Der erotische Roman 1 – Erotikroman - Nora Darcy - E-Book
Beschreibung

Der erotische Roman ist erregend gut geschrieben und von der ersten bis zur letzten Zeile sinnlich romantisch erzählt. Erfrischend natürlich geschilderte erotische Begegnungen der Liebenden fügen sich nahtlos in die Handlungssituationen ein. Den Schauplätzen selbst haftet ein erotischer Zauber an; Atmosphäre und Ambiente in Regionen wie der Provence, den Highlands oder dem maskenhaft verführerischen Venedig rauben den so lebendig agierenden Figuren schier den Atem, die Fassung! Jane Wilson drückte schlaftrunken auf den Knopf des Weckers, der mit nachdrücklichem Signal darauf hinwies, dass es Zeit zum Aufstehen wurde, und zog die Bettdecke über die Schultern. Nur noch ein paar Minuten. Sie spürte Ronalds Hand, die sich unter der Decke zu ihr schob, und alles in ihr ging auf Abwehr. Dass er aber auch so früh schon so unverschämt hellwach sein musste. Ronald begann die Rundung ihres Pos zu streicheln und ihren Oberschenkel. Wenn sie nicht so müde gewesen wäre, hätte sie sich seinen Annäherungsversuchen entzogen, indem sie einfach aufstand. Lähmende Müdigkeit hielt sie im Bett fest.

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Der erotische Roman –1–

Verführung in den Highlands

Lust und Leidenschaft in Schottland

Roman von Nora Darcy

Jane Wilson drückte schlaftrunken auf den Knopf des Weckers, der mit nachdrücklichem Signal darauf hinwies, dass es Zeit zum Aufstehen wurde, und zog die Bettdecke über die Schultern. Nur noch ein paar Minuten. Sie spürte Ronalds Hand, die sich unter der Decke zu ihr schob, und alles in ihr ging auf Abwehr. Dass er aber auch so früh schon so unverschämt hellwach sein musste. Ronald begann die Rundung ihres Pos zu streicheln und ihren Oberschenkel. Wenn sie nicht so müde gewesen wäre, hätte sie sich seinen Annäherungsversuchen entzogen, indem sie einfach aufstand. Lähmende Müdigkeit hielt sie im Bett fest. Ronalds Finger drängten sich zwischen ihre Beine. Es hatte keinen Sinn, sich schlafend zu stellen, nachdem sie eben den Wecker ausgeschaltet hatte. Sie legte ihre Hand auf seine, ohne sich umzudrehen, und versuchte ihn festzuhalten. Ronald rutschte näher und glitt zu ihr unter ihre Decke. Sein Körper, warm und fest, bis auf den kleinen Bauchansatz, drückte sich an ihren. Ungehalten registrierte sie, dass er erregt war. Sie hätte es sich denken können. Es war schon öfter vorgekommen, dass ihr Freund gleich nach dem Aufwachen Zweisamkeit suchte.

»Ronald, bitte nicht. Ich muss aufstehen. Ich hab um neun Uhr den Termin beim Notar«, murmelte sie.

Ronald ließ sich nicht abhalten. Stattdessen legte er den Arm um ihren Bauch und wollte seine Hand unter ihr T-Shirt schieben. Seine Lippen berührten ihr Ohr, sein heißer Atem strich darüber. Es kitzelte, und es störte sie.

»Bis dahin ist noch lange Zeit«, nuschelte er, küsste ihren Hals und tastete sich unter dem Stoff hoch zu ihrer Brust. Energisch hielt sie seinen Arm fest.

»Nicht lange genug. Außerdem will ich noch duschen und Haare waschen.« Sie entwand sich seinem Griff und richtete sich auf. Ronald seufzte übertrieben und ließ sich rücklings auf seine Bettseite fallen.

»Meine Güte, Jane. Sei doch mal ein bisschen spontan. Die paar Minuten hätten wir schon noch.«

Eben, dachte sie. Ein paar Minuten reichten ihm. Und was war mit ihr? Er dachte wieder einmal nur an sein Vergnügen.

»Süße, nun komm schon.« Er gab nicht auf und klopfte mit der flachen Hand auf ihre Matratze.

»Vielleicht heute Abend«, wich Jane aus und ärgerte sich, noch während sie sprach. Dieses halbe, ungern gegebene Versprechen klang beinahe nach einem Termin, der möglichst einzuhalten war. Ärgerlich schwang ihr Verlobter die Beine über die Bettkante.

»Sei nur froh, dass ich so eine treue Seele bin, spröde, wie du bist. Kein Wunder, dass manche Männer …«

»Was?«, fuhr sie ihn an, während ihr bereits Tränen in die Augen stiegen.

»Nichts«, murrte Ronald. Er hob sein T-Shirt vom Boden auf, zog es über den Kopf und stieg in seine Hose. Er drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

»Ich geh dann mal. Heute Abend um acht? Bei dir oder bei mir?«

Jane kämpfte mit dem Drang loszuheulen. Sie zuckte mit den Schultern und schniefte.

»Meine Güte. Bekommst du deine monatliche Laune?« Gereizt fuhr sich Ronald durch das kurze dunkle Haar. »Lassen wir es einfach. Ich melde mich.«

Sichtlich ungehalten verließ er das Schlafzimmer. Sekunden später klappte die Wohnungstür hinter ihm zu. Jane setzte sich wieder auf die Bettkante. Mit dem Türenklappen empfand sie eigentümliche Erleichterung, und schlagartig versiegten die unterdrückten Tränen. Nachdenklich betrachtete sie den Bettvorleger aus grauem Kunstfell und schob die Zehen durch den weichen langen Flor. Ronald wollte mit ihr schlafen, und sie wollte nicht. Ronald verließ ihre Wohnung, und sie war erleichtert. Ronald schimpfte und beschwerte sich, wenn sie nicht funktionierte, wie er wollte. Eindeutig, in ihrer Beziehung stimmte es nicht. War das von Anfang an so gewesen, und sie hatte es nur nicht gemerkt? Oder nicht merken wollen? In der Ferne schlug die Glocke der Kirchturmuhr. Es war schon acht. Es wurde Zeit, dass sie sich auf den Besuch beim Notar vorbereitete.

*

Jane fuhr in Schrittgeschwindigkeit die Collinsstreet entlang und suchte mit den Augen die schier endlose Häuserzeile ab, nach der Nummer 43. Sämtliche Gebäude waren drei Stockwerke hoch, Mauer stieß an Mauer, ein Haus sah aus wie das andere. Hohe schmale Fenster mit weißen Rahmen waren in die sechseckigen Vorsprünge der Jahrhunderte alten Bauten eingelassen. Im ersten Stock zierten kleine Balkone mit eisernen Geländern die Fassaden, und die Dachgeschosse waren mit winzigen Erkerfenstern ausgestattet. Jane war nicht sicher, ob ihr diese altehrwürdige Häuserzeile gefiel. Einerseits reihte sich Stein an Stein und ließ kaum Platz für Grün. Andererseits hatten diese Gebäude, die solch lange Zeiten überdauert hatten, etwas Faszinierendes. Wieviele Menschen waren im Laufe der Jahrhunderte an ihnen vorbeiflaniert? Was war alles hinter den alten Mauern geschehen? Es hatte wohl Freude und Leid gegeben, Hoffnung und Traurigkeit, Geburten und Abschiede und Familienfeiern. Generationen von Menschen hatten sich die Hand gereicht. Die Häuser mochten zur Zeit der Pferdekutschen und Reiter erbaut worden sein. Damals war die Straße noch ein sandiger unbefestigter Weg gewesen, ohne Gehsteig und ohne Laternen, wie sie mittlerweile bei Einbruch der Dunkelheit für ein wenig Licht sorgten.

Jane trat auf die Bremse. Vor lauter Gedanken über die Vergangenheit wäre sie fast an ihrem Ziel vorbeigefahren. Gerade noch hatte sie die Hausnummer 43 gesehen, und erfreulicherweise gab es auch einen Parkplatz direkt vor dem Eingang.

Langsam stieg sie die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Neben der schweren dunklen Tür mit vergoldetem Knauf prangte ein messingfarbenes Schild.

Lewis McGivern – Notariat und Anwalt für Erbschaftsangelegenheiten, las sie. Jane betrat die düstere kühle Eingangshalle. Ein kleiner schwarzer Pfeil wies die Treppe hoch zur Kanzlei.

Lewis McGivern war hoch aufgeschossen und so mager und knochig, dass sein braungestreifter Anzug mit den zu kurzen Ärmeln förmlich um seinen Körper schlackerte. Die wenigen grauen Haare, die er hatte, waren sorgsam nach hinten gekämmt, am Kragen jedoch zu lang, und seine goldumrandete Brille rutschte beständig nach vorn, sodass er sich genötigt sah, sie immer wieder zurück zu schieben.

»Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz«, wies er Jane nach einer kurzen Begrüßung an und wedelte mit der Hand. Vor seinem Schreibtisch stand ein roter Hochlehnsessel, dessen Leder schon recht abgewetzt war.

»Miss Wilson«, begann Lewis McGivern und kramte in seinen Papieren. »Ah. Hier hab ich den Vorgang.« Er hob den Kopf, schob seine Brille zurück und lächelte. Dabei entblößte er eine Reihe wunderbar ebenmäßiger heller Zähne. Unwillkürlich fragte sich Jane, ob die Zähne echt waren. Sie passten so gar nicht zu seinem sonstigen Erscheinungsbild.

»Nun.« McGivern blätterte in den Unterlagen. »Viel zu sagen gibt es nicht. Wie Sie ja meinem Schreiben bereits entnommen haben, ist Ihr Onkel, Gordon Wilson, vor vier Wochen im Hospital in Inverness nach langer Krankheit verstorben. Welche Krankheit dies war, entzieht sich mir. Mein Beileid übrigens.«

Jane nickte. Auch sie wusste nicht, woran der Onkel erkrankt gewesen war. Sie hatte ihn lediglich als Kind wenige Male auf Familienfeiern gesehen und konnte sich kaum an ihn erinnern.

»Danke«, erwiderte sie steif. Sie saß sehr aufrecht und die Knie eng beieinander und ohne sich zurückzulehnen in dem alten Sessel. Die düstere Atmosphäre im Raum, der riesige dünne Teppich auf dem dunklen Holzboden und die deckenhohen Regale mit unzähligen Büchern darin, wirkten einschüchternd auf sie. Nicht zuletzt auch der Notar, der ihr wie eine Gestalt aus längst vergangener Zeit vorkam. Sie fixierte seine knochigen Finger, die die Papiere hielten.

»Ich nehme an, Sie kennen das Anwesen Ihres Onkels. Ich muss dennoch dazu sagen …«

»Nein«, unterbrach sie ihn. Verwirrt sah McGivern sie an.

»Was: Nein?«, fragte er.

»Ich wollte nur sagen, ich kenne das Anwesen nicht. Ich habe auch meinen Onkel kaum gekannt. Umso überraschter war ich, dass er mich als Erbin eingesetzt hat.« Sie holte Luft.

»Ah. Verstehe.« McGivern legte die Papiere auf den Schreibtisch und die Fingerspitzen aneinander.

»Mister Wilson hat, soweit er mich seinerzeit informierte, keine weiteren Verwandten außer Ihnen. Nun, Ihre Erbschaft befindet sich in den Highlands von Aviemore, recht einsam gelegen, aber sehr idyllisch. Ihr Onkel hat mir damals Fotos vorgelegt, als wir den Erbschaftsvertrag aufsetzten. Allerdings muss ich Sie ­darauf hinweisen, dass es eine Klausel im Vertrag gibt.«

»Eine Klausel?« Jane zog die Augenbrauen hoch.

»Ja, ja. Wie Sie wissen … Ach nein, das wissen Sie nicht. Nun, Ihr Onkel war die letzten Jahre bei schlechter Gesundheit. Deswegen hat er einen Verwalter für sein Anwesen eingestellt, einen Mister Scott Logan. Er lebt auch auf der Burg. Sie haben den Verwalter sozusagen mitgeerbt. Er kann nicht entlassen werden, er kann nur freiwillig gehen. Dies gilt übrigens auch für den schier undenkbaren Fall, dass Sie das Kleinod veräußern möchten.«

»Wie bitte?« Jane beugte sich vor. Lewis McGivern nickte betrübt.

»Ich hatte schon befürchtet, dass Sie nicht erfreut sein würden. Doch in dem Punkt war Ihr Onkel unnachgiebig. Er meinte, Sie könnten vielleicht das Erbe nicht selbst bewohnen wollen, und für den Fall wollte er Sorge tragen, dass das Haus in gutem Zustand bleibt, Sie verstehen?«

Jane spürte heftigen Groll aufsteigen, der sich ungerechterweise gegen den hageren Notar richtete.

»Das ist doch …, geht denn so etwas überhaupt? Personal mit vererben?«

»Nun, so würde ich das nicht ausdrücken. Mister Logan hat lediglich ein Wohnrecht auf Lebenszeit, gegen entsprechende Arbeitsleistung. Und diese Regelung ist sehr wohl möglich.«

Jane war danach, türenschlagend das Notariat zu verlassen. Gleich wie sie sich entschied, sie hatte einen fremden Mann im geerbten Haus. Und sie hatte weder die Absicht, mit diesem zusammenzuleben, wenn sie denn selbst einzog, noch sah sie eine Chance, das Haus zu vermieten oder gar zu verkaufen, wenn sie dem Verwalter nicht kündigen konnte. Und überhaupt! Wozu brauchte man für ein ganz normales Haus einen Verwalter? Onkel Gordon würde doch wohl als alleinstehender Mann kaum auf einem allzu großen Anwesen gelebt haben.

»Sie möchten doch wohl nicht das Erbe ausschlagen?« Besorgt musterte sie McGivern. »Ich fürchte, Sie würden es über kurz oder lang bereuen.«

Jane spürte leichte Übelkeit aufsteigen. Ihr war plötzlich, als hätte ihr jemand einen Mühlstein an den Hals gehängt.

»Sie sehen ein wenig blass aus, meine Liebe. Darf ich Ihnen etwas zu trinken kommen lassen?« McGivern griff bereits nach dem Hörer seines altmodischen schwarzen Telefons mit Wählscheibe.

»Nein, nein. Vielen Dank«, wehrte Jane ab, obgleich ihr Mund ganz trocken geworden war.

»Was halten Sie davon, wenn Sie sich Haus und Grundstück erst einmal ansehen?«, fragte der Notar und schob ihr den kopierten Ausschnitt einer Landkarte über den Tisch. Mit rotem Stift war der Weg zu Gordons Anwesen eingezeichnet.

»Bitte geben Sie mir die genaue Adresse«, bat Jane mit kratziger Stimme. »Ich möchte lieber mit dem Navi fahren als nach einer Karte.«

McGivern schüttelte bedauernd den Kopf.

»Eine Adresse in diesem Sinne gibt es nicht. Es handelt sich um ein freistehendes Gebäude in einem großen, ähm … Garten. Auf einer Hochebene in Avie­more, wie ich schon sagte. Sie werden wohl doch mit der Karte vorlieb nehmen müssen.«

Jane presste die Lippen aufeinander. Sie nahm das Papier an sich, faltete es zusammen und steckte es in die Handtasche.

»Sie haben eine Frist von insgesamt sechs Wochen, um sich zu entscheiden. Bedenken Sie bitte, dass hiervon bereits über eine Woche verstrichen ist«, klärte McGivern sie auf.

»Ich melde mich im Laufe der nächsten Tage«, entschied Jane.

»Ähm …«, setzte McGivern noch einmal an. »An das Erbe schließen sich noch einige Wertpapiere sowie etwas Barvermögen an. Das Gebäude muss schließlich unterhalten werden. Ihr Onkel hat vorgesorgt.«

»Danke«, erwiderte sie. Flüchtig überlegte sie, sofort nach Einzelheiten zu fragen.

»Wenn Sie genaue Zahlen haben möchten, müssen Sie sich an die Bank wenden«, ergänzte McGivern, als habe er ihre Gedanken gelesen. »Die Scottish National Bank.«

Jane nickte.

»Gut.« McGivern erhob sich, schloss den mittleren Knopf seines Jacketts und reichte Jane mit einer angedeuteten Verbeugung die Hand. »Dann darf ich mich empfehlen. Einen schönen Tag für Sie.«

»Gleichfalls«, murmelte Jane und zog rasch ihre Hand zurück. Er wollte sich empfehlen. Ganz auf dem heutigen Stand der Zeit war dieser Notar wohl nicht.

*

Jane lenkte ihren Wagen einen schmalen, geschlängelten Pfad entlang, der sich über einen sattgrünen Hügel in sanfter Steigung nach oben wand. Obwohl sie zügig gefahren war, war sie bereits fast zwei Stunden unterwegs. Sie hatte zunächst die A9 genommen, an den Orten Dundee und Perth vorbei, dann weiter Richtung Pitlochry, ehe sie auf Höhe von Newtonmore die Ausfahrt nahm. Zuerst war sie noch durch kleinere Ortschaften gekommen, die ihr allesamt wie verlassen schienen. Niedrige langgestreckte Gebäude mit kleinen Sprossenfenstern, die Wände aus dicken Mauersteinen, standen etliche Fuß von der Straße entfernt in der Landschaft. Eine halbe Meile weiter hatte eine winzige Gaststätte, mit vergleichsweise spitzem Dach und zwei Erkerfenstern, wohl die Hoffnung auf Gäste aufgegeben. Über der Eingangstür hing ein verwittertes Schild: The Highland Pub. Je weiter Jane fuhr, umso einsamer wurde die Gegend. Das letzte Gebäude, an dem sie vorbeikam, war die Ruine eines Anwesens, das für eine Burg zu klein gewesen sein mochte, für ein Privathaus jedoch zu groß. Etliche verfallene Nebengebäude ließen sie vermuten, es mochte sich um einen ehemaligen Bauernhof gehandelt haben.

Seit etwa zehn Minuten fuhr sie nunmehr durch völlige Einsamkeit.

Links und rechts erstreckte sich friedlich die von der Vormittagssonne beschienene Landschaft. Jane hatte das Seitenfenster des Wagens heruntergelassen, und milde Sommerluft drang ins Innere des Fahrzeugs. Für ihr heutiges Vorhaben, ihr Erbe zu besichtigen, hatte sie einen Tag freigenommen. Ihr Chef, der Inhaber des Park and Sea Hotels in St. Andrews, in dem sie als leitende Angestellte arbeitete, war nicht begeistert gewesen.

»Mitten in der Saison, Miss Wilson. Ich bitte Sie. Sie wissen doch, wie viel zu tun ist.«

Letzten Endes hatte er unter Murren nachgegeben, schon deshalb, weil Jane unzählige Überstunden sowie überhängige Urlaubstage vom Vorjahr hatte. Obwohl ihr McGivern die Handynummer des Verwalters übergeben hatte, hatte Jane entschieden, sich nicht anzumelden. Sie besaß einen Schlüssel und sie war die Erbin des Hauses. Dieser Scott Logan musste damit rechnen, dass sie irgendwann unter der Tür stand. Die Frage war nur: Wo war ihr Erbe? Sie hatte, trotz der Karte, langsam das Gefühl, sich komplett verfahren zu haben. Weit und breit war kein Haus zu sehen. Nur eine mittelgroße Burg erhob sich auf der Kuppe des Hügels. So, wie sie es auf die Entfernung sehen konnte, machte das Gebäude einen gepflegten Eindruck.

Sie beschloss, den Hügel hinaufzufahren und von dort Ausschau zu halten. Half ihr das nicht weiter, musste sie jemanden anrufen. Entweder McGivern oder diesen Logan. Ihr Gefühl sagte ihr, dass für den Anruf eigentlich nur Mister Logan in Frage kam. Der eigentümliche Notar in seinem verstaubten düsteren Büro würde ihr kaum weiterhelfen können. Vielleicht fand sie aber auch auf der Burg jemanden, den sie nach dem Weg fragen konnte. Eventuell gab es dort ein Restaurant mit Personal, das sich in der Gegend auskannte. Der Gedanke beruhigte sie ein wenig.

Keine zwei Minuten später stand sie mit ihrem Auto vor einer großen gekiesten Fläche, die wohl als Parkplatz diente. Ein einzelnes Fahrzeug, ein dunkelroter Range Rover, parkte an der linken Seite.

Einen Hinweis auf ein Restaurant, oder Schilder, die eine Burgführung auswiesen, konnte sie nicht sehen. Dennoch musste jemand da sein, schließlich parkte hier ein Auto. Nach kurzem Zögern stellte sie ihr eigenes Fahrzeug daneben und stieg aus.

»Hallo?«, hörte sie eine männliche Stimme. Suchend sah sie sich um. Um die Hausecke der Burg war ein Mann gekommen. Er trug Jeans und ein helles Polo-Shirt und hielt eine Gießkanne in der Hand.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er und kam näher.

»Ja, vielleicht. Ich hoffe es«, erwiderte Jane. Auf etwa zwei Armlängen Abstand blieb der Mann stehen. Er hatte dunkle Haare, die in der Sonne glänzten. Seine Haut war leicht gebräunt, und seine Augen hatten die Farbe von dunklem Honig. Sein Shirt spannte über kräftigen Muskeln. Nervös rieb Jane die Handflächen aneinander. Er sah unverschämt gut aus.

»Was gibt es denn?«, erkundigte er sich, und sie spürte, wie er sie von oben bis unten musterte. Ihr wurde warm unter seinem Blick, und ihre Gedanken drohten abzuschweifen.

»Ich suche das Anwesen von Gordon Wilson, falls Ihnen der Name etwas sagt«, stieß sie hervor.

»Und warum, wenn ich fragen darf?«, erkundigte er sich und fuhr fort, sie zu betrachten. Augenblicklich kippte die Nervosität, die sein Blick in ihr auslöste, und sie wurde ärgerlich. Ihr lag ein patziges ›Das geht Sie gar nichts an‹ auf der Zunge. Gerade noch hielt sie sich zurück. Offenbar war er der Einzige in dieser Einöde, der ihr eventuell weiterhelfen konnte.

»Gordon Wilson war mein Onkel. Er ist kürzlich verstorben, und …«

»Ah. Sie sind das also«, unterbrach sie der Mann. Er stellte seine Gießkanne ab, wischte mit den Händen über seine Jeans und streckte ihr die Hand entgegen.

»Scott Logan. Herzlich willkommen.«

Heiß durchlief es sie. Das konnte nicht wahr sein.

»Alles okay?«, fragte er und hielt ihr unverdrossen seine Hand hin. Mühsam hob sie den Arm und gab ihm die ihre.

»Entschuldigen Sie, ich wusste nicht …, also ich habe nicht damit gerechnet …« Himmel! Was für ein Gestotter.

»Was?« Amüsiert sah er sie an und ließ sie wieder los.

»Nun ja. Ich hatte mit einem kleinen Haus gerechnet. Das hier ist eine Burg!« Scott Logan zuckte mit den Schultern.

»Eine kleine Burg, ja. Für alte Gebäude hatte Ihr Onkel eine Vorliebe.«

»Liebe Zeit«, murmelte sie. Sie fühlte sich wie erschlagen, und kurz vergaß sie sogar, wie gut ihr der Verwalter gefiel. Sie hatte ihn sich, wenn überhaupt, alt und dick vorgestellt, glatzköpfig und schwitzend.

»Möchten Sie hereinkommen und sich alles ansehen?«, erkundigte sich Logan.

»Ja, bitte«, erwiderte sie. Etwas irritierte sie. Gleich darauf wusste sie, was es war. Es war ihr Erbe und er gewissermaßen ihr Angestellter. Oder nicht? Egal. Jedenfalls hatte sie das Gefühl, er übernahm die Regie, und das störte sie. Trotzdem trabte sie artig neben ihm her zu einer schmalen Tür, die sich seitlich einer breiten bogenförmigen Eingangstür befand.

»Der Haupteingang«, erklärte Logan überflüssigerweise und zeigte zu dem bogenförmigen Einlass. »Er ist jedoch meist verschlossen. Natürlich bekommen Sie die erforderlichen Schlüssel. Die Tür ist jedoch recht schwergängig. Deswegen nehme ich immer den Seiteneingang, der früher für die Dienstboten gedacht war. Bitte sehr.«

Er hielt ihr die Tür auf. Sie betraten einen schmalen Gang, von dem etliche Flure abgingen.