Der ferne Tod - Willi Zurbrüggen - E-Book

Der ferne Tod E-Book

Willi Zurbrüggen

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Beschreibung

Drei ermordete Zollbeamte an Ost- und Nordsee, ein Konvoi mit hochbrisanter Ladung quer durch Osteuropa und die Türkei. Auf dessen Spur Ex-Agent Thomas Marder und die iranische Ermittlerin Zhora bent Hadi Tahiri. Beide auf der Jagd nach Mördern und auf der ziemlich unmöglichen Mission, eine Katastrophe von internationalem Ausmaß zu verhindern. Was sie beide letztlich antreibt, ist jedoch erbarmungslose Rache. Treuer Helfer ist dabei Kriminalassistent Willie Burgwald, ein junger Mann mit fliehendem Kinn, der sich lieber in die großen Detektive der Kinogeschichte hineinträumt, als mit Ehrgeiz eine eigene Karriere zu verfolgen. Ob der Macho Marder und die selbstbewusste iranische Agentin nach allen Abenteuern und verbalen Scharmützeln zueinander finden, das bleibt die Frage bis zuletzt.

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Seitenzahl: 431

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Drei ermordete Zollbeamte an Ost- und Nordsee, ein Konvoi mit hochbrisanter Ladung quer durch Osteuropa und die Türkei. Auf dessen Spur Ex-Agent Thomas Marder und die iranische Ermittlerin Zhora bent Hadi Tahiri. Ob der Macho Marder und die selbstbewusste iranische Agentin zueinander finden, das bleibt die Frage bis zuletzt.

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Willi Zurbrüggen (*1949) arbeitet seit 1982 als freier Übersetzer. Er hat u. a. Werke von Ignacio Aldecoa, Fernando Aramburu, Luis Sepúlveda und Antonio Skármeta ins Deutsche übertragen. Für seine Übersetzungen erhielt er diverse Preise, u. a. den Übersetzerpreis des Spanischen Kulturministeriums.

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Willi Zurbrüggen

Der ferne Tod

Kriminalroman

E-Book-Ausgabe

Draupadi @ Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book des Draupadi-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.

© by Draupadi Verlag, Heidelberg 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Reinhard Sick, Heidelberg, und Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30937-1

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Version vom 24.06.2024, 02:00h

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Inhaltsverzeichnis

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Über dieses Buch

Titelseite

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Inhaltsverzeichnis

DER FERNE TOD

29. April 1999, BremerhavenMarder29° 26′ 1″ N, 51° 17′ 31″ OZhoraTalismanDer SchutEmpor die HerzenAAHamburger IntermezzoJonAusgebootetTod und VerderbenBalkanMor GabrielRoatán, 4 Monate später

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»Die sind alle tot, diese Arschlöcher.«

Jean Yanne in »Weekend« von Jean-Luc Godard

29. April 1999, Bremerhaven

1

Zuerst kommen die Ratten. Sie machen sich über die blutigen Stellen her. Zwei oder drei stoßen mit spitzen Schnauzen in die leeren Augenhöhlen und reißen grunzend Bindehautfetzen und Muskelfäden heraus. Eine weitere beschnüffelt die breite Halswunde, unter der sich eine dunkle Lache gebildet hat, die schon einzutrocknen beginnt. Andere haben sich durch den klaffenden Riss in der Bauchdecke bis ins Innere des Körpers vorgearbeitet und fressen die Eingeweide. Es ist noch dunkel. Als die Morgendämmerung heraufzieht, werden streunende Hunde und frühe Möwen vom Blutgeruch angelockt. Auf der ausgetretenen Steintreppe, die vom Kai zum Wasser hinunter führt, kommt es zu einem fauchenden, knurrenden, bellenden, kreischenden Tumult, der den stellvertretenden Hafenmeister weckt. Gähnend und die Arme streckend tritt er aus dem Bürocontainer, in dem er gegen Ende seiner Nachtschicht eingeschlafen ist. Die Luft ist kühl, von der Weser weht eine leichte Brise herüber.

Der stellvertretende Hafenmeister ist ein alter Fahrensmann, in Rente mittlerweile, doch als Vertretung des Hafenmeisters zur Stelle, wann immer der ihn braucht. In dieser Nacht ist das wieder der Fall gewesen. Im Gehen zieht er sich die Hosenträger über die Schultern. Der tierische Radau in der Mitte des Kais wird lauter. Sehen kann er noch nichts. Wahrscheinlich balgen sich die üblichen Verdächtigen – Hunde, Katzen, Möwen und Ratten – um einen angeschwemmten Fischkadaver. Das Gejaule und Gekreisch kommt von der schmalen Treppe, die ins Hafenbecken führt und an deren Fuß üblicherweise Dingis und kleine Segelboote festmachen. Dem Lärm nach zu urteilen, scheint es sich diesmal um einen besonders großen Kadaver zu handeln.

»Hohhh, hohhh!«, ruft der alte Mann näherkommend und klatscht in die Hände. Die Tiere nehmen davon keine Notiz. Möwen flattern auf und stoßen kreischend wieder herab, Hunde bellen und knurren, dazwischen das unheimliche Fauchen der Ratten. Dann sieht er es.

2

Was er sieht, ist sechs Stunden früher passiert. Der Hafen lag zu dieser Zeit in tiefer Finsternis. Die Umrisse der am Kai gestapelten Container, der Kräne und der beiden Frachtschiffe, die an der Hafenmauer festgemacht hatten, hoben sich nur schwach gegen den Nachthimmel ab. Am Boden sah man nichts. Auch die dunkle Gestalt, die sich in den engen Durchgang zwischen zwei Containerstapel drückte, sah nichts; es war das kaum vernehmbare Plätschern von Wellen, das ihre Wachsamkeit jetzt bis an die Schmerzgrenze trieb. Der Mann zwischen den Containern wusste, dass einige Meter vor ihm eine schmale Steintreppe mit zehn ausgetretenen Stufen nach unten führte und auf einem quadratischen Absatz endete, der bei Hochwasser überspült war. Wenn jemand mit einem Boot kam, diese Stufen hinauf schlich und sich dicht am Boden hielt, würde er ihn nicht sehen. Er wusste, dass der Mann, auf den er wartete, gefährlich war. Er wusste, dass er ihn töten musste. Er durfte auf keinen Fall zulassen, dass dieser Mann die Container erreichte und in seinen Rücken gelangte. Der Mann im Durchgang atmete flach und dachte an die Zeiten nächtlicher Spähtrupps und lautlosen Tötens. Das war lange her. Doch wie leicht war ihm alles von der Hand gegangen! In seinen besten Zeiten hatte er das Gefühl gehabt, bei einem Angriff unsichtbar werden, die Umgebungstemperatur annehmen und wie schwerelos über den Boden gleiten zu können. Er war ein begnadeter Killer gewesen.

Als er wenige Schritte vor sich ein kaum wahrnehmbares, schabendes Geräusch vernahm, glitt er ohne nachzudenken aus seinem Versteck, bewegte sich lautlos auf den Rand der Hafenmauer zu und spürte seinen Gegner eher durch die sich stauende und verdichtende Luft zwischen ihren beiden Körpern, als dass er ihn wirklich sah. Im selben Moment wirbelte der dunkle Umriss vor ihm herum. Doch da war seine Faust, die das doppelseitig geschliffene Tanto-Messer hielt, bereits unterwegs. Es war, als kenne sein Gegner die Bewegungsabläufe dieser Choreografie und spiele mit. Noch in der Drehung wich er zurück. Der Mann mit dem Messer hatte damit gerechnet und mit einem weiten Ausfallschritt nach vorn für die nötige Reichweite und Stoßkraft gesorgt. Er spürte, wie das Messer durch Tuch schnitt und in den Körper eindrang. Sofort verstärkte er den Druck und zog die Klinge dabei nach oben, bis sie vom Rippenbogen aufgehalten wurde. Der Schemen vor ihm gab einen röchelnden Laut von sich. Daraufhin riss er das Messer mit einem brutalen Ruck heraus und den Mann damit zu sich heran. Sein linker Handballen stieß vor und traf das Kinn des Gegners, drückte es nach oben, während er ihm mit der Rechten die Kehle durchschnitt. Der Mann vor ihm griff sich an den Hals und schwankte, fiel aber nicht. Erst als der Andere ihm in die Kniekehle trat, verlor er das Gleichgewicht und schlug zu Boden, blieb am Rand der Hafenmauer liegen, zuckend, die Augen weit aufgerissen. Der Mann mit dem Messer legte den Kopf in den Nacken und sog mit offenem Mund die Luft in sich hinein. Ein lang entbehrtes Glücksgefühl durchströmte ihn. Vor seinem inneren Auge erstand im schlierigen Grün von Nachtsichtgeräten eine Szene aus längst vergangenen Zeiten. Er erschauerte. Dann kniete er neben dem am Boden Liegenden nieder, hielt mit der Linken den noch schwach zuckenden Kopf fest und stieß die Messerklinge tief in beide Augenhöhlen. Auf das Kastrieren verzichtete er. Der Adrenalinstoß war versiegt, und es musste nicht ganz genau so sein wie damals. Der Mann wischte sein Messer an der Jacke des Opfers ab und steckte es ein. Dann fasste er den Toten unter den Achseln, hob ihn hoch und warf ihn die Treppe hinunter. Einen Lidschlag später war der Mann verschwunden, verschluckt von der Finsternis, die er besser zu nutzen gewusst hatte, als der, der jetzt tot am Wasser lag.

Marder

3

Ein Gewimmel von Leibern und blutigen Mäulern über einem verstümmelten menschlichen Leichnam. Bei der Schilderung des stellvertretenden Hafenmeisters hätte Hauptkommissar Thomas Marder schon auf dem Weg zum Tatort kotzen können. Der Schock traf ihn, als er das zerfetzte Hemd des Toten vorsichtig hochschob und die breite Narbe auf der Brust entdeckte. Seine Augen verengten sich, er schnappte nach Luft, Schweiß trat ihm auf die Stirn. Was ein vager Verdacht gewesen war, war unabweisbare Wirklichkeit geworden. Vor ihm lag Zolloberamtmann Achim Eklund aus Hamburg; in einem früheren Leben Hauptmann Eklund und zusammen mit Hauptmann Marder überall dort im Einsatz, wo die Welt brannte.

4

Begegnet waren sich Achim Eklund und Thomas Marder, als sie gerade das Teenageralter hinter sich ließen. Sie hatten ihren Militärdienst beim bundesdeutschen Grenzschutz abgeleistet und sich bei der Grundausbildung kennengelernt, die sie im grenznahen Heideland hinter Hannover absolvierten. Innerdeutsche Grenze, eiserner Vorhang, kalter Krieg. Als nach dem Olympiamassaker im Jahr 1972 die GSG 9 eingerichtet wurde, waren sie die Einzigen ihrer Einheit, die sich für den neuen Dienst meldeten. Nach neun Monaten verschärfter Ausbildung traten sie ihren ersten Auslandseinsatz an: Deutsche Botschaft in Damaskus. Sie lachten und hielten witternd ihre Nasen in die Morgenluft, als sie die Gangway zur Lufthansamaschine hinaufstiegen, die sie nach einem Tankstopp auf Zypern in die syrische Hauptstadt bringen würde.

Für die beiden jungen Männer war ein Traum wahr geworden. Während Gleichaltrige dumpfen Kasernendienst schoben, als revoltierende Studenten auf Demonstrationen durch deutsche Großstädte marschierten oder als friedensbewegte Blumenkinder um die Welt trampten, fühlten sie sich – dem Uniformzwang entronnen – frei wie Vögel und warteten auf die action. Doch Damaskus war damals eine verschlafene orientalische Großstadt, deren Lebenstempo vom Getriebe des Souk bestimmt wurde. Das einzig Abenteuerliche war für die beiden Freunde in dieser Zeit ein Sandsturm, der zwei Tage lang gegen Damaskus wütete, ums Haus orgelte und das Gebäude der Deutschen Botschaft bis unter die Fenstersimse des Erdgeschosses im Sand begrub. Ansonsten war der Dienst in der Botschaft eintöniger Alltag, Routine, der Eklund und Marder dadurch begegneten, dass sie Arabisch lernten und sich mit der arabischen Kultur beschäftigten. Das taten sie ein Jahr lang sehr intensiv, und am Ende ihres ersten Auslandseinsatzes sprachen sie leidlich Arabisch, hatten einige Dichter des Orients gelesen, waren mit der Geschichte des Landes und der Region vertraut. Dann kam Mogadischu. Diese Aktion war für die mittlerweile zu Leutnants beförderten Freunde der erste internationale Kampfeinsatz. Bislang hatten sie es mit Geiselbefreiungen aus den Händen von kopflosen Bankräubern oder sonstigen planlos handelnden Verbrechern zu tun gehabt; Aktionen, bei denen nie jemand getötet oder ernsthaft verletzt worden war. Eine Flugzeugerstürmung dagegen galt bei den Antiterrorkampfgruppen als der schlimmste anzunehmende Ernstfall; als das Meisterstück, wenn sie gelang.

Für einen Einsatz wie diesen hatten sie fünf Jahre trainiert. Zwei Einheiten, insgesamt sechzig Mann, waren der entführten Maschine – der »Landshut«, einer Boeing 737 der Lufthansa – nach Larnaka, Dubai und Aden hinterhergeflogen und in der Nacht des 18. Oktobers 1977 auf dem Flughafen von Mogadischu gelandet. Alle Vorbereitungen waren getroffen, nach einer kurzen Lagebesprechung ging es los. Ein Dutzend Männer – Marder und Eklund unter ihnen – schlich sich von hinten an und unter das entführte Flugzeug. Sie hatten die Aktion an einem identischen Flugzeugtyp geübt, bis sie jeden Handgriff reflexhaft beherrschten. Nun hockten sie unter der Maschine, und Oberstleutnant Wegener schickte seine Männer per Handzeichen an ihre Plätze. Mit Schaumstoff umwickelte Sturmleitern aus Leichtmetall wurden angelegt, Blendgranaten scharf gemacht, automatische Waffen entsichert. Dann begann der Feuerzauber. Marder und Eklund stürmten durch die Notausgänge über den Tragflächen rein. Als sie durch die gegenüberliegenden Türen ins Innere drangen, sahen sie etwa zehn Schritte entfernt den Anführer der Terroristen im Mittelgang stehen und seine Waffe auf einen der Passagiere richten. Marder, Eklund und Captain Mahmoud, wie er sich nannte, standen in diesem Augenblick in einem spitzwinkligen Dreieck zueinander, und Eklund schoss als erster. Da Mahmoud ihm seitlich zugewandt stand, war Eklunds Schussposition denkbar ungünstig; und Marder konnte überhaupt nicht schießen, da eine Frau am Mittelgang, mitten in seiner Schusslinie, ihren Kopf noch oben hatte. Eklund schoss und traf Mahmud so hoch in der rechten Schulter, dass sein Oberarmkopf aus dem Schultergelenk gesprengt und der Mann von der Wucht des Einschlags herumgerissen wurde in Richtung Marder. Der schoss genau in diesem Moment und traf den Anführer der Terroristen ins Herz. Mahmud wurde nach hinten geschleudert und war tot, noch bevor sein Körper auf dem Boden des Mittelgangs aufschlug. Zwei, drei weitere Schüsse fielen, dann herrschte Stille. Drei Flugzeugentführer waren tot, die Vierte – eine der beiden Frauen des Kommandos – war angeschossen und lag wimmernd im Gang.

Die Befreiungsaktion war so verlaufen, wie man sich das nach dem Olympiadesaster von 1972 idealerweise vorgestellt hatte. Nach vier Minuten war alles vorbei gewesen. Außer den Geiselnehmern hatte es weder Tote noch Verletzte gegeben, bis auf einen Kameraden, der sich beim Sprung von der Tragfläche den Fußknöchel verstaucht hatte. Mit dieser Aktion war die GSG 9 in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, war zu einer weltweit anerkannten Eingreiftruppe geworden, die mit den Special Air Services und den Navy Seals in einem Atemzug genannt wurde. Die Akteure im Innern der Lufthansamaschine wurden befördert, die beiden Freunde waren nun Hauptmann Marder und Hauptmann Eklund. Aktionen wie in Mogadischu gab es für die Spezialkräfte vielleicht ein oder zwei Mal im Leben; der größte Teil des Dienstes bestand aus Warten, unaufhörlichem Training, Erarbeiten neuer Kampftechniken und Technologien, alle paar Wochen ein Einsatz im In- oder Ausland, von dem die Öffentlichkeit meist nichts erfuhr.

Im Sommer ’79 heiratete Achim Eklund Marianne Taylor, eine englische Krankenschwester, die er während eines Austauschs beim Special Air Service kennengelernt und bei einem Spaziergang im Park unter einem Fliederbusch geschwängert hatte. Neun Monate später wurde ihre Tochter Suzanne geboren. Marianne blieb nach der Geburt kränklich, fand nicht mehr zu der lachenden Lebensfreude, mit der sie den eher stillen Eklund bezaubert und seinem männerbündischen Leben ein Stück weit entrissen hatte. Marder blieb Junggeselle. Er fühlte sich unter den Männern seiner Einheit auch nach Feierabend am wohlsten, genoss das Zusammensein bei Dosenbier und qualmendem Gartengrill, bei harten Drinks und zynischen Witzen an den Theken der Nachtbars, mit wechselnden weiblichen Bekanntschaften, die nie von Dauer waren, weil sich keine Freundin von Format fand, wie er es nannte. Was genau darunter zu verstehen war, wusste er wohl selber nicht so recht. Keine Frau hatte seine Kragenweite, war einer seiner Sprüche. Er entwickelte sich zu einem Macho reinsten Wassers, doch wurde diese Attitüde gemildert durch seinen sprühenden Witz und eine unverbrüchliche Zuverlässigkeit. Die Kameraden begegneten ihm mit Respekt, die Frauen bewunderten ihn. Er hatte die beste Zeit seines Lebens.

Sechs Jahre nach Suzannes Geburt starb Marianne. Kurz nach ihrer Hochzeit hatte Eklund am Stadtrand von Bonn ein Häuschen am Rhein erworben, ein Nest, in dem Suzanne aufgewachsen war und eine behütete Kindheit verbracht hatte. Thomas Marder wurde eine Art Ersatzmutter oder Zweitvater für sie. Sie sagte Onkel Tom zu ihm. Dann – Suzanne war zehn geworden und besuchte das Géza von Radványi-Gymnasium in Sankt Augustin – kam für die beiden Freunde der schicksalhafte Einsatz im ersten Golfkrieg, der ihrer beider Karriere bei der GSG 9 beendete. Eklunds Schwester, die mit ihrer Familie in dem Städtchen Soltau in der Lüneburger Heide lebte, nahm Suzanne vorübergehend bei sich auf.

Am 2. August 1990 überfiel der Irak das kleine Emirat Kuwait, woraufhin eine breite westliche Kriegsallianz unter Führung der USA dem irakischen Diktator Saddam Hussein ein Ultimatum bis zum 15. Januar 1991 stellte, um sich aus Kuwait zurückzuziehen. Das Ultimatum verstrich, und in der Nacht zum 16. Januar begannen die Luftangriffe, bei denen 85.000 Tonnen Bomben auf den Irak und seine Stellungen in Kuwait abgeworfen wurden. Am 24. Februar wurden die Bodentruppen der Allianz in Marsch gesetzt und der Wüstenkrieg begann. Während der dazwischenliegenden fünf Wochen infiltrierten Spezialkräfte und Sondereinheiten aus den USA, England, Frankreich, Deutschland und Spanien den Irak an verschiedenen Stellen und nahmen Kontakt zu den Widerstandsgruppen auf, die Saddam Hussein bekämpften. Diese Spezialkommandos bestanden aus kleinen Trupps von vier bis fünf Männern, die, von einheimischen Verbindungsleuten geführt, in langen Nachtmärschen über die Grenzen ins Land eindrangen. Ihre Aufgabe bestand darin, sich mit den Rebellen in Verbindung zu setzen, eine verlässliche Kommunikation zwischen den verstreuten Widerstandsgruppen herzustellen, sie im Gebrauch moderner Waffen zu unterrichten und ihnen die Grundzüge – mehr war in der kurzen Zeit nicht möglich – des Guerrillakampfes und der Sabotage beizubringen. Die Weltöffentlichkeit erfuhr nie etwas von diesen Unternehmen. Saddams Geheimdienst hingegen hatte relativ schnell Wind davon bekommen und machte Jagd auf die Kommandotrupps. Ein Heer von Spitzeln wurde ausgesandt. Für die Männer aus dem Westen war es kaum noch möglich, Freund von Feind zu unterscheiden; die nervliche Anspannung, unter der sie ihre Arbeit verrichteten, war enorm.

Thomas Marder und Achim Eklund waren mit zwei Kameraden der GSG 9 – Bernd Dubel, Funkspezialist, und Otto Froebius, Waffen- und Sprengstoffexperte – vom Iran aus, nördlich von Khorramshar, auf irakisches Gebiet eingedrungen und hatten ihre Verbindungsleute in der Nähe der Provinzhauptstadt Al Amarah getroffen. Obwohl sie sich die Bärte wachsen ließen und einheimische Kleidung trugen, hatten sie offenbar Verdacht erregt. Dabei waren sie nie lange an einer Stelle geblieben, waren in der weiten Sumpflandschaft des Schatt al-Arab ständig in Bewegung. Ihre Kontakte trafen sie in abgelegenen Behausungen oder einsamen Gehöften, instruierten die Männer ein paar Tage, unterwiesen sie im Gebrauch von technischem Gerät und zogen dann weiter, meistens nach Einbruch der Dämmerung und nachts, hinterließen keine erkennbaren Spuren. Dennoch hatten sie das unbestimmte Gefühl, verfolgt zu werden, von einem unsichtbaren Gegner eingekreist zu sein. Sie waren noch keine zwei Wochen im Land, da hatte Bernd Dubel bereits einen chiffrierten Funkspruch aufgefangen, den ihre irakischen Begleiter zwar nicht hatten entschlüsseln können, über den sie jedoch in helle Aufregung gerieten und der bei den Deutschen den Verdacht begründeten, dass man auf sie aufmerksam geworden war.

Dieser Verdacht bestätigte sich eine Woche später auf grausame Weise. Mit dem Anführer der Widerstandsgruppe, der die Vier ins Land gebracht hatte, war verabredet, sich an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit in einer konspirativen Wohnung am Stadtrand von Al Amarah zu treffen, wo das weitere Vorgehen besprochen werden sollte. Dorthin waren sie unterwegs, die ersten Lichter der Stadt waren in der Dunkelheit schon auszumachen, als ihnen plötzlich eine Gestalt in den Weg trat. Marder und Eklund sprangen instinktiv zur Seite, der eine nach links, der andere nach rechts, und als sie wieder auf den Füßen landeten, waren ihre Maschinenpistolen entsichert und auf die vermummte Gestalt gerichtet. Der in einen wollenen Umhang gehüllte Mann, der aus dem Nichts aufgetaucht war, redete wild gestikulierend auf die beiden irakischen Begleiter ein und wies immer wieder nach Westen.

»Er sagt, der konspirative Treff in der Stadt sei nicht sicher«, übersetzte einer der Männer. »Abu Ammar Al Tahiri, unser Anführer, erwartet uns in einem Haus zwei Kilometer westlich von hier, sagt er.«

»Woher weiß der Mann, dass wir hier sind? Kennt ihr ihn?« fragte Marder misstrauisch.

»Ja, er dient uns manchmal als Kurier. Wir kennen ihn schon lange.«

Der Mann stand in der mondlosen Nacht vor ihnen auf dem dunklen Weg und schaute unruhig von einem zum andern. Sein unsteter Blick huschte hin und her wie der eines gefangenen Tiers. Marder hatte das sichere Gefühl, urplötzlich in eine gefährliche, für sie vollkommen unübersichtliche Situation geraten zu sein. Er warf einen Blick zu Eklund, der unmerklich nickte.

»Gut, wir gehen zu dem Haus. Ihr Drei geht voran, wir folgen. Los jetzt, schnell«, befahl Marder und unterstrich die Dringlichkeit seiner Worte mit einem kurzen Anheben des Laufes seiner MP.

Nach zwanzig Minuten stolpernden Marsches querfeldein und über Wege, die sich von querfeldein nicht unterschieden, tauchte vor ihnen der schwarze Umriss eines massigen Gebäudes mit Turm und Zinnenmauern auf, das an eine Karawanserei denken ließ. Es lag einsam in einem flachen, von Schilfdickichten bewachsenen Gelände, dunkel, drohend, ohne jedes Licht. Einen idealeren Ort für einen Hinterhalt hatte Marder noch nie gesehen.

»Will der Kerl uns verarschen?«, flüsterte Eklund und blieb stehen.

Marder schaute sich um und entdeckte rechterhand ein Gebüsch, von zwei krüppeligen Bäumen überragt. Die Entfernung zum Gebäude betrug von dort aus etwa fünfunddreißig Meter.

»Da rein!«, befahl er. Sie rannten ins Gebüsch, trotz des ihnen unbekannten Geländes ohne jeden Laut. »Froebius, leg Munition bereit. Dubel, schnell, wir brauchen eine Funkverbindung zum nächsten Team oder besser noch direkt zu einem AWAC. Würde mich wundern, wenn wir hier ohne Luftunterstützung wieder rauskämen.«

Einer der beiden Iraker zupfte ihn am Ärmel.

»Omar ist weg.«

»Wer ist Omar?«

»Der Kurier. Eben war er noch da. Jetzt ist er weg.«

»Scheiße!«

Er sah, dass der Mann vor ihm zitterte und sich mit fahrigen Händen den Bart raufte. Keine Panik jetzt!

»Okay. Beruhige dich. Omar hat die Hosen voll. Sowas kommt vor. Er ist Zivilist. Hier sind wir vorerst in Sicherheit.«

Überzeugend klingen hörte sich anders an. Aber was konnte er sagen! Er hatte nicht die geringste Ahnung, was sie dort vorn erwartete – bloß dieses schrumpfende Gefühl im Bauch.

Eklund stand hinter einem der Bäume und beobachtete durch ein Nachtsichtgerät das Gebäude. Froebius hatte Ersatzmagazine, Handgranaten und zwei Blendgranaten bereitgelegt. Jetzt war er dabei, aus kurzen Titaniumstäben eine Schleuder zusammenzuschrauben, die mit Latex-Powerbändern und Stahlkugeln funktionierte. Er bemerkte Marders ungläubigen Blick.

»Nicht weit von hier stand einmal Abrahams Haus, da ist eine biblische Waffe wie diese durchaus angebracht«, brummte er.

Marder wandte sich kopfschüttelnd ab.

Dubel drückte und drehte derweil alle möglichen Knöpfe an seinem Funkgerät, doch außer einem gedämpften Rauschen kam aus dem Hightec-Apparat nichts heraus. Zum Glück auch nicht das jaulende Pfeifen von Störsendern, das ihre Anwesenheit definitiv verraten hätte. Wenn Omar sich nicht zum Haus geschlichen und ihre Ankunft hinterbracht hatte, sondern einfach nur in kopfloser Angst davongelaufen war, bestand immer noch die Möglichkeit, dass sie nicht bemerkt worden waren. In dem Fall konnten sie es vielleicht schaffen, unbemerkt an dieses finstere Gebäude heranzukommen. Dort würden sie dann improvisieren müssen.

»Wie sieht’s aus?«, fragte Marder. Eklund drehte sich zu ihm um und reichte ihm das Nachtglas.

»Nicht die geringste Bewegung im Haus. Irgendwie unheimlich. So ein großes Gebäude völlig leer? Oder sie liegen da wirklich vollkommen bewegungslos auf der Lauer und schlagen los, wenn wir herankommen. Noch wissen sie ja nicht, wie viele wir sind. Es sei denn, der Kaftan ist zu denen rein und hat es ihnen verraten.«

»Oder sie warten, bis wir im Haus sind, und lassen die Falle dann zuschnappen. Denn dass dies eine Falle ist, daran gibt’s wohl keinen Zweifel, oder?«

»Ich bin mir da nicht so sicher«, antwortete Eklund und schaute unruhig in die Runde. »Hier können wir jedenfalls nicht bleiben. Wenn es hell wird, sitzen wir auf offener Bühne. Wir müssen ins Haus.«

Dubel winkte ihn zu sich heran.

»Ich kann von hier aus keinen Befehlsstand erreichen«, flüsterte er gehetzt, »wir scheinen uns in einem no-net-area zu befinden. Ich habe eine Drohne abgesetzt, das ist das Einzige, was ich tun kann.«

Eklund nickte. Eine Drohne war ein verschlüsselter Funkspruch, der auf gut Glück in den Äther geschickt wurde, auf einer Frequenz, die hoffen ließ, dass ihre Leute sie irgendwo auffingen. Rechtzeitig genug auffingen, um Hilfe schicken zu können.

Froebius hatte sein Arsenal auf einer Zeltplane ausgebreitet. Er hatte begonnen, zwei MP-Magazine gegenläufig zusammenzulegen und mit Klebeband zu umwickeln, damit man das leergeschossene Magazin aus der Waffe ziehen und mit einer Drehbewegung das andere wieder hineinschieben konnte. So gewann man im Feuergefecht wertwolle Sekunden. Der Griff der Hightec-Schleuder ragte aus seiner Brusttasche. Eklund griff sich zwei Reservemagazine und zwei Handgranaten. Dann schob er sich hinter Marder, der immer noch das Haus beobachtete. Ein Rascheln im Gebüsch ließ ihn herumwirbeln. Er sah gerade noch wehende Umhänge in der Dunkelheit verschwinden. Die beiden Iraker hatten die Nerven verloren und rannten in der dem Haus entgegengesetzten Richtung davon. Die vier Männer sahen sich an. Jedem war klar, wie es jetzt weitergehen musste. Last Stand-Stimmung machte sich breit. Funkgerät und übrigen Sprengstoff vergruben sie zwischen den beiden Bäumen, dann schwärmten sie aus und schlichen auf das immer noch dunkel drohend wie eine Wüstenfestung vor ihnen aufragende Bauwerk zu.

Der Schilfgürtel hörte kurz hinter dem Gebüsch auf, jetzt hatten sie nur noch die Dunkelheit als Deckung. Gebückt rannten sie das letzte Stück zu dem Gebäude, in dem sich immer noch nichts rührte, aus dem nicht der geringste Laut nach draußen drang, das vielleicht nur ein harmloses Gehöft war, in dem eine Großfamilie friedlich schlummerte. Dubel und Marder erreichten die Ostseite, an der es weder Fenster noch Türen gab, Eklund und Froebius die Rückseite. Marder lugte um die Ecke, Dubel sicherte nach Westen. Eklund winkte, Marder und Dubel huschten ums Haus und stießen zu den beiden anderen, die sich neben einer niedrigen Eisentür an die Mauer drückten. Otto Froebius war dabei, Graphitstaub in das Türschloss zu blasen und es dann mit kleinem Besteck zu entriegeln. Vorher hatte er die Türangeln eingesprüht; nun warteten sie noch zwei Minuten, damit das Spezialöl seine Wirkung tun konnte.

Alles Folgende ging schnell und absolut geräuschlos vonstatten. Unablässig in Bewegung, stets umeinander kreisend, nach beiden Seiten, nach oben und nach unten sichernd, drangen sie unaufhaltsam in das Innere des Hauses vor. Marder spürte die Anspannung der Männer wie seine eigene. Sie umgab sie wie ein Kraftfeld, das es ihnen erst ermöglichte, in eine vollkommen unbekannte, nachtschwarze Umgebung einzudringen, wo hinter jeder Tür, hinter jeder Biegung eines Korridors der Tod lauern konnte. Doch nichts geschah. Niemand stürzte sich mit Gebrüll und wild um sich schießend auf sie. Das Haus schien verlassen. Die meisten Räume standen leer; hier eine Bank an einer Wand, dort ein wackliger Stuhl mitten im Zimmer, mehr Einrichtung war nicht. Überall lag dicker Staub. Sie hinterließen Fußspuren wie auf dem Mond. Gerade hatten sie einen Innenhof mit einem gemauerten Brunnen in der Mitte durchquert, als alle Vier in ihrer Bewegung innehielten und horchend die Köpfe hoben. In der ansonsten vollkommenen Stille vernahmen sie ein Summen wie von einer schlecht isolierten Stromquelle. Es gab Elektrizität in diesem Haus? Eher unwahrscheinlich in einem so abgelegenen Gehöft.

Sie bewegten sich vorsichtig auf eine Tür zu, hinter der die Ursache des Gesumms zu liegen schien. Die Tür war nicht verschlossen, und als sie nach kurzen Blicken der Verständigung den dahinter liegenden Raum stürmten, empfing sie ein Höllensturm von summenden und brummenden Fliegen und ein Gestank, der den Männern die Eingeweide umdrehte. Mitten im Raum stand ein großer Holztisch, und darauf sahen sie im tanzenden Licht ihrer Lampen den unbekleideten Körper eines Mannes mit weit zur Seite ausgestreckten Armen. Als sie nähertraten, fanden sie bestätigt, was der Gestank ihnen längst verraten hatte: der nackte Mann war schon einige Zeit tot, und er lag in einer ekelerregenden Lache aus Exkrementen und getrocknetem Blut, das schwarz geworden war. Die Männer bekamen kantige Gesichter, als sie sahen, wie die Leiche zugerichtet war. Man hatte dem Mann die Augen ausgestochen und die Kehle durchgeschnitten. Der Bauch war aufgeschlitzt und die Eingeweide lagen bloß, waren mittlerweile jedoch von einer weißlichen Schicht wimmelnder Maden bedeckt. Hoden und Penis waren abgeschnitten und dem Mann in den Mund gestopft worden. Dubel wandte sich ab und übergab sich an der Wand. Marder stieß Eklund in die Rippen.

»Sieh mal genau hin! Das ist Abu Ammar.«

Eklund nickte. »Gefoltert und hingerichtet als Kollaborateur. Die Botschaft lautet: So ergeht es Verrätern.«

»Die Frage ist, was er seinen Folterknechten verraten hat. Was weiß der Geheimdienst jetzt über uns und über die anderen Teams?«

»Der Grausamkeit und Brutalität nach zu urteilen, haben sie nicht viel Zeit gehabt.«

»Vielleicht war das gar keine Folter. Sieh dir die Wunden und Verletzungen an, jede für sich war tödlich: die Stiche durch die Augen gehen direkt ins Hirn, durchtrennte Kehle, der Stich in den Solarplexus, und dann die Sauerei mit den Geschlechtsorganen … Sie haben ihn als Abschreckung so zugerichtet … Sie wissen schon alles über uns … Wir sollen einen Blick in die Hölle werfen, bevor …«

Ein hohles Pfeifen in der Luft ließ die Männer herumfahren und sich in der Bewegung noch zu Boden werfen. Im selben Moment schien das Zimmer in die Höhe gehoben zu werden und gleich darauf wieder auf die Erde zu krachen. Der Donner der Detonation ließ sie taub werden. Ihr Handeln war jetzt reiner Reflex. Sie strebten auseinander und wandten sich zur Tür, durch die sie in den Raum eingedrungen waren. Das Türblatt war durch die Druckwelle halb aus dem Rahmen gerissen worden, und durch die Öffnung konnte man ein Stück des Korridors und des Innenhofs überblicken. Von dort schien keine unmittelbare Gefahr zu drohen. Eines von den auf Mannshöhe angebrachten schmalen Bogenfenstern war von einer Granate oder einem RPG-Geschoss getroffen worden; schlecht getroffen, denn das Geschoss war nicht glatt hindurchgeflogen, sondern seitlich auf die Fensterumrandung geprallt, die von der meterdicken Außenmauer gebildet wurde. Glück für die vier Männer, denen drinnen die Hölle heiß gemacht werden sollte.

Sie traten die Türreste aus dem Rahmen und stürmten nach draußen. Gerade rechtzeitig, denn eine zweite Granate traf und verwandelte den Raum mit dem verstümmelten Mann auf dem Tisch in eine lodernde Feuerhölle. Flammenzungen leckten hinter den Deutschen her, die sich hinter Mauervorsprünge warfen und in einen Torweg retteten. Aus diesem mussten sich Marder und Eklund jedoch sogleich wieder zurückziehen, da unter Krachen und Splittern ein Panzerfahrzeug mit rotierendem Geschützturm durch das Tor brach. Dahinter sahen sie schemenhafte Gestalten in das Haus eindringen. Mit mehreren Feuerstößen verschafften sie sich einige Sekunden Luft, orteten Dubel und Froebius hinter einer Mauerbrüstung, die diesen Gebäudeteil vom Innenhof trennte. Auf dessen gegenüberliegender Seite war jetzt Bewegung auszumachen, und schon blitzten Mündungsfeuer auf. Viel zu viele. Da durchzubrechen würde ihnen nie gelingen. Eine unbekannte Zahl gut verschanzter Gegner vor sich, hinter sich ein gepanzertes Fahrzeug, in dessen Schatten weitere Kämpfer gegen sie vorrückten: Die Falle war zugeschnappt. Die Dunkelheit der Nacht war mittlerweile einer trüben, von Pulverdampf gedämpften Helligkeit gewichen, in der sich huschende Gestalten bewegten, die nur schwer ins Visier zu bekommen waren. Sie mussten sich etwas einfallen lassen, und zwar schnell. Marder und Eklund krochen zu Dubel und Froebius in den Schutz der niedrigen Mauer. Der Funker und der Waffenspezialist erwarteten die kampferprobteren Kameraden mit fragendem Blick.

»Wir gehen vorne raus!« schrie Marder ihnen zu. »Wir setzen den Panzer außer Gefecht und schießen uns den Weg frei.«

Mit einer Geste forderte er die Hand- und Blendgranaten der Männer, reichte zwei an Eklund weiter, dann robbten die beiden zur Mauerecke zurück. Dubel und Froebius folgten ihnen auf dem Hosenboden rutschend und mit wechselseitigen Feuerstößen die Verfolger auf Abstand haltend. Ein kurzer Blick um die Ecke zeigte Eklund, dass der rumpelnde kleine Panzer nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt war. Er zeigte Marder die fünf Finger seiner Hand, nickte ihm zu, dann sprangen sie beide vor. Eklund blieb auf seiner Seite, Marder überwand mit einer Hechtrolle die Breite des Korridors, durch den das Kettenfahrzeug – eine Spur rücksichtsloser Zerstörung hinterlassend – dröhnend und ratternd auf sie zugewalzt kam. Marder und Eklund warfen ihre Handgranaten so, dass eine direkt vor der rechten Kette und die andere an deren Innenseite explodierten. Prompt schwenkte das Fahrzeug nach rechts, bohrte sein Geschütz ins Mauerwerk und wütete mit funkensprühender linker Kette gegen die Korridorwand – wie ein jähzorniges Kind, das gegen eine verschlossene Tür schlägt und tritt und kreischend Einlass begehrt.

Sofort ließen Marder und Eklund ihre Blendgranaten über den Boden rollen. Sie zählten mit abgewandtem Gesicht die Sekunden. Dann zeigten sie Dubel und Froebius die hochstoßende Faust und stürmten los. Sie schossen in alle Richtungen ihre Magazine leer, wechselten und schossen weiter. Über Gesteinsbrocken und leblose Körper hasteten sie stolpernd voran, rissen, als ihre Magazine leergeschossen waren, die Waffen toter Iraker an sich und ließen nun die Kalaschnikows bellen. Durch Staub und Pulverdampf sah Marder das helle Rechteck einer Tür vor sich, glaubte schon, einen rosafarbenen Himmel zu erkennen, als er hinter sich einen Aufschrei hörte. Er wirbelte herum, sah einen schwarzen Kapuzenmantel durch die Luft fliegen und Eklund unter sich begraben. Ein Dolch blitzte auf. Alles geschah so rasend schnell und gleichzeitig wie in Zeitlupe, dass er glaubte, sich selbst dabei zuzusehen, wie er seine Pistole aus dem Gürtelholster riss und drei Schüsse nah beieinander in das dunkle Wollbündel platzierte, unter dem Eklunds zuckende Füße hervorschauten. Der Wollhaufen erschlaffte und sank über dem schreienden Eklund zusammen, der gleich darauf mit schmerzverzerrtem Gesicht den toten Körper von sich wälzte.

Entsetzt starrte Marder auf den Griff des Dolches, der seinem Freund mitten aus der Brust ragte. Eklund schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an und versuchte vergebens, auf die Beine zu kommen. Marder stürzte zu ihm und griff ihm unter die Arme. Ächzend kamen sie beide hoch. Marder legte Eklunds rechten Arm um seinen Nacken, packte das Handgelenk und schleifte den Freund hinter Froebius und Dubel her, die an ihnen vorbei gerannt waren, am Ausgang Deckung gesucht hatten und sich nun ein Feuergefecht mit unsichtbaren Gegnern lieferten. Dubels linker Arm sah aus wie ein herabhängender blutiger Lappen. Er hatte sich den Kolben einer Kalaschnikow in die rechte Hüfte gestemmt und schoss einhändig im Stehen. Überdeutlich sah Marder die leergeschossenen Patronenhülsen aus der Kammer hüpfen und zu Boden regnen. Von der Seite schob sich Otto Froebius ins Bild. Auch er blutete. Er hatte den Mund zu einem Schrei aufgerissen und die Augen in blankem Entsetzen. Der Lauf seiner Maschinenpistole war auf Marder und Eklund gerichtet. Marder sah das Mündungsfeuer aufblitzen und hörte das Hämmern der Salve. Er duckte sich und riss den offenbar bewusstlos gewordenen Eklund, der schwer an seiner Seite hing, nach vorn, dem Ausgang entgegen, dorthin, wo er den rötlichen Schein des Himmels sah. Als er nach draußen stolperte, traf ihn ein harter Schlag in den Rücken und warf ihn nach vorn. Er schnappte nach Luft, hatte das Gefühl, ein Ventil sei aus ihm herausgezogen worden.

Thomas Marder versuchte sich zu bewegen. Alles schien in Fluss geraten zu sein und vor seinen Augen zu verschwimmen. Seinen Freund Achim Eklund hatte er losgelassen. Alle Kraft war aus seinen Muskeln gewichen. Wie die Luft aus seinen Lungen. Er tastete über den Boden, suchte Eklund ins Blickfeld zu bekommen, bekam aber nur Staub in Nase und Mund und hustete. Ein furchtbarer Schmerz zerriss ihm die Brust. Über ihm verdunkelte sich der Himmel. Bevor ihn die endgültige Schwärze der Bewusstlosigkeit umfing, sah er einen wunderbaren Sternenregen niedergehen, und ihm war sogar, als hörte er die beschwingten Klänge der Marseillaise. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und er hatte die Augen geschlossen, als sein Kopf kraftlos auf die Erde sank.

5

Als zwei Wochen später der Irakkrieg begann, weilte Hauptmann Marder nicht mehr unter den Lebenden; nicht so ganz jedenfalls. Er schwebte in jener Grenzregion zwischen Leben und Tod, die kein Erwachen garantiert. In dieser Phase entscheidet sich der Körper, ob er wieder in Funktion treten oder im Reich der Toten seine Ruhe finden will. Nach dreiwöchigem Koma entschieden sich Körper und Geist des Menschen und Soldaten Thomas Marder fürs Leben.

Das Hauptquartier des französischen Kontingents der Operation Wüstensturm lag in einem freundlichen grünen Flusstal, nur wenige Kilometer von der Stadt Abu Gharab entfernt, die die Amerikaner besetzt hielten. Dort, bei den Franzosen, erwachte Marder in einem weißen Krankenzimmer, das er zuerst für das Paradies hielt; bis eine weißgewandete Krankenschwester zu ihm trat, welche unter ihrem wallenden Tuch eine Körperfülle ahnen ließ, die dem Bild, das sich der Mensch gewöhnlich von den Engeln des Himmels macht, selbst bei wohlwollendster Betrachtung nicht entsprach. Da wusste Hauptmann Marder, dass er nur überlebt hatte.

Einige Tage später wurde er nach Deutschland ausgeflogen und ins Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz eingeliefert. Dort traf er auch Achim Eklund, Bernd Dubel und Otto Froebius wieder. Als er eines Morgens erwachte, standen die Drei breit grinsend in seinem Zimmer. Dubel trug den Arm in der Schlinge, Eklund einen monströsen Brustverband. Marder kam mit einem weniger aufsehenerregenden Verband aus. Die Kugel, die ihn niedergestreckt hatte, war von einem Rippenbogen in die Lunge gelenkt worden und dort steckengeblieben. Er pfiff gewissermaßen auf dem letzten Loch, brachte kaum hörbare Töne hervor, und die Ärzte hatten keine Hoffnung, die Kugel jemals entfernen zu können. Blieb also nur abzuwarten, ob er wieder so weit auf die Beine kommen würde, dass es zu mehr als einem Spaziergang um den Häuserblock reichte.

Froebius war gänzlich unverletzt, hatte bei dem Gefecht lediglich einen Streifschuss an der Schulter davongetragen, eine Fleischwunde, die schon wieder verheilt war.

»Als du am Ausgang die MP auf uns gerichtet hast, habe ich tatsächlich einen Sekundbruchteil lang gedacht, du wärst durchgedreht und würdest uns abknallen«, sagte Marder schmunzelnd. Seine Stimme klang hohl.

»Wenn mir danach gewesen wäre, hätte ich das getrost den Irakis überlassen können«, antwortete Froebius grinsend. »Ich war völlig verzweifelt, weil ihr genau in meiner Schusslinie herankamt. Hinter euch hatten zwei von denen schon ihre Waffen im Anschlag. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich sie erwischen konnte, ohne dich und Eklund zu treffen.«

»Du bist eben ein Meisterschütze«, sagte Eklund.

»Und was für einer«, ergänzte Dubel. »Ihr hättet sehen sollen, wie er mit seiner Hightec-Zwille die nächsten beiden erledigt hat. Sehen konnte man es eigentlich gar nicht, nur ahnen. Plötzlich griff sich einer von denen an den Hals und fiel um, der Zweite hatte gleich darauf ein silberglänzendes Stahlkugelauge und schielte entsetzt mit dem anderen darauf. Ich hätte lachen können, wenn ich die Zeit dazu gehabt hätte. Aber schon ging draußen der Tanz los, als die Franzosen kamen.«

»Absolut filmreif«, lachte Froebius. »Mit zwei Helis. Einer ging vorne runter, der andere auf der Rückseite des Hauses. Sie schossen aus allen Rohren und ließen dazu aus angeschraubten Lautsprechern die Marseillaise herunterdröhnen. Die reine Apokalypse, sage ich euch.«

»Dann hast du deine Drohne also auf den richtigen Weg gebracht«, flüsterte Marder anerkennend.

»Glück gehabt«, wiegelte Dubel ab.

»Was man von uns nicht sagen kann«, knurrte Eklund und schaute missmutig auf seinen breiten Brustverband. Der Krummdolch hatte in seiner Brust schlimme Verwüstungen angerichtet. Er war hart rechts neben dem Brustbein eingedrungen, am oberen Rand der siebten Rippe abgeprallt, hatte sich halb gedreht, so dass die Spitze unter dem Brustbein hindurch das Herz erreicht hatte. Eklund war dem Tod nur knapp entronnen. Hätte Marder ihn nicht ins Freie gezerrt, so dass Eklund unverzüglich mit dem Heli ins Lazarett geflogen werden konnte, würde er jetzt nicht mit den anderen am Krankenbett des Freundes sitzen. Zudem hatte er das Glück gehabt, dass der französische Arzt im Camp ein passionierter Herzchirurg war, der ein ganzes Arsenal an Kardiotechnik mitgebracht hatte und über ein beachtliches Ersatzteillager von künstlichen Herzklappen, Gefäßballons, Venensonden und anderen Kleinteilen verfügte. Es hatte jedenfalls gereicht, um Eklund eine neue Aortenklappe zu verpassen, ihn weiter am Leben teilnehmen zu lassen. Wenigstens das.

Dubels Arm war zwar einigermaßen zusammengeflickt worden, würde aber gelähmt bleiben. Der aktive Dienst war für Bernd Dubel daher ebenfalls beendet, auf ihn wartete ein geruhsames Leben als einarmiger Frührentner.

»Ich werde angeln, vielleicht sogar Tennis spielen, mir irgendwo ein hübsches Plätzchen suchen und einen Reiterhof aufmachen. Den Leuten das Westernreiten beibringen. Sowas in der Art.«

Er war voller Pläne und schien mit seinem Schicksal nicht im Geringsten zu hadern. Froebius wollte im Außendienst bleiben, er brauchte die action, sagte er, genau wie Marder und Eklund. Für die war allerdings Schluss damit. Wenn sie wider Erwarten im Dienst verbleiben konnten, wartete höchstens ein Schreibtisch in irgendeiner verstaubten Dienststelle auf sie. Das waren die wenig beglückenden Aussichten, auf die Eklund angespielt hatte.

So ähnlich war es dann auch gekommen. Wieder genesen, war er mit Suzanne nach Hamburg gezogen, wo seine Tochter später das Abitur ablegte und ein Studium der Arabistik und Orientalistik begann. Aus ihr war eine sportliche junge Dame geworden, die in ihrer Freizeit regelmäßig ein Kickbox-Gym in St. Georg besuchte. Eklund wurde vom Hamburger Zoll übernommen, wo er als Oberamtmann zwar einen todlangweiligen Dienst im vierten Stock des Hafenverwaltungsgebäudes schob, seinen Alltag jedoch durch tägliche sogenannte Kontrollgänge im Hafen aufzulockern wusste. Das waren stundenlange Wanderungen über die Betriebsgelände der Werften, an den Docks vorbei und durch die Speicherstadt; Spaziergänge bei Wind und Wetter, bei denen er die Augen offenhielt und bald besser als jeder andere wusste, wie der Hamburger Hafen in seinem Wesen funktionierte, wie das Räderwerk der Arbeitsabläufe ineinandergriff und diesen kreischenden Moloch am Laufen hielt, der die Stadt prägte, ohne sie zu beherrschen. Er durchschaute, in welcher Beziehung die dort arbeitenden Menschen zueinander standen, wie fließend und wie wechselnd diese Beziehungen waren, wer gerade von wem abhängig, wer oben und wer unten war. Er wusste genau, welche Erschütterungen ein vom Kran gefallener Container nicht nur am Entladekai, sondern auch im Büro eines der persischen Teppichhändler auf dem Brook oder in der muffigen Baracke der Hafenarbeitergewerkschaft hinter den Docks von Blohm + Voss, aber ebenso in den vornehm gedämpften Räumen der Buchhaltung einer Reederei in der Hafencity verursachen konnte, sobald das Zollamt seine Aufmerksamkeit auf so einen Container richtete. Es dauerte nicht lange, da kannte Eklund jede Hafenratte von Angesicht zu Angesicht – und er war Mr. Harbour, der Mann, den jeder im Hafen kannte.

Über all die Jahre hielt er Kontakt zu Thomas Marder, mit dem er regelmäßig telefonierte und der ab und zu nach Hamburg kam, wo sich die beiden Freunde dann jedes Mal einen Jux daraus machten, unangemeldet in Suzannes Wohngemeinschaft aufzutauchen, um sie zu einem gediegenen Dinner auszuführen, welches gewöhnlich in einem der großen Hotels an der Außenalster eingenommen wurde. Nicht immer freute sich die junge Dame, wenn sie die Tür ihrer Altbauwohnung im fünften Stock öffnete und sich unerwartet den beiden Herren gesetzten Alters gegenüber sah, die schnaufend und feixend ihre Einladung zum Abendessen zu formulieren suchten. Fünf Stockwerke steigen, das war weder für Marders perforierte Lunge noch für Eklunds künstliche Herzklappe ein Spaß. Und schon bekam Suzanne Mitleid mit den beiden Männern. Das Gefühl grenzenloser Liebe und Zuneigung zu dem Vater und dem, der Ersatzmutter oder Zweitvater für sie gewesen war, schlug dann wie eine haushohe Welle über ihr zusammen, und mit dem Ruf: »Ich zieh mir nur schnell was über, bin gleich wieder da« rannte sie in die Wohnung zurück, während Marder und Eklung sich zuzwinkerten und grinsend an der Wohnungstür warteten.

Kurz nachdem Eklund seinen Dienst im Hamburger Zollamt angetreten hatte, war Marder in Bremen bei der Hafenpolizei untergekommen. In Bremerhaven, genauer gesagt. Oberstleutnant Wegener hatte sich persönlich darum gekümmert, dass seine besten Kämpfer anständige Jobs bekamen. Ihr physischer Zustand erlaubte ihnen zwar nicht, weiterhin bei der GSG 9 tätig zu sein, doch von allen anderen Dienststellen bei Zoll, Polizei und Bundeswehr hagelte es Anfragen, als bekannt wurde, dass Marder und Eklund als Ermittler zur Verfügung standen. Sie gingen beide dorthin zurück, wo sie auf die Welt gekommen waren.

Marder arbeitete fortan als Ermittler bei der Bremer Hafenpolizei. In Bremerhaven hatte er im dritten Stock eines Appartementhauses zwischen altem Vorhafen und Weserfähre eine moderne Zweizimmerwohnung mit weitem Blick aufs Wasser gefunden. Wenn sich die aufgehende Sonne in das Panoramafenster seines Schlafzimmers schob, stand er auf und fühlte sich im Einklang mit der Natur. Dann zog er seinen ausgebleichten grünen Trainingsanzug an, von dem er die alten Aufnäher entfernt hatte, und lief als erste Lockerungsübung des Tages um den Fahrstuhlschacht herum die Treppen hinunter zur kleinen Bäckerei am Ende des Blocks, hinter dem Tonnenhof, einem großen zementierten Platz, auf dem ein bunter Haufen Bojen aller Art und Größe lagerte und dort seit Jahrzehnten unverdrossen in Stand gehalten wurde. Dieser Platz war das Herz der alten Hafenstadt, und die Pflege der eisernen Bojen war Teil der Folklore. Marder mochte dieses Fleckchen Erde, weil es ihn an seine Kindheit am Weserufer in Bremen erinnerte. Aus den Fenstern seines Appartements ging der Blick weit über den von Süden kommenden Fluss, auf moderne Hafengebäude und Wohnanlagen, aber auch auf hundert Jahre alte Backsteinhäuser mit spitzen Giebeln und auf schiefe Fischerhäuschen am jenseitigen Ufer der Geeste, auf der Schoner und Schlepper dümpelten und die moderne Weserfähre ihren Anleger hatte. Bei seinem Bäcker kaufte Thomas Marder jeden Morgen zwei Croissants, einen großen Milchkaffee im Pappbecher sowie den »Weserboten«, dann trabte er zu seiner Wohnung zurück und die drei Stockwerke hinauf, und wenn er oben war, keuchte er und verwünschte die Ärzte, die es trotz modernster Technologie nicht schafften, ihm das Geschoss aus der Lunge zu holen.

Im Vergleich zur GSG 9 war der Dienst in Bremerhaven ziemlich genau das, was der Volksmund »eine ruhige Kugel schieben« nennt. Ab und zu brachte ein Überseedampfer oder eines der riesigen Containerschiffe drüben am Eurogate eine Leiche mit; an Land hingegen wurde nur selten gemordet. Die Schiffsleichen waren in der Regel Opfer von Unfällen im Maschinenraum oder von Herzattacken durch Altersschwäche auf dem Promenadendeck. Nur einmal in seiner Laufbahn als Hafenpolizist hatte es auf einem Containerschiff ein Mordopfer gegeben. Der Fall hatte jedoch keiner Ermittlungen und Aufklärung bedurft, da er abgeschlossen, dokumentiert und von Zeugen eidlich bestätigt an die deutschen Behörden übergeben wurde. Die Leiche war noch warm gewesen. Beim Einlaufen in die Wesermündung – die malaiische Besatzung war schon dabei, sich landfein zu machen – hatte einer der Matrosen den chinesischen Koch beleidigt, oder der chinesische Koch hatte sich beleidigt gefühlt, weil der Matrose das Lied: Ein Hund lief in die Küche und stahl dem Koch ein Ei, da nahm der Koch den Löffel und schlug den Hund zu Brei … (auf Vulgärchinesisch – Gôu zôu jin chúfáng, töule yigè jidàn zhû shú, yinwèi chúshi názhe sháozi hé dâ gôu dào zhíjiang – klang das recht drollig) gesungen und eine Strophe hinzugefügt hatte, in der der Hundebrei auf den Tellern der Mannschaft landete. Woraufhin der Koch derart außer sich geraten war, dass er mit einem Küchenmesser auf den Malaien losging und es ihm umstandslos in den Leib rannte. Der chinesische Koch war in Handschellen und der malaiische Matrose mit den Füßen voran von Bord gebracht und im Keller der Hafenpolizei zwischengelagert worden. Der Vorfall endete damit, dass der Koch der chinesischen Gerichtsbarkeit überstellt und in die VR China ausgeflogen und der Matrose im selben Flugzeug in einem Zinksarg an seine Heimatadresse expediert wurde, wobei sich ihrer beider Wege nach einem umständehalber eingelegten Zwischenstopp in Neu-Delhi für alle Zukunft trennten. Nach diesem Vorfall, der sich vor ungefähr zwei Jahren ereignet hatte, war aus kriminalistischer Sicht kaum noch Aufregendes passiert in Bremerhaven.

Marder bewegte sich tunlichst an der frischen Luft und überließ den Schreibtischkram so weit es ging seinem Assistenten, dem Kriminalgehilfen Willie Burgwald, der den ehemaligen Superagenten still bewunderte und ihn – von offiziellen Dienstgraden unbeeindruckt – nach wie vor Herr Hauptmann nannte. Seine Bewunderung ging so weit, dass er die eigene Karriere darüber vernachlässigte und der Kriminalgehilfe blieb, als der er Marder – Hauptmann Marder – kurz vor dem Containerschiffmord zugeteilt worden war. Nach Feierabend ging Marder meistens mit den Kollegen noch einen trinken, da durfte auch Willie Burgwald dabei sein. Hin und wieder fuhr Marder mit dem Taxi nach Bremen, wo er die Nachtbars unsicher machte, denn mit einem Whisky in der Hand und einer hübschen Brünetten am Tresen fühlte er sich nach wie vor am wohlsten in seiner Haut. Körperlich in Form hielt er sich, indem er drei Mal die Woche im Bürgerpark seine Runden lief, dabei in wechselndem Tempo jeweils fünf Kilometer absolvierte. Mehr gaben seine Lungen nicht her. An den beiden anderen Tagen trainierte er nach Dienstschluss im Kraftraum seiner Dienststelle am Kaiserhafen, wo sich auch der Schießstand befand, in dem er täglich einige Kombat-Serien schoss, um seine Reflexe geschmeidig zu halten. Der dienstliche Alltag in Bremerhaven erinnerte Thomas Marder oft an das Jahr in Damaskus und hatte ihn vor kurzem auf den Gedanken gebracht, sich in der Volkshochschule anzumelden, um seine verschütteten Arabischkenntnisse aufzupolieren. Doch dann, vor knapp einem Monat, hatte Eklund ihn angerufen und eine Geschichte erzählt, die jeden Fortbildungsgedanken in Vergessenheit geraten ließ.

Eklund hatte ihn sogar in Bremerhaven aufgesucht, was höchst selten passierte. Seine Geschichte hörte sich abenteuerlich an, bekam aber Gewicht durch zwei Tote, die auf ihr lasteten: ein Zollinspektor in Danzig und ein polnischer Hafenarbeiter in Hamburg. Eklund war überzeugt, dass die beiden Fälle zusammenhingen.

»Zwei Hafenstädte, und beide Opfer sind erstochen worden«, berichtete er Marder, als sie beim Aperitif in der Bar des Sail-Hotels saßen, das weltläufige Gäste gern als Burj al Arab von der Waterkant bezeichneten.

»Einer in Polen, ein anderer in einer deutschen Großstadt; das kann Zufall sein«, gab Marder zu bedenken. »Und dann noch erstochen. Hafentypischer geht’s ja kaum.«

»Zwei Häfen, zwei identische Tötungsweisen. Beiden Männern wurde ein Messer direkt ins Herz gestoßen, das ist Profiarbeit. Und beide Opfer waren Polen. Das ist kein Zufall. Ich habe Nachforschungen angestellt. Der Pole bei mir im Hafen kam von einem Schiff, das vier Tage zuvor in Danzig ausgelaufen war. Der Zollinspektor in Danzig wurde eine Woche früher getötet, als dasselbe Schiff im Hafen lag. Ein Trampsteamer, die Sursum Corda, in Danzig gemeldet, transportiert Stückgut zur Nordsee und zurück. Rotterdam, Antwerpen, weiter südlich war sie nie. Meistens pendelt sie zwischen den Ostseehäfen und uns hier oben: Hamburg, Bremerhaven, Wilhelmshaven. Meinem Gefühl nach hängt das alles zusammen. Ich habe bei den polnischen Kollegen angefragt. Sie ziehen Erkundigungen ein und benachrichtigen mich, sobald sie neue Erkenntnisse haben. Die sind in heller Aufregung da drüben. Was verständlich ist. Einen Zollinspektor umbringen! Wer tut so was? Eigentlich doch nur jemand, der in Panik ist, der nichts mehr zu verlieren hat.«

»Oder alles zu verlieren hat. Ebensogut kann es aber auch Zufall gewesen sein. Der Mörder hat vielleicht gar nicht gewusst, wen er da umbringt. Was mich im Augenblick mehr interessiert ist, warum das Schiff von Danzig bis Hamburg vier Tage gebraucht hat. Durch den Nord-Ostsee-Kanal benötigt man dafür doch höchstens die Hälfte der Zeit.«

»Das ist auch so eine Merkwürdigkeit. Die Sursum Corda ist noch nie im Kanal registiert worden. Ich habe mir das Logbuch angesehen. Sie fährt entweder durch den Öresund oder durch den Großen Belt ins Kattegat, über den Skagerrak um Dänemark herum und läuft dann die Nordseehäfen an. Der Kapitän begründet das damit, dass sie immer auch Fracht für dänische oder schwedische Häfen haben, und sei es nur, dass sie eine Kiste Wodka in Göteborg ausladen oder in Frederikshavn eine Ladung Stockfisch an Bord nehmen.«

»Wer den Kanal befährt, wird gründlicher kontrolliert, als einer, der an den Küsten entlangschippert«, sagte Marder nachdenklich. »Du solltest dir die Sursum Corda genauer ansehen. Wann kommt sie das nächste Mal nach Hamburg?«

»Ich werde es bald wissen. Hier, ich habe dir eine Kopie des Logbuchs mitgebracht. Ist nicht ganz legal, hilft uns aber hoffentlich weiter. Wirf mal einen Blick hinein. Vielleicht fällt dir etwas auf, was mir entgangen ist. Ich werde das Gefühl nicht los, dass da an einem ganz dicken Ding gedreht wird.«

»Zwei Tote könnten darauf hindeuten. Wenn sie denn miteinander in Verbindung stehen.«

»Irgendwas braut sich zusammen. Das fühle ich. Würde mich nicht wundern, wenn die beiden Polen irgendwann Gesellschaft bekämen.«