Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen - Kurt Oesterle - E-Book
Beschreibung

Ausgezeichnet mit dem Berthold-Auerbach-Preis 2002, von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats gewählt – und über mehrere Monate auf der SWR-Bestenliste stehend. Eine Art Heimat- und Dorfroman, die etwas andere 'Beschreibung eines Dorfes' um 1960: Ein Junge im Alter von acht, neun Jahren erlebt den Einbruch des Fernsehens in die fast noch archaische, ganz bäuerlich-handwerkliche Welt seines Fleckens.

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Kurt Oesterle

Der Fernsehgast

oder Wie ich lernte die Welt zu sehen

Roman

Kurt Oesterle, 1955 in Oberrot geboren, studierte Literatur, Geschichte und Philosophie, Dr. phil. Seit 1988 freier Autor und Journalist, insbesondere für die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, die taz, das Schwäbische Tagblatt, aber auch für Zeitschriften wie die »Allmende« oder »Rowohlts Literaturmagazin«. Monographien über Wolfgang Koeppen und Peter Weiss. Essays u.a. zu Schiller und Uhland (»Ich hatt‘ einen Kameraden«), wofür er 1997 den Theodor-Wolff-Preis erhielt. 1995 erschien von ihm der Band »Mordwand und Todeskurve«, zwei Sportgeschichten, zwei Sportlerporträts aus der deutschen Nachkriegszeit (Neuauflage 2008). Der Roman »Der Fernsehgast oder wie ich lernte die Welt zu sehen« erschien im Jahre 2002. Das Buch wurde noch im selben Jahr mit dem Berthold-Auerbach-Preis ausgezeichnet und von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats gewählt. »Stammheim. Die Geschichte des Vollzugsbeamten Horst Bubeck« erschien im Jahre 2003.

Hardcover-Originalausgabe Klöpfer & Meyer, Tübingen 2002.

© 2012 Klöpfer und Meyer, Tübingen.

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-86351-102-9

eISBN 978-3-86351-227-9

Umschlaggestaltung:

Christiane Hemmerich Konzeption und Gestaltung, Tübingen.

Herstellung: Horst Schmid, Mössingen.

Satz: niemeyers satz, Tübingen.

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Mehr über das Verlagsprogramm von Klöpfer&Meyer

finden Sie unter www.kloepfer-meyer.de.

Inhalt

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Erstes Kapitel

Meine Eltern glaubten, ich ginge zum Sportplatz. Doch ich schlug einen anderen Weg ein, sobald ich außer Sichtweite war. Ich wollte meinen Film sehen, eine Fliegergeschichte in Fortsetzung, von der ich noch keine Folge ausgelassen hatte. Das Fernsehen war mir verboten, wenn auch ohne Strafandrohung – das Fernsehen war die Strafe selbst. Anfangs schade es nur den Augen, sagten meine Eltern. Wer dann aber immer noch nicht von ihm lasse, dem hitze es allmählich die Seele auf, um schließlich Löcher hineinzubrennen, blitzblaue, am Rand gezackte, nicht wieder zu stopfende Löcher. Das Fernsehverbot galt an allen Tagen der Woche. Meine Eltern hatten einen derartigen Überschuß an Einwänden gegen das Fernsehen, daß sie ihr Verbot jeden Tag neu begründen konnten. Und sonntags fiel ihnen zu den sechs vorangegangenen Gründen sogar noch ein siebter ein, nämlich daß unsere Nachbarn schon an den Werktagen genug unter mir zu leiden hätten und einen Ruhetag bräuchten.

„Plag doch die Leute nicht so!“, rief mein Vater.

„Hausierer“, sagte leis meine Mutter, die meistens besser traf.

Durch ihr Wort sah ich mich wie durch ein umgekehrtes Fernglas winzig und zappelnd in eine Fremde versetzt. Ich dachte an den dicken Mann, der uns alle paar Wochen Salatöl und Seife brachte, schnaufend, als wäre dies sein letzter Gang; ich dachte an die Wurzelbürsten der Blindenmission, die meine Mutter an der Haustür kaufte, um meinem Vater und mir, viel länger als es uns wohltat, den Rücken damit zu schrubben; und mir fiel auch die alte Zigeunerin ein, die hin und wieder durchs Dorf kam und Knöpfe feilbot, indem sie zur Härteprobe mit der Faust darauf hieb oder forderte, daß wir uns mit den Zähnen daran versuchten.

„Mit die Kneppe seid’s unverletzlich“, sagte die Alte, so als wisse sie genau, woran es uns fehle.

Nein, ich war kein Hausierer, sondern der Fernsehgast, und wer den Fernsehgast schmähte, der schmähte die neue Zeit.

Außer dem Fernseher hatte die neue Zeit den Mähdrescher, die Melkmaschine und den Kühlschrank ins Dorf gebracht. Auch ein Zahnarzt betrieb neuerdings seine Praxis bei uns, und aus immer mehr Häusern klingelte inzwischen ein Telefon. Auf dem Friedhof wurde gegenwärtig eine Leichenhalle mit raketenspitzem Dach errichtet. Auch franste unser Dorf allmählich aus, und überall an den Rändern wuchsen ihm Neubaugebiete; alte Gebietsnamen wie Horschel, Schlatt und Krumme Länder verschwanden und gingen in dem geräumigen Wort „Bauerwartungsland“ auf. Nur ein Bahnanschluß fehlte uns noch, auf ihn warteten wir schon seit über hundert Jahren. Doch immerhin, erst kürzlich war unser Tal zum Tieffluggebiet erklärt worden, in dem Düsenjäger mit silbrigen Haifischbäuchen und schwarzen Spinnenkreuzen der Erde so nahe kommen durften, daß man den Piloten zuwinken konnte, falls man nicht beide Hände benötigte, um sich die Ohren zuzuhalten. Auch immer mehr Abkürzungen drangen zu uns herein und besetzten die Köpfe, „Edeka“, „DKW“, „LF 8“. Zur neuen Zeit gehörte im großen und ganzen alles, was wir, meine Eltern, meine Großeltern und ich, nicht besaßen und was wir so bald auch nicht besitzen würden. Die neue Zeit freilich nannte kein Mensch die neue Zeit. Sie war namenlos und unbenennbar, so neu war sie. Doch schon hatte sie sich überall eingenistet, schon war sie in die hintersten Ecken und Ritzen gekrochen und nicht mehr zu vertreiben. Mir teilte sie sich selbst von ihren geheimsten Plätzen aus mit, aber ich war auch der Zeitfühligste von allen.

In der neuen Zeit wurde andauernd und überall gefragt:

„Ja was willst du denn einmal werden?“

Was man auch darauf hörte, es war nie wenig. Schon in naher Zukunft hielt das Wort „Traumberuf“ Einzug bei uns im Tal. Zusammen mit den Fremdwörtern „Handikap“ und „Kondition“ wurde es umgehend eingebürgert. Doch manche fürchteten sich, die fremden, neuen Wörter in den Mund zu nehmen; sie knirschten ihnen zwischen den Zähnen wie altes Brot.

Wie ich mich schämte, daß meine Eltern keinen Fernseher besaßen! Sie besaßen auch kein Auto und kein Badezimmer, sondern nur ein Fahrrad, ein Transistorradio in einem unerschöpflich neu riechenden schwarzen Kunstlederetui und einen Gußstein, an dem wir uns morgens und abends der Reihe nach wuschen. Auch meine Großeltern, die im älteren Hausteil neben uns wohnten, besaßen weder Auto noch Badezimmer noch Fernseher. Sie hockten nach dem Abendessen in ihrer Küche beisammen und ließen die Dunkelheit über sich hereinbrechen, in der sie es leicht eine Stunde und mehr aushielten, mit offenen oder geschlossenen Augen, jedenfalls immer ohne etwas zu sagen. Nur wenn die Kirchenglocken mit dem Betläuten begannen, unterbrach meine Großmutter das zweisame, höchstens dreisame Schweigen und sprach aus dem Dunkel ins Dunkel hinein; sie betete:

Lieber Mensch, was mag’s bedeuten,

dieses späte Glockenläuten?

Es bedeutet abermal

unseres Lebens Ziel und Zahl.

Dieser Tag hat abgenommen,

bald wird auch der Tod herkommen.

Lieber Mensch, so schicke dich,

daß du sterbest seliglich.

Amen!

Das Gebet endete, bevor die Glocken verstummten. Wenn auch die Glocken leiser geworden und schließlich mit immer feineren, immer dünneren, immer traumartigeren Schlägen verhallt waren, durfte es wieder still werden. Aber die Stille trat nicht einfach ein, wie man sagt, sie strömte vielmehr herbei, erst langsam, dann rascher, floß von allen Seiten in den dunklen Raum und überspülte sämtliche Stellen, an denen kurz zuvor noch Wörter getönt hatten. Ausdauernd umsirrte das „Schicke dich-schicke dich“ noch eine Weile unsere Köpfe und versuchte, in aller Ohren einzudringen, um sich dort zur bleibenden Warnung niederzulassen. Am längsten hielt sich das „Amen“. Es hatte sich in alle Richtungen zugleich ausgebreitet und wurde von überallher und mehrfach wie ein Echo zurückgeworfen. Im „Amen“ lag die ganze Fleh- und Betkraft meiner Großmutter. Wenn sie es sprach, drückte sie ihre gefalteten Hände noch einmal so sehr zusammen, daß man die Knochen knacken hörte. Das „Amen“ gehorchte ihr wie kein zweites Wort, und ihr gehorchten viele Wörter. Darum verklang es auch nicht irgendwo im Raum und ging in der langsam steigenden Stille unter, sondern es kehrte jedesmal zu ihr zurück, um wieder von ihr aufgenommen zu werden. Nur wer die Stille hinter dem „Amen“ meiner Großmutter kannte, wußte, was Stille war.

Am Abend vom Tagwerk auszuruhen, hieß für meine Großeltern, auch vom Reden auszuruhen. Reden war Arbeit – oder eine Kunst. Wenn einer der vielen Hausierer bei uns durchs Treppenhaus heraufrief, was er zu verkaufen hatte, schickte meine Großmutter meinen Großvater hinaus, indem sie sagte:

„Kauf nichts, aber gib ihm ein gutes Wort.“

Das war kein gehässiger Witz, eigentlich war es überhaupt keiner. Sie sagte den Satz so, wie sie auch gesagt hätte: Gib ihm ein Stück Brot, ein Krügchen Most oder ein Almosen. Das gute Wort war Labsal und Seelenerfrischung oder eine Art Währung mit großen Scheinen und kleinen Münzen. Am leichtesten konnte das gute Wort in einem Lied verabreicht werden, indem man jemanden ansang, so lange bis er verliebt oder verschämt die Augen niederschlug. Im alltäglichen Umgang ließ es sich am schwersten treffen, das gute Wort, da kostete es viel Kraft, zumal unsere Sprache schon von sich aus zum Raunzigen und Rauhbauzigen neigte. Vernichtend war das gute Wort, wenn es einem versagt wurde.

In der lichtlosen Küche trank mein Großvater Wein aus einem Glas, das er stets sicher ergriff, zum Mund führte und wieder zurückstellte. Nur sein Schlürfen und Schlukken war vernehmbar, und ich, bisweilen unsichtbar auf der Küchenbank dabeisitzend, vollzog es mit, obwohl ich außer Spucke dazu nichts im Mund hatte. Mein Großvater langte zu mir herüber und suchte meine Hand, um sie kurz zu drücken; das war das gute Wort auf sprachlos. Dann zog er an seiner Zigarre, deren Glut für ein paar Momente zum einzigen Lichtblick im Zimmer wurde und die mir zugewandte Gesichtshälfte rötlich erhellte. Meine Großeltern liebten das Dunkel in jederlei Gestalt: als Dämmerung, als Finsternis, als schwarzblaue Nacht. Nur wenn es zu gewittern anfing, war damit Schluß. Meine Großmutter trieb, besonders bei schweren Gewittern, alle, die wie ich nicht schon von selbst aufgestanden waren, aus den Betten, scharte sie um den Küchentisch, auf dem eine Kerze brannte, und betete oder las laut aus der Bibel vor, bis Blitz und Donner nachließen. Mein Vater saß auch dabei, in seiner Feuerwehrkommandantenuniform und in Stiefeln, den Helm auf dem Schoß, horchend und wartend, ob er noch zu einem Brand müßte.

In solcher Umgebung war noch nicht sehr bald mit der Einführung des Fernsehens zu rechnen. Ich würde weiterhin an allen Tagen der Woche lügen müssen, um zu meinem Film zu kommen, und meine Eltern waren selber daran schuld.

Sonntagswürdig schritt ich die Straße hinunter. Meine Eltern standen am Fenster und schauten mir nach. Sie schämten sich, weil ich trotz ihres Verbots im Dorf zu allen möglichen Sendezeiten von Tür zu Tür streifte und Einlaß begehrte, wodurch ich mich bekannt und bekannter machte und bisweilen sogar auf der Straße als Fernsehgast angesprochen, ja gegrüßt wurde, wenn auch nicht so respektvoll, wie ich es mir gewünscht hätte: als der Seltsambesondere des Dorfs. Doch immerhin, für einen, der erst so kurze Zeit auf dieser Welt war, hatte ich mich schon recht weit herum berühmt gemacht. Ich wollte, daß alle Türen wie von selbst für mich aufsprangen, schon wenn ich nahte, ich wußte jedoch nicht – wenigstens vorläufig noch –, wie das zu erreichen sei. Worte und Aberworte waren nötig dazu, Listen, Tricks und Schauspielkünste, und manchmal mußte man den Leuten auch seine Dienste anbieten, ihnen zum Brotbacken Sauerteig und Hefe aus der Bäckerei holen, Holz im Wald sammeln und zum Trocknen im Schober aufstapeln oder für eine Stunde ein kleines schrumpeliges Kind hüten.

„Hat der Bub denn keinen Stolz?“, fragten meine Eltern sich und mich und händeringend auch den Himmel.

Sie entschuldigten sich ringsumher bei den Leuten für ihren Sohn, bei denen, die er in der Tat regelmäßig aufsuchte, wie auch bei jenen, deren Wohnzimmer er noch nie geteilt hatte, weil sie nämlich überhaupt keinen Fernseher besaßen, was seinen Eltern aber entgangen war. Ganz anders als er machten sie, so wie in der alten Zeit üblich, keinen Unterschied zwischen Fernsehbesitzern und Fernsehnichtbesitzern. Beinahe überall baten sie um Verzeihung für seine vergangenen wie für seine künftigen Taten, und manchmal holten sie ihn eigenhändig aus fremden Stuben und verlangten, daß man ihn doch hinauswerfen möge, selbst wenn er gar nicht lästig falle. Auf den Sohn sahen sie dabei mit scharf geschliffenen Blicken.

Bei der Tanne am Dorfbrunnen endete das Sichtfeld meiner sich immer weiter aus dem Fenster lehnenden Eltern. Ich sprang, um vollends zu verschwinden, seitwärts in den Schatten des Baumes – lachend über so viel Unberechenbarkeit meinerseits. Denn hätten Vater und Mutter auch noch versucht, meinem Sprung aus ihrem Blickfeld durch einen letzten Ruck mit Kopf und Körper zu folgen, sie wären gewiß auf die Straße hinausgefallen. Aus dem Baumschatten rannte ich – nun endlich unsichtbar für alle, die es wagten, mich mit den Augen zu verfolgen – in eine schmale Gasse, die auf einen Garten zulief, von dort ging es weiter über mehrere Zäune. Enten, Tauben und Hühner erschraken nicht, wenn ich plötzlich vor ihnen auftauchte. Sie duldeten den Fernsehgast, sie kannten ihn, weil er bei seinen Gängen, Abkürzungen und Fluchten nicht selten ihre Bahn kreuzte. Noch wichtiger war, daß sie sich bei seinem Anblick ruhig verhielten und ihn durch Schnattern, Gurren und Gackern nicht verrieten. Sicher hätte er bei ihnen übernachten können, ohne Aufsehen zu erregen. Auch die Hasen in den Ställen grüßten den alten Bekannten geräuschlos und stellten zum Gruß nur ihre Lauscher auf; das Trommeln mit den Hinterläufen unterließen sie. Mitunter, wenn ein wenig Zeit übrig war, döste der Fernsehgast mit den Katzen in ihren Wärmewinkeln und streichelte ihr weiches Fell. Eine, mit einer weißen und einer schwarzen Gesichtshälfte, mochte er besonders. Sie war scheu und ließ sich nicht berühren, wenn auch gerne anschauen. Ruhig, aber regelmäßig wechselte sie die Plätze, bis er begriff: Sie hatte etwas mit der Sonne gemeinsam, genau wie er, sie wanderte in dieselbe Richtung.

Doch meistens gönnte mir der Drang zum Fernseher keine Pause. Auf den letzten Metern vor dem Bildschirm wandelte er mich um, und die Hülle des Sonntagskinds fiel vollends ab von mir. In meinem Leib fühlte ich eine Enge, als blähe sich da drinnen etwas auf, das die Organe einschnürte, eine Art Luftballon, den ich verschluckt hatte und der jetzt langsam Stoß um Stoß vollgepumpt wurde. Unter dem wachsenden Druck schien auch mein Körper zu wachsen, aufwärts und in die Breite. Außerdem wurden mir die Kiefer hart, der Mund trocknete aus, die Faust ballte sich von selbst zusammen, die Augen wurden zu Schlitzen und der Atem verkürzte sich. Ich besaß kein Wort für diesen Zustand, der den gesamten Körper erfaßte und sich jedesmal von selbst einstellte, automatisch, wie man sagte. Zwar glich dieser Zustand etwas so Nützlichem wie der Zielstrebigkeit oder der Entschlossenheit – diese beiden kannte ich von meinem Vater –, er war aber jäher und wüster als sie und erschreckte durch die Ausweglosigkeit, in die er versetzte. Überwinden ließ er sich am ehesten, wenn man tat, was er verlangte. Das Beste an ihm war, daß er der Angst, dieser zähesten Begleiterin des Fernsehgasts, keinen Raum mehr ließ und sie sich für eine Weile verdrücken mußte.

Ich preßte mich an eine Hauswand und spähte um die Ecke, ob noch mit Widerständen zu rechnen wäre. Feindselig, kriegerisch mußte mein Blick jetzt sein, doch ich flehte zugleich, daß meine Eltern, meine Großeltern mich so nie zu Gesicht bekämen. Einmal, als ich glaubte, meine Mutter sei hinter mir her, hüpfte ich ohne zu zögern in den Bach und versteckte mich, bis zu den Knien im Wasser, minutenlang unter einer Brücke. Meine Fernsehlust überdauerte das Fußbad, nur daß ich nachher mit nassen Schuhen und Strümpfen in einer Fernsehgaststube einsitzen mußte und mich allmählich von unten herauf verkühlte. Andererseits hätte ich mich meiner Mutter unter der Brücke am liebsten gestellt und gerufen:

„Mamma, bitte-bitte schlag mich, ich bin mir so unheimlich!“

Nur eine einzige Ohrfeige, und ich hätte mich in das Sonntagskind zurückverwandelt.

Freilich ging ich längst nicht mehr bloß zu Nachbarn, wie meine Eltern annahmen, sondern zog meine Kreise auch im Neubaugebiet, der sogenannten Siedlung, wo viele Flüchtlingsfamilien aus dem Osten wohnten und ein paar Baracken für Gastarbeiter standen. Fernsehgeräte gab es inzwischen fast überall, man mußte nur der Spur ihrer Antennen folgen, die bei Tag und Nacht wie umgedrehte Krähenfüße in den Himmel ragten. Manchmal hörte man von drinnen durch ein halboffenes Fenster Stimmen, die viel zu schön und viel zu wenig mundartlich klangen, als daß sie den Hausbewohnern gehören konnten. Manchmal sah man hinter dunklen Scheiben auch bläuliches Licht, das in unregelmäßigen Abständen zuckte und noch viel anziehender war als die Stimmen – es hieß ja auch, daß die Bilder auf den Schirmen von magischer oder magnetischer Anziehungskraft seien. Als Fernsehgastgeber kam jeder in Frage, niemand war unwürdig. Ich mied nur Leute, die mir völlig unbekannt waren, und davon lebten im Dorf inzwischen einige. Nur wer mit dem Fernsehgast wenigstens flüchtig bekannt war, konnte zum Fernsehgastgeber aufsteigen, nur er hatte eine Chance, auf die Liste zu kommen, die ich heimlich in meinem Kopf führte: meine Fernsehgastgeberrangliste.

Am liebsten besuchte ich größere, ja kinderreiche Familien. Man fiel dort in der ersten oder zweiten Reihe nicht so auf, sondern war nur eines unter wohltuend vielen, strikt auf die Flimmerfläche gerichteten Gesichtern. Allerdings hatte der Besuch bei Fernsehbesitzern mit größerem Anhang den Nachteil, daß man dem Film oft nicht recht folgen konnte. Es gab Streit oder das Essen wurde aufgetragen oder die einzige, neuerdings immer umkämpfte Steckdose, von der auch das Glück des Fernsehgasts abhing, wurde für das Bügeleisen oder für einen Helm namens „Trockenhaube“ gebraucht. Bei Alleinstehenden oder kleineren Familien konnte es hingegen passieren, daß man plötzlich allein im Zimmer war, zusammen mit dem Hund, der den Fernsehgast nicht leiden konnte und ihm knurrend verwehrte, das Zimmer zu verlassen, bevor Herrchen oder Frauchen zurückkehrten. So kam es, daß der Fernsehgast manchmal bis in den Abend vor Sendungen festsaß, die er gar nicht sehen wollte, und reglos lauschte er, wie seine Mutter draußen durch die Straßen lief und nach ihm rief.

Wenn der Film, den ich unter keinen Umständen verpassen durfte, näher und näher rückte, entschied ich mich oft für die beiden Männer, die auf meiner Fernsehgastgeberrangliste ziemlich weit unten standen: Vater und Sohn Heilmann. So auch an diesem Sonntag, der wie die übrigen Sonntage rot im Kalender festgeschrieben war, für mich aber ein schwarzer Tag werden sollte. Noch weiter unten in meiner Fernsehgastegeberrangliste stand, einsam und abgeschlagen, nur das Pfarrhaus, denn dort wütete die engherzigste, engstirnigste Fernsehzensur. Allein schon das Testbild mit den ihm unterlegten, alle paar Momente wiederholten, sanften und gütigen Gongschlägen mußte hier als Teufelswerk gelten. Bei jedem Film, der im Pfarrhaus auf den Schirm kam, setzte die Pfarrersfrau sich zu ihren drei Söhnen vor das Gerät und entschied nach fünf, höchstens zehn Minuten, ob sie ihn verkraften würden. Wenn sie nicht dieser Meinung war, schlug sie die Hände vors Gesicht und schaltete ab.

„Au, au, au“, stammelte sie oder rief: „Bös, bös, bös!“ und nahm ihre Kinder in den Arm, als wären sie frisch dem Tod entronnen.

Die drei Pfarrerssöhne mit den gleichgeschnittenen roten Strickjacken verfielen darum nie auf den Gedanken, auch nur leise zu murren. Vielmehr erbleichten sie über so viel Glück im Unglück und schauten dankbar zu ihrer Mutter auf; so leicht waren sie zu erretten. Unwiederbringlich aber verschwanden mit einem feindseligen Knistern die Fernsehbilder durch einen schnell sich verengenden, schließlich gleichfalls verschwindenden hellgrauen Schlitz. Am Ende zeigte sich der bilderleere Schirm in einem ebenmäßigen Dunkelgrau, das genau betrachtet das Grau des Bachschlamms war. Erst jetzt erkannte man, daß es sich bei dem Schirm nur um eine schlichte, sanft in die Welt hinausgewölbte Scheibe handelte, die von vier Brettern senkrecht gehalten wurde und auf einem dünnbeinigen Tischchen verloren im Raum stand: erkaltet, tot und aufgebahrt; nein, nur scheintot. Denn welch ein Jubel, wenn aus der Stromleitung wieder Leben in ihn fuhr! Abgeschaltet, verdunkelt und seines Zaubers beraubt, spiegelte das Fernsehglas die Dinge nur schwach und verzerrt wider. Aber den Fernseher auch so anzuschauen war bereits eine Freude oder zumindest ein Versprechen.

Der Fernsehgast, jetzt schon im Treppenhaus, wo er sich noch seine schwarzen Musketier-Gummistiefel mit den gelben Stulpen über die Füße streifen mußte, schimpfte laut vor sich hin, weil er wußte, daß der von der Pfarrersfrau durch Abschalten verschuldete Rückstand auch durch den schleunigsten Wechsel des Fernsehgastgebers nicht mehr wettzumachen war. Weshalb und wozu hatten diese Leute überhaupt einen Fernseher? Doch wohl nur, damit ihre Söhne keinen Grund fanden, Fernsehpilger zu werden wie ich und nicht zu allen Jahreszeiten nach Art der Paupersänger durchs Dorf zogen, um milde Gaben für das Auge und für das Herz einzufordern.

Kein Fernsehgastgeber glich dem anderen. Der eine wohnte anheimelnd und war abweisend, der andere hauste in einer kahlen, ungeheizten Bude und lud einen doch ein, wiederzukommen, und sei es, um nicht allein zu frieren. Doch so verschieden die Fernsehgastgeber, so verschieden waren auch ihre Fernsehgeräte und die Qualität ihres Empfangs. Es fiel mir nicht leicht, sie alle gerecht auf meiner Liste unterzubringen. So kannte ich eine Familie mit einem schönen und edlen Stück. Aus keinem der Apparate, die mir vertraut waren, sprachen die Stimmen derart rund und wohltönend wie aus diesem; man bekam davon eine Gänsehaut in den Gehörgängen. Doch der Familie, die mich zwar nicht gerade zu sich hereinbat, doch immerhin ohne offenes Bedauern ins Haus ließ, war der Fernseher nicht gut genug, ihr fehlten die Farben, und so hängte sie dem Schirm mit den ruhigen schwarzweißen Bildern einen Farbschurz um. Dieser bestand aus einer quadratischen Plastikfolie, die für ein paar Mark bei einem Fernversand zu beziehen war. Die Folie oder Haut mußte in mehrere feste und unveränderliche Farbzonen eingeteilt sein, denn das Filmpersonal wechselte je nach seinen Bewegungen die Farbe: Mit dem Kopf wandelte es in der roten Zone, mit den Füßen in der blauen, aber schon im nächsten Augenblick schritt es mit gelbem Gesicht hinüber in die grüne – sämtliche Farben dieses traurigen Spektrums schillerten übrigens mit dem damals noch nicht oft gesehenen Prunk von Öl oder Benzin auf einer Pfütze. Alle Personen, selbst die ärmsten, sahen verachtenswert und lächerlich aus. Es war, als hätte man die felsgrauen Apostel im Gethsemane-Gärtchen vor unserer Kirche samt ihren eisernen Heiligenscheinen mit Buntlack bemalt. Da ich die Farben ablehnte und nur das menschenfreundliche Schwarzweiß gelten ließ, verbannte ich diese Familie auf meiner Rangliste ganz nach unten, in jene Randrubrik, wo in den öffentlich aushängenden Mannschaftsaufstellungen unseres Fußballvereins häufig genug mein eigener Name zu lesen war: Auswechselspieler.

Bei Vater und Sohn Heilmann hatte ich immer Glück, und darum hätte ich die beiden Männer eigentlich lieben und lobpreisen müssen. Fast alles sprach für sie: Sie waren stets zu Hause und besaßen einen Fernsehapparat mit passablem Bild, der immer schon – als wäre er ein Traktor oder eine Mistbrühpumpe – „lief“, wenn ich eintrat. Mir kam aber der Heilmannsche Fernsehapparat gar nicht wie etwas Technisches vor, das man ein- und ausschalten konnte, sondern eher wie ein Naturereignis, gleich der Sonne, die einmal am Tag verläßlich auf- und wieder unterging. Der einzige Nachteil dieses Apparats war, daß man mit ihm das jüngst eingeführte Zweite Programm nicht oder nur schemenhaft empfangen konnte – ein Aprilscherz fürs Auge –, und Vater und Sohn Heilmann machten keine Anstalten, diesen Mangel zu beheben. Ebenso hätte mich für die beiden einnehmen müssen, daß sie niemals in einen laufenden Film hineinsprachen, ja, sie sagten strenggenommen überhaupt nie etwas, redeten nicht mit mir und auch nicht miteinander. Sie bedienten sich nicht einmal der mir aus anderen Fernsehgasthäusern vertrauten Stummelsprache:

„Ist er an?“

„Ja, er ist an.“

„Kommt etwas?“

„Nein, es kommt nichts.“

„Dann schalt aus.“

„Warte!“

„Wieso?“

„Vielleicht bringen sie ja noch was …“

„Was?“

„Weiß nicht.“

„–.“

„Mal sehen …“

„Herrgott!!“

Schon allein durch ihre völlige Sprachlosigkeit entstand in der Kammer von Vater und Sohn Heilmann eine unvergleichliche Andacht, eine Andacht, die für mein Gefühl zutiefst dem – wer weiß, von wem – erfundenen Wort „fernsehgucken“ entsprach. Sehen und zugleich gucken: So verschmolzen Fernsicht und Nahsicht zu einem dritten, gesteigerten Schauen, in das freilich alle Kraft, alle Aufmerksamkeit gelegt werden mußte. Vater und Sohn Heilmann schienen mir die weithin vollkommensten Vertreter der Gattung Fernsehgucker zu sein. Trotzdem standen sie am unteren Ende meiner Rangliste, trotzdem besuchte ich die beiden nicht gern. Jedesmal, wenn ich beschloß, meist im Fall eines Fortsetzungsfilms, mich zu Vater und Sohn Heilmann aufzumachen, sicherheitshalber, damit mir keine der Folgen entging, wurde mir bang und ich atmete schwerer. Das ärgerte mich, so wie einen die Sprünge, Rätsel und Ungereimtheiten des eigenen Innern immer ärgern, denn es gab keinen Grund dafür, ebensowenig für den sich immer wieder meldenden Wunsch, die beiden Männer zu meiden; hätte ich ihm nur nachgegeben. Mein Vater war seit seinen Schultagen mit dem jungen Heilmann befreundet. Ich wußte aus seinen Erzählungen, daß die beiden auf dem Heimweg von Spritz- oder Zechtouren der Feuerwehr oft ein „Zwei-Mann-U-Boot“ bestiegen und den „Euphrat“ hinauf- oder hinabfuhren. Mein Vater schwelgte mit noch feuchten Augen in dieser Träumerei, und ich sah die beiden Männer seltsam verschworen und verzweifelt in ihrem spielzeuggroßen Boot sitzen und von unserem Dorfbach aus einen Kleinkrieg gegen die Welt führen.

Trotz dieser Bekanntschaft hätte übrigens weder der junge noch der alte Heilmann mich je an meine Eltern verraten. Beide waren sie mir gegenüber wunderbar gleichgültig. Ob mir ein Film erlaubt oder verboten war, scherte sie nicht. Meine Seele, mein Augenlicht, was kümmerte sie das! Sie reagierten auf den Fernsehgast, wenn er zur Türe hereinkam, so gut wie nicht. Sie hatten ihn, kaum daß er da war, bereits wieder vergessen. Das verlieh den Besuchen in der frauenlosen Männerwirtschaft von Vater und Sohn Heilmann etwas vollkommen Unwirkliches, ja Bodenloses. Man war sich anschließend nie sicher, überhaupt bei ihnen gewesen zu sein, und ich hätte meinen Eltern auf die erboste Frage, ob ich wieder unerlaubt fernsehen war, in diesem Fall wahrheitsgemäß antworten müssen:

„Ich weiß es doch nicht!“

Nur der Film war unvergessen und blieb es auch, was ich aber für mich behielt.

Mein letzter Aufenthaltsort vor Filmbeginn war die zweistufige Steintreppe, die ins Haus meiner Fernsehgastgeber führte. Der nicht zu bremsende Zug zum Fernseher war verflogen oder hatte sich vorübergehend verflüchtigt und die Angst wieder hervorgelassen, wie immer wenn mir der Eintritt in ein Fernsehgasthaus unmittelbar bevorstand, besonders wenn dieses Haus auch noch das Heilmannsche war; die Gefühle des Fernsehgasts wechselten einander ab wie die Figuren eines Wetterhäuschens.

Von meinem Platz aus konnte ich die Kirchturmuhr nicht mehr sehen, auf die ich hin und wieder, um pünktlich zu sein, einen Blick geworfen hatte. Auf einen Glockenschlag vom Turm zu warten, ergab keinen Sinn, weil mein Film zu einer unrunden Zeit begann. Jetzt tat ein verläßliches Zeitgefühl not. Oder das, was mein Vater „die innere Uhr“ nannte. Da ich sie in mir aber nicht fand, zählte ich von dreißig rückwärts und bereitete mich darauf vor, bei null das Haus zu betreten. Gleichzeitig lauschte ich auf den Spielanpfiff des Schiedsrichters vom nicht sehr fernen Sportplatz, denn meine Fliegergeschichte würde nur fünf Minuten nach dem Fußballspiel beginnen. So fügte sich bei uns im Dorf alles eng und schmiegsam ineinander – wie der Knopf ins Knopfloch. Es gab hier mehrere, ja viele Zeiten, die Sportplatzzeit, die Kirchturmzeit und außerdem noch andere uhrgelenkte Zeiten wie etwa die Wirtshauszeit, von deren sagenhafter „Sperrstunde“ ich gern gewußt hätte, wie sie sich vernehmlich machte; es gab die Eltern- und Großeltern-, die Pfarrer- und Lehrerzeit (auch die ewig zeigerlose Friedhofszeit) – aber zwischen all diesen alten und uralten Zeiten gab es eine neue, geheime und große Zeit, mit der nur wenige vertraut waren, am ehesten solche wie ich: die Zeit der Sendeanfänge.

Unruhig, als müßte ich noch einmal austreten, tänzelte ich meinem Film entgegen. Doch warum diese Umstände, warum nicht unbeschwert hinein in die mir vertraute Fernsehstube von Vater und Sohn Heilmann, und sei es zu früh? Gefahren drohten hier doch keine, anders als bei Frau Nieder, der Kriegerwitwe, die den Fernsehgast immer als Enkelsohn dabehalten wollte, anders auch als bei Bauer Brock, der ihn nach genossenem Film in seinen Keller bugsierte und ihn das Innere eines Mostfasses bürsten ließ, durch dessen schmale Öffnung er selbst nicht mehr paßte.