Der Fluch der bösen Tat - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Der englische Originaltitel dieses Krimis von Mignon G. Eberhart lautet ›Another Man’s Murder‹. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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Seitenzahl:212


Mignon G. Eberhart

Der Fluch der bösen Tat

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen

FISCHER Digital

Inhalt

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1

Die beiden langen Reihen australischer Föhren stachen wie schwarze Schildwachen vom Grün der Plantage und des Sees ab. Cayce bog mit dem Wagen in den Weg zwischen den Bäumen ein. Der Fahrweg war wie immer schlüpfrig von braunen Nadeln. Die Föhren hatten sich nicht verändert, sie waren nur dicker geworden. Als er aus dem Zwielicht der im Halbschatten liegenden Allee herauskam, hielt er vor dem Tor. Es war offen und hatte sich gesenkt, nur noch gehalten von einem verwitterten Strick. Cayce runzelte die Stirn, als er das sah. Durch die Lücken zwischen den Föhren bot sich ihm ein flüchtiger Blick auf die Plantage im Osten, die zwischen See und Fahrweg lag.

Der See selbst machte eine weite Bucht, an deren Rand das Haus gebettet lag. Von hier aus kam man am schnellsten mit dem Boot zu den Nachbarn, den Howards im Westen oder zu John Tyrons kleinem Haus, das sich auf der andern Seite seines Besitztums, Blanchards, in die Niederung einschmiegte. Auch der See, von dem er durch die Pflanzung ab und zu ein Blitzen erhaschen konnte, hatte sich in sechs Jahren nicht verändert.

Als er von Tampa herausfuhr, hatte Cayce das Gefühl, in einer unbekannten Gegend zu sein. Neue Städte waren da entstanden, wo er sich nur an Tankstationen, Postämter und Läden erinnern konnte. Die neuen Häuser wetteiferten in ihrem bunten Anstrich mit den Farben tiefvioletter Bougainvillea und korallenroten Geißblattes, die sich an den meisten von ihnen emporrankten. Überall sah man Fernsehantennen, alles war neu und modern. Erst als er einige alte Wahrzeichen von früher sah, wie die Kirche von Val Roja oder die grünen, glänzenden Felder der Plantagen, hatte er das Gefühl des Heimkommens. Cayce bog nun mit dem Wagen in den Fahrweg ein, der rund um das Haus lief.

Neben der Gruppe von Melaleucas hielt er an. Das Haus stand vor ihm, wohl lang und schön in seinen Linien, aber verwittert, schäbig und von wuchernden Weinreben verdeckt. Er verließ den Wagen und blickte umher.

Das Dach bedurfte der Reparatur; ein Rohr der Dachrinne drohte herunterzufallen; manche Läden hingen schief in rostigen Angeln. Die lange Veranda, die über die ganze Vorderseite des Hauses lief, wurde von der Bougainvillea völlig verdeckt, die in üppigen Girlanden darauf herunterhing. Ein Kamin war an der Ecke zerbröckelt. Cayce atmete tief auf, entschlossen, jede Erregung und jeden Ärger zu unterdrücken, der in ihm aufkommen mochte. Er wandte sich um und ging über den Rasen gegen den See zu.

Plantagen begrenzten die langen und unregelmäßigen Ufer des Sees, wo sich sein Besitztum und das von Howard entlang zogen. Weideland und Lebenseichen, wie gerade gegenüber in dem Anwesen von Burke, wechselten mit Niederungen und unregelmäßigen Buchten, die im Morast verliefen, ab. Cayce konnte das kleine Haus von John Tyron nicht sehen, da es in der Niederung stand. In Wirklichkeit gehörte dieser Boden zu seinem eigenen Lande. Sein Vater hätte es sicher gerne gesehen, daß er John besuchte, aber er konnte es nicht wagen, sich dafür Zeit zu nehmen.

In der näheren Umgebung gab es weitere Anzeichen von Vernachlässigung. Der einst grüne Rasen zeigte braune Flecken. Das eindrucksvolle Halbrund der Kamelien hatte seine Einheitlichkeit verloren, weil Pflanzen eingegangen und nicht ersetzt worden waren. Der Fahrweg, der vor dem Haus einen Kreis bildete, war jetzt ein holpriger, sandiger Pfad mit von Unkraut überwucherten Rändern. Überall wuchsen Reben und Gebüsch, wie grüne Arme, die versuchten, das Land in seinen ehemaligen primitiven Zustand zurückzureißen. Nur der See war der gleiche geblieben; aber sogar dort drangen auf der Vorderseite des Hauses Ried und Binsen vor, als ob sie versuchten, näher heranzukommen.

Die Plantagen um ihn herum bildeten überall glänzende grüne Vorhänge. Er schaute in die Richtung des alten Fischerstegs, aber er war hier den Bäumen zu nahe, der grüne Wall der Westpflanzung lag dazwischen. Er hätte gerne gewußt, ob der Steg noch stand. Was hatte der Richter wohl mit dem Geld gemacht?

Anscheinend hatte niemand seinen Wagen kommen hören; vielleicht war auch niemand zu Hause. Natürlich hatte er ein Risiko auf sich genommen, als er erwartete, daß der Richter daheim sei. Aber er würde ihn finden – in Val Roja, in Suncas City oder wo immer er auch sein mochte. Er wollte nur kurz mit ihm sprechen und am Abend nach New York zurückfliegen.

Es begann zu regnen. Cayce kannte die Gewitter in Florida. Er blickte flüchtig zu dem sanften, perlgrauen Himmel auf: der Regen würde nicht lange dauern.

Er wollte das Haus nicht von der Vorderseite aus betreten. Das wäre zu sehr wie Heimkommen gewesen. Deshalb ging er den Pfad an der Hausseite entlang auf das Studierzimmer und das Gutsbüro zu. Der Richter hatte von dem Studierzimmer Besitz ergriffen, wie er alles übernommen hatte, als ob es ihm gehörte. Das Gebüsch wuchs hier so dicht, daß Cayce sich auf dem Weg daran vorbeidrängen mußte. Ein dicker Regentropfen fiel auf seine Stirn.

Er kam zu der Glastür des Studierzimmers, die Lampe auf dem Schreibtisch brannte, ihr grüner Schirm leuchtete hell in dem dämmerigen Raum. Cayce liebte diese vertraute Stimmung ebensosehr wie das Haus, die Erde, die warme feuchte Luft und den besonderen Geruch seines eigenen Landes. Dann sah er auf dem Schreibtisch in dem Lichtkreis die plumpen Hände eines Mannes, die lässig mit einem Bleistift spielten. Das Gesicht des Richters verbarg sich im Dunkeln.

Es war erstickend heiß; Cayce fand den Kragen zu eng, seine nordischen Kleider zu schwer und drückend. Er schlüpfte aus seiner Jacke. Es raschelte leicht, als sich der erste Regenschauer auf das Laub neben ihm ergoß. Er öffnete die Windschutztüre.

Die Hände hielten plötzlich in ihrem Spiel inne, und er wußte, daß der Mann hinter der Lampe seinen Kopf mit einem Ruck gehoben hatte. Dann stand er halb auf und starrte Cayce über die grünbeschirmte Lampe hinweg an.

«Cayce – ja, aber Cayce! Das ist eine Überraschung!»

Die Windschutztüre schlug mit knarrendem Geräusch zu. «Du wünschtest mich zu sehen.»

«Gewiß, natürlich, mein lieber Junge», sagte der Richter. Seine honigsüße Stimme klang ein bißchen unsicher. Schwerfällig stand er auf und streckte die Hand aus. «Willkommen zu Hause.»

Da er nicht anders konnte, als ihm die Hand zu schütteln, ging Cayce zum Schreibtisch hinüber; des Richters Hand war feucht und schlaff. Rasch zogen beide die Hand zurück.

«Nimm Platz», sagte der Richter, «nimm Platz. Ja, es war eine lange Zeit.»

«Sechs Jahre», murmelte Cayce und setzte sich in den alten, lederbezogenen Lehnstuhl, der schon immer hier gestanden hatte; die kastanienbraune Farbe des Leders war nur ein bißchen verblichen und abgeblättert. Alles in dem Zimmer war ihm ungemein vertraut; es kam ihm vor, als ob die grünbeschirmte Lampe, die glänzenden dunklen Glastüren der Bücherschränke, ja die Seele des Hauses selbst durch starke Fäden mit ihm verbunden seien. Das Licht brach sich in einer Orange aus Kristall und Gold, die seinem Vater gehört hatte. Er wollte sie nicht betrachten und nicht dem Zug all dieser Fäden verfallen.

Er schaute auf den Richter, der ihn seinerseits vorsichtig betrachtete. Sie waren zwei Feinde, die ihre gegenseitige Stärke abzuschätzen versuchten. Der Richter hatte sich wenig verändert. Er war ein kräftiger Mann, gebückt und beleibt, aber groß; Hängebacken und ein weiches Kinn gaben seinem Gesicht etwas Schlaffes. Da er nahezu kahl war, stachen seine dichten rötlichen Augenbrauen stark hervor. In diesem dicken Gesicht fiel die seltsam feine Nase, fast eine Frauennase, besonders auf. Die Augen waren stechend und lagen tief in den Höhlen.

«Du hast nicht geschrieben», fuhr er fort.

«Ich erhielt deinen Brief und entschloß mich zu kommen.» Cayce zog seine Jacke aus und lockerte die Halsbinde. Dann lehnte er sich bequem in den Sessel zurück und kreuzte die Beine.

«Deshalb also … Es ist sehr heiß. Fängt wohl an zu regnen», bemerkte der Richter. Er streckte die Hand nach einer Silberklingel aus, die auf dem Schreibtisch lag.

«Etwas zu trinken?»

«Nein, danke. Ich muß nach Tampa zurück, von dort nach New York.»

Die roten Augenbrauen hoben sich. «Heute nacht?»

«Ja. Ich habe einen Beruf; aber das weißt du ja.»

Ein Schimmer der Erleichterung ging über des Richters Gesicht. «Natürlich, aber warum heute nacht? Es ist so lange her, daß du hier warst. Du wirst doch das Anwesen und Blanche und Roddy sehen wollen.»

Cayce schüttelte den Kopf. «Ich muß in einer halben Stunde aufbrechen.» Es war nutzlos, darauf zu warten, daß der Richter mit dem herausrückte, was er zu sagen hatte; wie ein schlauer alter Fischer wartete er auf seine Beute. Cayce tat den ersten Schritt und fragte: «Worum handelt es sich?»

Der Richter blinzelte. Er nahm den Bleistift wieder auf und betrachtete ihn. «Interesse – Zuneigung.» Er schien zu überlegen. «Es war Zeit, daß du einen Besuch zu Hause machtest», begann er schließlich.

Cayce, der den Richter nur zu gut kannte, merkte, daß er nach einer Ausflucht suchte. «Du meintest etwas ganz Bestimmtes, als du sagtest, du wünschtest mich zu sprechen. Was ist es?»

Wieder hob der Richter seine roten Augenbrauen. «Glaubst du nicht, du hättest mich wissen lassen sollen, wo du die ganze Zeit warst?»

«Du wußtest es. Dein Brief war an mich adressiert.»

«Aber du hast es mir nicht gesagt, Cayce.»

Neugier ergriff Cayce. «Wie hast du meine Adresse erfahren?»

Der Richter lächelte und faltete seine schlaffen, aber dabei so habgierigen Hände ineinander. «Nicht von dir», sagte er mit einem traurigen Vorwurf in der Stimme. «Du hast mich sehr schlecht behandelt, Cayce. Mich und deine Tante Blanche. Bist ohne ein Wort von hier fortgegangen in jener Nacht vor sechs Jahren. Und niemals mehr hörten wir von dir seit damals. Du schriebst auch nicht an John. Du übernahmst doch deines Vaters Besitztum zusammen mit John. Er brauchte dich, das wußtest du genau. Warum schriebst du nicht einmal an Midge? Sie fühlte sich sehr verletzt.»

«Sie war mit Roddy verlobt …» Cayce fühlte sich wider Willen in der Defensive. Er nahm sich zusammen und sagte: «Ich vermute, du bekamst meine Adresse von der Armee.»

Auf des Richters Gesicht stand noch immer das Lächeln, als ob ein boshafter Geist es dorthin gemalt hätte. «Ich bin dein nächster Verwandter. Blanche und …» Er runzelte die Stirn. «Mein lieber Junge, du hast noch nicht einmal nach ihr gefragt.»

Blanche und der Richter, Schwester und Bruder, waren für Cayce wie zwei Teile ein und derselben Person. Er sagte steif:

«Ich bin überzeugt, daß es ihr gut geht.»

Der Richter schüttelte den Kopf. «Wie hart du bist, Cayce!»

Cayce verkrampfte die Hände auf den abgeschabten Armlehnen des Ledersessels und dachte: damals war ich ein Knabe und allein; nichts, was der Richter jetzt sagen kann, wird mich berühren. Aber was der Richter zu tun versäumt hatte oder was er tat, hatte die Macht zu verwunden. Laut fragte er: «Wie steht es um die Orangenhaine?»

Das Lächeln auf des Richters Gesicht wurde ein bißchen weniger blasiert. «Oh, weißt du, die Dinge stehen für uns nicht so günstig.»

Der lange Körper von Cayce straffte sich. «Nicht günstig? Warum? Das ganze Land ringsum sieht aus, als ob es einen großen Aufschwung erfahren hätte. All die neuen Gebäude, die neuen Straßen, die jungen Anpflanzungen …»

«Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Für einen alten Mann wie mich ist es hart gewesen. Du bist von zu Hause weggegangen, als du das Alter erreicht hattest, wo du eine Hilfe hättest sein können.»

Darin lag etwas Wahres. «Ich konnte nicht hier bleiben», erwiderte Cayce ohne rechte Überzeugung.

Zu seiner Überraschung stimmte der Richter sanft zu. «Ich verstehe, daß du deinen eigenen Weg gehen mußtest. Du liebst deinen Beruf anscheinend. Ich werde nicht von dir verlangen, ihn aufzugeben; aber dies hier ist dein Heim. Blanche und ich taten alles, was wir für dich tun konnten. Dein Vater ließ dich in unserer Obhut. Wir taten unser Bestes. Du liebtest uns nie, keinen von uns. Nie empfandest du Achtung vor uns, noch schenktest du uns Vertrauen, stets warst du empfindlich und widerspenstig …»

Cayce hatte dies zu oft in seiner Jugend gehört. Er lenkte ab: «Ist Zack noch hier?»

Zack war der Inspektor der Plantage, seit sein Vater sie gekauft hatte. Er war dabei gewesen, als das Haus gebaut wurde und die junge Frau ins Haus kam.

«Wie viele Leute hast du auf der Plantage?»

«Zwei.»

«Zwei! Ein Besitz wie dieser braucht mindestens fünf.»

«Die Löhne sind hoch. Darüber weißt du nicht Bescheid. Die Ausgaben sind alle hoch. Ich kann nur mein Bestes tun.»

Der Regen prasselte jetzt hart auf das Haus, auf die Pflanzungen und auf den See. Wie gut konnte sich Cayce an das Geräusch des Regens erinnern! Es klang wie schnelles Trommeln. Bald würde es nachlassen, dann leicht und plätschernd werden und unvermutet aufhören; die Sonne würde wieder scheinen.

«Aber die Einnahmen aus den Plantagen müssen sich doch auf einer gleichmäßigen Höhe halten», sagte er.

Der Richter lehnte sich in seinem Stuhl zurück, dem Stuhl, der dem Vater von Cayce gehört hatte. «Es ist nicht, wie du denkst. Wir haben Sorgen hier. Frost, Insektenschäden, Brand … deine Haltung gefällt mir nicht, Cayce. Ich habe hart gearbeitet, und zwar ohne die Hilfe, die ich von dir hätte erwarten dürfen.»

Die Wahrheit in diesen Worten traf Cayce; aber gleichzeitig wuchs sein Unbehagen. «Die Preise waren hoch. Die Orangenernten waren gut. Was hast du mit dem Geld gemacht?»

Einen langen Augenblick betrachtete ihn der Richter, er lächelte nicht dabei. Statt die Frage zu beantworten, sagte er plötzlich: «Sicherlich kannst du ein paar Tage bleiben. Nur ein paar Tage. Dann magst du zurückgehen.»

«Warum?»

Wieder überlegte der Richter lange. «Vielleicht brauche ich dich.»

«Du hast doch Roddy.»

«Immer noch eifersüchtig auf Roddy?»

«Ist das alles, was du mir sagen wolltest?»

In dem Gesicht des Richters zeigte sich, fast nicht wahrnehmbar, ein kurzes Unbehagen. Er stand auf, als ob er den prüfenden Blick von Cayce fühlte. Die Hände auf dem Schreibtisch ausgespreizt, zog er sich hoch. Diese Bewegung brachte sein Gesicht in den Bereich des grünen Lichtes.

Der Regen ließ nach. Das dumpfe Rollen von Millionen kleiner Trommeln zog nach Osten ab.

Es fiel dem Richter nicht leicht zu sprechen. «Du bist mißtrauisch, und du warst es immer, Cayce. Ein schwieriges Kind. Ich dachte, diese sechs Jahre, dein Leben in der Armee und dein Beruf, den du dir errungen hast, hätten dich vielleicht geändert. Ich bitte dich, nur für – für ein paar Tage zu bleiben. Es ist eine – eine rein freundschaftliche Anregung.»

Cayce schüttelte den Kopf. «Ich will dir nur eines sagen, dann gehe ich.» Der Regen hatte sich zu einem sanften Plätschern abgeschwächt, und Cayces Stimme hallte durch den düsteren Raum.

«Du verwaltest diesen Besitz schlecht. Wenn du die Plantagen so vernachlässigt hast, wie du es mit dem Rest des Anwesens getan hast …»

«Nun», sagte der Richter, «was würdest du damit machen?»

Er konnte natürlich gar nichts tun. Cayce hob seine Jacke auf. Der Richter gab sich einen Ruck, als sähe er, zum erstenmal in all diesen Jahren, seine Befehlsgewalt über Cayce in Frage gestellt.

«Ich kann gar nichts tun», stöhnte Cayce. «Aber was fängst du mit dem Geld von den Plantagen an? Wo geht es hin? Warum hast du kein Geld für die Pflanzungen ausgegeben?»

«So …» sagte der Richter, «so! Dein Vater tat recht daran, alle Verantwortung in meine Hände zu legen. Du bist unvernünftig und unpraktisch. Du tadelst jeden, nur dich selbst nicht. Dein Vater kannte dich besser, als Blanche und ich dich je gekannt haben. Es ist wirklich gut, daß er nicht lange genug gelebt hat, um zu sehen, was für ein Mann sein Sohn geworden ist.»

«Wir wollen meinen Vater aus dem Spiel lassen.» Der ruhige Klang seiner Stimme überraschte ihn selbst. All die nutzlose Wut seiner Knabenzeit, in der er hilflos überlegt hatte, was er als Mann tun würde, schien sich in ihm anzusammeln; und doch, jetzt fühlte er keinen Ärger mehr.

Die Finger des Richters klopften auf den Schreibtisch. «Ich sehe, daß meine Idee, dich um dein Kommen zu bitten, fehl am Platze war.»

Eine Sekunde lang glaubte Cayce aus des Richters Stimme Aufrichtigkeit zu hören. Sofort aber erkannte er, daß er sich getäuscht hatte. Beinahe wäre er auf den plumpen Trick hereingefallen. Er antwortete nun wieder ruhig: «Solange du hier bist, werde ich nicht zurückkommen.»

Ganz unerwartet trieb eine hysterische Wut dem Richter das Blut ins Gesicht. Er packte die Kristallorange und schlug sie auf den Schreibtisch. «Wenn ich tot bin, wirst du zurückkommen! Das hast du oft genug gesagt; wenn ich tot bin, wirst du zurückkommen!»

«Ja», sagte Cayce. «Wenn du tot bist, komme ich zurück, vorher nicht.»

Er ging zur Tür hinaus, und die Regentropfen fielen von den Azaleen, als er an ihnen vorbeieilte. Alles war schiefgegangen. Er hatte doch den Richter zu klaren Angaben über die Plantagen und die Verwaltung des ganzen Besitztums zwingen wollen. Statt dessen ließ er ihn ausweichen, indirekt antworten und seine Angriffe von früher wiederholen.

Cayce stieg in seinen Wagen, wendete und fuhr in den langen Föhrenweg hinein. Als er dessen Ende erreicht hatte, hielt er an.

Der Weg, der zu seinem Haus im Osten und zu dem Anwesen von Howard im Westen führte, endete plötzlich vor einer Schranke von großen Hibiskusbeeten, deren rote Blüten wie ein Teppich leuchteten. In früheren Zeiten lief hier, parallel zu den Grenzen seiner Plantage, ein Pfad, der sich der Biegung des Sees bis zum alten Fischersteg entlangwand. Durch sein Gespräch mit dem Richter hatte er gar nichts erreicht; er hätte genausogut in New York bleiben können. Wenn er diesem Pfad folgte, konnte er wenigstens einen kurzen Blick auf die Plantagen werfen.

Er stieg aus dem Wagen, fand bald die Lücke in der Hecke, und da war auch der alte Pfad, halb überwachsen zwar, aber doch noch sichtbar. Die Bäume zu seiner Rechten standen in ordentlichen Reihen, ihr nasses, glänzendes Blattwerk war besät mit leuchtenden Orangenfrüchten. Doch gleich wußte er, daß seine Besorgnis nur zu sehr berechtigt war. Diese Pflanzung und sicherlich auch der Rest der zweihundert und mehr Morgen von Orangenhainen sah genauso verwahrlost und vernachlässigt aus wie das Gebäude. Haus und Hof konnten wieder in Ordnung gebracht werden, die Pflanzung aber durfte nicht lange sich selbst überlassen bleiben, sonst ging sie für immer verloren.

Plötzlich stand er am See. Flach und bleiern im Widerschein des grauen Himmels lag er da. Der Pfad, hier mit zähem, steifem Gras überwachsen, wand sich zwischen den Plantagen und dem Schilfrohr und den Binsen am See hindurch. Hier ragte der alte Fischersteg in den See hinaus.

Ein Mädchen stand auf dem Steg. Sie trug Blue Jeans und ein weißes Hemd; in der Hand hielt sie eine Angelgerte. Er hielt sie für Midge und beobachtete, wie sie einen Fisch herauszog. Er stand nahe genug, um zu sehen, wie es sie schauderte, bevor sie sich dazu entschloß, den Fisch von der Angel zu nehmen und in den See zurückzuwerfen. Sie hatte also einen Katzenwels gefangen, und nun wußte er, daß es Dodie war und nicht Midge.

2

Cayce schaute auf die Uhr. Es war erst ein Viertel nach vier. Das Gespräch mit dem Richter hatte nicht so lange gedauert, wie er gemeint hatte. Es blieb ihm genügend Zeit, mehr als er brauchte, um zum Flughafen zurückzukommen. Langsam ging er den Pfad entlang zum Fischersteg. Zwei Boote waren an dessen Ostseite festgemacht, eins mit Außenbordmotor und ein Ruderboot. Also fährt der Richter noch immer gern zum Fischen auf den See hinaus, dachte Cayce. Eine Menge Wasserhyazinthen schwammen auf der Oberfläche. Als er den Steg betrat, klapperten die verwitterten Bretter, und Dodie drehte sich um.

Sie starrte ihn über den Steg hinweg an. Ihr braunes Gesicht und ihr kurzes lockiges Haar stachen gegen das Grau des Wassers ab. Das weiße Hemd stand am Hals offen, die blauen Hosen waren so verwaschen und abgetragen, daß sie fast weiß schienen. Er glaubte sogar auf die Entfernung das tiefe Blau ihrer Augen sehen zu können. Sie ließ die Angel fallen und rannte auf ihn zu.

«Cayce!»

Nun rannte auch er, der alte Steg wackelte und zitterte. Als er sie erreichte, zog er sie fest in die Arme. Einen Augenblick später machte sie sich frei, legte ihm die Hände auf die Schultern und blickte ihn an.

Sie ist schön, dachte er mit einem leichten Schock. Kleine Dodie, sie war nun erwachsen nach diesen sechs Jahren.

Völlig überrascht fragte sie: «Was ist los?»

«Du bist so hübsch, Dodie», murmelte er.

Sie lachte. «Warum hast du uns nicht gesagt, daß du kommst?»

Er antwortete nicht, weil er noch immer betroffen war von ihrer Schönheit, als sie so unerwartet vor ihm stand. «Ich wußte, daß du es warst», sagte er. «Zuerst dachte ich, es sei Midge, aber dann, als du den Katzenwels vom Haken nahmst, wußte ich, daß du es warst.»

«Cayce, bist du heimgekommen, um nun dazubleiben?»

«Nein. Ich muß noch heute nacht nach New York zurück.»

«Heute nacht!»

«Mit dem Sechsuhrflugzeug. Ich kam schon heute morgen hier an.»

Ihr braunes Gesicht mit dem festen Kinn, der hohen Stirn und den geraden dunklen Augenbrauen war plötzlich ernüchtert. «Warum?»

«Der Richter schickte nach mir. Er schrieb mir einen Brief, daß er mich sprechen wolle. Ich dachte, ich wollte es gleich erledigen.»

«Oh», sagte Dodie, und ihre Hände fielen von seiner Schulter.

Der See hatte eine fast unmerkliche Strömung, die den Teppich der verschlungenen Wasserhyazinthen leise bewegte, so daß es aussah, als ob er atmete.

Cayce wünschte, er könnte bleiben. Von hier aus überblickte man den ganzen unregelmäßigen Schwung der langen Uferlinie. Die winzigen Buchten waren von Schilfrohr und Strauchwerk verborgen; er kannte sie alle, hatte sie alle durchforscht. Seine eigene Plantage schnitt ihm den Ausblick auf das Anwesen von Howard, von Dodies Heim, ab. Er drehte sich um und betrachtete sein Haus. Die Entfernung, wenn sie auch gering war, verschleierte die offensichtliche Verwahrlosung; die grauen Büschel von spanischem Moos, die von den Lebenseichen hingen, bildeten einen silbernen Vorhang. Unbewußt prägte er sich das Haus, diesen Augenblick, ja das ganze Besitztum in das Gedächtnis ein, als ob er alles mitnehmen könnte. Der Regen hatte die Farben lebhafter werden lassen; die Bougainvillea trugen noch tiefer violette Büschel. Die Azaleen waren flammend rosa. Irgendwo blühte ein Jasmin; sein süßer Wohlgeruch wehte zu ihm her und mischte sich mit dem modrigen Fischgeruch des Sees. All das war Heimat.

Dodie hatte ihn beobachtet. «Du gehst nicht gerne nach New York zurück.»

«Ich hasse es. Ich habe mir immer gewünscht, heimzukommen.»

«Du verrietest uns nicht, wo du warst», sagte sie ruhig. In ihren Worten lag kein Vorwurf, nur leise Traurigkeit.

Er schaute vom Haus weg und in Dodies Augen. «Ich brachte es nicht fertig», gestand er, «und als ich es dann konnte, war es – ich weiß nicht recht – dann war es zu spät.»

«Das ist nicht der einzige Grund.»

«Ich war so jung, Dodie. Ich wollte einen glatten Bruch haben und alles hinter mir lassen. Wenn ich mir aus eigener Kraft ein neues Leben aufgebaut habe, dann kann ich eines Tages zurückkommen.»

«Du meinst, wenn dein Onkel tot ist?»

«Ja», bekannte Cayce schlicht. «Ich kann hier nicht leben, solange er da ist, Dodie. Und ich kann ihn nicht hinauswerfen. Für mich gibt es keinen andern Weg.»

«O doch», widersprach Dodie, «es gibt einen Weg.»

Er wußte, was sie meinte. «Nein, das geht nicht. Es sind zu viele. Ich kann nicht mit allen kämpfen. Der Richter, Tante Blanche und Roddy.»

Ihre blauen Augen waren so dunkel und so voll Beschwörungskraft, daß er von ihr wegschaute, um in seinem Entschluß nicht wankend gemacht zu werden. Drunten am Ostende des Sees konnte er das Dach von John Tyrons kleinem Haus sehen; der übrige Teil lag unter Gebüsch und Bäumen verborgen. Ein Boot war an der winzigen Terrasse festgemacht, die John als Landesteg benutzte. Dodie drehte sich von ihm weg und ging zu der Angelrute. Sie berührte sie mit der Spitze ihres blauen Stoffschuhs und sagte über ihre Schulter: «Ich dachte immer, du seiest wegen Midge und Roddy weggegangen.»

Er ließ seine Gedanken in die Zeit zurückwandern, als er – neunzehn Jahre alt und mit nichts als vierzig Dollar in der Tasche – sein Heim verlassen hatte. Mordgedanken waren damals in seinem Herzen gewesen. Langsam sagte er: «Das war es nur teilweise. Hauptsächlich war es die Lage der Dinge in Blanchards.»

«Es ist dein Heim. Es gehört dir!»

«Es war nie ein Heim für mich, nachdem mein Vater weggegangen und gestorben war.»

«Jetzt aber ist es dein Heim.» Sie wandte ihm ihr Gesicht zu. «Du liebst es, Cayce. Geh nicht zurück nach New York.»

Er versuchte sorglos zu sprechen. «Wenn ich morgen nicht im Büro aufkreuze, habe ich wahrscheinlich meine Stelle verloren.»

Dodie trat so nahe zu ihm, daß er das leise Klopfen ihres Pulses an der Schläfe sehen konnte. Er hatte ein seltsames Verlangen, ihre braunen Wangen zu berühren und seine Hand auf ihre dunklen Locken zu legen.

Sie fragte: «Was wollte der Richter? Warum mußtest du herkommen? Bat er dich, zu Hause zu bleiben?»

«Ja, aber er meinte es nicht so.»

Dodie runzelte die Stirne, ihre blauen Augen blickten beunruhigt. «Vielleicht meinte er es wirklich, Cayce.»

«Der Richter!» Er lachte. «Wenn er es wirklich so meinte, hatte er einen Grund dafür, und der wäre für mich bestimmt nicht von Vorteil gewesen.»

«Du hattest Streit mit ihm.»

«Ja. Ich konnte es nicht verhindern, obwohl ich nicht vorsätzlich mit ihm streiten wollte. Er sagte, ich kümmerte mich um nichts. Natürlich ist nicht viel dabei herausgekommen.»