Beschreibung

Detective Reed Mattox kehrt nach nur drei Monaten nach dem Tod seines Partners wieder in den Polizeidienst zurück. Mit seinem Wechsel zur Abteilung K 9, dem Übernehmen von Nachtschichten und seinem Umzug auf einen Bauernhof meilenweit entfernt von Columbus distanziert er sich aus der Öffentlichkeit. Diese Abgeschiedenheit wird zerstört, als die ersten Leichen in Bottom auftauchen, dem ärmsten Viertel der Stadt, in dem er sich gerade auf Streife befindet. Mitten in der Nacht geschehen mehrere grauenvolle Ereignisse, und da die Bezirke überlastet sind, gibt es keine andere Möglichkeit, als dass sich der Detective darum kümmert. Mit der Ruhe ist es gänzlich vorbei, als sich Reed mit seinem Partner, einem belgischen Schäferhund, auf die aufsehenerregende Suche nach den Mordopfern begibt, die ihn quer durch die Stadt und ihre Geschichte zu einem Ereignis führt, für das einige einflussreiche Personen alles tun würden, damit es begraben bleibt.

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Der Fährmann
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Epilog
Über den Autor

Detective Reed Mattox kehrt nach nur drei Monaten nach dem Tod seines Partners wieder in den Polizeidienst zurück. Mit seinem Wechsel zur Abteilung K 9, dem Übernehmen von Nachtschichten und seinem Umzug auf einen Bauernhof meilenweit entfernt von Columbus distanziert er sich aus der Öffentlichkeit.

Diese Abgeschiedenheit wird zerstört, als die ersten Leichen in Bottom auftauchen, dem ärmsten Viertel der Stadt, in dem er sich gerade auf Streife befindet. Mitten in der Nacht geschehen mehrere grauenvolle Ereignisse, und da die Bezirke überlastet sind, gibt es keine andere Möglichkeit, als dass sich der Detective darum kümmert.

Mit der Ruhe ist es gänzlich vorbei, als sich Reed mit seinem Partner, einem belgischen Schäferhund, auf die aufsehenerregende Suche nach den Mordopfern begibt, die ihn quer durch die Stadt und ihre Geschichte zu einem Ereignis führt, für das einige einflussreiche Personen alles tun würden, damit es begraben bleibt.

 

 

Der Fährmann

Ein Reed & Billie-Thriller

 

Dustin Stevens

 

 

 

Reiheninformation

Reed & Billie Teil 1

Impressum

 

Copyright der deutschen Übersetzung

© 2019 by Papierverzierer Verlag

Copyright des amerikanischen Originals

© 2015 by Dustin Stevens, https://dustinstevens.com

1. Auflage, Papierverzierer Verlag, Essen

Übersetzung: Melanie Vogltanz

Herstellung, Satz, Korrektorat, Lektorat: Papierverzierer Verlag

Cover, Umschlaggestaltung: Legendary Fangirl Design

 

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

 

Alle Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Parallelen zu real lebenden Personen und Situationen sind rein zufällig.

 

Der Fährmann (Reed & Billie 1) ist auch als Print erhältlich.

 

ISBN 978-3-95962-133-5

 

https://papierverzierer.de

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Revenge is an act of passion; vengeance of justice.

Injuries are revenged; crimes are avenged.

-- Samuel Johnson

Prolog

 

Kristallene Graupelspritzer trafen die Windschutzscheibe und hinterließen ein willkürliches Muster auf dem Glas. Jedes Mal, wenn sie auftrafen, war das klare Ping das einzige Geräusch im Wagen. Sie sammelten sich, bis sie die Außenwelt beinahe vollständig verdeckt hatten, bevor die Scheibenwischer aufschwangen und sie zur Seite schoben. Der Gummiüberzug quietschte, wenn sie sich in ihre Ausgangsposition zurückzogen.

Er verharrte reglos hinter dem Lenkrad, sein Blick stet, während sich der Niederschlag sammelte und in gleichbleibendem Dreißig-Sekunden-Takt beseitigt wurde.

Er parkte in der dritten Reihe, wusste, dass er aus seiner Position praktisch unsichtbar war, während er dort saß und auf den Vordereingang der Kapelle starrte. So tief, wie er hinter das Lenkrad gebückt kauerte, und mit den beschlagenen Fenstern ringsum, würde man ihn von außen unmöglich entdecken können. Wäre nicht das gelegentliche Ausbrechen der Scheibenwischer gewesen, hätte es keinerlei Anzeichen für seine Anwesenheit gegeben. Sein Auto war nur ein weiteres anonymes Fahrzeug auf einem Parkplatz voller anonymer Fahrzeuge.

Ein Wagen nach dem anderen entlud ringsum seine Passagiere. Menschen liefen zum Vordereingang, benutzten Schirme oder Zeitungen, um sich vor dem fallenden Graupel zu schützen. Sobald sie die Stufen erreichten, verharrten sie nur einen Moment, während sie ein einsamer Mann in dunkler Kleidung begrüßte, bevor sie ins Innere verschwanden.

Er rutschte auf seinem Platz nach vorne an den Rand des Sitzes, verharrte und ließ die Kälte im Wagen in seine Knochen kriechen. Sie drang durch seinen dünnen, schwarzen Anzug und verursachte ihm eine Gänsehaut. Auf dem Sitz neben ihm lag eine ungeöffnete Flasche Jim Beam Devil´s Cut Whiskey und eine geladene 38er. Beides rief ihn mit gleicher Eindringlichkeit.

Beides wirkte wie grausame Ironie, ein harter Kontrast zu dem Menschen, der den Sitz für gewöhnlich einnahm.

Jemand, der nun in einer Kiefernholzkiste steckte, weniger als hundert Meter von seinem Sitzplatz entfernt.

Obwohl er das wusste und erkannte, dass sie ihm alles bedeutet hatte und was er alles an ihr vermissen würde, blieb er, wo er war, unfähig, sich zu rühren, und sah zu, wie die letzten vereinzelten Nachzügler sich ihren Weg vom Parkplatz zur Tür bahnten. Als sie hineingingen, blieb der Priester stehen und wartete. Ihm war, als würde er ihn direkt ansehen, auf seinem Platz in der dritten Reihe, und ihn anflehen, zu ihm zu kommen.

Als keine Bewegung erfolgte, vollführte er eine kleine Verbeugung, als wollte er ihm seine Erlaubnis signalisieren, bevor auch er in der Kapelle verschwand und lautlos die Tür hinter sich schloss.

Er selbst blieb sitzen, beobachtete, wartete, bevor er die Hand ausstreckte und die Zündung betätigte. Ohne einen zweiten Blick zurückzuwerfen, fuhr er davon, und seine Reifen hinterließen Zwillingsspuren im Schneematsch hinter ihm.

 

Kapitel 1

 

Von seinem Platz in der Gasse aus hatte der Fährmann einen perfekten Ausblick auf sein Ziel.

Er saß tief gebückt auf der Feuertreppe im zweiten Stock, seinen Körper gegen die kühle Ziegelmauer des Gebäudes gepresst, starrte durch die Eisenstäbe auf das kleine Haus auf der anderen Seite der Straße und wartete. Seit vier vollen Stunden verharrte er in dieser Position, völlig regungslos, während er sein Ziel beobachtete, eine Übung der Disziplin und des Durchhaltevermögens.

Nach der ersten Stunde hatte die Kälte begonnen, durch den flachgedrückten Karton zu dringen, auf dem er saß. Eine Stunde danach hatte die Jacke, die er trug, keinen Schutz mehr gegen die kalte Ziegelmauer hinter ihm geboten, und sein Rückgrat versteifte sich vom Frieren.

Kurz vor Mitternacht zog ein dünner Nebel auf, kleidete die Welt in Feuchtigkeit und klebte seine Kleider an seine Haut. Immer noch blieb er sitzen und wartete, ließ zu, dass die Wasserperlen sich auf seinem Kopf sammelten und von seiner Kapuze tropften, ohne sie zu beachten, während er die Straße im Auge behielt.

Was Ziele anging, hatte dieses nur wenige Eigenschaften, die es von den anderen tausend anderen identischen um Columbus unterschied. Ein einzelnes Stockwerk hoch, vollständig aus rotem Ziegel erbaut, stand es auf dem briefmarkengroßen Platz. Der Großteil des Rasens war zu Schlammpfützen reduziert, aus deren Ecken Büschel toten Grases hervorragten. Ein alter Pizzakarton diente als behelfsmäßige Abdeckung für ein zerbrochenes Fenster, an dessen Seiten Licht durchschimmerte.

Es war die vierte Nacht in den vergangenen Monaten, dass der Fährmann auf der Treppe saß und das Haus beobachtete.

Eine fünfte würde es nicht geben.

Kurz vor ein Uhr morgens tauchte ein Paar Scheinwerfer auf, das sich im nassen Asphalt der Straße brach. Er fühlte, wie sich sein Puls eine winzige Spur beschleunigte. Der Fährmann zog die Beine an, seine Knie ächzten protestierend.

Er ignorierte die Beschwerden seines Körpers, presste seinen Rücken hart gegen die Mauer und schob sich hoch, während er beobachtete, wie sich die Lichter näherten. Es konnte keinen Zweifel daran geben, dass sie ankündigten, worauf er gewartet hatte – die einzige Person, die sich zu einer solchen Stunde nach draußen wagen würde.

Ohne auf Bestätigung durch Sichtkontakt zu warten, schwang sich der Fährmann über das schmiedeeiserne Geländer, das die Feuertreppe umgab, und landete auf dem Boden. Seine Schuhe verursachten kein Geräusch auf der nassen Erde. Er hielt sich im Schatten des Gebäudes und lief los, weit vornübergebeugt und so schnell, wie es ihm in der Hocke gelang.

In der Tiefe der Nacht schnitten die Scheinwerfer als sichtbares Signal durch die stille Nachbarschaft, während sie sich näherten, begleitet vom lauter werdenden Dröhnen einer Stereoanlage.

Der Fährmann erreichte die Straßenecke in genau dem Moment, in dem der Wagen in Sichtweite kam und ihm bestätigte, was er längst wusste. Er sah zu, wie das Auto in eine Einfahrt einbog, und das blendende Licht der Frontscheinwerfer verschwand, gab den Blick auf ihre Quelle frei, die sich als ein blass burgunderroter Cadillac Coupé entpuppte.

Die Andeutung eines Lächelns zuckte über das Gesicht des Fährmanns, als Bremslichter aufflackerten, während das Auto von der Straße fuhr.

Diese Nacht war lange überfällig. Zu lange. Zuerst hatte Unvermögen die Dinge verlangsamt, dann Unentschlossenheit. Erst nachdem beides überwunden war, war er in der Lage, sich vorwärts zu bewegen, diesen ersten Schritt zu machen, dem noch viele weitere folgen würden.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, keine zwanzig Meter entfernt, hielt der Cadillac an. Einen Moment später verklang das dumpfe Dröhnen des Basses, und eine drückende Stille machte sich breit.

Von seinem Versteck aus atmete der Fährmann ein letztes Mal ein. Nie zuvor war er in einer Situation wie dieser gewesen.

Nie zuvor war er sich einer Sache so sicher gewesen.

Seine Hände zitterten nicht, als er über seinen Kopf nach hinten fasste und den verzierten Schwertgriff umschloss, der dort befestigt war. In einer einzigen Bewegung zog er es aus seiner Scheide. Der polierte Stahl kam frei, ohne einen Laut zu verursachen.

Zentimeter für Zentimeter ließ der Fährmann die Klinge vor sich kreisen, sah zu, wie das Licht der Straßenlaternen auf ihrer Oberfläche reflektierte.

Zwanzig Meter weiter flog die Beifahrertür des Wagens auf und eine Lawine aus Dosen und Flaschen prasselte auf die Straße. Ihr Besitzer folgte ihnen mit unsicherem Schritt. Die Straßenlaterne über ihm zeigte seine entblößten Arme und seinen glattrasierten Kopf.

Der Fährmann sah zu, wie der Mann auf den Unrat eintrat, der in der Auffahrt verstreut lag. Sein wankender Gang verriet, dass er diese Nacht ein paar zu viel getrunken hatte. So schnell, wie er es begonnen hatte, gab er sein Unternehmen auf und murmelte einen Schwall an Obszönitäten, der quer über die Straße hörbar war, bevor er die Tür hinter sich zuschlug.

Mit dem Geräusch der zuschlagenden Tür als Tarnung sprang der Fährmann aus seinem Versteck, überquerte die Straße in acht langen Schritten. Den kleinen Vorgarten überwand er mit der Hälfte der Schritte.

Seine Füße verursachten kein Geräusch, als er sich bewegte, und sein Körper kannte kein Zögern, als er sich seinem Ziel näherte.

 

Kapitel 2

 

»An einem ungewöhnlich heißen Abend im frühen Juli verließ ein junger Mann die Dachkammer, in der er in S. Place logierte, und ging langsam, fast zögerlich, in Richtung K. Bridge.«

Die Stimme des Erzählers war tief und gehaltvoll und weckte Assoziationen mit James Earl Jones, allerdings ohne das schwere Geatme, das bei seiner Star Wars-Rolle zum Einsatz gekommen war. Ohne auch nur darüber nachzudenken, fasste Reed Mattox über den Frontsitz und nach der Plastik-CD-Hülle, klappte sie auf und suchte nach einem Bild.

»Er hatte erfolgreich ein Aufeinandertreffen mit seiner Vermieterin auf der Treppe vermieden.«

Nachdem er nicht mehr vorfand als eine Ein-Satz-Zusammenfassung über Autor und Erzähler, warf Reed die Hülle weg und sah desinteressiert zu, wie sie vom Sitz abprallte und im Fußraum landete.

Das Geräusch provozierte eine Bewegung auf dem Rücksitz. Reed warf gerade einen Blick in den Rückspiegel, als ein Paar spitzer Ohren in Sicht kam. Darunter ruhten haselnussbraune Augen, zwei feuchte Scheiben, die seinen Blick erwiderten.

»Ruhig, Mädchen«, sagte Reed. Er erlaubte seinem Dialekt überhandzunehmen, eine Stimme, die beruhigend wirken sollte. Es schien zu funktionieren, als das Tier seinem Blick für einen langen Moment standhielt, bevor es wieder aus seinem Sichtfeld verschwand. Die Bewegung ihres großen Körpers brachte das Auto zum Wackeln.

»Der Grund dafür waren nicht etwa Feigheit oder Unterwürfigkeit, sondern vielmehr das Gegenteil …«

Drei Absätze – so weit schaffte Reed es, bevor er die Hand ausstreckte und die CD zum Schweigen brachte. Stille hüllte ihn ein. Wieder war ein Winseln vom Rücksitz zu hören, doch diesmal tauchten keine Augen auf, die zurückstarrten.

Reed winkelte die Beine unter dem Lenkrad an und verlagerte sein Gewicht auf die rechte Seite, den Ellbogen auf die Mittelkonsole gestützt. Er steckte einen Daumen in den Mund und knabberte an dem Nagel, als er erneut die Uhr am Armaturenbrett kontrollierte und beobachtete, wie die Minuten dahinkrochen.

Alles an der Situation, in der er sich nun wiederfand – das Auto, der Hund, die CDs – all das war neu für ihn. Selbst nach zwei Monaten fühlte es sich seltsam an, als wären die Dinge ein winziges Stück aus dem Fokus gerückt, noch nicht ganz in der Position, an die er gewöhnt war.

Schritt für Schritt wurde es besser, aber es war immer noch ein weiter Weg.

»Detective Mattox?«, kam der Ruf aus dem Funkgerät im Armaturenbrett. Der blecherne Klang der Stimme hallte durch das Wageninnere. »Detective Mattox?«

Reed wartete einen Moment ab, bevor er den Daumen aus dem Mund nahm, ein Stück Nagel auf den angrenzenden Sitz spuckte und die Hand ausstreckte. Er nahm das Mikrofon auf, das an der Seite des Funkgeräts hing, und zog es zu sich. Seine Bewegung war langsam und bewusst.

»Hey, Jackie.«

Am Tag war das Protokoll für den Ablauf des Funkkontakts eine streng geregelte, eintönige Geduldsübung. In den letzten Monaten hatte Reed allerdings bemerkt, dass ein Großteil dieses Prozederes nach Mitternacht ad acta gelegt wurde.

»Wie geht es Ihnen heute Abend dort draußen, Schätzchen?«, fragte Jackie.

Die Andeutung von Heiterkeit zuckte über Reeds Gesicht, als er sich Jackie am anderen Ende der Leitung vorstellte, die Füße auf den Schreibtischrand gelegt, eine halbleergegessene Schachtel Puderzucker-Donuts neben sich. Auf ihrem Schoß lag höchstwahrscheinlich das neuste Schundblatt, das sie auf ihrem Weg zur Arbeit bei einem nahen Kiosk besorgt hatte.

So amüsant, wenn nicht sogar klischeebehaftet, dieses imaginäre Bild auch sein mochte, Reed war längst darüber hinaus, es zu kommentieren. Jeder von ihnen hatte seinen eigenen Weg, sich die nächtlichen Stunden zu vertreiben.

Jackie bevorzugte Süßes und Klatschmagazine. Er versuchte sich gerade an Hörbüchern.

»Ich lebe meinen Traum«, erwiderte Reed. »Was gibt es?«

Auch wenn er sich nicht an Jackie störte und wusste, dass sie es gut meinte, hatte er schnell eine Abneigung gegen ihre Angewohnheit entwickelt, ihn zu kontrollieren. Es nagte an seinen Nerven auf eine Art, die er nicht genau festmachen konnte, und gab ihm das Gefühl, defekt zu sein, als trüge er einen Makel, den jeder ringsum an ihm sehen konnte.

»Wir haben Meldung über einen möglichen 187 in Ihrem Waldteil«, sagte Jackie in einem gelangweilten und teilnahmslosen Tonfall, als würde sie das Wetter ankündigen.

187. Polizeicode für Mord.

Reed richtete sich auf seinem Sitz auf, den Hintern flach auf das Polster unter ihm gepresst. Die Hündin auf dem Rücksitz spürte die Veränderung in seiner Stimmung und erhob sich zu ihrer vollen Größe, so dass ihre Ohren über seinem Kopf im Rückspiegel sichtbar wurden.

»Wo?«, fragte Reed. Seine Stimme klang angespannter als beabsichtigt.

Es folgte eine Pause, lange genug, um ihn wissen zu lassen, dass sie es bemerkt hatte und nicht für gut befand, bevor Jackie sagte: »Die Bottoms. Übernehmen Sie? Oder soll ich Ike wecken?«

Die Zündung jaulte protestierend, als Reed den Motor startete und das Auto rumpelnd zum Leben erwachte.

»Wir sind schon auf dem Weg«, sagte Reed. »Geben Sie mir nur die Adresse durch.«

 

Kapitel 3

 

Die blinkenden Lichter seines Wagens, die alle paar Sekunden von rechts nach links flackerten, wurden von der Fassade des Hauses zurückgeworfen, als Reed anhielt. Angesichts der späten Stunde und des mangelnden Verkehrs hatte er sich entschieden, ohne Sirene zu fahren und das Blaulicht den Weg von den wenigen anderen Fahrern auf den Straßen freiräumen zu lassen.

Bei dem Haus handelte es sich um eine einfache Ranch-Anlage von jener Art, wie sie einen Großteil der Nachbarschaft in der großräumigeren Columbus-Gegend ausmachte. Er selbst war in etwas Ähnlichem in den Ausläufern von Oklahoma City aufgewachsen und hatte dieselben Anlagen in Ortschaften von Atlanta bis nach Portland gesehen.

Irgendwo im Inneren, wie er wusste, würde es einen Gemeinschaftsraum mit einer angebundenen Küche und einem Esszimmer geben, zwei oder drei Schlafzimmer, die von einer Halle des Hauptwohnbereichs abzweigten, sowie etwa eineinhalb Badezimmer.

Der Vorgarten war nicht mehr als eine Staublandschaft, die vom anhaltenden Regen in ein Schlammbad verwandelt worden war. Das äußere Erscheinungsbild der Fenster und der Vordertür zeigte, dass das Haus sich in einem Zustand weit jenseits der Baufälligkeit befand.

Reed drehte das Signallicht runter und warf einen schnellen Blick die Straße hinunter, um zu bestätigen, was er über die Gegend wusste, obwohl er noch nie zuvor hier gewesen war.

Das Haus gehörte zu einer Reihe von Einfamilienhäusern, alle gleich groß und alle mit demselben Grunddesign. Auf der anderen Seite der Straße befanden sich mehrstöckige Gebäude, die so aussahen, als hätten sie einmal Wohnungen beherbergt, wären aber inzwischen verlassen.

Ebenso wie die Häuser, denen sie gegenüberstanden, waren sie aus rotem Ziegel gebaut, der großzügig mit verblasstem Graffiti besprüht war.

»Bleib«, sagte Reed, ließ die Schlüssel in der Zündung und stieg aus dem Wagen. Ein dünner Nebel stieg um ihn herum auf, klammerte sich an sein Kapuzensweatshirt und sammelte sich als Feuchtigkeit an der Marke, die um seinen Hals hing.

Ein einzelnes blau-weißes Einsatzfahrzeug war am Rand der Auffahrt geparkt, etwa drei Meter von Reeds Wagen entfernt. Auf halbem Weg auf der asphaltierten Straße stand ein burgunderfarbener Cadillac, Baujahr etwa Mitte der Achtziger.

Nach allem, was er von der Gegend bislang gesehen hatte, schien er perfekt hineinzupassen.

Vor dem Einsatzfahrzeug zusammengedrängt standen zwei Polizeibeamte, die sich beide umdrehten, als Reed sich näherte. Keiner der beiden wirkte glücklich darüber, hier zu sein, und keiner machte Anstalten vorzutreten, als Reed näherkam.

»Habt ihr beide einen möglichen 187 gemeldet?«, eröffnete Reed mit einem Anflug von Genervtheit und legte die restliche Entfernung zwischen ihnen zurück.

»Einen definitiven 187«, sagte der Mann auf der rechten Seite und kam einen halben Schritt auf Reed zu, so dass er und Reed sich auf Höhe der Frontstoßstange ihres Einsatzfahrzeuges trafen. Er streckte ihm eine Hand entgegen und sagte: »McMichaels, mein Partner, Jacobs.«

Keiner der beiden Männer wirkte älter als Mitte zwanzig. Höchstwahrscheinlich hatte man die beiden zusammengesteckt, kaum dass ihre Ausbildungszeit mit einem erfahrenen Beamten vorüber gewesen war. McMichaels war groß und schlank, sein Gesicht glattrasiert. Sein Partner hinter ihm war kleiner und etwas fülliger, ein dünner Ziegenbart umfing seinen Mund.

Reed akzeptierte den Handschlag, spürte, dass die Hand des anderen kalt und nass vom Wetter war, und nickte Jacobs zu. »Detective Mattox.«

»Ohne Partner?«, fragte Jacobs.

Es war nicht das erste Mal, dass man Reed diese Frage stellte, die jedes Mal denselben Krampf in seinem Magen verursachte, aber mittlerweile hatte er gelernt, jegliche äußerliche Reaktion zu kaschieren. »Im Wagen.«

Einen Moment später kam der zweite Teil, der ihm jedes Mal zu schaffen machte – die zwei tauschten Blicke miteinander aus.

»K-9«, sagte Reed und kam damit ihren Fragen zuvor. »Also, was lässt euch sagen, dass wir es mit einem definitiven 187 zu tun haben?«

Die zwei Beamten tauschten einen weiteren Blick, ihre Münder pressten sich zu dünnen Linien zusammen. Für einen Moment verharrten sie so, während Reed vom einen zum anderen sah, bevor beide sich wieder ihm zuwandten.

»Gehen Sie einfach ein Stück die Auffahrt hinauf«, sagte McMichaels. »Dann werden Sie schon sehen.«

Der Unwille in Reed wuchs weiter, während er die beiden ansah. Er öffnete den Mund, bereit, ihnen eine Lektion in Sachen vernünftiger Polizeiarbeit zu erteilen, entschied sich dann aber dagegen.

Es stand beinahe fest, dass irgendwo in der Nähe eine Leiche lag, vermutlich ihre erste. Es war noch nicht so lange her, als er selbst in ihrer Situation gewesen war, unsicher, wie er damit umgehen sollte, als er zum ersten Mal ins Angesicht des Todes starrte. Das Letzte, was er damals gewollt hätte, war ein Dienstälterer, der sich deswegen ihm gegenüber wie ein Arsch verhielt, und er würde verdammt sein, wenn er diesen Fehler bei ihnen machte.

Nicht dass es ihn noch einen feuchten Dreck kümmern würde, was man auf dem Revier über ihn dachte.

»Tatort gesichert?«

»Jawohl, Sir«, sagte McMichaels. »Niemand zu sehen.«

Reed nahm die Taschenlampe von seiner Hüfte und hob sie auf Schulterhöhe. Er verschob den Gummischalter an ihrem Ende, und ein Halogenlichtkegel schoss heraus. Auf halbem Weg blieb er für einen Moment stehen und lauschte auf das Geräusch von Schritten.

Es kam nicht, beide Männer wirkten zufrieden damit, ihn allein gehen zu lassen.

Was immer ihn erwartete, schien sie beide verängstigt zu haben.

Reed verlangsamte seine Schritte, als er den Cadillac erreichte, und leuchtete mit seiner Taschenlampe hinein. Das Wageninnere war in noch schlechterer Verfassung als das Äußere: Die Sitze waren zerschlissen und abgewetzt, der Fußraum mit Müll bedeckt. In der Mittelkonsole befand sich ein Aschenbecher, aus dem Zigarettenkippen quollen.

Keine Leiche.

Reed schwenkte die Taschenlampe nach vorne, ging zur Vorderseite des Wagens und blieb stehen. Der Atem blieb ihm im Halse stecken. Nach zwölf Jahren Dienst beim Columbus Police Department hatte er so ziemlich alles gesehen, was es zu sehen gab. Jede mögliche Form, die das Böse annehmen konnte, war ihm auf die eine oder andere Weise begegnet und hatte dabei die Grenzen dessen weit überschritten, was er für menschenmöglich gehalten hatte.

Selbst nach diesen Begriffen war das hier neu.

Wie festgefroren hob Reed die Taschenlampe und ließ ihr Licht über die restliche Einfahrt hinwegfließen – zwei Meter Zement in jede Richtung, umgeben von noch mehr schlammigem Garten. In der Mitte lag, flach auf dem Rücken, ein einzelnes männliches Opfer. Der Mann trug eine Hose und ein weißes Feinripphemd, sein Kopf war kahlrasiert.

Das war so ziemlich alles, was Reed mit Sicherheit feststellen konnte, denn er war unfähig, sich weiter auf das Opfer zuzubewegen. Die Kombination aus Blut und Regenwasser hatte den gesamten Asphaltabschnitt rot gefärbt.

Ein eigenartiges Gefühl von Wärme stieg in Reeds Rücken auf, als er das Licht der Taschenlampe noch einmal über alles wandern ließ, bevor er einen Schritt zurückwich. Nach einem weiteren Schritt schaltete er sie ab und machte sich auf den Weg zurück zum Bordstein, wo beide Polizisten mit vor der Brust verschränkten Armen und erwartungsvollen Blicken auf ihn warteten.

»Wie habt ihr ihn gefunden?«, fragte Reed. Seine Stimme hallte laut in der stillen Nacht wider.

Die beiden tauschten einen schnellen Blick.

»Wir haben einen anonymen Anruf erhalten«, sagte McMichaels. »Wir waren in der Gegend auf Streife und sind dem Anruf gefolgt.«

»Er sagte, es handle sich um einen Fall von HF«, fügte Jacobs hinzu. »Wir kamen hierher und fanden das vor.«

HF. Hausfriedensbruch.

Mehr als einmal hatte Reed diese Ausrede gehört. Irgendjemand, der seine abendliche Joggingrunde lief oder seinen Hund ausführte, stolperte über etwas und machte einen anonymen Anruf, weil er nicht länger am Tatort sein wollte als nötig und glaubte, er wüsste ohnehin nichts, das von Nutzen sein würde.

»Konnte das Opfer schon identifiziert werden?«

McMichaels starrte auf seine Füße, während Jacobs sein Gewicht von einer Seite zur anderen verlagerte. »Noch nicht. Wir waren erst etwa eine Minute hier, als wir Sie verständigt haben. Wollten den Tatort nicht verunreinigen.«

Sein Tonfall machte deutlich, dass er den letzten Satz hinzufügte, um sich zu rechtfertigen und irgendwie zu entschuldigen. Reed ließ es mit einem Nicken durchgehen, mit dem Zugeständnis, dass in solchen Fällen weniger manchmal mehr war.

Wenn das Opfer einen Ausweis bei sich trug, konnte die Spurensicherung die Identifikation in einer halben Stunde erledigen. Hätten die Streifenpolizisten selbst nachgesehen, hätten sie einen unermesslichen Schaden in der Beweislage anrichten können.

»Was können wir für Sie tun?«, fragte McMichaels und sah von seinen Schuhen auf. Etwas Farbe war in seine Wangen zurückgekehrt.

Reed wandte sich um und blickte über die Schulter, rief sich wieder das Bild von vorhin ins Gedächtnis. »Sperrt das ganze Gebiet ab, den Garten und alles ringsum. Ich verständige die Spurensicherung. Haltet hier die Stellung, bis sie eintreffen, und bei Tagesanbruch beginnt mit den Befragungen in der Nachbarschaft. Ich will alles über diesen Kerl in Erfahrung bringen, was wir können, und wissen, ob irgendjemand letzte Nacht hier was gesehen hat.«

Beide Männer akzeptierten seine Anordnungen mit einem Nicken, scheinbar dankbar, dass sie nun eine vorgegebene Richtung hatten, und noch dankbarer, dass diese sie nicht in die Nähe der Leiche bringen würde.

»187?«, fragte Jacobs.

Reed hatte sich bereits umgewandt und bewegte sich zu seinem Wagen, um Verstärkung anzufordern. »Eindeutig.«

 

 

Kapitel 4

 

Die hintere Tür öffnete sich mit dem hässlichen Quietschen, mit dem Metall über Metall schabt. Reed trat extra einen Schritt nach hinten, während er sie aufhielt, und positionierte sich dabei so, dass er dem hinausschießenden schwarzen Pfeil auf vier Beinen nicht im Weg stand. Nachdem er draußen war, warf er die Tür zu und wandte sich um, um seiner Partnerin dabei zuzusehen, wie sie durch den Park jagte und dabei mit jedem langen Satz eine gewaltige Strecke zurücklegte.

Nach zwei gemeinsamen Monaten kannten sie beide den Ablauf. Reed drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Seite des Autos, wartete ab, während sie ein paar Runden durch den Park zog. Um 6:10 Uhr war es immer noch zu früh, als dass jemand anders hier gewesen wäre, so dass ihr nichts im Weg stand, als sie lange Sprünge machte – ein einzelner, schwarzer Streifen, der durch die Gegend fegte.

In den meisten Nächten war das Wetter so angenehm, dass Reed sie sogar während seiner Streife ausführen konnte. An Abenden wie dem vergangenen, als die Stadt vom Nebel eingehüllt gewesen war und er selbst an einem Tatort festgesessen hatte, harrte sie für fast volle zehn Stunden auf dem Rücksitz aus.

Reed schüttelte den Kopf über ihre unerschöpfliche Energie, hob die Handflächen an die Augen und drückte fest zu. Er hielt diese Haltung lange genug, bis Sterne hinter seinen Lidern tanzten. Der Mief des Tatorts hing in seiner Kleidung. Der vertraute Geruch von Blut und Abfall brannte in seiner Nase, als das Geräusch eines heranfahrenden Autos in sein Bewusstsein stieg, gefolgt vom leichten Quietschen nasser Bremsen.

Reed nahm die Hände von den Augen und ein Schauer durchfuhr ihn. Der feuchte Stoff seines Kapuzensweatshirts klebte an seinem Körper, seine Haut fühlte sich klamm an. Für einen Moment dachte er darüber nach, das Kleidungsstück auszuziehen, entschied sich dann jedoch dagegen und schlang stattdessen die Arme um die Brust, versuchte sich so klein wie möglich zu machen, um die Wärme lange in seinem Körper zu halten.

Er hielt sich nicht damit auf hinüberzusehen, als die Fahrerin aus dem Fahrzeug stieg. Das Klackern ihrer Absätze auf dem Asphalt kündigte sie an.

Eine der in Stein gemeißelten Regeln des Columbus Police Departments beinhaltete verpflichtende Therapietreffen nach dem Verlust eines Partners. Reed hatte darum gekämpft, gebettelt und gefleht, damit man ihn davon entließ, Anfragen, die alle abgelehnt worden waren. Das Beste, was er hatte erreichen können, war das Einverständnis, sich mit seiner Ärztin ein paar Mal in der Woche morgens im Park treffen zu können, wobei er seinen vollen Terminplan als Vorwand vorschob, warum er sie nicht im Büro empfangen konnte.

»Guten Morgen«, sagte Pia Mehdi, als sie näherkam. Sie hatte die Hände tief in ihren knöchellangen, braunen Mantel gesteckt, der um ihre Beine schwang.

»Morgen«, sagte Reed, ohne Anstalten zu machen, sich von seinem Platz am Auto wegzubewegen. »Wie geht es Ihnen, Doc?«

»Mir geht es gut«, erwiderte Mehdi. »Und Ihnen?«

Reed wandte sich bei der Frage ab, sah seiner Partnerin dabei zu, wie sie ihr Geschäft erledigte, ohne ihnen Beachtung zu schenken.

Nach zwei Monaten hatte sie gelernt, die Ärztin nicht als Bedrohung wahrzunehmen.

»Letzte Nacht war ein großer Tag für uns«, sagte Reed und nickte in Richtung Wiese. »Unser erster gemeinsamer Mord.«

Er konnte fühlen, wie sich die Frau neben ihm regte, ihr Körper bewegte sich, ohne näherzukommen.

»Ach ja? Und wie war es?«, fragte sie.

Im Großen und Ganzen hatte Reed keine Probleme mit Mehdi. Sie war in ihren frühen Vierzigern, kleidete sich modisch, hatte hellbraune Haut und seidig schwarzes Haar – ein Aussehen, das ihr in Bollywood eine Menge Geld hätte einbringen können. Sie hatte eine direkte Art, die er an ihr schätzte, und war bereit gewesen, sich so früh am Morgen mit ihm zu treffen.

Trotzdem, es war die Notwendigkeit ihrer Treffen, die ihm so sehr widerstrebte, die Andeutung, dass er irgendeine Form der Evaluation brauchte, die sicherstellte, dass er immer noch ein fähiger Mann des Gesetzes war.

»In Ordnung«, sagte Reed und zuckte mit den Schultern.

Es war die erste Leiche seit fast vier Monaten, mit der er zu tun hatte. Der Anblick hatte ihm nicht geschadet, sein Herzschlag war regelmäßig, ebenso wie sein Atem, der sich nicht einmal beschleunigte, als er half, den Tatort zu sichern.

Als er das tat, konnte er jedoch nichts gegen den kleinen Stich tun, den er in seiner Magengrube spürte, der kleinste Hinweis auf etwas, das er schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gefühlt hatte. Es war klar, dass etwas fehlte, die Abwesenheit seiner früheren Partnerin Riley war wie ein gewaltiges schwarzes Loch, angesichts dessen sich die ganze Sache unvollständig anfühlte.

Genauso offensichtlich war jedoch das winzige, aufgeregte Zucken in ihm. Ob das eine gute oder schlechte Sache war, hatte er noch nicht entschieden.

»Dieselbe alte Leier«, sagte er und sah zu Mehdi hinüber.

Sie erwiderte seinen Blick mit einem Ausdruck, der besagte, dass sie ihm nicht glaubte, die Sache aber nicht erzwingen würde.

»Und wie hat Ihre neue Partnerin reagiert?«

Ein angedeutetes Lächeln zog an Reeds Mundwinkeln, als er sich wieder der Wiese zuwandte, wo seine neue Partnerin immer noch ihre Kreise zog. Ihr Name war Billie, eine vier Jahre alte belgische Malinois-Schäferhündin, mit Ausnahme ihrer dunkelbraunen Augen tiefschwarz. In ihrem früheren Leben war sie ein Militärhund gewesen, eine Bombenspürmaschine, die von den Marines bei zwei Einsätzen in Afghanistan eingesetzt worden war.

Vor sechs Monaten war ihr Hundeführer getötet worden, als er versuchte, eine Sprengfalle zu entschärfen. Nach seinem Tod hatte das Marinecorps versucht, sie zu behalten, indem sie sie anderen Sprengstoffexperten zuwiesen, aber die Paarungen hielten nie. Sie wurde quer durch den Staat weitergereicht und kam bald darauf in die Zwangsvollstreckung, bis sie durch eine Mischung aus purem Glück und Timing ihren Weg nach Columbus fand.

»Leider war der Tatort ziemlich hässlich«, sagte Reed, »so dass sie sich raushalten musste. Deswegen sieht sie heute Morgen auch aus wie Usain Bolt.«

Der Kommentar rang Mehdi ein kleines Lächeln ab, auch wenn sich die Fröhlichkeit nur an ihrem Mund zeigte.

»Sind Sie sicher, dass es das war?«, fragte sie mit einem vorsichtigen Tonfall in der Stimme. »Oder zogen Sie es einfach mal wieder vor, allein zu gehen?«

Als Reed das erste Mal zur K-9-Einheit gewechselt war, hatte er ebenfalls einige neue Partner verschlissen, ohne jemals den richtigen zu finden. Während seines ersten Monats in dem Job war er solo unterwegs gewesen, ein Detective der Hundestaffel ohne Hund, hin- und hergerissen zwischen dem Warten auf das richtige Tier und dem innerlichen Streit mit sich selbst, es gänzlich aufzugeben.

Ob die zwei nun tatsächlich ein gutes Team waren oder einfach beide wussten, dass dies hier ihre letzte Option war, wusste Reed nicht genau, aber er war bereit, es herauszufinden.

Bisher sah es so aus, als würde Billie das ebenso sehen.

»Überhaupt nicht«, sagte Reed. »Das war völlig gerechtfertigt. Eine Menge Blut, eine Menge Matsch. Nichts, das wir zu diesem Zeitpunkt schon mit Pfotenabdrücken verunreinigen konnten.«

Erneut nickte Mehdi, und Reed hatte wieder den Eindruck, dass sie ihm nicht so ganz glaubte. Seit fast zwei Monaten befanden sie sich in dieser Lage und spielten ihre jeweiligen Rollen. Reed, der sich so gut abschottete wie möglich und gerade genug von sich preisgab, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass er es ernst meinte. Und Mehdi, die nachbohrte, wo sie konnte, und sich sofort zurückzog, sobald sie bemerkte, dass er sie ausschloss.

»Ich verstehe«, sagte Mehdi, hob ihren Fuß und stieß einen Stein mit der Spitze ihres Schuhs an. In ihrer Stimme klang ein Hauch von Frustration mit.

 

Kapitel 5

 

Der Tag hatte noch nicht einmal richtig angefangen, und Captain Wallace Grimes sah bereits aus, als könnte er einen Drink vertragen. Dunkle Ringe unter den Augen, und seine Krawatte um seinen Hals war einen Zentimeter gelockert, der Stoff zur Seite verdreht, so dass sie in einem schiefen Winkel an seiner Brust hinunterbaumelte.

Er telefonierte gerade, als Reed an seiner Tür auftauchte und mit den Knöcheln anklopfte, das Notizbuch in der Hand. Ohne seine Anwesenheit mit irgendeiner verbalen Äußerung anzuerkennen, winkte Grimes ihn mit einem Stirnrunzeln herein.

Grimes war um mehr als ein Jahrzehnt älter als Reed und war im nahegelegenen 19. Dezernat Sergeant gewesen, als Reed eingetreten war. In den vergangenen Jahren war er zur Position des Captains aufgestiegen und hatte zum 8. Dezernat gewechselt, ein Job, von dem niemand wirklich dachte, dass er ihn wollte, aber für den ihn jeder überaus geeignet hielt.

Als er zur K-9-Einheit wechselte, tat Reed dasselbe, was Grimes zum einzigen vertrauten Gesicht in einem Haus machte, das ihm permanent entgegen zu starren schien.

»Ja, verstanden«, sagte Grimes in die Sprechmuschel und legte auf, ohne sich zu verabschieden. Er schnitt dem Telefon eine Grimasse, gefolgt vom Zeigen seines Mittelfingers, sein Gesicht vor Wut verzerrt.

»Gute Nachrichten, was?«, sagte Reed und machte einen Schritt in den Raum.

»Sie machen sich keine Vorstellungen«, murmelte Grimes und fuhr sich mit einer Hand über das Haar, bevor er in Richtung des abgenutzten Stuhls vor sich gestikulierte. »Setzen Sie sich.«

Man sah dem Captain, der bereits auf die fünfzig zuging, die Jahre deutlich an, die er hinter dem Schreibtisch verbracht hatte. Die unteren Knöpfe an seinem Hemd begannen zu spannen, und das dünner werdende Haar auf seinem Kopf färbte sich zunehmend von Schwarz zu Grau.

»Dann halte ich es besser kurz«, sagte Reed und ließ sich auf den Stuhl sinken, ohne sich mit Fragen über den Anruf aufzuhalten.

Seiner Erfahrung nach führten Fragen nur zu Problemen, zum Beispiel dem Problem, gezwungen zu werden, sich an etwas zu beteiligen.

Reed kam gleich zur Sache. Er fixierte seinen Blick auf das Notizbuch in seinem Schoß und sagte: »Letzte Nacht um etwa ein Uhr morgens wurde ich wegen eines mutmaßlichen Mordes zu einem Haus in den Bottoms gerufen. Der Anruf stammte von einem anonymen Bürger, der behauptete, es handele sich um einen Fall von HF, die diensthabenden Officers auf Streife meldeten sich bei uns.«

Reed hielt seine Stimme neutral, während er die Fakten vortrug, sie im Schnellfeuer herunterratterte. »Bei Ankunft bestätigte ich den Mord, verständigte die Spurensicherung und veranlasste eine vollständige Absicherung der Umgebung. Kein Ausweis beim Opfer, ich musste die Kennzeichen des Wagens checken, um einen Namen zu ermitteln.«

Unter Verwendung seines Fingers als Zeigestab arbeitete Reed seine Liste ab und fuhr fort: »Edwin Mentor, im System wegen Kleinkram, der bereits eine Weile zurückliegt. Drogenbesitz, Körperverletzung. Nichts Schwerwiegendes, nichts seit 2005.«

Auf der anderen Seite des Schreibtisches verschränkte Grimes seine Finger über seinem Bauch. Er drückte das Kinn in seinen Hals, während er zuhörte, und sein Stirnrunzeln sowie die daraus entstehenden Falten um seinen Kiefer verliehen ihm das Aussehen eines menschlichen Ochsenfrosches.

»Ich habe die Streifenpolizisten diesen Morgen angewiesen, die Anwohner zu befragen, um die Identität des Opfers zu bestätigen und um zu sehen, ob sie herausfinden können, wer den Anruf getätigt hat. In Anbetracht der Nachbarschaft würde ich in beides nicht allzu viele Hoffnungen setzen.«

Der Franklinton-Bezirk von Columbus war berüchtigt und wies die höchste Verbrechens- und Armutsrate im Stadtgebiet auf, bundesweit nur noch übertroffen von Teilen von Cleveland. Nach der erfolgreichen Gentrifizierung von Short North Downtown wurde unter lokalen Geschäftsleuten gemunkelt, man könnte doch dasselbe im Westen machen, obwohl der Antrieb gering wirkte, das Projekt zu realisieren.

Das Gebiet wurde technisch gesehen Bottoms, also unten, genannt, weil es sich unterhalb des Wasserspiegels der nahen Scioto- und Olentangy-Rivers befand, auch wenn einige glaubten, dass der Spitzname einen weit düstereren Ursprung hatte.

Ob das stimmte, wusste Reed nicht, obwohl es ihn nicht überrascht hätte, wenn es so gewesen wäre. Seit er umgezogen war, hatte er den Großteil seiner Zeit damit zugebracht, immer die gleiche Fläche abzugrasen, auch wenn er immer noch weit davon entfernt war, ein Experte für die Dinge zu sein, die dort vor sich gingen.

Grimes nickte zu den Informationen und der Einschätzung, sein Blick war stet. »Was macht Sie so sicher, dass es Mord war?«

Als Reed sich den Tatort der vergangenen Nacht nochmals vor Augen rief, musste er an sich halten, nicht das Gesicht zu verziehen. »Das Opfer wurde mit dem Gesicht nach oben auf dem Boden gefunden, der Bauch aufgeschlitzt, eine große Einstichwunde im Herzen, der rechte Arm direkt unter dem Ellbogen entfernt.«

Die linke Augenbraue wanderte auf Grimes´ Stirn nach oben, als er Reed anstarrte. »Entfernt? Im Sinne von mitgenommen?«

»Im Sinne von abgetrennt«, antwortete Reed, ohne seine Notizen hinzuzuziehen, während in ihm das grässliche Bild des Gliedes aufstieg, das einfach dort auf dem Asphalt lag.

»Verdammt«, murmelte Grimes und zeigte ebenjenen Gesichtsausdruck, den Reed gerade unterdrückt hatte.

»Mhmm«, stimmte Reed zu und nickte zur Bekräftigung. »Eine Menge Blut. Da es sich mit dem Regen vermischt hatte, war der ganze verdammte Platz rot. Sah aus, als hätte jemand Farbe verschüttet oder sowas.«

Auf dem Schreibtisch klingelte das Telefon erneut, der Ton hallte schrill durch das Büro. Wieder verzog Grimes das Gesicht, als er die Hand ausstreckte und den Hörer anhob, um ihn genauso rasch wieder auf die Gabel zu hämmern.

»Für die nächsten fünfundvierzig Minuten bin ich nicht im Dienst. Sie können ja dann zurückrufen«, sagte er wie zur Entschuldigung. »Irgendetwas Ungewöhnliches am Tatort?«

»Nein«, sagte Reed, ein weiteres Mal, ohne seine Notizen zu konsultieren. Er hatte fast fünf Stunden damit verbracht, mit der Spurensicherung alles zu durchleuchten. Mehr als einmal war er die wenigen Beweisstücke, die er hatte, durchgegangen und hatte dabei nicht mehr gewonnen als eine lange Liste von Fragen, bereit, an die diensthabenden Detectives weitergereicht zu werden, die sich der Sache annehmen würden.

Als Detective in der Nachtschicht ging es in seinem Job mehr um Schadensbegrenzung als um Festnahmen. Er und Billie waren permanent in Abrufbereitschaft, bereit, bei allen Problemen behilflich zu sein, die aufkommen mochten, sei es ein mutmaßlicher Mord oder ein verdächtiges Gepäckstück.

Sobald die Nacht endete, übergab er an die Tages-Crew und überließ es denen, das Problem zu lösen.

»Nur die übliche Ansammlung von Dingen. Verpackungen und Müll. Ein paar Münzen und verstreutes Zeug. Nichts, das uns irgendwie weiterhelfen würde.«

Wieder zeigte sich dieses Stirnrunzeln in Grimes´ Gesicht, als er die Lippen schürzte und den Kopf drehte, um nach draußen zu spähen. Als Reed seinem Blick folgte und zur Seite schaute, sah er seinen ungekennzeichneten Einsatzwagen vor dem Gebäude parken, in dem Billies Kopf durch das Fenster auf dem Rücksitz sichtbar war.

»Wie läuft es mit Ihnen beiden?«, fragte Grimes und deutete mit dem Kinn in Richtung des Autos, zu dem Hund.

Für einen Moment brachte Reed die Frage aus dem Konzept. Sein Mund öffnete und schloss sich, bevor er seine Stimme wiederfand. »Es wird. Wir müssen uns beide noch daran gewöhnen, mit einem neuen Partner zu arbeiten, aber ich denke, wir werden zurechtkommen.«

»Wie läuft ihr Training?«

Reed konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. »Sie ist ein Profi. Die Marines haben sie gut ausgebildet. Das Training ist mehr für mich als für sie, um mir zu zeigen, wie ich ihre Fähigkeiten richtig einsetzen kann.«

Ein undeutbares Geräusch entfuhr Grimes, als er nickte.

»Treffen Sie sich noch mit dem Doc?«

Dieses Mal war die Reaktion, die Reed nicht verbergen konnte, ein Augenrollen. »Ich komme gerade von ihr, um genau zu sein. Tiefschürfendes Zeug, das kann ich Ihnen versichern.«

»Da wett ich drauf«, antwortete Grimes, sein Gesichtsausdruck immer noch völlig teilnahmslos.

»Wieso habe ich den Eindruck, dass diese Fragen auf irgendetwas abzielen?«, fragte Reed, ohne irgendeine Anklage in seine Stimme zu legen.

»Ich will, dass Sie beide sich um das hier kümmern«, sagte Grimes, stieß die Worte entschlossen und ohne jedes Zögern aus.

Zum zweiten Mal in genauso vielen Minuten fühlte Reed sich von einer Aussage eiskalt erwischt, und wieder klappte sein Mund auf. »Captain, ich meine …«

»Ich glaube, das wird Ihnen guttun«, drängte Grimes weiter, »Ihnen beiden.«

Er nickte, während er sprach, abwechselnd in Richtung Reed und Fenster. »Aber was noch wichtiger ist, der Anruf, in den Sie eben hineingeplatzt sind, stammte vom Chief in Downtown. Sie zieht zwei unserer Detective-Teams ab, wegen eines Drogenfalls im Osten der Stadt, und dadurch sind wir unterbesetzt. Sie haben sich einen Überblick über den Tatort verschafft und Sie sind der einzige verfügbare Mann mit Detective-Erfahrung, den ich habe.«

Tausend Gedanken und Einsprüche rasten durch Reeds Kopf. Er zwang sich, einen unberührten Gesichtsausdruck zu zeigen, in dem Wissen, dass da noch mehr kommen würde, und wartete darauf, dass es ihn treffen würde, bevor er etwas erwiderte.

»Und wie ich schon sagte«, fügte Grimes hinzu, »ich denke, es wird Ihnen guttun.«

Er führte diesen Kommentar nicht näher aus, aber das musste er auch nicht. Reed wusste genau, worauf er anspielte.

Ob das nichts weiter war als ein Trick, eine Art Feuertaufe, die Reed zurück in die Aktivität zwingen sollte, konnte er nicht mit Sicherheit wissen. Der Tonfall des Captains machte deutlich, dass es sich um einen Befehl handelte und nicht um eine Bitte, was bedeutete, dass es sowieso keine Rolle spielte.

»Wir werden einen neuen Dienstplan brauchen«, sagte er. »Ich kann keine Ermittlungen durchführen, während ich Nachtschicht habe.«

Grimes starrte ihn über den Schreibtisch hinweg an, versuchte gar nicht zu verbergen, dass er ihn mit Blicken maß. Trotz seiner vierunddreißig Lebens- und seiner zwölf Dienstjahre kam Reed nicht umhin, sich wie ein Kind im Büro des Direktors zu fühlen, als er seinen Blick erwiderte.

»Ich werde Ihre Schicht von ein paar Streifenpolizisten übernehmen lassen. Sie haben zweiundsiebzig Stunden völlig freie Hand, um zu tun, was immer nötig ist, diesen Fall abzuschließen.«

»Hmmm«, sagte Reed und verengte die Augen. »Ist in den nächsten drei Tagen irgendetwas Besonderes?«

Grimes lehnte sich in seinem Stuhl zurück und unterbrach den Blickkontakt, drehte sich zum Fenster, die Finger immer noch über dem Bauch verschränkt. »Ja, im Moment weiß noch niemand etwas darüber. Wenn der Tatort allerdings tatsächlich so übel war, wie Sie sagen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es jemand herausfindet.«

 

Kapitel 6

 

Der weiche, süße Duft nach Nelken schlug dem Fährmann entgegen, als er eine schmale Linie Choji-Öl auf der Klinge seines Schwerts verteilte. Für einen Augenblick saß er reglos da, mit flatternden Lidern, und atmete den Geruch tief ein. Er erlaubte dem Atem, seine Lunge zu füllen, hob die Schultern in Richtung Decke und genoss diesen einen, kurzen Moment der Zufriedenheit.

Fast ebenso schnell war der Moment wieder vorüber. Der Fährmann öffnete seine Augen und hob den Lappen auf, der neben ihm auf dem Boden lag. Er begann am Ansatz der Klinge, direkt an jener Stelle, wo der polierte Stahl und der Griff aufeinandertrafen, und zog den Lappen daran entlang. Mit langen, gleichmäßigen Strichen verteilte er das Öl über der Oberfläche der Klinge, entfernte damit das getrocknete Blut der vergangenen Nacht und färbte den Stoff rosa.

Diese Waffe nannte man ken, ein japanisches Kampfschwert. Der Fährmann hatte das Stück aus zwei unterschiedlichen Gründen sorgsam ausgewählt, und beide hatten etwas mit seinem Auftrag zu tun.

Der erste war die Länge der Klinge, die genau zwei shaku betrug, die traditionelle Maßeinheit für solche Waffen. Nach modernem amerikanischem Standard war es einen guten halben Meter lang, einfach zu führen und noch einfacher zu verbergen.

Der zweite war, dass die Klinge, anders als die meisten anderen Schwerter der Inselnation, gerade war. Dieses Design ermöglichte, beide Kanten der Waffe rasiermesserscharf zu schleifen und damit größtmöglichen Schaden anzurichten, wenn sie von der richtigen Person geführt wurde.

Der Fährmann war mehr als nur das.

Traditionelle japanische Schwerter wurden für einen einzigen Zweck gefertigt, nämlich, um auf dem Schlachtfeld eingesetzt zu werden. Ihre Klingen waren nie dafür gedacht gewesen, um Essen zuzubereiten oder Holz zu hacken, stattdessen dienten sie nur dem alleinigen Sinn und Zweck, durch Fleisch zu schneiden.

Es war erst zehn Stunden her, seit der Fährmann und die Waffe eben das zum ersten Mal getan hatten, doch er konnte nicht anders, als zu lächeln, während er daran dachte, wie sie beide sich dabei gemacht hatten.

Zehn lange Striche auf der Oberseite waren alles, was es benötigte, um die Klinge zu säubern und den blanken Stahl in eine spiegelnde, glänzende Fläche zu verwandeln. Ein dünner Ölfilm blieb zurück, glitzerte im Licht.

Der Fährmann drehte die Klinge in die andere Richtung und balancierte sie auf seinen Knien. Er verteilte eine weitere dünne Spur Choji-Öl darauf, gestattete dem Aroma, ihn in einer zweiten Welle zu überwältigen, als er den Baumwollstoff faltete und damit die dunklen Flecken seinem Blickfeld entzog.

Wieder begann er am Griff, bewegte sich in langsamen Strichen an der Klinge entlang.

Bei seinem ersten Auftritt hatte das Schwert eine fabelhafte Performance hingelegt, wenn auch seine eigenen Bemühungen noch ein wenig zu wünschen übrig ließen. Er hatte so sehr gefürchtet, erwischt zu werden, dass er zu pedantisch geplant hatte. Seine Beute bemerkte seine Anwesenheit nicht einmal, bis es vorüber war. Der Tod ereilte sie viel zu schnell.

Das war ein Fehler, den der Fährmann kein zweites Mal begehen würde.

Der Zweck seiner Mission war nicht nur die bloße Eliminierung seiner Zielpersonen. Der Sinn war, dass sie dieselbe Furcht empfinden sollten, die sie selbst verursacht hatten. Sie mussten den Schrecken kennenlernen, den sie einst verbreitet hatten, mussten sich über die Schulter umblicken, wenn sie in den Straßen unterwegs waren und bei jedem Geräusch in der Nacht zusammenzucken.

Das war der Schwur, den er sich selbst geleistet hatte, einer, den er zu erfüllen gedachte.

Die Waffe zu reinigen, dauerte nur fünf Minuten, dann blitzte die Klinge im Dämmerlicht des Morgens. Als er auf sie hinabstarrte, fühlte der Fährmann, wie sie ihn lockte, ihn drängte weiterzumachen, ihn wissen ließ, dass sie ebenfalls bereit für den nächsten Einsatz war.

Erneut schloss der Fährmann die Augen und sog den gehaltvollen Duft ein, legte den Kopf in den Nacken, das Gesicht zur Decke gerichtet.

Durch die Reinigung des Schwerts hatten sie die letzte Nacht hinter sich gelassen.

Es war Zeit, sich auf die nächste vorzubereiten.

 

Kapitel 7

 

Billie war nicht unbedingt wild darauf, wieder im Auto zurückzubleiben – das zweite Mal innerhalb von weniger als zwölf Stunden. Das Geräusch ihres Winselns erklang vom Rücksitz, als Reed davonging, füllte seine Ohren aus und zog die Blicke einiger Angestellter auf sich, die vor dem Büro des medizinischen Gutachters standen. Zwischen Zügen an ihren Zigaretten blickten sie von Reed zum Auto, die Anklage deutlich in ihren Gesichtern, ohne dass sie sie aussprachen.

Nach mehreren Monaten waren die Regeln darüber, wann und ob Reed Billie im Auto zurücklassen sollte, immer noch etwas uneindeutig. Obwohl nicht einmal annähernd so beeindruckend wie der traditionelle Deutsche Schäferhund, war sie immer noch ein großes Tier, das immerhin achtundzwanzig Kilo auf die Waage brachte. Ihr Kopf reichte ihm knapp bis zur Hüfte. Ihr tintenschwarzer Pelz verlieh ihr das Aussehen eines Wolfs, und die Reihen scharfer Zähne trugen noch zusätzlich zu diesem Bild bei.

Da sie als Polizeibeamter klassifiziert war, zweifelte Reed nicht daran, dass nur wenige einen Einwand gegen ihre Anwesenheit gehabt hätten, doch er war immer noch weit davon entfernt, es austesten zu wollen.

Außerdem waren die Chancen, dass etwas in den Eingeweiden des ME-Büros lauerte, das ihre Mithilfe erforderte, nicht besonders groß.