DER FALSCHE KÖNIG - Edar Rice Burroughs - E-Book

DER FALSCHE KÖNIG E-Book

Edar Rice Burroughs

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Beschreibung

Barney Custer ist ein junger Amerikaner aus Beatrice, Nebraska, Sohn eines amerikanischen Farmers und der Prinzessin Victoria Rubinroth, die aus dem fiktiven europäischen Königreich Lutha stammt. Ohne zu ahnen, dass er selbst von königlichem Blute ist und dass er seinem Verwandten Leopold, dem derzeitigen König von Lutha, zum Verwechseln ähnlich sieht, besucht Barney Lutha am Vorabend des Ersten Weltkriegs, um die Heimat seiner Mutter kennenzulernen. Als er in Lutha ankommt, ist König Leopold gerade aus der zehnjährigen Gefangenschaft seines intriganten Onkels, Prinz Peter von Blentz, entkommen. Zu seiner eigenen Verwirrung (und zur Verwirrung vieler anderer) wird Barney mit dem König verwechselt, was zu zahlreichen Komplikationen führt... Der Band DER FALSCHE KÖNIG enthält die historischen Abenteuer-Romane THE MAD KING (1914) und BARNEY CUSTER OF BEATRICE (1915) aus der Feder des TARZAN-Autors Edgar Rice Burroughs in der deutschen Übersetzung von Dr. Helmut W. Pesch, der auch ein Vor- und ein Nachwort verfasste. Der Apex-Verlag veröffentlicht DER FALSCHE KÖNIG als deutsche Erstveröffentlichung.

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Seitenzahl: 472

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ähnliche


 

 

 

 

 

EDGAR RICE BURROUGHS

 

Der falsche König

 

 

 

 

Roman

 

 

Apex-Verlag

Impressum

 

 

Copyright 1914/15 © by Edgar Rice Burroughs.

Die Romane The Mad King und Barney Custer Of Beatrice sind gemeinfrei.

Copyright dieser Ausgabe 2023 © by Apex-Verlag.

Übersetzung: Dr. Helmut W. Pesch (OT: The Mad King/Barney Custer Of Beatrice). 

Lektorat: Dr. Birgit Rehberg.

Cover: Christian Dörge/Apex-Graphixx.

Satz: Apex-Verlag.

 

Die Karte im Text zeichnete Dr. Helmut W. Pesch.

 

Verlag: Apex-Verlag, Winthirstraße 11, 80639 München.

Verlags-Homepage: www.apex-verlag.de

E-Mail: [email protected]

 

Alle Rechte vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

Der Autor 

DER FALSCHE KÖNIG 

Erster Teil: DER FALSCHE KÖNIG 

Vorwort 

Zweiter Teil: DER WAHRE KÖNIG 

Nachwort: Wo liegt Lutha? 

Anmerkung zur Übersetzung 

 

Das Buch

 

 

Barney Custer ist ein junger Amerikaner aus Beatrice, Nebraska, Sohn eines amerikanischen Farmers und der Prinzessin Victoria Rubinroth, die aus dem fiktiven europäischen Königreich Lutha stammt. Ohne zu ahnen, dass er selbst von königlichem Blute ist und dass er seinem Verwandten Leopold, dem derzeitigen König von Lutha, zum Verwechseln ähnlich sieht, besucht Barney Lutha am Vorabend des Ersten Weltkriegs, um die Heimat seiner Mutter kennenzulernen. Als er in Lutha ankommt, ist König Leopold gerade aus der zehnjährigen Gefangenschaft seines intriganten Onkels, Prinz Peter von Blentz, entkommen. Zu seiner eigenen Verwirrung (und zur Verwirrung vieler anderer) wird Barney mit dem König verwechselt, was zu zahlreichen Komplikationen führt...

 

Der Band Der falsche König enthält die historischen Abenteuer-Romane The Mad King (1914)und Barney Custer Of Beatrice (1915) aus der Feder des Tarzan-Autors Edgar Rice Burroughs in der deutschen Übersetzung von Dr. Helmut W. Pesch, der auch ein Vor- und ein Nachwort verfasste. 

Der Apex-Verlag veröffentlicht Der falsche König als deutsche Erstveröffentlichung. 

  Der Autor

 

Edgar Rice Burroughs - * 01. September 1875, † 19. März 1950.

 

Edgar Rice Burroughs war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der bekannt wurde als Erzähler diverser Abenteuergeschichten, die sich vor allem dem frühen Fantasy- und Science-Fiction-Genre zuordnen lassen. Die bekanntesten von ihm eingeführten - und in der Folge von anderen in zahlreichen Filmen und Comics etablierten -  Heldencharaktere sind Tarzan, John Carter, Carson Napier.

Der Sohn des Fabrikanten und Bürgerkriegsveteranen Major George Tyler Burroughs (1833–1913) und der Lehrerin Mary Evaline Zieger (1840–1920) verlebte nach dem Besuch mehrerer Privatschulen den Großteil seiner Jugend auf der Ranch seiner Brüder in Idaho.

Nach seinem Abschluss auf der Michigan Military Academy im Jahr 1895 trat Burroughs in die 7. US-Kavallerie ein. Als ein Armeearzt bei ihm einen Herzfehler diagnostizierte und er deshalb nicht Offizier werden konnte, verließ Burroughs die Armee vorzeitig im Jahr 1897 und arbeitete bis 1899 wieder auf der Ranch seines Bruders. Danach ging er zurück nach Chicago und arbeitete in der Firma seines Vaters.

Am 1. Januar 1900 heiratete Burroughs seine Jugendliebe Emma Centennia Hulbert. Das Paar bekam drei Kinder: Joan Burroughs Pierce (1908–1972), Hulbert Burroughs (1909–1991) und John Coleman Burroughs (1913–1979). Da die tägliche Routine in der Fabrik seines Vaters Burroughs nicht zufriedenstellte, verließ das Ehepaar 1904 Chicago, um abermals in Idaho zu leben. Mit seinen Brüdern, die inzwischen ihre Ranch aufgegeben hatten, versuchte er sich erfolglos als Goldgräber. Kurze Zeit später arbeitete er als Eisenbahnpolizist in Salt Lake City. Auch diesen Job gab Burroughs auf und zog mit seiner Frau wieder zurück nach Chicago, wo er eine Reihe Jobs annahm, unter anderem als Vertreter. 1911 investierte er sein letztes Geld in einer Handelsagentur für Bleistiftanspitzer und scheiterte.

Burroughs, der zu dieser Zeit an schweren Depressionen litt und, nach einigen seiner Biographen, an Selbstmord dachte, kam auf die Idee, eine Geschichte für ein Magazin zu schreiben, in dem er zuvor Anzeigen für seine Bleistiftanspitzer geschaltet hatte. Seine erste Erzählung Dejah Thoris, Princess of Mars (unter dem Pseudonym Normal Bean für das All-Story-Magazin von Thomas Metcalf geschrieben) wurde zwischen Februar und Juli 1912 als Fortsetzung veröffentlicht.

Metcalf hatte sein Pseudonym in Norman Bean geändert, und auch der Titel seiner Geschichte wurde zu Under the Moon of Mars abgewandelt. Auf Burroughs Beschwerde bezüglich der Änderungen, lenkte Metcalf ein und bot an, Burroughs nächste Geschichte unter seinem richtigen Namen zu drucken. Eine weitere Beschwerde Burroughs betraf den Zusatz For all Rights auf seinem Honorarscheck. Nach längerem Briefwechsel erreichte er, dass die 400 Dollar nur für den Erstabdruck galten.

Burroughs zweite Geschichte, The Outlaw of Torn, wurde jedoch von All-Story abgelehnt. Der große Erfolg kam mit Burroughs drittem Anlauf, Tarzan of the Apes.

Die Geschichte von Tarzan wurde ebenfalls 1912 von All-Story veröffentlicht. Burroughs schrieb in der Folgezeit immer wieder neue Tarzan-Geschichten und konnte sich - kaum zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Tarzan of the Apes - ein riesiges Stück Land in der Nähe von Los Angeles kaufen. Selbst nach Burroughs Tod im Jahr 1950 erschienen weitere Tarzan-Geschichten. Das Landstück bei Los Angeles ist heute die Gemeinde Tarzana.

In den frühen 1930er Jahren wurde sein schriftstellerischer Erfolg allerdings immer mehr von privaten Problemen überschattet. 1934 ließ er sich scheiden und heiratete ein Jahr später Florence Dearholt. Doch schon 1942 wurde auch diese Ehe geschieden. Nach der Bombardierung von Pearl Harbor begab sich Burroughs 1941 als Kriegsreporter nach Hawaii. Nach dem Krieg kehrte er nach Kalifornien zurück, wo er, nach vielen gesundheitlichen Problemen, 1950 einem Herzanfall erlag.

 

 In Burroughs Werk vermischen sich Science Fiction und Fantasy. Er etablierte Geschichten vor einem planetarischen Hintergrund in der Science Fiction. Dabei war Burroughs bewusst, dass seine Literatur bei den Kritikern nicht ankam. Er machte auch nie ein Hehl daraus, dass er schrieb, um Geld zu verdienen.

Die Helden seiner Romane und Erzählungen haben keine Alltagsprobleme. Bei den Charakterzeichnungen schwach, sprudeln Burroughs Geschichten über vor Ideen und Action. Die Helden seiner Romane haben verschiedene Merkmale gemeinsam, beispielsweise das Geheimnis um ihre Herkunft. Entweder haben die Helden nie eine Kindheit erlebt, oder können sich nicht daran erinnern, oder aber sie sind wie Tarzan und The Cave Girl Waisen. Ein weiteres Merkmal von Burroughs Geschichten ist der, wie Brian W. Aldiss es nennt, ausgeprägte sexuelle Dimorphismus. Das jeweils dominante Geschlecht ist hässlich.

Obwohl es in den Romanen und Geschichten Burroughs von schönen, nackten Frauen nur so wimmelt, werden sexuelle Beziehungen weder angedeutet noch erwähnt. Burroughs Welt scheint eine präpubertäre zu sein. Doch ist die Jungfräulichkeit immer in Gefahr (vgl. Aldiss). Fast schon zwanghaft mutet an, dass es in den Geschichten Burroughs, die zwischen 1911 und 1915 geschrieben wurden, nicht weniger als 76 Mal zu Vergewaltigungsdrohungen kommt, die natürlich alle abgewendet werden können. Zu den Bedrohern der weiblichen Unschuld gehören verschiedene Marsianer, Sultane, Höhlenmenschen, japanische Kopfjäger und Affen.

E. F. Bleiler schreibt über Burroughs, seine Texte seien „Fantasien von Erotik und Macht.“

 

DER FALSCHE KÖNIG

 

  

 

 

  Erster Teil: DER FALSCHE KÖNIG

 

 

 

Vorwort

 

 

Der vorliegende Roman von Edgar Rice Burroughs gehört in ein Genre, das um die Wende des 20. Jahrhunderts seine Blütezeit erlebte. Es sind Geschichten über Hofintrigen und Romanzen in einem zeitgenössischen Mantel-und-Degen-Ambiente, die in der Regel in kleinen fiktiven mittel- oder osteuropäischen Ländern spielen. Genrebildend waren vor allem die Romane Der Gefangene von Zenda (The Prisoner of Zenda, 1894) des Briten Anthony Hope und Graustark (1901) aus der Feder des Amerikaners George Barr McCutcheon sowie deren Fortsetzungen. Die Romane waren zur Zeit ihrer Veröffentlichung populäre Bestseller, und die Originalausgaben sind noch immer in Antiquariaten erhältlich.

Die Werke der beiden genannten Autoren gaben einer literarischen Richtung ihren Namen, die nach den Schauplätzen der beiden Hauptwerke als »Ruritanian« bzw. »Graustarkian Romance« bezeichnet wird. Dabei steht »Romance« nicht nur für eine romantische Liebesgeschichte, sondern im Sinne einer Unterscheidung, die auf Sir Walter Scott zurückgeht. Dieser traf in seinem »Essay on Romance« (1824) einen grundlegenden Unterschied zwischen romance und novel. Während er Erstere als eine Erzählung betrachtete, die aus wunderbaren und ungewöhnlichen Begebenheiten besteht, sah er Letztere als ein Werk, das die Gesellschaft widerspiegelt. Im Deutschen werden beide Typen unter dem Begriff »Roman« zusammengefasst.

Wie so oft gibt es Gründe dafür, dass bestimmte literarische Werke zu bestimmten Zeiten in der Geschichte auftauchen. Aufgrund der begrenzten technischen Möglichkeiten des Reisens galt Europa immer noch als ein fernes, geheimnisvolles Land mit aufregenden Möglichkeiten. Außerdem hatte die amerikanische Gesellschaft noch nicht die ernüchternden Jahre der Großen Depression, des Börsenkrachs oder eines Weltkriegs erlebt. Die Summe aus der realistischen Darstellung der Figuren, dem fiktiven, weit entfernten Land und dem »eskapistischen« Stil sollte Hope und McCutcheon zu Bestsellerautoren machen.

Diese Romane wurden als »Potboiler« und Schundliteratur bezeichnet, ja man fürchtete sogar um den Verfall der guten Sitten. In einer frühen Ausgabe des Bookman aus dem Jahr 1901, einer anspruchsvollen Literaturzeitschrift, schrieb der Autor W. D. Howells einen warnenden Essay, »The New Historical Romances«, über das Genre, in dem er meinte:

»Sicherlich darf man die Bücher nicht zu ernst nehmen.... Die überwiegende Mehrheit der Leser wird aus dem Buch unbescholten hervorgehen, aber dass solche Belletristik in gewissem Maße und für eine Weile den Verstand und durch den Verstand die Moral ihrer Leser verdirbt, ist selbst für den Optimisten zu befürchten.«

Howells’ Ansicht wurde von vielen zeitgenössischen Kritikern aufgegriffen, wenn auch im Allgemeinen in einem weniger strengen Ton.

In einem Artikel mit dem Titel »Cardboard Kingdoms« (San Jose Studies 13, Frühjahr, 1987) erörtert Raymond D. Wallace die Idee eines fiktiven Landes oder einer fiktiven Stadt als Schauplatz von Romanen seit 1870, was er als Beginn des Genrestils betrachtet. Damit die Werke als echte Graustark-Romane gelten können, müssen sie folgende Komponenten aufweisen:

 

1) Ein fiktives Land als Schauplatz

2) Eine Bedrohung für die Regierung (normalerweise das Königshaus)

3) Die böse Figur

4) Der gute, eingreifende Fremde

5) Der bemerkenswerte Zufall

6) Die Verfolgungsjagd

7) Das Duell und das Happy End (mit der Heirat des Helden mit einer königlichen Frau).

 

Hope fasst in seiner Studie das gesamte Genre wie folgt zusammen:

»Die Graustark-Romane sollen das Herz berühren und den Sinn für Romantik wecken, nicht aber den Verstand überfordern. In einer Welt, in der solche Werte weitgehend fehlen, hat das Schauspiel eines besiegten bösen Onkels, dem man ein Pferd und zehn Minuten Vorsprung vor der Grenze gewährt, oder umgekehrt eines entthronten Königs, der mit den Zügeln zwischen den Zähnen, einem Beutel mit den Kronjuwelen in der einen und seiner rauchenden Pistole in der anderen Hand in aller Eile davonreitet, etwas unbestreitbar Rührendes. In der Realität soll König Carol II. von Rumänien sein Reich in ähnlicher Weise verlassen haben, nur dass er auf dem hinteren Bahnsteig seines Privatzuges stand, mit dem Ranzen zwischen den Füßen und einer Pistole in jeder Hand.«

Edgar Rice Burroughs, der am bekanntesten für seine Figur Tarzan ist, dessen Afrika mit fantastischen Kulturen geradezu durchsetzt ist, sowie seine Erzählungen, die auf fremden Welten wie Mars und Venus oder im Innern der Erde spielen, hat sich als Vielschreiber auch in verschiedenen realistischen Genres versucht: Western, Thriller, historischer Roman, Abenteuergeschichte und eben auch »Graustark«-Romane. »The Mad King«, so der Titel im Original, ist der erste von zwei Romanen, gefolgt von »Barney Custer of Beatrice«. In den zwischen beiden Werken liegenden Jahren der Handlungszeit hat der Held, der Amerikaner Barney Custer, einen kurzen Auftritt auf der Farm John Claytons, besser bekannt als Tarzan, in Afrika, nachzulesen in »The Eternal Lover«, dessen weibliche Hauptfigur wiederum Barneys Schwester Victoria ist. Es ist das erste Cross-over zwischen Burroughs' verschiedenen literarischen Welten, dem noch manche weitere folgen sollten, und dies lange bevor die Comic-Industrie dieses literarische Mittel entdecken sollte.

Eine weitere, kürzere Geschichte in der »Graustark«-Tradition ist »H.R.H. The Rider«, und in »The Lad and the Lion« bringt Burroughs beide Themenkreise zusammen. Dort verschlägt es den Fürsten eines fiktiven kleinen aristokratisch regierten zentraleuropäischen Landes aufgrund einer Intrige nach Afrika, wo er, seiner Erinnerung beraubt, sich mit einem Löwen zusammentut und zu einer Tarzan-ähnlichen Gestalt entwickelt.

Während die beiden letztgenannten Werke dem Thema originelle Varianten abgewinnen, folgen »The Mad King« und »Barney Custer of Beatrice« in ihren Grundzügen den Romanen von Anthony Hope, Der Gefangene von Zenda und Rupert von Hentzau. Dennoch haben auch sie Elemente, die ganz typisch für Burroughs sind, verbunden mit seinem ganz eigenen Humor, der sich wie bei Mark Twain über die Merkwürdigkeiten der Europäer amüsiert, sie aber heimlich bewundert. Am besten für eine vergnügliche Lektüre ist es, einfach die kritische Stimme im Hinterkopf für eine Weile auszuschalten und sich in die Hände des meisterhaften Fabulierers und Geschichtenerzählers zu begeben, der Edgar Rice Burroughs nun einmal war.

 

 

- Helmut W. Pesch 

 

I. Ein entlaufenes Pferd

 

 

Ganz Lustadt war in Aufruhr. Der verrückte König war entflohen. Kleine Knäuel von aufgeregten Menschen standen an den Straßenecken und lauschten den neuesten Gerüchten über dieses aufregende Ereignis. Vor dem Palast war eine große Menschenmenge zusammengeströmt und wartete – worauf genau, wusste keiner.

Zehn Jahre lang hatte keiner von ihnen das Gesicht des jungen Königs gesehen, der nach dem Tod des alten Königs, seines Vaters, in die düstere Burg Blentz verbracht worden war.

Es hatte damals Gerüchte gegeben, als Fürst Peter von Blentz, der Onkel zweiten Grades des jungen Königs Leopold, das Volk von Lutha über die plötzliche Geisteskrankheit unterrichtet hatte, die seinen Neffen befallen hatte, und noch mehr Gerüchte, nachdem bekannt wurde, dass Fürst Peter zum Regenten ernannt worden war, zu Leopolds Lebzeiten »oder bis Gott in seiner unendlichen Gnade es für angebracht halten wird, dem geliebten Monarchen seine volle Geisteskraft zurückzugeben«.

Aber zehn Jahre sind eine lange Zeit. Der junge König war selbst für die Untertanen, die sich seiner überhaupt entsinnen konnten, zu einer vagen Erinnerung geworden.

Natürlich gab es viele in der Hauptstadt Lustadt, die noch immer ein Bild des hübschen Jungen vor Augen hatten, der fast jeden Morgen neben der großen, kriegerischen Figur des alten Königs, seines Vaters, aus dem Schlosstor in das weite Tal am Fuße von Lustadt ausgeritten war; aber auch diese hatten längst die Hoffnung aufgegeben, dass ihr junger König jemals seinen Thron besteigen würde, oder sogar, dass sie ihn wieder lebendig sehen sollten.

Peter von Blentz hatte sich nicht als guter und freundlicher Herrscher erwiesen. Die Steuern hatten sich während seiner Regentschaft verdoppelt. Exekutive und Justiz waren nach dem Vorbild ihres Chefs tyrannisch und korrupt geworden. Zehn Jahre lang gab es wenig Freude in Lutha.

Es gab Gerüchte, dass der junge König seit vielen Jahren tot sei, aber nicht einmal im Flüsterton wagten die Männer von Lutha, den Namen desjenigen zu nennen, der seinen Tod verursacht haben könnte. Schon für kleinere Vergehen waren Freunde und Nachbarn in die vormals ungenutzten Kerker des Königsschlosses geworfen wurden.

Und nun ging das Gerücht um, dass Leopold von Lutha aus der Burg Blentz entflohen sei und irgendwo in den wilden Bergen oder Schluchten auf der gegenüberliegenden Seite von Lustadt umherstreife.

Peter von Blentz war voller Wut und möglicherweise auch Angst.

»Ich sage Ihnen, Coblich«, rief er, an seinen Kriegsminister gewandt, »das alles ist kein reiner Zufall. Jemand hat uns verraten. Dass er am Vorabend der Ankunft des neuen Arztes in Blentz hätte fliehen sollen, ist höchst verdächtig. Keiner außer Ihnen, Coblich, wusste um die Rolle, die Dr. Stein in dieser Angelegenheit spielen sollte«, schloss Fürst Peter pointiert.

Coblich sah dem Regenten in die Augen.

»Euer Durchlaucht, Ihr beleidigt nicht nur meine Loyalität, sondern auch meine Intelligenz«, sagte er leise, »indem Ihr auch nur andeutet, dass ich irgendetwas mit Leopolds Flucht zu tun haben könnte. Mit Leopold auf dem Thron von Lutha, wo, glaubt Ihr, wäre der alte Coblich?«

Fürst Peter lächelte.

»Sie haben recht, Coblich«, sagte er. »Ich weiß, dass Sie nicht so dumm sind, aber wem haben wir dann zu danken?«

»Die Mauern haben Ohren, Durchlaucht«, antwortete Coblich, »und wir waren nicht immer so vorsichtig, wie wir es hätten sein sollen. Vielleicht ist dem alten von der Tann etwas zu Ohren gekommen. Ich bezweifle nicht einen Moment lang, dass er seine Spione unter den Dienern des Palastes oder sogar der Wache hat. Der alte Fuchs hat immer Wert darauf gelegt, sich bei den einfachen Soldaten beliebt zu machen. Als er Kriegsminister war, behandelte er sie besser als seine Offiziere.«

»Es kommt mir seltsam vor, Coblich, dass ein Mann, der so schlau ist wie Sie, bisher im politischen Leben des Fürsten Ludwig von der Tann keinen schwarzen Fleck hat finden können«, sagte der Fürst unzufrieden. »Er ist die größte Gefahr für unseren Frieden und unsere Souveränität. Ohne von der Tann gäbe es keinen, der mein Recht auf den Thron von Lutha infrage stellen könnte – nach dem Tod des armen Leopold.«

»Ihr vergesst, dass Leopold entflohen ist«, gab Coblich zu bedenken, »und dass es keine unmittelbare Aussicht auf sein Ableben gibt.«

»Er muss sofort wieder eingefangen werden, Coblich!«, rief Peter von Blentz. »Er ist ein gefährlicher Irrer, und wir müssen dem Volk diese Tatsache kundtun – dies und eine gründliche Beschreibung von ihm. Eine schöne Belohnung für seine sichere Rückkehr nach Blentz wäre vielleicht nicht das Schlechteste, Coblich.«

»Es soll geschehen, Durchlaucht«, antwortete Coblich. »Und was ist mit von der Tann? Ihr habt noch nie so – äh – unverblümt mit mir gesprochen. Er jagt viel im Alten Wald. Es könnte möglich sein – so was hat’s ja schon mal gegeben –, dass einen auf der Jagd ein Unfall ereilt, nicht wahr, Euer Durchlaucht?«

»Das stimmt, Coblich«, antwortete der Fürst, »und wenn Leopold es schafft, wird er versuchen, nach Tann zu gelangen, sodass sie in einem Tag oder so zu zweit auf die Jagd gehen könnten, Coblich.«

»Ich verstehe, Durchlaucht«, antwortete der Minister. »Mit Eurer Erlaubnis werde ich sofort Truppen losschicken, um den Wald nach Leopold zu durchsuchen. Rittmeister Maenck wird sie befehligen.«

»Gut, Coblich! Maenck ist ein sehr intelligenter und loyaler Offizier. Wir müssen ihn gut belohnen. Ein Ritterschlag, zumindest, wenn er diese Angelegenheit gut handhabt«, sagte Fürst Peter. »Es wäre vielleicht nicht schlecht, ihm so etwas in Aussicht zu stellen, Coblich.«

Und so kam es, dass kurz darauf Rittmeister Ernst Maenck, Kommandant einer Truppe der Königlichen Leibgarde von Lutha, in den Alten Wald aufbrach, der hinter den Bergen liegt, welche am Rande des Tals von Lustadt aufragen. Zur gleichen Zeit ritten andere Soldaten in viele Richtungen entlang der Haupt- und Nebenstraßen von Lutha, um Plakate an Bäumen und Zaunpfählen und neben den Eingangstüren jeder kleinen Landpost anzubringen.

Das Plakat erzählte von der Flucht des verrückten Königs und stellte eine große Belohnung für seine sichere Rückkehr nach Blentz in Aussicht.

Es war vor allem der letzte Absatz, der einen jungen Mann am nächsten Tag im kleinen Weiler Tafelberg zum Pfeifen veranlasste, als er ihn sorgfältig durchlas.

»Ich bin froh, dass ich nicht der verrückte König von Lutha bin«, sagte er, als er den Ladenbesitzer für das Benzin bezahlte, das er gerade gekauft hatte und sich in den grauen Roadster schwang, für dessen gierigen Schlund es bestimmt war.

»Warum, mein Herr?«, fragte der Mann.

»Diese Nachricht gibt demjenigen, der den König zur Strecke bringt, praktisch Immunität«, antwortete der Reisende. »Schlimmer noch, sie gibt einen solchen Eindruck von der Unberechenbarkeit des Flüchtigen, dass es gerechtfertigt erscheint, ihn sofort zu erschießen.«

Als der junge Mann sprach, hatte der Ladenbesitzer sein Gesicht zum ersten Mal genau unter die Lupe genommen. Ein scharfsinniger Blick trat in das normalerweise stumme Gesicht des Mannes. Er lehnte sich ganz nah an das Ohr des anderen.

»Wir Luthaner«, flüsterte er, »lieben unseren ›verrückten König‹ – keine Belohnung wäre groß genug, um uns dazu zu verleiten, ihn zu verraten. Selbst aus Selbstschutz würden wir ihn nicht töten – wir aus den Bergen, die ihn als Jungen in Erinnerung haben und seinen Vater und seinen Großvater vor ihm liebten.

Aber es gibt heutzutage den Abschaum aus der Ostprovinz in der Armee, der alles für Geld tun würde, und das ist es, wovor der König sich hüten muss. Ich konnte nicht umhin festzustellen, dass mein Herr ein zu perfektes Deutsch für einen Ausländer spricht. Wäre ich an Ihrer Stelle, würde ich hauptsächlich Englisch sprechen, und auch den ›vollen, rotbraunen Bart‹ abrasieren.«

Daraufhin zog sich der Ladenbesitzer hastig in sein Geschäft zurück und ließ einen verwirrten Barney Custer aus Beatrice, Nebraska, USA, zurück, der sich fragte, ob alle Bewohner von Lutha an einer Geistesstörung wie der des unglücklichen Herrschers litten.

»Ich wundere mich nicht«, monologisierte der junge Mann, »dass er mir geraten hat, dieses lächerliche Gewächs abzuschneiden. Zum Teufel mit diesen Wetten; wenn die Wahlen halbwegs richtig gelaufen wären, hätte ich dieses Abzeichen der Idiotie nicht tragen müssen. Und wenn man bedenkt, dass ich’s noch einen ganzen Monat ertragen muss! Ein Jahr ist bestenfalls eine lange Zeit, aber ein Jahr in Gesellschaft mit einem vollen Satz roter Schnurrhaare ist eine Ewigkeit.«

Der Weg aus Tafelberg schlängelte sich zwischen hohen Bäumen hinauf zum Pass, der ihn über das nächste Tal auf seinem Weg in den Alten Wald führen sollte, wo er hoffte, jagdbares Wild vor die Flinte zu bekommen. Sein ganzes Leben lang hatte sich Barney vorgenommen, eines Tages das Heimatland seiner Mutter zu besuchen, und nun, da er hier war, fand er es so wild und schön, wie sie es gesagt hatte.

Weder seine Mutter noch sein Vater waren jemals in das kleine Land zurückgekehrt, seit dem Tag vor dreißig Jahren, als der große Amerikaner seine Braut buchstäblich gekidnappt hatte und über die Grenze geflohen war, nur eine knappe halbe Stunde vor der Verfolgertruppe der luthanischen Kavallerie. Barney hatte sich oft gefragt, warum keiner von ihnen jemals von diesen Tagen oder vom frühen Leben seiner Mutter, Viktoria Rubinroth, sprach, obwohl Mrs. Custer niemals müde wurde, von den Schönheiten ihrer Heimat zu erzählen.

Barney Custer dachte an diese Dinge, als seine Maschine sich die malerische Straße hinaufwand. Kurz vor ihm war eine lange, schwere Steigung, und als er sie mit offenem Schalldämpfer nahm, übertönte das Tuckern seines Motors das Geräusch von hämmernden Hufschlägen, die sich hinter ihm schnell näherten.

Erst als er den höchsten Punkt erreichte, hörte er etwas Ungewöhnliches, und im selben Augenblick sprengte ein Mädchen zu Pferd an ihm vorbei. Die Geschwindigkeit des Tieres hätte gereicht, um ihm zu sagen, dass die Reiterin offenbar die Kontrolle darüber verloren hatte, auch ohne den zusätzlichen Beweis der gebrochenen Trense, die unter dem Kinn des Pferdes baumelte.

Schaum fleckte den Hals und die Schultern des Tieres. Es war offensichtlich, dass das Pferd schon ein gutes Stück galoppiert war, aber seine Geschwindigkeit war immer noch die des völlig verängstigten Ausreißers.

Die Straße an der Stelle, an der das Tier Custer passiert hatte, war in den Hang eingeschnitten. Links stieg eine Böschung um zehn bis fünfzehn Fuß steil an. Auf der rechten Seite gab es einen Abhang von hundert Fuß oder mehr in eine bewaldete Schlucht. Voraus lief die Straße über eine beträchtliche Strecke anscheinend ziemlich gerade und glatt.

Solange die Straße gerade verlief, sagte sich Barney Custer, dürfte das Mädchen weitgehend außer Gefahr sein; denn es war offensichtlich eine ausgezeichnete Reiterin. Aber er wusste auch, wenn es eine scharfe Kurve nach links vor ihm geben sollte, würde das Pferd in seinem blinden Schrecken aller Wahrscheinlichkeit nach kopfüber in die Schlucht darunter donnern.

Es gab nur eines, was der Mann versuchen konnte, um das Mädchen vor dem fast sicheren Tod zu bewahren, der ihr drohte; denn er wusste, dass die Straße früher oder später eine Biegung machen würde, wie es alle Bergstraßen tun. Das Risiko, das er eingehen musste, wenn er scheiterte, könnte das Ende des Mädchens nur beschleunigen. Es gab keine Alternative, außer tatenlos mit anzusehen, wie das verschreckte Pferd seine Reiterin in die Ewigkeit trug, und Barney Custer war nicht für diese Rolle geschaffen.

Kaum war das Tier heran, presste er den Fuß auf das Gaspedal. Wie ein verängstigter Hirsch auf der Jagd machte der graue Roadster deinen Satz nach vorn. Die Straße war schmal. Zwei Wagen hätten nicht nebeneinander fahren können. Barney nahm die Außenseite, um das Pferd von der gefährlichen Schlucht abzudrängen.

Beim Geräusch des knatternden Dings hinter ihm warf das Tier einen erschrockenen Blick in seine Richtung und verdoppelte mit einem Wiehern des Schreckens seinen hektischen Galopp. Auch das Mädchen blickte über die Schulter zurück. Ihr Gesicht war sehr blass, aber ihre Augen waren ruhig und mutig.

Barney Custer lächelte sie an, und das Mädchen lächelte zurück.

»Ein Teufelsbrocken«, dachte Barney.

Jetzt rief sie ihn an. Zuerst konnte er ihre Worte über dem Prasseln der Pferdehufe und dem Geräusch seines Motors nicht verstehen. Dann begriff er, was sie meinte.

»Halt!«, rief sie. »Hören Sie auf, oder Sie sind des Todes. Die Straße biegt direkt da vorn nach links ab. Mit dieser Geschwindigkeit fahren Sie voll in die Schlucht.«

Das Vorderrad des Roadsters war jetzt neben der rechten Flanke des Pferdes. Barney trat etwas härter aufs Gaspedal. Zwischen Pferd und Straßenrand war kaum Platz für die vier Räder des Roadsters, und Barney muss sehr vorsichtig sein, um das Pferd nicht zu touchieren. Der Gedanke daran und was es für das Mädchen bedeuten würde, sandte einen kalten Schauer durch Barney Custers athletischere Gestalt.

Der Mann warf einen Blick nach rechts. Der Wagen hatte das Lenkrad auf der linken Seite, und er konnte über die rechte Tür die Straße überhaupt nicht sehen. Der Anblick der unter ihm wogenden Baumwipfel war alles, was zu sehen war. Vornrauschte der Straßenrand unter dem rechten Kotflügel dahin; die Räder auf dieser Seite mussten den Rand der Böschung berühren.

Jetzt war er neben dem Mädchen. Direkt vor ihm konnte er sehen, wo die Straße an der gefährlichen Kurve, vor der das Mädchen ihn gewarnt hatte, um eine Ecke des Hangs verschwand.

Custer beugte sich weit über die Fahrertür hinaus. Die Bewegung des Pferdes im Galopp und das Schaukeln des hüpfenden Wagens brachten ihn mal nahe an das Mädchen heran, mal wieder von ihr weg. Mit der rechten Hand hielt er das Auto zwischen dem panischen Pferd und dem Rand des Abgrunds. Seine ausgestreckte linke Hand berührte fast die Taille des Mädchens. Die Kurve war kurz vor ihnen.

»Spring!«, rief Barney.

Das Mädchen fiel rückwärts von ihrem Reittier und drehte sich im Fallen, um nach Custers Arm zu greifen, als dieser sich um sie schloss. Im selben Augenblick ließ Barney den Gashebel los und trat mit seinem ganzen Körpergewicht auf die Fußbremse.

Der graue Roadster drehte sich nach links, in Richtung des Hangs, als die Hinterräder auf dem losen Schotter die Reibung verloren. Sie waren an der Kurve. Das Pferd war direkt vor der Stoßstange. Es gab eine Möglichkeit unter tausend, die Kurve zu meistern, wenn das rasende Tier scheute und vor ihnen nach links abbog. Wenn nicht – Barney wollte lieber nicht darüber nachdenken, was zwangsläufig folgen würde.

Aber in einer Sekunde war alles vorbei. Das Pferd schoss geradeaus. Barney lenkte den Roadster in die Kurve. Das Auto traf das Tier voll in die Seite. Als die Hinterräder über die Böschung rutschten, schob der Mann das Mädchen vom Trittbrett auf die Straße, und Pferd, Mann und Wagen stürzten in die Schlucht.

Einen Moment zuvor hatte ein großer junger Mann mit rotbraunem Bart an der Straßenbiegung gestanden und aufmerksam dem Hufgetrappel und dem Tuckern des aus der Ferne herannahenden Rennwagens gelauscht. In seinen Augen lauerte der Blick des Gejagten. Einen Moment stand er in offensichtlicher Unentschlossenheit da, aber kurz bevor das entlaufene Pferd und die verfolgende Maschine in Sicht kamen, rutschte er über den Rand der Straße und verschwand weiter unten im Gestrüpp.

Als Barney das Mädchen vom Trittbrett schob, fiel es hart auf die Straße, überschlug sich mehrmals, aber im nächsten Augenblick war es wieder auf den Füßen. Es hatte bloß ein paar Kratzer davongetragen.

Schnell rannte die junge Frau an den Rand der Böschung. Ein Blick immenser Erleichterung trat in ihre sanften, braunen Augen, als sie sah, wie ihr Retter die steile Wand der Schlucht zu ihr hinaufkraxelte.

»Sie sind nicht tot?«, schluchzte sie auf Deutsch. »Es ist ein Wunder!«

»Nicht mal blaue Flecken«, versicherte Barney. »Aber Sie? Sie müssen einen bösen Sturz gehabt haben.«

»Ich bin überhaupt nicht verletzt«, antwortete sie. »Aber wenn Sie nicht gewesen wären, läge ich jetzt tot oder furchtbar zugerichtet auf dem Grund dieser schrecklichen Schlucht.« Sie zog mit einem kleinen Schauder des Grauens die Schultern hoch. »Aber wie haben Sie das geschafft? Selbst jetzt kann ich es kaum glauben.«

»Ich weiß selbst nicht, wie ich das hingekriegt habe«, sagte Barney und kletterte über den Rand der Straße auf sicheren Boden. »Aber ich bin sicher, dass es nicht mein Können war. Es war nur Glück. Ich bin einfach in den Busch da unten gefallen.«

Sie standen Seite an Seite und blickten nun in die Schlucht, wo das Auto zu sehen war. Es lag mit der Unterseite nach oben an einem Baum, fast am Grund des Abhangs. Der Kopf des Pferdes war unter dem Wrack zu sehen.

»Ich gehe besser runter und erlöse das Tier von seinen Leiden«, sagte Barney, »wenn es nicht schon tot ist.«

»Ich glaube, es ist wirklich tot«, sagte das Mädchen. »Es rührt sich jedenfalls nicht.«

In diesem Moment trat eine kleine Rauchwolke aus der Maschine aus, gefolgt von einer gelben Feuerzunge. Barney hatte bereits einen Schritt in Richtung Abhang gemacht.

»Bitte gehen Sie nicht«, bettelte das Mädchen. »Ich bin sicher, dass es tot ist, und es wäre jetzt nicht mehr sicher für Sie da unten. Der Benzintank kann jede Minute explodieren.«

Barney hielt inne.

»Ja, es ist gewiss tot«, sagte er, »aber all meine Sachen sind da unten. Meine Gewehre, mein Revolver und meine ganze Munition. Und«, fügte er treuherzig hinzu, »ich habe viel von den Räubern gehört, die diese Berge unsicher machen.«

Das Mädchen lachte.

»Diese Geschichten sind wirklich übertrieben«, sagte sie. »Ich bin in Lutha geboren und habe bis auf wenige Monate im Jahr immer hier gelebt, und obwohl ich viel reite, habe ich noch nie einen Räuber gesehen. Sie brauchen keine Angst zu haben.«

Barney Custer sah schnell zu ihr auf, und dann grinste er. Seine einzige Angst war, dass er keine Räuber treffen würde, denn Mr. Bernard Custer, Jr., war jung und der Geist der Romantik und des Abenteuers war stark in ihm.

»Worüber lächeln Sie?«, fragte das Mädchen.

»Über unser Dilemma«, entzog sich Barney der Frage. »Wenn man sich überlegt, in was für eine Situation wir hier geraten sind.«

Das Mädchen lächelte auch.

»Es ist sehr unkonventionell«, sagte sie. »Zu Fuß und allein in den Bergen, weit weg von zu Hause, und wir kennen nicht mal den Namen des anderen.«

»Verzeihung«, rief Barney und verbeugte sich. »Erlauben Sie mir, mich vorzustellen. Ich bin«, und dann kam zu dem Geist der Romantik und des Abenteuers ein dritter hinzu, der Geist des Übermuts: »Ich bin der verrückte König von Lutha.«

 

 

 

II. In den Abgrund

 

 

Die Wirkung seiner Worte auf das Mädchen war ganz anders, als er es erwartet hatte. Ein amerikanisches Mädchen hätte gelacht, wohl wissend, dass er nur scherzte. Dieses Mädchen lachte nicht. Stattdessen wurde ihr Gesicht weiß, und sie umklammerte ihren Busen mit beiden Händen. Ihre braunen Augen schauten dem Mann suchend ins Gesicht.

»Leopold!«, rief sie mit unterdrückter Stimme. »Oh, Majestät, Gott sei Dank, dass Ihr frei und gesund seid!«

Bevor er es verhindern konnte, hatte das Mädchen seine Hand ergriffen und an ihre Lippen gedrückt.

Hier war ein ziemlicher Schlamassel! Barney Custer schalt sich innerlich einen Narren. Was in aller Welt hatte ihn dazu bewogen, diese lächerlichen Worte zu sagen? Und nun, wie konnte er sie rückgängig machen, ohne dieses schöne Mädchen zu demütigen, das gerade seine Hand geküsst hatte?

Sie würde ihm das nie verzeihen – da war er sich sicher.

Es gab jedoch keine andere Wahl, als das Missverständnis auszuräumen. Irgendwie schaffte er es, stotternd seine Erklärung vorzubringen, was ihn dazu veranlasst hatte, und als er fertig war, sah er, dass das Mädchen ihn nachsichtig anlächelte.

»Dann soll es ›Mr. Bernard Custer‹ sein, wenn Ihr es wünscht«, sagte sie, »aber Euer Majestät brauchen keine Angst vor Emma von der Tann zu haben. Euer Geheimnis ist bei mir genauso sicher wie bei Euch selbst, wie Euch der Name von der Tann schon verraten muss.«

Sie wartete auf den Ausdruck von Erleichterung und Freude, den der Name ihres Vaters Leopold von Lutha hätte ins Gesicht zaubern müssen, aber als dieser kein Anzeichen dafür erkennen ließ, dass er ihn jemals zuvor gehört hatte, seufzte sie verwirrt. Vielleicht, dachte sie, zweifelt er an mir. Oder kann es sein, dass sein armer Verstand doch gelitten hat?

»Ich wünschte«, sagte Barney in flehentlichem Ton, »dass Sie mir meine dummen Worte verzeihen und vergessen könnten und mir dann die Erlaubnis gäben, Sie nach Hause begleiten zu dürfen.«

»Wo wollten Sie denn hin, bevor Sie um meinetwillen Ihr Auto zu Schrott gefahren haben?«, fragte das Mädchen.

»In den Alten Wald«, antwortete Barney.

Nun war sie sich sicher, dass sie es tatsächlich mit dem verrückten König von Lutha zu tun hatte, aber sie hatte keine Angst vor ihm; denn seit ihrer Kindheit hatte sie ihren Vater die Idee verächtlich abtun hören, dass Leopold verrückt sei. Zu welchem anderen Zweck würde er in den Alten Wald eilen, als sich in die Burg ihres Vaters am Ufer der Tann am Waldrand zu flüchten?

»Das war auch mein Ziel«, sagte sie, »und wenn Sie schnell und sicher dorthin gelangen wollen, kann ich Ihnen einen kurzen Weg über die Berge weisen, den mein Vater mir vor Jahren gezeigt hat. Er berührt die Hauptstraße nur ein- oder zweimal, und ein großer Teil führt durch dichte Wälder und Unterholz, wo sich eine Armee verstecken könnte.«

»Sollten wir nicht besser die nächste Stadt aufsuchen«, schlug Barney vor, »um eine Art Transportmittel zu besorgen, das Sie sicher nach Hause bringt?«

»Das ist keine gute Idee«, sagte das Mädchen. »Peter von Blentz wird ganz Lutha um Blentz und den Alten Wald von Soldaten durchsuchen lassen, bis der König gefangen ist.«

Barney Custer schüttelte verzweifelt den Kopf.

»Wollen Sie immer noch nicht glauben, dass ich nur ein einfacher Amerikaner bin?«, beschwor er sie.

Von dem Stamm eines großen Baumes am Wegesrand starrte ihnen ein neues, frisches Plakat ins Gesicht. Emma von der Tann wies auf einen der Absätze hin.

»Graue Augen, braune Haare und ein rotbrauner Vollbart«, las sie. »Egal, wer Sie sind«, sagte sie, »Sie sind abseits der Straßen von Lutha sicherer als auf ihnen, bis Sie ein Rasiermesser gefunden und sich diesen Bart abrasiert haben.«

»Aber ich darf mich nicht vor dem fünften November rasieren«, sagte Barney.

Wieder sah das Mädchen ihm in die Augen, und wieder stellte sich im Kopf die Frage, die dort schon einmal aufgetaucht war. War er wirklich voll zurechnungsfähig?

»Dann kommen Sie bitte mit mir auf dem sichersten Weg zu meinem Vater«, drängte sie. »Er wird am besten wissen, was zu tun ist.«

»Er kann mich nicht zwingen, mich zu rasieren«, beharrte Barney.

»Warum wollen Sie sich nicht rasieren?«, fragte das Mädchen.

»Es geht um meine Ehre«, antwortete er. »Ich hatte die Wahl, sechs Monate einen grünen Kapotthut mit roten Rosen oder zwölf Monate einen Bart zu tragen. Wenn ich den Bart vor dem fünften November abrasiere, werde ich vor meinen Freunden entehrt sein, oder ich muss das grüne Hütchen tragen. Der Bart ist schlimm genug, aber ein Damenhut – igitt!«

Emma von der Tann war sich nun ganz sicher, dass der arme Kerl tatsächlich den Verstand verloren hatte, aber sie hatte noch keine Anzeichen von Gewalttätigkeit an ihm festgestellt. Doch er war und blieb für sie Leopold von Lutha, und das Haus ihres Vaters hatte ihm oder seinen Vorfahren dreihundert Jahre lang die Treue gehalten.

Selbst wenn es sie das Leben kosten sollte, musste sie dennoch alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihren König vor der Wiederergreifung zu bewahren und ihn sicher nach Burg Tann zu führen.

»Kommen Sie«, sagte sie, »wir verschwenden hier unsere Zeit. Beeilen wir uns, denn der Weg ist lang. Ansonsten werden wir Tann vor der Dunkelheit nicht erreichen.«

»Ich werde alles tun, was Sie wollen«, antwortete Barney, »aber ich werde mir nie verzeihen, dass ich Ihnen den langen und mühsamen Weg, der vor uns liegt, bereitet habe. Es wäre absolut sicher, in die nächste Stadt zu gehen und eine Kutsche zu besorgen.«

Emma von der Tann hatte gehört, dass es immer gut sei, Verrückten nach dem Munde zu reden, und das kam ihr jetzt in den Sinn. Sie würde eine Probe aufs Exempel machen.

»Der Grund, warum ich Angst habe, dass Sie ins Dorf gehen«, sagte sie, »ist, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass man Sie ergreifen und Ihnen den Bart abrasieren würde.«

Barney begann zu lachen, aber als er die tiefe Ernsthaftigkeit der Augen des Mädchens sah, änderte er seine Meinung. Dann erinnerte er sich an ihr ziemlich eigenartiges Beharren darauf, dass er ein König sei, und es kam ihm plötzlich in den Sinn, dass er töricht gewesen war, die Wahrheit vorher nicht erraten zu haben.

»Dem ist so«, stimmte er zu. »Ich schätze, wir sollten besser tun, was Sie sagen«, denn er sagte sich, dass der beste Weg, mit ihr umzugehen, darin bestehen würde, sie in ihrem Glauben zu lassen – er hatte immer gehört, dass das die richtige Methode war, um mit geistig Behinderten umzugehen. »Wo ist das – äh – ah – Sanatorium?«, platzte er schließlich raus.

»Das was?«, fragte sie. »Es gibt kein Sanatorium in der Nähe, Majestät, es sei denn, Ihr bezieht Euch auf die Burg Blentz.«

»Gibt es in der Nähe keine Klinik für Geisteskranke?«

»Nicht, dass ich wüsste, Majestät.«

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinanderher und fragten sich, was der andere als Nächstes tun könnte.

Barney hatte sich einen Plan zurechtgelegt. Er würde versuchen, den Standort der Anstalt, aus der das Mädchen geflohen war, zu ermitteln, und sie dann so sanft wie möglich dorthin zurückführen. Es war nicht sicher für eine so schöne Frau wie sie, so durch den Wald zu streifen. Er fragte sich, was in der Welt sich die Klinikleitung gedacht hatte, um sie so einfach allein ausreiten zu lassen.

»Von wo aus sind Sie heute losgeritten?«, platzte es plötzlich aus ihm heraus.

»Von Tann.«

»Da gehen wir jetzt hin?«

»Ja, Majestät.«

Barney war erleichtert. Der Weg war plötzlich schwierig geworden, und er nahm den Arm des Mädchens, um ihr an einer ziemlich steilen Stelle zu helfen. Am Fuße der Schlucht schäumte ein kleiner Bach.

»Hier drüben war mal ein umgefallener Baum«, sagte das Mädchen. »Wie um alles in der Welt soll ich je da hinüberkommen, Majestät?«

»Wenn Sie mich noch einmal so nennen, werde ich anfangen zu glauben, dass ich wirklich ein König bin«, meinte er nachsichtig, »und für einen König, nehme ich an, wäre es nicht angemessen, Sie rüber zutragen, oder? Aber da ich nie wirklich ein König war, weiß ich es nicht.«

»Ich denke«, antwortete das Mädchen, »dass es durchaus angemessen wäre.«

Sie hatte Schwierigkeiten, sich die Tatsache vor Augen zu halten, dass dieser gut aussehende, lächelnde junge Mann ein gefährlicher Irrer war, obwohl es leicht zu glauben war, dass er der König sei. Tatsächlich sah er so aus, wie sie sich Leopold immer vorgestellt hatte. Sie hatte ihn als Jungen gekannt, und es gab viele Gemälde und Fotografien seiner Vorfahren im Schloss ihres Vaters. Sie sah viel Ähnlichkeit zwischen diesen Bildern und dem jungen Mann.

Der Bach war sehr schmal, und das Mädchen dachte, dass es unangemessen lange dauerte, als der junge Mann sie hinübertrug, obwohl sie zugeben musste, dass sie sich in den starken Armen, die sie so leicht hielten, keineswegs unwohl fühlte.

»Wieso, was tut Ihr da?«, rief sie aus. »Ihr überquert den Fluss überhaupt nicht. Ihr geht genau in der Mitte!«

Sie sah sein Gesicht erröten, und dann wandte er ihr lachend den Blick zu.

»Ich suche eine sichere Stelle«, sagte er.

Emma von der Tann wusste nicht, ob sie sich fürchten oder amüsieren sollte. Als ihr Blick auf die klaren, grauen Augen des Mannes traf, konnte sie nicht glauben, dass hinter dem lachenden Funkeln darin der Wahnsinn lauerte. Sie vergaß immer wieder, dass der Mann verrückt war. Er hatte sich nun dem Ufer zugewandt, und ein paar Schritte trugen sie zu dem niedrigen Gras, welches den kleinen Bach säumte. Hier setzte er sie ab.

»Euer Majestät sind sehr stark«, sagte sie. »Ich hätte es nach den Jahren der Gefangenschaft nicht erwarten sollen.«

»Ja«, sagte er und sagte sich, dass er Nachsicht mit ihr haben musste – es war schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass dieses reizende Mädchen verrückt war. »Mal sehen, warum war ich im Gefängnis? Ich scheine mich nicht erinnern zu können. In Nebraska hat man Männer für Pferdediebstahl gehängt, also bin ich sicher, dass es etwas anderes gewesen sein muss, das nicht ganz so schlimm war. Wissen Sie es zufällig?«

»Als der König, Euer Vater, starb, wart Ihr dreizehn Jahre alt«, erklärte das Mädchen in der Hoffnung, die schlafenden Erinnerungen wiederzuerwecken, »und dann verkündete Euer Onkel, Fürst Peter von Blentz, dass der Schock des Todes Eures Vaters Euren Geist verwirrt habe. Er hat Euch dann in Blentz eingesperrt, wo Ihr seit zehn Jahren weilt, und seitdem als Regent geherrscht. Mein Vater sagt nun, er habe vor Kurzem eine Verschwörung entdeckt, Euch umzubringen, damit Peter König werden kann. Aber ich nehme an, Ihr habt davon erfahren und seid deswegen entflohen!«

»Dieser Peter ist der Boss in Lutha?«, fragte er.

»Er kontrolliert die Armee«, antwortete das Mädchen.

»Und Sie glauben wirklich, dass ich der verrückte König Leopold bin?«

»Ihr seid der König«, sagte sie überzeugend.

»Sie sind eine sehr mutige junge Dame«, sagte er ernsthaft. »Wären alle Untertanen des verrückten Königs so treu und mutig wie Sie, hätte er gewiss nicht zehn Jahre lang hinter den Mauern von Blentz geschmachtet.«

»Ich bin eine von der Tann«, sagte sie stolz, als wäre das eine Erklärung, die für jede Tapferkeit und Loyalität ausreicht.

»Selbst eine von der Tann könnte ohne Schande Bedenken haben, einen Verrückten durch den Wald zu begleiten«, antwortete er, »besonders wenn sie zufällig eine sehr – eine sehr …« Er hielt errötend inne.

»Ein sehr was, Majestät?«, fragte das Mädchen.

»– eine sehr junge Frau ist«, endete er lahm.

Emma von der Tann wusste, dass er etwas ganz Anderes hatte sagen wollen. Als Frau wusste sie genau, was er eigentlich sagen wollte, und sie stellte fest, dass sie es sehr gerne gehört hätte.

»Nehmen wir an«, sagte Barney, »dass Fürst Peters Soldaten uns über den Weg laufen – was dann?«

»Sie werden Euch zurück nach Blentz bringen, Majestät.«

»Und was wird mit Ihnen?«

»Ich glaube nicht, dass sie es wagen werden, Hand an mich zu legen, obwohl es Peter durchaus zuzutrauen wäre. Er hasst meinen Vater jetzt noch mehr als damals, als der alte König noch lebte.«

»Ich wünschte«, sagte Mr. Custer, »dass ich meine Waffen aus der Schlucht geborgen hätte. Warum haben Sie mir nicht gleich gesagt, dass ich ein König bin und dass ich Sie in Schwierigkeiten bringen könnte, wenn Sie bei mir gefunden werden? Vielleicht halten sie mich sogar für einen Kaiser oder einen Mikado, wer weiß? Dann kämen wir erst recht in die Bredouille.«

Was Barneys Methode war, eine Verrückte bei Laune zu halten.

»Und man könnte Ihnen sogar Ihren schönen Bart abrasieren.«

Was die Methode des Mädchens war.

»Würden Sie mich lieber im grünen Kapotthut mit roten Rosen sehen?«, fragte Barney.

Ein sehr trauriger Blick trat in die Augen des Mädchens. Es war ein schrecklicher Gedanke, dass dieser große, gut aussehende junge Mann, für dessen Rückkehr auf den Thron ganz Lutha zehn lange Jahre gebetet hatte, nur ein dummer Schwachkopf war. Was er für sein Volk nicht alles hätte tun können, wenn dieses schreckliche Unglück ihn nicht aus der Bahn geworfen hätte! Dabei war er in der einzigartigen Position, zum Retter seines Landes werden zu können. Wenn sie ihn nur daran erinnern könnte!

»Euer Majestät«, sagte sie, »erinnert Ihr Euch nicht an die Zeit, als Euer Vater zu einem Staatsbesuch in das Schloss meines Vaters kam? Ihr wart damals ein kleiner Junge. Er hat Euch mitgebracht. Ich war ein kleines Mädchen und wir haben zusammen gespielt. Ihr ließet Euch nicht von mir ›Königliche Hoheit‹ nennen, sondern bestandet darauf, dass ich Euch immer Leopold nennen sollte. Wenn ich vergaß, beschuldigtet Ihr mich der Majestätsbeleidigung und verurteiltet mich zu – zu einer Strafe.«

»Was war die Strafe?«, fragte Barney, der ihr Zögern bemerkte und sie in der schönen Wendung, die ihre Demenz genommen hatte, ermutigen wollte.

Wieder zögerte das Mädchen; sie hasste es, es zu sagen, aber wenn es dem armen, umdüsterten Verstand helfen würde, sich an die Vergangenheit zu erinnern, war es ihre Pflicht.

»Jedes Mal, wenn ich Euch ›Majestät‹ nannte, kostete es mich einen Kuss«, flüsterte sie fast.

»Ich hoffe«, sagte Barney, »dass Sie sich oft der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht haben.«

»Wir waren damals kleine Kinder, Majestät«, erinnerte ihn das Mädchen.

Hätte er geglaubt, dass sie bei Verstand wäre, hätte Mr. Custer seine königlichen Privilegien an Ort und Stelle ausnutzen können; denn die Lippen des Mädchens waren sehr verlockend. Aber als er sich an ihren bemitleidenswerten Geisteszustand erinnerte, kamen ihm fast Tränen in die Augen, und es entstand in ihm das Bedürfnis, dieses unglückliche Kind zu beschützen und zu behüten.

»Und als ich Kronprinz war, was waren Sie in den schönen Tagen unserer Kindheit?«, fragte Barney.

»Ich war, was ich immer noch bin, Majestät«, antwortete das Mädchen. »Prinzessin Emma von der Tann.«

Das arme Kind hielt ihn nicht nur für einen König, sondern sich selbst auch noch für eine Prinzessin! Sie war wirklich verrückt. Nun, er würde Nachsicht mit ihr haben.

»Dann sollte ich Sie ›Euer Durchlaucht‹ nennen, nicht wahr?«, fragte er.

»Ihr habt mich immer Emma genannt, als wir Kinder waren.«

»Nun gut, dann sollst du Emma sein und ich Leopold. Ist das ein Wort?«

»Der Wille des Königs ist Gesetz«, sagte sie.

Sie waren zu einem sehr steilen Abhang gekommen, auf dem sich der halb beleuchtete Weg im Zickzack auf den Kamm eines flachen Hügels zubewegt hatte. Barney ging voran, nahm die Hand des Mädchens in seine, um ihr zu helfen, und so kamen sie an die Spitze, um Hand in Hand zu stehen und nach dem steifen Aufstieg schwer zu atmen.

Die Haare des Mädchens hatten sich um ihre Schläfen gelöst, und eine Locke wehte über ihr Gesicht. Ihre Wangen waren rosig und ihre Augen hell. Barney dachte, er hätte nie einen schöneren Anblick gesehen. Er lächelte ihr ins Gesicht, und sie lächelte ihn an.

»Ich hatte mir gewünscht, vorhin, dass dieser kleine Bach so breit wie der Ozean gewesen wäre – jetzt wünschte ich, dieser kleine Hügel wäre so hoch wie der Montblanc.«

»Klettert Ihr – ich meine, kletterst du gerne?«, fragte sie.

»Ich könnte ewig mit dir klettern«, sagte er ernsthaft.

Sie sah schnell zu ihm auf. Eine Antwort war auf ihren Lippen, aber sie äußerte sie nie, denn in diesem Moment sprang ein Bursche in malerischen Lumpen hinter einem nahen Busch hervor und konfrontierte sie mit einer vorgehaltenen Pistole. Er war so nah, dass die Mündung der Waffe fast Barneys Gesicht berührte. Das war sein Fehler.

»Siehst du«, sagte Barney unaufgeregt, »dass ich mit den Räubern doch recht hatte. Was willst du, mein Freund?«

Die Augen des Mannes waren plötzlich weit aufgerissen. Er starrte mit offenem Mund auf den jungen Mann vor ihm. Dann kam ihm ein gerissener Blick in die Augen.

»Euch, Majestät«, sagte er.

»Grundgütiger!«, rief Barney aus. »Sind sie denn hier alle aus dem Irrenhaus entsprungen?«

»Schnell!«, knurrte der Mann. »Hände hoch! Das Plakat macht klar, dass Ihr tot genauso viel wert seid wie lebendig, und ich habe keine Lust, mir die Belohnung entgehen zu lassen, also geben sie mir keinen Grund, Euch zu töten.«

Barneys Hände gingen nach oben, aber nicht so, wie es der Räuber erwartet hatte. Stattdessen packte eine von ihnen den Lauf der Waffe und schob ihn beiseite, während Custer ihm mit der anderen einen Schlag zwischen die Augen verpasst, der ihn rückwärts taumeln ließ. Die beiden Männer rangen miteinander und kämpften um den Besitz der Waffe. In dem Handgemenge ging die Pistole los, aber einen Moment später gelang es dem Amerikaner, sie seinem Gegner zu entreißen und in die Schlucht zu schleudern.

Die beiden schwankten an der Kante des Hügels vor und zurück und suchten jeweils, den anderen an der Kehle zu packen. Das Mädchen stand daneben und beobachtete den Kampf mit großen, verängstigten Augen. Wenn sie nur etwas tun könnte, um dem König zu helfen!

Sie sah in einiger Entfernung von den Kämpfern einen großen Stein liegen. Wenn sie dem Räuber einen einzigen harten Schlag gegen die Schläfe versetzen könnte, würde Leopold ihn leicht überwältigen. Als sie den Stein aufgelesen hatte und sich den beiden zuwandte, sah sie, dass der Mann, den sie für den König hielt, nicht viel Hilfe von außen brauchte. Sie konnte nur staunen über die Kraft und Geschicklichkeit dieses armen Mannes, der fast sein halbes Leben in den vier Wänden eines Gefängnisses verbracht hatte. Es musste, so dachte sie, die übermenschliche Kraft sein, die den Verrückten immer zugeschrieben wird.

Dennoch eilte sie mit ihrer Waffe auf sie zu, doch kurz bevor sie sie erreichte, unternahm der Räuber einen letzten verzweifelten Versuch, sich von den Fingern zu befreien, die sich um seine Kehle krallten. Er warf sich nach hinten und zog den anderen mit sich. Sein Fuß verfing sich in der Wurzel eines Baumes, und die beiden Kämpfenden stürzten zusammen in die Schlucht.

Als das Mädchen zu der Stelle eilte, an der die beiden verschwunden waren, schrak sie zusammen, als sie sah, wie sich in der Nähe der Stelle, wo der Kampf stattgefunden hatte, die Bäume teilten und drei Soldaten der Gardekavallerie zum Vorschein kamen, angeführt von einem Offizier. Die vier Männer rannten schnell auf sie zu.

»Was ist hier passiert?«, rief der Offizier Emma von der Tann zu, und dann, als er näherkam: »Gott! Kann es sein, dass es Euer Durchlaucht ist?«

Das Mädchen kümmerte sich nicht um den Offizier. Stattdessen eilte sie den steilen Hang hinunter zum Unterholz, in das die beiden Männer gefallen waren. Es gab keinen Laut von unten und keine Bewegung in den Büschen, die darauf hindeutete, dass einen Moment zuvor zwei verzweifelt kämpfende Menschen dort hinabgefallen waren.

Die Soldaten blieben dem Mädchen dicht auf den Fersen, aber sie war es, die zuerst die beiden reglosen Gestalten erreichte, die nebeneinander auf dem steinigen Boden am Fuße des Hangs lagen.

Als der Offizier neben ihr anhielt, saß sie auf dem Boden und hielt den Kopf eines der Kämpfer im Schoß.

Ein kleiner Blutstrom rann aus einer Wunde in der Stirn. Der Offizier bückte sich näher.

»Er ist tot?«, fragte er.

»Der König ist tot«, antwortete Prinzessin Emma von der Tann, ein wenig schluchzend in ihrer Stimme.

»Der König!«, rief der Offizier, und dann, als er sich über das weiße Gesicht beugte: »Leopold!«

Das Mädchen nickte.

»Wir haben nach ihm gesucht«, sagte der Offizier, »als wir den Schuss hörten.« Dann nahm er seine Mütze ab und sagte mit leiser Stimme: »Der König ist tot. Lang lebe der König!«

 

 

 

III. Der Zorn eines Königs

 

 

Die Soldaten standen hinter ihrem Offizier. Keiner von ihnen hatte Leopold von Lutha je gesehen – er war nur ein Name für sie gewesen –, und sie hatten nichts mit ihm zu schaffen; aber in Gegenwart des Todes wurden sie von der Hoheit des Königs, den sie nie gekannt hatten, beeindruckt.

Die Hände von Emma von der Tann rieben die Handgelenke des Mannes, dessen Kopf in ihrem Schoß lag.

»Leopold!«, flüsterte sie. »Leopold, komm zurück! Verrückt warst du vielleicht, aber trotzdem warst du der König von Lutha, der König meines Vaters.«

Das Mädchen schrie beinahe entsetzt auf, als sie sah, wie der tote König die Augen aufschlug. Aber Emma von der Tann war geistesgegenwärtig. Sie wusste, zu welchem Zweck die Soldaten aus dem Palast das Land durchkämmten.

Hätte sie nicht geglaubt, dass der König tot sei, hätte sie sich lieber die Zunge herausgeschnitten, als diesen Soldaten seines größten Feindes seine Identität zu verraten. Nun sah sie, dass Leopold lebte, und sie musste den Schaden, den sie unschuldig angerichtet hatte, rückgängig machen. Sie beugte sich tiefer über Barneys Gesicht und versuchte, es vor den Soldaten zu verbergen.

»Geht weg, bitte!«, rief sie ihnen zu. »Lasst mich mit meinem toten König allein. Ihr seid Fürst Peters Leute. Leopold, lebendig oder tot, kümmert euch nicht. Geht zurück zu eurem neuen König und sagt ihm, dass dieser arme junge Mann nie mehr zwischen ihm und dem Thron stehen wird.«

Der Offizier zögerte.

»Wir müssen den Leichnam des Königs mitnehmen, Euer Durchlaucht«, sagte er.

Der Offizier, der offensichtlich misstrauisch wurde, kam näher, und als er das tat, setzte sich Barney Custer auf.

»Verschwindet!«, rief das Mädchen, denn sie sah, dass der König versuchte zu sprechen. »Die Leute meines Vaters werden Leopold von Lutha in die Hauptstadt seines Königreichs überführen.«

»Was soll der ganze Streit?«, fragte Barney Custer. »Können Sie einen toten König nicht allein lassen, wenn eine junge Dame Sie darum bittet? Was erlauben Sie sich da? Machen Sie, dass Sie Land gewinnen.«

Der Offizier lächelte, vielleicht ein wenig boshaft.

»Ah«, sagte er, »ich bin sehr froh, dass Ihr nicht tot seid, Majestät.«

Barney Custer wandte seine ungläubigen Augen dem Leutnant zu.

»Et tu, Brute?«, rief er mit gequälter Stimme und ließ seinen Kopf in den Schoß des Mädchens fallen. Er fand es dort sehr gemütlich.

Der Offizier lächelte und schüttelte den Kopf. Dann tippte er sich bedeutungsvoll an die Stirn.

»Ich wusste nicht«, sagte er zu dem Mädchen, »dass es so schlimm mit ihm steht. Aber es ist ein bisschen weit weg von Blentz, und der Nachmittag ist schon ziemlich fortgeschritten. Euer Durchlaucht wird uns begleiten.«

»Ich?«, rief das Mädchen. »Das kann nicht lhr Ernst sein.«

»Und warum nicht, Euer Durchlaucht?«, fragte der Offizier. »Wir hatten den Befehl, nicht nur den König festzunehmen, sondern auch alle weiteren Personen, die an seiner Flucht beteiligt waren.«

»Ich hatte nichts mit seiner Flucht zu tun«, sagte das Mädchen, »obwohl ich nur zu froh gewesen wäre, wenn ich die Gelegenheit dazu gehabt hätte.«

»König Peter mag anders denken«, antwortete der Mann.

»Der Regent, meinen Sie?«, korrigierte das Mädchen ihn hochmütig.

Der Offizier zuckte die Achseln.

»Regent oder König, er ist jedenfalls Herrscher von Lutha, und er würde mir die Kommission entziehen, wenn ich ihm sagen würde, dass ich zusammen mit dem König eine von der Tann gefunden und ihr die Flucht gestattet hätte. Euer Blut verrät Euer Durchlaucht.«

»Sie wollen mich nach Blentz bringen und dort einsperren?«, fragte das Mädchen mit sehr leiser Stimme und großen ungläubigen Augen. »Sie würden es nicht wagen, eine von der Tann zu demütigen?«

»Es tut mir sehr leid«, sagte der Offizier, »aber ich bin Leutnant, und Soldaten müssen ihren Vorgesetzten gehorchen. Meine Befehle sind strikt. Sie können dankbar sein«, fügte er hinzu, »dass es nicht Maenck war, der Sie entdeckt hat.«

Bei der Erwähnung des Namens schauderte das Mädchen.

»Soweit es in meiner Macht steht, werden Euer Durchlaucht und Seine Majestät unter meiner Eskorte jede Rücksichtnahme auf Würde und Höflichkeit erfahren. Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben«, schloss er.

Barney Custer war während dieses für ihn bemerkenswerten Dialogs aufgestanden, und half jetzt dem Mädchen hoch. Dann drehte er sich um und sprach den Offizier an.

»Diese Farce«, sagte er, »ist weit genug gegangen. Wenn es ein Witz ist, ist es kein sehr guter. Ich bin kein König. Ich bin Amerikaner – Bernard Custer aus Beatrice, Nebraska, USA. Sehen Sie mich an. Sehen Sie mich genau an. Sehe ich aus wie ein König?«

»Jeder Zoll, Majestät«, antwortete der Offizier.

Barney riss entgeistert die Augen auf.

»Nun, ich bin kein König«, sagte er schließlich, »und wenn Sie mich verhaften und in eines Ihrer muffigen alten Verliese werfen, werden Sie feststellen, dass ich viel wichtiger bin als die meisten Könige. Ich bin amerikanischer Staatsbürger.«

»Ja, Majestät«, antwortete der Offizier ein wenig unbedacht. »Aber wir verschwenden Zeit mit leeren Diskussionen. Werden Majestät so gut sein, mich ohne Widerstand zu begleiten?«

»Wenn Sie diese junge Dame zuerst an einen sicheren Ort bringen wollen«, antwortete Barney.

»Sie wird in Blentz sicher sein«, sagte der Leutnant.

Barney drehte sich um und sah das Mädchen fragend an. Vor ihnen standen die Soldaten mit gezogenen Pistolen, und nun erschien auf dem Gipfel des Hügels ein Dutzend mehr unter dem Kommando eines Unteroffiziers. Sie waren zwei gegen knapp zwanzig, und Barney Custer war unbewaffnet.

Emma schüttelte den Kopf.

»Es gibt keine Alternative, fürchte ich, Majestät«, sagte sie.

Barney wandte sich wieder dem Offizier zu.

»Gut, Herr Leutnant«, sagte er, »wir werden Sie begleiten.«

Die Gruppe wandte sich wieder den Hang hinauf und ließ den toten Räuber dort zurück, wo er lag – der Mann hatte sich bei dem Sturz den Hals gebrochen. Kurz vor der Stelle, wo der Kerl sie überfallen hatte, wurden die beiden Gefangenen zur Hauptstraße gebracht, wo sie noch andere Soldaten und mit ihnen die Pferde derer sahen, die zu Fuß in den Wald gegangen waren.

Barney und das Mädchen wurden auf zwei der Tiere gesetzt, die Soldaten, die sie geritten hatten, saßen hinter zweien ihrer Kameraden auf. Einen Moment später machte sich die Truppe auf den Weg Richtung Blentz.