Der fernste Ort - Daniel Kehlmann - E-Book

Der fernste Ort E-Book

Daniel Kehlmann

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Beschreibung

Julian, ein junger Mann, mit sich selbst und seiner Tätigkeit als Versicherungsangestellter unzufrieden, nutzt einen Schwimmunfall, um sich davonzumachen. Daß man ihn für tot halten muß, scheint ihm die ultimative Chance zu sein. Noch einmal läßt er seine Erinnerungen Revue passieren: die Kindheit, die zähen Anstrengungen, neben dem hochbegabten Bruder zu bestehen, den Zerfall der Familie und die immer wieder gescheiterten Versuche, die eigene Mittelmäßigkeit zu überwinden.
Nun, plötzlich, liegen verführerische neue Möglichkeiten greifbar vor ihm; er kann ganz von vorne beginnen. Doch die Umstände gestalten sich unerwartet schwierig: Ereignisse aus seiner Vergangenheit begegnen Julian in der Gegenwart wieder, immer mehr wird ihm die Realität zweifelhaft. Ist vielleicht alles nur ein Traum? Und wenn ja – was für eine Art von Traum? Schließlich besteigt er einen Zug, der ihn endlich aus seiner Heimatstadt und in die Freiheit bringen soll.
Daniel Kehlmann erzählt die Geschichte eines Fluchtversuchs aus dem alltäglichen Leben. Kann ein Mensch aus seinem Dasein ausbrechen, kann er ein anderer werden, als er ist? Raffiniert verknüpft der Autor diese Fragen mit einer bis zur letzten Seite spannenden Geschichte.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 125




Der Versicherungsangestellte Julian nutzt einen Schwimmunfall, um seinen Tod vorzutäuschen und sich davonzumachen. Noch einmal läßt er seine Erinnerungen Revue passieren: die Kindheit, die zähen Anstrengungen, neben dem hochbegabten Bruder zu bestehen, den Zerfall der Familie und die immer wieder gescheiterten Versuche, der Mittelmäßigkeit zu entkommen. Nun, plötzlich, liegen verführerische neue Möglichkeiten vor ihm; er kann ganz von vorne beginnen.

Daniel Kehlmann erzählt die Geschichte eines Fluchtversuchs aus dem alltäglichen Leben. Kann ein Mensch aus seinem Dasein ausbrechen, kann er ein anderer werden, als er ist? Raffiniert verknüpft der Autor diese Fragen mit einer bis zur letzten Seite spannenden Geschichte auf der Grenzlinie zwischen Leben und Tod.

»Wie Kehlmann diesen gespenstischen Totentanz kunstvoll erzählt, gehört schlicht in die Kategorie Pflichtlektüre.«

Wolfgang Paterno, Profil

Daniel Kehlmann, geboren 1975, lebt in Berlin und Wien. Im Suhrkamp Verlag erschienen 1999 Mahlers Zeit. Roman (st 3238), 2001 die Novelle Der fernste Ort (st 3627) und 2003 Ich und Kaminski. Roman (st 3653). 2005 publizierte Daniel Kehlmann den Roman Die Vermessung der Welt und 2009 den Roman Ruhm.

Daniel Kehlmann

Der fernste Ort

Suhrkamp

Umschlagfoto:

Betsie Van der Meer/getty images

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2013

© dieser Ausgabe Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag: Göllner, Michels, Zegarzewski

eISBN 978-3-518-74045-3

www.suhrkamp.de

Er atmete nicht mehr, er war abgereist – wohin, in welche anderen Träume weiß niemand.

(Vladimir Nabokov: »Einzelheiten eines Sonnenuntergangs«)

I

»Seien Sie vorsichtig!« Der Mann an der Rezeption sah Julian neugierig an. »Voriges Jahr ist jemand ertrunken. Einfach nicht zurückgekommen. Man bemerkt es nicht gleich, aber die Strömungen ...«

»Sicher«, sagte Julian, »sicher!«

»Er wurde nie gefunden.«

Julian nickte zerstreut und legte das Handtuch über seinen Arm. Die Drehtür setzte sich surrend in Bewegung und gab ihn frei. Die Sonne stand bereits niedrig. Ein Mann mit einem Strohhut ging gebückt vorbei, ein dickes Kind warf mit beiden Händen einen Fußball nach dem Stamm einer Palme, verfehlte ihn und sah hilflos zu, wie der Ball den Hang hinabrollte. Julian preßte das Handtuch an sich und folgte dem Weg, der sich in eine weit geschwungene Serpentine legte. Es war verwirrend, Mitte Oktober an einem Ort zu sein, wo es noch so warm war.

Der See, hell und reglos, spannte sich bis zu den Schemen der Hügel am Horizont, eine einzelne Möwe zog träge darüber hin. Eine Weile starrte Julian hinab, ohne sich zu bewegen. Es kam nicht oft vor, daß Tagungen von Versicherungsleuten an solchen Orten stattfanden. Meist waren es Provinzstädte oder verregnete Dörfer; noch nie hatte er sich auf solch eine Reise gefreut.

Trotzdem, er hatte noch immer keine Ahnung, was er in zwei Stunden sagen würde, wenn sein Vortrag über Elektronische Medien in der Risikokalkulation an der Reihe war. Er hatte nur eine vage Vorstellung, was Risikokalkulation war, er wußte nichts über elektronische Medien, und er hatte kein einziges Wort vorbereitet.

Vor der Abreise hatte er es hinausgeschoben, es gab so viele Gründe dafür: Formulare, die durchgesehen werden mußten, der ständig abstürzende Computer im Büro, die Verhandlungen mit der Kreditabteilung der Bank, die wechselnden Launen seines Vorgesetzten Wöllner. Er hatte beschlossen, sich erst im Flugzeug darum zu kümmern. Aber dort hatte er bloß verträumt dagesessen, an seinem Rotwein genippt und versucht, über die Schulter seines Nebenmannes einen Blick auf die Berggipfel und die Schatten der Wolken auf dem Erdboden zu werfen, und der ungewohnte Alkohol hatte ein Gefühl träger Schwere auf ihn gelegt; er hatte sich vorgenommen, den Vortrag noch in der Nacht zu schreiben, gleich nach dem Abendessen. Doch das hatte länger gedauert als erwartet, zweieinhalb Stunden lang hatten ihn die bleichen Gesichter, Brillen, schuppigen Haare und viel zu bunten Krawatten der Menschen umgeben, die seine Kollegen waren, und neben ihm hatte eine Frau ohne Unterlaß über Golfregeln gesprochen, über einen Abschlag vom dritten Loch, über Handicaps, über ein Hole-in-One, das ihr irgendwann gelungen war, ohne ihm ein einziges Mal die Chance zu geben, das Thema zu wechseln; danach hatte er nur mehr nach dem sich langsam drehenden Bett tasten können, erstmals seit langem unfähig, wach zu bleiben, und war Sekunden später in eine Dunkelheit ohne Träume gefallen. Heute morgen hatte er den von trockenen Hustenanfällen unterbrochenen Begrüßungsworten des Gastgebers zuhören müssen, dann hatte es Mittagessen gegeben, und jetzt hätte er endlich Zeit gehabt ... Jetzt! Er preßte das Handtuch an sich und schüttelte den Kopf. Es galt als Auszeichnung, daß Wöllner ihn mitgenommen hatte. Wenn sie sich blamierten, würde er ihm nicht verzeihen.

Unschlüssig drehte sich Julian nach dem Hotel mit seinen Markisen, Balkonen und altmodischen Vordächern um. Dann blickte er zum See. Für morgen, Sonntag, war Regen vorausgesagt, übermorgen mußten sie abreisen. Es war seine letzte Chance.

Das dicke Kind lief schwerfüßig über den Weg und bückte sich nach dem verbeulten Ball. Auf dem Boden lagen Zigarettenkippen, die Wurzeln einer Platane drangen wie braune Adern aus der Erde, eine Eidechse huschte davon und verschwand im Gras. Julian atmete den Geruch der Algen ein. Italien, dachte er; dann noch einmal: Italien. Er rückte seine Brille zurecht und wartete darauf, daß er irgend etwas empfand.

Aber dafür mußte er es fertigbringen, nicht an den Mann von der Kreditabteilung und die Schulden bei der Bank zu denken, nicht an Wöllner, nicht daran, daß er einen Beruf hatte, den er nicht mochte, nicht an Andreas Stimme, als sie ihm gesagt hatte, daß er nicht mehr anrufen sollte. Er wischte sich den Schweiß ab. Er hörte ein dumpfes Geräusch, dann rollte ihm langsam der Ball vor die Füße: gefleckt und schlecht aufgepumpt. Er blickte auf das Kind, das mit hängenden Schultern unterhalb des Weges stand. Dann auf den Ball. Dann ging er weiter.

Der Kies knirschte unter seinen Schuhen. Sein Vortrag. Alle würden ihn anblicken, und er würde aus den Augenwinkeln Wöllners Glatze sehen, die Stirn ungeduldig gerunzelt, und dann würde er Luft holen und auf ein Wunder warten, das nicht eintreffen würde, und die Stille würde sich ausdehnen, und fast würde er glauben, es schon hinter sich zu haben, um plötzlich zu erkennen, daß es noch nicht Erinnerung war, daß der Augenblick noch währte ... Er blieb stehen. Der Weg endete in einem lehmigen Platz am Ufer.

Kein Mensch war zu sehen. Auf dem Boden lagen ein schmutziges Handtuch, eine flachgetretene Blechdose, weggeworfene Zigaretten. Im Wasser, etwa zwanzig Meter vor ihm, hob und senkte sich eine Boje. Die Wellen rollten träge heran, zogen sich zurück, kamen wieder, zogen sich zurück. Julian zögerte. Dann begann er sich auszuziehen.

Ein Luftzug berührte kühl seinen Rücken, instinktiv zog er die Schultern zusammen. Sein Bauch und seine Brust waren bleich; er bemerkte es mit einem Gefühl von Scham und war froh, daß niemand ihn sah. Als er einen Moment lang nackt war, klopfte sein Herz, fast erwartete er, daß jemand auftauchen und ihn anstarren würde, aber schon war es vorbei, und er trug seine Badehose, und natürlich war niemand gekommen. Er faltete seine Kleider, legte sie vorsichtig auf den Boden und nahm die Brille ab.

Wie immer, wenn er das tat, lief ein Zittern durch die Welt, die scharfen Konturen zerliefen zu einem Nebel von Farben und unklaren Bewegungen. Plötzlich wäre er am liebsten wieder zurückgegangen, er hatte immer noch Zeit, ein paar Schlagworte aneinanderzureihen, neue Medien, nicht zu unterschätzende Bedeutung, mit der Zeit gehen, unterschiedliche Techniken der Kalkulation, zunehmende Bedeutung des Virtuellen, ganze Wirtschaftszweige neu entstanden, irgend etwas in dieser Art, es würde peinlich werden, er würde wohl stottern und ein paarmal von vorne beginnen müssen, Wöllner würde es übelnehmen, aber es würde doch besser sein als gar nichts! Er legte die Brille auf das Hemd und zog seine Schuhe aus. Es war nicht leicht, die Schleifen zu öffnen, wenn man sie nicht sah. Er schob seinen Zimmerschlüssel tief in den rechten Schuh.

Es fiel ihm schwer, barfuß zu gehen. Der Boden war sandig und nachgiebig, etwas stach in seine Ferse, er breitete die Arme aus, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er fühlte sich lächerlich. Dünn und bleich, nicht gewöhnt an die Nacktheit, halb blind. Wieder fiel ihm Wöllner ein, wieder der Mann von der Bank, Andreas heisere Stimme am Telefon. Er machte einen großen Schritt und spürte die Kälte des Wassers an den Knöcheln, den Waden, den Knien und – er hielt die Luft an – am ganzen Körper. Er ging in die Knie, streckte die Arme vor und stieß sich ab.

Sein Körper schnellte nach vorne. Er beugte den Kopf zurück, aus irgendeinem Grund kam es ihm wichtig vor, daß seine Haare trocken blieben; er schwamm mit gleichmäßig festen Bewegungen, schon wurde die Kälte erträglich. Eine grundlose Freude stieg in ihm auf, sinnlos und stark, nicht zu unterdrücken, fast hätte er laut gelacht. Das Wasser um ihn wurde dunkler und auch kälter. Aber das machte ihm nichts mehr aus, sein Körper hatte sich daran gewöhnt. Das Ufer war schon weit entfernt. Vielleicht täuschte er sich auch, seine Augen waren nicht mehr verläßlich. Aber war da nicht eine Boje gewesen?

Er legte sich auf den Rücken.

Der Schatten eines Vogels zog mit langsamen Flügelschlägen vorbei. Die Sonne blendete, er schloß die Augen. Und übermorgen mußte er wieder nach Hause, in den Regen und den Herbst, für nächste Woche hatte der Wetterbericht sogar den ersten Schnee angekündigt; auf einmal erschien ihm das kaum mehr vorstellbar. Er bewegte langsam die Füße, spürte, wie seine Hände auf dem Wasser lagen, die sanfte Kraft, die ihn trug und tragen würde ...

Was? Er rieb sich die Augen und blickte um sich. Worüber war er erschrocken? Das Ufer war kaum noch zu sehen, er mußte fast in der Mitte des Sees sein; er hatte nicht gemerkt, daß er so weit hinausgeschwommen war. Wie spät war es? Er wollte auf die Uhr sehen, aber dann fiel ihm ein, daß er sie im Hotelzimmer gelassen hatte. Er überlegte, kniff die Augen zusammen und schwamm los. Die Sonne stand bereits niedriger als vorhin, auch blendete sie stärker, er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war.

Das Ufer näherte sich nicht. Seine Schultern und Arme taten weh, in seinen Atem hatte sich ein pfeifender Ton gemischt. Hinter den Hügeln sah er einen spitzen Berg, der ihm noch nicht aufgefallen war; er blinzelte und konnte ihn schon nicht mehr finden. Der Schmerz in seinen Armen war stärker geworden. Er mußte langsamer schwimmen, er durfte keinen Krampf bekommen; ein Krampf, das hatte er gelesen, war gefährlich. Er strich sich die Haare aus dem Gesicht. Er hörte sich keuchen. Etwas griff nach seinem Fuß.

Aber es war nur eine kalte Strömung. Trotzdem kam er aus dem Rhythmus, das Wasser schlug über seine Augen, sein Atem ging hastig. Er schwamm mit aller Kraft und fühlte, daß etwas ihn festhielt. Das Ufer näherte sich nicht. Er machte hektische Bewegungen, schnappte nach Luft, schluckte Wasser und bekam einen Hustenanfall, spuckte. Und wieder spürte er den Griff nach seinen Beinen; er riß die Arme hoch, die Geräusche verstummten, kehrten wieder, verstummten, und er spürte, wie er sank.

Speere aus Licht, schräg in die Tiefe fallend. Ein grüner Schein, der in Dunkelheit überging. Ein Fisch schnellte vorbei. Ein Baumstamm, verästelt noch, aber schon halb aufgelöst, umspannt von dünnen Fasern.

Er riß sich los, kam wieder nach oben. Sog Luft ein, hustete, spuckte, und auf einmal war ihm klar, daß es um alles ging. Zum ersten Mal schien das Ufer näher gerückt. Er konnte gerade noch die Luft anhalten.

Ein Schwarm wirbelnder Flecken, Fische vielleicht oder auch Blätter, die geraden Lichtstrahlen, ein Würfel aus Metall, ein weggeworfener Kühlschrank, dessen Tür offenstand, überzogen mit Rost. Er kämpfte. Strampelte, als hielte ihn ein stärkerer Gegner fest; sehr weit über sich sah er die Wasseroberfläche, ein fernes Flimmern. Er strampelte, stieg oder sank, er wußte es nicht, schluckte Wasser, sein Herz bäumte sich auf, er schluckte mehr und stieg auf und streckte die Arme aus, und plötzlich begriff er, daß es die falsche Richtung war. Etwas berührte seinen Hals, weich und fast angenehm, der Arm einer Schlingpflanze, er wollte sie abstreifen, schlug danach, wollte schreien, aber das war nicht möglich, und mit einem Mal war alles umgefaltet: Der Himmel hing unter den in die Tiefe gekrümmten Umrissen der Berge, und er spürte, daß er aufstieg, dem Gras zu, dem sich zersetzenden Baumstamm, den langen Halmen, den Schlingpflanzen, dem Kühlschrank; ein Schwarm Fische änderte zuckend seine Richtung. Er fühlte noch die Taubheit, die durch seinen Körper rann ...

Dann nichts mehr.

Jemand fragte etwas, er antwortete. Er bewegte sich durch ein Labyrinth von Spiegeln, zu vielen davon, und aus jedem blickte sein Bild. Um ihn wuchsen Pflanzen, aufwuchernd und fett, die er noch nie gesehen hatte. Fragen in einer Sprache, die ihm bekannt vorkam, aus der er aber nicht übersetzen konnte, wie Musik oder reine Gedanken, er versuchte zu antworten, aber er verstand seine Antwort nicht, er versuchte es noch einmal. Und plötzlich begriff er.

Er öffnete die Augen.

Eine Ameise betastete einen Grashalm, auf dem ein Wassertropfen glitzerte. Sie kletterte hinauf, der Halm schwankte unter ihrem Gewicht, ein Windstoß ließ ihn zurückfedern. Wenn man den Tropfen scharf ins Auge faßte, wurde die Sonne darin rund und deutlich. Eine Biene flog auf; durch die Grashalme war das Blau des Himmels zu sehen. Die Biene flog an seinem Kopf vorbei, ihr Brummen kam ihm sehr laut vor; sie landete, verblaßte und löste sich in Luft auf. Plötzlich mußte er sich übergeben.

Wellen von Krämpfen schüttelten ihn, immer wieder und wieder. Dann war es vorbei, er wollte sich aufrichten, aber er war zu schwach, ein Schwindelanfall warf ihn von neuem zu Boden. Seine Knie fühlten sich weich und nachgiebig an, es dauerte lange, bis er auf die Füße kam. Dort drüben, kaum auszumachen ohne Brille, mußte das Hotel sein, darunter die Stelle, von der er losgeschwommen war. Er wußte noch, daß die Strömung ihn hinuntergezogen und daß er gekämpft und dann aufgehört hatte zu kämpfen; und da tauchten Bilder vor ihm auf, Bruchstücke von Erinnerungen, er wußte nicht, woher. Ein fast leeres Kaffeehaus, ein Raum voll tanzender Menschen, ein Eisenbahnwaggon in der Nacht, ein Schneesturm und eine ferne Küstenlinie. Aber vor allem: Wie war er ans Ufer gekommen?

Er hatte Kopfschmerzen. Sein Atem ging in kurzen Stößen, seine Brust war eingeschnürt. Die Halme wichen vor ihm zurück, Mücken tanzten in der Luft, ihm war, als ginge er durch einen Traum. Seine Hände und Knie zitterten, Steine schnitten in seine Fußsohlen. Aber dort, wo er sie vermutet hatte, lagen seine Kleider. Er bückte sich, von der Bewegung wurde ihm wieder schwindlig; er wartete, bis es vorbeiging. Er tastete nach der Brille, fand sie und setzte sie auf.