine winden und sie zu Fall bringen. Sie hasste Wasserpflanzen, sogar die Seerosen, die es hier und da gab. Wenn sie an die glitschig feuchte Berührung dachte, zitterte sie wie Espenlaub. Deshalb planschte sie gewöhnlich auch höchstens mal in der Nähe des Sandstrandes, oder setzte sich auf einen abgelegenen Bootssteg und kühlte sich an heißen Sommertagen ab, indem sie die Beine ins Wasser baumeln ließ. Dort war das Wasser frei von den verhassten Pflanzen.

Corinna reckte den Hals und schaute noch einmal zur Hoteluferseite hin. Inzwischen war das Gebäude nicht mehr zu sehen, nur noch das Dach und der obere Giebel mit Beatrices Fenster. Ob die Freundin das Haus inzwischen sicher erreicht hatte – oder war sie, wie von ihnen beiden befürchtet, ihrer Mutter, Edith Kahlenberg, in die Arme gelaufen?

In der Ferne grollte es gefährlich. Schlagartig wurde es noch düsterer, der See verlor den letzten Rest seiner Schönheit. Windböen peitschten über die Wasseroberfläche, erste, vereinzelte Regentropfen platschten auf das Boot und auf Corinna. Es war so weit. Das Gewitter würde sie in Kürze erreicht haben.

Soll ich schreien? Aber wer wird mich hier draußen um diese Uhrzeit hören?

Der Speisesaal war jetzt bis auf den letzten Platz besetzt, das Personal hatte alle Hände voll zu tun.

Und wenn ich mich über den Bootsrand beuge und das Boot mit den Händen paddelnd in die richtige Richtung bringe?

Corinna versuchte es sofort, und gab schon im nächsten Augenblick bebend wieder auf. Um ins Wasser zu gelangen, musste sie sich sehr weit über den Bootsrand beugen, und dann lief sie Gefahr, doch hineinzustürzen und zu ertrinken.

Wieder einmal richtete sie sich resigniert auf. Der Warnruf eines Vogels ließ sie zusammenzucken, ein Schatten flatterte über sie hinweg. Der Donner grollte noch lauter.

Aber ich muss etwas tun.

Corinna überwand sich nochmals. Es gelang ihr, das Wasser mit einer Hand zu erreichen. Wieder schauderte sie. Es war erst Anfang des Sommers und das Wasser tatsächlich noch recht kühl. Aber es half nichts. Sie musste handeln, musste sich retten. Sie schwang die Beine über den Bootsrand, zögerte erneut. Als sie sich sachte vorbeugte, kippte das Boot. Bevor sie sichs versehen hatte, rutschte Corinna nach vorn. Das kalte Wasser, das über ihrem Kopf zusammenschlug, nahm ihr zugleich den Schrei und den Atem. Wie ein Stein ging sie unter.

Ich ertrinke, o mein Gott, ich ertrinke …

Corinna schlug um sich. Dann fanden ihre Füße den Boden, feuchten, schlammigen Seeboden. Sie durfte sich nicht vorstellen, was da unter ihr war, wenn die Angst sie nicht vollkommen lähmen sollte.

Und jetzt? Sie konnte stehen, ja, aber wenn sie sich reckte, erreichte sie gerade eben den Bootsrand, und dann fehlte ihr die Kraft, sich und das Boot in Richtung Ufer zu bewegen. Sie wollte das Boot aber nicht verlassen. Es war ihre einzige Sicherheit.

Das nächste Donnern klang grollender und bedrohlicher als zuvor. Auf Corinnas Gesicht mischten sich die Tränen mit dem Wasser des Sees. Sie konnte nichts dagegen tun, ebenso wenig wie gegen die quälenden Gedanken, die sie einfach nicht losließen: Ich werde ertrinken. Allein. Hier draußen.

Das Boot schaukelte, als sie sich in ihrer Angst höher reckte, um sich besser festzuhalten. Im nächsten Moment wäre es fast gekentert. Corinna schrie auf. Aber niemand hörte sie. Ihre Stimme verlor sich im aufkommenden Gewittersturm.

2

Der siebzehnjährige Johannes ging wie immer voraus, während sein fünfzehnjähriger Bruder Ludwig hintendrein lief. Johannes fiel das erstmals auf, als er sich kurz umdrehte, und er erkannte gleichzeitig überrascht, dass er sich noch niemals zuvor Gedanken darum gemacht hatte. Er war der Ältere, es schien nur natürlich, dass er vorausging.

Kurz nach dem Mittagessen waren sie heute im Hotel zum Goldenen Schwan eingetroffen, wo die Familie von Thalheim, wie schon in den vergangenen fünf Jahren, ihre Sommerfrische verbringen würde. Als besonders gute Gäste hatten die Hotelbesitzer, Herr und Frau Kahlenberg, seine Eltern, Cornelius und Gesine von Thalheim, persönlich begrüßt. Man hatte ihnen ein leichtes Mahl bereitet, obgleich die Küche erst später aufmachte, aber die Brüder hatten sich lieber gleich getrollt. Während das Gepäck nach oben gebracht wurde, machten sich die Jungen ungeduldig davon, entschlossen, die Welt, die für die nächsten Wochen ihre sein würde, nach einem langen Jahr neu zu entdecken. Bereits hinten bei der Schaukel trafen sie auf die Mädchen. Offenbar hatten Beatrice und Corinna sie erwartet. Beatrice hatte auf der Schaukel gesessen, aber sie hatte es nicht mehr wie ein Kind getan, sondern deutlich die Frau verraten, die sie einmal werden würde, und er hatte für einen Moment lang den Blick nicht von ihr nehmen können. Obgleich sie sich zwölf Monate lang nicht gesehen hatten, war ihnen allen gewesen, als hätten sie sich erst am Vortag getrennt. Es hatte keinen Moment des Fremdseins gegeben, nicht das geringste Zögern. Sie hatten sich rasch darauf geeinigt, wieder lange Tage am See zu verbringen, natürlich in der Bucht dort drüben, auf der vom Hotel abgewandten Seite, wo sie für sich sein konnten. Kurz darauf waren sie gemeinsam durch die großzügige Parkanlage gestromert, die das Hotel umgab. Es war Beatrices Idee gewesen, Verstecken zu spielen, eigentlich ein Kinderspiel, aber in kürzester Zeit hatten alle ihr Vergnügen daran entdeckt.

Und eigentlich, Johannes runzelte die Stirn, hatte er es für ziemlich unmöglich gehalten, dass die Mädchen einfach so spurlos verschwanden. Jetzt war auch noch ein Gewitter im Anmarsch.

Sollten sie aufgeben? Johannes legte den Kopf in den Nacken. Die ersten Regentropfen benetzten sein Gesicht. Das ferne, dunkle Grollen rückte immer näher und ließ sich längst nicht mehr überhören.

»Es regnet«, war nur einen Atemzug später Ludwigs Stimme zu hören. Johannes antwortete nicht. Er musste plötzlich daran denken, dass er schon die ganzen letzten Wochen lang daheim auf Gut Thalheim auf ihre Ankunft hier im Taunus gewartet hatte. Er hatte sich an das letzte Jahr erinnert, an Ausflüge und an lange Nachmittage an dem Waldsee, der das Hotel für ihn zu etwas Besonderem machte. Er hatte auch darüber nachgedacht, ob sie nicht langsam zu alt für ihre Spiele wurden, die aber doch immer aus dem Moment heraus entstanden und für die er sich stets nur anfangs zu groß fühlte.

Aber nein, Johannes beschleunigte seine Schritte, wir sind nicht zu alt fürs Versteckspiel, auch nicht fürs »Fang mich doch«, noch nicht einmal für »Blindekuh«. Wir werden niemals zu alt sein.

An dem Geräusch in seinem Rücken erkannte er, dass Ludwig ebenfalls schneller lief. Ob die Mädchen wohl noch in ihrem Versteck ausharrten, oder hatten sie sich vor dem aufziehenden Gewitter ins Haus gerettet? Eigentlich konnte Johannes sich nicht vorstellen, dass Beatrice einfach so aufgab – sie gewiss nicht.

Sie ist wirklich etwas Besonderes.

Der Gedanke, so plötzlich in seinem Kopf, ließ ihn unvermittelt stehen bleiben.

»Wir müssen zum Abendessen«, murrte Ludwig hinter ihm. »Außerdem regnet es. Schon gemerkt?«

»Natürlich, aber zuerst müssen wir Beatrice und Corinna finden«, gab Johannes zurück. »Vorher hab ich ohnehin keinen Hunger.«

Er bückte sich nach einem Stecken, den er vor sich auf dem Boden entdeckt hatte, und ließ ihn gleich darauf mit weit ausholenden Schlägen durchs Schilf sausen. Als er bemerkte, dass Ludwig sich nicht von der Stelle rührte, drehte er sich halb zu ihm hin.

»Aber ich hab Hunger«, beharrte der Jüngere.

»Dann geh doch. Ich finde die beiden Mädchen jedenfalls. Ich will nämlich gewinnen.« Johannes grinste. »Du nicht?«

»Aber ich will nicht allein zurück«, entgegnete Ludwig und schob trotzig die Unterlippe vor. Johannes ließ den Stecken sinken.

»Mama wird dich schon nicht fressen«, gab er gleichmütig zurück.

»Ich hab keine Angst vor Mama.« Ludwigs Stimme klang scharf. »Aber sie wird ärgerlich sein, wenn du nicht da bist«, fügte er dann hinzu.

Johannes schwieg. »Aber es ist noch so schön hier draußen«, bemerkte er dann und bewegte seine nackten Zehen.

Ja, das war es; er fühlte sich frei hier, frei von den drückenden Zwängen und Erwartungen seiner Familie. Anfang des Jahres war er siebzehn Jahre alt geworden. Sein Vater rechnete fest damit, dass er nun sehr bald seinen Militärdienst antrat, so wie es in ihrer Familie Brauch war. In Vorbereitung darauf sollte er im Herbst einige Zeit im Haus von Onkel Falkenstein, einem erfahrenen Militär, wohnen. Johannes hatte noch nie viel mit dem Soldatentum anfangen können, das seine Familie ausmachte. Er malte gern, er erschuf Dinge mit den Händen, etwas, was für den Vater, mehr noch aber für seine Mutter, für die Gestaltung seiner Zukunft nicht infrage kam.

Militärdienst … Johannes starrte seine Zehen an. Nein, das war eher etwas für Ludwig. Der konnte es ja kaum erwarten, sich zu melden, das hatte er erst gestern wieder während der Fahrt betont.

Aber jetzt ist erst einmal Sommer, dachte Johannes, und ich will nicht darüber grübeln.

Er hob den Kopf, straffte den Nacken. Sein Blick wanderte erneut zu den dunklen, drohenden Wolken im Westen hinüber. Er spürte, dass die Regentropfen dicker und kälter wurden.

»Das Gewitter kommt immer näher«, stellte Ludwig fest.

»Hm.« Johannes entschied, trotzdem weiterzulaufen. Sein Stecken raschelte durchs Schilf. Ludwig schloss sich ihm laut aufseufzend an.

»Wir werden nichts mehr bekommen«, versuchte der Jüngere es noch einmal. »Mama und Papa werden uns auf unser Zimmer schicken.«

»Dann gehen wir eben später in die Küche«, warf Johannes über seine Schulter zurück. »Beatrice hilft uns. Du wirst schon sehen. Das wird noch ein richtiges Abenteuer.«

»Mama wird das nicht gut finden.«

»Mama wird das gar nicht bemerken.«

Ludwig verstummte. Dann räusperte er sich.

»Mama möchte auch gar nicht, dass wir so viel mit den Mädchen spielen. Das ist unschicklich, sagt sie. Diese Leute sind nicht wie wir.«

»Ach, wirklich?«

Johannes setzte seinen Weg fort, ohne den Bruder eines Blickes zu würdigen. Wer brachte Ludwig auf solche Gedanken? Beatrice, Corinna, Ludwig und er selbst waren immer gute Spielkameraden gewesen … Nun, Ludwig wollte es Mama natürlich stets recht machen. Dabei zollt sie ihm nie auch nur den kleinsten Dank für seine Nibelungentreue.

Nachdenklich ließ Johannes seinen Stecken sinken. Das Verhältnis zwischen Mama und Ludwig war schon immer seltsam gewesen, ohne dass er genau hätte benennen können, was es ausmachte. Als Kind war da so ein Gefühl gewesen, dass etwas zwischen den beiden nicht stimmte. Bis heute hatte sich daran nichts verändert.

Johannes sah seinen Bruder nachdenklich von der Seite an. Ludwig tat ihm mit einem Mal leid, aber er hätte seine Gedanken niemals aussprechen können, ohne ihm zu nahe zu treten. Also ging er einfach weiter.

Mit jedem Schritt spürte Johannes jetzt mehr Sand unter den Füßen. Sie näherten sich der kleinen Bucht, in der sie schon ganze Nachmittage gemeinsam mit Beatrice und Corinna verbracht hatten. Als sie das Ziel erreichten, atmete Johannes tief durch, ließ endlich den Stecken fallen und stemmte die Hände in die Hüften. Das auf den letzten Metern dicht wachsende Schilf verlor sich an dieser Stelle und gab den Blick auf den See frei. Ein Stück weiter stand eine alte Trauerweide, von der aus ein dicker Ast bis weit übers Wasser hinweg ragte. An der vordersten Spitze hatten Beatrice, Ludwig und er selbst im letzten Jahr ein dickes Tau befestigt, waren hochgeklettert und hatten sich dann immer wieder von dort aus ins Wasser fallen lassen.

Für einen Augenblick verlor Johannes sich in Erinnerungen. Der Blitz, der im nächsten Moment vom Himmel herabfuhr, ließ beide Brüder zusammenzucken. Dann donnerte es krachend.

»Komm, jetzt ist es aber wirklich Zeit«, drängelte Ludwig.

Johannes kniff die Augen zusammen und trat einen Schritt vor.

»He, guck mal, da ist jemand auf dem See.«

»Was?« Ludwig schüttelte den Kopf. »Bei diesem Wetter? Blödsinn!«

»Doch«, Johannes streckte den Arm aus, »da drüben.«

Ludwig trat an seine Seite, kniff die Augen zusammen und sagte nichts mehr. Vor ihnen, etwa zwanzig Meter vom Ufer entfernt, schaukelte das Ruderboot, das sie selbst schon oft benutzt hatten.

»Aber da ist ja gar keiner drin«, stellte der Jüngere fest.

Johannes war indes bereits in kurzer Hose ein paar Schritte ins Wasser hineingelaufen. Die Kälte ließ ihn frösteln.

»Guck mal, das Ruder.« Johannes streckte den Arm aus und deutete auf etwas, das einige Meter entfernt vom Boot im Wasser trieb. »Wie ist das denn da hingekommen, wenn niemand im Boot ist – na, sag schon?«

Ludwig zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht, aber siehst du hier vielleicht irgendjemanden?«

Johannes reckte sich und spähte wieder auf das Wasser hinaus. Und dann hörten sie es beide, leise und kläglich: »Hilfe, helft mir doch, bitte! Hilfe!«

Im nächsten Moment war Johannes schon fast fünf Meter weit ins Wasser hineingelaufen. Wieder blitzte und donnerte es.

»Es ist Gewitter, du kannst nicht ins Wasser gehen!«, trug Ludwigs Stimme hinter ihm her.

Johannes blieb stehen, sah seinen Bruder an und deutete dann mit eindringlicher Geste in Richtung des Bootes: »Hast du es etwa nicht gehört? Da draußen ist jemand!«

Ludwig trat unruhig von einem Bein auf das andere.

»Aber das ist gefährlich. Wir könnten doch Hilfe holen.«

Johannes schüttelte den Kopf. »Dann ist es womöglich zu spät!«

»Aber …«

Johannes wandte sich schon wieder ab und lief weiter, warf sich, als das Gehen zu anstrengend wurde, ins Wasser und schwamm los. Er war ein guter Schwimmer, bemerkte aber rasch, dass es dieses Mal schwierig werden würde. Ein kräftiger Wind war aufgekommen. Immer mehr Wellen bildeten sich, die das Fortkommen deutlich erschwerten. Zudem trieb das Boot weiter und weiter ab, und er musste sich anstrengen, ihm zu folgen. Er rief, bekam aber keine Antwort, rief noch einmal, schluckte Wasser und musste heftig husten.

Nun gut, vorerst würde er sich ausschließlich auf das Schwimmen konzentrieren. Er musste wirklich alle Kraft dafür aufwenden, dabei war er ein guter Schwimmer. Manchmal schwappten die Wellen jetzt höher, über seinen Kopf hinweg, sodass er beim Luftholen aufpassen musste. Johannes arbeitete kräftig mit den Beinen, während er innerlich mitzählte. Eins. Zwei. Drei. Vier. Und wieder von vorne. Eins. Zwei. Drei. Vier.

So ging es besser. Endlich näherte sich das Boot, langsam zwar, aber doch stetig. Jetzt konnte er es schon fast berühren. Ein Kopf tauchte mit einem Mal über den Wellen auf und verschwand sofort wieder: »Corinna!«

Johannes erreichte das Boot, ließ es aber sofort wieder los. Es schaukelte heftig. Wo war sie? Wo war Corinna jetzt? Er wandte den Kopf und sah zu der kleinen Bucht zurück. Ludwig winkte ihm zu, gestikulierte, schrie etwas unhörbar in den Wind.

Entschlossen kämpfte Johannes sich um das Boot herum. Auch hier niemand … Weit und breit war niemand zu sehen.

Er warf erneut den Kopf herum, sah nach links, nach rechts, in alle Richtungen. Irgendwo musste Corinna sein. Sie konnte doch nicht einfach verschwinden? Natürlich war das Wasser unruhig, und es war sicher nicht leicht, stehen zu bleiben, aber immerhin konnte man hier doch stehen.

»Corinna!«, brüllte er nochmals. Eine neue Welle schwappte Wasser in Johannes’ offenen Mund. Er hustete stark, da schoss plötzlich, etwa zwei Meter von ihm entfernt, ein Kopf aus dem Wasser und verschwand lautlos wieder.

Corinna! Johannes stürzte sich in die Richtung, in der er das Mädchen zuletzt gesehen hatte, tastete panisch im Wasser unter sich herum. Wo war sie? Wo war sie, verdammt? Wieder schoss der Kopf hoch; stumm, kein Laut, die Augen vor Schreck und Panik geweitet. Johannes nahm alle Kraft zusammen und hechtete zu ihr, bekam sie zu fassen. Corinna schlug um sich, kratzte, erwischte ihn schmerzhaft irgendwo im Gesicht. Er packte ihre Arme, dankbar dafür, dass sie so klein und zart war, viel mehr Kind noch als Frau. Sie wehrte sich noch etwas, dann, mit einem Mal, erschlaffte ihr Körper.

3

Einige Stunden früher … Eine Weile lang lagen Corinna und Beatrice im Boot auf dem Rücken und schauten in den tiefblauen Sommerhimmel hinauf, über den hier und da dünne Wolkenschleier zogen. Es war den ganzen Tag über sehr warm gewesen, fast schon drückend heiß, und bestimmt würde es am Abend ein Gewitter geben. Noch war davon aber nichts zu bemerken. Das Boot schaukelte sanft und machte die beiden Mädchen mit seinen Bewegungen schläfrig. Es war schon länger her, dass sie zuletzt Johannes’ und Ludwigs Stimmen gehört hatten, die sich jedoch bald wieder entfernten. Nach kurzem Schweigen fingen die Mädchen wieder an, leise miteinander zu reden. Niemand hörte sie. Das Plätschern des Wassers schluckte ihre Stimmen, während sie über die höhere Schule sprachen, auf die Beatrice im Herbst wechseln würde, und über die Arbeit, die Corinna am Ende dieses letzten gemeinsamen Sommers in der Küche des Hotels antreten sollte.

Beatrice rollte sich auf die Seite und stützte ihren Kopf auf die rechte Hand. »Kannst du dir das überhaupt vorstellen? In der Küche zu arbeiten, meine ich? Überhaupt zu arbeiten … Irgendwie ist das doch eine komische Vorstellung. Dass du schon weißt, was du werden willst, ist auch irgendwie seltsam. Ich weiß das noch gar nicht …«

Corinna zuckte die Achseln. Nun, es war ja nicht so, dass sie sich groß Gedanken darum gemacht hatte, welchen Beruf sie ergreifen könnte. Ihre Mutter Irene arbeitete in der Küche, also würde sie es auch tun. Sie würde keine Ausbildung machen, nicht weiter zur Schule gehen … Sie musterte die Freundin.

»Wie meinst du das? Werdet ihr nicht ohnehin das Hotel übernehmen, du und dein Zukünftiger? Du wirst Hotelbesitzerin, ganz einfach.«

Beatrice schnalzte mit der Zunge. »Vermutlich.« Sie feixte. »Mein Weg ist also auch schon vorgezeichnet.«

Corinna gab keine Antwort, während sie wieder einmal an die Zeit nach diesem Sommer dachte. Sie hatte sich nie Gedanken darum gemacht, was dann sein würde. Warum sollte sie das auch? Warum sollte sie sich den Kopf über Dinge zerbrechen, die sich ohnehin nicht ändern ließen? Mama hatte ja sogar verlangt, dass Corinna gleich zu Beginn der Sommerferien zu arbeiten anfinge, aber Beatrices Vater hatte sich dagegengestellt. Corinna war froh, dass ihr wenigstens diese Wochen geblieben waren.

Und deshalb werde ich mich immer an diesen Sommer des Jahres 1912 erinnern.

Auch Beatrices Mutter Edith hatte davon überzeugt werden müssen, dass Irene Mayers Tochter erst nach dem Sommer mit der Arbeit beginnen würde.

»Aber wir werden alle Hände gebrauchen können, Hermann«, hatte sie argumentiert. »Besonders im Sommer. Das Haus wird voll besetzt sein.«

»Sie ist doch noch ein Kind«, hatte Hermann gutmütig erwidert, »lass ihr diesen Sommer. Sie müssen noch schnell genug erwachsen werden.«

Corinna erinnerte sich an Frau Kahlenbergs prüfenden Blick auf ihre dünnen Arme. Bitte, hatte sie wortlos gefleht, bitte lass mir noch diesen einen Sommer, nur diese paar Wochen, in denen alles ist, wie es immer war. Nach diesem Sommer wollte sie ihre Arbeit ja tun, gewiss nicht gerne, aber sie würde sie tun.

Ihre eigene Mutter hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen, sie mehrfach darauf hinzuweisen, dass sich Corinna am untersten Ende der Hierarchie wiederfinden würde – bei den Spülerinnen, den Mädchen, die das Gemüse putzten, die Kartoffeln schälten, alle Zuarbeit verrichteten, morgens die Kamine auskehrten und sich niemals, niemals vor den Gästen zeigten. Sie würde ein graues Kleid tragen und eine dunkle Schürze dazu – keine weiße, die stand nur den Mädchen von oben zu.

Aber einen Sommer habe ich noch … Und ja, sie würde Beatrices Vater immer dafür dankbar sein. Er war derjenige, der Wärme in ihr Leben brachte, ein guter Mensch. So nannte man das wohl. Beatrices Mutter Edith dagegen ging Corinna lieber aus dem Weg, und sie wusste, dass es Beatrice selbst ähnlich erging.

Beatrice bewegte sich jetzt wieder, setzte sich gerade im Boot auf. Eine Weile hatten sie nun wirklich gar nichts mehr von den Jungen gehört. Offenbar suchten die beiden sie woanders, was bedeutete, dass Beatrice recht gehabt hatte mit der Wahl des Verstecks. Die lachte jetzt plötzlich laut auf, beruhigte sich aber gleich wieder und ließ ihren Mund ein kleines »Oh« formen.

Corinna kniff die Augen zusammen, um den Gesichtsausdruck der Freundin besser erkennen zu können.

»Was ist denn?«, fragte sie und rappelte sich ebenfalls auf.

Und dann sah sie es auch schon selbst: Das Boot befand sich nicht mehr neben dem Steg, es war abgetrieben. Das Seil, mit dem es festgemacht war, musste sich unbemerkt gelöst haben. Wer von ihnen beiden es versäumt hatte, die Befestigung noch einmal zu überprüfen, ließ sich im Nachhinein nicht klären. Nun war es in jedem Fall zu spät.

Beatrice lachte wieder, während sich Corinnas Magen zusammenkrampfte. Natürlich, Beatrice ließ sich nie von etwas beeindrucken. Spontan griff sie nach den Rudern, doch die waren wohl schwerer als erwartet, und noch bevor Beatrice sie in den Halterungen hatte befestigen können, waren sie auch schon ihren Händen entglitten und trieben im Wasser davon. Der Versuch der Mädchen, sie wieder herauszufischen, brachte das Boot fast zum Kentern. Beatrice lachte daraufhin noch lauter.

Corinna selbst kämpfte gegen die Tränen. Wie sollten sie denn wieder an Land kommen, in einem Boot ohne Ruder? Sie sah zu Beatrice hin, die offenbar bereits den Abstand vom Boot zum Land abschätzte. Sie fragte sich gerade, ob Beatrice tatsächlich daran dachte, ans Ufer zu schwimmen, als diese sich schon blitzschnell ihres leichten Sommerkleides und ihrer Schuhe entledigt hatte und, nur mit Unterwäsche bekleidet, über den Rand des Boots ins Wasser glitt. Die Freundin tauchte unter, dann durchbrach ihr Kopf die glitzernde Wasseroberfläche.

»Herrlich!«, rief sie Corinna prustend zu und grinste breit. »Auf Zehenspitzen kann man hier noch gut stehen. Komm, wir laufen einfach ans Ufer.«

Corinna schüttelte ängstlich den Kopf. »Kannst du nicht das Boot ziehen?«, bat sie ihre Freundin.

Beatrice versuchte es, gab aber rasch auf. »Es ist zu schwer«, sagte sie. »Du wirst doch laufen müssen.«

»Aber ich kann nicht schwimmen.«

»Du kannst hier stehen«, wiederholte Beatrice diesmal überdeutlich, als spreche sie mit einem kleinen Kind. »Auf Zehenspitzen. Du musst gar nicht schwimmen.«

Corinna schüttelte erneut heftig den Kopf. »Ich kann nicht. Ich habe Angst.«

»Vor Wasser?«, begann Beatrice sie zu necken. Corinna gab keine Antwort. »Na, dann eben nicht«, murmelte Beatrice. Als sie losließ, gab sie dem Boot ungewollt einen Stoß. Corinna verfolgte halb erstarrt, wie sich das Ufer noch ein wenig weiter entfernte. Jetzt war es gänzlich unmöglich, an Land zu kommen. Auch wenn sie sich doch noch überwunden hätte – hier konnte sie wirklich nicht mehr stehen.

»Holst du Hilfe?«, rief sie der Freundin mit zitternder Stimme hinterher. Beatrice drehte sich um.

»Natürlich, was denkst du denn?« Sie strich sich eine nasse blonde Haarsträhne aus der Stirn. »Es wird aber vielleicht etwas dauern. Du weißt ja, ich muss hinten ums Haus herum. Wenn Mama mich so in Unterwäsche draußen sieht, wird sie außer sich sein. Sie wird glauben, dass es deine Schuld ist, und dann verbietet sie uns sicher endgültig den Kontakt miteinander, und du landest gleich in der Küche. Aber vielleicht finde ich ja auch Papa zuerst, oder sogar einen der Jungs … Johannes kann schwimmen, Ludwig auch. Hab keine Angst, ich rette dich. Das ist doch selbstverständlich.«

Corinnas Hände umklammerten den Bootsrand. Was und wie auch immer, fuhr ihr durch den Kopf, nur beeil dich!

Während Beatrice sich entfernte, presste sie die Lippen aufeinander. Mit einem Mal drängte Ärger in ihr hoch. Das kam alles nur davon, dass Beatrice immer bestimmen musste. Beatrice entschied, was gespielt wurde, wohin sie gingen, welche Lieder sie sangen. Sie bestimmte einfach alles, ganz gleich, wie gefährlich oder albern es auch war. Es schien ja auch nur zu natürlich, sie war Hermann Kahlenbergs Tochter, die Tochter des Mannes, dem das ganze Gelände hier, das prächtige Hotel und auch der Waldsee gehörten, der in mühevoller Arbeit von seinen Urgroßeltern angelegt worden war. Corinna aber, kaum vier Monate jünger, war lediglich das Kind der Hilfsköchin, ein Bastard noch dazu, der seinen Vater nicht kannte und von dessen Mutter man sich erzählte, dass ihre Freizügigkeit sie einmal ins Grab bringen würde. Ging es nach Beatrices Mutter, so konnte Corinna froh sein, dass sie sich überhaupt in Beatrices Nähe aufhalten durfte. Edith Kahlenberg sah die Freundschaft der Mädchen mit äußerstem Unwillen und versuchte bei jeder Gelegenheit, einen Keil zwischen das Gespann zu treiben.

Was sollen die Leute denken, hatte Corinna sie einmal zu Herrn Kahlenberg sagen hören, als sei etwas Schmutziges an Corinna, etwas, was sie von den anderen Kindern unterschied und was es ihr unmöglich machte, mit Beatrice befreundet zu sein.

Ginge es nach Edith Kahlenberg, würde Beatrice eine Dame werden und gut heiraten, eine Vorstellung, über die die Mädchen gern lachten, während sie sich barfüßig durchs Unterholz schlugen. Noch ließ Beatrice genauso wenig die Dame in sich erkennen wie Corinna. Sie waren Freundinnen und das, seitdem sie zum ersten Mal gemeinsam auf Beatrices Wippe gesessen hatten.

Corinna sah nochmals in die Richtung, in der Beatrice verschwunden war, ließ dann ihren Blick unbehaglich über das Wasser schweifen.

Hast du endlich schwimmen gelernt?, hatte der ältere Johannes sie gefragt, als sie heute Mittag zum ersten Mal seit zwölf Monaten wieder voreinandergestanden hatten.

Corinna hatte den Kopf geschüttelt. Jetzt fängt mein letzter Sommer an, hatte sie nur gedacht.

Wenn du willst, bring ich es dir bei, hatte Johannes gesagt und die Hände in die Hüften gestemmt. Während seiner Abwesenheit war er ein gutes Stück in die Höhe geschossen. Corinna erinnerte sich, in diesem Moment urplötzlich Beatrices Blick auf sich gespürt zu haben, und hatte nicht gewusst, was sie antworten sollte.

Auch jetzt fröstelte sie noch. Gesellschaftlich gesehen standen die adligen von Thalheims noch höher als die Kahlenbergs. Wenn Beatrices Mutter mit den von Thalheims sprach, wurde ihre Stimme ganz ehrerbietig, und Corinna ließ sich am besten gar nicht sehen. Was bedeutete es wohl, wenn ein Johannes von Thalheim anbot, einen das Schwimmen zu lehren?

Eine leichte Windböe trieb das Boot zur Seite, und Corinna hob den Kopf, um in Richtung Westen zu schauen. Dass es dort am Himmel immer dunkler wurde, war ihr schon aufgefallen. Inzwischen war es so düster, dass die hellen Sonnenstrahlen, die ab und an zwischen den Wolken durchspitzten, geradezu grell wirkten.

Wo blieb Beatrice nur? Vielleicht war sie doch Frau Kahlenberg in die Arme gelaufen und sofort auf ihr Zimmer geschickt worden?

Corinna hielt es für durchaus möglich, dass Frau Kahlenberg ihre Tochter zur Strafe einsperrte, ohne sie anzuhören. Hatte Beatrice ihrer Mutter wenigstens sagen können, dass Corinna sich auf dem See befand?

Prüfend schaute Corinna zum Horizont. In den wenigen Augenblicken, in denen sie es nicht getan hatte, war es dort noch dunkler geworden. Regenwolken dräuten. Neuer Wind kam auf. Das Boot schaukelte, trieb weiter, jedoch nicht zum Ufer hin, sondern im Kreis. Ob sie es wagen sollte zu schreien?

Dieses impertinente Kind kennt seinen Platz nicht. Jemand muss ihm zeigen, wo es hingehört, tönte wieder die Stimme von Beatrices Mutter in ihrem Kopf.

Das Wort »Kind« hörte sich aus Edith Kahlenbergs Mund tatsächlich wie etwas Widerwärtiges an. Corinna dachte daran, wie sie danach vor dem Spiegel gestanden und sich genau angesehen hatte.

Nein, sie war kein Engel wie Beatrice. Sie war kleiner als die Freundin, dunkelhaarig, mit dichten, fast buschigen, sehr geraden Augenbrauen, die ihr etwas Düsteres verliehen. Alles an ihr war eckig, Haare und Augen waren tiefdunkel. Rassig, sagten die Männer, wenn sie von ihrer Mutter sprachen … Vielleicht würden sie das irgendwann auch von ihr sagen.

Der heutige Nachmittag, an dem sie gleich nach deren Ankunft zum ersten Mal mit den Thalheim-Jungen gespielt hatten, schien eine Ewigkeit entfernt. Johannes würde in diesem Sommer wahrscheinlich zum letzten Mal mit den Mädchen spielen; nächstes Jahr würde er sich sicherlich endgültig zu groß dafür fühlen. Ludwig, auf der anderen Seite, war noch ein richtiger Junge, mit weichen, blonden Locken und ebenso weichen Gesichtszügen.

Verdammt, wo blieb Beatrice nur? Würde sie doch aus dem Boot klettern müssen, um selbst an Land zu kommen?

Aber ich kann nicht schwimmen.

Und Mama würde außer sich sein, wenn sie ihre Kleidung nass machte. Die guten Schuhe, die sie von einem Unbekannten zum Geburtstag bekommen hatte. Am Morgen ihres letzten Geburtstags hatte jemand das Paket gebracht: weiße Sandalen mit einer zarten Blütenstickerei, richtige Schuhe mit Sohlen aus Leder und nicht aus Holz.

Von deinem Vater, hatte Mama eines Abends, einige Wochen später, gesagt, als sie wieder einmal betrunken gewesen war. Schau nur, wie viel du ihm wert bist, ein ganzes, echtes Paar Schuhe.

Corinna hatte darüber gerätselt, ob die Stimme ihrer Mutter dabei abfällig geklungen hatte oder nicht. Eigentlich sprach Irene nie über Corinnas Vater. Eine Zeit lang hatte sie sogar behauptet, sie könne sich gar nicht an ihn erinnern, aber Corinna wusste, dass das nicht stimmte.

Sie erinnerte sich, die weißen, vorne geschlossenen Sandalen angeschaut und darüber gegrübelt zu haben, wie viel sie ihm nun tatsächlich wert war. Als sie am nächsten Morgen vorsichtig nachgefragt hatte, um doch noch mehr über ihren Vater zu erfahren, hatte ihre Mutter nichts mehr davon wissen wollen.

Ich war betrunken, Mädchen, da redet man dummes Zeug. Ich habe dir die Sandalen gekauft – wer denn sonst? Und ich prügele dich, dass dir Hören und Sehen vergeht, wenn da etwas drankommt. Und jetzt bedanke dich bei deiner Mutter, die sich Tag und Nacht für dich krumm schuftet.

Corinna hatte sich unsicher bedankt und doch gewusst, dass ihre Mutter log. Niemals hatte sie das Geld für diese Schuhe gehabt.

Einen Moment lang starrte Corinna noch auf die Sandalen, dann zog sie sie aus. Sie durften nicht nass werden. Danach schlüpfte sie aus ihrem Kleid, einem einfachen beigen Kittel, und kauerte im nächsten Moment fröstelnd im Unterkleid in der Mitte des Boots.

Mama hatte sie erwischt, gerade als es Beatrice fast gelungen war, sich hinten durch den Personaleingang ins Haus und hinauf in ihr Zimmer zu stehlen. Wer hatte auch ahnen können, dass Edith Kahlenberg just in diesem Moment dort vorbeikommen würde? Gewöhnlich war dieser Weg sicher, denn Mama fand sich zum Abendessen stets im großen Speisesaal ein, um kurze Gespräche mit den Gästen zu führen und natürlich auch, um allgemein nach dem Rechten zu sehen. Mama hatte die Dinge gern in der Hand. Doch heute war sie nicht im Speisesaal, jedenfalls ausgerechnet nicht zu der Zeit, als Beatrice sich nach oben schleichen wollte.

»Fräulein!«, hielt Mamas schneidende Stimme sie am Treppenaufgang zurück. Beatrice drehte sich um. Obwohl es ein warmer Sommertag war, fröstelte sie unter dem scharfen Blick ihrer Mutter in ihrer Unterwäsche unwillkürlich.

»Auf dein Zimmer«, herrschte Mama sie im nächsten Moment an. »Wir sprechen uns oben, Fräulein. Was denkst du dir eigentlich dabei, hier in diesem Aufzug herumzulaufen?«

»Aber, Mama, Corinna braucht unsere …«

»Schweig!«

Beatrice versuchte es noch einmal. »Mama, Corinna ist …«

Edith schüttelte den Kopf. »Habe ich mich nicht deutlich ausgedrückt? Nach oben, Fräulein!«

Und dann scheuchte Edith ihre Tochter auch schon auf dem schnellsten Weg hinauf in deren Zimmer. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, verzogen sich ihre kühlen, gleichmäßigen Gesichtszüge zu einer Maske des Zorns. Ihre sonst so weiche, ruhige Stimme schwoll zu einem Zetern an.

»Wo warst du die ganze Zeit? Du hast deine Pflichten, Beatrice. Irgendwann sollen dein zukünftiger Mann und du hier alles übernehmen, dann kannst du dich auch nicht nach Belieben herumtreiben!«

»Mama, Corinna ist allein auf dem See, in einem Boot!«

Nichts geschah. Beatrice hatte vieles erwartet, nicht jedoch, dass ihre Mutter sie nur stumm ansehen würde. »Mama, hörst du? Corinna …«

»Zieh dich an.« Von einem Moment auf den anderen hatte Edith ihre Wut gezügelt, so plötzlich, dass es unheimlich wirkte. »Zieh dich an«, wiederholte sie noch einmal sehr leise, »und kein Wort mehr. In spätestens zehn Minuten bist du bei Vater und mir im Büro.«

»Mama, Corinna …«, setzte Beatrice erneut an, was ihr umgehend eine Ohrfeige einbrachte.

»Solltest du dich nicht beeilen, wenn dir etwas an deiner Freundin liegt?«, sagte Edith nur und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer. Beatrice sah ihrer Mutter stumm hinterher, bis die Tür ins Schloss fiel.

Sobald sie allein war, eilte das Mädchen zum Fenster. Von hier oben hatte man einen guten Blick auf den See. Vorne, auf der Hotelseite, war der Sandstrand, den die Gäste nutzen konnten, und der große Bootssteg. Ein Kiesweg führte von dort links und rechts um den See herum. In einiger Entfernung vom Hotel und vom See begann ein lichter Wald aus hohen Kiefern. Rechter Hand fiel die große Trauerweide auf, eine solche befand sich auch auf der anderen Seite des Sees bei der Bucht, wo sie alle so gern spielten.

Vielleicht ist das Boot dorthin getrieben? Vom Fenster aus kann ich es jedenfalls nicht mehr sehen. Vielleicht, überlegte Beatrice weiter, war es Corinna gelungen, dort, auf der anderen Seite, an Land zu kommen?

Aber sie wusste es nicht, und deshalb musste sie sich beeilen und schnellstmöglich mit Papa sprechen. Papachen würde ihr zuhören. Er würde etwas tun.

Beatrice stürzte zum Schrank hinüber, holte sich das erstbeste Kleid heraus, zog auch frische, trockene Unterwäsche an, bürstete ihr Haar, flocht es zu einem Zopf. Mit einem kurzen Blick in den Spiegel versicherte sie sich, dass die Spuren der Ohrfeige nicht mehr zu sehen waren, und war kaum fünf Minuten später auf dem Weg nach unten.

Dort wartete Papa. Es war immer leichter, mit Papa zu reden.

ENDE DER LESEPROBE